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https://de.wikipedia.org/wiki/Briefumschlag
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Briefumschlag
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Ein Briefumschlag (auch: Kuvert oder in der Schweiz Couvert, veraltet Enveloppe) ist die Versandverpackung eines Briefes.
Geschichte
Ursprünglich wurden Briefe nicht in separaten Briefhüllen verpackt, sondern lediglich durch Umfalten oder Aufrollen und Versiegeln vor unberechtigtem Zugriff geschützt. Oft wurden Sendungen als Faltbriefe verschickt, da Papier ein kostbarer Rohstoff war.
Die Technik des Letterlockings war eine Methode, die Nachrichten vor fremden Blicken zu schützen. Sie erzeugte durch geschicktes Bearbeiten des Papiers wie Falten, Schneiden, Fädeln und abschließendes Befestigen mit Siegelwachs ein Schloss (englisch lock). So wurde es unmöglich, den Brief zu öffnen und zu lesen, ohne ihn zu zerstören.
Später wurde dies, im Gegensatz zu fertig konfektionierten Umschlägen zum Einstecken und Verschließen des Schreibens, vergleichsweise unwirtschaftlich. Im heutigen postalischen Schriftverkehr werden fast ausschließlich Briefumschläge zum Schutz der Inhalte verwendet, mit Ausnahme von Postwurfsendungen.
Briefumschläge wurden erstmals 1820 von dem Buch- und Papierwarenhändler S. K. Brewer in Brighton verkauft. Er schnitt die Umschläge mit Hilfe von Blechschablonen zurecht. Infolge des rasch wachsenden Bedarfs vergab Brewer 1835 an die Londoner Firma Dobbs & Comp. den Auftrag zur Herstellung von Briefumschlägen als Massenartikel. Die erste Maschine zur Herstellung von Briefumschlägen stammt von E. Hill und W. De La Rue, London, aus dem Jahr 1844.
Material
Briefumschlagpapier muss undurchsichtig (mit Ausnahme des Fensters), beschreibbar, bedruckbar und faltfest sein. Es wird holzfrei und holzhaltig, einseitig glatt oder satiniert, weiß und farbig hergestellt. Aber auch Recyclingpapier mit dem „Blauen Engel“ findet Verwendung. Neuerdings werden für Briefumschläge verstärkt FSC- oder PEFC-Papiere eingesetzt, deren Zellstoff aus nachhaltiger Forstwirtschaft stammt. FSC-Umschläge tragen teilweise das Logo des WWF-Pandabären. Es gibt auch Umschläge aus Kunststofffasern, aus transparenter oder transluzenter Folie sowie solche aus Papyrolin, einem fadenverstärkten Material.
Fast alle Briefumschläge besitzen als Verschluss an der Umschlaginnenseite eine Gummierung oder zwei Haftklebestreifen. Bei manchen Briefumschlägen ist im Adressbereich ein Sichtfenster aus Pergamin oder durchsichtigem Kunststoff eingeklebt. Auch die Seitenränder des Briefpapiers werden mit Klebstoffen zusammengehalten.
Produktion
Zunächst wird ausgehend von der Papierrolle der Innen- und Außendruck des Umschlages im Flexodruckverfahren aufgebracht. Danach wird die Umschlagsilhouette ausgestanzt, dann erfolgt die Fensterung, und die Fensterfolie wird eingeklebt. Danach werden die Seitenklappen- und die Verschlussklappengummierung aufgebracht. Nach dem Trocknen der Verschlussklappe werden die Umschläge verpackt und anschließend die fertigen Kartons mittels Robotern auf Paletten verpackt.
Moderne Briefumschlagmaschinen produzieren bis zu 1.600 Umschläge pro Minute oder fast 100.000 pro Stunde. Derartige Anlagen kosten mehr als zwei Millionen Euro. Wichtigste Hersteller der Maschinen sind die Firmen Winkler+Dünnebier in Neuwied sowie die Firma F.L. Smithe in den Vereinigten Staaten; beide Unternehmen gehören zu Barry-Wehmiller Companies (USA).
Recycling
Papierbriefumschläge können problemlos recycelt werden. Das verwendete Altpapier dient als Rohstoff für neues Recyclingpapier. Die eingesetzten Fensterfolien bestehen aus Pergamin oder Polystyrol. Sie werden beim Deinking (Entfärben) des Altpapiers ausgesondert und anschließend ebenfalls recycelt oder in den Kraftwerken der Papierfabriken verbrannt. Besser ist es jedoch, das Fenster vorm Entsorgen herauszutrennen und in der Wertstofftonne zu entsorgen, da nur so der angestrebte Monostoffstrom erreicht werden kann und das Recycling gesichert ist.
Größen
Briefumschläge sind überwiegend in Standardgrößen erhältlich. Sie sind definiert in ISO 269 und DIN 678 weitgehend anhand der Serie C aus DIN 476-2 bzw. ISO 217 und der Serie B aus DIN EN ISO 216 bzw. ehemals DIN 476-1. Als Inhalt für C-Umschläge sind A-Formate derselben Nummer und für B-Umschläge die entsprechenden C-Formate vorgesehen, wobei die Blätter durch ggf. mehrmaliges Falten in der Mitte der längeren Seite auf das nächstkleinere Format derselben Serie gebracht werden können.
Standardbriefumschläge besitzen daher ebenfalls überwiegend das übliche Seitenverhältnis von √2:1.
Davon abweichend gibt es zwei Formate mit einem Seitenverhältnis von 2:1 für anders gefaltete Seiten.
Für das Format C6/C5 wird die Breite eines Formats (C6) mit der Länge des nächstgrößeren Formats (C5) kombiniert.
Die unsystematische Größe des Formats DL, umgangssprachlich „DIN lang“, die auf das Falzformat für Geschäftsbriefe nach DIN 5008 (und ehemals DIN 676) von 210 mm × 105 mm abgestimmt ist, passt (ohne Sichtfenster) aber ebenso zu ⅓ A4 mit 210 mm × 99 mm.
Die Handelsbezeichnung „DL+“ oder „DIN lang plus“ sowie „C6/5“ für C6/C5 entsprechen nicht der Norm und auch eine Größe „C5/C6“ oder „C5/6“ gibt es darin nicht.
Daneben ist einzig das Format der größten Standardbriefhülle E4, die in etwa mittig zwischen B4 und A3 liegt, nicht in anderen DIN- oder ISO-Normen enthalten.
Briefumschläge im Format C4 werden nicht nur im Querformat, sondern auch im Hochformat hergestellt und haben dann ggf. ein Sichtfenster, das zum Adressfeld ungefalteter Geschäftsbriefe nach DIN 5008 auf A4-Papier passt.
Die Formate C0 bis C3 und C7 bis C10 aus DIN 476-2 sind nicht in DIN 678-1 übernommen worden, aber vereinzelt werden zumindest Umschläge im Format C3 angeboten.
Für Geschäftsbriefe auf dem Papierformat A4 sind in Deutschland die Umschlagformate DIN lang (DL) bei manueller Befüllung, C6/C5 bei maschineller Befüllung und C4 am weitesten verbreitet. Das Format C6/C5 ist das in Deutschland mit Abstand am häufigsten verwendete Format und wird nach DIN 678-2 neben C4, C5 und C6 als Kuvertierhülle für die automatische Kuvertierung eingesetzt.
Privatpost wird auch häufig in Umschlägen vom Format C6 verschickt, in das Gruß- und Postkarten vom Format A6 passen. Großes und schweres Füllgut wird häufig in Faltentaschen aus Kraftpapier mit Seitenfalten und Klotzboden in den Formaten B5 bis E4 verschickt (Versandbeutel).
Nichtstandardisierte Umschläge gibt es bspw. für Grußkarten, die u. a. quadratisch sein können.
Damit liegt einzig die Größe E4 zwingend außerhalb der für Briefpost definierten Grenzen und muss entsprechend als Päckchen oder Paket verschickt werden. Die Maximalgröße für Großbrief und Maxibrief entspricht exakt dem Format B4.
Größe und Position der Fenster
Für Abmessungen von Fensterbriefhüllen gibt es mehrere unterschiedliche Standards.
Deutschland
Aus DIN 680 ergeben sich je nach Format unterschiedliche Abstände des Sichtfensters vom oberen Rand, sodass ein Briefbogen nach DIN 5008 exakt gefaltet werden muss, um das Adressfeld im Sichtfenster zu platzieren:
Bei größeren Versandtaschen gibt es zwei Formen A und B entsprechend der Briefköpfe für Geschäftsbriefe Form A und B nach DIN 5008, da die Lage des Adressfeldes sich hier nicht mehr über die Faltung des Briefes anpassen lässt. Bei C5-Briefhüllen ist das Fenster ebenfalls 45 mm × 90 mm groß und 20 mm vom linken Rand entfernt, vom unteren bei Form A 77 mm und bei Form B 60 mm. Bei C4-Briefhüllen ist das Spiel des Briefes im Umschlag besonders in Richtung der längeren Kante wesentlich größer, so dass das Fenster größer sein muss. Es ist 55 mm × 90 mm groß und 20 mm vom linken Rand entfernt, vom oberen bei Form A 40 mm und bei Form B 57 mm.
Schweiz
In der Schweiz gibt es ebenfalls Vorgaben der Post zur Briefgestaltung und der Platzierung des Adressfelds.
Großbritannien
Der britische Standard BS 4264 definiert für das Format DL ein 39 mm hohes und 93 mm breites Sichtfenster, das 53 mm vom oberen Rand und 20 mm vom linken Rand entfernt ist.
Aufschrift
Die Deutsche Post erwartet die Aufschrift parallel zur längeren Seite des Sichtfensters beziehungsweise des Umschlags, die Frankierung in einem 40 mm hohen und 74 mm breiten Feld rechts oben, die Anschrift des Absenders im 40 mm hohen Streifen links daneben sowie die Anschrift des Adressaten im restlichen Bereich mit mindestens 15 mm Abstand zum Außenrand. Im Bereich unterhalb der Anschrift wird der Zielcode aufgedruckt.
Die Österreichische Post erwartet darüber hinaus, dass beim Format C5 der Bereich unterhalb der 74 mm breiten Frankierzone und bei größeren Formaten ein 74 mm hoher Bereich am unteren Rand freigehalten wird.
Royal Mail erwartet, dass in einem 70 mm hohen und 140 mm breiten Bereich rechts unten zwei Felder freigehalten werden und die Anschrift des Absenders auf der rückseitigen Verschlusslasche platziert wird.
Die Schweizerische Post sieht eine Vielzahl von Varianten vor.
Verwendung
Briefumschläge werden verschlossen, indem die ein wenig überlappende, übergeklappte offene Seite (kurz Lasche) mit dem Umschlag zusammengeklebt wird. Entweder kommt dabei trockener, wasserlöslicher Klebstoff zum Einsatz, der beim Verschließen befeuchtet wird, oder sie sind selbstklebend. Das blaue Leuchten beim Öffnen eines selbstklebenden Verschlusses nennt man Tribolumineszenz. Bei hochwertigen Umschlägen kommt häufig eine Haftklebung mit Abdeckstreifen zum Einsatz. Letztere werden vor allem für hochwertige geschäftliche Post verwendet. Üblich sind auch Muster im inneren des Umschlags, gelegentlich sogar mit Firmenlogo, um die Vertraulichkeit durch schlechtere Durchsichtigkeit sicherzustellen.
Name und Anschrift des Adressaten werden auf die Vorderseite des Kuverts geschrieben, die Angaben über den Absender herkömmlich auf die Rückseite oder links oben auf die Vorderseite.
Ebenfalls im geschäftlichen Bereich werden häufig Fensterkuverts eingesetzt, bei denen die Anschrift des Adressaten nicht auf den Umschlag geschrieben, sondern der Brief mit der Anschrift im Briefkopf so in den Umschlag gelegt wird, dass die Anschrift durch das Fenster sichtbar ist, beispielsweise nach DIN 5008. Für die unterschiedlichen Umschläge gibt es verschiedene Falzarten, damit die Adressen im Fenster sichtbar sind. Fensterkuverts tragen einen Aufdruck oder Stempel mit den Absenderangaben meistens entweder auf der Vorderseite oder über der Anschrift auf dem Briefbogen, sodass sie im Fenster sichtbar sind.
Markt
In Deutschland werden nach Angaben des Verbandes der Deutschen Briefumschlaghersteller (VDBF) derzeit (Stand 2019) pro Jahr noch etwa 13 Milliarden Briefumschläge, Versand- und Faltentaschen hergestellt. Weniger als 10 Milliarden Briefumschläge werden noch in Deutschland verkauft mit weiter sinkender Tendenz. Der Markt ist in den letzten 10 Jahren insgesamt stark gesunken, da zunehmend elektronische Medien den Briefumschlag für den Rechnungsversand ersetzen. Auch Werbebriefumschläge haben in den letzten Jahren stark an Bedeutung verloren. Großformatige Versand- und Faltentaschen konnten hingegen vom neuen Medium Internet eher profitieren.
In Europa werden jährlich (Stand 2019) noch ungefähr 46 Milliarden Umschläge verkauft, was einem Rückgang von fast 60 Prozent in 10 Jahren entspricht.
In Deutschland sind die beiden bedeutendsten Hersteller die Firmengruppe Mayer-Kuvert und Bong. Auf europäischer Ebene kommen noch Tompla (E), La Couronne (F), GPV (F), Österreichische Kuvertindustrie – ÖKI (AT), Nova Kuverta (SLO), Blasetti (I), ELCO (CH) und Goessler Kuverts (CH) hinzu, die zusammen insgesamt einen Marktanteil von ungefähr 90 Prozent repräsentieren.
Mehrfachumschläge
Eine Sonderform des Briefumschlages ist der im internen Briefverkehr zunehmend genutzte mehrfach verwendbare Hauspostumschlag.
Auf diesen Briefumschlägen findet man meistens eine Art Tabelle in die der Absender, das Datum und der Empfänger eingetragen werden.
Dazu kommen Löcher, die zu einer schnellen Sichtung dienen, ob sich Dokumente o. ä. im Umschlag befinden. Verschlossen werden sie vorwiegend mit einem Bindfadenverschluss.
Briefumschlag mit Aufrissschnur
Es werden auch Umschläge angeboten, die ein sauberes Öffnen des Briefes ohne Hilfsmittel erlauben und nicht wie herkömmliche Umschlage aufgeschnitten oder aufgerissen werden müssen. Ein Beispiel dafür ist im nebenstehenden Bild dargestellt. Dort ist der Umschlag an einer Kante an der „Daumengrifffläche“ perforiert. Durch Abreißen dieses kleinen Papierstückchens wird eine Aufrißschnur (engl. Pull-Tab) an der Kante herausgetrennt, welche damit den Briefumschlag öffnet. Diese Technik ist z. B. bei Zigarettenverpackungen mit Klarsichtfolien schon lange üblich.
Weblinks
Briefgrößen und -gewichte der Österreichischen Post AG
Einzelnachweise
Büromaterial
Briefwesen
Behälter aus Papier
Behälter nach Inhalt
Packmittel
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Q170124
| 369.077029 |
891529
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https://de.wikipedia.org/wiki/Lippe
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Lippe
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Die Lippe (lateinisch Labium und Labrum, auch Labium oris „Lippe des Mundes“) ist ein stets paarweise vorkommendes Organ am Mund des Menschen und vieler Tiere (dort oft als Lefze bezeichnet). Die beiden Lippen sind weich, wulstig und sehr beweglich und dienen primär der Nahrungsaufnahme und als Tastorgan für aufgenommene Gegenstände.
Anatomische Grundlagen der Lippe des Menschen
Man unterscheidet Ober- (Labium superius) und Unterlippe (Labium inferius), wobei die Unterlippe meist etwas größer ist. Die obere Grenzlinie des Lippenrots mit der geschwungenen Einbuchtung in der Mitte wird Amorbogen, auch Kupidobogen oder Lippenherz, genannt. Oft wird unter den Lippen fälschlich nur das Lippenrot verstanden. Die beiden Lippen begrenzen die Mundspalte.
An den Innenseiten beider Lippen gibt es eine kleine Schleimhautfalte zur Mundschleimhaut, das Lippenbändchen (Frenulum labii superioris bzw. inferioris). Die fleischige Grundlage der Lippen bildet der Musculus orbicularis oris, die Bewegungen der Lippen werden durch weitere Anteile der mimischen Muskulatur unterstützt. Zwischen Amorbogen und Nase liegt das Philtrum, eine vertikale Vertiefung in Form einer „Rinne“, die unterschiedlich tief ausgeprägt sein kann. Das Philtrum stößt am oberen Ende an den Nasensteg (lat. Columella „Säulchen“) und bildet mit diesem den nasolabialen Winkel, der eine durchschnittliche Weite von 90–95 Grad bei Männern und 100–105 Grad bei Frauen aufweist.
Die Haut der Lippe ist beim Menschen mit drei bis fünf Zellschichten im Vergleich zu den bis zu 16 Zellschichten der übrigen Gesichtshaut sehr dünn. Bei heller Hautfarbe enthält die Lippenhaut keine Melanozyten (Pigment-Zellen, die die Haut dunkel färben). Dadurch scheint das Blut der darunter liegenden Blutgefäße stärker hindurch als bei der restlichen Gesichtshaut und führt zu einer deutlichen Rotfärbung der Lippen. Bei dunklerer Hautfarbe ist dieser Effekt weniger deutlich, denn hier ist auch die Lippenhaut mit Melanin durchsetzt und dadurch optisch dichter.
Die Lippenhaut ist nicht behaart und verfügt auch nicht über Schweiß- und nur vereinzelt über Talgdrüsen. Somit besitzt sie auch nicht den für die übrige Körperhaut des Menschen üblichen Hydro-Lipid-Film, eine Schutzschicht aus Schweiß und Talg, der die Haut geschmeidig hält und Krankheitserreger abtötet. Die Lippenhaut trocknet deshalb schneller aus und wird leichter spröde.
Die Blutversorgung erfolgt über die Arteria labialis inferior (Unterlippe) und Arteria labialis superior (Oberlippe), die beide aus der Gesichtsarterie entspringen.
Kompetente und inkompetente Lippen
Kieferorthopäden unterscheiden kompetente Lippen, die den Mund in entspanntem Zustand versiegeln, von inkompetenten Lippen, die im entspannten Zustand den Mund nicht oder nicht vollständig verschließen. Es wird vermutet, dass inkompetente Lippen negative Auswirkungen auf die Zahn- und Kiefergesundheit haben, da bei vielen Tätigkeiten – beispielsweise beim Kauen – überdurchschnittlich hohe Muskelanspannung nötig ist, um den Mund zu verschließen; einige speziellere Beispiele werden weiter unten beschrieben.
Funktionen der Lippe
Nahrungsaufnahme
Die Lippen sind durch ihre eigene Muskelgrundlage und angrenzende Muskeln des Gesichtes sehr beweglich und werden bei der Nahrungsaufnahme verwendet, um Speisen festzuhalten oder in den Mund hinein zu befördern. Zudem dienen die Lippen dazu, den Mund luftdicht zu verschließen und so Nahrung und Speichel im Inneren zu halten oder unerwünschte Objekte auszusperren. Durch Bilden eines schmalen Trichters mit den Lippen wird die Saugkraft des Mundes erhöht. Das ist unerlässlich bei der saugenden Nahrungsaufnahme – etwa beim Säugen – und bildet auch das Funktionsprinzip des Trinkhalms.
Eine inkompetente Unterlippe ist im Gegensatz zu einer kompetenten beim Kauen stets stark angespannt; einige Mediziner schließen, dass sich daraus negative Auswirkungen auf die Kaubewegung und damit auch auf die Kiefergesundheit ergeben könnten.
Lokale Betäubung zur Behandlung von Zähnen kann zeitverzögert vorübergehend zu Gefühllosigkeit und Funktionsschwäche der Lippen beim Ausspülen des Mundes mit Wasser führen.
Tastorgan
Die Lippe weist viele Nervenenden auf und reagiert als Teil des Tastsinns sehr empfindlich auf Berührungen, Wärme und Kälte. Sie ist daher für Kleinkinder ein wichtiges Hilfsmittel zur Untersuchung unbekannter Gegenstände. Die Vielfältigkeit der vermittelten Sinneseindrücke zeigt sich auch beim Küssen.
Lautbildung
Die Lippen dienen zur Bildung verschiedener Laute – hauptsächlich den labialen, bilabialen und labiodentalen Phonen – und bilden dadurch einen wichtigen Teil des Sprachapparates des Menschen. Auf der Lautbildung mit den Lippen baut das Lippenlesen auf, das Erkennen von gesprochener Sprache allein durch Beobachten der Lippenbewegungen des Sprechers. Darüber hinaus ermöglichen die Lippen das Pfeifen und das Spielen von Blasinstrumenten wie Trompete und Flöte.
Mimik
Beim mimischen Ausdruck von Gefühlen nehmen die Lippen als sichtbare Umrandung des Mundes eine herausragende Stellung ein. Die Abbildung eines Lippenpaares ohne Gesicht genügt in vielen Fällen, um den Gesichtsausdruck eines Menschen zu erraten: So sind etwa hochgezogene Mundwinkel meist ein Anzeichen für Freude, gerade oder herabgezogene Mundwinkel ein Anzeichen für Trauer. Diese Tatsache bildet die Grundlage einfacher Zeichnungen von Kleinkindern und Piktogrammen wie Smileys und Emoticons. Die ganze Bandbreite möglicher Gesichtsausdrücke allein durch die Lippenstellung wird deutlich in künstlerischen Formen wie Porträts und Comics und in psychologischen Untersuchungen von Emotionen und Körpersprache.
Gestik
Mit den Lippen, dem Mund sind im Zusammenspiel mit Fingern, Händen auch zahlreiche Gesten ausdrückbar:
Mit vertikal gehaltenem Zeigefinger und eventuell beigefügtem Mittelfinger, am eigenen Mund oder Mund des Gegenübers: Psst! Still sein, Schweigen.
Mit denselben zwei schräg am Mund zusammengehaltenen Fingern und einer axialen Drehbewegung im Unterarm: Zigarette Rauchen. (Variation Zigarre: Etwas mehr geöffneter Mund und etwas geöffnete Finger.)
Geschlossen gestreckte 4 Finger einer Hand vor ziemlich weit geöffnetem Mund: Gähnen, Fadesse.
Unterlippe mit Zeige- oder Mittelfinger wiederholt runterklappen: Verspielt.
Die Mundpartie, zumindest die Lippen mit gewölbter Hand verbergen: Scham, Verbergen von Gefühl.
Darstellen von Zähneputzen, Lippen eincremen, Daumenlutschen, Erbrechen, Oralverkehr.
Zeigen der Gefühle Angst oder Schüchternheit.
Handkuss am Handrücken, "Abschiedskuss zuwerfen".
Priester führen die große Hostie zu den Lippen.
Erogene Zone
Die Lippen bilden aufgrund ihrer hohen Nervendichte eine erogene Zone.
Schöne Lippen können die sexuelle Attraktivität eines Menschen steigern. Ob Lippen schön sind, ist neben einer symmetrischen Form und einem gesunden Aussehen insbesondere davon abhängig, wie voll sie sind: Je voller die Lippen, desto schöner werden sie von vielen empfunden. Eine Lippe ist umso voller, je größer ihr vertikaler Durchmesser ist.
Symbolische Bedeutung
Lippen werden oft als Symbol für Sinnlichkeit angesehen. Dies hat vielfältige Ursachen, unter anderem, dass sie als Tastorgane besonders empfindlich sind und sich angenehm weich anfühlen. Darüber hinaus sind sie ein Teil des Mundes und übernehmen so einige von dessen symbolischen Verbindungen (siehe z. B. orale Phase der Psychologie nach Sigmund Freud).
Veränderungen der Lippen
Eine der häufigsten Veränderungen der Lippen ist die Blaufärbung im Rahmen einer Zyanose: Das Blut enthält wenig Sauerstoff und hat dadurch eine dunkelrote bis blaue Farbe, die wiederum durch die dünne Haut hindurch scheint. Die Zyanose ist der Grund dafür, dass Leichname stets bläuliche Lippen haben. Bei Kälte kann eine Zyanose bereits bei leichter Unterkühlung auftreten, so dass insbesondere im Winter blasse oder bläuliche Lippen kein seltener Anblick sind.
Lippen können (vorübergehend) anschwellen. Die Ursachen dafür sind vielfältig und reichen von Verletzungen über unerwünschte Nebenwirkungen von Medikamenten bis hin zu Fehlstellungen der Zähne.
Erbliche Besonderheiten und Fehlbildungen
Die folgenden Merkmale kommen häufig vor oder sind besonders bekannt:
Die Habsburger Unterlippe ist eine besonders stark ausgeprägte Unterlippe, die durch eine Überentwicklung des Unterkiefers hervorgerufen wird. Sie ist benannt nach dem österreichischen Fürstenhaus Habsburg, in dem dieses erbliche Merkmal verbreitet war.
Alkoholembryopathie wird durch Alkoholismus der Mutter bei Embryonen ausgelöst. Typische Missbildungen sind ein schwach bis gar nicht ausgeprägtes Philtrum („wenig Relief“), eine noch dünnere Lippenhaut als gewöhnlich, retrahiertes Lippenrot und ein schwach ausgebildeter bis gar nicht vorhandener Amorbogen.
Lippen-Kiefer-Gaumenspalte
Krankheiten
Als Organ des Körpers kann auch die Lippe Krankheitsherd sein oder Symptome einer Krankheit aufweisen:
Lippenherpes (genauer gesagt Herpes labialis, eine Unterform des Herpes simplex) ist eine Viruserkrankung, die sich in der Bildung von schmerzhaften Bläschen an den Lippen äußert.
Karzinome (Krebsgeschwulste) an den Lippen werden vorwiegend durch Tabakkonsum und übermäßige Bestrahlung mit Sonnenlicht verursacht, ferner auch durch mangelhafte Mundhygiene, schlecht sitzende Zahnprothesen und Fehlbildungen der Zähne. Vor allem das Rauchen von Tabakspfeifen gilt aufgrund der besonderen Form des Paffens als Risikofaktor, aber auch Zigaretten und Kautabak können zu einer Erkrankung führen. Alkohol scheint die krebserregende Wirkung des Tabakkonsums zu steigern.
Im eher feuchten Mundwinkel können sich Pilze oder Bakterien ansiedeln, die die Haut schmerzhaft verletzen.
Verletzungen
Ungewollt oder gewollt treten häufig die folgenden Verletzungen der Lippen auf:
Rhagaden sind Einrisse der Haut. Sie können auftreten, wenn die Haut der Lippen aufgrund von Trockenheit, Frost oder Krankheiten wie Neurodermitis weniger elastisch ist als gewöhnlich.
Durch ihre Dünne ist die Haut der Lippen extrem empfindlich und wird bei Frost leicht spröde und rissig; um dem entgegenzuwirken, benutzen viele Menschen bei Kälte Hautcremes auf Fettbasis oder entsprechende Präparate (Lippenpflegestift).
Die Lippe ist durch die Dünne der Haut und die dahinterliegenden harten und scharfkantigen Zahnreihen auch sehr verletzungsempfindlich und blutet im Fall einer Schnitt- oder Platzwunde sehr stark.
Manche Menschen kauen auf ihrer Ober- bzw. Unterlippe, wenn sie nervös oder angespannt sind. Sie verletzen sich dabei oft (bewusst oder unbewusst) an ihrer Mundschleimhaut.
Um eine Verbrennung der Lippen an einer heißen Speise oder einem heißen Getränk zu vermeiden empfiehlt sich die Lippen so langsam zum Objekt zu führen, dass die Lippen vor einer Berührung die Wärmestrahlung oder aber aufsteigende warme Luft detektieren können. Heißes Flüssiges kann durch forsches Einsaugen von Luft über seiner Oberfläche mit dieser vermischt und damit weniger Wärme übertragend eingesaugt werden.
Schon ausgekühlte speichel-feuchte Lippen können bei Kontakt mit tief kaltem gut leitfähigem Metall – etwa beim spielerischen Berühren eines Alu-Schistocks – anfrieren. Es besteht dann die Gefahr des Abreissens eines Stücks Haut.
Plastische Chirurgie
Lippenkorrekturen sind Schönheitsoperationen und sollen den Körper des Patienten verschönern. Meist wird hierbei Fett aus einer anderen Körperregion entnommen und zur Umformung der Lippen verwendet (Eigenfett-Aufpolsterung). Diese Behandlungsmethode des Lippenaufspritzens wird oftmals als Lippofilling bezeichnet.
Schmuck
Das Färben der Lippen mit Lippenstift soll diese optisch hervorheben.
Labret-Piercings sind Piercings, die durch die Lippe gestochen und dauerhaft als Schmuck getragen werden.
Siehe auch
Lippenlack, Lippenpuder, Lippenöl
Lippen im Tierreich
Lippen sind ein typisches Merkmal der Säugetiere (mit Ausnahme der Ursäuger, die Schnäbel besitzen). Vermutlich sind die Lippen durch Evolution gerade bei dieser Klasse von Tieren entstanden, weil sie das Säugen – das gemeinsame Merkmal aller Säugetiere – unterstützen und vereinfachen.
Die Lippen erfüllen im Tierreich ganz ähnliche Aufgaben wie beim Menschen: Sie dienen hauptsächlich der Nahrungsaufnahme und als Tastorgan. Besonders bei Raubtieren unterstützen die Lippen die Mimik. Wenn beispielsweise Hunde die Lefzen (Lippen) nach oben ziehen und so die Zähne entblößen („Zähne blecken“), kann dies Teil einer Drohgebärde sein, die Rivalen abschrecken soll. Bei der Lauterzeugung spielen die Lippen hier aber meist eine untergeordnete Rolle.
Bei Pferden und Rindern sind in der Submukosa der Lippen, insbesondere im Bereich der Mundwinkel, Drüsen, die Lippendrüsen (Glandulae labiales), ausgebildet. Bei Raubtieren und Schafen trägt die Oberlippe eine Lippenkerbe, die sich als Philtrum auf den Nasenspiegel fortsetzt. Bei Katzen liegen zwischen Faszie und Unterlippenschleimhaut am Mundwinkel die tubuloazinären Glandulae molares.
Literatur
Otto Neustätter: Ueber den Lippensaum beim Menschen, seinen Bau, seine Entwickelung und seine Bedeutung in: Jenaische Zeitschrift für Naturwissenschaft, Band XXIX, 1894, (Dissertation Universität München 1895, 48 Seiten, illustriert).
Weblinks
Gesundheitsbezogene Themen:
ARD Morgenmagazin: – Hinweise zum Sonnenschutz bei heller Hautfarbe mit Betonung der Lippen
Lippen in der Kunst:
Theodor Storm: Deine Lippen sind entzaubert – Gedicht des deutschen Schriftstellers Theodor Storm
– Text und Musik des bekannten deutschen Schlagers
Einzelnachweise
Verdauungsapparat
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Q15173
| 186.315139 |
5367
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https://de.wikipedia.org/wiki/Unix
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Unix
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Unix ( []) ist ein Mehrbenutzer-Betriebssystem für Computer. Es wurde im August 1969 von Bell Laboratories zur Unterstützung der Softwareentwicklung entwickelt. Heute steht Unix allgemein für Betriebssysteme, die entweder ihren Ursprung im Unix-System von AT&T (ursprünglich Bell Laboratories) haben oder dessen Konzepte implementieren. Es ist zusammen mit seinen Varianten und Weiterentwicklungen – oft unter anderen, in der Öffentlichkeit bekannteren Namen – eines der verbreitetsten und einflussreichsten Betriebssysteme der Computergeschichte. Bis in die 1990er Jahre wurde Unix hauptsächlich in spezialisierten Anwendungsbereichen wie etwa bei Workstations und Servern eingesetzt, insbesondere an Universitäten und Forschungseinrichtungen. Die heutige massenhafte Anwendung in fast allen Bereichen der Computertechnik begann erst ab etwa den 2000er Jahren.
Maßgebliche Entwickler von Unix waren Ken Thompson und Dennis Ritchie, die es zunächst in Assemblersprache, dann in der von Ritchie entwickelten Programmiersprache C schrieben. Mit Unix wurden einige maßgebliche Konzepte der Informationstechnik erstmals eingeführt, etwa das hierarchische, baumartig aufgebaute Dateisystem mit Ordnerstruktur. Die frühen Entwickler definierten auch eine Reihe von Konzepten und Regeln für die Softwareentwicklung, die als Unix-Philosophie bekannt wurden. Unix wurde bis in die 1980er Jahre als quelloffenes Betriebssystem vor allem an US-Universitäten weiterentwickelt und hatte erheblichen Einfluss auf die Hackerkultur.
In den 1980ern wurde es von AT&T kommerzialisiert, was zu einer Reihe von unabhängigen Weiterentwicklungen und Abspaltungen führte und in den sogenannten „Unix-Kriegen“ (Unix Wars) zwischen verschiedenen Systemen und Herstellern mündete. Die diversen auf Unix basierenden bzw. davon abgeleiteten Betriebssysteme sind heute zusammengenommen die meistverbreiteten Betriebssysteme für Computer und für viele Arten von elektronischen Geräten, die einen Computer enthalten. Dabei reicht die Einsatz-Bandbreite von Mobilgeräten wie Smartphones über Personal Computer und Webserver bis hin zu den größten Supercomputern. Ferner wird insbesondere das Unix-artige Linux auch als Embedded System in industriellen Mess- und Steuergeräten, in Geräten der Medizintechnik, Unterhaltungselektronik und elektronisch gesteuerten Gebrauchsgegenständen wie zum Beispiel Haushaltsgeräten, Kraftfahrzeugen oder WLAN-Routern eingesetzt. Die heute meistverbreitete kommerzielle, proprietäre Unix-Variante ist macOS von Apple bzw. dessen Mobilvariante iOS, die meistverbreitete Unix-artige Open-Source-Variante ist Linux bzw. das davon abgeleitete Android.
Typologie der Varianten
Da der Name „UNIX“ in Großbuchstaben oder „UNIX“ in Kapitälchen eine eingetragene Marke der Open Group ist, dürfen nur zertifizierte Systeme den Namen UNIX führen. Dementsprechend nutzt man in der Fachliteratur üblicherweise „UNIX“ zur Kennzeichnung zertifizierter Systeme, während „Unix“ als Bezeichnung für sämtliche unixartigen Systeme verwendet wird.
Unixartige Systeme können in UNIX-Derivate und unixoide Systeme eingeteilt werden. Zu den UNIX-Derivaten zählen z. B. die BSD-Systeme, HP-UX (Hewlett-Packard), DG/UX (Data General), AIX (IBM), IRIX (Silicon Graphics), UnixWare (SCO Group), 386/ix (erst Eastman Kodak, später SunSoft), Solaris (Oracle), AMIX (Commodore) und macOS (Apple).
Andere Systeme wie Linux oder QNX basieren hingegen nicht auf dem ursprünglichen Unix-Quelltext, sondern wurden separat entwickelt. Sie werden als „unixoide Systeme“ bezeichnet, weil sie einen Teil der für Unix standardisiert definierten Betriebssystemfunktionen (POSIX) ebenfalls implementieren. Einen Sonderfall stellt BSD dar, das zwar ursprünglich auf Bell-Labs-Quelltexten beruhte, seit Mitte der 1990er jedoch von einer losen Gemeinschaft von Programmierern vollständig umgeschrieben wurde, so dass es mittlerweile frei von dem ursprünglichen, proprietären Programmcode ist.
Verbreitung
Ursprünglich hauptsächlich im universitären Bereich verbreitet, wurde es ab den 1980er und 1990er Jahren vor allem in professionellen Workstations und auf Servern eingesetzt. Mit Linux, macOS (bis 2016 OS X und ursprünglich, bis 2012, Mac OS X) und als Grundlage mehrerer verbreiteter Betriebssysteme für Mobilgeräte erreichte es ab etwa den 2000er Jahren auch den Massenmarkt für Privatnutzer. Die beiden meistverbreiteten Betriebssysteme für Smartphones und Tabletcomputer, iOS und Android, basieren mit BSD (iOS) bzw. Linux (Android) auf unixoiden Betriebssystemen. Im September 2013 waren allein über eine Milliarde Android-Geräte weltweit aktiviert. Für 2013 prognostizierte das Marktforschungsunternehmen Gartner-Group, dass erstmals mehr Android-basierte Systeme als PCs mit Windows verkauft würden. Zudem gewann Linux größere Bedeutung als quelloffenes Betriebssystem für Unternehmensanwendungen und als Embedded System für elektronische Geräte wie WLAN-Router oder Geräte der Unterhaltungselektronik.
Da das Unix-artige Linux sehr flexibel angepasst und optimiert werden kann, hat es sich auch in Rechenzentren stark verbreitet, in denen speziell angepasste Versionen auf Großrechnern, Computerclustern (siehe Beowulf) oder Supercomputern laufen. Die in der TOP500-Liste der schnellsten Computersysteme aufgeführten Systeme werden derzeit (Stand: August 2023) ausschließlich unter Linux betrieben. Der im Desktop-Bereich größte Konkurrent Windows spielt bei den Höchstleistungsrechnern keine Rolle.
Bedienung
Systemfunktionen und -befehle von Unix konnten ursprünglich vom Anwender nur per Tastatureingabe über eine Kommandozeile aufgerufen werden, obwohl das Konzept der grafischen Benutzeroberfläche mit Fenstern und Mausbedienung zur Entstehungszeit bereits bekannt war. Die Tastatur Teletype 33, welche zu dieser Zeit als Eingabegerät verwendet wurde, ähnelte einer elektromechanischen Schreibmaschine, wobei sich die einzelnen Tasten nur schwer manuell betätigen ließen. Pro Sekunde war das Setzen von zehn Zeichen möglich. Dies ist auch ein Grund, weshalb viele Befehlsnamen in Unix von solch kurzer Länge sind. Aus diesem Grund gibt es keine standardisierte grafische Unix-Bedienoberfläche, sondern eine Anzahl von später entwickelten Varianten wie twm oder CDE, Gnome und KDE, von denen viele auf dem X Window System aufbauen. Bei vielen Anwendern wie professionellen Programmierern und Systemadministratoren ist die Kommandozeile nach wie vor die bevorzugte Bedienschnittstelle. Unix-Abkömmlinge für Mobilgeräte wie Smartphones und Tabletcomputer, darunter Apple iOS und Android, verwenden eigene Bedienkonzepte. Dabei ist der Zugriff auf Kommandozeile und Dateisystem meist komplett (iOS) oder teilweise (Android) gesperrt.
Aufbau und Merkmale
Der Unix-Kernel hat über Gerätetreiber allein Zugriff auf die Hardware und verwaltet Prozesse. Daneben stellt er das Dateisystem zur Verfügung, in modernen Varianten zusätzlich den Netzwerkprotokollstapel. Systemaufrufe aus Prozessen dienen zum Starten (Systemaufrufe fork, exec) und Steuern von weiteren Prozessen sowie zur Kommunikation mit dem Dateisystem. Zugriffe auf die Gerätetreiber werden als Zugriffe auf „spezielle Dateien“ (Gerätedateien) im Dateisystem abgebildet. Dadurch werden Dateien und Geräte aus Sicht der Prozesse und damit der Anwendungsprogramme so weit wie möglich vereinheitlicht (Systemaufrufe open, read, write usw.).
Eine Vielzahl von Programmen inklusive eines C-Entwicklungssystems und eines Textsatzprogrammes (troff) vervollständigen das System.
Das Dateisystem ist als hierarchisches Verzeichnis mit beliebigen Unterverzeichnissen organisiert. Das heute als Standard geltende Konzept war damals revolutionär. Stammverzeichnis (Root-Verzeichnis) dieser Hierarchie ist das Verzeichnis „/“. Eines der Grundkonzepte von UNIX ist, auch Disketten- und CD-Laufwerke, weitere Festplatten des eigenen Rechners oder fremder Rechner, Terminals, Bandgeräte und andere special files im Dateisystem abzubilden (Gerätedateien, Dateien, die scheinbar die Daten eines Laufwerks enthalten und beim Lesen „ausgeben“) anstatt wie einige andere Betriebssysteme (u. a. VMS, MS-DOS, Windows) dafür separate Verzeichnishierarchien unterhalb sog. „Laufwerksbuchstaben“ anzulegen. „Alles ist eine Datei“ ist ein Grundprinzip von Unix. Dieser verallgemeinerte Dateibegriff gehört zum Wesen von UNIX und ermöglicht eine einfache, einheitliche Schnittstelle für die verschiedensten Anwendungen. In manchen UNIX-Derivaten werden selbst Prozesse und deren Eigenschaften auf Dateien abgebildet (proc-Filesystem).
Der Kommandointerpreter, die Shell, – unter Unix ein normaler Prozess ohne Privilegien – sowie zahlreiche Standardkommandos ermöglichen dem Anwender eine einfache Ein-/Ausgabeumleitung in Dateien, und über Pipes die Kommunikation zwischen Prozessen.
Eine große Sammlung von einfachen Kommandos, der UNIX-Werkzeugkasten, kann so mit Hilfe der Programmiermöglichkeiten des Kommandointerpreters kombiniert werden und komplizierte Aufgaben übernehmen. Durch die Kombinierbarkeit der größtenteils standardisierten Werkzeuge wird häufig vermieden, dass man für „Einmalaufgaben“ oder einfachere Administrationsarbeiten jeweils spezialisierte Programme schreiben muss, wie dies in anderen Betriebssystemen häufig der Fall ist.
Zu den wichtigen Merkmalen eines typischen Unixsystems gehören: hohe Stabilität, Multiuser, Multitasking (mittlerweile auch Multithreading), Speicherschutz und virtueller Speicher (zuerst implementiert in der BSD-Linie), IP-Netzwerkunterstützung (ebenfalls zuerst in der BSD-Linie), hervorragende Scriptingeigenschaften, eine voll ausgebaute Shell und eine Vielzahl von Werkzeugen (die Unix-Kommandos) und Daemonen. Betriebssysteme von Unix-Workstations sowie UNIX-Derivate enthalten in der Regel eine grafische Benutzeroberfläche basierend auf X11.
Unix ist historisch eng mit der Programmiersprache C verknüpft – beide verhalfen einander zum Durchbruch, und so ist C auch heute noch die bevorzugte Sprache unter Unix-Systemen.
Der Name Unix
Das System erhielt ursprünglich von einem Mitarbeiter den Namen Unics, ein Akronym von Uniplexed Information and Computing Service und eine Anspielung auf Multics. Wie später die kürzere Schreibweise des Ausklangs als einzelner Buchstabe „x“ entstand, ist unklar.
Ob die Schreibweise Unix oder stattdessen UNIX richtig ist, wird schon lange diskutiert. Geschichtlich ist die Schreibweise Unix die ältere, die Schreibweise UNIX tauchte erst später auf – aus rein ästhetischen Gründen. Heute haben sie unterschiedliche Bedeutungen: In der Fachliteratur verwendet man üblicherweise Unix als Bezeichnung für unixartige Systeme, während man UNIX zur Kennzeichnung zertifizierter Systeme nutzt. Als Plural ist im Deutschen „Unixe“ und das an die 3. Deklination des Lateinischen angelehnte „Unices“ im Gebrauch, im Englischen „Unixes“ und ebenfalls „Unices“.
Geschichte
Ken Thompson erstellte 1969 die erste Version von Unix in Assemblersprache auf der DEC PDP-7 als Alternative zu Multics. Als eines der ersten Programme für den neuen Kernel schrieb Thompson zusammen mit Dennis Ritchie das Spiel Space Travel,
um auszuloten, welche Schnittstellen sie benötigen.
1972–1974 wurde das Betriebssystem komplett neu in C implementiert und gemeinsam mit einem C-Compiler kostenfrei an verschiedene Universitäten verteilt (AT&T durfte als staatlich kontrollierter Monopolist in der Telekommunikationsbranche keine Software verkaufen) – daraus entwickelte sich u. a. an der Universität von Kalifornien in Berkeley die BSD-Linie von Unix. Erst Ende der 1970er Jahre versuchte AT&T schließlich selbst, Unix gewinnbringend zu vermarkten, woraus die System-V-Linie von Unix entstand. In den 1980er Jahren wurde Unix zum dominierenden Betriebssystem an den Universitäten, und es existierte eine Fülle verschiedenster UNIX-Derivate, die alle in irgendeiner Form von den beiden Hauptlinien BSD oder System-V abstammten. Als Reaktion darauf erhob sich der Ruf nach Standardisierung.
Standards
Jeder Hersteller änderte und erweiterte das System in den 1980er Jahren nach eigenen Vorstellungen. Es entwickelten sich Versionen mit unterschiedlichen Fähigkeiten, Kommandos, Kommandooptionen und Programmbibliotheken. Um 1985 begann die IEEE zunächst, die Schnittstellen für Anwendungsprogramme zu standardisieren. Daraus entwickelte sich der Standard IEEE 1003, der auf Anregung von Richard Stallman POSIX genannt wird. Er besteht heute aus etwa fünfzehn Dokumenten, die sich mit allen Aspekten von Unix-Systemen wie dem Kommandozeileninterpreter (POSIX definiert eine eigene Shell, die POSIX-Shell, die allerdings bis auf Details mit der Kornshell identisch ist), den Unix-Kommandos und deren Optionen, der Ein-/Ausgabe und anderem befassen.
Die Preise der IEEE für die POSIX-Dokumentation sind sehr hoch, die Veröffentlichung ist durch Urheberrecht untersagt.
In neuerer Zeit ist deshalb eine Tendenz zur Single UNIX Specification der Open Group zu verzeichnen.
Dieser Standard ist offen, im Internet frei verfügbar und akzeptiert Vorschläge von jedem.
Markenrechte
Die Rechte an der Marke UNIX liegen bei der Open Group.
UNIX-Derivate und unixähnliche Betriebssysteme
Vorgeschichte
Bis Unix V7 1979 erschien, wurde der Quellcode von Unix gegen Erstattung der Kopier- und Datenträgerkosten an Universitäten verteilt. Unix hatte damit den Charakter eines freien, portablen Betriebssystems. Der Code wurde in Vorlesungen und Veröffentlichungen verwendet und konnte nach eigenen Vorstellungen geändert und ergänzt werden. Die Universität Berkeley entwickelte eine eigene Distribution mit wesentlichen Erweiterungen, die Berkeley Software Distribution (BSD).
In den frühen 1980er Jahren beschloss AT&T, Unix zu vermarkten; der AT&T-Quellcode durfte ab diesem Zeitpunkt nicht mehr öffentlich zugänglich gemacht werden. Auch die Verwendung in Vorlesungen etc. war ausgeschlossen. Für auf BSD basierende Systeme wurden – da ein Teil des Codes von AT&T stammte – hohe Lizenzgebühren erhoben.
Viele Firmen lizenzierten den UNIX-Quellcode und brachten ihre eigenen Varianten auf den Markt, selbst Microsoft hatte mit Xenix einige Zeit ein Unix im Angebot. Siemens adaptierte Xenix 1984 zu einem deutschen Unix namens Sinix.
GNU
Die Nichtverfügbarkeit des Quellcodes veranlasste Richard Stallman, 1983 das GNU-Projekt („GNU’s Not Unix“) ins Leben zu rufen. Ziel des Projekts war die Schaffung eines freien Unix-kompatiblen Betriebssystems. Bis 1990 hatte das Projekt alle wesentlichen Teile – inklusive des GNU-C-Compilers (gcc) – entwickelt, jedoch mit Ausnahme des Kernels.
Minix und Linux
1987 erschien das Lehrsystem Minix, entwickelt von Andrew S. Tanenbaum an der Freien Universität Amsterdam. Minix war ein Unix-Klon mit Mikrokernel, C-Compiler, Texteditor und vielen Kommandos, das als relativ anspruchsloses System auch auf schwacher PC-Hardware lief. Der Quellcode war Teil des Lieferumfangs. Es war zwar kommerziell und proprietär, hatte aber einen sehr niedrigen Preis. Wie vormals Unix diente dieses System vielen als Ausgangspunkt für eigene Experimente.
1991 arbeitete der Student Linus Torvalds an einem Terminalemulator, mit dem er auf einen Uni-Computer zugreifen wollte. Mit der Zeit baute er einen Dateisystem-Zugriff und viele andere nützliche Features ein. Bald bemerkte er, dass er mehr als einen Terminalemulator programmierte. Den Quelltext veröffentlichte er in der Newsgroup comp.os.minix als von Minix inspirierter Kernel, das auf einem Intel-386er-PC lauffähig sein sollte. Zuerst sollte sein Projekt Freax heißen. Da der Administrator der Universität ihm als Login für sein FTP-Repository „Linux“ vergab, benannte er das Projekt nach diesem. Im Quelltext der Version 0.01 von Linux kommt noch der Name Freax vor („Makefile for the FREAX kernel“).
Freie BSD-Derivate
1992 erschien mit 386BSD von Bill und Lynne Jolitz ein weiteres freies System für 80386-Prozessoren. Es bestand aus einem Patch für die nicht von AT&T stammenden freien Teile der BSD-Distribution und bildete ein weiteres freies, sehr fortgeschrittenes Betriebssystem für Intel-Prozessoren.
1994 veröffentlichte Berkeley mit 4.4BSDLite die letzte Version ihrer inzwischen von AT&T-Quellcode befreiten Distribution.
4.4BSDLite bildete zusammen mit 386BSD die Grundlage für NetBSD, FreeBSD und kurz darauf OpenBSD.
macOS mit Darwin
Apple macOS ist ein Nachfolger von OPENSTEP und NeXTStep und wurde 2001 unter dem Namen Mac OS X eingeführt. Als Basis dient ein XNU genannter Hybridkernel, der aus einem Mach-Microkernel und Teilen des FreeBSD-Kernels besteht. Das Basissystem namens Darwin enthält außerdem von anderen BSDs stammende Programme, die in einer Unix-Umgebung erwartet werden. Die Entwicklung von Darwin wurde unter die quelloffene Lizenz Apple Public Source License gestellt, welche in der Version 2.0 als Lizenz freier Software von der Free Software Foundation anerkannt wurde. Zusammen mit proprietären, nicht-quelloffenen Systemteilen – beispielsweise Aqua und viele Programmierschnittstellen – bildet Apple daraus die proprietären Betriebssysteme macOS und iOS, tvOS, watchOS und audioOS. Ab Mac OS X Leopard 10.5 (2007) ist das Betriebssystem als UNIX 03 durch die Open Group zertifiziert.
OpenSolaris
Seit 2005 ist auch Solaris (Version 10) in der jeweils aktuellen Fassung für die gebührenfreie Benutzung erhältlich. Solaris läuft auf der 32-Bit- und 64-Bit-x86-Architektur (bzw. IA-32 ab dem 80386 sowie x64 ab dem Opteron) sowie auf 64-Bit-Systemen mit Suns UltraSPARC. Für Zugriff auf Quellen und Mitarbeit inklusive Erweiterung ist es in der Fassung OpenSolaris erhältlich, die sich funktionell nicht von der Binärversion unterscheidet.
Erscheinungsdaten
Die folgende Zusammenstellung gibt nur einen groben Überblick. Es werden nur die wichtigsten Systeme erwähnt. Diese haben jeweils ihre eigenen Versionen und ihre eigene Entwicklungsgeschichte.
Trivia
Im Film „Jurassic Park“ wird die komplette Park-Steuerung von Unix-Systemen erledigt, was die Hauptrolle „Lex“ erfreut (ca. 100. Filmminute) – sie weiß diese Steuerung zu bedienen.
Siehe auch
Unixzeit
Unix-Philosophie
Filesystem Hierarchy Standard
Literatur
Dennis M. Ritchie, Ken Thompson: Unix Programmer’s Manual, 2. Ausgabe, Bell Telephone Laboratories, Inc., 1972 (PDF; 7,4 MB)
Dennis M. Ritchie, Ken Thompson: The UNIX Time-Sharing System. In: The Bell System Technical Journal, Vol. 57, July–August 1978, No. 6, Part 2, S. 1897–2312
Brian W. Kernighan, Rob Pike: Der Unix Werkzeugkasten – Programmieren mit UNIX (deutsche Übersetzung). Hanser Verlag, München 1986, ISBN 3-446-14273-8
Brian W. Kernighan: Die UNIX-Story. Die faszinierende Geschichte, wie Unix begann und wie es die Computerwelt eroberte (deutsche Übersetzung). dpunkt.verlag, Heidelberg 2020, ISBN 978-3-86490-778-4
E. Foxley: Unix für Super-User. Addison-Wesley, 1988, ISBN 3-925118-24-1
Jürgen Gulbins, Karl Obermayr: UNIX System V.4. Begriffe, Konzepte, Kommandos, Schnittstellen. 4. Aufl. 1995, ISBN 3-540-58864-7
Jerry Peek, Grace Todino, John Strang: UNIX. Ein praktischer Einstieg. O’Reilly Verlag, 2002, ISBN 3-89721-157-2
Arnold Willemer: Wie werde ich UNIX-Guru? – Einführung in UNIX, Linux und Co. Galileo Computing <openbook>, 2003, ISBN 978-3-89842-240-6
Weblinks
Unix History Repository Replikation der UNIX-Versionsverwaltung seit 1970 auf GitHub
Einzelnachweise
Abkürzung
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Q11368
| 671.197488 |
8920
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https://de.wikipedia.org/wiki/Connecticut
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Connecticut
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Connecticut ( []) ist ein Bundesstaat im Nordosten der Vereinigten Staaten und Teil der Region Neuengland. Connecticut war eine der dreizehn Kolonien, die während des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges gegen das Königreich Großbritannien rebellierten. Der Name entstand aus der französischen Verballhornung des moheganischen Wortes , das so viel wie „langer Fluss (der Gezeiten)“ bedeutet.
Der Bundesstaat trägt den offiziellen Beinamen (Verfassungsstaat), der 1959 durch Gesetzesakt angenommen wurde, und wird darüber hinaus auch (Proviantstaat) genannt. Diese Bezeichnung rührt daher, dass während des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges die Kontinentalarmee von Connecticut aus mit Proviant versorgt wurde; der Bundesstaat erlebte kaum Kämpfe auf eigenem Gebiet.
Geografie
Connecticut, der drittkleinste Bundesstaat der USA, liegt im Nordosten der USA am Atlantischen Ozean. Der Staat erstreckt sich über 177 km zwischen 40°58′N und 42°3′N sowie über 113 km zwischen 71°47′W und 73°44′W. Connecticut grenzt im Norden an Massachusetts, im Osten an Rhode Island, im Süden an den Long Island Sound und im Westen an New York. Durchflossen wird der Staat vom größten Fluss Neuenglands: dem Connecticut River. 1.809 km² (12,6 Prozent) der Fläche des Landes ist von Wasser bedeckt, und 56 bis 63 Prozent der Landfläche ist bewaldet, sonst kennzeichnen Hügel, Seen und Ebenen (einschließlich der 16 km breiten Küstenebene) das Land. Ein Teil der Appalachen bildet die höchsten Erhebungen (Mount Frissell 725 m) des Staates.
Gliederung
Connecticut ist in acht Countys unterteilt: Fairfield, Hartford, Litchfield, Middlesex, New Haven, New London, Tolland und Windham. Diese haben nur noch Bedeutung als Polizei- und Gerichtsbezirke, die County-Verwaltungen wurden 1960 abgeschafft und alle Befugnisse der nächstniedrigen Stufe, den towns übertragen.
Infolge der Auflösung der County-Verwaltungen wurde der Staat in neun Planungsregionen unterteilt: Capitol Planning Region, Greater Bridgeport, Lower Connecticut River Valley, Naugatuck Valley, Northeastern Connecticut, Northwest Hills, South Central Connecticut, Southeastern Connecticut und Western Connecticut. In jeder dieser Region besteht ein Rat der Gemeindeverwaltungen (Council of Governments), in dem die Bürgermeister beziehungsweise die Gemeinderatsvorsitzenden einen Sitz halten. Im Jahr 2017 beantragte Connecticut, diese Planungsregionen als den Counties anderer Staaten gleichzusetzende Organe anzuerkennen. Diesem Antrag wurde seitens des Census-Büros sowie dem Wirtschaftsministerium im Jahr 2022 stattgegeben. Damit können die statistischen Daten erhoben werden, auf Grundlage derer unter anderem Bundesbeihilfen für Counties beantragt und bemessen werden können.
Geschichte
Die Flagge von Connecticut ist blau, es erinnert an die Uniformfarbe der Miliz des Staates. In der Mitte befindet sich auf einem Wappen das Siegel Connecticuts. Auf ihm sind drei Weinreben mit jeweils drei roten Weintrauben-Rispen zu sehen. Man vermutet auch, dass die drei Rispen die drei Kolonien New Haven, Saybrook und Hartford repräsentieren sollen. Unten auf dem Banner steht was so viel bedeutet wie „Wer hinüberbrachte, besteht“. Einige Deutungen dieses Mottos beziehen es auf die Bibel : und übersetzen freier: „Wer verpflanzte, wird überdauern“. Das Siegel war früher das Siegel der Saybrook Colony und wurde an die Connecticut Colony weitergegeben, als Colonel George Fenwick es aus England 1639 mitbrachte.
Der Niederländer Adriaen Block kam 1614 als erster Europäer nach Connecticut. Zu dieser Zeit lebten 16 Algonkin-Indianerstämme mit 6.000–7.000 Menschen dort.
1633 kamen aus Massachusetts die ersten Engländer ins Land. Zwei Jahre später wurden die Siedlungen Windsor und Wethersfield gegründet. Thomas Hooker gründete 1636 Hartford. Die drei Siedlungen schlossen sich 1639 zur Kolonie Connecticut zusammen. Im selben Jahr wurde die Kolonie New Haven gegründet. 1662 erhielt Connecticut eine von König Karl II. genehmigte Autonomie sowie eine eigene Verfassung. 1665 kam es zum Zusammenschluss von Connecticut und New Haven.
Die Planung eines Zusammenschlusses mit dem Dominion of New England erfolgte 1685. Zwei Jahre später wollte König Jakob II. die Verfassung von 1662 rückgängig machen. Nach dem Sturz von König Jakob II. 1688 konnte Connecticut im Juli 1689 die Autonomie zurückgewinnen.
Im Juli 1776 erklärte Connecticut als eine der Dreizehn Kolonien die Unabhängigkeit von Großbritannien und wurde am 9. Januar 1788 der fünfte Bundesstaat der Vereinigten Staaten. Die Sklaverei wurde 1848 abgeschafft.
Bevölkerung
Connecticut hat 3.574.097 Einwohner (Stand: U.S. Census 2010), davon sind 71,2 Prozent Weiße (ohne Hispanics und Latinos), 13,4 Prozent Hispanics oder Latinos, 10,1 Prozent Schwarze oder Afroamerikaner, 3,8 Prozent Asiatische Amerikaner und 0,3 Prozent Native Americans. 322.941 Einwohner (9,0 Prozent der Gesamtbevölkerung) gaben bei der American Community Survey im Jahr 2014 an, deutsche Vorfahren zu haben.
Die Bevölkerung von Connecticut gilt als die ursprünglichste Verkörperung des Yankee.
Religionen
Die mitgliederstärksten Religionsgemeinschaften waren im Jahre 2000 die römisch-katholische Kirche in den Vereinigten Staaten mit 1.372.562, die United Church of Christ mit 124.770 und die anglikanische Episcopal Church mit 73.550 Anhängern. Jüdischen Gemeinden gehörten 108.280 Mitglieder an.
Größte Städte
Politik
Connecticut ist seit den 1990er-Jahren bei Präsidentschaftswahlen stets näher an die Demokratische Partei herangerückt. Nach der republikanischen Dominanz während der 1970er und 1980er Jahre gewannen die Demokraten Connecticut und seine acht (seit 2004 sieben) Wahlmänner seit der Wahl von 1992 stets deutlich für sich. Mittlerweile ist Connecticut eine der stärksten demokratischen Hochburgen in den USA. Der erste Rückschlag, den die Demokraten in Connecticut seitdem hinnehmen mussten, war der Sieg des ehemaligen Demokraten und mittlerweile unabhängigen Kandidaten Joe Lieberman bei der Senatswahl 2006. Nach Liebermans Verzicht auf eine erneute Kandidatur im Jahr 2012 fiel der Sitz mit Chris Murphy wieder an einen Demokraten. Zweiter Senator des Staates ist seit 2011 der Demokrat Richard Blumenthal. Alle fünf Sitze Connecticuts im US-Repräsentantenhaus werden seit dem Jahr 2009 von Demokraten eingenommen.
Seit 2019 ist der Demokrat Ned Lamont als Nachfolger seines Parteikollegen Dan Malloy Gouverneur Connecticuts. Lieutenant Governor (Vizegouverneur) ist Susan Bysiewicz, ebenfalls Demokratin.
Am 25. April 2012 wurde die Todesstrafe in Connecticut abgeschafft und durch lebenslang ohne die Möglichkeit einer Entlassung als neue Höchststrafe ersetzt.
Gouverneure
Liste der Gouverneure von Connecticut
Liste der Vizegouverneure von Connecticut
Kongress
Liste der Senatoren der Vereinigten Staaten aus Connecticut
Liste der Mitglieder des US-Repräsentantenhauses aus Connecticut
Mitglieder im 117. Kongress
Kultur und Sehenswürdigkeiten
Museen
Yale University Art Gallery
Musik
Hartford Symphony Orchestra, bekanntestes Orchester Connecticuts
New Haven Symphony Orchestra, viertältestes Orchester der USA
Naturdenkmäler
Der National Park Service (NPS) führt in Connecticut zwei National Scenic Trails und einen National Historic Trail:
Appalachian Trail
New England National Scenic Trail
Washington-Rochambeau Revolutionary Route National Historic Trail
Weiterhin gibt es in Connecticut acht National Natural Landmarks (Stand 30. September 2017).
Kulturdenkmäler
Der NPS weist für Connecticut eine National Historic Site und eine National Heritage Area aus:
Last Green Valley National Heritage Corridor
Weir Farm National Historic Site
Außerdem gibt es in Connecticut 63 National Historic Landmarks sowie 1615 Bauwerke und Stätten, die im National Register of Historic Places eingetragen sind (Stand 30. September 2017).
Wirtschaft und Infrastruktur
Das reale Bruttoinlandsprodukt pro Kopf (engl. "per capita real GDP") lag im Jahre 2016 bei 73.643 USD (nationaler Durchschnitt der 50 US-Bundesstaaten: 57.118; nationaler Rangplatz: 4). Connecticut ist einer der wohlhabendsten Bundesstaaten mit einem der höchsten Lebens- und Bildungsstandards.
Angebaut werden in Connecticut vorwiegend Getreide, Kartoffeln, Tabak, Mais und Hafer. Im Staat wird gewöhnliche Viehzucht betrieben.
Connecticut ist ein sehr industrieller Staat, unter anderem werden dort Flugzeugmotoren, Maschinen, Metallwaren, Textilien, Atom-U-Boote und chemische Erzeugnisse hergestellt. Angeblich wurde dort auch die Frisbee-Scheibe erfunden.
Die Arbeitslosenquote lag im Oktober 2018 bei 4,1 % (Landesdurchschnitt: 3,7 %).
Bildung
Zu den größten staatlichen Hochschulen gehören die Central Connecticut State University, die University of Connecticut und die Southern Connecticut State University. Die bekanntesten privaten Hochschulen sind die Yale University, die Wesleyan University, die University of Hartford, die Fairfield University und das Connecticut College. Weitere Hochschulen sind in der Liste der Universitäten in Connecticut verzeichnet.
Siehe auch
Liste der National Historic Landmarks in Connecticut
Literatur
Lucianne Lavin: Connecticut’s Indigenous Peoples. What Archaeology, History, and Oral Traditions Teach Us About Their Communities and Cultures, Yale University Press, 2013.
David M. Roth: Connecticut: A History. W. W. Norton, New York 1979, ISBN 0-393-05676-7.
Weblinks
Website des Bundesstaates
Website des Fremdenverkehrsamtes
http://www.nationalflaggen.de/regionen/flagge-connecticut.html
Einzelnachweise
Bundesstaat der Vereinigten Staaten
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Q779
| 1,756.49786 |
204610
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https://de.wikipedia.org/wiki/Hyphe
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Hyphe
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Hyphen (aus ‚Gewebe‘) bezeichnen entweder die fadenartigen Vegetationsorgane von Pilzen (auch Pilzfäden genannt) und pilzähnlichen Protisten oder die Zellfäden von Bakterien der Ordnung Actinomycetales. Die Gesamtheit der Hyphen wird auch als Mycel bezeichnet und bildet Fruchtkörper aus.
Beschreibung und Funktion
Der Durchmesser von Hyphen liegt zwischen 2 μm bis 100 μm, wobei sie verzweigte oder unverzweigte Formen ausbilden können. Hyphen können parallel aneinanderlagern auftreten, oder sich in Form von Plektenchym oder Pseudoparenchym zu Fruchtkörpern zusammenschließen. Pilzähnliche Protisten, sowie den meisten Schimmelpilze, bilden überwiegend unverzweigte Hyphen aus, die unseptiert sind, d. h. ohne unterteilende Septen. Die Hyphen von höheren Pilzen sind dagegen regelmäßig septiert und verfügen über Poren in den Querwänden, welche mitunter charakteristisch für die jeweilige Pilzgattung sind. Diese Art von Pilzfäden wachsen hauptsächlich im Bereich direkt hinter der Spitze.
Hyphen, die zur Aufnahme von Nährstoffen dienen, werden auch als Substrathyphen bezeichnet, während sogenannte Lufthyphen bei Pilzen für die Ausbildung von Fruchtkörpern sorgen. Außerdem gibt es Hyphen aus denen sich Dauer- oder Vermehrungsorgane bilden, wie Chlamydosporen oder Konidien.
Im Gegensatz zu Pilzhyphen haben die Zellfäden der Actinomycetales meist einen deutlich geringeren Durchmesser (von etwa 1 μm) als die Pilzhyphen und eine ähnliche Zellorganisation wie Prokaryoten.
Obgleich Hyphen als Charakteristikum von Dermatophyten (Fadenpilzen) gelten, werden sie unter bestimmten Bedingungen auch von einige normalerweise einzellige Hefepilze (wie z. B. Saccharomyces cerevisiae) ausgebildet.
Hyphenformen
Hartigsches Netz ein dichtes Netzwerk aus Hyphen symbiontischer Pilze, welches sich zwischen der Epidermis und den äußeren Rindenschichten des Wirtsbaumes erstreckt und Mykorrhiza ausbildet dient Pilz zur Nährstoffaufnahme.
Generative Hyphen Generative Hyphen sind relativ undifferenziert und können reproduktive Strukturen bilden. Sie sind normalerweise dünnwandig und durchscheinend und mehr oder weniger häufig septiert. Auch Schnallen können vorkommen. Gelegentlich sind die Hyphen in eine gelatinöse Matrix eingebunden.
Skeletthyphen Skeletthyphen sind dickwandige, nicht oder nur wenig verzweigte und meist schnallenlose und kaum septierte Hyphen, die dafür oft sehr lang sind. Die Hyphen sterben meist schon sehr früh ab und sind dann plasmafrei und röhrig-hohl. Diese Hyphen geben dem Fruchtkörper Härte und Festigkeit. Fruchtkörper mit Skeletthyphen sind mehr oder weniger korkig oder holzig.
Skelettoide Hyphen Skelettoide Hyphen sind dickwandige, generative Hyphen mit echten Septen (Querwänden). Auch Schnallen können vorkommen.
Bindehyphen Bindehyphen sind mehr oder weniger dickwandige stark verzweigte Hyphen, die dadurch dem Hyphensystem Festigkeit verleihen.
Siehe auch
Hyphensystem
Mykorrhiza
Weblinks
SIB: Fungal cell – Hyphenzelle, Interaktive Graphik von SwissBioPics
Einzelnachweise
Morphologie (Pilz)
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Q193129
| 137.709371 |
24496
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https://de.wikipedia.org/wiki/Elija
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Elija
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Elija oder Elia (auch Elias; , auch griechisch Ἠλίας Ēlías; ʾIlyās) war ein biblischer Prophet, der in der Zeit der Könige Ahab und Ahasja im zweiten Viertel des 9. Jahrhunderts v. Chr. im Nordreich Israel wirkte. Sein Name bedeutet „Mein Gott ist JHWH“.
Tanach
Nach dem 1. Buch der Könige stammt Elija aus Tischbe im Ostjordanland, das zum Nordreich Israel gehörte. Er wird daher als Tischbiter bezeichnet, das heißt, er gehört zu den Israeliten ohne Grundbesitz. Er gehörte also zu den ersten Benachteiligten des im 9. Jahrhundert v. Chr. in Israel entstandenen Großgrundbesitztums.
In Maleachi, Kapitel 3, Vers 23 (Altes Testament) wird Elija erstmals als kommender Prophet erwähnt: „Siehe, ich will euch senden den Propheten Elia, ehe der große und schreckliche Tag des HERRN kommt. Der soll das Herz der Väter bekehren zu den Söhnen und das Herz der Söhne zu ihren Vätern, auf dass ich {der HERR} nicht komme und das Erdreich mit dem Bann schlage.“ (a1.k 1,17)
In wird Elija erstmals erwähnt als Prophet, der eine Dürre für das ganze Land ankündet. Da das Nordreich damals dem Baal von Tyrus diente, ist dies eine Kampfansage an diesen Gott, der als Herrscher über Regen und Fruchtbarkeit galt. Insgesamt soll die Dürre drei Jahre und sechs Monate gedauert haben (vgl. ). Elija wandert in dieser Zeit in das Wildbachtal Kerith, das östlich des Jordans liegt. Hier wird er auf wundersame Weise durch Raben ernährt. Die Dürre erreicht das Wildbachtal Kerith und Elija wandert nach Zarephath, „das zu Sidon gehört“ (v. 9) und im heutigen Libanon lag. Elija kehrt bei einer Witwe ein, die ihre letzte Ration Mehl und Öl zubereitet. Er wird bewirtet, und durch Gottes Segen wird der Vorrat immer wieder aufgefüllt. Während Elijas Aufenthalt bei der Witwe stirbt ihr Sohn. Durch ein Wunder erweckt ihn Elija von den Toten.
König Ahab lässt überall nach dem Propheten suchen und will Elija umbringen lassen. Schließlich wird Elija angewiesen, sich Ahab zu zeigen. Beide geben sich gegenseitig die Schuld an der Dürre ():
Es kommt zur Machtprobe auf dem Berg Karmel. Elija lässt durch Ahab das Volk, die 450 Baalspropheten und die 400 Propheten des Heiligen Pfahls der Aschera versammeln. Jeweils ein Stier soll von den Vertretern der verschiedenen Glaubensrichtungen zerteilt, auf Holz gelegt und das Feuer vom Gott der jeweiligen Propheten entfacht werden. Elija schlägt diese Probe vor, um den wahren Gott zu ermitteln, und das Volk ist damit einverstanden. Die Propheten des Baal beten bis zum Mittag, schneiden sich sogar nach ihren Ritualen ins eigene Fleisch, während Elija sie verspottet.
Elija selber lässt sein Opfer mit sehr viel Wasser übergießen, er füllt den selbstgezogenen Graben des von ihm wiederaufgebauten Altars mit zwölf Krügen Wasser. Elija betet einmal zu JHWH, und Feuer vom Himmel „verzehrt das Brandopfer und das Holz“. Das Volk erkennt nun, dass die Baalspropheten nichts als Scharlatane sind. ():
Auf Anweisung von Elija tötet das Volk alle 450 Baalspropheten am Bach Kischon . Daraufhin setzt der Regen wieder ein, und die Dürre ist beendet. Die vierhundert Propheten der Aschera werden an dieser Stelle nicht mehr erwähnt.
Elija muss nach dieser Machtprobe aus Israel fliehen, da die Königin Isebel ihn hinrichten lassen will. Er flieht nach Be’er Scheva im Süden Judas. Dann flieht er in die Wildnis und ist bedrückt. Ein Engel bittet ihn, zum Berg Horeb zu reisen. Nach einigen Machtdemonstrationen, bei denen JHWH sich aber nicht zeigt, offenbart er sich Elija in einem „sanften Säuseln“. JHWH ermutigt Elija durch die Nachricht, dass es in Israel 7000 Anbeter JHWHs gebe, die nicht Baal dienten. JHWH schickt ihn zurück, und er soll drei Männer salben, um eine besondere Aufgabe für JHWH zu vollbringen: Hasael soll König von Syrien werden, Jehu König von Israel und Elischa der Nachfolger von Elija.
Nachdem Elija diese Aufgaben ausgeführt hat, begegnet er König Ahab noch einmal und prophezeit seinen Tod. Ahab hatte sich mit Hilfe seiner Frau Isebel am Grundbesitz des einfachen Israeliten Nabot vergriffen. König Ahab stirbt drei Jahre danach. Königin Isebel soll dasselbe Schicksal erleiden und wird 15 Jahre später durch König Jehu hingerichtet. Der Sohn Ahabs, Ahasja, wird bei einem Unfall verletzt und befragt Baal-Sebub, den Gott von Ekron, über sein Schicksal. Daraufhin beauftragt JHWH Elija, Ahasja mitzuteilen, dass er sterben wird, weil er sich an einen fremden Gott und nicht an JHWH, den Gott für Israel, gewandt hat. Ahasja will ihn daraufhin gefangen nehmen und sendet eine militärische Einheit von 50 Mann. Diese und noch eine weitere wird von Gott durch Feuer vernichtet. Erst die dritte Einheit darf am Leben bleiben, weil deren Hauptmann Elija um sein Leben anfleht.
Nach wird Elija durch einen feurigen Wagen mit feurigen Rossen von seinem Nachfolger Elischa getrennt und in einem Sturmwind zum Himmel entrückt, ohne dass sein Tod oder die Trauer seines Nachfolgers Elischa erwähnt wird. Zuvor hatte Elija dem König Joram von Juda einen Brief mit einer Gerichtsbotschaft geschrieben. Darum entstand im Judentum früh der Glaube, Elija sei nicht gestorben, sondern lebend in den Himmel aufgenommen worden (siehe auch Henoch). Er gilt seither als der wichtigste Prophet nach Mose. Der Prophet Maleachi kündigt die Wiederkunft Elijas als Wegbereiter des Messias an. Nach wird Elija noch vor dem kommenden Gerichtstag Gottes ganz Israel zur Umkehr zu Gott und seinen Geboten sowie zur Versöhnung untereinander bewegen. Die Berichte der Evangelien belegen, dass um die Zeitenwende während der römischen Besatzung die Erwartung des Messias und die Elijaerwartung besonders ausgeprägt waren.
Im Judentum spielt diese Erwartung heute noch eine Rolle. Elija gilt hier vor allem als Symbol für Standhaftigkeit in Zeiten von Unterdrückung und Götzenanbetung. So wird an Pessach bis heute seine Ankunft auf der Erde symbolisch dargestellt. Die Haggadah für Pessach hat folgende Handlungen tradiert: Bei jedem Sederabend, in den Abschnitten Barech und Hallel, wird ein weiterer Becher für Elija aufgestellt und gefüllt. Kommt es zur Leerung seines Bechers, wird die Wohnungstüre geöffnet, damit er hereintreten könne. Es wird ein Lobgebet (Hallel=Psalmen 113–118) gesprochen und die Tür wird wieder verschlossen. Die symbolische Bedeutung Elijas kommt in einigen Passagen des Seders zum Ausdruck.
Da Elija vor seinem Tod entrückt wurde, tritt er in der jüdischen Tradition immer wieder als Mittler zwischen Gott und den Menschen auf und seine Wiederkunft als Vorläufer des Messias wird erwartet.
Neues Testament
Die Erwartung der Wiederkunft Elijas zeigt auch das Neue Testament. Manche Juden sahen in Jesus von Nazaret zu dessen Lebzeiten den wiedergekommenen Elija (; ), vermutlich weil einige der Heiltaten Jesu den in der Bibel überlieferten Wundertaten Elijas und Elischas ähnelten. Die Berichte von Totenerweckungen Jesu (; ) wurden im Neuen Testament literarisch als deren Überbietung stilisiert. Bei der Kreuzigung Christi missverstanden einige dabeistehende Juden seinen aramäischen Schrei nach als Ruf nach Rettung durch Elija (), der als Anwalt ungerecht verurteilter Juden galt.
Viele Urchristen dagegen sahen wahrscheinlich im Anschluss an Jesus () Johannes den Täufer als den wiedergekommenen Elija, der dem Messias den Weg bereitet habe. Dieser Glaube prägte auch die lukanischen Berichte zu Johannes dem Täufer, indem der Erzengel Gabriel seinem Vater Zacharias diese Identität seines künftigen Sohnes enthüllt (). Nicht alle Urchristen teilten diesen Glauben, denn nach verneinte Johannes, der wiedergekehrte Elija zu sein. Jedoch erklärt Jesus selbst, dass Johannes der Täufer der Elija sei (; ), der der Vorhersage nach () nochmals als Wegbereiter des Herrn auf die Erde kommen soll.
Die Karmeliten verehren Elija als Mitbegründer des Ordens. Daher findet man ihn häufig in der Gruppe der Ordensstifter dargestellt, auch in Rom im Petersdom.
Koran
Im Koran heißt dieser Prophet Ilyās (), in der arabischen Bibelübersetzung Īliyā (). Er wird in zwei koranischen Suren erwähnt. In wird der Prophet in einer Reihe von „Rechtschaffenen“ genannt:
Der Gedanke der Rechtschaffenheit wird in wieder aufgenommen. Zudem wird hier in direkter Rede Gottes von der Konfrontation mit den Baalsverehrern erzählt:
Bahaitum
Anhänger des Bahaitums glauben, Elija sei 1844 in Schiras, in Iran, als Bab zurückgekehrt. Jedoch verstehen sie dies nicht als körperliche Wiederkehr. Sie sehen vielmehr im Bab denselben Geist, von dem Elija (wie auch Johannes der Täufer) erfüllt gewesen sei. Die sterblichen Überreste des Bab wurden auf dem Berg Karmel beigesetzt, auf dem Elija seine Auseinandersetzung mit den Propheten des Baal hatte.
Verehrung und Brauchtum
In der römisch-katholischen Kirche und den orthodoxen Kirchen wird Elija als Heiliger verehrt. Sein Gedenktag in der Liturgie der römisch-katholischen, orthodoxen und armenischen Kirche sowie in der Lutherischen Kirche – Missouri-Synode ist der 20. Juli, in der koptischen Kirche der 1. Januar, in der syrisch-orthodoxen Kirche der 1. Februar. Verschiedene Eliaskirchen sind ihm geweiht.
In der Raumschaft Vorderösterreichs wurde im 17. Jahrhundert der Kapuziner-Pater Stanislaus Saurbeck als „wortgewaltiger Prediger“, aufgrund seiner nachhaltigen Missionstätigkeit im Bregenzerwald und in der Abwehr der Schweden im Dreißigjährigen Krieg als „Elias seiner Zeit“ bezeichnet.
Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage glaubt, dass Elija 1836 zurückgekommen sei, um Joseph Smith zu treffen.
Die biblische Perikope über Elija ist Thema des Oratoriums Elias von Felix Mendelssohn Bartholdy.
Elija spielt auch in verschiedenen Brauchtümern eine Rolle. In Bulgarien und Serbien ist er als Elija der Donner bekannt und sein Gedenktag am 20. Juli soll sommerliche Stürme, Hagel, Regen und Donner mit sich bringen. Alte Dampflokomotiven wurden früher im Volksmund nach Elijas Himmelfahrt oft feuriger Elias genannt.
Üblicherweise wurden die jeweils höchsten Berge auf den griechischen Inseln nach Elija benannt (siehe Profitis Ilias).
Der Indogermanist Otto Schrader berichtet, wie er am Eliastag 1907 in Namojewo in Karelien miterlebte, wie dem Heiligen im Stil eines archaischen heidnischen Opferrituals ein Hammel geschlachtet wurde, und schließt aus dieser Beobachtung und aus älteren ähnlichen Berichten, Elija sei an die Stelle eines ebenfalls in einem Wagen durch die Luft fahrenden alten Gottes getreten.
Ikonographie
Die Bedeutung des Elija für die jüdische Religiosität kommt in den frühen Fresken der Synagoge von Dura Europos (Syrien, 245–256 n. Chr.) zum Ausdruck. Auch in vielen Drucken und Bilderhandschriften der Haggadah ist der Prophet dargestellt.
Das Auftreten des Elija in der christlichen Bilderwelt hat durchweg typologische Bedeutung, verweist also mit der alttestamentlichen Vorausdeutung auf ein neutestamentliches Ereignis. So ist die schon in der byzantinischen Kunst thematisierte Himmelfahrt des Elija eine Präfiguration der Himmelfahrt Christi. Auch das Erscheinen des Mose und des Elija bei der Verklärung Christi steht für diesen Sinnbezug. Vom 13. Jahrhundert an werden in typologischen Kompendien (Armenbibel, Heilsspiegel, Concordantia veteris et novi testamenti, Bible moralisée) entsprechende Gegenüberstellungen reihenweise verbildlicht, etwa
Elijas Ölwunder für die Witwe von Sarepta – die wundersame Brotvermehrung
Erweckung des Sohnes der Witwe – Erweckung des Sohnes einer Witwe (des Jünglings von Nain)
Isebel fordert den Tod des Elija – Christus vor Pilatus
Die nachmittelalterliche europäische Kunst entwickelte die Elija-Ikonographie kaum weiter und beschränkte sich auf vereinzelte Darstellungen moralisierender, allegorischer oder emblematischer Art.
In der äthiopischen Buchmalerei wird Elija häufig neben Henoch dargestellt, der einzigen weiteren Person, deren Himmelfahrt im Alten Testament beschrieben ist, so in der Handschrift Gunda Gunde 151 aus dem 16. Jahrhundert. Die Darstellung, die auch die Übergabe des Prophetenamtes an Elischa durch Überlassung des Prophetenmantels einschließt, verzichtet gänzlich auf christliche Typologie.
Aus der niederländischen Malerei des 16. und 17. Jahrhunderts ist eine größere Anzahl von Gemälden mit szenischen Darstellungen dieses Themas bekannt.
Literatur
Exegese
Rainer Albertz: Elia. Ein feuriger Kämpfer für Gott. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2006, ISBN 3-374-02351-7.
Frank Crüsemann: Elia – die Entdeckung der Einheit Gottes. Christian Kaiser Verlag, Gütersloh 1997. ISBN 3-579-05154-7.
Matthias Köckert: Elia. In: Manfred Oeming, Klaus Schmid: Der eine Gott und die Götter – Polytheismus und Monotheismus im antiken Israel. Theologischer Verlag, Zürich 2003, S. 111–144, ISBN 3-290-17273-2.
Matthias Köckert: Gibt es keinen Gott in Israel? In: Festschrift Hans-Christoph Schmitt. Beihefte zur Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft. Bd. 370. de Gruyter, Berlin 2006, S. 253–271, .
Susanne Otto: Jehu, Elia und Elisa. Die Erzählung von der Jehu-Revolution und die Komposition der Elia-Erzählungen. Kohlhammer, Stuttgart 2001, ISBN 3-17-016764-2.
Ernst Modersohn: Der Prophet Elia. Biblische Betrachtungen. Herausgegeben vom Evangelisch-kirchlichen Gnadauer Gemeinschaftswerk, 3., veränderte Auflage, Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1960, .
Praktische Theologie
Adrienne von Speyr: Elija. 2. Auflage, Johannes Verlag, Einsiedeln 2008, ISBN 3-89411-227-1.
Anselm Grün: Kämpfen und lieben. Wie Männer zu sich selbst finden. Vier Türme, 6. Auflage, Münsterschwarzach 2003, ISBN 3-87868-285-9.
Klaus Grünwaldt, Harald Schroeter (Hrsg.): Was suchst du hier, Elia? Ein hermeneutisches Arbeitsbuch. CMZ, Rheinbach 1995, ISBN 3-87062-020-X.
Shoghi Effendi: Gott geht vorüber, Bahai-Verlag, Hofheim-Langenhain 1974, ISBN 3-87037-021-1, Online
Ikonographie
Leonie von Wilckens, Karl-August Wirth: Elia (Elias). In: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. IV (1957), Sp. 1372–1406; auch digital in: RDK Labor [28. Januar 2017]
Hiltgart L. Keller: Reclams Lexikon der Heiligen und der biblischen Gestalten. Stuttgart 1968, S. 164–167.
Fiktion
Martin Buber: Elija. Ein Mysterienspiel. Verlag Lambert Schneider, Heidelberg 1963.
Paulo Coelho: Der fünfte Berg. Diogenes, Zürich 1998, ISBN 3-257-23158-X.
Weblinks
Einzelnachweise
Person im 1. Buch der Könige
Prophet des Alten Testaments
Person des evangelischen Namenkalenders
Geboren im 10. Jahrhundert v. Chr.
Gestorben im 9. Jahrhundert v. Chr.
Mann
Prophet des Islam
Person im 2. Buch der Könige
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Q133507
| 119.210091 |
519041
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https://de.wikipedia.org/wiki/800-Meter-Lauf
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800-Meter-Lauf
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Der 800-Meter-Lauf ist eine Disziplin in der Leichtathletik. Zusammen mit dem 1000-Meter-Lauf, dem 1500-Meter-Lauf und dem Meilenlauf gehört er zu den Mittelstrecken.
Im Wettkampf sind zwei ganze Stadionrunden zu laufen. Um Drängeleien zu vermeiden, werden seit den Olympischen Spielen 1960 die ersten 100 Meter, also die Strecke bis nach der ersten Kurve, in Bahnen gelaufen. Danach ist durch eine gekrümmte sogenannte Übergangslinie die Stelle markiert, an der der Läufer seine Bahn verlassen darf.
Die Läufer starten im Stehen, also im Hochstart. Gelegentlich, wenn die Anzahl der Einzelbahnen nicht ausreicht, laufen zwei Läufer je Bahn.
Die schnellsten Männer erreichen Zeiten von ca. 1:41 Minuten (Weltrekord: 1:40,91 min), das entspricht 7,84 m/s oder 28,23 km/h.
Die schnellsten Frauen erreichen Zeiten von ca. 1:54 Minuten (Weltrekord: 1:53,28 min), das entspricht 7,01 m/s oder 25,26 km/h.
Der 800-Meter-Lauf ist eine der ältesten Wettkampfstrecken und steht bei den Männern seit den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit, 1896 im Programm. Für Frauen wurde er einmal ebenfalls zu den ersten Spielen mit Frauenbeteiligung (1928) ausgetragen, danach erst wieder ab 1960.
Geschichte
Der 800-Meter-Lauf ist von der Strecke der halben englischen Meile abgeleitet (880 Yards oder 804,67 m), die zuerst in Großbritannien um 1830 im Wettkampf gelaufen wurde.
Lange Zeit war es üblich, die erste Runde sehr schnell zu laufen, bis man erkannte, dass sich bessere Zeiten erzielen lassen, wenn beide Runden möglichst in der gleichen Zeit gelaufen werden. Dem Briten Tommy Hampson gelang es auf diese Weise, erstmals unter 1:50 Minuten zu bleiben: Er lief am 2. August 1932 die 800 Meter in 1:49,7 min mit Rundenzeiten von 54,8 Sekunden und 54,9 Sekunden.
Seit Ende der 1930er Jahre waren Intervallläufe das bevorzugte Trainingsmittel. Dabei werden Strecken, die kürzer als die Wettkampfstrecke sind, häufig und mit nur kurzen Erholungspausen wiederholt, also z. B. 50-mal 100 Meter oder 20-mal 200 Meter. Dem Deutschen Rudolf Harbig gelang mit der Intervallmethode unter seinem Trainer Woldemar Gerschler am 15. Juli 1939 eine Weltrekordzeit von 1:46,6 min.
Seit Beginn der 1960er Jahre wurde das Intervalltraining durch Ausdauertraining verdrängt. Bei den Olympischen Spielen 1960 gewann der Neuseeländer Peter Snell als bis dahin kaum bekannter Läufer die Goldmedaille über 800 Meter, nachdem er nach der Ausdauermethode von Arthur Lydiard trainiert hatte. Vier Jahre später konnte er bei den Olympischen Spielen 1964 sowohl über 800 und 1500 Meter die Goldmedaille erringen.
Sebastian Coe war einer der ersten, die sich von der eher ausdauerorientierten Methode Lydiards abwandten und ein komplexeres Training mit geringerem Umfang (Multi-Stufen-Training) einschlugen. Coe konnte damit den 800-Meter-Weltrekord bis auf 1:41,73 min verbessern.
Der 800-Meter-Lauf der Frauen wurde bei den Olympischen Spielen 1928 erstmals ins Wettkampfprogramm aufgenommen, aber danach sofort wieder gestrichen, weil den anwesenden Funktionären und Journalisten die Teilnehmerinnen zu erschöpft schienen. Danach wurde die Strecke noch bei den Frauen-Weltspielen gelaufen – letztmals 1934, so dass es danach für Frauen keine hochrangigen Mittelstreckenwettkämpfe mehr gab. Seit 1954 gehört der 800-Meter-Lauf wieder zum Programm der Leichtathletik-Europameisterschaften, seit 1960 laufen die Frauen die Strecke wieder bei Olympischen Spielen.
In die Rekordlisten werden auch Zeiten aufgenommen, die bei 880-Yards-Rennen (804,67 m) erzielt wurden.
Meilensteine
Erster offiziell von der IAAF anerkannter Weltrekord: 1:51,9 min, , am 8. Juli 1912
Erster Mann unter 2 Minuten: 1:59,8 min, , am 26. März 1873
Erster offizieller Frauenweltrekord: 2:30,4 min, , am 20. August 1922
Erste Frau unter 2 Minuten: 1:59,1 min, , 12. November 1963 (kein offizieller Weltrekord)
Männerweltrekord mit dem längsten Bestand: 1:41,73 min, am 10. Juni 1981, verbessert durch am 13. August 1997
Männerweltrekord am schnellsten und aktuell: 1:40,91 min, im Jahr 2012
Frauenweltrekord mit dem längsten Bestand: 1:53,28 min, , seit 26. Juli 1983
Erfolgreichste Sportler
Je zwei Olympiasiege:
, 1924 und 1928
, 1948 und 1952
, 1960 und 1964
, 2012 und 2016
Je drei Weltmeisterschaftssiege:
, 1993, 2001 und 2003
, 1995, 1997 und 1999
Deutsche Olympiasieger:
, 1928
, 1972
, 1988
, 2000
Statistik
Medaillengewinner der Olympischen Spiele
Männer
Frauen
Medaillengewinner der Weltmeisterschaften
Männer
Frauen
Siehe auch
Medaillengewinner bei Olympischen Spielen
Medaillengewinner bei Weltmeisterschaften
Medaillengewinnerinnen bei Olympischen Spielen
Medaillengewinnerinnen bei Weltmeisterschaften
Weltrekordentwicklung
Männer
y: Endzeit in einem 880-Yards-Lauf (804,68 m)
Frauen
y: Endzeit in einem 880-Yards-Lauf (804,68 m)
Weitere Rekorde
(Stand: 2012)
Weltbestenliste
Männer
Alle Läufer mit einer Zeit von 1:43,15 Minuten oder schneller.
Letzte Veränderung: 15. Oktober 2019
1:40,91 min , London, 9. August 2012
1:41,11 min , Köln, 24. August 1997
1:41,73 min , Florenz, 10. Juni 1981
1:41,73 min , London, 9. August 2012
1:41,77 min , Köln, 26. August 1984
1:42,05 min , London, 22. Juli 2018
1:42,23 min , Oslo, 4. Juni 2010
1:42,28 min , Köln, 26. August 1984
1:42,34 min , Rieti, 8. September 2002
1:42,34 min , Doha, 1. Oktober 2019
1:42,37 min , Brüssel, 6. September 2013
1:42,47 min , Brüssel, 24. August 2001
1:42,51 min , Monaco, 17. Juli 2015
1:42,53 min , London, 9. August 2012
1:42,53 min , Monaco, 18. Juli 2014
1:42,54 min , Monaco, 12. Juli 2019
1:42,55 min , Zürich, 17. August 2001 Schweizer Rekord
1:42,58 min , Atlanta, 31. Juli 1996
1:42,60 min , Koblenz, 28. August 1985
1:42,61 min , Rio de Janeiro, 15. August 2016
1:42,62 min , Zürich, 13. August 1997
1:42,67 min , Rieti, 6. September 2009
1:42,69 min , Brüssel, 3. September 1999
1:42,69 min , Brüssel, 3. September 1999
1:42,79 min , Atlanta, 31. Juli 1996
1:42,79 min , Monaco, 29. Juli 2008
1:42,81 min , Zürich, 17. August 2001
1:42,82 min , London, 9. August 2012
1:42,85 min , Atlanta, 31. Juli 1996
1:42,86 min , Rieti, 6. September 2009
1:42,87 min , Paris, 27. August 2016
1:42,88 min , Zürich, 21. August 1985
1:42,91 min , Rieti, 8. September 2002
1:42,93 min , Rio de Janeiro, 15. August 2016
1:42,95 min , Rieti, 29. August 2010
1:42,95 min , London, 9. August 2012
1:42,97 min , Sevilla, 30. Mai 1990
1:42,97 min , Monaco, 17. Juli 2015
1:42,98 min , Köln, 24. August 1997
1:43,03 min , Stuttgart, 19. Juli 1998
1:43,05 min , Paris, 27. August 2016
1:43,06 min , Rom, 1. September 1987
1:43,07 min , Jerez de la Frontera, 24. Juni 2008
1:43,08 min , Rieti, 6. September 1991
1:43,09 min , Brüssel, 3. September 1999
1:43,11 min , Nairobi, 22. August 2019
1:43,12 min , London, 22. Juli 2018
1:43,13 min , Monaco, 20. Juli 2012
1:43,15 min , Rieti, 8. September 2002
1:43,15 min , Monaco, 22. Juli 2011
Deutscher Rekord: Willi Wülbeck – 1:43,65 min am 9. August 1983 in Helsinki
Österreichischer Rekord: Michael Wildner – 1:46,21 min am 19. Juli 1992 in Ingolstadt
Frauen
Alle Läuferinnen mit einer Zeit von 1:56,60 min oder schneller.
Letzte Veränderung: 19. September 2023
1:53,28 min , München, 26. Juli 1983
1:53,43 min , Moskau, 27. Juli 1980
1:54,01 min , Zürich, 29. August 2008
1:54,25 min , Paris, 30. Juni 2018
1:54,44 min , Barcelona, 9. September 1989
1:54,81 min , Moskau, 27. Juli 1980
1:54,94 min , Montreal, 26. Juli 1976
1:54,97 min , Eugene, 17. September 2023
1:55,05 min , Bukarest, 1. August 1982
1:55,19 min , Zürich, 17. August 1994
1:55,19 min , Heusden-Zolder, 20. Juli 2002
1:55,19 min , Eugene, 17. September 2023
1:55,26 min , Rom, 31. August 1987, Deutscher Rekord
1:55,32 min , Rom, 31. August 1987
1:55,42 min , Montreal, 26. Juli 1976
1:55,46 min , Moskau, 27. Juli 1980
1:55,47 min , Monaco, 21. Juli 2017
1:55,54 min , Barcelona, 3. August 1992
1:55,54 min , Peking, 9. September 1993
1:55,56 min , Rom, 31. August 1987
1:55,60 min , Montreal, 26. Juli 1976
1:55,61 min , Monaco, 21. Juli 2017
1:55,68 min , Bukarest, 2. Juni 1985
1:55,69 min , Kiew, 22. Juni 1984
1:55,74 min , Montreal, 26. Juli 1976
1:55,87 min , Moskau, 18. Juni 1999
1:55,96 min , Athen, 8. September 1982
1:55,96 min , Leningrad, 27. Juli 1983
1:55,96 min , Eugene, 17. September 2023
1:55,99 min , Barcelona, 3. August 1992
1:56,00 min , Kasan, 18. Juli 2008
1:56,03 min , Budapest, 27. August 2023
1:56,04 min , Osaka, 28. August 2007
1:56,09 min , Monaco, 19. Juli 2002
1:56,21 min , Moskau, 27. Juli 1980
1:56,21 min , Leningrad, 27. Juli 1983
1:56,21 min , Monaco, 9. September 1995
1:56,24 min , Leningrad, 1. August 1985
1:56,24 min , Peking, 9. September 1993
1:56,28 min , Stockholm, 4. Juli 2021
1:56,40 min , Zürich, 11. August 1999
1:56,42 min , Ankara, 16. Juli 1988
1:56,43 min , Athen, 23. August 2004
1:56,44 min , Montreal, 26. Juli 1976
1:56,51 min , Belgrad, 17. Juni 1987
1:56,53 min , Monaco, 9. September 1995
1:56,56 min , Zürich, 11. August 1999
1:56,57 min , Prag, 31. August 1978
1:56,59 min , Prag, 31. August 1978
1:56,59 min , Tula, 31. Juli 2004
Österreichischer Rekord: Stephanie Graf – 1:56,64 min am 25. September 2000 in Sydney
Schweizer Rekord: Selina Büchel – 1:57,95 min am 4. Juli 2015 in Paris
Trainingsmethoden
Es gibt drei Trainingsmethoden, die man als Haupttrainingsmethoden bezeichnen kann: Intensives Intervall-Training, Dauerleistungstraining, Multi-Stufen-Training. Des Weiteren gibt es eine Reihe von Abwandlungen dieser Methoden.
Intensives Intervalltraining (nach Woldemar Gerschler)
Das von dem Dresdner Woldemar Gerschler erstmals bei Rudolf Harbig angewandte Training zielt auf besonders häufige und auch schnelle Wiederholungen kurzer Strecken (bis max. 600 Meter) mit geringen Pausen ab. Dadurch wird die Schnelligkeitsausdauer dermaßen verbessert, dass über 800 Meter die Laktat-Belastung am Ende eines Rennens nicht mehr so extrem ist.
Harbig lief durch diese Methode z. B. 1939 den Weltrekord über 800 Meter von 1:46,6 min und wurde 1938 auch Europameister.
Dauerleistungstraining (nach Arthur Lydiard)
Ende der 1950er Jahre gelangte der Neuseeländer Arthur Lydiard zu der Erkenntnis, dass man durch hohe Dauerlaufumfänge (bis zu 160 Kilometer pro Woche) die individuelle anaerobe Schwelle (die Schwelle zwischen jeweils überwiegend durch Glykolyse bewirkte Energiebereitstellung) weiter nach oben verschieben kann.
Durch diese Trainingsmethode gewann z. B. Peter Snell dreimal olympisches Gold über 800 und 1500 Meter. Snell verbesserte auch den Weltrekord über 800 Meter.
Multi-Stufen-Training (nach Peter Coe)
Das Multi-Stufen-Training wurde Anfang der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts durch den Briten Peter Coe, Vater des legendären Sebastian Coe, entwickelt. Diese Trainingsmethode zielt auf ein komplexes Training ab. Es werden also das ganze Jahr über Dauerläufe, Schnelligkeitstraining, Krafttraining und koordinatives Training absolviert. Je nach Saisonzeitpunkt werden aber die Schwerpunkte des Trainings verändert. So werden im Winter auf der Nordhalbkugel eher lange Läufe bevorzugt, um eine Grundlage für das im Frühjahr beginnende Tempotraining zu erarbeiten. Im Sommer oder vor Saisonhöhepunkten kann dann mit vielen kurzen Tempoläufen der letzte Schliff für den Wettkampfsportler gegeben werden. Grundlegende Aspekte des Multi-Stufen-Training waren bereits im Multi-Tempo-Training Frank Horwills vom British Milers Club, dem auch Sebastian Coe angehörte, enthalten.
Mit dieser Trainingsmethode gewann z. B. Sebastian Coe zweimal olympisches Gold über 1500 und zweimal olympisches Silber über 800 Meter. Des Weiteren stellte Coe zahlreiche Weltrekorde von 800 Meter bis zur Meile auf. Auch Saïd Aouita und die Trainingsgruppe um Hicham El Guerrouj wendeten leicht abgeänderte Versionen des Multi-Stufen-Trainings an.
Siehe auch
Liste der olympischen Mannschaftskürzel
Liste der Nationalrekorde im 800-Meter-Lauf der Frauen
Literatur
Arnd Krüger: Die Einordnung der Leistung Roger Bannisters in die Geschichte des Trainings für Mittel- und Langstrecke, in: J. BUSCHMANN & S. WASSONG (Hrsg.): Langlauf durch die olympische Geschichte. Festschrift für Karl Lennartz. Köln: Carl und Liselott Diem – Archiv 2005, 349 – 372. ISDN: 3883380156
Arnd Krüger: Viele Wege führen nach Olympia. Die Veränderungen in den Trainingssystemen für Mittel- und Langstreckenläufer (1850–1997), in: N. Gissel (Hrsg.): Sportliche Leistung im Wandel. Hamburg 1998: Czwalina, S. 41–56.
Progression of World best performances and official IAAF World Records, 2003 Edition, Monaco, 2003, S. 50 ff. u. S. 259 ff. (englisch)
Weblinks
Ewige Weltbestenliste der IAAF, 800 m Männer (englisch)
Ewige Weltbestenliste der IAAF, 800 m Frauen (englisch)
(englisch)
Statistische Website über den 800-m-Lauf (englisch)
Lauf 00800
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Q271008
| 107.774614 |
246524
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https://de.wikipedia.org/wiki/Xia-Dynastie
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Xia-Dynastie
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Die Xia-Dynastie () ist gemäß späterer Überlieferung die erste Dynastie in der chinesischen Geschichte. Sie existierte, je nach angenommener Chronologie, möglicherweise zwischen ca. 2200 und ca. 1800 v. Chr., oder zwischen 2000 und 1600 v. Chr. Überliefert sind insgesamt Namen von 17 Königen aus 13 Generationen. Der in ihrer Existenz umstrittenen Xia-Dynastie folgte die Shang-Dynastie, für welche es auch schriftliche Belege aus archäologischen Funden gibt.
Forschungsgeschichte
Die tatsächliche Existenz einer staatlichen Zentralgewalt unter der Xia-Dynastie (gelegentlich auch Hia-Dynastie geschrieben) wird bis heute von vielen, vor allem westlichen Historikern bezweifelt. Sie kritisieren dabei vor allem das Fehlen überzeugender zeitgenössischer Artefakte, während die ersten schriftlichen Berichte über die Xia-Dynastie erst im zeitlichen Abstand von über 1000 Jahren nach dem Zeitgeschehen vorliegen, so dass man zwischen Sagen und Realität kaum unterscheiden kann.
Viele chinesische Historiker und Archäologen gehen jedoch davon aus, dass die historische Aufzeichnung im Kern die Realität darstellt. Vor allem werden reiche Siedlungsreste aus der frühen Bronzezeit in der Nähe von Anyang in der Provinz Henan, die 1928 entdeckt wurden, als eine Hauptstadt der Xia interpretiert. Einheimische Forscher sehen diese Dynastie daher in der Erlitou-Kultur angesiedelt. Vor allem in den 1960er und 1970er Jahren wurden in dem Bereich, der historischen Überlieferungen nach zum Herrschaftsgebiet der Xia zählen soll, mehrere bronzezeitliche Siedlungen und Gräber entdeckt und ausgegraben, die auf die Existenz eines einheitlichen Staates hindeuten. Da von der Xia-Zeit keine schriftlichen Dokumente hinterlassen worden sind, blieb die Interpretation der Ausgrabungen in Hinsicht auf die Existenz einer Zentralregierung schwierig.
Flutmythos
Neuere Forschungen haben sich mit dem Flutmythos beschäftigt, in der sich der Held Yu hervorgetan haben soll, wodurch er zum Herrscher erwählt wurde. Es handele sich nach der Rekonstruktion des Ereignisses um die größte Süßwasser-Flut, die je dokumentiert wurde.
Nach Ansicht der Forscher gab es um ca. 1922 ± 28 v. Chr. ein Erdbeben, das vom östlichen Tibet-Plateau ausging und eine Landrutschung in der Jishi-Schlucht in der Provinz Qinghai verursachte, bei der 40–80 Millionen m³ Gestein abrutschte und eine große Flut verursachte, wodurch die Qijia-Kultur am oberen Gelben Fluss zerstört wurde. Die Lajia-Fundstelle dokumentiert diese Zerstörung.
Gleichzeitig lassen sich mehrere Dämme am mittleren Gelben Fluss nachweisen, die Strukturen der Erlitou-Kultur schützten und den Fluss bändigten. Ein derartiges Bauprogramm weist auf eine zentrale Organisation hin. Somit kamen die Forscher um David J. Cohen zu dem Schluss, dass die frühe Erlitou-Kultur (datiert auf den Zeitraum 1900 bis 1500 v. Chr.) tatsächlich die Xia-Dynastie des ersten Herrschers Yu darstelle, der um 1920 v. Chr. den dynastischen Grundstein des frühen China gelegt haben soll.
Territorium
Nach der Beschreibung in antiken Texten reichte das Territorium der Xia nach Osten bis zu den Grenzen zwischen den heutigen Provinzen Henan, Hebei und Shandong, nach Süden bis Hubei, nach Westen bis zum südlichen Teil von Henan und nach Norden bis Hebei. Es konzentrierte sich im mittleren Lauf des Gelben Flusses und reichte teilweise bis zum Jangtsekiang. Ihre Hauptstadt wurde mehrfach verlegt, wobei mindestens eine der beschriebenen Stellen in der Nähe der Stadt Anyang in der Provinz Henan als eine relativ große, zeitgenössische Siedlung angesehen werden kann.
Gesellschaft
Vermutlich handelt es sich bei der Xia-Dynastie um einen Stammesverband unter Führung eines Königshauses. So befand sich die Gesellschaftsentwicklung zwischen frühem lockerem Stammesverband mit wechselndem Führer und späterem zentralistischen Staat.
Über das Leben, die Organisation, den Tageslauf der Menschen jener Zeit ist bislang nichts bekannt. Die antiken Textüberlieferungen begrenzen sich auf Aufzählungen der Ereignisse im Königshaus. Die Auswertungen der Ausgrabungen sind noch nicht besonders weit fortgeschritten.
Technologie
Landwirtschaft wurde zur Xia-Zeit bereits intensiv betrieben. Der Sage nach wurden zu dieser Zeit auch alkoholische Getränke gebraut. Um die Produktion der Landwirtschaft zu steigern, wurden die ersten Kalender angefertigt. In antiken Texten wurde der Ursprung des traditionellen chinesischen Kalenders auf das Kalenderwesen der Xia-Zeit zurückgeführt.
Ebenfalls betrieben wurde Viehwirtschaft. Angeblich wurde Pferdezucht besondere Bedeutung beigemessen.
Es gab wahrscheinlich bereits ausdifferenzierte Handwerksberufe für die Ton- und Bronzebearbeitung.
Geschichte
Der folgende Umriss der Ereignisse stammt wie oben erwähnt aus Dokumenten, die erst sehr viel später entstanden sind. Deren Genauigkeit und Wahrheitsgehalt sind kaum noch zu überprüfen.
Der Gründer der Xia-Dynastie war König Yu. Vor Yu wurde der Königstitel nicht dynastisch weitergereicht. Der neue König wurde vom alten König ernannt und von den Stämmen bestätigt. König Yu tat sich durch die Bekämpfung einer großen Überschwemmung hervor und erlangte so das Vertrauen des alten Königs Shun und der Stämme. Nach Yus Tod jedoch ließ sein Sohn Qǐ sich zum König ausrufen, der so das alte Empfehlungssystem außer Kraft setzte. Dies erregte den Widerstand unter den Stämmen, den Qǐ jedoch militärisch niederschlagen konnte. Danach ließ er die Stammesfürsten versammeln, um sein neues dynastisches System zu bestätigen.
Nach Qis Tod wurde sein Sohn Tài Kāng König. Da Tài Kāng ein sehr luxuriöses Leben führte und das Staatsgeschäft vernachlässigte, wurde ihm sein Königstitel von seinen fünf Brüdern streitig gemacht. Schließlich konnte sein Bruder Zhòng Kāng den Titel für sich gewinnen. (Es gibt auch Quellen, wonach Zhòng Kāng ein Sohn Tài Kāngs sei.) Der Bruderkampf hatte jedoch das Xia-Haus geschwächt, so dass Zhòng Kāngs Sohn Xiāng von einem Usurpator entmachtet werden konnte. Erst Xiāngs Sohn Shǎo Kāng konnte die Rebellion niederschlagen und die Dynastie wiederherstellen. Shǎo Kāngs Sohn Zhù konnte wieder erfolgreich und dauerhaft die Dynastie stärken. Am Ende der Dynastie jedoch, ab König Kǒng Jiǎ, wurde die Dynastie abermals von inneren Kämpfen geschwächt.
Der letzte Xia-König Jié wurde als besonders brutal beschrieben. Seine Gewaltherrschaft entzog der Xia-Dynastie jede Unterstützung aus der Bevölkerung und in den Stämmen, so dass der Führer Tāng des Stammes Shang in eine Rebellion ziehen konnte und so die Xia-Dynastie beendete. Bis heute gilt der Name Jie in China als Synonym für Gewaltherrschaft und Tyrannei.
Herrscher der Xia-Dynastie
* Die überlieferten Regierungszeiten stammen von antiken chinesischen Historikern und gelten als überholt, selbst für den Fall, dass es diese Herrscher tatsächlich gegeben haben sollte. Das moderne Chronologische Projekt Xia–Shang–Zhou setzte den Beginn der Xia-Dynastie auf ungefähr das Jahr 2070 v. Chr. fest, also mehr als ein Jahrhundert später. Diese und andere Festlegungen der VR China sind in der internationalen Forschergemeinschaft jedoch umstritten.
Siehe auch
Liste der chinesischen Dynastien
Literatur
Zur Schwierigkeit der Datierung der Xia-Dynastie vgl.:
Sarah Allan: Erlitou and the formation of Chinese Civilization: Toward a new Paradigma. In: The Journal of Asian Studies. Bd. 66, Nr. 2, 2007, S. 461–496, .
Herbert Franke, Rolf Trauzettel: Das Chinesische Kaiserreich (= Fischer Weltgeschichte. 19.) Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1968, [Die Autoren gehen davon aus (S. 18–26), dass die Hsia-Dynastie „kein Phantasieprodukt“ ist.]
Anthony François Paulus Hulsewé: China im Altertum. In: Propyläen Weltgeschichte. Band 2: Hochkulturen des mittleren und östlichen Asiens. Ullstein, Berlin u. a. 1962, S. 477–571, [Der Autor nimmt an (S. 491), dass die Geschichtlichkeit der Hsia künftig vielleicht bewiesen werden kann, er erwähnt aber auch eine Theorie, dass die Xia kontemporär zu den Shang gewesen sein könnten.].
Weblinks
Einzelnachweise
Chinesische Dynastie
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Q169705
| 114.6198 |
18274
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https://de.wikipedia.org/wiki/Daoismus
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Daoismus
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Der Daoismus (), gemäß anderen Umschriften auch Taoismus, ist eine chinesische Philosophie und Weltanschauung und wird als Chinas eigene und authentische Religion angesehen. Seine historisch gesicherten Ursprünge liegen im 4. Jahrhundert v. Chr., als das Daodejing (in älteren Umschriften Tao te king, Tao te ching u. Ä.) des Laozi (Laotse, Lao-tzu) entstand. Zwischen philosophischem und religiösem Daoismus bestehen zwar teils gewichtige Unterschiede, letztlich sind die beiden aber nicht scharf voneinander abzugrenzen.
Neben Konfuzianismus und Buddhismus ist der Daoismus eine der Drei Lehren (), durch die China maßgeblich geprägt wurde. Auch über China hinaus haben die Drei Lehren wesentlichen Einfluss auf Religion und Geisteswelt der Menschen ausgeübt. In China beeinflusste der Daoismus die Kultur in den Bereichen der Politik, Wirtschaft, Philosophie, Literatur, Kunst, Musik, Ernährungskunde, Medizin, Chemie, Kampfkunst und Geographie.
Entstehung
Wann genau die daoistische Lehre entstanden ist, bleibt unklar. Der Daoismus hat erst in einem langen Entwicklungsprozess Form angenommen, wobei fortlaufend Strömungen des Altertums integriert wurden. Mit der daoistischen Lehre wird viel Gedankengut aufgegriffen, das in China zur Zeit der Zhou-Dynastie (1040–256 v. Chr.) weit verbreitet war. Dazu gehören die kosmologischen Vorstellungen von Himmel und Erde, die Fünf Wandlungsphasen, die Lehre vom Qì (Energie), Yin und Yang und das Yijing (I Ging), aber auch die Tradition der Körper- und Geisteskultivierung, mittels deren mit Atemkontrolle und anderen Techniken wie Taijiquan und Qigong, Meditation, Visualisation und Imagination, Alchemie und magischen Techniken Unsterblichkeit erreicht werden wollte.
Die Suche nach Unsterblichkeit, ein zentrales Thema des Daoismus, geht wahrscheinlich auf sehr alte Glaubensinhalte zurück, denn im Zhuangzi, einem daoistischen Klassiker aus dem 4. Jahrhundert v. Chr., werden bereits die Xian erwähnt, die Unsterblichen, deren wichtigste der gelbe Kaiser, Huangdi, und die Königinmutter des Westens, Xiwangmu, sind. Es handelt sich dabei um Gestalten, die möglicherweise schon in der Shang-Zeit im 2. Jahrtausend v. Chr. existiert haben.
Verbreitung
Aufgrund der verschiedenen Ausprägungsformen, der unklaren Abgrenzung zu anderen Religionen und der mangelnden statistischen Erfassung in der Volksrepublik China ist die genaue Anzahl der Anhänger des Daoismus nur schwer zu erfassen. Ungefähr acht Millionen Daoisten leben auf Taiwan, wo viele Anhänger der daoistischen Schulen Zuflucht vor der Verfolgung durch die Kulturrevolution suchten.
Die daoistische Vereinigung in der Volksrepublik geht von ungefähr 60 Millionen daoistischen Gläubigen in der VR China aus. Auch unter den Überseechinesen und in anderen asiatischen Ländern wie Malaysia, Singapur, Vietnam, Japan und Korea ist der Daoismus verbreitet.
Laozi und das Daodejing
Ob es einen Denker namens Laozi () wirklich gegeben hat, wird bezweifelt. Traditionell wird ihm das Daodejing (der Klassiker vom Dao und vom De) zugeschrieben. Seine Biographie ist von Legenden umrankt und äußerst umstritten. Er soll zur Zeit der Frühlings- und Herbstannalen im 6. Jahrhundert v. Chr. gelebt haben, die von Unruhen und Kriegen geprägt war. Sie stellt eine Blütezeit der chinesischen Philosophie dar, da viele Gelehrte sich Gedanken machten, wie wieder Frieden und Stabilität erreicht werden könnten. Man spricht daher auch von der Zeit der Hundert Schulen. Das Daodejing enthält eine solche Lehre, die sich an den Herrscher richtet und Frieden hervorrufen will.
Das Daodejing wird auch mit dem Namen seines legendären Verfassers als Laozi bezeichnet. In seiner heutigen Form wird es in zwei Bücher mit insgesamt 81 Kapiteln unterteilt. Der erste Teil behandelt das Dao, der zweite das De. Das Buch stellt jedoch keine logisch aufgebaute Konstruktion einer Weltanschauung dar, sondern erscheint vielmehr als eine ungeordnete Sammlung mystischer Aphorismen, die zu eigener, subjektiver Interpretation anregen. Daher entstanden im Lauf der Zeit auch mehrere hundert Kommentare als Auslegungen des Texts sowie hunderte Übersetzungen.
Das Zhuangzi
Ganz anders geschrieben ist dagegen das Nanhua zhen jing, „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“ (eigentlich „Das wahre Buch aus Nanhua“, der Stadt, aus der Zhuangzi stammt, der auch „der wahre Mensch aus Nanhua“ genannt wurde). Es wurde im 4. Jahrhundert v. Chr., kurz nach der Entstehung des Daodejing, von Zhuangzi (Dschuang Dsi, Chuang-tzu, etwa 369–286 v. Chr.) verfasst, nach dem es auch Zhuangzi (auch Dschuang Dsi) genannt wird. In ihm wird das Wesen des Daoismus in oft paradoxen Parabeln und Anekdoten erläutert, in die philosophische Diskussionen eingeflochten sind. Zhuangzi greift dabei einige Vorstellungen vom Daodejing auf, weist aber andere weit von sich – so ist von der politischen Zielsetzung des Laozi bei ihm nichts mehr übrig. Der weltabgewandte Weise (Zhenren) ist hier das Idealbild. Wie beim Daodejing ist auch hier die Autorschaft umstritten. Zwar ist Zhuangzi mit Sicherheit eine historische Persönlichkeit, das Buch wurde aber wahrscheinlich in großen Teilen von seinen Schülern zusammengetragen.
Das Liezi
Das Liezi (auch Lieh-tzu oder Liä Dsi) oder das „Wahre Buch vom quellenden Urgrund“ ähnelt in einigen Abschnitten dem Zhuangzi. Die oft auf humorvolle Art dargebrachten Weisheiten wurden, so vermuten einige Gelehrte, in einem Zeitraum von etwa sechshundert Jahren (300 v. Chr. bis 300 n. Chr.) zusammengestellt. Andere sehen in Liezi eine historische Persönlichkeit, welche noch vor Zhuangzi gelebt hat, oder man ordnet das Buch einer philosophischen Schule zu. Das Buch umfasst die Lehren der Philosophen Liä Yü Kou und Yang Dschu, wobei Richard Wilhelm darauf hinweist, dass es für Ersteren keinen historischen Nachweis gibt. Die im ersten Buch gegebenen „Offenbarungen der unsichtbaren Welt“ zeigen die tiefgehende daoistische Auseinandersetzung mit philosophischen Fragen, wenn etwa im vierten Abschnitt ein Ausspruch des Herrn der gelben Erde zitiert wird: „Der Geist geht ein zu seinen Toren, der Leib kehrt heim zu seiner Wurzel, wie soll das Ich da dauern können?“, oder im siebten und achten Abschnitt zwei dem Konfuzius (im Text: Dschung Ni), bzw. dem „Meister Yän“ zugeschriebene Zitate gebracht werden, in denen es sinngemäß heißt: „Groß ist der Tod: Die Guten bringt er zur Ruhe, die Schlechten unterwirft er.“
Zur Zeit des Laozi und des Zhuangzi ist weder eine philosophische noch eine religiöse Organisation nachweisbar, die man Daoismus nennen könnte. Es gibt nur vereinzelte Texte, die von daoistischem Gedankengut zeugen und die später, als sich daoistische Organisationen gründeten, als kanonische Schriften aufgefasst wurden. Jedoch ist unstrittig, dass diese Texte im Zusammenhang mit religiösen Praktiken und Glaubensinhalten entwickelt wurden.
Daoismus zwischen Philosophie und Religion
Die Unterscheidung zwischen Daoismus als Religion und Daoismus als Philosophie, die lange ausgehend von der Sinologie verwendet wurde, ist begrifflich unscharf. Sie stellt eher ein Hilfsmittel der westlichen Sinologie dar und wurde eingeführt, um verschiedene Aspekte der langen Geschichte des Daoismus leichter beschreiben zu können. Dennoch wird auch im Chinesischen zwischen philosophischem Daoismus (Daojia, ) und religiösem Daoismus (Daojiao, ) unterschieden. Der Daoismus ist jedoch eine ebenso facettenreiche Erscheinung wie andere Religionen auch. Im Laufe seiner über zweitausendjährigen Geschichte wurden die unterschiedlichsten Lehren und Systeme herausgebildet. Heutige Sinologen sehen im religiösen Daoismus die praktische Verwirklichung des philosophischen Daoismus. Die Trennung von religiösem und philosophischem Daoismus ist daher eine Vereinfachung; in der Forschung gibt es daher Tendenzen, diese Unterscheidung nicht mehr zu verwenden, weil sie der Komplexität des Gegenstands nicht gerecht werde. Das Begriffspaar ist immerhin von begrenztem Nutzen, weil es in einer Beschreibung des Daoismus eine erste, hilfreiche Gliederung ermöglicht. Der Sachverhalt ist aber sehr viel mehrgestaltiger, als es diese Vereinfachung nahelegt.
Das Dao
Das Wort „Daoismus“ ist abgeleitet vom Dao (Tao), einem Begriff der chinesischen Philosophie, der bereits vor dem Daodejing verwendet wurde, aber erst in diesem Text seine zentrale Stellung und besondere, universale Bedeutung erhielt. Dao bedeutete ursprünglich „Weg“, im klassischen Chinesisch aber bereits „Methode“, „Prinzip“, „der rechte Weg“. Bei Laozi nimmt dann der Begriff des Dao die Bedeutung eines der ganzen Welt zugrunde liegenden, alldurchdringenden Prinzips an. Es ist die höchste Wirklichkeit und das höchste Mysterium, die uranfängliche Einheit, das kosmische Gesetz und Absolute. Aus dem Dao entstehen die „zehntausend Dinge“, also der Kosmos, und auch die Ordnung der Dinge entsteht aus ihm, ähnlich einem Naturgesetz, doch ist dem Dao selbst kein omnipotentes Wesen zuzuschreiben, sondern es ist Ursprung und Vereinigung der Gegensätze, womit es letztlich undefinierbar ist.
Philosophisch könnte man das Dao als jenseits aller Begrifflichkeit fassen, weil es der Grund des Seins, die transzendente Ursache ist und somit alles, auch den Gegensatz von Sein und Nicht-Sein, enthält. In diesem Sinne kann nichts über das Dao ausgesagt werden, weil jede Definition eine Begrenzung enthält. Das Dao ist aber sowohl unbegrenzte Transzendenz, als auch das dem Kosmos, dem All immanente Prinzip.
Durch das Wirken des Dao wird die Schöpfung durch Zweiheit, Yin und Yang, Licht und Schatten, hervorgebracht, aus deren Wandlungen, Bewegungen und Wechselspielen dann die Welt hervorgeht.
Daoistische Ethik
Die ethische Lehre des Daoismus besagt, die Menschen sollten sich am Dao orientieren, indem sie den Lauf der Welt beobachten, in welchem sich das Dao äußert. Dadurch können sie die Gesetzmäßigkeiten und Erscheinungsformen dieses Weltprinzips kennenlernen. Da das Dao sich im Ziran, dem „Von-selbst-so-Seienden“, der Natur, offenbart, steht es für Natürlichkeit, Spontaneität und Wandlungsfähigkeit. Der Weise erreicht dabei die Harmonie mit dem Dao weniger durch Verstand, Willenskraft und bewusstes Handeln, sondern vielmehr auf mystisch-intuitive Weise, indem er sich dem Lauf der Dinge anpasst. Der Daoismus besagt, dass es im Kosmos nichts gibt, was fest ist: Alles ist dem Wandel (chin. ) unterworfen und der Weise verwirklicht das Dao durch Anpassung an das Wandeln, Werden und Wachsen, welches die phänomenale Welt ausmacht.
In den Wandlungen der Phänomene verwirklicht jedes Ding und Wesen spontan seinen eigenen „Weg“, sein eigenes Dao. Es wird als ethisch richtig erachtet, dieser Spontaneität ihren Lauf zu lassen und nicht einzugreifen, also Wu wei, „Nicht-Eingreifen“, „Nicht-Handeln“ oder „Nicht-Erzwingen“ zu praktizieren. Die Dinge und ihr Verlauf werden als sich selbst ordnend und sich selbst in ihrer Natur entfaltend und verwirklichend angesehen. Es erscheint dem Weisen als sinnlos, seine Energie in einem stetigen Willensakt der Handlung (des Eingreifens in das natürliche Wirken des Dao) zu verschwenden. Vielmehr sollte das Tun angemessen sein. Durch den angestrebten reinen und nicht selbstbezogenen Geist soll ein Handeln möglich werden, das nicht durch eigene Wünsche und Begierden verblendet wird. Der Mensch soll einfach „geschehen lassen“.
Es wird also als klug angesehen, sich möglichst wenig in das Wirken des Dao einzumischen oder sich ihm gar entgegenzustemmen. Besser als durch große Kraftanstrengungen werden Ziele verwirklicht, wenn dafür die natürlichen, von selbst ablaufenden Vorgänge genutzt werden, die durch das Dao bestimmt sind. Dieses Prinzip der Handlung ohne Kraftaufwand ist eben das Wu Wei. Indem der Weise die natürlichen Wandlungsprozesse mitvollzieht, gelangt er zu einer inneren Leere. Er verwirklicht die Annahme und Vereinigung von Gegensätzen, denn das Dao, welches das Yin und Yang hervorbringt, ist die Ursache und Vereinigung dieser beiden. Somit verwirklicht der Weise im Einklang mit den natürlichen Prozessen den Dreh- und Angelpunkt der Wandlungsphasen von Yin und Yang, die leere Mitte der Gegensätze.
Das Daodejing liefert die Weltanschauung, die das Ideal des daoistischen Weisen blieb: Gleichmut, Rückzug von weltlichen Angelegenheiten und Relativierung von Wertvorstellungen sowie Natürlichkeit, Spontaneität und Nicht-Eingreifen.
Nach daoistischer Auffassung führt nur die Übereinstimmung mit dem Dao zu dauerhaftem und wahrem Glück. Involviertheit in weltliche Angelegenheiten führt dagegen zu einem Niedergang der wahren Tugend (De). Es wird somit als ratsam erachtet, Gleichmütigkeit gegenüber Gütern wie Reichtum und Komfort zu erlangen und sich vor übermäßigen Wünschen zu hüten.
Trotz dieser genuin daoistischen Ethik wurden im späteren Daoismus auch ethische Lehren des Konfuzianismus und Buddhismus übernommen. Ge Hong bezieht sich auf konfuzianische Tugenden, die Lingbao-Schule hat vom Buddhismus das universelle Heilsziel übernommen und der Quanzhen-Daoismus hat die ethischen Regeln für Mönche und Nonnen gleichfalls aus dem Buddhismus entlehnt.
Daoismus als Religion
Den Unterschied zwischen philosophischem und religiösem Daoismus, den dieser Artikel aus pragmatischen Gründen verwendet (s. o.), könnte man derart fassen, dass der philosophische Daoismus das Ideal des Weisen hat, der das Dao verwirklicht, indem er eine bestimmte Geisteshaltung einnimmt, während der religiöse Daoist danach strebt, Erleuchtung zu erlangen und das Dao zu verwirklichen, indem er durch unterschiedliche Methoden wie Meditation (Qigong, Taijiquan), Konzentration, Visualisation, Imagination, Atemtechniken, Alchemie, Ritual und Magie aus Geist und Körper, dem Mikrokosmos, ein Abbild des Makrokosmos erschafft und auf diese Weise eins wird mit dem Universum und dem ihm immanenten Dao.
Das erste gesicherte Datum des Daoismus als Religion ist das Jahr 215 n. Chr., als Cao Cao die Kirche der Himmelsmeister anerkannte. Der Daoismus weist kein geschlossenes oder einheitliches System auf, da er sich auf viele heterogene Quellen bezieht.
Viele Schulen des Daoismus strebten nach Unsterblichkeit, sie sind wahrscheinlich aus schamanistischen Techniken und Unsterblichkeitskulten entstanden (siehe auch Fangshi und Wuismus), die während der Han-Zeit mit der philosophischen Richtung des Daoismus verbunden wurden. Das höchste Ziel des religiösen Daoismus ist die ewige Glückseligkeit als Xian (Unsterblicher), wobei Unsterblichkeit nicht zwangsläufig physisch ist, sondern auch metaphysisch und als nachtodliche Unsterblichkeit zu verstehen ist.
In allen Schulen des Daoismus streben ihre Anhänger danach, zum Ursprung zurückzukehren. Dies wird in Begriffen daoistischer Mystik z. B. die Rückkehr zum Einen, zur Perle, die Rückkehr zum Zustand, bevor es Himmel und Erde gab, oder die Erschaffung des kosmischen Embryo genannt. Diese Rückkehr geschieht, indem der daoistische Adept ein klassifizierendes System benutzt, dessen kosmologische Grundlagen Yin und Yang, die fünf Wandlungsphasen sowie andere numerologische Koordinaten sind, und sich in den Mittelpunkt des so von ihm konstruierten Kosmos begibt und einordnet, verbindet, bestimmt und benennt, um eine Integration zu erreichen und aus der Welt ein Instrument des Geistes zu machen.
Die daoistischen Götter, auch „Unsterbliche“ genannt, haben oft keine Geschichte, andere gehen auf historische oder legendäre Personen zurück, die als bedeutend für die Entwicklung von Land und Volk angesehen werden. Sie stellen aber eher eine Inkarnation von Funktionen als Individuen oder Götter im westlichen Verständnis dar. Neben den Göttern, von denen der Adept geheiligt wird, gibt es auch Götter, über die er befehlen kann. Die Triade der höchsten Gottheiten stellen die Drei Reinen dar.
Das daoistische Paradies liegt im Kunlun-Gebirge im Westen, es gibt jedoch auch noch andere Gefilde der Seligkeit, wie die Penglai-Inseln, auf denen die Wunderpflanze der Unsterblichkeit wächst. Die Höllenvorstellungen des Daoismus wurden aus dem Buddhismus übernommen.
Verhältnis zum Buddhismus
Als der Buddhismus im 2. Jahrhundert nach China kam, wurde er zunächst als eine seltsam verzerrte Variante des Daoismus wahrgenommen, weil die ersten Übersetzer von buddhistischen Konzepten Begriffe aus der daoistischen Lehre verwendeten. Außerdem besagte eine daoistische Legende, dass die Gründerfigur Laozi nach Westen ausgewandert sei. In China erklärte man daher einfach, Laozi sei nach Indien gekommen und habe als Buddha die „Barbaren“ zum Daoismus bekehrt; diese hätten die Lehre aber nicht vollkommen begriffen, und so sei der Buddhismus entstanden.
Durch die gegenseitige Beeinflussung von Daoismus und Buddhismus entstanden auch neue Schulen. Ein erfolgreiches Beispiel einer solchen Verschmelzung ist der Chan-Buddhismus (; Japanisch: zen; Koreanisch: / seon; Vietnamesisch: Thiền). Sein Einfluss war prägend für die chinesische Tang- und Song-Zeit. Er besteht in Japan, Korea, und Vietnam als Zen-Buddhismus bis heute fort und ist auch noch in China und im Westen verbreitet.
Ein Beispiel für die Übernahme buddhistischer Ideen ist die daoistische Schule Quanzhen.
Die Idee des Nirwana im Buddhismus berührt sich mit der Auffassung des Daoismus, insbesondere des philosophischen Daoismus, wonach die Auflösung des Ichs zu Lebzeiten angestrebt werden soll und im Tode stattfindet. Richard Wilhelm beschreibt in seinem Kommentar zum Zeichen Nr. 52 des ersten Buches des I Ging, in welchem seiner Auffassung nach „so viel ‚Taoistisches‘ steht“, den Unterschied wie folgt:
Die Himmelsmeister
Im 2. Jahrhundert entstand die erste daoistische Organisation, eine Art „Kirche“, als Zhang Daoling (Chang Tao Ling) 142 n. Chr. in Sichuan die Bewegung der Himmelsmeister (tianshi dao) gründete. Zhang Daoling nahm dabei vermutlich Anleihen beim Buddhismus, möglicherweise auch beim monotheistischen Mazdaismus.
In der Gruppe, die nach einer Abgabe, die ihre Anhänger zu leisten hatten, auch „Fünf-Scheffel-Reis“-Bewegung (Wudoumi Dao) genannt wird, herrschten messianische und revolutionäre Gedanken vor: die Han-Dynastie sollte gestürzt werden, damit der Himmelsmeister Zhang Daoling regieren und die Endzeit beginnen konnte. In der Geschichte des Daoismus bildeten sich immer wieder auch andere Geheimbünde wie die Gelben Turbane, die Roten-Augenbrauen-Sekte oder die Taiping-Sekte, die häufig auch politische Ziele verfolgten.
Etwa 30 Jahre lang existierte sogar ein Himmelsmeister-Staat, der durch einen großen Verwaltungsapparat charakterisiert war. Die Bürokratie spiegelte die Vorstellung vom Himmel wider, der im Glauben der Himmelsmeister auch bürokratisch gegliedert ist. Bitten und Gebete wurden in Formularen verfasst und durch Verbrennung an die jeweils zuständigen Gottheiten geschickt.
In der Himmelsmeister-Bewegung entstand eine ausgeprägte Ethik und ein daoistischer Kultus. Durch die Pflichtbeiträge entwickelten sich die Gemeinden zu ökonomisch bedeutsamen Organisationen. Unter der Nördlichen Wei-Dynastie (386–534) traten immer mehr Mitglieder der Aristokratie der Himmelsmeister-Bewegung bei und einer der Wei-Kaiser erklärte den Daoismus sogar zur Staatsreligion. Auch viele Dichter und Künstler gehörten ihr an.
Ab dem 2. Jh. wurde auch Laozi nicht mehr nur als alter Weiser gesehen, sondern als Gott verehrt. Ebenso wurde aus dem abstrakten Begriff des Dao eine personale Gottheit. Jedoch stellen die Götter des Daoismus eher eine Verkörperung von Funktionen als individuelle Entitäten dar. Die Ritualgötter sind im Allgemeinen entweder abstrakte Instanzen oder Verkörperungen von Naturkräften, zum Beispiel der Erde, der Flüsse, des Regens, der Berge. Auch der vergöttlichte Laozi stellt eher eine Hypostase des Dao und des daoistischen Heiligen dar, wie Zhuangzi ihn beschrieb, weniger eine personale Gottheit, wie sie der westlichen Vorstellung entspricht.
Entwicklung zur Volksreligion
Schon die daoistischen Philosophen verwendeten bildhafte Geschichten und alte Volkssagen, um ihre Ideen zu erläutern. Während der Han-Zeit wurde der Daoismus mit älteren kosmologischen, theologischen und anthropologischen Vorstellungen verbunden, deren Spuren sich schon in der Shang-Zeit finden lassen. Diese älteren Vorstellungen stammen wahrscheinlich aus Unsterblichkeitskulten und der schamanistischen Tradition (siehe Fangshi). Auch mehr und mehr volkstümliche Bräuche, Riten und buddhistische Elemente hielten Einzug in die daoistischen Praktiken. Die daoistische Religion wurde polytheistisch und definierte sich durch eine gemeinsame liturgische Tradition. Die Liturgien wurden von Daoshi, daoistischen Priestern, ausgeführt. Es entstand ein reichhaltiger Götterhimmel, dessen genaue Ausformung sich von Schule zu Schule unterscheiden konnte, in dem sich aber drei oberste Gottheiten, die Drei Reinen, herauskristallisierten: Yuanshi tianzun, der Himmelsehrwürdige des Uranfangs, Daojun oder Lingbao tianzun, der Herr des Dao als der Himmelsehrwürdige des magischen Juwels, und Daode tianzun oder Taishang Laojun, der Himmelsehrwürdige des Dao und des De bzw. der höchste Herr Lao, welcher der vergöttlichte Laozi ist.
Das liturgische System bildet den formalen Rahmen für unterschiedliche lokale Kulte und das daoistische Pantheon wird bevölkert von kosmischen Gottheiten, Naturgöttern, Dämonen, Geistern, Unsterblichen (Xian) und Vollkommenen (Zhenren). Sitz des Pantheons sind heilige Berge und Grotten, die ein mikrokosmisches Abbild des Makrokosmos darstellen, sowie Tempel, Altar und Körper.
Durch die Himmelsmeister-Kirche Zhang Daolings vollzog sich eine gewisse Vereinigung der verschiedenen daoistischen Gemeinschaften. Diese starke und breitenwirksame Organisation wurde während der Sui- und Tang-Dynastie zu einer echten Volksreligion und religiösen Macht. Die Dynastie der Tang behauptete, von Laozi abzustammen, und machte seine Verehrung zu einem offiziellen Kult. Der daoistische Kaiser Xuanzong gründete landesweit daoistische Tempel und hatte eine große Vorliebe für daoistische Rituale. Aus der Ming- und Tangdynastie gibt es auch die meisten daoistischen Schriften. Es war die Blütezeit des Daoismus.
Unter der Song-Dynastie (960–1279) wurde der Daoismus dann vollständig in die Volkskultur integriert, u. a. dadurch, dass die lokalen und regionalen Organisationen durch Kaiser Zhenzong zu einem Netzwerk offiziell geförderter Tempel zusammengeschlossen wurden, die auch säkulare Aufgaben wie die Organisation von Märkten und das Eintreiben der Handelssteuer übernahmen.
Als Chinas letzte Dynastie, die Qing, im Jahre 1644 gegründet wurde, wurde der Daoismus mit Restriktionen und Verboten belegt, da die Qing dem orthodoxen Konfuzianismus nahestanden und die Mandschu Angst vor chinesischem Nationalismus hatten, weshalb sie lokale Organisationen unterdrückten.
Im Taiping-Aufstand 1849 wurden dann sämtliche Tempel, sowohl buddhistische als auch daoistische, zerstört und im Verlauf des 20. Jh. verstärkte sich die Tendenz immer mehr, die ursprüngliche chinesische Religion zu zerstören.
Daoistische Praktiken
Im Laufe der Jahrhunderte entstanden in China eine Vielzahl daoistischer Schulen mit unterschiedlichen Lehrinhalten und Praktiken. Ein Hauptmerkmal des religiösen Daoismus war jedoch in vielen Schulen die Suche nach Unsterblichkeit. Viele Praktiken haben ihre Ursprünge in den Praktiken der Fangshi des Altertums. Der daoistische Kanon (Daozang), der in seiner letztgültigen Fassung 1442 zusammengestellt wurde, gibt von den unterschiedlichen Praktiken einen Eindruck. Er enthält Tausende von Werken, und die Texte handeln u. a. von Philosophie, Liturgie, Ritualistik, Magie, Sexualpraktiken, Medizin, Imagination und mythischen Welten, Hagiographien, dem Yijing (I Ging), Alchemie, Moral, Meditationstechniken und Hymnen.
Die ersten Texte, die eine detaillierte Beschreibung der nach innen gewendeten Meditation gaben, waren die ab dem 4. Jahrhundert n. Chr. entstandenen der Shangqing-Schule, nämlich das Shangqingjing (Buch der großen Reinheit). Die Shangqing-Meditationen enthalten unterschiedliche Elemente: der Adept verkehrt rituell und imaginativ mit Göttern, rezitiert heilige Texte und visualisiert und durchläuft komplex strukturierte Elemente und Prozesse der Kosmologie, Mythologie und Symbolik des Daoismus. Die Visualisationen dieser Schule stellen Reisen in geistige Welten dar, wie sie schon von den Schamanen der Shang-Zeit ausgeführt worden sein sollen. Sie führen in Reiche der irdischen Paradiese, der Götter, der stellaren Welten, der Bewegungen von Yin und Yang und der verschiedenen Formen von Qi (Energie). Das Ziel der komplexen Techniken ist es, durch die Harmonisierung von Geist und Körper zur ursprünglichen Einheit zurückzukehren. Wiederholt stellen Kenner daoistischer Praktiken die Behauptung auf, bei diesen Reisen handele es sich – zumindest bei einigen Adepten – um außerkörperliche Erfahrungen.
Im Streben nach Unsterblichkeit entwickelten Daoisten viele alchemistische Techniken, später dann auch Techniken der Inneren Alchemie. Einer der bedeutenden Vertreter der Alchemie war Ge Hong. Etwa seit dem 4. Jahrhundert n. Chr. wurde versucht, Elixire oder Pillen herzustellen, die das Leben verlängern. Dabei spielten Zinnober (Dan), Quecksilber (Gong) und Gold (Jin) eine besondere Rolle. Durch die Eigenschaften, die sie in chemischen Reaktionen zeigen, galten sie als Elemente, die die Unwandelbarkeit in äußerlicher Veränderung (ein zentrales Merkmal des Dao) verkörpern. Viele, die sich von den Pillen Langlebigkeit versprachen, starben an Quecksilbervergiftung, was wohl einer der Gründe dafür war, dass die Alchemie bis zum Ende der Tang-Zeit immer unpopulärer wurde und verstärkt eine Hinwendung zur inneren Alchemie stattfand. Durch die alchemistischen Forschungen wurden jedoch auch andere Gebiete befruchtet, beispielsweise das Schießpulver und halluzinogene Drogen entdeckt, ebenso wurde die Medizin beeinflusst.
Die Shangqing-Meditationen zeigen bereits eine Hinwendung von der äußeren zur inneren Alchemie, die sich im 9. Jh. dann vollends ausbildete. Anstatt Substanzen im Labor zu mischen, wurde der eigene Körper und Geist als „inneres Labor“ verstanden. Es galt nun, durch meditative Techniken das uranfängliche Chaos zu strukturieren und durch Kultivierung von Vitalität (Jing), Energie (Qi) und belebendem Geist (Shen) die Leere und Einheit zu verwirklichen.
Voraussetzung für diese Praktiken ist die Vorstellung, dass Analogien zwischen allen Ebenen bestehen, das heißt, dass Kosmos, Erde und Mensch analog strukturiert sind und sich in allen Details entsprechen.
Eine Schule, die sich durch buddhistische Beeinflussung verstärkt dem liturgischen Ritual zuwandte, war die Lingbao Pai. Eine der Hauptpraktiken, auch des heutigen Daoismus, stellen die daoistischen Rituale dar.
Ein weiterer Abkömmling des Daoismus ist das Feng Shui, welches ursprünglich Geomantie war, später sich aber darauf bezog, die Umgebung des Menschen nach bestimmten Prinzipien zu ordnen, um Glück, Erfolg und Harmonie zu erzeugen.
Daoismus in der Volksrepublik China
Der Daoismus im 20. Jahrhundert zeichnet sich dadurch aus, dass es keine einheitliche Lehre gibt, sondern eine Vielzahl von Theorien und Praktiken, darunter auch sektiererische Entwicklungen und unorthodoxe Bewegungen.
Unter der sozialistischen Diktatur wurden die Religionen Chinas unterdrückt und verfolgt, während der Kulturrevolution wurden viele Klöster und Tempel zerstört, Schriften vernichtet und die Mönche und Nonnen umerzogen oder getötet. Im Untergrund waren die daoistischen Lehren in China jedoch immer vorhanden. Mittlerweile besinnt man sich auch in der Volksrepublik wieder auf das religiöse Erbe sowie auf das daoistische Handlungswissen in Bezug auf die Heilkunst. Viele Klöster und Tempel wurden wieder aufgebaut, Ausbildungsstellen für Mönche und Nonnen geschaffen und sogar einige universitäre Forschungsstellen für Daoismus eingerichtet. Es gibt um die 2000er Jahre in der VR China ungefähr 3000 daoistische Heiligtümer, die von ca. 25.000 Nonnen und Mönchen bewohnt werden.
Die daoistischen Tempel sind teilweise ökonomisch unabhängig, indem sie Hotels, Restaurants, Teehäuser oder Souvenirgeschäfte und Kampfkunstschulen betreiben und daoistische Organisationen engagieren sich in öffentlichen Bereichen wie dem Umweltschutz, Bildung oder Katastrophenhilfe.
Der Staat hat in der Volksrepublik eine offizielle Version des Daoismus durchgesetzt, die Wohlwollen, Patriotismus und den Dienst an der Öffentlichkeit betont. Die Ausbildung eines Daoisten in der Volksrepublik umfasst daoistische Doktrin, Rituale, Musik, Kalligrafie, Philosophie, Kampfkunst und die englische Sprache. Die „Daoistische Vereinigung Chinas“ wurde 1956 gegründet, 1957 registriert und hat ihren Sitz im Baiyun Guan (Tempel der Weißen Wolken) in Beijing. Entsprechend ihrer Zielsetzung ist die Vereinigung von der Volksregierung Chinas geführt und hat die Aufgabe, alle Daoisten des Landes zu vereinigen, das Land und den Daoismus zu lieben, die Verfassung, Gesetze, Regeln und die Politik des Landes zu beachten, das Erbe des Daoismus zu pflegen sowie geistliche Angelegenheiten auszuüben. Viele daoistische Priester sind jedoch nicht gemeldet und gehören nicht den Regierungsorganisationen an, sodass die Statistiken widersprüchlich sind. Die wieder aufgebauten Tempel sind gut besucht und zu einigen Anlässen wie dem Laternenfest kommen Zehntausende von Pilgern, woraus man schließen kann, dass der Daoismus auch in der Volksrepublik noch eine große Rolle spielt.
Von dieser starken Einschränkungen unterworfenen Religionsfreiheit ausgeschlossen sind staatlich nicht zugelassene und damit nicht kontrollierbare daoistische Gemeinschaften. Sie gelten als Sekten und häretische Kulte und sind staatlicher Verfolgung ausgesetzt. Yi Guan Dao (Weg des alles durchdringenden Prinzips) oder Huangtian Dao (Weg des Gelben Himmels) werden besonders stark verfolgt. Während in den 1950er Jahren Christen überwiegend langjährige Haftstrafen verbüßten, wurden Yiguan Dao-Anhänger nach ihrer Verhaftung meist hingerichtet. Noch in den 1990er Jahren gab es Verhaftungen von Yiguan Dao-Gläubigen. Der Grund für die härtere Verfolgung ist geschichtlich bedingt, da gerade Yiguan Dao mehrfach an revolutionären Bewegungen beteiligt war.
Viele Daoisten flohen nach Taiwan oder Südostasien, wo der daoistische Kultus nach wie vor blüht. Im heutigen China existieren noch zwei Hauptlinien der religiösen daoistischen Tradition, der Quanzhen-Daoismus (Schule der vollständigen Wahrheit), auch als neidan, innere Alchemie, bezeichnet, und der Zhengyi-Daoismus (Schule der orthodoxen Einheit), welcher direkt auf die Tradition der Himmelsmeister zurückgeht.
Die Quanzhen-Daoisten leben monastisch und zölibatär und legen die Hauptpraxis auf Meditation, während die Zhengyi-Daoisten heiraten dürfen und auch in priesterlichen und magischen Funktionen, beispielsweise als Ritualpriester bei Tempeln, Familien und Einzelpersonen, d. h. auch bei Begräbnis- und Hochzeitsriten oder Exorzismen und Heilungen arbeiten. Der Zhengyi-Daoismus besitzt im Gegensatz zum Quanzhen, der stark buddhistisch beeinflusst ist, eine ausgeprägte Ritualistik und magische Praktiken. Die Rituale führen sich zu einem großen Teil auf die Schule der Lingbao Pai zurück. In den Tempeln, in die die Zhengyi-Priester eingeladen werden, werden meistens Lokalgötter verehrt. Viele volkstümliche Elemente sowie auch teilweise schamanistische Elemente wurden in den heutigen Zhengyi-Daoismus aufgenommen.
Es werden Rituale zu vielen Anlässen durchgeführt: zum Geburtstag des Lokalgottes, zur Restaurierung eines Tempels oder um eine neue Götterstatue einzuweihen. Ein Ritual kann bis zu neun Tage dauern und ist oft verbunden mit Theateraufführungen, Prozessionen und Opfern. Viele Rituale sind ausgeprägt liturgisch. Das Hauptritual ist eines der kosmischen Erneuerung und Rückverbindung.
Die monastische Quanzhen-Schule unterscheidet sich vom Zhengyi durch das zurückgezogene Leben der Adepten in der Meditation und inneren Alchemie, ohne der Allgemeinheit die Arbeit in einem praktizierten Ritualservice anzubieten. Innere Alchemie strebt nicht nach Herstellung eines Stoffes oder physischer Unsterblichkeit, sondern ist eine Erleuchtungstechnik, eine Methode der Ordnung von Selbst und Welt. Sie ist eine operative Disziplin, die durch einen schöpferischen Akt zur Geburt eines neuen Menschen führen soll und die Erhöhung des Geistes über die Welt anstrebt. Da in der Quanzhen-Schule viele Elemente des Buddhismus übernommen wurden, besitzt sie einen stark spekulativen Charakter und die Texte dieser Schule sind durch bestimmte Merkmale charakterisiert:
die geistige und physische Schulung, die Praxis unterschiedlicher Techniken wie Atemübungen, Visualisationen und innerer Alchemie, die Übernahme bestimmter Spekulationen des Buddhismus, z. B. über Wu (Leere) und You (Dasein) und die Methode der Gong'ans (jap. Kōan), die Übernahme konfuzianischer Werte und die systematische Verwendung des Yijing sowie alchemistischer Techniken in einer metaphorischen, geistigen Form.
Techniken der Shangqing-Schule werden nach wie vor von Zhengyi und Quanzhen praktiziert.
Daoismus als Philosophie
Dem philosophischen Daoismus liegt die Suche nach dem Ursprung des Daseins und die Vermutung des Dao zugrunde. Im Gegensatz zum religiösen Daoismus werden jedoch liturgische Praktiken und Götter- und Dämonenglaube weitgehend abgelehnt. Verschiedene grundlegende philosophische Einsichten werden jedoch auch im religiösen Daoismus geteilt. Außerhalb der modernen Sinologie hat sich in der westlichen Welt, insbesondere seit Richard Wilhelm, eine eher atheistische bzw. pantheistische, geistig geprägte Ansicht des philosophischen Daoismus etabliert, der somit getrennt vom religiösen Daoismus gesehen wird. Die Frage, ob die Nichtbeweisbarkeit des Dao ein gemeinsames Merkmal mit Glauben in Religionen ist, wird individuell unterschiedlich gewertet. Logisches Denken und die Erfassung der Wirklichkeit nehmen im philosophischen Daoismus, in welchem auch agnostische Züge zu erkennen sind, einen sehr hohen Stellenwert ein. Letztlich ist es jedoch das intuitive Schauen, welches als Weg zum Dao dienen kann. Die Autoren der drei Hauptwerke des daoistischen Kanons, Laozi, Zhuangzi, und Liezi, werden entweder als historische Persönlichkeiten oder als eine Gruppe von Philosophen bzw. Schulen aufgefasst. In seinem 1925 veröffentlichten Kommentar legt Richard Wilhelm die von ihm bevorzugte philosophische Ansicht des Daoismus dar, wobei sich auffällige Ähnlichkeiten mit modernen Auffassungen in der Physik, insbesondere der Heisenbergschen Unschärferelation zeigen (u. a. letzter Satz des Zitats):
Durch logische Schlussfolgerung kam die daoistische Philosophie zu der Erkenntnis, dass Körper, wie z. B. Pflanzen, Tiere, Menschen, Himmelskörper (oder sogar eventuell existierende Götter, Paradiese u. Ä.) Raum (und Zeit) zu ihrer Existenz benötigen. Die Frage stellte sich immer wieder: „Wenn es existiert, worin existiert es?“ Dieser Raum kann allgemein als „das Grenzenlose“ oder „die Leere“ bezeichnet werden. Laozi weist im elften Abschnitt des Daodejing auf das Nichts, die Leere, hin, welche erst das Werk ermöglicht. Im sechsten Abschnitt heißt es: „Der Geist des Tales stirbt nicht…“ Richard Wilhelm erklärt dazu in seinen Erläuterungen, dass der Kern der Bedeutung der leere Raum zwischen zwei Bergwänden sei, nicht das, was wir gewöhnlich unter dem Begriff „Tal“ verstünden. Damit ist die gleiche Leere gemeint, welche es auch dem Universum ermöglicht, sich grenzenlos auszudehnen.
Im 16. Abschnitt gibt Laozi mit der Aussage „Schaffe Leere bis zum Höchsten!“ den zentralen Punkt seiner Lehre. Die Vereinigung mit dieser Leere, die existiert und alles umfasst, aber nicht greifbar ist, und doch alles Leben ermöglicht, ist ein Ziel, welches im Daoismus in der Meditation angestrebt werden kann. Weitergehende Konzeptionen wie das „Nichtsein“ bzw. das „Nichtseiende“ und das „Unräumliche“) bleiben der individuellen Erfahrung vorbehalten, da sie sich bei der angestrebten (und evtl. erreichten) Auflösung des Ichs (vgl. Liä Dsi, Buch I, Abschnitte 4, 7. u.8; Dschuang Dsi, Buch XVII, Abschnitt 3; Laotse, Abschnitt 56) nicht anderen gegenüber in Worten vermitteln lassen (vgl. Dschuang Dsi, Buch XXII, Abschnitt 4). Die Erkenntnis der Wirklichkeit der Grenzenlosigkeit von Raum und Zeit kann die Ausbreitung des Geistes in alle Richtungen bis zur Auflösung des Ichs (welches in Anbetracht dieses Unfassbaren als unzureichend erscheinen muss) und die Verbindung mit dem Dao in die subjektive Erfahrbarkeit treten lassen. Eine Unendlichkeit bzw. Grenzenlosigkeit von Raum und Zeit lässt darüber hinaus den logischen Schluss zu, dass alles darin sich an jedem Ort und zu jeder Zeit in der Mitte befinden kann, und auch somit eine Verbindung zum Dao gefühlt werden kann. In ihrem Buch Die Lehren des Tao zitiert die Herausgeberin Eva Wong eine Anleitung zur Meditation aus 'Die Schrift des Heiligen Geistes der Geheimnisvollen Grotte über Konzentrierte Betrachtung (Tung-hsüan ling-pao ting-kuan ching)': In diesem Sinne kann auch der Schluss des 10. Abschnitts in Buch II bei Zhuangzi interpretiert werden:
Den Bezug herausragender Philosophen und Denkern der westlichen Welt wie Epikur, Kant, Hebbel, Spinoza, Heraklit, Bruno, Schelling, Schopenhauer, Schleiermacher, Kierkegaard, Rousseau, Goethe, Tolstoi u. a. zu Gedanken des philosophischen Daoismus hat erstmals Richard Wilhelm in seinen Übersetzungen und Kommentaren in adäquater Form herausgearbeitet. In dem folgenden Zitat aus seinen Erläuterungen zu Liä Dsi (Liezi), Buch V, Abschnitte 1 u. 2 (Gespräch mit vier hauptsächlichen Fragen von 'Tang von Yin' an 'Gi von Hia'), beschreibt Richard Wilhelm die offensichtliche Synchronizität der Antinomien der reinen Vernunft von Immanuel Kant (Angaben in eckigen Klammern entstammen dem Text des Buches V, 1. Abschnitt und sind zur Vereinfachung eingefügt):
Daoismus im Abendland
Die Geschichte der Rezeption des Daoismus in der westlichen Welt ist ungefähr 200 Jahre alt, und vor allem das Daodejing beeinflusste u. a. Kunst, Literatur, Psychologie und Philosophie.
Die erste Übersetzung des Daodejing ins Lateinische durch einen Jesuiten stammt aus dem Jahr 1788. Von den 60er Jahren des 19. Jh. bis Anfang des 20. Jh. erschienen dann größere Mengen an Laozi-Übersetzungen, die hauptsächlich von Missionaren angefertigt wurden, sodass es nicht verwunderlich ist, dass die meisten dieser Übersetzungen tendenziös christlich sind. Auch die im deutschen Sprachraum bekannteste Übersetzung von Richard Wilhelm will ihren christlichen, von westlicher Bildung geprägten Hintergrund nicht leugnen.
Im 19. Jh. wurde dann die Rezeption des Daoismus im Westen stark durch die Theosophische Gesellschaft, die eine Mischung aus indischer Mystik und westlichem Okkultismus propagierte, beeinflusst.
Nach dem Ersten Weltkrieg verstärkte sich das Interesse an östlicher Philosophie und Religion und insbesondere die Pazifisten wandten sich dem Wu wei, dem Nicht-Handeln zu. So rief beispielsweise der deutsche Dichter Klabund im Jahr 1919 in seiner Schrift „Hör es Deutschland“ das Volk auf, nach dem heiligen Geist des Dao zu leben, und in Deutschland brach durch die Übersetzungen des Zhuangzi und des Laozi durch Richard Wilhelm und durch Martin Buber eine regelrechte Daoismus-Euphorie aus, die sich unter Literaten und Künstlern verbreitete. So wurden insbesondere Hermann Hesse, Alfred Döblin und Bertolt Brecht durch diese Übersetzungen beeinflusst.
Alfred Döblins Roman „Die drei Sprünge des Wang-lun“ und Charles Waldemars „Das Kleinod des Lao-Tse“ zeigen zum Beispiel eine starke Annahme daoistischen Gedankengutes, insbesondere des Wu wei, und Hermann Hesses gesamtes Werk ist von östlicher Philosophie durchdrungen. Prominentestes Zeugnis von Bertolt Brechts intensiver Auseinandersetzung mit dem Daoismus seit etwa 1920 („… der stimmt mit mir so sehr überein“) ist sein 1938 entstandenes Gedicht Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration.
Die Rezeption des Daoismus durch die Tiefenpsychologie fällt auch in die Zeit des Zweiten Weltkrieges. Carl Gustav Jung fand in Übersetzungen der daoistischen Werke „Das Geheimnis der goldenen Blüte“ und des älteren „Yi Jing“ durch Richard Wilhelm starke Anregungen zur Entwicklung seiner eigenen psychologischen Theorien und er schrieb zu beiden das Vorwort.
In den 1920er Jahren wurden dann die Ideen des Daoismus von dem damals populären Philosophen Hermann Graf Keyserling aufgenommen und verbreitet, der in den daoistischen Klassikern die tiefsten Aussprüche zur Lebensweisheit fand.
Auch der Philosoph Martin Heidegger wurde durch Übersetzungen daoistischer Texte durch Richard Wilhelm und Martin Buber inspiriert, jedoch auch der Zen-Buddhismus beeinflusste sein Werk. Heideggers nicht nihilistische Darstellung vom Nichts als „Fülle“ scheint direkt auf den Daoismus zurückzugehen.
Karl Jaspers, ein anderer Existenzphilosoph des 20. Jahrhunderts schrieb das Werk Lao-tse/Nagarjuna – zwei asiatische Mystiker, in dem er sich um das Verständnis des Daoismus bemühte, und auch Ernst Bloch setzte sich mit dem Daoismus auseinander.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Daoismus in der westlichen Welt auch durch Exil-Chinesen verbreitet, die sich aufgrund der politischen Zustände in ihrem Heimatland z. B. in den USA aufhielten. Ein prominenter Vertreter war etwa Gia-Fu Feng, der seit 1947 permanent in den USA lebte und dort den Daoismus zu lehren begann. Insbesondere die Beatniks wie Jack Kerouac oder Alan Watts waren teilweise stark dadurch beeinflusst: „Gia-Fu was The Real Thing“. Auch in Europa fand er zahlreiche Anhänger. Über den Zen-Buddhismus fand der Daoismus weiteren Eingang in die westliche Kultur. Breiten Raum fand dabei die Darstellung des Daoismus als Ursprung des Zen wie z. B. in Alan Watts Werk „The Way of Zen“. Diese Ideen fanden später auch in der Hippie-Bewegung Verbreitung. In den 1970er und 1980er Jahren wurde das Dao als Heilmittel für die erkrankte westliche Kultur in Europa gesehen. Der Daoismus wurde trivialisiert und vornehmlich auf die ältere Yin-und-Yang-Lehre bezogen und breitete sich in dieser Form in der New Age-Bewegung aus.
Nach Fritjof Capras Das Tao der Physik von 1976 erschienen dann größere Mengen an populärdaoistischen und trivialisierenden Werken wie Das Tao-Kochbuch oder Easy Tao, wobei Capras Ansatz eine verstärkt oberflächliche Popularisierung des Dao eingeleitet hatte. Peter Sloterdijk reagierte demgemäß in seinem Buch Eurotaoismus spöttisch auf dieses „östliche Philosophie fast food“.
Inzwischen ist der Daoismus durch die Esoterik-Welle zum integralen Bestandteil der westlichen Kultur geworden und ein Viertel des Esoterik-Buchhandels wird mit Werken zum Daoismus bestritten.
Unterschiedliche Transkriptionen
Literatur
Richard Wilhelm (Übersetzung u. Kommentar): Laotse. Tao te king, Das Buch vom Weg des Lebens. Eugen Diederichs Verlag, München 1978 ff., ISBN 3-424-00579-7. Erstausgabe 1910; Neuauflage: Bastei Lübbe Verlag, Köln 1999, ISBN 3-404-70141-0 (online bei Zeno.org).
Rainald Simon (Hrsg.): Laozi: Daodejing. Das Buch vom Weg und seiner Wirkung. Neuübersetzung. Reclam, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-15-010718-8.
Nan hua zhen jing. (Das wahre Buch vom südlichen Blütenland):
Victor H. Mair (übers.): Zhuangzi. Das klassische Buch daoistischer Weisheit. Krüger, Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-8105-1259-1.
Richard Wilhelm (Übersetzung u. Kommentare): Dschuang Dsi. Das wahre Buch vom südlichen Blütenland. (Diederichs Gelbe Reihe 172). München 1969, ISBN 3-89631-421-1. (Orig. 1912) (online bei Zeno.org)
Richard Wilhelm (Übersetzung u. Kommentare): Liä Dsi. Das wahre Buch vom quellenden Urgrund. Eugen Diederichs Verlag, München 2009, ISBN 978-3-424-35004-3. (online bei Zeno.org)
Weitere Literatur
Wolfgang Bauer: Geschichte der chinesischen Philosophie: Konfuzianismus, Daoismus, Buddhismus. München 2001, ISBN 3-406-47157-9.
Thomas Cleary (Hrsg.): Also sprach Laotse. Die Fortführung des Tao Te King, aufgezeichnet von seinem Schüler Wen-Tzu. Barth, Bern 1995, ISBN 3-502-65109-4.
Werner Eichhorn: Die Religionen Chinas (= Die Religionen der Menschheit. Band 21). Kohlhammer, Stuttgart 1973.
Hans van Ess: Der Daoismus. Von Laozi bis heute. (= Beck’sche Reihe 2721). C. H. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-61218-3.
Sutej Hugu: Tao-Weltanschauung. In: Ashish Kothari et al. (Hrsg.): Pluriversum. Ein Lexikon des guten Lebens für alle. AG SPAK Bücher, Neu-Ulm 2023, ISBN 978-3-945959671.
Max Kaltenmark: Lao Tzu und der Taoismus. (Originalausgabe: Lao Tseu et le taoisme 1965). (Ed. Suhrkamp 1055). Frankfurt am Main 1981, ISBN 3-518-11055-1.
Livia Kohn (Hrsg.): Daoism Handbook. Leiden 2000, ISBN 90-04-11208-1.
Livia Kohn: Taoist Meditation and Longevity Techniques. Univ. of Michigan, Ann Arbor 1989, ISBN 0-89264-085-5.
Hans Georg Möller: In der Mitte des Kreises. Daoistisches Denken. Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-458-34459-4.
Florian C. Reiter: Taoismus zur Einführung. 3. ergänzte Auflage. Junius, Hamburg 2011, ISBN 978-3-88506-386-5.
Isabelle Robinet: Histoire du taoïsme: des origines au XIVe siècle. Éditions du Cerf, Paris 1991, ISBN 2-204-04251-X.
Deutsche Übersetzung: Geschichte des Daoismus. Diederichs, München 1995, ISBN 3-424-01298-X.
Isabelle Robinet: Méditation taoïste. Albin Michel, 1995, ISBN 2-226-07971-8,
Isabelle Robinet: Comprendre le Tao. Albin Michel, coll. «Spiritualités Vivantes», 2002, ISBN 2-226-13369-0.
Hubert Schleichert: Klassische chinesische Philosophie. Eine Einführung. Frankfurt am Main 1990. (Klostermann insbes. Kap. III Daoismus S. 119–199)
Josef Thesing, Thomas Awe (Hrsg.): Dao in China und im Westen. Bonn 1999, ISBN 3-416-02864-3.
Alan Watts, Chungliang Al Huang: Der Lauf des Wassers. Die Lebensweisheit des Taoismus. Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-458-34639-2.
Günter Wohlfart: Der Philosophische Daoismus. (PDF; 1,3 MB) Edition Chora Verlag, Köln 2001, ISBN 3-934977-05-7.
Knut Walf: Westliche Taoismus-Bibliographie. Die Blaue Eule, Essen 2003, ISBN 3-89924-020-0.
Eva Wong (Hrsg.): Die Lehren des Tao. Ullstein, Berlin 1998, ISBN 3-548-35778-4.
David C. Yu: History of Chinese Daoism. University Press of America, Lanham 2000, ISBN 0-7618-1868-5.
Weblinks
Daoistische Studien: Quellen und Informationen (englisch)
Lǎozǐ Dàodéjīng English + German, verbatim + analogous
(PDF; 4,8 MB)
Taoist Sects (englisch)
Informationen über Daoismus (deutsche Übersetzung der)
FYSK Daoist Culture Centre Database (englisch)
Daodejing-Übersetzung und Kolumne mit lebenspraktischen Artikeln (englisch, deutsch, französisch)
Suche nach Daoismus in der Deutschen Nationalbibliothek
Einzelnachweise
Religionsphilosophie
Weltreligion
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3355
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Mechanik
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Die Mechanik (von ) ist in den Naturwissenschaften und den Ingenieurwissenschaften die Lehre von der Bewegung und Verformung von Körpern sowie den dabei wirkenden Kräften. In der Physik wird unter Mechanik meist die klassische Mechanik verstanden. Im Teilgebiet der theoretischen Physik wird der Begriff oft abkürzend für die theoretische Mechanik verwendet. In den Ingenieurwissenschaften versteht man darunter meist die Technische Mechanik, die Methoden und Grundlagen der klassischen Mechanik zur Berechnung von Maschinen oder Bauwerken nutzt.
Sowohl die Relativitätstheorie als auch die Quantenmechanik enthalten die klassische Mechanik als Spezialfall.
Die Klassische Mechanik wurde im 17. Jahrhundert im Wesentlichen durch die Arbeiten von Isaac Newton begründet und war damit die erste Naturwissenschaft im modernen Sinn (siehe Geschichte der Klassischen Mechanik).
Unterteilung
Die Mechanik kann grob in verschiedene Teilgebiete untergliedert werden: Die Kinematik befasst sich mit der Bewegung von Körpern und beschreibt vor allem die Bahnkurve, Geschwindigkeit und Beschleunigung von Körpern, ohne dabei Masse oder Kräfte zu berücksichtigen. Die Dynamik erweitert die Beschreibung der Bewegungen durch die Masse und die wirkenden Kräfte. Die Dynamik wird häufig unterteilt in die Statik (Kräfte im Gleichgewicht) und die Kinetik (Kräfte nicht im Gleichgewicht). In der Technischen Mechanik teilt man sie dagegen auch ein in Kinematik und Kinetik und fasst sie als Teilgebiet auf, das neben der Statik steht.
Zudem lassen sich spezielle Teilgebiete der Mechanik nach vielen verschiedenen Kriterien einteilen.
Die oben schon beschriebene Einteilung nach der Berücksichtigung von Kräften ergibt:
Kinematik – ohne Berücksichtigung von Kräften
Dynamik – mit Berücksichtigung von Kräften
Eine Einteilung nach Aggregatzustand sieht wie folgt aus:
Mechanik fester Körper (Festkörpermechanik)
Mechanik starrer Körper oder Stereomechanik: Systeme von diskreten Massenpunkten und unverformbare Körper. Sie teilt sich auf in die Punktmechanik, die von Eigendrehungen der Körper absieht, und die Kreiseltheorie, die sich auf die Eigendrehungen konzentriert.
Mechanik elastischer Körper: Die Elastizitätstheorie behandelt elastische Verformungen, also Verformungen, die sich nach Rücknahme der verursachenden Kräfte zurückbilden wie bei einer Feder. Ein wichtiges Teilgebiet ist die Elastostatik für unbewegte Körper.
Mechanik plastischer Körper: Die Plastizitätstheorie behandelt plastische Verformungen, also Verformungen, die sich nach Rücknahme der verursachenden Kräfte nicht zurückbilden, wie bei warmer Butter oder beim Schmieden.
Fluidmechanik (Gase und Flüssigkeiten): Sie kann weiter unterteilt werden nach der inneren Reibung in Mechanik idealer Gase oder realer Gase und Mechanik reibfreier und viskoser Flüssigkeiten, sowie nach dem Fluid und nach der Bewegung in Statik (unbewegt, ruhend) und Dynamik (bewegt):
Fluidstatik: Aerostatik (für Gase), Hydrostatik (für Flüssigkeiten)
Fluiddynamik: Aerodynamik, Hydrodynamik
Die Einteilung nach Anwendungsgebiet führt zu:
Theoretische Mechanik (auch „Analytische Mechanik“ genannt). Neben der Unterteilung in Kinematik und Dynamik kann auch nach dem Formalismus unterteilt werden in:
Newtonsche Mechanik: Die älteste Darstellungsweise, die auf Isaac Newton zurückgeht. Sie gilt in unbeschleunigten Bezugssystemen (Inertialsysteme). Die Lösung konkreter Problemstellungen mit eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten kann sehr aufwendig sein.
Lagrange-Formalismus: Eine Darstellungsweise, die auf Joseph-Louis Lagrange zurückgeht und auch in beschleunigten Bezugssystemen gilt. Sie verwendet verallgemeinerte Koordinaten und gestattet eine deutlich einfachere Lösung vieler Probleme, z. B. bei Systemen mit mehr als zwei Körpern oder mit Bewegungseinschränkungen.
Hamiltonsche Mechanik: Eine sehr allgemeine Darstellung von William Rowan Hamilton, die in der Himmelsmechanik Vorteile hat und sich im Theoriengebäude der Physik für den Anschluss der Quantenmechanik eignet.
Technische Mechanik. Meist eingeteilt in:
Statik: Ruhende starre Körper
Festigkeitslehre: Verformbare feste Körper
Dynamik: Bewegte Körper
Eine Einteilung nach der Art der Idealisierung führt auf:
Punktmechanik: Sie wurde von Isaac Newton begründet und benutzt die höchstmögliche Idealisierung von realen Körpern als Massenpunkt.
Mechanik starrer Körper oder Stereomechanik: unverformbare Körper und Systeme von Massenpunkten mit sechs Freiheitsgraden mit dem Teilgebiet Kreiseltheorie, die sich auf die Drehbewegungen mit drei Freiheitsgraden konzentriert.
Kontinuumsmechanik: kontinuierlich ausgedehnte, verformbare Körper, mit der Unterteilung:
Mechanik elastischer Körper: Die Elastizitätstheorie behandelt elastische Verformungen, also Verformungen, die sich nach Rücknahme der verursachenden Kräfte zurückbilden wie bei einer Feder. Ein wichtiges Teilgebiet ist die Elastostatik für unbewegte Körper.
Mechanik plastischer Körper: Die Plastizitätstheorie behandelt plastische Verformungen, also Verformungen, die sich nach Rücknahme der verursachenden Kräfte nicht zurückbilden wie bei warmer Butter oder beim Schmieden.
Strömungsmechanik und Gasdynamik (Fluidmechanik): Flüssigkeiten, Gase und Plasmen
Statistische Mechanik (auch Statistische Thermodynamik): statistische Wechselwirkung vieler Massenpunkte, mit Bezügen insbesondere zur Thermodynamik. Die statistische Mechanik ist ein Teilgebiet der Statistischen Physik.
Studium
Die Mechanik wird einerseits als Teil des Physikstudiums, andererseits als Teil einer Ingenieursausbildung gelehrt, beispielsweise im Studium des Maschinenbaus oder des Bauingenieurwesens. Daneben gibt es noch vereinzelt spezielle Studiengänge der Mechanik, zum Teil unter der Bezeichnung Angewandte Mechanik:
Master of Science (MSc) Mechanik an der Ecole Polytechnique, Frankreich
MSc Mechanik an der Universite Paris-Saclay, Frankreich
MSc Angewandte Mechanik an der TU Chalmers, Schweden
Studienbereich Mechanik mit Bachelor of Science (BSc) Angewandte Mechanik und MSc Mechanik an der TU Darmstadt
MSc Computational Mechanics an der Universität Duisburg-Essen
MSc Computational Mechanics an der TU München
BSc und MSc Maschinenbau mit Vertiefung Angewandte Mechanik an der Ruhr-Universität Bochum
Verbindungen zu angrenzenden wissenschaftlichen Disziplinen
Verbindungen zu anderen wissenschaftlichen Disziplinen ergeben sich zwischen der klassischen Mechanik und einigen naturwissenschaftlichen Disziplinen sowie zwischen der Technischen Mechanik und ingenieurwissenschaftlichen Disziplinen.
Verbindungen in den Naturwissenschaften
In der Biologie ist die Biomechanik eine spezielle Anwendung der Mechanik und in der Chemie die Reaktionskinetik, die sich mit kinetischen Energien von Reaktionspartnern und chemischen Reaktionen befasst.
Im Theoriengebäude der Physik ergeben sich vielfältige Verbindungen: Die Hamilton-Mechanik ist eine sehr allgemeine Formulierung der Klassischen Mechanik die als Spezialfälle sowohl die newtonsche Mechanik als auch die Quantenmechanik enthält. Systeme die aus sehr vielen Körpern bestehen, können theoretisch beschrieben werden durch die Bewegungen der einzelnen Körper. Praktisch ist die Lösung der zahlreichen Gleichungen die dazu benötigt werden ab einer gewissen Anzahl an Körpern nicht mehr möglich; die Statistische Mechanik befasst sich dann mit Aussagen zu solchen Vielteilchensystemen. Ab einer Größenordnung von etwa 1023 Teilchen, stimmen die Voraussagen der statistischen Mechanik sehr gut mit jenen der Thermodynamik überein. Die Relativitätstheorie enthält für kleine Geschwindigkeiten die klassische Mechanik als Spezialfall.
Verbindungen in den Ingenieurwissenschaften
Die Technische Mechanik stellt grundsätzlich allgemeine Berechnungsverfahren zur Verfügung, ohne dabei auf spezielle Konstruktionswerkstoffe einzugehen (nur Kenngrößen wie Festigkeit und Elastizität werden berücksichtigt, aber nicht, ob es sich um Holz oder Stahl handelt) und behandelt auch nicht spezielle Bauteile.
Erkenntnisse der eigenständigen, ingenieurwissenschaftlichen Disziplin der Werkstofftechnik werden in der Festigkeitslehre integriert, die ein Gebiet der Technischen Mechanik ist.
Im Maschinenbau weist das Fachgebiet der Maschinenelemente (Schrauben, Zahnräder etc.) eine große Nähe zur Mechanik auf. Für die jeweiligen Maschinenelemente gibt es spezielle Gleichungen zur Berechnung der nötigen Maße. Die Fahrdynamik ist sowohl Teil der Dynamik als auch der Fahrzeugtechnik. Die Mechatronik stellt ein interdisziplinäres Gebiet dar, das aus Anteilen von Mechanik/Maschinenbau und Elektrotechnik besteht. Spezialgebiete der Technischen Mechanik im Maschinenbau sind die Maschinendynamik und die Rotordynamik. Bei Gasturbinen weist die Strömungsmechanik (Aerodynamik) eine so enge Verbindung zur Thermodynamik auf, dass teilweise von einer Aero-Thermodynamik die Rede ist.
Im Bauingenieurwesen weist eine besondere Nähe zur Baustatik der Konstruktive Ingenieurbau auf. Dieser berücksichtigt die Besonderheiten spezieller Baustoffe und gliedert sich unter anderem in Holzbau und Stahlbau sowie Beton- und Stahlbetonbau, während die Baustatik Berechnungsverfahren schafft und bereitstellt, die von der Bauweise unabhängig sind und deshalb eine technikwissenschaftliche Grundlagendisziplin ist. Weitere Gebiete sind die Bodenmechanik, die Felsmechanik und die Hydromechanik.
Weblinks
Einzelnachweise
Biomechanik
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Q41217
| 446.800125 |
69951
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https://de.wikipedia.org/wiki/Parallaxe
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Parallaxe
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Als Parallaxe (von altgriechisch parállaxis „Veränderung, Hin- und Herbewegen“) bezeichnet man die scheinbare Änderung der Position eines Objektes durch verschiedene Positionen des Beobachters.
Definition
Wird ein Objekt (Bezugspunkt) vor einem Hintergrund (Projektionsebene) von zwei verschiedenen Positionen (Beobachtungspunkten) aus betrachtet (Betrachtungsvektor), so verändert sich die Stelle des Hintergrunds, vor dem das Objekt optisch liegt (Schnittpunkt von Vektor und Projektionsebene). Die Strecke zwischen den Punkten ist die Parallaxe. Den Abstand zwischen den beiden Beobachtungspunkten nennt man Basislinie, der Richtungsunterschied zwischen den Vektoren ist der Parallaxenwinkel oder parallaktische Winkel. Die Parallaxe ist umso größer, je näher sich das beobachtete Objekt befindet und je länger die Basislinie ist.
Definition als parallaktischer Winkel
Ist die Projektionsebene nicht klar definiert oder nicht eben, z. B. bei verschieden weitem Hintergrund, so bezeichnet Parallaxe üblicherweise den Winkel.
Hält man z. B. den Daumen aufwärts und betrachtet ihn abwechselnd mit dem linken und dem rechten Auge, so verschiebt sich sein Bild vor dem weiter entfernten Hintergrund. Die Basislinie ist hier der Augenabstand, die Methode heißt Daumensprung. Der parallaktische Winkel ist bei durchschnittlicher Armlänge etwa 6 Grad.
Das im Alltag kaum bewusste Phänomen der Parallaxe erlaubt die freiäugige Abschätzung von Entfernungen und ist die Grundlage des räumlichen Sehens. Bestimmt man den Parallaxenwinkel mit einem Sensor oder Messfernrohr und ist die Basislinie bekannt, lässt sich die Entfernung zum Zielpunkt genau berechnen. Dies wird u. a. beim Entfernungsmesser in Fotoapparaten angewandt, und mit höchster Messgenauigkeit in der Geodäsie und Astronomie.
Parallaxe in der Astronomie
In der Astronomie wird der Parallaxenwinkel üblicherweise kurz als Parallaxe bezeichnet und die Projektionsfläche ist keine Ebene, sondern die scheinbare Kugeloberfläche des Sternenhimmels.
Tägliche Parallaxe, Höhenparallaxe
Für Distanzmessungen zum Erdmond und nahen Planeten kann bereits der Erddurchmesser als Basislinie dienen. So erscheint etwa die Parallaxe der Venus zwischen zwei Beobachtungsorten auf der Erdkugel in einer leicht verschiedenen Position vor dem Sternhintergrund. Bei den seltenen Venusdurchgängen vor der Sonne wurde die Parallaxe relativ zum Sonnenrand gemessen und brachte auf diese Weise erste Werte für den Radius der Erdbahn (die Astronomische Einheit).
Beim Mond beträgt die Parallaxe wegen seiner geringen Distanz maximal 2° (siehe Horizontalparallaxe), d. h., der Mond zieht z. B. von Europa aus betrachtet an völlig anderen Sternen vorbei als in Südafrika. Die Mondparallaxe ist auch verantwortlich für den verschiedenen Anblick, den eine Sonnenfinsternis von verschiedenen geographischen Breiten aus bietet. Man kann eine zu Hause nur partiell auftretende Finsternis nördlicher oder südlicher als totale Finsternis erleben.
Ein zweites Messprinzip ist die Benutzung der Erdrotation: Auch von einem einzelnen Standort aus entsteht eine Parallaxe, weil der Ort allein durch die Drehung der Erde verschiedene Positionen erreicht. Die Anwendung dieses Effekts wird Höhenparallaxe genannt. Umgekehrt muss bei genauer Astrometrie dieser Einfluss auf die Messungen als Reduktion angebracht (korrigiert) werden.
Jährliche Parallaxe, Sternparallaxe
Die Parallaxe wird zur Entfernungsmessung sonnennaher Sterne eingesetzt. Als Basislinie dient der mittlere Radius der Erdbahn, der der großen Halbachse entspricht. Der Umlauf der Erde ändert die scheinbaren Sternpositionen in Form einer kleinen Ellipse, deren Form vom Winkel abhängt, um den der Stern von der Ekliptik (Ebene der Erdbahn) absteht. Die Parallaxe ist der Winkel, unter dem der Radius der Erdbahn vom Stern aus erscheint. Beträgt die Parallaxe eine Bogensekunde (1/3600 eines Grades), so entspricht das einer Entfernung von 3,26 Lichtjahren oder rund 31 Billionen Kilometern. Diese Entfernung wird auch als eine Parallaxensekunde (1 Parsec) bezeichnet.
Die Parallaxe ist selbst bei nahen Fixsternen so klein, dass man sie lange nicht beobachten konnte. Dies wurde in der frühen Neuzeit als wichtigstes wissenschaftliches Argument gegen das neue heliozentrische Weltbild ins Feld geführt. Auf der Suche nach der Parallaxe wurde zunächst ein völlig anderer Effekt, die Aberration, entdeckt. Erst 1838 gelang Friedrich Wilhelm Bessel die Parallaxenmessung: er wählte den Schnellläufer (Stern mit großer jährlicher Eigenbewegung) 61 Cygni aus und konnte die halbjährliche Winkeländerung nach längeren Analysen zu 0,31″ (0,00008 Grad) bestimmen; der moderne Wert beträgt 0,29″. Selbst beim sonnennächsten Stern Proxima Centauri (4 Lichtjahre von der Erde entfernt) beträgt die Parallaxe nur 0,772″. In den 1990ern gelangen mit dem europäischen Astrometriesatelliten Hipparcos genaue Parallaxenmessungen für 118.000 Sterne. Der Nachfolger Gaia wurde im Dezember 2013 gestartet und begann Anfang 2014 damit, noch vierzigmal genauere Messungen an etwa 1 Milliarde Sternen durchzuführen.
Sternstromparallaxe
Bei sich gemeinsam bewegenden Sternhaufen wie den Hyaden ist eine der Parallaxe verwandte, rein geometrische Entfernungsbestimmung möglich. Als Basislinie dient die über Jahre summierte Bewegung des Sternstroms. Dazu muss dessen Radialgeschwindigkeit und Eigenbewegung sowie der Konvergenzpunkt (Fluchtpunkt) am Himmel bekannt sein, dem die Haufensterne scheinbar zustreben.
Expansionsparallaxe
Bei astronomischen Objekten, die sich schnell ausdehnen, wie etwa planetarische Nebel und Supernovaüberreste, kann eine direkte Beobachtung dieser Ausdehnung zur Entfernungsbestimmung verwendet werden, indem aus einer Bestimmung der absoluten Ausdehnungsgeschwindigkeit (etwa durch Dopplerverschiebung) und der entsprechenden Winkeldistanz (der Expansionsparallaxe) auf die Entfernung geschlossen wird.
Ein ähnliches Verfahren wird zur Entfernungsbestimmung von Doppelsternen benutzt, die sowohl visuell als spektroskopisch sind, d. h. aus der visuellen Beobachtung der Bewegung erhält man einen Winkel und aus der Verschiebung der Spektrallinien eine absolute Geschwindigkeit, woraus dann die Entfernung berechnet wird.
Parallaxe im Sinne von Entfernung
Im älteren Sprachgebrauch der Astronomie wurde der Ausdruck Parallaxe auch für Entfernung bzw. Länge schlechthin benutzt, weil sich die Entfernung astronomischer Objekte in der Frühzeit der Astronomie nur auf der Grundlage der Parallaxe verlässlich ermitteln ließ. Dies galt auch dann, wenn die Entfernungsmessung andere – z. B. fotometrische – Verfahren nutzte.
Der Gebrauch von Parallaxe als Synonym für Entfernung ist darin erhalten, dass die Entfernung von Sternen in Parsec (pc, ca. 3,26 Lichtjahre), dem Kehrwert der halbjährlichen Parallaxe in Bogensekunden, angegeben wird. Parsec ist eine Abkürzung des englischen parallax arcsecond (‚Bogensekunde am parallaktischen Winkel‘).
Parallaxe in der Fotografie
In der Fotografie tritt bei zweiäugigen Kameras, sowohl bei Sucherkameras als auch zweiäugigen Spiegelreflexkameras, ein Parallaxenfehler auf: Der Bildausschnitt im Sucher und das resultierende fotografische Bild stimmen nicht überein. Dieser Fehler wird naturgemäß umso größer, je näher das Objekt gelegen ist. Einfache Kameras mit Leuchtrahmensucher haben oft eine zusätzliche, feststehende Markierung für den Nahbereich, aufwändigere Modelle besitzen einen automatischen Parallaxenausgleich: Die Entfernungseinstellung der Kamera dient nicht nur zur Fokussierung des Objektivs (Schärfe), sondern verändert auch den Winkel zwischen Sucher und Objektiv bzw. die Sucherfeldbegrenzung und kompensiert so den Großteil des Parallaxenfehlers. Frei von Parallaxenfehlern sind alle Kameras, die zur Erzeugung des Sucherbildes die gleiche Optik verwenden, die zur späteren Bildaufnahme verwendet wird.
In der Photogrammetrie (Bildmessung) dient die Parallaxe zwischen den Bildern von zwei Standorten als Maß für die Entfernung und wird mittels Stereoskopie ausgewertet. Als Vertikalparallaxe wird hingegen eine fehlerhafte Ausrichtung der Bilder bezeichnet, bei dem die Augenachsen in etwas verschiedene Höhen blicken müssen. Sie führt zu baldiger Ermüdung der Augen und sollte bewusst kontrolliert und weggestellt werden.
Parallaxe bei der Ablesung von Skalen
Bei genauen Messungen an Skalen – etwa mit analogen elektrischen Zeigermessgeräten – ist es erforderlich, den Messwert genau senkrecht zur Skala abzulesen, weil der Zeiger sonst vor einem abweichenden Skalenwert erscheint (Parallaxenfehler). Ein Spiegel in der Skala erleichtert dies: Der Zeiger und sein Spiegelbild müssen zum Zeitpunkt der Ablesung in Deckung stehen.
Siehe auch
Bewegungsparallaxe: Parallaxe aus Sicht der Wahrnehmung
Hipparcos: Satellit für Zwecke der Astrometrie
Anmerkungen
Weblinks
Einzelnachweise
Fototechnik
Messgröße
Astronomische Messgröße
Astrometrie
Beobachtungsmethode der Astronomie
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Q165074
| 199.961673 |
56730
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https://de.wikipedia.org/wiki/Meinung
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Meinung
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Unter einer Meinung oder Auffassung wird in der Erkenntnistheorie eine von Wissen und Glauben unterschiedene Form des Fürwahrhaltens verstanden.
Nach einer verbreiteten philosophischen Begriffsverwendung ist das Meinen ein Fürwahrhalten, dem sowohl subjektiv als auch objektiv eine hinreichende Begründung fehlt. Dadurch unterscheidet sich das Meinen vom Glauben und vom Wissen. Von Glauben spricht man, wenn jemand eine Aussage für wahr hält, ihre Wahrheit also subjektiv als gesichert erscheint, obwohl der Glaubende keine objektiv zureichende Begründung dafür angeben kann. Der Unterschied zum Wissen besteht darin, dass der Wissende nicht nur von der Wahrheit der Aussage überzeugt ist, sondern auch über eine objektiv zureichende Begründung dafür verfügt. Diese Abgrenzung der drei Begriffe ist allerdings in der Philosophie nicht allgemein anerkannt, insbesondere hinsichtlich der Unterscheidung von Meinung und Glauben. In englischen Texten wird diese Unterscheidung nicht vorgenommen; belief kann sowohl mit „Meinung“ als auch mit „Glaube“ übersetzt werden. Hinzu kommt, dass in der Alltagssprache oft nicht zwischen „Meinung“, „Glaube“ und „Überzeugung“ unterschieden wird. Weder alltagssprachlich noch fachsprachlich hat sich eine einheitliche Begriffsverwendung durchgesetzt.
Bedeutung außerhalb der Philosophie
Lehrmeinung Eine Lehrmeinung wird durch die Expertise, das Wissen und das Nachdenken ihres Vertreters bestimmt. Anders als die persönliche Meinung ist sie nicht eine Frage von dessen Persönlichkeit. Der Sprachgebrauch entspricht einer Denotation des Wortes „Meinung“, die neben anderen Bedeutungen seit dem Frühneuhochdeutschen verbreitet war.
Persönliche Meinung Umgangssprachlich, in der Sozialpsychologie und in einigen weiteren Wissenschaften versteht man unter Meinung eine von direkter Betroffenheit, von individuellen Wertvorstellungen, Geschmack und/oder Gefühlen geprägte Einstellung eines Menschen gegenüber einem bestimmten Gegenstand. In Ausdrücken und Redewendungen wie „Meinungsfreiheit“, „Meinungsaustausch“, „eine Meinung äußern“ und „jemandem die Meinung sagen“ wird deutlich, dass in demselben Sinne auch einzelne Aussagen als „Meinung“ bezeichnet werden können.
Öffentliche Meinung Persönliche Meinungen können zur öffentlichen Meinung werden, wenn sie in einer Gesellschaft öffentlich diskutiert und als vorherrschend und repräsentativ betrachtet werden. Zwischen der persönlichen Meinung einerseits und der öffentlichen Meinung andererseits bestehen vielfältige und komplexe Wechselwirkungen, mit deren Beschreibung sich die Soziologie, die Politikwissenschaft, die Betriebswirtschaftslehre, die Literatur- und Medienwissenschaft und die Volkskunde beschäftigen.
Etymologie und Bedeutungswandel
Bedeutung
Das Wort „Meinung“ geht auf germanisch *mainô, ahd. meinunga und mhd. meinunge zurück; das Substantiv ist eine Ableitung des Verbs meinen. Im ursprünglichen Sinne bezeichnete es die Bedeutung oder den Sinn einer Aussage oder von Zeichen. Noch Luther benutzte den Ausdruck in diesem alten Sinne:
Als meaning hat diese Bedeutung sich im Englischen bis heute erhalten. Im Deutschen kam sie auch beim jungen Goethe gelegentlich noch vor:
Absicht, Gesinnung oder Beurteilung
Im Sinne von „Vorhaben“ und „Absicht“, von (freundlicher oder übelwollender) „Gesinnung“ und von „Werturteil“ im engsten Sinne wird Meinung heute nicht mehr verwendet:
Lehrmeinung
In einem moderneren Sinne war „Meinung“ die auf Kenntnis und Erwägung gegründete Auffassung, die jemand von etwas hat. Diese Verwendung, die sich in dem Wort Lehrmeinung bis heute erhalten hat, findet sich bereits in Luthers Übersetzung des Neuen Testaments:
Auch im 18. Jahrhundert war sie noch weit verbreitet:
Unzureichend begründetes Fürwahrhalten
Spätestens Kant verstand „meinen“ und „Meinung“ auch im Sinne der griechischen Philosophie (siehe weiter unten), also als Doxa:
Persönliche Meinung
Im heutigen Sinne bezeichnet eine „Meinung“ meist eine persönliche Auffassung, die jemand von einer Sache hat. In dieser Bedeutung wird das Wort spätestens seit dem 18. Jahrhundert gebraucht:
Zu den Konnotationen des Wortes zählt nicht nur Subjektivität und emotionale Einfärbung der Auffassung, sondern auch ein gewisser Gegensatz zum zuverlässigen Wissen und zum gründlichen Durchdachthaben; gelegentlich impliziert das Wort sogar ein Irren:
Die persönliche Meinung ist in Deutschland unter den besonderen Schutz der Meinungsfreiheit gestellt, welche in Abs. 1 GG kodifiziert ist.
Begriffsgeschichte
Griechische Philosophie
„Meinung“ zählt zu den Grundbegriffen der Erkenntnistheorie und wird bereits in der antiken Philosophie behandelt. Die Unterscheidung von Wissen und Meinung wird erstmals in Xenophanes’ Fragmenten vorgenommen. Xenophanes wollte sich vom Absolutheitsanspruch der Mythen befreien und war auf der Suche nach forschungsorientierter Erkenntnis. Er ging davon aus, dass endgültige Wahrheit allein den Göttern zugänglich sei; da er jedoch nicht an göttliche Offenbarung glaubte, konnte er nur schlussfolgern, dass der menschlichen Erkenntnis endgültiges Wissen grundsätzlich versagt bleibe. „Meinung“ verstand er, etwa dem heutigen Begriff einer „Hypothese“ entsprechend, als bloße Annäherung an die Wahrheit, als Scheinwissen.
Parmenides unterschied in seiner ebenfalls fragmentarisch erhaltenen Schrift Über die Natur (5. Jh. v. Chr.) Aletheia (ἀλήθεια, „Wahrheit“) und Doxa (δόξα, „Meinung“). Im Gegensatz zu Xenophanes hielt er menschliche Erkenntnis für möglich, schränkte jedoch ein, dass sie ausschließlich durch Denken (νοεῖν, noein) erlangt werden könne; die auf Beobachtung basierende Naturphilosophie gelange ‒ ebenso wie der Mythos ‒ lediglich zur Meinung, also zum Schein. Ein Jahrhundert später unterschied Sokrates die Doxa von der Epistêmê (ἐπιστήμη, „Wissen“). Platon folgte ihm darin und bezog „Meinung“ auf die veränderlichen, sinnlich wahrgenommenen Dinge, die kein Wissen im engen Sinne zulassen; er unterschied zwei Gestalten der Meinung, nämlich die Vermutung (εἰκασία, eikasia) einerseits und den Glauben bzw. die Überzeugung (πίστις, pistis) andererseits. Aristoteles wich davon insofern ab, als er feststellte, dass jeder Meinung zwangsläufig eine Überzeugung (pistis) innewohne: „denn es ist nicht möglich, dass jemand, der eine Meinung hat, von dem, was ihm wahr zu sein scheint, nicht überzeugt ist“.
Arkesilaos vertrat im 3. Jh. v. Chr. die Auffassung, dass nicht nur der Sinneswahrnehmung nicht zu trauen sei, sondern dass auch Intelligibles, also Gegenstände, die nur über den Verstand zu erfassen sind, nicht mit letztlicher Gewissheit erkannt werden können. Er begründete damit den Skeptizismus innerhalb der Platonischen Akademie und riet den Philosophen, auf die Formulierung von Lehrmeinungen ganz zu verzichten. Eine entgegengesetzte Position nahmen die Stoiker um Zenon ein, die großes Vertrauen in Begründung und Argumentation (λόγος, lógos; lat. ratio) hatten und Wissen dann gelten lassen wollten, wenn das Gewusste durch keinerlei Argumentation widerlegt werden könne. Meinungen verstanden die Stoiker als „schwache oder falsche Annahmen“. Über die Klassiker (Sokrates, Platon, Aristoteles) gingen sie hinaus, indem sie als Wahrheitskriterium, das Meinung und Wissen voneinander schied, das Erfassen (κατάληψις, katalepsis; lat. comprehensio) einführten.
Scholastik
Thomas von Aquin und die Vertreter der Spätscholastik, die sich eingehend mit Aristoteles auseinandergesetzt haben, verstanden unter opinio eine Meinung, bei der der Verdacht mitschwingt, dass die Wahrheit einer Aussage nur irrtümlich angenommen wird. Daneben benutzte Thomas den Ausdruck gelegentlich auch, um eine bloße Neigung zum Fürwahrhalten zu bezeichnen.
Neuzeitliche Philosophie
Spinoza unterschied in seiner Ethik (1677) drei Stufen der Erkenntnis: Einbildung bzw. Meinung (imaginatio/opinio), Vernunft (ratio) und intuitive Erkenntnis (scientia/cognitio intuitiva). Als empirisches Wissen, das auf Wahrnehmung und Erinnerung beruht, war imaginatio für ihn die niedrigste Art der Erkenntnis; sie entspringt seiner Auffassung nach ja nicht der Aktivität des menschlichen Geistes, sondern wird von diesem nur passiv wahrgenommen. Kant verwendete Meinung und meinen im selben Sinne wie die Griechen; einer Meinung liegt für ihn immer eine mögliche Erfahrung zugrunde, während in Urteilen a priori kein Meinen stattfindet.
In der Erkenntnistheorie der Gegenwart spielt der Begriff „Meinung“ u. a. beim Gettier-Problem eine zentrale Rolle.
Literatur
Marcus Birke: Meinung/Glaube. In: Hans Jörg Sandkühler (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie. Band 2, Meiner, Hamburg 2010, ISBN 978-3-7873-1999-2, S. 1522–1526.
Alwin Diemer: Meinen, Meinung. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 5, Schwabe, Basel 1980, Sp. 1017–1023.
Theodor Ebert: Meinung. In: Der Neue Pauly. Band 7, Metzler, Stuttgart/Weimar 1999, ISBN 3-476-01477-0, Sp. 1161–1163.
Jürgen Mittelstraß: Meinung. In: Jürgen Mittelstraß (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, 2., neubearbeitete Auflage, Bd. 5, Metzler, Stuttgart/Weimar 2013, ISBN 978-3-476-02104-5, S. 308–309.
Peter Ptassek, Birgit Sandkaulen-Bock, Jochen Wagner, Georg Zenkert: Macht und Meinung. Die rhetorische Konstitution der politischen Welt, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1992, ISBN 978-3-525-30505-8.
Weblinks
Patrick Gensing: Faktum = Meinung? Aus Politik und Zeitgeschichte, bpb, 13. März 2020.
Belege
Erkenntnistheorie
Sozialpsychologie
Wissenschaftstheorie
Wissenschaftspraxis
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Q3962655
| 87.581286 |
21011
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https://de.wikipedia.org/wiki/Ontario
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Ontario
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Ontario (engl. Aussprache []) ist eine Provinz im Südosten Kanadas. Sie ist die mit Abstand bevölkerungsreichste und nach Québec die flächenmäßig zweitgrößte Provinz des Landes (Nunavut und die Nordwest-Territorien sind zwar größer, gehören jedoch zu den Territorien). Ontario grenzt an die Provinzen Manitoba im Westen und Québec im Osten sowie an fünf US-Bundesstaaten im Süden.
Hauptstadt Ontarios und gleichzeitig größte Stadt des Landes ist Toronto. Ottawa, die Hauptstadt Kanadas, befindet sich im Osten an der Grenze zu Québec. Ottawa gehört zu Ontario, im Gegensatz zu vielen anderen Flächenstaaten existiert in Kanada kein gesonderter Hauptstadtdistrikt. Bei der Volkszählung 2021 wurden 14.223.942 Einwohner gezählt, was 38,5 % der Bevölkerung Kanadas entspricht.
Geographie
Die Provinz grenzt im Norden an die Hudson Bay und die James Bay, im Osten an Québec, im Süden an die amerikanischen Bundesstaaten Minnesota, Michigan, Ohio, Pennsylvania und New York und im Westen an die Provinz Manitoba. Ontarios südliche Grenze zu den Vereinigten Staaten besteht fast gänzlich aus Seen und Flüssen, beginnend mit dem Lake of the Woods. Sie verläuft weiter an vier der fünf Großen Seen (Oberer See, Huronsee, Eriesee und Ontariosee) und schließlich am Sankt-Lorenz-Strom in der Nähe von Cornwall. Der Ottawa River bildet einen Teil der Grenze zu Québec.
Ontario lässt sich in drei Hauptregionen gliedern:
Der Kanadische Schild im Nordwesten und im Zentrum bedeckt rund die Hälfte der Provinzfläche. Er ist größtenteils kaum fruchtbar, aber reich an Mineralien und gleichzeitig überzogen mit Flüssen und Seen.
Das sumpfige und bewaldete Tiefland der Hudson Bay im nordöstlichen Provinzgebiet, das fast unbewohnt ist.
Das klimatisch gemäßigte und fruchtbare Tal im Süden entlang der Großen Seen und des Sankt-Lorenz-Stroms, wo sich Landwirtschaft, Industrie und Siedlungen konzentrieren. Rund 75 % der Bevölkerung Ontarios und ein Viertel der kanadischen Bevölkerung leben in der Region am westlichen Ende des Ontariosees; auch als Golden Horseshoe (goldenes Hufeisen) bezeichnet.
Trotz des Fehlens von Gebirgen wird ein großer Teil der Provinz von zahlreichen Hügelketten durchzogen, wobei insbesondere die Moränen im Kanadischen Schild sowie die Niagara-Schichtstufe im Süden zu nennen sind. Höchster Punkt der Provinz ist der 693 Meter hohe Ishpatina Ridge in der Nähe von Temagami. Ontario ist bekannt für seinen Wasserreichtum. In der Provinz gibt es rund 250.000 Seen sowie Flüsse mit einer Gesamtlänge von mehr als 100.000 Kilometern. Das bekannteste geographische Objekt sind die Niagarafälle. Der Sankt-Lorenz-Seeweg erlaubt Schifffahrt vom Atlantischen Ozean bis nach Thunder Bay im Nordwesten Ontarios.
In Ontario gibt es fünf Nationalparks: Den Bruce-Peninsula-Nationalpark auf der Bruce-Halbinsel am Huronsee, Georgian-Bay-Islands-Nationalpark an der Georgian Bay des Huronsees, den Point-Pelee-Nationalpark auf einer Landzunge im Eriesee (mit dem südlichsten Punkt des kanadischen Festlands), den Pukaskwa-Nationalpark nördlich des Oberen Sees und den Thousand-Islands-Nationalpark in der Region Thousand Islands.
Klima
Ontario liegt in drei Hauptklimaregionen. Der größte Teil des Südostens sowie der südliche Teil des Golden Horseshoe besitzen ein feucht gemäßigtes und kontinentales Klima. In dieser Region herrschen heiße feuchte Sommer und kalte Winter vor. Insbesondere im Herbst und Winter werden die Temperaturen durch die Wasserfläche der Großen Seen etwas gemildert. Daraus ergibt sich eine längere Wachstumsphase als in Gegenden auf dem gleichen Breitengrad, die im Zentrum des Kontinents liegen. Die jährliche Niederschlagsmenge reicht von 750 mm bis 1000 mm und ist relativ gleichmäßig verteilt, mit einer Spitze im Sommer.
Die weiter nördlich liegenden und den Windströmungen zugewandten Regionen von Südontario sowie Zentral- und Ostontario und die südlichen Regionen von Nordontario besitzen ein harsches feuchtes Kontinentalklima. Hier herrschen kurze und warme bis heiße Sommer vor, mit kalten und längeren Wintern sowie einer kürzeren Wachstumsphase. Der südliche Teil dieser Region liegt an der Luvseite der Großen Seen, insbesondere des Huronsees.
In den nördlichsten Regionen Ontarios, hauptsächlich nördlich des 50. Breitengrades, herrscht ein subpolares Klima vor, mit langen, sehr kalten Wintern und kurzen warmen Sommern. Im Sommer kann es auch ganz im Norden warm werden, doch ist die Niederschlagsmenge deutlich geringer als im Süden. Da keine Bergketten die arktischen Luftmassen blockieren, können die Temperaturen im Winter unter −40 °C fallen. Oft ist der Boden von Oktober bis Mai schneebedeckt.
Gliederung
→ Siehe auch: Verwaltungsgliederung Ontarios, Liste der Gemeinden in Ontario
Die Verwaltungsgliederung Ontarios ist vielfältig. Es gibt 445 Gemeinden, die auf vier verschiedene Arten gegliedert sind. Einstufige Gemeinden (single-tier municipalities) werden von einer einzigen städtischen Verwaltung regiert. Sie unterstehen weder einem County oder einer Regionalverwaltung, noch haben sie weitere Einheiten unter sich. Regionalgemeinden (regional municipalities) sind Verwaltungsgebiete, die ähnlich einem County aufgebaut sind, aber über mehr Kompetenzen verfügen. Countys (nur in Südontario) sind Verwaltungsbezirke, die nur sehr wenige Aufgaben erfüllen, da diese von den eigenständigen Gemeinden innerhalb des Bezirks wahrgenommen werden. Distrikte (districts) sind Gebiete in den dünn besiedelten Regionen Nordontarios, in denen die Provinzregierung die meisten Verwaltungsaufgaben übernimmt.
Geschichte
Frühgeschichte
Der Name Ontario ist ein irokesisches Wort und bedeutet „schöner See“ oder „schönes Wasser“. Bevor die Europäer die Region erreichten, bewohnten Algonkin- (Anishinabe, Cree und Algonkin) und Irokesen-Stämme (Irokesen, Wyandot) das Land.
Europäer und Indianer, britisch-französische Rivalität
Der französische Entdecker Étienne Brûlé erforschte einen Teil des Gebiets in den Jahren 1610 bis 1612. Der englische Entdecker Henry Hudson segelte 1611 in die später nach ihm benannte Hudson Bay und nahm die Bucht für England in Besitz. Samuel de Champlain erreichte 1615 den Huronsee. Zu dieser Zeit begannen französische Missionare, kleine Vorposten entlang der Großen Seen zu errichten. Die Irokesen, die eine Allianz mit den Engländern eingegangen waren, gefährdeten aber diese französischen Siedlungen.
Die Engländer bzw. die Briten errichteten im späten 17. Jahrhundert Handelsposten an der Hudson Bay und strebten nach der Vorherrschaft in Ontario. Der Pariser Frieden von 1763, der den Siebenjährigen Krieg in Europa und den auf dem nordamerikanischen Nebenkriegsschauplatz beendete, führte dazu, dass fast ganz Neufrankreich an die Briten fiel.
Britische Kolonialherrschaft
1774 wurde das Gebiet durch den Quebec Act ein Teil der Provinz Québec.
Von 1783 bis 1796 gewährte die britische Regierung den geflohenen amerikanischen Loyalisten je 200 acres (0,8 km²), um ihnen den Wiederaufbau einer Existenz zu ermöglichen. Durch diese Maßnahme stieg die Einwohnerzahl westlich des Ottawa River markant an, so dass die Provinz Québec 1791 mit dem Constitutional Act aufgeteilt wurde: das mehrheitlich englischsprachige Oberkanada westlich des Flusses, das mehrheitlich französischsprachige Niederkanada östlich davon.
Amerikanische Truppen schritten im Britisch-Amerikanischen Krieg (1812–1814) über den Niagara River sowie den Detroit River und fielen in Oberkanada ein. Sie wurden jedoch von britischen Soldaten, kanadischen Milizen und Kriegern der First Nations aufgehalten und zurückgeschlagen. Daraufhin erlangten die Amerikaner die Kontrolle über den Eriesee und den Ontariosee. Sie besetzten York (das spätere Toronto), plünderten die Stadt und setzten das Parlamentsgebäude in Brand, mussten sich aber bald darauf zurückziehen.
Nach Kriegsende nahm die Bevölkerung weiter zu. Ein Verbund aristokratischer Familien, der so genannte Family Compact, beherrschte das wirtschaftliche und politische Geschehen. Gegen diese Vorherrschaft regte sich zunehmend Widerstand und es entstanden republikanische Bewegungen. 1837 brachen zwei Aufstände aus, die beide die Einführung der Selbstverwaltung zum Ziel hatten, die von Louis-Joseph Papineau angeführte Niederkanada-Rebellion und die von William Lyon Mackenzie angeführte Oberkanada-Rebellion (siehe auch Rebellionen von 1837).
Zwar wurden beide Aufstände rasch niedergeschlagen, doch die britische Regierung entsandte Lord Durham, um die Ursachen der Unruhen zu untersuchen. Er schlug die Einführung der Selbstverwaltung vor sowie die Vereinigung von Ober- und Niederkanada, um die französischen Kanadier allmählich zu assimilieren (was letztlich jedoch nicht gelang). Mit dem Act of Union 1840 wurden die beiden Kolonien zur Provinz Kanada vereinigt. Das Recht zur Selbstverwaltung wurde 1848 gewährt.
Eine unüberwindbare politische Pattsituation zwischen englisch- und französischsprachigen Abgeordneten sowie die Angst vor amerikanischer Aggression während des Sezessionskriegs waren dafür ausschlaggebend, dass sich die führenden Politiker in Britisch-Nordamerika in mehreren Konferenzen darauf einigten, die verschiedenen britischen Kolonien zu vereinigen. Mit der Gründung der Kanadischen Konföderation am 1. Juli 1867 wurde die Provinz Kanada entlang der alten Grenzen in Québec und Ontario geteilt.
Das entstehende Kanada, ab 1867
Oliver Mowat, Premierminister der Provinz von 1872 bis 1896, schwächte die Macht der Bundesregierung in Angelegenheiten der Provinz, üblicherweise durch gut formulierte Berufungen bei der Justizkommission des britischen Privy Council. Mowat erreichte eine weitaus größere Dezentralisierung des Landes und Machtfülle der Provinzen, als es jemals Absicht von John Macdonald gewesen war. Er baute das Bildungswesen aus, reorganisierte die Verwaltungsgliederung und sicherte für Ontario jene Gebiete im Nordwesten, die historisch nicht Teil von Oberkanada gewesen waren (nördlich des Oberen Sees und westlich der Hudson Bay).
Während Mowats Amtszeit entwickelte sich Ontario zum wirtschaftlichen Zentrum des Landes. Die Ausbeutung der mineralischen Rohstoffe wurde Ende des 19. Jahrhunderts intensiviert, was zur Gründung zahlreicher Minenstädte im Norden führte, wie z. B. Sudbury. Die Provinz ließ zahlreiche Wasserkraftwerke errichten und schuf die staatliche Hydro-Electric Power Commission of Ontario, später Ontario Hydro. Die Verfügbarkeit billiger elektrischer Energie erleichterte die Entwicklung der Industrie zusätzlich.
Im Juli 1912 erließ die konservative Regierung von James Whitney das umstrittene Reglement 17, das den Schulunterricht der Minderheit der Franko-Ontarier in französischer Sprache stark einschränkte. Dieser Erlass stieß bei den Frankokanadiern auf erbitterten Widerstand; der Journalist Henri Bourassa schmähte die Regierung als „die Preußen von Ontario“, eine Anspielung auf die deutsch-französische Erbfeindschaft, die zum Ersten Weltkrieg geführt hatte. Reglement 17 konnte nie vollständig umgesetzt werden und wurde schließlich zum großen Teil 1927 aufgehoben; frankophone Schulen sind erst seit 1968 wieder erlaubt.
Unter dem Einfluss der Vereinigten Staaten führte die Regierung von William Howard Hearst 1916 die Alkoholprohibition ein. Privatpersonen konnten jedoch Schnäpse für den Eigengebrauch brennen und Unternehmen durften weiterhin für den Export produzieren. Dies führte zu einem regen Schnapsschmuggel in die USA, wo Alkohol gänzlich verboten war. 1927 wurde die Prohibition aufgehoben, die Provinzregierung regulierte jedoch die Produktion und den Verkauf von Alkohol in erheblichem Maße. So dürfen bis heute hochprozentige alkoholische Getränke nur in Läden des Liquor Control Board of Ontario verkauft werden.
Seit dem Zweiten Weltkrieg: Wirtschaftswachstum und Sprachenkonflikte
Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war von einem außergewöhnlichen Wachstum geprägt. Ontario und insbesondere der Großraum Toronto zogen bei weitem die meisten Einwanderer an. Waren dies in den 1950er und 1960er Jahren hauptsächlich Europäer, so folgten nach Anpassungen der Einwanderungsgesetze Menschen von anderen Kontinenten, insbesondere aus Asien. Ontario wandelte sich von einer in hohem Maße britisch geprägten Provinz zu einer der ethnisch vielfältigsten Regionen Nordamerikas.
Die nationalistische Bewegung in Québec, insbesondere nach dem Wahlsieg der Parti Québécois im Jahr 1976, führte zu einer Wanderungsbewegung von Unternehmen und englischsprachigen Kanadiern von Québec nach Ontario. Unter anderem infolgedessen überholte Toronto schließlich Montreal als größte Stadt und wirtschaftliches Zentrum Kanadas. Weiterhin führten schwierige wirtschaftliche Verhältnisse in den Seeprovinzen dort zu einem Bevölkerungsrückgang und zu einer starken Binnenwanderung nach Ontario.
Bevölkerung
Bei der Volkszählung 2006 wurden 12.160.282 Einwohner ermittelt, was gegenüber 2001 einer Zunahme von 6,6 % entspricht. Somit liegt Ontario über dem landesweiten Durchschnitt von 5,4 %. Der Anteil Ontarios an der Gesamtbevölkerung Kanadas beträgt 38,5 %.
Bei der Volkszählung 2001 bezeichneten sich 29,7 % der Bevölkerung als „Kanadier“. 24,0 % waren englischer, 16,3 % schottischer, 15,6 % irischer, 10,9 % französischer, 8,6 % deutscher, 6,9 % italienischer und 4,6 % chinesischer Abstammung (Mehrfachantworten möglich). Der Anteil der Ureinwohner ist gering (2,2 % First Nations, 0,5 % Métis).
Wichtigste Sprache ist Englisch; etwa 5 % der Bevölkerung gehören der Minderheit der Franko-Ontarier an, der größten französischsprachigen Gemeinschaft Kanadas außerhalb von Québec. Nach dem „French Language Services Act“ müssen Provinzbehörden in einzelnen Bezirken (mind. 5.000 Einzelpersonen oder 10 % der Bevölkerung) Dienstleistungen auch in französischer Sprache anbieten. Im Bereich der Rechtsprechung gelten hinsichtlich der Nutzung der französischen Sprache nochmal zusätzliche Regeln.
34,9 % der Bevölkerung sind protestantisch, 34,7 % römisch-katholisch. 2,3 % sind christlich-orthodox und 2,7 % nicht näher definierte Christen; z. B. ist Ontario das Zentrum der Amischen in Kanada. 3,1 % bekennen sich zum Islam, 1,9 % zum Hinduismus und 4,1 % zu sonstigen Religionen. 16,3 % machten keine Angaben.
Größte Städte nach Einwohnerzahl
Politik
Das politische System von Ontario basiert auf dem Westminster-System, mit einem Einkammernparlament, der Legislativversammlung. Diese besteht aus 107 Mitgliedern, die in ebenso vielen Wahlkreisen nach dem Mehrheitswahlsystem gewählt werden. Seit 2004 ist die Länge der Legislaturperiode auf vier Jahre beschränkt. Zuvor konnte der Vizegouverneur auf Anraten des Premierministers innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens das Parlament vorzeitig auflösen und Neuwahlen ansetzen, der britischen Parlamentstradition entsprechend. Amtierender Premierminister ist Doug Ford, Vizegouverneurin ist Elizabeth Dowdeswell.
Drei Parteien bestimmen das politische Geschehen in Ontario. In den letzten Jahrzehnten stellten sowohl die liberale Ontario Liberal Party als auch die konservative Progressive Conservative Party of Ontario und die sozialdemokratische Ontario New Democratic Party während einer gewissen Zeit die Regierung.
Ontario stehen zurzeit 106 Sitze im Unterhaus und gemäß der kanadischen Verfassung 24 Sitze im Senat zu. Die Provinz gilt auf Bundesebene als Hochburg der Liberalen Partei Kanadas. Da in Ontario die meisten Sitze zu vergeben sind, ist für jede Partei, die auf einen Wahlsieg hofft, die Unterstützung dieser Provinz von entscheidender Bedeutung.
Wirtschaft
Einst der dominierende Wirtschaftszweig, beschäftigt die Landwirtschaft heute nur noch einen kleinen Prozentsatz der Erwerbstätigen. Vorherrschend sind Viehzucht, Weizenanbau und Milchwirtschaft. Auf der Niagara-Halbinsel und entlang des Eriesees konzentrieren sich Obst-, Trauben- und Gemüseanbau. Massey Ferguson, einst der weltweit wichtigste Hersteller von Landwirtschaftsmaschinen, wurde in Ontario gegründet.
Ontarios Flüsse schaffen ein großes Potenzial für die Erzeugung von elektrischem Strom aus Wasserkraft. Seit der Privatisierung der staatlichen Gesellschaft Ontario Hydro im Jahr 1999 hält die Ontario Power Generation einen Anteil von 85 % an der Elektrizitätsproduktion in der Provinz. 41 % der Energie ist nuklear, 30 % stammt aus Wasserkraft und 29 % aus fossilen Brennstoffen.
Um das politische Ziel einer Energiewende zu regenerativen Energien zu fördern, führte Ontario 2009 das Green Energy Act ein, eine direkte Kopie des deutschen Erneuerbare-Energien-Gesetzes mit Einspeisevergütungen. Im Jahre 2014 vollzog Ontario den Ausstieg aus der Kohleverstromung, als das letzte Kohlekraftwerk in der Thunder Bay auf Biomasse umgerüstet wurde. 2003 waren noch Kohlekraftwerke mit einer Gesamtleitung von 7500 Megawatt am Netz, was einem Viertel der gesamten Kapazitäten zur Stromerzeugung in Ontario entsprach. 2003 wurde auch der Prozess zum Ausstieg aus der Kohle eingeleitet. Ontario ist die erste größere Verwaltungseinheit weltweit, welche einen solchen Plan erfolgreich in die Tat umsetzte. Potenziale zur Einsparung von Energie werden nicht in größerem Maße genutzt, der Pro-Kopf-Verbrauch an Energie ist in Ontario deutlich höher als im benachbarten New York State.
Der Reichtum an natürlichen Ressourcen, gut ausgebaute Transportwege in die USA und der Zugang für Containerschiffe über die Großen Seen zum Meer haben zur dominierenden Stellung der Industrie in Ontario geführt. Dies trifft insbesondere auf das Golden Horseshoe zu, die am stärksten industrialisierte Region Kanadas. Bedeutende Branchen sind die Automobilindustrie, die Eisen- und Stahlverarbeitung, die Nahrungsmittelverarbeitung, die Elektroindustrie, die Maschinenindustrie, die chemische Industrie und die Papierindustrie. 2004 überholte Ontario mit 2,696 Millionen produzierten Automobilen das benachbarte Michigan.
Toronto ist das Zentrum des kanadischen Finanz- und Bankenwesens, während in Städten wie Markham, Waterloo und Ottawa die Informationstechnik eine bedeutende Rolle spielt. Hamilton ist das kanadische Zentrum der Stahlproduktion, Sarnia ein Zentrum der Petrochemie. Die Wirtschaft im Norden der Provinz stützt sich auf Minen und Forstwirtschaft. Entlang der Seen ist der Tourismus von großer Bedeutung.
Ein weiterer wichtiger Wirtschaftsteil ist das Filmproduktionsgewerbe. Neben Vancouver befindet sich in Toronto der zweitgrößte Filmproduktionsstandort Kanadas – konzentriert auf zwei große Filmstudios, in denen sowohl kanadische als auch US-amerikanische Kinofilme, TV-Spielfilme, TV-Serien und Fernsehshows produziert werden. Dank zahlreicher weiterer Filmstudios, die sich nicht nur auf das übrige Ontario verteilen, sondern auch auf andere Provinzen, wurde Kanada – nach Los Angeles und New York City – zum drittgrößten Filmproduktionsstandort Nordamerikas und wird dementsprechend mitunter auch als „Hollywood North“ bezeichnet.
Bildung und Forschung
Schulen
In Kanada sind die Provinzen für die Schulbildung selbst verantwortlich. Die Grund- und weiterführende Schulen bis Klasse 12 (High Schools) in Ontario unterstehen der Aufsicht des Ministry of Education (EDU). In den Schulen der Provinz wird für gewöhnlich Englisch als Erstsprache und Französisch als Zweitsprache gelehrt. Im Schuljahr 2007/2008 waren insgesamt 1.371.485 schulpflichtige Kinder und Jugendliche in den Schulen der Provinz eingeschrieben. Insgesamt gab die Provinz für die öffentlichen Schulen rund 15,4 Milliarden C $ aus.
Bei den PISA-Studien fiel Ontario durch ein gutes Abschneiden auf. Der Fullan-Bericht (Michael Fullan, 2013) mit dem Titel Great to Excellent fordert einen Schwerpunkt auf den 6 C: Character, Cititzenship (Staatsbürgerschaft), Communication, Critical thinking (kritisches Denken und Problemlösung), Cooperation (Zusammenarbeit und Teamarbeit) sowie Creativity (Kreativität und Vorstellungskraft). Der Bericht fordert auch weitere schulische Innovationen dafür, nachdem bereits in 10 Jahren zuvor große Fortschritte sichtbar geworden waren. Erfolgreich war die Literacy and Numeracy Initiative, die den Lehrplan für die Sprach- und Mathematikkompetenzen umfassend erneuerte. Eine Online-Plattform Virtual Learning Environment stellt optimierte Materialien zur Verfügung. Spezielle Lehrerteams kümmerten sich um Schüler mit schlechten Leistungen, die Absolventenquote ist deutlich gestiegen. Schulleitungen arbeiteten freier und kreativer, um Lösungen zu finden.
Universitäten
Die Hochschulen und Universitäten der Provinz unterstehen der Aufsicht des Ontario Ministry of Training, Colleges and Universities (MTCU). In der Provinz befinden sich 22 staatliche Universitäten, 24 Colleges, 17 privatfinanzierte kirchliche Universitäten und über 500 Private Career Colleges. Zu den größten und weltweit bekannteren Universitäten in Kanada zählt die University of Toronto mit rund 73.000 Studenten die über mehrere Campusanlagen in Toronto sowie in Vororten wie Mississauga verfügt. Die zweitgrößte Universität ist die York University mit rund 52.290 Studenten, gefolgt von der Universität Ottawa mit rund 38.700 Studenten.
Verkehr
Es existieren zwei historisch gewachsene Verkehrskorridore, die beide ihren Ausgangspunkt in Montreal haben. Der nördliche führt entlang des Ottawa-Flusses und dann weiter nach Manitoba. An ihr liegen Städte wie Ottawa, North Bay, Sudbury, Sault Ste. Marie und Thunder Bay. Von weitaus größerer Bedeutung ist der südliche Korridor entlang des Sankt-Lorenz-Stroms, des Ontariosees und des Eriesees nach Michigan. Bedeutende Städte an dieser Route sind Kingston, Oshawa, Toronto, Mississauga, Kitchener, Waterloo, London, Sarnia und Windsor. Die meisten wichtigen Verkehrswege Ontarios folgen einem dieser Korridore.
Autobahnen verlaufen meist im südlichen Korridor. Sie verbinden die größten Städte miteinander und führen zu den wichtigsten Grenzübergängen wie den Detroit-Windsor Tunnel, die Ambassador Bridge und die Blue Water Bridge. Die wichtigste Straßenverbindung ist der Highway 401, die als meistbefahrene Autobahn der Welt gilt. Der Highway 417 bildet einen Teil des Trans-Canada Highway, während Highway 400 in den Norden Ontarios führt.
Der Sankt-Lorenz-Seeweg entlang der südlichen Provinzgrenze ist der Hauptverkehrsweg für die Binnenschifffahrt, insbesondere für Massengüter wie Eisenerz und Weizen. Die Großen Seen und der Sankt-Lorenz-Strom waren einst auch bedeutende Verkehrswege für den Personentransport.
VIA Rail betreibt den interregionalen Schienenpersonenverkehr entlang des Québec-Windsor-Korridors. Zusätzlich bietet Amtrak Personenzüge nach Buffalo, Albany und New York City an. Ontario Northland betreibt Personenverkehr und Schienengüterverkehr in den Norden der Provinz. Der Schienengüterverkehr wird von den Gesellschaften Canadian Pacific Railway und Canadian National Railway dominiert. GO Transit betreibt Schienenpersonennahverkehr im Großraum Toronto und im Golden Horseshoe. Die Toronto Transit Commission betreibt die einzigen U-Bahn- und Straßenbahnnetze der Provinz. In Ottawa wird mit dem O-Train ein Pilotprojekt für ein Stadtbahnnetz betrieben.
Der Toronto Pearson International Airport ist mit über 30 Millionen Fluggästen jährlich der meistfrequentierte Flughafen der Provinz und Kanadas. Weitere bedeutende Flughäfen sind der Ottawa Macdonald-Cartier International Airport sowie Torontos zweiter Flughafen, Billy Bishop Toronto City Airport. Die meisten Städte Ontarios verfügen über Regionalflughäfen, die überwiegend von kleineren Fluggesellschaften angeflogen werden. Isolierte Siedlungen im Norden sind auf den Luftverkehr angewiesen, da sie vielfach nicht an das Straßen- oder Schienennetz angeschlossen sind.
Weblinks
Regierung von Ontario (engl./franz.)
Tourismusministerium der Provinz Ontarios (engl./franz.)
(engl.)
Einzelnachweise
Provinz oder Territorium in Kanada
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Q1904
| 2,180.54639 |
17121
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https://de.wikipedia.org/wiki/Tomate
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Tomate
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Die Tomate (Solanum lycopersicum), in Österreich sowie in Südtirol auch der Paradeiser bzw. die Paradeis (seltener Paradeisapfel) genannt, ist eine Pflanzenart aus der Familie der Nachtschattengewächse (Solanaceae). Damit ist sie eng mit anderen Speisegewächsen wie der Kartoffel (Solanum tuberosum), der Paprika (Capsicum) und der Aubergine (Solanum melongena) verwandt, aber auch mit Pflanzen wie der Tollkirsche, der Alraune, der Engelstrompete, der Petunie oder dem Tabak (Nicotiana).
Lange wurde diese Pflanzenart als Liebesapfel, Paradiesapfel oder Goldapfel bezeichnet. Erst im 19. Jahrhundert erhielt sie ihren heute gebräuchlichen Namen „Tomate“. Dieser leitet sich von xītomatl ab, dem Wort für diese Frucht in der Aztekensprache Nahuatl. Umgangssprachlich wird vor allem die als Gemüse verwendete rote Frucht, die eine Beere ist, als Tomate bezeichnet. Ehemalige botanische Namen und Synonyme: Lycopersicon esculentum, Solanum esculentum oder Lycopersicon lycopersicum.
Beschreibung
Vegetative Merkmale
Die Tomatenpflanze ist eine krautige, einjährige, zweijährige oder gelegentlich auch ausdauernde Pflanze, die zunächst aufrecht, später aber niederliegend und kriechend wächst. Die einzelnen Äste können dabei bis zu 4 m lang werden. Die Stängel haben an der Basis einen Durchmesser von 10 bis 14 mm, sie sind grün, fein behaart und zur Spitze hin meist filzig behaart. Die Behaarung besteht aus einfachen, einzelligen Trichomen, die bis zu 0,5 mm lang werden, sowie spärlich verteilten meist aus bis zu zehn Zellen bestehenden, mehrzelligen Trichomen mit bis zu 3 mm Länge. Vor allem die längeren Trichome besitzen oft drüsige Spitzen, die der Pflanze einen starken Geruch verleihen.
Die sympodialen Einheiten besitzen meist drei Laubblätter, die Internodien sind 1 bis 6 cm lang, gelegentlich auch länger. Die Laubblätter sind unterbrochen unpaarig gefiedert, 20 bis 35 cm (selten nur 10 cm oder mehr als 35 cm) lang und 7 bis 10 cm (selten nur 3 cm oder mehr als 10 cm) breit. Sie sind beidseitig spärlich behaart, die Trichome gleichen denen der Stängel. Der Blattstiel ist 1,2 bis 6 cm lang oder gelegentlich auch länger.
Die Hauptteilblätter stehen in drei oder vier (selten auch fünf) Paaren. Sie sind eiförmig oder elliptisch geformt, die Basis ist schräg und zur Basis des Gesamtblattes hin herablaufend, abgeschnitten oder herzförmig. Die Ränder sind vor allem nahe der Basis gezahnt oder gekerbt, selten sind sie ganzrandig oder tiefgezähnt oder -gelappt. Die Spitze der Teilblätter ist spitz oder zugespitzt. Das oberste Teilblatt ist meist größer als die seitlichen Teilblätter, 3 bis 5 cm lang und 1,5 bis 3 cm breit. Das Stielchen ist 0,5 bis 1,5 cm lang. Die Spitze ist meist spitz zulaufend. Die seitlichen Teilblätter sind 2 bis 4,5 cm lang und 0,8 bis 2,5 cm breit, sie stehen an 0,3 bis 2 cm langen Stielchen.
Die Teilblätter zweiten Ranges stehen meistens an der der Blattspitze zugewandten Seite der unteren Hauptteilblätter. Sie sind 0,2 bis 0,8 cm lang und 0,1 bis 0,5 cm breit, sie sind aufsitzend oder stehen an einem bis zu 0,4 cm langen Stielchen. Teilblättchen dritten Rangs fehlen. Zwischen den Hauptteilblättern stehen meist sechs bis zehn eingeschobene Zwischenblättchen. Diese sind 0,1 bis 0,8 cm lang und 0,1 bis 0,6 cm breit und stehen an 0,1 bis 0,3 cm langen Stielchen. Scheinnebenblätter werden nicht gebildet.
Blütenstände und Blüten
Die Blütenstände werden bis zu 10 cm lang, bestehen aus fünf bis fünfzehn Blüten und sind meistens ungeteilt oder selten in zwei Zweige gespalten. Der Blütenstandsstiel ist kürzer als 3 cm und ähnlich den Stängeln behaart. Die Blütenstiele sind 1 bis 1,2 cm lang, das äußere Drittel ist gelenkartig abgeteilt. Die Form des Blütenstandes ist ein Wickel.
Die Knospen sind 0,5 bis 0,8 cm lang und 0,2 bis 0,3 cm breit und gerade konisch geformt. Vor dem Aufblühen steht die Krone etwa zur Hälfte aus dem Kelch hervor. Die Kelchröhre ist zur Blütezeit sehr fein und mit bis zu 0,5 cm langen Kelchlappen besetzt. Diese sind linealisch geformt, nach vorn zu spitz und mit langen und kurzen, einfachen, einreihigen Trichomen besetzt. Die leuchtend gelbe, fünfeckige Krone hat einen Durchmesser von 1 bis 2 cm, oftmals ist sie gebändert und in einigen Kulturformen auch mit mehr als fünf Zipfeln besetzt. Die Kronröhre ist 0,2 bis 0,4 cm lang, die Kronzipfel sind 0,5 bis 2 cm lang, 0,3 bis 0,5 cm breit, schmal lanzettlich geformt und an der Spitze und den Rändern spärlich mit verschlungenen, einreihigen Trichomen von bis zu 0,5 mm Länge besetzt. Zur Blütezeit sind die Kronlappen abstehend.
Die Staubblätter sind zu einer Röhre verwachsen, diese ist 0,6 bis 0,8 cm lang und 0,2 bis 0,3 (selten bis 0,5) cm breit. Sie ist schmal konisch geformt und gerade. Die Staubfäden sind sehr fein und nur 0,5 mm lang, die Staubbeutel sind 0,4 bis 0,5 cm lang und besitzen an der Spitze einen sterilen Anhang, der 0,2 bis 0,3 cm lang ist und nie mehr als die Hälfte der Gesamtlänge der Staubbeutel ausmacht. Der Fruchtknoten ist konisch, fein drüsig behaart. Der Griffel ist 0,6 bis 1 cm lang und misst weniger als 0,5 mm im Durchmesser. Er steht meist nicht über die Staubblattröhre hinaus. Die Narbe ist kopfig und grün.
Früchte und Samen
Die Früchte sind Beeren, messen meist 1,5 bis 2,5 cm im Durchmesser, können aber bei kultivierten Pflanzen auch bis zu 10 cm groß werden. Da die Frucht aus zwei Fruchtblättern gebildet wird, weist sie zwei Kammern mit zahlreichen Samenanlagen auf. Diese sind über ein mittig gelegenes, plazentales Gewebe verbunden. Die Anzahl der Fruchtblätter und somit der Kammern kann variieren, vor allem züchtungsbedingt. Die Fruchtform ist meist annähernd kugelförmig, andere Wuchsformen wie oval-länglich oder birnenförmig sind, ebenfalls züchtungsbedingt, auch möglich.
Die Früchte reifen aufgrund des Carotinoidgehalts und hier insbesondere durch das Lycopin zu einem kräftigen Rot, Gelb oder Dunkelorange ab, sind zunächst behaart, bei Reife aber verkahlt. Der Blütenstiel hat sich bis zur Fruchtreife auf 1 bis 3 cm Länge vergrößert, bei Sorten mit großen Früchten ist er auch oftmals verdickt. Er ist gerade oder am Gelenkpunkt in Richtung der Blütenstandsachse gebogen. Der Kelch ist an der Frucht ebenfalls vergrößert, die Kelchlappen sind etwa 0,8 bis 1 cm lang und 0,2 bis 0,25 mm breit und teilweise stark nach hinten zurückgebogen.
Die Früchte enthalten eine Vielzahl von Samen. Diese sind 2,5 bis 3,3 mm lang, 1,5 bis 2,3 mm breit und 0,5 bis 0,8 mm dick. Sie sind umgekehrt eiförmig, blass braun und mit haarähnlichen Auswüchsen der äußeren Zellen der Samenhülle besetzt. Diese sind entweder anliegend und den Samen eine samtige Oberfläche gebend oder aber zottig. Die Samen sind an der Spitze schmal (0,3–0,4 mm) beflügelt und an der Basis zugespitzt. Die Samenschalen bestehen im äußersten Zellbereich aus stark verschleimendem Zylinderepithel, das botanisch als Myxotesta bezeichnet wird. Zwischen den einzelnen Samen befindet sich ein gallertartiges Gewebe, das von der Plazenta gebildet wird.
Chromosomenzahl
Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 24.
Systematik
Innerhalb der Nachtschatten (Solanum) wird die Tomate in die Untergattung Solanum und innerhalb dieser in die Sektion der Tomaten (Solanum sect. Lycopersicon) eingeordnet. Innerhalb dieser Sektion bildet die Art zusammen mit Solanum pimpinellifolium, Solanum cheesmaniae und Solanum galapagense, die alle rot- bis orangefarbene Früchte ausbilden, die Lycopersion-Gruppe.
Zur Unterteilung der Art wurden vor allem seit dem 20. Jahrhundert verschiedene Ansätze verfolgt, von denen sich jedoch keiner durchsetzen konnte. Oft wurden dabei kleine, rote und gelbe Früchte als Solanum lycopersicum var. cerasiforme beziehungsweise Lycopersicon esculentum var. cerasiforme (umgangssprachlich oftmals „Kirschtomaten“) bezeichnet. Es wurde angenommen, dass diese der Wildform der Art Solanum lycopersicum entsprechen oder dieser zumindest sehr nahestehen. Wahrscheinlich handelt es sich jedoch um Züchtungen und teilweise Kreuzungen mit Wildtomaten-Arten wie Solanum pimpinellifolium. Diese und alle weiteren Varietäten innerhalb der Art werden nicht anerkannt und nur als Synonym zu Solanum lycopersicum geführt.
Geschichte
Das Ursprungsgebiet der Tomate ist Mittel- und Südamerika, wobei die Wildformen von Nordchile bis Venezuela verbreitet und beheimatet sind. Die ursprüngliche Domestikation der Tomate ist nicht eindeutig geklärt: Es existieren die Peruanische Hypothese und die Mexikanische Hypothese. Die größte Vielfalt der in Kultur befindlichen Formen ist in Mittelamerika zu finden. Dort wurden Tomaten von den Maya und anderen Völkern etwa 200 v. Chr. bis 700 n. Chr. als Xītomatl (Nahuatl für ‚Nabel des dicken Wassers‘) oder kurz Tomatl (‚dickes Wasser‘) kultiviert. Samen wurden bei Ausgrabungen südlich von Mexiko-Stadt in Höhlen im Tehuacán-Tal gefunden.
Die Tomate zählt in Europa aufgrund ihrer Einführung durch den Menschen zu den hemerochoren Pflanzen und aufgrund ihrer Einführung erst in der Neuzeit (vermutlich um 1500 durch Columbus) zu den Neophyten. Allerdings kann die Tomate lediglich als temporärer Neophyt bezeichnet werden, da sie in Europa nur äußerst selten und vorübergehend in der freien Natur anzutreffen ist; im Wesentlichen wird sie kultiviert.
Geschichte der Tomate in Europa
Die ersten Tomatenpflanzen gelangten sehr bald nach der Eroberung Mittel- und Südamerikas nach Europa. Sie wurden Anfang des 16. Jahrhunderts von dem Spanier Hernán Cortés nach der Eroberung Mexikos erstmals nach Spanien gebracht. Sie wurde in Anlehnung an ihren aztekischen Namen als „tomate“ bezeichnet.
Erste europäische Beschreibungen der Pflanze stammen aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, vor allem aus Italien. 1544 lieferte der Italiener Pietro Andrea Mattioli als einer der Ersten eine genauere Beschreibung. Er beschrieb die Tomate als gelbe Frucht. 1554 verfeinerte er seine erste Beschreibung, er berichtete von Varietäten mit roten Früchten und nannte erstmals einen italienischen Namen für die Tomate: „pomi d’oro“. Im Jahr 1586 veröffentlichte Camerarius nach dem Tod Mattiolis eine überarbeitete Auflage, die unter anderem um einen Holzschnitt einer Tomatenpflanze erweitert wurde.
Spanische Besitztümer wie Sardinien oder Neapel spielten eine wichtige Rolle für die Ausbreitung der Tomate in das heutige Italien. Heimkehrende Kolonisten brachten die neuen Früchte wahrscheinlich in Form von Samen mit nach Spanien, und von dort erreichten sie Italien. Die Geschichte der Tomate in Italien begann am 31. Oktober 1548, als der toskanische Großherzog Cosimo di Medici erstmals einen Korb voll Tomaten von seinem Landgut erhielt.
Das in Leiden aufbewahrte Herbarium „En Tibi Herbarium“ von circa 1555 enthält einen Herbarbeleg für die älteste Tomate Europas. Auch die frühesten Herbarbelege von Aldrovandi und Oelinger gehen auf das 16. Jahrhundert zurück. Beide kultivierten Tomaten. Aus dem 16. Jahrhundert gibt es viele weitere Erwähnungen, unter anderem von Dodoens und Gessner. Letzterer erwähnte, dass Tomaten in Deutschland gut wachsen, früh reifen und dass die Früchte unterschiedliche Farben haben.
Im 16. und 17. Jahrhundert wurden Tomatenpflanzen als Raritäten in den Gärten der Oberschicht gepflanzt. Da sie selten waren, symbolisierten sie Wohlstand und beeindruckten Besucher. In ganz Europa wurden Tomaten vorwiegend als Zierpflanzen genutzt, da man überzeugt war, dass deren Früchte nicht essbar oder sogar giftig seien. Diese Haltung änderte sich im Laufe des 17. Jahrhunderts, als sich die Medizin weiterentwickelte.
Geschichte der Tomate in Italien
Nach dem ersten Auftauchen der Tomate in Italien 1548/1555 schmückten die Tomatenpflanzen die italienischen Gärten zunächst überwiegend als Zierpflanzen, da sie aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit anderen Nachtschattengewächsen als giftig angesehen wurden. Doch bereits die Medici waren an der Verwendung der Tomate für den Verzehr interessiert. Obwohl Mattioli schon 1544 ein Rezept für den Verzehr von Tomaten angab, wird in der Literatur daran gezweifelt, dass sie wirklich des Öfteren als Speisepflanze verwendet wurde.
Insbesondere in Italien wurde die Tomate ab dem 17. Jahrhundert immer bedeutender. Antonio Latini war ab 1658 als Koch beim spanischen Vizekönig von Neapel tätig. In dem von ihm verfassten Kochbuch fanden sich erstmals auch Rezepte mit neuweltlichen Zutaten. Die drei Gerichte, in denen die Tomate vorkam, wurden als „alla spagnola“ bezeichnet. Um 1700 begann man, die Tomate als eine Zutat für Speisen schätzen zu lernen; erneut galt Italien als Vorreiter.
Verbreitung im übrigen Europa
Joachim Kreich, Apotheker in Torgau, gründete 1543 einen in Deutschland berühmten botanischen Garten, den die Apothekerfamilie Moser bis zur Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg 1637 fortführte. Kreich war einer von nur vier bekannten Tomatenbesitzern im damaligen Deutschland. Da zu dieser Zeit noch kein einheitliches System zur wissenschaftlichen Benennung von Lebewesen verwendet wurde, taucht die Tomate in der damaligen Literatur unter einer Vielzahl unterschiedlicher Namen auf, unter anderem „mala peruviana“, „pomi del Peru“ (peruanischer Apfel), „poma aurea“, „pomme d’Amour“, „pomum amoris“ (Liebesapfel) oder auch zusammengesetzte Namen wie „poma amoris fructo luteo“ oder „poma amoris fructo rubro“.
Bereits früh wurde durch Botaniker die Verbindung zur Gattung Solanum festgestellt, so dass die Tomate oftmals als Solanum pomiferum bezeichnet wurde. 1694 wurde durch Joseph Pitton de Tournefort erstmals der Name Lycopersicon benutzt. Carl von Linné ordnete in seinem Werk „Species Plantarum“ die Tomate wieder der Gattung Solanum zu und beschrieb die kultivierte Tomate als Solanum lycopersicum und die wildwachsenden Tomaten als Solanum peruvianum. In der Folge wurde die Tomate von verschiedenen Autoren immer wieder entweder als eigene Gattung Lycopersicon oder als Teil der Gattung Solanum beschrieben. Aufgrund aktueller DNA-Sequenzanalysen und morphologischer Studien schreiben nahezu alle Quellen die Tomate heute der Gattung Solanum zu.
Im 17. und 18. Jahrhundert sah man die Tomate in Europa vor allem als Zierpflanze an, nur einige medizinische Anwendungen sind bekannt. Eine englische Übersetzung von Tourneforts Buch Éléments de botanique erwähnt jedoch 1719, dass die Früchte in Italien gegessen werden. Bereits Ende des 18. Jahrhunderts bezeichnete die Encyclopædia Britannica den Einsatz von Tomaten in der Küche als „alltäglich“.
Um 1900 war die Tomate auch in Deutschland als Lebensmittel bekannt und wurde überwiegend im Süden vor allem in Saucen, Suppen und Salaten verwendet.
Bei der Wiener Weltausstellung 1873 wurden Tomaten gezeigt. Um 1900 gab es die ersten Paradeiser auf den Wiener Märkten. Im großen Stil hielten sie jedoch erst nach 1945 Einzug. Im Seewinkel (Burgenland) hatten sich als Saisonarbeiter gekommene Bulgaren niedergelassen, die auch das für den Anbau notwendige Wissen mitbrachten. Aufgrund der verbreiteten Abneigung gegen Unbekanntes und der raueren klimatischen Bedingungen verbreiteten sich Tomaten in den westlichen Bundesländern Österreichs erst in den 1950er Jahren oder noch später. In manche Alpentäler kamen sie erst mit dem Bau der ersten Supermärkte.
1961 wurden weltweit rund 28 Millionen Tonnen Tomaten produziert.
In den 1990er Jahren kam mit der Flavr-Savr-Tomate die erste gentechnisch veränderte Tomate auf den Markt. Die erste Tomatensorte mit einer Open-Source-Saatgut-Lizenz wurde 2017 unter dem Namen Sunviva lanciert. Dank der Open-Source-Lizenz darf das Saatgut weiter vermehrt und für eigene Züchtungen genutzt werden, wenn diese ebenfalls unter die Lizenz gestellt werden.
Krankheiten
Krankheiten und Wachstumsstörungen an Tomatenpflanzen können unterschiedliche Ursachen haben. Die wichtigsten und häufigsten sind:
Pilzbefall
durch Phytophthora infestans (Kraut- und Braunfäule), Alternaria solani (Dürrfleckenkrankheit), Stemphylium solani (Stemphylium-Blattfleckenkrankheit), Cladosporium fulvum (Samt- und Braunfleckenkrankheit), Fusarium oxysporum f. sp. lycopersici (Fusarium-Welke), Verticillium albo-atrum (Verticillium-Welke), Botrytis cinerea (Grauschimmel), Phytophthora parasitica, Alternaria tomato, Septoria lycopersici, Sclerotium rolfsii, Colletotrichum-Arten, Botryosporium-Arten, Didymella lycopersici (Didymella-Stängelfäule);
Bakterienbefall
durch Xanthomonas campestris pv. vesicatoria, Clavibacter michiganensis ssp. michiganensis;
Vireninfektionen
Nährstoffmangel und ungünstige Wachstumsbedingungen
mit verschiedenen Schadbildern, zum Beispiel Blütenendfäule (meist physiologischer Kalziummangel), Platzen der Früchte (zu schnelles Wachstum vor allem nach Stress), Microrisse;
Tierische Schädlinge
Spinnmilben, Weiße Fliegen, Blattläuse, Raupen, Thrips, Tomatenminiermotte (Tuta absoluta).
Wirtschaftliche Bedeutung
2021 wurden laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO weltweit 189.133.955 t Tomaten geerntet.
Folgende Tabelle gibt eine Übersicht über die zehn größten Produzenten von Tomaten weltweit, die insgesamt 74,7 % der Erntemenge produzierten.
2021 wurden in Europa insgesamt 24.482.180 Tonnen geerntet. Die größten Produzenten der EU sind Italien, Spanien und Portugal. In Deutschland wurden 101.770 t, in Österreich 59.770 t und in der Schweiz 38.640 t geerntet.
Die Niederlande produzierten 2021 durch intensive Gewächshauskultur 880.000 Tonnen. In der Ertrag-je-Hektar-Statistik führten sie mit 476 Tonnen je Hektar (Durchschnitt in Europa: 58,2 t/ha).
Im Jahr 2021 waren weltweit 5,2 Mio. Hektar Produktionsfläche mit Tomaten bepflanzt. Der durchschnittliche Hektarertrag betrug 36,6 Tonnen.
Kultivierung
Sorten und Zuchtziele
Weltweit gibt es mehr als 3.100 Sorten und mindestens noch einmal so viele Züchtersorten, die nie angemeldet waren und deshalb auch nie einen Namen erhalten haben. Auch die Zahl jährlich neu hinzukommender Sorten ist beträchtlich.
Bei der Selektion neuer Sorten stehen gewöhnlich folgende Zuchtziele im Vordergrund: lockerer Wuchs, hohe Resistenz oder Toleranz gegen Umwelteinflüsse, Krankheiten, Schädlinge und Viren, gute Produktivität, hoher Ertrag, schnelle Fruchtentwicklung, sicherer Fruchtansatz auch bei ungünstigen Klimabedingungen, einheitliche Sortierung, bestimmte Größe und Gewicht, Farbe und gleichmäßiger Farbton, guter Geschmack und hoher Gehalt an wichtigen Inhaltsstoffen, gute Transportfähigkeit und Fruchtfestigkeit, lange Haltbarkeit (siehe auch: Antimatschtomate), verwendungsspezifische Eignung allgemein.
Häufig sind Tomaten daraufhin gezüchtet, einen langen Transport aus Süd(west)europa zu überstehen; das geht zu Lasten anderer Eigenschaften, insbesondere des Geschmacks.
Einteilung nach Typen
Fruchtform
rund und glatt (Normale Tomate), flachrund und glatt (meistens Fleischtomate), flachrund und faltig (cuore di bue in Norditalien), herzförmig (russische cuore di bue), oval oder pflaumenförmig (Dattel- und Eiertomate, meistens im Cherry- oder Cocktailbereich), birnenförmig (Kirschtomate), länglich (Flaschentomate, z. B. San-Marzano-Tomate und Andenhorn), aus mehreren Einzelteilen bestehend (Reisetomate).
Größe
Sie ist stark von der Zahl der Fruchtkammern (Kammern) abhängig. Kirschtomaten (2–3), normale Tomaten (3–5), cuore di bue (4–10), Fleischtomaten (3–6), San-Marzano-Tomaten, Riesentomaten (bis 1 kg).
Farbe
weiß, gelb, orange, rot, rosa, violett, grün, braun, schwarz. Aber auch gestreifte und marmorierte Tomaten sind bekannt.
Farbverteilung
unicolor (UC), bicolor (BC) meistens mit grünem Ansatz beim Stängel, getigert/gefleckt.
Wuchstyp
unbegrenzt wachsend (indeterminiert) oder begrenzt wachsend (determiniert), als Busch- oder Stabtomate (auch an Schnur) gezogen.
Reifetyp
früh-, mittel- oder spätreifend (erste rote Tomate bringend), als lose Tomaten oder Trosstomaten (Rispenparadeiser) zu ernten.
Verwendung
Zierpflanze, Hobbyanbau, Selbstpflücker, Direktverkauf und Marktfahrer, Engrosvermarktung oder Industrieverwertung, Eignung zum Dörren, Lagerbarkeit.
Ernteeignung
Maschinelle Ernte für die Industrie, lose ohne Blütenkelch, lose mit Blütenkelch, Tross/Traube/Rispe, Tross/Traube jointless (Stiel ohne Sollbruchstelle).
Erfolgsfaktoren
Damit die Tomatenkultur zu einem guten Ergebnis führt, sind folgende Faktoren zu optimieren: resistente und tolerante Sorten, ausgeglichene, kontinuierliche Nährstoffversorgung, viel Licht, ausreichend Wärme, gute Bodenstruktur bis etwa 50 cm Tiefe, bei Bodenkultur keine frische Kalkung, warme Böden (Temp. > 14 °C), möglichst frühe Ernte sowie eine gleichmäßige Bewässerung für gleichmäßiges Wachstum. Eine ungleichmäßige Bewässerung führt in Phasen mit niedrigem Wasserangebot zu einer Verhärtung der Schale, die dadurch in folgenden Phasen mit hohem Wasserangebot nicht mehr elastisch genug ist, um dem Wachstum der Frucht zu folgen. Die Folge ist ein vermehrtes Platzen der Tomaten. Neuere Forschungen haben ergeben, dass Tomaten, die mit verdünntem Meerwasser gezüchtet werden, bei geringerem Verbrauch an wertvollem Trinkwasser eine erhöhte Menge an wichtigen Nährstoffen enthalten.
Entwicklungen im Tomatenanbau
In den letzten Jahren wurde, besonders im Bio-Landbau, eine Vielzahl nicht mehr bekannter altertümlicher Sorten wiederentdeckt, die aus den Anfängen der Tomatenkultur stammen. Die Tomaten werden in der Regel von Hand geerntet und erzielen Preise von über 10 Euro pro Kilogramm. Solch ein Sortiment wurde vor wenigen Jahren auch von einer großen Einzelhandelskette in der Schweiz lanciert (im Rahmen des ProSpecieRara-Programmes; 138 verschiedene Tomatensorten), auch in Deutschland sind solche Sorten unter anderem als Wilde Tomaten in Fachgeschäften erhältlich. Die alten Tomatensorten überzeugen häufig durch ihren Geschmack und gewinnen trotz des hohen Preises eine kleine Schicht von Liebhabern und Gelegenheitskäufern. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts waren in Europa für solche „Exoten“-Gemüse allerdings nur kleine Märkte erschlossen. Sie wurden eher als Nischenprodukte für den Hobbybereich und von Direktvermarktern für Liebhaber eingeschätzt. Doch versorgt der Bio-Großhandel in Europa die angeschlossenen Fachgeschäfte auch mit größeren Chargen der etwas in Vergessenheit geratenen Formen und Züchtungen der „Paradiesäpfel“.
Der österreichische Landwirt Erich Stekovics in Frauenkirchen (Burgenland) bewahrt die Samen von 3.200 Tomatensorten auf und bietet 500 Sorten von Tomaten zum Verkauf in seinem Bauernhof an.
Weiterhin gibt es bei den Tross-Tomaten Sorten, die keine „Sollbruchstelle“ (kleine Verdickung am Fruchtstiel) mehr haben. Damit brechen einzelne Früchte nicht mehr ungewollt ab. Diese Sorten sind auch darauf hingezüchtet, dass die Frucht selbst besser am Blütenkelch hält. Daher sind solche Sorten nicht für die Einzelfruchternte geeignet. Diesen Stiel nennt man jointless.
Bei der Qualitätsverbesserung der Tomaten geht die Züchtung immer stärker auf innere und äußere Qualitäten der Frucht ein. So spielt in den USA besonders der Lycopin-Gehalt und in Europa besonders der Geschmack eine große Rolle. Letzterer wird ermittelt durch den Zuckergehalt (Brix), den Säuregehalt und durch Geschmackstests durch geschulte Geschmackstester, und bei Versuchsergebnissen angegeben. Diese Qualitätskontrollen und Züchtungstrends haben zu ertragreichen Sorten geführt, die kräftige Farben zeigen, süßer schmecken und für die Vermarktung besser geeignet sind als althergebrachte Sorten.
Eine Reihe sehr kleiner Tomaten, wie Johannisbeertomaten und Kirschtomaten, werden hauptsächlich in Kleingärten angebaut.
Kreuzung und Veredelung mit anderen Nachtschattengewächsen
In EU-Agrarversuchen wird immer wieder die Kreuzung der Tomate mit der genetisch eng verwandten Kartoffel zur sogenannten Tomoffel ausprobiert, um den Ertrag weiter zu steigern – allerdings bisher mit nur mäßigem Erfolg, da die gezüchteten Pflanzen bisher stets zu schwach waren, gleichermaßen voll energiereiche essbare Knollen und genießbare Früchte ausbilden zu können. Auch schon in früheren Jahren wurden Tomaten auf Kartoffeln veredelt, was kurzfristig recht leicht gelingt, allerdings langfristig die Pflanze auszehrt und dadurch zerstört. Diese Kombination wird wohl immer schwierig bleiben, da zur Bildung der Speicherorgane der Kartoffel, ebenso wie für große Früchte an der Tomate zur gleichen Zeit, erheblich mehr Blattmasse benötigt wird, als die Tomate hervorbringen kann. Blattwerk wird benötigt, um durch Fotosynthese genügend Kohlenhydrate einlagern zu können. Wurzelknolle und oberirdische Frucht konkurrieren. Daher ist dieser Wunsch eine nicht ganz sinnvolle Kombination, wenn beiderseits hohe Erträge erzielt werden sollen.
Von einer größeren Bedeutung ist die Nutzung von Tomaten als Veredlungsunterlage für Auberginen. Als Unterlagen werden Wildtomatenkreuzungen (Solanum lycopersicum × Solanum habrochaites) verwendet. Die meisten Veredlungen von Tomaten werden auf Tomatenunterlagen zur Verhinderung des Befalls durch Nematoden und der Korkwurzelkrankheit durchgeführt. Tomatenveredlungssets werden mittlerweile im Handel angeboten und können so auch von Hobbygärtnern erfolgreich genutzt werden.
Hummeln als Bestäuberinsekten
Tomaten sind sogenannte Vibrationsbestäuber. Um hier einen Fruchtansatz zu erzielen, war bis in die 1980er Jahre im Treibhausanbau von Tomaten eine arbeitsintensive manuelle Bestäubung mit elektrischen Bestäubungsgeräten notwendig. Pro Hektar fielen in Europa der 1980er Jahre dafür Arbeitskosten von etwa 10.000 € an.
1985 setzte der belgische Tierarzt und Hobby-Entomologe Roland de Jonghe ein Nest Dunkler Erdhummeln in einem Treibhaus aus, in denen Tomaten heranwuchsen, und stellte dabei fest, dass sie dort sehr wirkungsvoll die Pflanzen bestäubten. Es war zwar bereits 1912 gelungen, Hummelköniginnen in Gefangenschaft so zu halten, dass sie mit dem Nestbau begannen, und in den 1970er Jahren waren die Erfahrungen mit der künstlichen Zucht und Haltung unter Gefangenschaftsbedingungen von Hummeln so weit fortgeschritten, dass man in der Lage war, bei einzelnen Hummelarten einen vollständigen Jahreszyklus zu durchlaufen. Insbesondere die Dunkle Erdhummel schien besonders einfach unter künstlichen Bedingungen aufziehbar zu sein. Erst de Jonghe erkannte jedoch die mögliche kommerzielle Bedeutung der Verwendung von Hummeln als Bestäuberpraxis, die in wenig mehr als einem Jahrzehnt die Form des Tomatenanbaus unter Glas nachhaltig veränderte. Verglichen zu Kosten für den hohen manuellen Aufwand bei der Bestäubung waren die Kosten der ebenfalls arbeitsintensiven Heranzucht von Hummeln gering. De Jonghe stellte außerdem fest, dass durch Hummeln bestäubte Pflanzen ertragreicher waren.
1987 gründete De Jonghe die Firma Biobest, die bis heute der größte kommerzielle Züchter von Hummeln ist. 1988 zog die Firma gerade genug Hummeln heran, um 40 Hektar zu bestäuben, auf denen Tomaten herangezogen wurden. Bereits 1989 begannen sie jedoch, Hummelnester nach Holland, Frankreich und Großbritannien zu exportieren. 1990 setzte man erstmals in Kanada künstlich aufgezogene Hummeln ein, ein Jahr später folgten die USA und Israel sowie wenig später Japan und Marokko. Zur Jahrtausendwende war es zum weltweiten Standard geworden, beim Anbau von Tomaten auf die Bestäubung von Hummeln zu setzen. Ausnahmen sind Länder wie Australien, wo Hummeln nicht natürlich vorkommen und wo die Gesetzgebung den Import nicht-einheimischer Tierarten strikt untersagt.
Bei der Bestäubungspraxis mit Hummeln werden in den Gewächshäusern jeweils vollständige Hummelnester eingebracht. Die europäischen Unternehmen, die in der künstlichen Hummelzucht aktiv sind, versenden jährlich mehr als eine Million Hummelnester weltweit. Zu den positiven Nebeneffekten des Einsatzes von Hummeln im landwirtschaftlichen Gemüseanbau zählt ein deutlich verringerter Insektizid- und Pestizideinsatz, da die Verwendung dieser Mittel auch die Bestäuber gefährdet. Nachteilig ist, dass es sich bei den künstlich aufgezogenen Hummeln überwiegend um Nachkommen von in der Türkei gesammelten Dunklen Erdhummeln handelt. Beim Einsatz von Hummeln in Treibhäusern ist es nahezu unvermeidlich, dass Hummeln entweichen, sich erfolgreich fortpflanzen und so die jeweilige regionale Fauna beeinflussen. Die in Großbritannien geforderte Praxis, solche importierten Nester nach dem Ende ihrer Verwendung entweder zu verbrennen oder die Hummeln zu töten, indem die Nester in Gefriertruhen gesetzt werden, wird nach den Erfahrungen des britischen Entomologen Dave Goulson dort selten umgesetzt. Wenige Gemüseanbauer haben ausreichend große Gefriertruhen und die Verbrennung der Nester, die aus Karton, Plastik und Polystyren bestehen, erzeugt lästige Abgase.
In Japan ist es gesetzlich vorgeschrieben, dass Treibhäuser, in denen Hummelnester verwendet werden, zweifache Türen und vernetzte Luken haben, um ein Entweichen von Hummeln zu verhindern. Mittlerweile gibt es jedoch in Japan verwilderte Dunkle Erdhummeln, die auf entwichene Hummeln zurückgehen. Noch gravierender sind die Erfahrungen in Südamerika: Aus chilenischen Treibhäusern entkommene Dunkle Erdhummeln verbreiten sich seit 1998 invasiv mit einer Geschwindigkeit von ca. 200 km pro Jahr über die südamerikanische Landmasse. Auf ihrem Weg verschwindet beispielsweise die heimische Hummelart Bombus dalbomii regional wenige Jahre nach der Ankunft der Dunklen Erdhummel. Mit den industriell gezüchteten Erdhummeln kam auch der einzellige Parasit Crithidia bombi auf den Kontinent. Es wird vermutet, dass die Kombination aus Hummel und Parasit die dort heimische Hummelarten mit so großer Geschwindigkeit verdrängt.
Verwendung als Nahrungsmittel
Inhaltsstoffe
Hauptbestandteil der Tomate ist Wasser (etwa 95 Prozent), außerdem enthält sie Vitamin A, B1, B2, C, E, Niacin, sekundäre Pflanzenstoffe sowie Mineralstoffe, besonders Kalium und Spurenelemente. So finden sich neben den genannten Vitaminen in der Tomate Biotin, Folsäure, Thiamin, Pantothensäure; Alpha- & Beta-Carotin, Kalium, Chlorogensäure, Citronensäure, Glykoalkaloide, Glykoproteine, Lignin, Lutein, Lycopin (nur in roten Tomaten), p-Cumarsäure, 10 Spurenelemente (Chrom), vor allem Silizium; Tyramin, Zeaxanthin.
Die Schale (Tomatenhaut) enthält neben Polysacchariden und Cutin unter anderem Kohlenwasserstoffe (Höhere Alkane wie n-Nonacosan, n-Triacontan und n-Hentriacontan), Fettsäuren (Palmitin-, Stearin-, Öl-, Linol- und Linolensäure) sowie Triterpene (α- und β-Amyrin) und Sterine (β-Sitosterin, Stigmasterin). in der Tomatenhaut befinden sich besonders viele Wirkstoffe (Flavonoide).
Das Carotinoid Lycopin gibt der Tomate die rote Farbe. Der Name ist von der lateinischen Bezeichnung der Tomate Solanum lycopersicum abgeleitet. Reife Tomaten haben einen Lycopinanteil von 4 bis 5,6 mg pro 100 g Frucht. Lycopin ist ein Carotinoid, das antioxidativ wirkt und so die Immunabwehr stärken und das Risiko bestimmter Krebserkrankungen senken soll. Der Brennwert der Tomate ist mit etwa 75 kJ pro 100 g relativ gering. Aus Tomaten wird in großen Mengen Tomatenmark hergestellt, ferner Tomatensaft, Tomatenschwamm und auch Tomatenketchup.
Obwohl die Tomate ein Lebensmittel ist, sind das Kraut, der Stielansatz und der grüne Teil der Frucht durch das darin enthaltene Tomatidin schwach giftig, das heißt unbekömmlich. Der Verzehr des Krautes oder sehr unreifer Früchte kann Übelkeit und Erbrechen zur Folge haben. Es wird daher auch von einigen Quellen empfohlen, bei der Vorbereitung von Mahlzeiten grüne Teile und den Stielansatz zu entfernen.
Allerdings gibt es auch Tomatensorten, die von Natur aus außen grün sind – z. B. Green Zebra (grün gestreift auf leicht gelblichem Grund) oder Zebrino (dunkelgrün auf schwarzbraunem bzw. dunkelrotem Grund). Das soll daran liegen, dass diese Tomaten von innen nach außen reif werden und nicht, wie es von den roten Tomaten bekannt ist, von außen nach innen. Diese schwarzbraunen bis grünen Tomaten, angeblich aus einer Tomatensorte der Galápagos-Inseln gezüchtet, sollen also nicht mehr Solanin enthalten als die roten Tomaten.
Lagerung
Die Lagerung der Früchte geschieht am besten bei 13 bis 18 °C und bei einer relativen Luftfeuchte von 80 bis 95 Prozent. Im Gegensatz zu Blattgemüse ist die Tomate bis zu 14 Tage haltbar. Dabei verliert sie kaum wichtige Inhaltsstoffe. Fälschlicherweise bewahren viele Verbraucher, aber auch Gemüsehändler und Einzelhandelsketten Tomaten in Kühlräumen oder im Kühlschrank auf, wo sie deutlich an Geschmack, Textur und Haltbarkeit verlieren. Ein Grund dafür ist, dass bei Temperaturen unter 12 °C Geschmacksstoffe wie Isovaleraldehyd, 2-Methyl-1-butanol oder 3-Methyl-1-butanol nicht mehr gebildet werden.
Bei zu langer Aufbewahrung wird die Haut der Tomate dünner und schrumpelig, das Fruchtfleisch fällt etwas zusammen, und im Ganzen wirkt die Frucht danach etwas matschig und fühlt sich sehr weich an. Trotzdem ist die Tomate immer noch genießbar und nicht etwa schlecht.
Tomaten soll man, wenn möglich, immer getrennt von anderem Obst und Gemüse lagern. Sie scheiden während der Lagerung Ethen aus, das den Stoffwechsel benachbarter Früchte oder Gemüse beschleunigt, so dass diese schneller reifen und in der Folge auch schneller verderben.
Tomatensorten
Bekannte Tomatensorten sind Agro, Amati, Belriccio, Bolzano, Corazon, Corianne, Culina, Cupido, Dasher, Datteltomate, Devotion, Del-Icia, Diplom, Dolce Vita, Exxtasy, Fantasio, Fourstar, Gardenser’s delight (Stabtomate), Gezahntentomate, Green Zebra (Stabtomate), Kalimba, Kumato, Laternchen (Stabtomate), Luigi, Luxor, Maestria, Maranello, Myrto, Ochsenherz/Coeur de Boeuf, Phantasia, Philovita, Picolino, Pixel, Primabell, Quadro, Ravello, Sibirischer Finger, Sparta, Sportivo, Suso, Sunviva, Sweet Million, Timos, Timotion, Tomosa, Trilly, Tumbling Tom Red (Hängetomate), Vilma, Vanessa, Virginia, Vision, Vitella, Zebrino, Vladivostokskij (Sibirien), Gelbe von Thun und Würmli (Schweiz), Gelber Moneymaker (England), Oaxacan Jewel und Miel de Mexique (Mexiko), Black Sea Man und Malakhitovaya Shakatulka (Russland), White Rabbit (USA) und Dix Doigts de Naples (Italien).
Sonstiges
Gestresste Tomatenpflanzen signalisieren ihren Zustand neben Farbe, Geruch und Form auch durch Töne, die jedoch im für Menschen nicht wahrnehmbaren Ultraschallbereich liegen.
Die Tomate verfügt in Unicode im Block Verschiedene piktografische Symbole an Position U+1F345 über ein eigenes Schriftzeichen: 🍅.
In Deutschland wurde die Tomate vom Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt e.V. (VEN) zum Gemüse des Jahres 2001 gewählt.
Lange Zeit war es üblich, Tomaten mit minderer, wässriger Qualität als Suppentomaten zu verkaufen.
Literatur
– alphabetisch –
Adelheid Coirazza: Tomaten: 200 Sortenempfehlungen aus aller Welt. Formosa-Verlag, Witten 2009, ISBN 978-3-934733-06-0.
Adelheid Coirazza: Tomaten 2: 208 Historische Tomaten und Wildsorten. Formosa-Verlag, Witten 2014, ISBN 978-3-934733-12-1.
Adelheid Coirazza: Tomaten. 244 Sorten für Garten, Balkon und Küche. Formosa-Verlag, Witten 2018; 2. Auflage 2021, ISBN 978-3-934733-15-2.
David Gentilcore: Pomodoro! A History of the Tomato in Italy. Columbia University Press, New York 2010, ISBN 978-0-231-52550-3, .
Annemieke Hendriks: Tomaten. Die wahre Identität unseres Frischgemüses. be.bra Verlag, Berlin 2017, ISBN 978-3-89809-139-8, Leseprobe.
Stefanie Jacomet: Die Geschichte der Tomate. Universität Basel, Basel 2011; aufrufbar als PDF (11 S., 590 kB) von der Universität Basel, Departement Umweltwissenschaften.
John Paul Jones: Compendium of Tomato Diseases. American Phytopathological Society, 1991, ISBN 0-89054-120-5.
Udelgard Körber-Grohne: Tomate (Lycopersicon esculentum, Mill.) in: Nutzpflanzen in Deutschland. Kulturgeschichte und Biologie. 3., unveränderte Auflage. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1997, ISBN 3-8062-1116-7, S. 314–318, Inhaltsverzeichnis.
Reinhard Lieberei, Christoph Reissdorf, Wolfgang Franke (Begründer): Nutzpflanzenkunde. 7. Auflage. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-13-530407-6, Tomate: S. 231–235.
Iris E. Peralta, David M. Spooner: History, Origin and Early Cultivation of Tomato (Solanaceae). In: Maharaj K. Razdan und Autar K. Mattoo (Hrsg.): Genetic Improvement of Solanaceous Crops. Volume 2: Tomato. Enfield (NH), Jersey & Plymouth 2007, S. 1–24, ISBN 978-1-57808-179-0, .
Iris E. Peralta, David M. Spooner, Knapp Sandra: Taxonomy of Wild Tomatoes and their Relatives (Solanum sect. Lycopersicoides, sect. Juglandifolia, sect. Lycopersicon; Solanaceae). In: Systematic Botanic Monographs 84, 2008, ISBN 978-0-912861-84-5, registrierungspflichtig.
Tatiana Y. Silla: Tomate. mandelbaums kleine gourmandisen no. 43. Mandelbaum Verlag, Wien 2022, ISBN 978-3-85476-939-2
Andres Sprecher und Markus Dlouhy (Fotograf): Das große Buch der Tomaten. Fona Verlag, Lenzburg 2010, ISBN 978-3-03780-416-2.
Erich Stekovics, Julia Kospach: Atlas der erlesenen Paradeiser. Fotografien von Peter Angerer. Löwenzahn Verlag, Innsbruck 2011, ISBN 978-3-7066-2480-0, 77 Sortenportraits, Buchausschnitt.
Ute Studer und Martin Studer (Fotografien): Tomatenlust. Die Geheimnisse der Tomatenpioniere – Tipps für den Anbau richtig guter Tomaten. Haupt Verlag, Bern 2019, ISBN 978-3-258-08102-1, Besprechung: . Ausgezeichnet mit dem Deutschen Gartenbuchpreis, 2. Platz als Bestes Garten- oder Pflanzenportrait.
Christoph Wonneberge, Fritz Keller: Gemüsebau. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart 2004, ISBN 3-8001-3985-5.
Irina Zacharias, Tom Rosenberger: Tomaten – Meine Leidenschaft. Ullmann Medien, Potsdam 2020, ISBN 978-3-7415-2475-2, Inhaltsverzeichnis.
Filme
Tomaten – Zurück zum guten Geschmack. Wissenssendung, Deutschland, 2021, 59:02 Min., Moderation: Dennis Wilms, Birgit Klaus, Produktion: WDR, SWR, Reihe: Planet Wissen, Erstsendung: 4. Mai 2021 bei WDR Fernsehen, Inhaltsangabe von ARD, Internet-Video aufrufbar bis zum 4. Mai 2026. (Anbau und Geschichte von Tomaten, Arbeitsbedingungen von Erntehelfern.)
Beates bunte Tomaten. Fernseh-Reportage, Deutschland, 2018, 28:36 Min., Buch und Regie: Stephanie Wätjen, Produktion: NDR, Reihe: NaturNah, Erstsendung: 15. Mai 2018 bei NDR Fernsehen, Inhaltsangabe von ARD. Gärtnerin Beate Pieper aus Wolfenbüttel pflegt alte Tomatensorten.
Was macht echten Tomatengeschmack aus? Wissenssendung, Deutschland, Frankreich, 2017, 26:11 Min., Buch und Regie: Bettina Oberhauser, Barbara Petermann, Claudia Lewerenz, Scott Deberry, Produktion: arte, Reihe: Xenius, Erstsendung: 21. Juni 2017 bei arte, Inhaltsangabe von ARD.
Triumph der Tomate. Dokumentarfilm mit szenischer Dokumentation, Österreich, 2014, 45:30 Min., Buch und Regie: Maria Magdalena Koller, Produktion: MR-Film, arte, ORF, CCTV 9, Reihe: Universum, Erstsendung: 29. April 2014 bei ORF 2, , Filmanfang (3:30 Min.), Filmbilder, u. a. mit Erich Stekovics, Irina Zacharias, Joe Cocker. Dieser Dokumentarfilm wurde 2014 mit dem Silbernen Delphin in der Kategorie „Natur, Umwelt und Ökologie“ bei den Cannes Corporate Media & TV Awards ausgezeichnet.
Rote Illusionen – Die Jagd nach der ehrlichen Tomate. Dokumentarfilm, Deutschland, 2014, 42:15 Min., Buch und Regie: Ralph Quinke, Produktion: Spiegel TV, Reihe: Wissen, Erstsendung: 6. März 2014 bei Pay-TV im Kabelnetz, Inhaltsangabe und Internet-Video von Spiegel TV, mit Christian Lohse.
Sarah Wieners erste Wahl. Tomaten vom Vesuv. Dokumentarfilm, Deutschland, 2013, 43:20 Min., Buch: Volker Heise, Regie: David Nawrath, Produktion: zero one film, arte, ORF, Reihe: Sarah Wieners erste Wahl, Erstsendung: 30. Juni 2013 bei ORF 2, .
Tomaten zum Rotwerden. Die Sortenbewahrer. Wie ProSpecieRara in der Schweiz Tomatensorten bewahrt. Dokumentarfilm, Schweiz, 2009, 35:50 Min., Buch und Regie: Ursula Bischof Scherer, Produktion: NZZ Format, Erstsendung: 7. Juni 2009 bei VOX, Inhaltsangabe, Internet-Video von NZZ Format.
Angriff der Killertomaten. Spielfilm, USA, 1978. Parodie auf das Science-Fiction- und Horrorfilm-Genre und gilt als einer der bisher schlechtesten Filme.
Weblinks
tomatenadel.de
Datenbanken
Solanum lycopersicum. In: Solanaceae Source, (englisch), aufgerufen am 22. Februar 2022.
Tomate. In: giftpflanzen.com
tomaten-atlas.de
Artikel
„Reifeuhr“ reguliert Anzahl der Blütenstände und die Menge der Früchte bei Tomaten. In: pflanzenforschung.de, 25. Januar 2012
Tomaten können Schlaganfallrisiko senken. In: stern.de, 9. Oktober 2012
Schweizer Tomaten, die nie Erde gesehen haben. („Hors-Sol-Tomaten“ = „Erdelose“ Tomaten) In: srf.ch, 31. August 2014
Einzelnachweise
Nachtschatten
Fruchtgemüse
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Q23501
| 275.676436 |
6412
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https://de.wikipedia.org/wiki/1815
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1815
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Ereignisse
Politik und Weltgeschehen
Napoleonische Kriege und Wiener Kongress
26. Februar: Napoleon Bonaparte verlässt Elba. Die Herrschaft der Hundert Tage beginnt.
1. März: Der Verbannung auf Elba entflohen landet Napoleon Bonaparte mit rund 1.000 Mann bei Cannes, um sich auf den Weg nach Paris zu machen.
5. April: Preußen nimmt die besetzten Rheinlande per Erlass in Besitz.
30. April: Friedrich Wilhelm III. verfügt auf dem Wiener Kongress die Einteilung Preußens in zehn Provinzen.
2./3. Mai: In der Schlacht bei Tolentino, der entscheidenden Schlacht im Österreichisch-Neapolitanischen Krieg zwischen dem napoleonischen Königreich Neapel, regiert von Joachim Murat, und dem Kaisertum Österreich, siegen die Österreicher unter Vinzenz Ferrerius von Bianchi und Johann Friedrich von Mohr.
3. Mai: Österreich, Preußen und Russland errichten vertraglich die Republik Krakau.
20. Mai: Mit dem Vertrag von Casalanza wird das Königreich beider Sizilien unter der Herrschaft von Ferdinand I. errichtet.
22. Mai: Der sächsische König Friedrich August I. verzichtet auf das Herzogtum Warschau und entbindet die polnischen Untertanen von ihrem Treueeid. Der König steht als Verbündeter Napoleon Bonapartes nach den Befreiungskriegen auf der Verliererseite.
8. Juni: Mit der Unterzeichnung der Deutschen Bundesakte erfolgt die Gründung des Deutschen Bundes.
9. Juni: Der Wiener Kongress, auf dem Europa politisch neu geordnet worden ist, endet mit der Unterzeichnung der Kongressakte. Der Papst als Oberhaupt des Kirchenstaates und Spanien lehnen darin getroffene inhaltliche Festlegungen ab. Brasilien wird unabhängiges, mit Portugal nur noch durch Personalunion verbundenes Königreich.
9. Juni: In Norditalien wird durch die Wiener Kongressakte das Königreich Lombardo-Venetien geschaffen, dessen König in Personalunion der jeweilige Kaiser von Österreich wird. Es folgt auf das napoleonische Königreich Italien, dessen Gesetze fortgelten.
12. Juni: In Jena wird die Urburschenschaft, die erste deutsche Burschenschaft, gegründet.
15. Juni: Der Ball der Herzogin von Richmond findet am Vorabend der Schlacht bei Quatre-Bras statt
16. Juni: In Belgien gelingt Napoleon in der Schlacht bei Ligny sein letzter Sieg.
18. Juni: Schlacht bei Waterloo. Napoleon wird endgültig geschlagen.
19. Juni: Einen Tag nach der Schlacht bei Waterloo endet mit der Schlacht bei Wavre der letzte Kampf der Napoleonischen Kriege. Zwar tragen die Franzosen einen taktischen Sieg davon, doch haben die unterlegenen preußischen Einheiten strategisch ein mögliches Eingreifen der Franzosen in Waterloo verhindert.
22. Juni: Napoleon dankt endgültig ab und wird auf die Insel St. Helena verbannt.
7. August: In der Schweiz tritt der Bundesvertrag endgültig in Kraft.
8. August: Napoleon Bonaparte besteigt mit seinen Begleitern das Schiff, das sie zum Verbannungsort St. Helena bringen wird.
26. September: Gründung der Heiligen Allianz.
13. Oktober: Der Bourbonenherrscher Ferdinand IV. von Sizilien lässt Joachim Murat, seinen Vorgänger als König von Neapel, Napoleon Bonapartes Schwager, standrechtlich erschießen.
20. November: Zweiter Pariser Frieden mit Preußen, Kaisertum Österreich, Russland und Großbritannien.
7. Dezember: Der wegen Hochverrats zum Tode verurteilte französische Marschall Michel Ney erteilt seinem Erschießungskommando den Feuerbefehl.
Luxemburg wird zum Großherzogtum erhoben.
Anerkennung der immerwährenden Neutralität der Schweiz und Eintritt der Kantone Genf, Neuenburg und Wallis in die Schweizerische Eidgenossenschaft.
Das Herzogtum Lauenburg wird in Personalunion mit Dänemark verbunden.
Britisch-Amerikanischer Krieg
8. Januar: US-Milizionäre unter Andrew Jackson bezwingen in der Schlacht von New Orleans ein britisches Invasionsheer unter Sir Edward Michael Pakenham. Damit endet der so genannte „Krieg von 1812“.
15. Januar: Vier britische Kampfschiffe erbeuten die President, eine schwere Fregatte der United States Navy.
Weitere Ereignisse weltweit
23. April: Der zweite serbische Aufstand mit Miloš Obrenović gegen die Türken beginnt.
16. Dezember: Die bisherige portugiesische Kolonie Brasilien wird zum Königreich erklärt und damit dem Mutterland Portugal gleichgestellt und das Vereinigte Königreich von Portugal, Brasilien und den Algarven gegründet. Die brasilianische Unabhängigkeitsbewegung erreicht damit einen wichtigen Meilenstein.
Der Statthalter von Algier erklärt den USA den Krieg. Der zweite Barbareskenkrieg beginnt.
Abschaffung der Leibeigenschaft in Estland
Wirtschaft
3. Februar: In der Schweiz beginnt die kommerzielle Käseverwertung durch die neu gegründete genossenschaftliche Dorfkäserei in Kiesen.
Wissenschaft und Technik
Rurik-Expedition
30. Juli: Die russische Brigg Rurik verlässt Kronstadt zu einer dreijährigen Weltumsegelung unter dem Kommando Otto von Kotzebues. An Bord sind unter anderem auch der Dichter und Naturforscher Adelbert von Chamisso und der Zeichner Ludwig Choris sowie die Naturforscher Johann Friedrich Eschscholtz und Morten Wormskjold. Ziel der mit wohlwollender Unterstützung des Zaren Alexander I. durch den russischen Grafen Nikolai Petrowitsch Rumjanzew ausgerüsteten und finanzierten Expedition ist vor allem Entdeckung und Erkundung der Nordwestpassage. Nach einem ersten kurzen Aufenthalt in Kopenhagen geht es weiter nach Plymouth, um sich dort für die lange Atlantiküberquerung zu rüsten. Ein mehrtägiger Aufenthalt auf Teneriffa ermöglicht den Naturforschern erste Erkundungstouren in einer ihnen neuen Welt. Schließlich erreicht die Rurik am 12. Dezember die Insel Santa Catarina vor Brasilien und legt bei Florianópolis an. Über das Kap Hoorn soll die Expedition schließlich den Pazifik erreichen.
Sonstiges
6. November: In Wien wird das k. k. Polytechnische Institut, die heutige Technische Universität Wien, eröffnet. Erster Direktor wird Johann Joseph von Prechtl.
Kultur
2. März: Die Uraufführung der komischen Oper Die Prinzessin von Cacambo von Peter Joseph von Lindpaintner erfolgt in München.
4. Oktober: Die Oper Elisabetta regina d’Inghilterra von Gioachino Rossini wird am Teatro San Carlo in Neapel mit großem Erfolg uraufgeführt. Das Libretto stammt von Giovanni Schmidt und basiert auf dem Theaterstück Il paggio di Leicester von Carlo Federici nach dem Roman The Recess von Sophia Lee. Isabella Colbran singt die Titelrolle.
30. November: Die Uraufführung der Oper Der Herr und sein Diener von Conradin Kreutzer findet in Stuttgart statt.
25. Dezember: In Wien wird Ludwig van Beethovens Kantate Meeresstille und glückliche Fahrt, die Vertonung zweier Gedichte Johann Wolfgang von Goethes, in einem Benefizkonzert für den Bürgerspitalfond uraufgeführt. Bei diesem Konzert erklingt auch Beethovens Oratorium Christus am Ölberge.
26. Dezember: Die Rettungsoper Torvaldo e Dorliska von Gioachino Rossini auf ein Libretto von Cesare Sterbini wird als Eröffnungspremiere der Karnevalssaison in Rom im kleinen Teatro Valle uraufgeführt. Die Oper erzielt trotz der hervorragenden Besetzung unter anderem mit Filippo Galli nur einen mäßigen Erfolg.
Gesellschaft
2. Januar: Der Dichter Lord Byron heiratet im nordenglischen Seaham Anne Isabella Milbanke, um die Beziehung zu seiner Halbschwester Augusta zu verdecken.
12. Juni: Geschichte der Studentenverbindungen: Im Gasthaus Grüne Tanne gründen Jenaer Studenten die Urburschenschaft.
Religion
25. September: Die Evangelische Missionsgesellschaft Basel wird von Christian Friedrich Spittler und Nikolaus von Brunn als Tochtergesellschaft der Deutschen Christentumsgesellschaft gegründet.
3. November: Fast drei Jahrhunderte nach ihrem Entstehen endet mit dem Duldungsedikt die Verfolgung der Schweizer Täufer wegen ihres Glaubens.
Katastrophen
5. April: Der Ausbruch des Vulkans Tambora auf der Insel Sumbawa in Indonesien beginnt mit einer ersten Eruption. Weitere, insbesondere der stärkste Ausbruch am 10. April, führen zu insgesamt etwa 100.000 Todesopfern. Der Ausbruch des Tamboras ist die größte in geschichtlicher Zeit beobachtete Eruption. Das Geschehen setzt große Mengen Asche frei. Die Ascheniederschläge erreichen einen Radius von 1300 Kilometern, verdunkeln im Umkreis von bis zu 600 Kilometern den Himmel zwei Tage lang fast vollständig und verursachen im Folgejahr auf der Nordhalbkugel einen vulkanischen Winter, der in Europa Hungersnöte verursacht, das sogenannte „Jahr ohne Sommer“.
30. Mai: Das britische Schiff Arniston läuft nahe dem Ort Waenhuiskrans bei starkem Sturm auf ein Riff beim südafrikanischen Kap Agulhas. Sechs Menschen gelingt das Erreichen des Ufers, 372 sterben beim Schiffsuntergang.
31. Juli: In Philadelphia, County Durham, Großbritannien, explodiert der Kessel der experimentellen Dampflokomotive Mechanical Traveller. Je nach Quelle kommen zwischen 13 und 16 Menschen ums Leben. Dieser Unfall ist der älteste bekannte Kesselzerknall einer Lokomotive und bis heute derjenige mit der höchsten Zahl von Toten überhaupt.
Geboren
Januar/Februar
1. Januar: Aaron F. Perry, US-amerikanischer Politiker († 1893)
6. Januar: Florus Conrad Auffarth, preußischer Verwaltungsbeamter († 1877)
6. Januar: Julius Pintsch, deutscher Unternehmer († 1884)
9. Januar: Reinhard Sebastian Zimmermann, deutscher Maler († 1893)
10. Januar: John Macdonald, kanadischer Premierminister († 1891)
13. Januar: Johann von Dumreicher, österreichischer Arzt und Chirurg († 1880)
13. Januar: Ernst Elias Niebergall, deutscher Schriftsteller († 1843)
15. Januar: Alexander Franz Wilhelm Lincke, deutscher Jurist und Politiker († 1864)
16. Januar: Lemuel J. Bowden, US-amerikanischer Politiker († 1864)
16. Januar: Henry Wager Halleck, US-amerikanischer General († 1872)
17. Januar: Mehmed Fuad Pascha, Großwesir des Osmanischen Reiches († 1869)
17. Januar: Max Preßler, deutscher Ingenieur, Forstwissenschaftler, Erfinder und Ökonom († 1886)
18. Januar: James Chesnut, Jr., US-amerikanischer General († 1885)
18. Januar: Konstantin von Tischendorf, deutscher Forscher († 1874)
21. Januar: Josephine Koch, Nonne und Ordensgründerin († 1899)
21. Januar: Horace Wells, US-amerikanischer Zahnarzt († 1848)
22. Januar: Karl Volkmar Stoy, deutscher Pädagoge († 1885)
27. Januar: Peter Joseph Ruppen, Chronist und Domherr († 1896)
28. Januar: Andrew J. Hamilton, US-amerikanischer Politiker († 1875)
28. Januar: Philipp Gustav Passavant, deutscher Arzt und Geheimer Sanitätsrat († 1893)
30. Januar: William Jenner, britischer Arzt († 1898)
3. Februar: Edward J. Roye, Präsident von Liberia († 1872)
4. Februar: Josip Juraj Strossmayer, kroatischer Politiker und katholischer Theologe († 1905)
9. Februar: Raffaele Cadorna, italienischer General († 1897)
9. Februar: Federico de Madrazo y Kuntz, spanischer Maler und Lithograf († 1894)
10. Februar: Meir Auerbach, russischer Gelehrter, Rabbiner und Oberrabbiner († 1878)
11. Februar: John Appleton, US-amerikanischer Politiker († 1864)
15. Februar: Gustav Biedermann, deutschböhmischer Arzt und philosophischer Schriftsteller († 1890)
16. Februar: Ottokar Maria Graf von Attems, österreichischer Fürstbischof († 1867)
16. Februar: Friedrich Hermann Lütkemüller, deutscher Orgelbauer († 1897)
18. Februar: Ferdinand Adolph Lange, Uhrmacher und Unternehmer († 1875)
21. Februar: Joseph Glover Baldwin, US-amerikanischer Schriftsteller, Politiker und Jurist († 1864)
23. Februar: Franz Antoine, österreichischer Botaniker († 1886)
23. Februar: Joséphin Soulary, französischer Dichter († 1891)
27. Februar: Franz Pfeiffer, deutscher Germanist († 1868)
27. Februar: Jacob Wiener, in Brüssel tätiger Graveur von Münzen, Medaillen und Briefmarken († 1899)
28. Februar: Andreas Gottschalk, deutscher Arzt († 1849)
März/April
1. März: Benjamin Conley, US-amerikanischer Politiker († 1886)
2. März: Jakob Dont, österreichischer Violinist, Violinpädagoge und Komponist († 1888)
5. März: Friedrich Schey von Koromla, österreichischer Bankier, Großhändler, Großgrundbesitzer und Mäzen († 1881)
8. März: Jean-Delphin Alard, französischer Violinist und Komponist († 1888)
8. März: Hermann Wagener, Chefredakteur, preußischer Ministerialbeamter und Politiker († 1889)
12. März: Justus Bostelmann, deutscher Landwirt, Kaufmann und Mitglied des Reichstags († 1889)
12. März: Robert Marcellus Stewart, US-amerikanischer Politiker († 1871)
14. März: Adolf Ellissen, deutscher Politiker, Philologe und Literaturhistoriker († 1872)
17. März: Christian Wilhelm Bernhardt, deutscher Pädagoge und Heimatforscher († 1891)
22. März: Franz Folliot de Crenneville, österreichischer General († 1888)
24. März: Rosa Molas y Vallvé, römisch-katholische Heilige († 1876)
26. März: Gustav von Rümelin, deutscher Pädagoge, Statistiker und Politiker († 1889)
27. März: William Russell Smith, US-amerikanischer Politiker († 1896)
29. März: Hagiwara Hiromichi, japanischer Dichter, Schriftsteller, Übersetzer und Vertreter des Kokugaku († 1863)
30. März: Hermann von Schmid, deutscher Schriftsteller († 1880)
1. April: Edward Clark, US-amerikanischer Politiker und Gouverneur von Texas († 1880)
1. April: Henry B. Anthony, US-amerikanischer Politiker und Gouverneur von Rhode Island († 1884)
1. April: Otto von Bismarck, deutscher Politiker und erster Reichskanzler des deutschen Reiches († 1898)
2. April: Esprit Espinasse, französischer General († 1859)
5. April: Louis Chollet, französischer Organist und Komponist († 1851)
6. April: Robert Volkmann, deutscher Komponist († 1883)
8. April: Andrew Graham, irischer Astronom († 1908)
11. April: Friedrich Wilhelm Schwarz, Begründer der Apostolischen Zending und Neuapostolischen Kirche († 1895)
13. April: Robert Theodor Heyne, deutscher Appellationsrat († 1848)
14. April: Gregor Ata, libanesischer Erzbischof († 1899)
14. April: Rudolf von Raumer, deutscher Germanist († 1876)
15. April: Philipp Jacob Johann Leo Klein, deutscher Mediziner († 1896)
17. April: Hartvig Nissen, norwegischer Schulreformer († 1874)
18. April: Beriah Magoffin, US-amerikanischer Politiker († 1885)
19. April: Daniel Bashiel Warner, Präsident von Liberia († 1880)
22. April: Wilhelm Peters, deutscher Naturforscher, Zoologe, Anatom und Entdecker († 1883)
23. April: Thomas Davatz, Schweizer Auswanderer nach Brasilien und Anführer im Aufstand von Ibicaba († 1888)
25. April: Joseph Behm, ungarndeutscher Kirchenmusiker und Komponist († 1885)
28. April: Karl von Blaas, österreichischer Maler († 1894)
Mai/Juni
4. Mai: Delina Filkins, Supercentenarian und zwischen 1926 und 1980 ältester Mensch der Welt († 1928)
4. Mai: Franz Adam, deutscher Schlachten- und Pferdemaler sowie Lithograf († 1886)
6. Mai: Eugène Marin Labiche, französischer Lustspieldichter († 1888)
7. Mai: Angelo Baroffio, Schweizer Jurist und Politiker († 1893)
11. Mai: Richard Ansdell, englischer Maler († 1885)
11. Mai: Granville George Leveson-Gower, 2. Earl Granville, britischer Staatsmann, Außen- und Kolonialminister († 1891)
12. Mai: Louis Jules Trochu, französischer General und während der ersten Wochen der Belagerung von Paris Präsident des Nationalen Verteidigungsrates († 1896)
13. Mai: Johann Gotthilf Bärmig, deutscher Orgelbauer († 1899)
18. Mai: James B. Francis, britisch-US-amerikanischer Ingenieur und Erfinder († 1892)
19. Mai: John Gross Barnard, US-amerikanischer Militäringenieur († 1882)
20. Mai: Alojz Ipavec, slowenischer Komponist († 1849)
20. Mai: Barthélemy Menn, Schweizer Maler († 1893)
20. Mai: Gustav von Mevissen, Politiker und Unternehmer († 1899)
21. Mai: Adolf Böttger, deutscher Lyriker, Dramatiker und Übersetzer († 1870)
21. Mai: Caroline Botgorschek, österreichische Opernsängerin († 1875)
25. Mai: Giovanni Caselli, italienischer Physiker († 1891)
29. Mai: Gove Saulsbury, US-amerikanischer Politiker († 1881)
1. Juni: Otto I., griechischer König († 1867)
3. Juni: Johann Joseph Oppel, deutscher Pädagoge, Physiker und Sprachwissenschaftler († 1894)
7. Juni: Gerhard Ahlhorn, deutscher Landwirt und Politiker († 1906)
10. Juni: Matthäus Friedrich Chemnitz, deutscher Liedtexter († 1870)
11. Juni: Julia Margaret Cameron, britische Fotografin († 1879)
16. Juni: Julius Schrader, deutscher Maler († 1900)
18. Juni: Ludwig Samson Arthur von und zu der Tann-Rathsamhausen, bayerischer General († 1881)
18. Juni: Maximilian Werner, badischer Politiker († 1875)
23. Juni: Georg Wilhelm Volkhart, deutscher Maler († 1876)
23. Juni: Robert Milligan McLane, US-amerikanischer Politiker († 1898)
26. Juni: Mariana Grajales, kubanische Freiheitskämpferin der Unabhängigkeitskriege († 1893)
28. Juni: Robert Franz, deutscher Komponist († 1892)
29. Juni: Friedrich Albrecht zu Eulenburg, preußischer Staatsmann († 1881)
Juli/August
1. Juli: Daniel Straub, deutscher Metallwarenfabrikant († 1889)
4. Juli: Daniel Cornelius Danielssen, norwegischer Arzt, Zoologe und Abgeordneter des Storting († 1894)
4. Juli: Pawel Andrejewitsch Fedotow, russischer Maler († 1852)
9. Juli: Oran M. Roberts, US-amerikanischer Jurist und 18. Gouverneur von Texas († 1898)
17. Juli: Thekla Knös, schwedische Autorin, Dichterin und Übersetzerin († 1880)
22. Juli: Robert Eberle, deutscher Maler († 1860)
23. Juli: André-Charles-Victor Reille, französischer General, Generaladjutant Napoleons III. († 1887)
24. Juli: Arnaud-Michel d’Abbadie, französischer Geograph († 1893)
26. Juli: Robert Remak, deutscher Zoologe, Physiologe und Neurologe († 1865)
30. Juli: Herman Severin Løvenskiold, norwegischer Komponist († 1870)
1. August: Richard Henry Dana, Jr., US-amerikanischer Politiker und Schriftsteller († 1882)
2. August: Adolf Friedrich von Schack, deutscher Dichter, Kunst- und Literaturhistoriker († 1894)
5. August: Edward John Eyre, australischer Forschungsreisender († 1901)
5. August: Hermann Köchly, deutscher Altphilologe († 1876)
11. August: Gottfried Kinkel, deutscher Theologe, Schriftsteller und Politiker († 1882)
13. August: Eduard von Regel, deutscher Gärtner und Botaniker († 1892)
16. August: Johannes Bosco, italienischer Priester und Ordensgründer († 1888)
18. August: Alexander Theodor von Middendorff, russischer Zoologe und Entdecker († 1894)
21. August: Gustav-Adolf Hirn, französischer Physiker († 1890)
29. August: Anna Carroll, US-amerikanische Politikerin, Publizistin und Lobbyistin († 1894)
September/Oktober
1. September: Ferdinand Jühlke, deutscher Lehrer, Autor und Gärtner († 1893)
2. September: Georg August Pritzel, deutscher Bibliothekar und botanischer Schriftsteller († 1874)
4. September: Mihály Mosonyi, ungarischer Komponist († 1870)
4. September: Johannes Roth, deutscher Zoologe und Forschungsreisender († 1858)
5. September: Carl Wilhelm, deutscher Chorleiter († 1873)
7. September: Howell Cobb, US-amerikanischer Politiker († 1868)
7. September: John McDouall Stuart, australischer Entdecker († 1866)
8. September: Alexander Ramsey, US-amerikanischer Politiker († 1903)
8. September: Giuseppina Strepponi, italienische Opernsängerin, Interpretin und Frau von Giuseppe Verdi († 1897)
9. September: Johann Gottfried Piefke, preußischer Militärmusiker und Komponist († 1884)
12. September: Louis René Tulasne, französischer Botaniker und Mykologe († 1885)
17. September: Halfdan Kjerulf, norwegischer Komponist († 1868)
19. September: Tyree Harris Bell, Brigadegeneral der Konföderierten Armee im Sezessionskrieg († 1902)
19. September: Edgar Cowan, US-amerikanischer Politiker († 1885)
21. September: Paul Rudolph von Bilguer, deutscher Schachmeister († 1840)
22. September: Calvin Galusha Coolidge, US-amerikanischer Farmer und Politiker († 1878)
29. September: Andreas Achenbach, deutscher Landschaftsmaler († 1910)
3. Oktober: Georg Julius Andresen, deutscher Autor, Mediziner und Hydrotherapeut († 1882)
14. Oktober: Ernesto Bruni, Schweizer Jurist und Politiker († 1898)
15. Oktober: Moritz Brosig, deutscher Komponist und Organist († 1887)
15. Oktober: Eduard von Wattenwyl, Schweizer evangelischer Geistlicher († 1890)
16. Oktober: Francis R. Lubbock, US-amerikanischer Politiker und 9. Gouverneur von Texas († 1905)
17. Oktober: Emanuel Geibel, deutscher Lyriker († 1884)
24. Oktober: Jules Moinaux, französischer Librettist († 1896)
25. Oktober: Camillo Sivori, italienischer Komponist und Violinist († 1894)
28. Oktober: Franz Bernhard Schiller, Bildhauer († 1857)
29. Oktober: Ľudovít Štúr, slowakischer Philologe, Schriftsteller und Politiker († 1856)
31. Oktober: Karl Weierstraß, deutscher Mathematiker († 1897)
November/Dezember
1. November: Luke P. Poland, US-amerikanischer Politiker († 1887)
2. November: George Boole, englischer Mathematiker und Philosoph († 1864)
11. November: August Kappler, Militär, Forscher und Unternehmer in Suriname († 1887)
12. November: Elizabeth Cady Stanton, US-amerikanische Bürger- und Frauenrechtlerin († 1902)
14. November: Albert Wolff, deutscher Bildhauer († 1892)
15. November: Lorenz von Stein, Staatsrechtslehrer und Nationalökonom († 1890)
17. November: Wilhelm Baumeister, preußischer Offizier und Schauspieler († 1875)
23. November: William Dennison, US-amerikanischer Politiker († 1882)
29. November: Stephen Augustus Hurlbut, US-amerikanischer Politiker, Diplomat und Kommandeur († 1882)
30. November: Isaac Newton Arnold, US-amerikanischer Politiker († 1884)
4. Dezember: August Wilhelm Zumpt, Altertumswissenschaftler († 1877)
8. Dezember: Adolph Menzel, deutscher Maler, Zeichner und Illustrator († 1905)
10. Dezember: Ada Lovelace (geborene Byron), britische Mathematikerin († 1852)
12. Dezember: Édouard Jean Etienne Deligny, französischer General († 1902)
12. Dezember: Isabella Braun, deutsche Jugendbuchautorin († 1886)
13. Dezember: Johann Gottfried Steffan, Schweizer Landschaftsmaler († 1905)
15. Dezember: Garnett Bowditch Adrain, US-amerikanischer Politiker († 1878)
15. Dezember: David Atwood, US-amerikanischer Politiker († 1889)
18. Dezember: Egron Sellif Lundgren, schwedischer Maler und Schriftsteller († 1875)
20. Dezember: James Legge, britischer Sinologe und Übersetzer († 1897)
21. Dezember: Christian Friedrich Budenberg, Unternehmer († 1883)
21. Dezember: Thomas Couture, französischer Maler († 1879)
22. Dezember: Johann Jakob Bachofen, Schweizer Jurist und Altertumsforscher († 1887)
23. Dezember: Émile Félix Fleury, französischer General und Diplomat († 1884)
23. Dezember: Ildefons Cerdà, spanischer Stadtplaner († 1876)
31. Dezember: George Gordon Meade, US-amerikanischer General († 1872)
Genaues Geburtsdatum unbekannt
Hipolit Skimborowicz, polnischer Autor, Journalist und Herausgeber († 1880)
Paulina Wilkońska, polnische Schriftstellerin († 1875)
Gestorben
Erstes Halbjahr
3. Januar: Johann Carl Corthum, deutscher Gärtner und Züchter (* 1740)
5. Januar: Anton Wilhelm von L’Estocq, preußischer General (* 1738)
8. Januar: Edward Michael Pakenham, britischer Generalmajor (* 1778)
15. Januar: Emma Hamilton, englische Mätresse des Admirals Horatio Nelson (* 1765)
20. Januar: Caroline Friederike Friedrich, deutsche Malerin (* 1749)
21. Januar: Matthias Claudius, deutscher Schriftsteller (* 1740)
26. Januar: David von Wyss der Ältere, Bürgermeister von Zürich (* 1737)
28. Januar: Anton Dreyssig, deutscher Musiker (* 1774)
20. Februar: Johann Christoph Georg Adler, Jurist (* 1758)
19. Februar: Leonhard von Call, Südtiroler Komponist (* 1767)
26. Februar: Friedrich Josias von Sachsen-Coburg-Saalfeld, österreichischer General und Feldmarschall (* 1737)
4. März: Frances Abington, englische Schauspielerin (* 1737)
5. März: Franz Anton Mesmer, deutscher Arzt, Begründer des Mesmerismus (* 1734)
17. März: Mateo Pumacahua, Offizier indigener Herkunft im spanischen Vizekönigreich Peru (* 1740)
23. April: William C. Bowen, US-amerikanischer Arzt, Chemiker und Hochschullehrer (* 1785)
26. April: Carsten Niebuhr, deutscher Mathematiker, Kartograf und Forschungsreisender (* 1733)
29. April: Isaac von Sinclair, deutscher Diplomat und Schriftsteller (* 1775)
30. April: Jean Joseph Tranchot, französischer Geograph (* 1752)
6. Mai: Georg Friedrich Fickert, deutscher Kirchenlieddichter und Pfarrer (* 1758)
6. Mai: Bernhard Stöger, deutscher katholischer Theologe, Philosoph und Pädagoge (* 1757)
1. Juni: Louis-Alexandre Berthier, französischer General und Marschall von Frankreich (* 1753)
1. Juni: James Gillray, britischer Karikaturist (* 1757)
2. Juni: Friedrich Carl Arndt, deutscher Jurist, Stadtrichter und Bürgermeister (* 1772)
16. Juni: Friedrich Wilhelm, nomineller Braunschweiger Herzog (* 1771)
17. Juni: Hamidu Reis, algerischer Korsar (* 1770)
18. Juni: Guillaume Philibert Duhesme, französischer General (* 1766)
18. Juni: Thomas Picton, britischer Generalleutnant, Gouverneur von Trinidad (* 1758)
18. Juni: William Ponsonby, britischer Generalmajor (* 1772)
29. Juni: Christian Friedrich Schwan, deutscher Verleger und Buchhändler (* 1733)
Zweites Halbjahr
1. Juli: Friedrich Theodor Bach, preußischer Beamter (* 1757)
3. Juli: Friedrich Wilhelm von Reden, deutscher Berghauptmann (* 1752)
4. Juli: Eberhard August Wilhelm von Zimmermann, Geograph, Naturhistoriker und Philosoph (* 1743)
7. Juli: Pedro de Garibay, spanischer Offizier und Kolonialverwalter, Vizekönig von Neuspanien (* 1729)
7. Juli: Teruya Kanga Sakugawa, bekanntester Meister der okinawanischen Kampfkünste (* 1733)
11. Juli: Hans Jakob Gonzenbach, Schweizer Politiker (* 1754)
24. Juli: Ferdinand Bernhard Vietz, österreichischer Mediziner und Botaniker (* 1772)
2. August: Guillaume-Marie-Anne Brune, Marschall von Frankreich (* 1763)
6. August: Giuseppe Gherardeschi, italienischer Komponist (* 1759)
13. August: Friedrich August Wiedeburg, deutscher Pädagoge und Philologe (* 1751)
15. August: Richard Bassett, US-amerikanischer Politiker (* 1745)
16. August: Friederike Bethmann-Unzelmann, deutsche Schauspielerin und Sängerin (* 1760)
18. August: Chauncey Goodrich, US-amerikanischer Politiker (* 1759)
19. August: Charles Angélique François Huchet de La Bédoyère, französischer Generalleutnant (* 1786)
21. August: Carl Johan Adlercreutz, schwedischer General (* 1757)
21. August: Stanley Griswold, US-amerikanischer Politiker (* 1763)
30. August: Justus Christian Hennings, deutscher Moralphilosoph und Aufklärer (* 1731)
9. September: John Singleton Copley, US-amerikanisch-englischer Maler (* 1738)
24. September: John Sevier, Mitbegründer von Tennessee und dessen erster Gouverneur (* 1745)
28. September: Nicolas Desmarest, französischer Geologe (* 1725)
2. Oktober: Ferdinand Anton Christian von Ahlefeldt, dänischer Diplomat (* 1747)
4. Oktober: Christophe-Philippe Oberkampf, französischer Tuchfabrikant (* 1738)
5. Oktober: Karl Bertuch, deutscher Journalist und Schriftsteller (* 1777)
13. Oktober: Joachim Murat, König von Neapel und Marschall von Frankreich (* 1767)
13. Oktober: Friedrich Wilhelm Strieder, deutscher Bibliothekar, Lexikograph und Historiker (* 1739)
14. Oktober: Christian Ludwig August von Arnswaldt, kurfürstlich-braunschweig-lüneburgischer Politiker (* 1733)
22. Oktober: Claude-Jacques Lecourbe, Offizier in diversen europäischen Armeen (* 1759)
26. Oktober: Cornelis van der Aa, niederländischer Buchhändler und Schriftsteller (* 1749)
26. Oktober: Johann Joseph Anton Huber, Augsburger Freskomaler und katholischer Direktor der Reichsstädtischen Kunstakademie (* 1737)
28. Oktober: Jacob Fidelis Ackermann, deutscher Mediziner (* 1765)
15. November: Stephen Heard, US-amerikanischer Politiker (* 1740)
17. November: Luigi Asioli, italienischer Sänger und Komponist (* 1778)
17. November: Dorothea Viehmann, Quelle der Märchensammlung der Brüder Grimm (* 1755)
25. November: Johann Peter Salomon, Violinist, Komponist, Dirigent und Musikimpresario (* 1745)
2. Dezember: Jan Potocki, polnischer Romancier, Historiker und Ethnograph (* 1761)
5. Dezember: Christian Gottfried Gruner, deutscher Mediziner und Historiker (* 1744)
7. Dezember: Michel Ney, Marschall von Frankreich und Fürst von der Moskwa (* 1769)
11. Dezember: Anna Pestalozzi, Ehefrau von Johann Heinrich Pestalozzi (* 1738)
15. Dezember: Giuseppe Bossi, italienischer Maler und Autor (* 1777)
19. Dezember: Benjamin Smith Barton, US-amerikanischer Botaniker (* 1766)
23. Dezember: Franz Xaver von Auffenberg, österreichischer Feldmarschall-Leutnant (* 1744)
29. Dezember: Sarah Baartman, in London und Paris ausgestellte Khoikhoi-Frau (* etwa 1789)
Genaues Todesdatum unbekannt
Johann Christoph Kaffka, deutscher Komponist (* 1754)
Literatur
Thierry Lentz: 1815, Der Wiener Kongress und die Neugründung Europas. Siedler, München 2014, ISBN 978-3-8275-0027-4.
Weblinks
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Q6948
| 686.95473 |
593372
|
https://de.wikipedia.org/wiki/WordPress
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WordPress
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WordPress ist ein freies Content-Management-System (CMS). Es wurde ab 2003 von Matthew Mullenweg als Software für Weblogs programmiert und wird als Open-Source-Projekt permanent weiterentwickelt. WordPress wird von über 63 % aller Websites (Stand Mai 2023), deren CMS bekannt ist, eingesetzt und ist damit das am weitesten verbreitete System zu deren Betrieb. Von einer Million der meistbesuchten Websites nutzt rund ein Drittel WordPress.
In WordPress kann jeder Beitrag frei erstellbaren Kategorien zugewiesen werden. Navigationselemente werden automatisch passend erzeugt. Weiter bietet das System Leserkommentare mit der Möglichkeit, diese vor der Veröffentlichung erst zu prüfen, eine Verwaltung der Benutzerrollen und -rechte und die Möglichkeit externer Plug-ins, womit WordPress in Richtung eines vollwertigen CMS ausgebaut werden kann.
WordPress basiert auf der Skriptsprache PHP (empfohlen wird PHP 7 oder höher) und benötigt eine MySQL- oder MariaDB-Datenbank. Es ist eine freie Software, die unter der GNU General Public License (GPLv2) lizenziert wurde. Laut Aussage der Entwickler legt das System besonderen Wert auf Webstandards, Eleganz, Benutzerfreundlichkeit und leichte Anpassbarkeit. WordPress entstand auf Basis der Software b2. Die aktuelle WordPress-Version 6.3 Lionel erschien am 8. August 2023.
Geschichte
In den Jahren 2001/2002 entwickelte Michel Valdrighi ein in PHP geschriebenes Weblogsystem mit dem Namen b2/cafelog, das unter GPL veröffentlicht wurde. Einige Monate nachdem Valdrighi die Entwicklung von b2 eingestellt hatte, gab Matthew Mullenweg im Januar 2003 in seinem Blog bekannt, dass er auf der b2-Codebasis eine neue Weblog-Software schreiben wolle, die einfach zu bedienen, flexibel und gut anpassbar sein sollte. Kurze Zeit später startete er zusammen mit Mike Little die Entwicklung von WordPress.
Die erste stabile Version von WordPress erschien am 3. Januar 2004. Ab Version 1.0.1 sind alle Hauptversionen nach Jazzmusikern benannt. Nachdem sich auch Michel Valdrighi der Entwicklergruppe um Mullenweg angeschlossen hatte, wurde WordPress zum offiziellen Nachfolger von b2. Im Laufe der Jahre wurde der Funktionsumfang immer weiter ausgebaut. Ab der Version 1.5 („Strayhorn“) unterstützt WordPress das Verwalten von statischen Seiten, also Beiträgen außerhalb der normalen Weblogchronologie. Damit war die Grundlage geschaffen, um WordPress nicht nur als reine Weblog-Software, sondern auch als einfaches Content-Management-System nutzen zu können.
Im August 2005 gründete Matt Mullenweg zusammen mit einigen anderen Entwicklern das Unternehmen Automattic mit dem Ziel, weitere Dienste rund um das Bloggen anzubieten und die Entwicklung von WordPress besser zu koordinieren. Im selben Jahr startete Automattic den Bloghosting-Dienst WordPress.com, der auf der Multi-User-Version von WordPress basiert. Ein Jahr später fand das erste WordCamp, ein informelles Treffen ähnlich einem Barcamp, in San Francisco statt.
Die WordPress Foundation mit Sitz in San Francisco wurde von Matt Mullenweg gegründet, um die Entwicklung von WordPress zu unterstützen. Vorsitzender (Principal Officer) ist Mullenweg selbst. Es ist eine gemeinnützige Organisation nach 501(c)(3). Sie hat von Automattic den Auftrag, die Marken WordPress, WordCamp und andere zu schützen.
2007 gewann WordPress den Open Source CMS Award in der Kategorie Best Open Source Social Networking Content Management System und 2009 in der Kategorie Overall Best Open Source CMS.
WordPress wurde im Jahr 2014 auf etwa 75 Millionen Websites eingesetzt. 2015 wurde etwa ein Viertel aller Websites mit WordPress betrieben, gefolgt von Joomla und Drupal mit einem Marktanteil von jeweils etwa fünf Prozent. Die im November erschienene Version 4.9 war bis August 2018 etwa 136,6 Millionen Mal heruntergeladen worden. Mit Stand vom März 2022 basieren laut W3techs 64,9 % aller Websites, die mithilfe eines Content-Management-Systems erstellt wurden, auf WordPress. Das entspricht einem Anteil von etwa 43,2 % aller Websites im Internet.
Funktionen
Die „5-Minuten-Installation“
Vom Herunterladen des Pakets mit dem Quellcode bis zum fertigen Blog werden nach Entwicklerangaben etwa fünf Minuten benötigt. Die Einrichtung erfolgt über einen Webbrowser und erfordert über das Erstellen der Datenbank hinaus keine Administrationskenntnisse.
Grundlegende Funktionen
WordPress unterstützt das Erstellen und Verwalten von Blog-Artikeln. Die einzelnen Artikel können in verschiedene Kategorien eingeordnet werden. Außerdem können einem Artikel Tags und weitere selbst definierte Taxonomien (mittels „Custom Taxonomies“) und Metadaten (mittels „benutzerdefinierter Felder“) zugeordnet werden. Die Blog-Beiträge werden neben der normalen Darstellung als Webseite den Lesern auch über Web-Feeds in den Protokollen RSS 2.0, RSS 0.92, RDF 1.0 und Atom 0.3 angeboten.
Neben Artikeln können mit WordPress auch statische Seiten außerhalb der Blog-Hierarchie erstellt und verwaltet werden. Ab der Version 2.6 wird zudem die Versionierung von Artikeln und Seiten unterstützt. Weiterhin kann WordPress Kommentareinträge und Links verwalten. Es existiert ein einfaches Redaktionssystem mit fünf Benutzerrollen (Administrator, Redakteur, Autor, Mitarbeiter, Leser), eine Mediengalerie, über die man Daten hochladen kann, und eine integrierte Volltext-Suche. Außerdem ist standardmäßig TinyMCE als Texteditor aktiviert. Im Dezember 2018 wurde TinyMCE allerdings durch WordPress Gutenberg ersetzt. Der WYSIWYG-Editor ist für Versionen ab 4.x als Plug-in downloadbar und seit WordPress-Version 5.0 fest integriert. Mit dem neuen Editor müssen Nutzer keine CSS- oder HTML-Kenntnisse mehr besitzen, um Websites zu gestalten. Seit der Einführung des Gutenberg-Editors besteht außerdem die Möglichkeit, Blogbeiträge an jeder beliebigen Stelle im Content anzeigen zu lassen, ohne dafür ein Plug-in oder einen Shortcode benutzen zu müssen.
Plug-ins
Mit Hilfe von Plug-ins kann WordPress um diverse Funktionen erweitert werden. Alle diese Erweiterungen lassen sich mittels des eingebauten Code-Editors bearbeiten.
Insgesamt sind im Oktober 2019 im Plug-in-Verzeichnis rund 55.000 freie Plug-ins verfügbar. Es gibt beispielsweise Plug-ins, die die Verwendung anderer Anmeldeverfahren wie LDAP, OpenID oder Shibboleth ermöglichen, den eigenen Blog mit Twitter verbinden oder WordPress um eine Statistik-Funktion erweitern.
Automattic bietet zudem Plug-ins, die eine Verbindung mit den anderen hauseigenen Projekten wie der Forensoftware namens bbPress oder Services wie dem Anti-Spam-Dienst Akismet ermöglichen. Akismet ist das einzige Plug-In, welches als Standard vorinstalliert ist.
Themes
Das Aussehen einer Webseite wird in WordPress durch Themes festgelegt. So werden Design und Programmkern von WordPress getrennt, wodurch individuelle Designs entwickelt werden können, ohne mit der Programmierung der Software an sich vertraut zu sein. Allerdings ist es in WordPress auch möglich, diverse Funktionen direkt in ein Theme zu programmieren, wodurch diese Trennung teilweise wieder aufgehoben werden kann.
Die meisten Themes bestehen aus PHP-Funktionen, HTML-Code sowie CSS-Dateien und haben einen grundlegend gleichen Aufbau. Daher gibt es von einigen Entwicklern spezielle Themes, die bereits alle notwendigen Elemente beinhalten und somit die Entwicklung eines eigenen Themes vereinfachen. Themes können ebenso wie Plug-ins im Editor des Grundsystems bearbeitet werden, ab Version 4.9 wird dabei Syntaxhervorhebung und ein Speichern von Entwürfen unterstützt.
Von Version 1.5 bis 3.0 war das voreingestellte Theme Kubrick (benannt nach Regisseur Stanley Kubrick). Ab Version 3.0 verwendet WordPress standardmäßig das neue Theme Twenty Ten (dt. 2010), die bisher enthaltenen Themes Classic und Default (Kubrick) sind nur noch separat erhältlich. Seither werden die jährlich erscheinenden Standardthemes nach dem Jahr der Veröffentlichung benannt (also Twenty Eleven, Twenty Twelve usw. bis aktuell Twenty Twenty-Three). Die Zukunft der Jahres-Themes wurde im Oktober 2021 in Frage gestellt. Auf den Websites der Entwickler und über den eingebauten Theme-Browser sind zudem viele weitere Themes für WordPress verfügbar. Themes fallen genauso wie WordPress selbst unter die GPL.
Sowohl bei den Themes als auch bei den Plug-ins gibt es kostenlose und kostenpflichtige Angebote. Kostenlose Themes durchlaufen, sofern sie über das WordPress-Repository installierbar sind, einen Freigabe-Prozess durch verifizierte WordPress-Entwickler. Kostenpflichtige Themes sind hingegen nur bei Drittanbietern erhältlich und bieten häufig Zusatzfunktionen, die mit kostenlosen Themes nicht mitgeliefert werden. Um WordPress nutzen zu können, bedarf es mindestens eines installierten Themes.
Child Themes
WordPress bietet die Möglichkeit, mit Hilfe von Child Themes das Design sowie die Funktionalität eines bereits installierten Themes (genannt Parent Theme) anzupassen und zu erweitern, ohne die Update-Sicherheit zu gefährden. Ein Child Theme ersetzt dabei einzelne Codeteile des Parent Themes. Diese Änderungen werden separat gespeichert und bei Updates des Parent Themes nicht überschrieben.
Block-basierte Themes
Am 25. Januar 2022 stellte Matt Mullenweg, der WordPress-Gründer, die neue Version 5.9 „Joséphine“ vor, mit der erstmals ein Block-basiertes Theme als Standard-Theme ausgeliefert wurde. Die neue Architektur dieser Themes basiert auf dem Gutenberg-Editor und ermöglicht die vollständige Bearbeitung aller visuellen Bereiche des Themes über den Block-Editor. Diese WordPress-Themes enthalten Vorlagen, die vollständig aus Blöcken bestehen, so dass zusätzlich zu den Inhalten der verschiedenen Beitragstypen (Seiten, Beiträge etc.) auch alle anderen Bereiche der Website mit dem Block-Editor bearbeitet werden können, wie Header, Footer, Sidebars usw. Dafür wurde Twenty Twenty-Two mit „so wenig CSS wie möglich“ ausgeliefert und ermöglicht es, sämtliche Stile über die Datei theme.json zu konfigurieren.
Versionen
WordPress µ
Das Projekt WordPress µ (µ = mu, hier als Abkürzung für Multiuser genutzt) entstand, um die Möglichkeit zu bieten, Weblogs mandantenfähig zu hosten und damit einen Weblog-Dienst einzurichten. WordPress-µ-Versionen basierten jeweils auf der aktuellen WordPress-Version und erschienen meist zeitnah zu dieser. Das Projekt wurde ebenfalls von Automattic koordiniert.
Seit WordPress 3.0 ist µ unter dem Namen Multisite ein fester Bestandteil der Blog-Software. Es wird daher nicht mehr als gesondertes Projekt geführt.
BuddyPress
BuddyPress ist ein Plug-in für WordPress (ursprünglich nur für WordPress µ), das das Blog-System in ein kleines soziales Netzwerk verwandelt. Die aktuelle Version ist 11.0 vom 5. Januar 2023. Von einigen ehemaligen BuddyPress-Entwicklern wird unter dem Namen BuddyBoss ein kostenpflichtiger Nachfolger mit erweiterten Funktionen bereitgestellt.
WordPress für Mobilgeräte
Für Betriebssysteme verschiedener Mobilgeräte (derzeit iOS, Android, Windows Phone, Blackberry OS, Symbian, HP webOS) werden Applikationen angeboten, die den mobilen Zugriff auf WordPress.com-Blogs und WordPress-Blogs ab Version 2.7 ermöglichen. Diese bieten unter anderem die Möglichkeit, Beiträge lokal zu bearbeiten sowie Bilder und Videos hochzuladen.
Kritik
DE-Edition
Die Integration des Plug-ins „LinkLift“, das Textlinks zum Zwecke der Suchmaschinenoptimierung in die inoffizielle deutsche Version 2.3 einband, löste Diskussionen unter Nutzern aus. Als Reaktion darauf wurde das Plug-in ab dem 1. Oktober 2007 nicht mehr mit ausgeliefert.
Lange Zeit gab es zudem für WordPress im deutschsprachigen Raum mehrere Sprachdateien: Eine von WordPress.org und zwei von WordPress Deutschland (eine „Du“- und eine „Sie“-Version). Da die Sprachdateien das gleiche Länderkürzel nutzten, kam es mit der Einführung der automatischen Aktualisierungsfunktion mit WordPress 2.7 zu diversen Problemen. Mit der Folgeversion 2.8 und der Zusammenlegung der deutschen Sprachversionen wurde dies behoben.
Mehrsprachigkeit
WordPress bietet keine native Unterstützung für mehrsprachige Webseiten. Zwar bieten Plug-ins die Möglichkeit, mehrsprachigen Inhalt zu verwalten, jedoch beziehen sich diese meist nur auf einzelne Postings und nicht auf alle verfügbaren Elemente. Alternativ ist es möglich, die Multi-Site-Funktion von WordPress ab Version 3.0 zu nutzen und damit für jede Sprache einen eigenen Blog zu erstellen.
Speicherverbrauch
In Version 2.8 ist der Speicherverbrauch verglichen mit den Vorgängerversionen vor allem auf 64-Bit-Systemen stark angestiegen. Standardmäßig werden heute erfahrungsgemäß mindestens 128 MB RAM benötigt.
Mit Version 3.2 wurde die Code-Menge reduziert und an der Performance gearbeitet.
Programmierschnittstelle (API)
Besonders bei der Entwicklung von Skins (bei WordPress Themes genannt) bemängeln Entwickler die uneinheitliche API. So existieren redundante oder nahezu gleichlautende Funktionen. Globale Variablen werden benutzt und objektorientierte mit prozeduraler Programmierung vermischt. Außerdem geben einige Funktionen Werte direkt auf dem Bildschirm aus, andere geben sie lediglich zurück.
Gutenberg
Mit Version 5.0 von WordPress hielt ein neuer Editor mit dem Namen Gutenberg Einzug, was von vielen Mitgliedern der Community kritisiert wurde. Der „Block Editor“ Gutenberg ersetzt dabei den Editor TinyMCE, der vorher von WordPress genutzt wurde, was Probleme mit Themes und Plug-ins (hier insbesondere PageBuilder) mit sich bringt, solange diese noch nicht an die neue Basis angepasst worden sind. Auch wurde die Veröffentlichungs- und Informationspolitik der WordPress Foundation kritisiert, da die Veröffentlichung von WordPress 5.0 mehrfach verschoben wurde und es bis zum Release kaum eingehendere Informationen zu Gutenberg gab. Dies hat sich mittlerweile durch (inoffizielle) Projekte geändert. TinyMCE bleibt als das Plugin „Classic Editor“ „mindestens bis 2024 oder so lange wie nötig“ verfügbar. Ist es installiert und aktiviert, ersetzt es den neuen Block Editor vollständig und stellt die alte Bedienoberfläche zum Bearbeiten von Beiträgen und Seiten wieder her. Beim Wechsel zwischen den beiden Editoren ist jedoch darauf zu achten, dass Gutenberg nicht vollständig abwärtskompatibel zum Classic Editor ist.
Trivia
Ab Version 3.0 tauscht WordPress in Titeln, Inhalten und Kommentaren die Schreibweise Wordpress automatisch durch die offizielle – WordPress – aus.
Sicherheit
Die Sicherheit von WordPress ist ein wichtiger Aspekt, da WordPress eine weit verbreitete Content-Management-Plattform ist, die für Websites und Blogs verwendet wird. Aufgrund seiner Beliebtheit ist WordPress jedoch auch ein potenzielles Ziel für Cyberangriffe und Sicherheitsverletzungen. Daher sind Sicherheitsvorkehrungen von großer Bedeutung, um die Integrität der Websites zu gewährleisten.
Laut einer Studie von iThemes Media LLC ist es interessant festzustellen, dass nur zwei Prozent der WordPress-Plugins für 99 Prozent der bekannten Sicherheitslücken verantwortlich sind. Im Jahr 2022 wurden insgesamt 1.779 Sicherheitslücken verfolgt, von denen 23 als Kern-Vulnerabilitäten galten und somit nur 1 Prozent der Gesamtzahl ausmachten. Auffällig ist dabei, dass die verbleibenden 99 Prozent (1.756) der Sicherheitslücken auf Plugins und Themes zurückzuführen sind. Dies verdeutlicht die Bedeutung einer sorgfältigen Auswahl und Verwaltung von Plugins und Themes, um potenzielle Sicherheitsrisiken zu minimieren und die Sicherheit der WordPress-Websites zu gewährleisten.
Literatur
Moritz Sauer: Das WordPress 5 Buch, 4. Aufl., O’Reilly, Heidelberg 2019, ISBN 978-3-96009-108-0.
Bernd Schmitt: Erste Schritte mit WordPress 5. So gelingt Ihnen der Einstieg schnell und ganz leicht, 2. Aufl., Franzis, Haar 2019, ISBN 978-3-645-60653-0.
Richard Eisenmenger, Florian Brinkmann: WordPress 6. Das umfassende Handbuch, Rheinwerk, Bonn 2022, ISBN 978-3-8362-8805-7.
Peter Müller: Einstieg in WordPress 6, 4. Aufl., Rheinwerk, Bonn 2022, ISBN 978-3-8362-8664-0.
Weblinks
wordpress.org
WordPress-Dokumentation (englisch)
WordPress-Themes-Verzeichnis (englisch)
Einzelnachweise
Freies Web-Content-Management-System
PHP
Weblog Publishing System
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Q13166
| 162.456366 |
1439693
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https://de.wikipedia.org/wiki/Tonium
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Tonium
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Das Tonium ist ein chronostratigraphisches System und eine geochronologische Periode der Geologischen Zeitskala. Es ist das achte System des Proterozoikums und das erste des Neoproterozoikums. Es begann vor Millionen Jahren und endete vor Millionen Jahren, dauerte also Millionen Jahre. Es folgte auf das Stenium und ging dem Cryogenium voraus.
Namensgebung und Definition
Der Name Tonium ist abgeleitet vom Altgriechischen τόνος (tόnos), ausdehnen (τείνειν). Er spielt auf die weitere Ausdehnung der damaligen Kratone an.
Beginn und Ende des Toniums sind nicht durch GSSPs definiert, sondern durch GSSAs (Global Stratigraphic Standard Ages), das heißt auf meist volle 100 Millionen Jahre gerundete Durchschnittswerte radiometrischer Datierungen globaler tektonischer Ruhephasen.
Geologie
Das herausragende geologische Ereignis im Tonium war die Existenz eines einzigen Superkontinentes, Rodinia, der allerdings bereits zu Ende des Toniums wieder zu zerfallen begann. Der endgültige Zerfall kann um 725 mya situiert werden. In Rodinia waren fast alle Kratone (die alten Festlandkerne der heutigen Kontinente) bereits enthalten. Gleichzeitig existierte analog ein einziger gigantischer Ozean, Mirovia genannt, der den Megakontinent Rodinia umschloss.
Im Tonium fanden Gebirgsbildungsprozesse statt, die allerdings erst zum Teil bekannt bzw. erforscht sind. Der Beginn der Periode überschneidet sich mit dem Ende der Grenville-Orogenese, einer wichtigen gebirgsbildenden Phase, die sich während der Entstehung Rodinias ereignete und während derer u. a. Gebirgszüge im heutigen Osten und Südosten Nordamerikas und auf dem heutigen indischen Subkontinent geformt wurden. Die Grenville-Orogenese war um 980 mya mit der Rigolet Orogeny zu Ende gegangen. Während des Toniums selbst fand u. a. die etwas weniger bedeutende Edmundian Orogeny (ca. 1030 bis 950 mya) statt, die Teile des heutigen Westaustraliens formte.
Das frühe und das mittlere Neoproterozoikum (Zeitraum 900 bis 700 mya) werden in Laurentia von Dehnungstektonik in Ost-West-Richtung geprägt. Dieses gegenüber dem Mesoproterozoikum völlig neue Spannungsregime (es hatte ab 950 mya eine Rotation der Zugspannung von Nordost-Südwest auf Ost-West stattgefunden) sollte ungefähr 200 Millionen Jahre Bestand haben und wird von zahlreichen, sedimentären Formationen im nördlichen Arizona und zentralen Utah dokumentiert.
Im europäischen Raum (Schottland und Baltica) war es im Verlauf der Grenville-Orogenese zwischen 1100 und 1000 mya zur Andockung Amazonias von Süden gekommen. Die relativ weiche Kollision ohne bedeutende Krustenverdickung betraf neben den Svekonorwegiden das Midland Valley Schottlands und das Grundgebirge des nordwestlichen Irlands. Zwischen 930 und 870 mya löste sich Baltica von Laurentia und Amazonia entlang einen Riftgrabens. Das sich öffnende Rift war von einer längeren Periode mit erhöhtem Magmatismus, Granitintrusionen und Metamorphose begleitet (beispielsweise im südlichen Norwegen um 915 mya von posttektonischen Graniten und in Schottland von 870 Millionen Jahre alten Mafiten und Granitgneisen der West Highlands, die der Glenfinnan Group und der Loch Eil Group angehören).
Die Svekonorwegiden waren ab 1100 mya in ihre Hauptverformungsphase getreten (D6) mit granulitfazieller Metamorphose und zwei Generationen von Granitintrusionen. Das Spätstadium (D7) begann ab 1025 mya und zog sich bis etwa 950 mya hin. Nachdem um 1025 mya Dolerit-Lagergänge eingedrungen waren, kam es zu Nord-Süd-orientierter Faltung und dem Aufdringen mittelkörniger, spät-svekonorwegischer Granite. Danach entstanden konjugierte Scherzonen und der Faltungsstil drehte auf Ost-West-Richtung. In der ab 945 mya einsetzenden posttektonischen Phase wurde das Orogen herausgehoben und von spröder Verwerfungstektonik erfasst. Die posttektonische Phase wird von zwei Granit-Intrusionsphasen begleitet mit mittelkörnigen Graniten um 945 mya und posttektonischen Graniten um 915 mya. Um 800 mya eingedrungene, Ostnordost-Westsüdwest-streichende Metagabbro-Gänge markieren das definitive Ende des herausgehobenen Orogens, das schließlich um 725 mya zu einer vorkambrischen Einebnungsfläche reduziert wurde.
Biologische Entwicklung
Erstmals treten molekulare Signaturen moderner Eukaryoten auf. Ab 850 bis 800 mya war die Erde nach einer fast 1000 Millionen Jahre dauernden Ruhepause während des (bislang inoffiziellen) Rodiniums in einen zweiten Zyklus großer Umweltinstabilität eingetreten. Zu Anfang dieses Intervalls hatten die Stromatolithen eine enorme Ausbreitung und Diversifizierung erfahren, erlebten aber gegen 800 mya einen drastischen Artenrückgang.
Stratigraphie
Bedeutende Sedimentbecken und geologische Formationen
Vindhya-Supergruppe im Norden Indiens – 1800/1700 bis 600 mya
Chhattisgarh Supergroup in Indien – 1500 bis zirka 900 mya
Supergruppe 1 des Taoudenni-Beckens (Westafrika-Kraton) – 998 bis 695 mya
Char-Gruppe in Mauretanien – ab 998 mya
Atar-Gruppe in Mauretanien – 890 bis 775 mya
Atur Group des Rguibat-Schildes in Mauretanien – 890 bis 775 mya
Espinhaço Supergroup des São-Francisco-Kratons in Brasilien – 1800 bis 900 mya
Upper Espinhaço Sequence (Absinkbecken) – 1190 bis 900 mya
Andrelândia-Becken des Süd-Brasília-Gürtels – 1061 bis zirka 930 mya
Pahrump Group im Death Valley – 1200 bis zirka 550 mya
Beck Springs Dolomite – um 890 bis 760 mya
Grand Canyon Supergroup in Arizona – 1250 bis 700/650 mya
Nankoweap-Formation – 940 bis 910 mya
Chuar Group – 900 bis 700 mya
Big-Cottonwood-Formation im Norden Utahs – 920 bis 860 mya
Uinta Mountain Group in Nordutah – 900 bis 820 mya
Shaler Supergroup im Nordwesten Kanadas – 1077 bis 723 mya
Bylot Supergroup auf Baffin Island in Kanada – 1267 bis 723 mya
Torridonian Supergroup in Schottland – um 1200 bis 950 mya
Torridon Group – 1000 bis 950 mya
Moine Supergroup in Schottland – um 1000 bis 873 mya
Loch Eil Group – 910 bis 873 mya
Glenfinnan Group – 910 bis 873 mya
Morar Group -980 bis 950 mya
Yell Sound Division auf Shetland – 1030 bis 970 mya
Krummedahl Succession im Osten Grönlands – 1030 bis 960 mya
Krossfjorden Group auf Spitzbergen (Westterran) – 1030 bis 980 mya
Brennevinsfjorden Group auf Spitzbergen (Ostterran) – 1030 bis 980 mya
Svaerholt Succession im Norden Norwegens – 1030 bis 990 mya
Geodynamik
Orogenesen
Zyklus der Grenville-Orogenese Laurentias:
Rigolet Orogeny – 1010 bis 980 mya
Sveconorwegian Orogeny in Skandinavien (Hauptphase) – 1100 bis 950 mya
Renlandian Orogeny des Valhalla-Orogens (Schottland, Shetland, Spitzbergen, Nordnorwegen) – 980 bis 910 mya
Edmundian Orogeny in Australien – 1030 bis 950 mya
Magmatismus
Glenfinnan Group in den West Highlands von Schottland mit tholeiitischen Amphiboliten (Metabasalte) – 870 mya
Loch Eil Group in Schottland mit tholeiitischen Amphiboliten – 870 mya
Mittelkörnige, spät-svekonorwegische Granite – 1000 bis 990 mya und 945 mya
Treungen-Granit in Norwegen – 1000 mya
Posttektonische Granite der Svekonorwegiden – 915 ± 35 mya
Herefoss-Granit in Südnorwegen
Høvringsvatn-Granitkomplex im südlichen Norwegen – 945 Millionen JahreBP
Bohus-Granit im südwestlichen Schweden
Literatur
Kenneth A. Plumb: New Precambrian time scale. In: Episodes, 14(2), Beijing 1991, S. 134–140, .
Weblinks
International Chronostratigraphic Chart Februar 2017
Einzelnachweise
Zeitalter des Proterozoikum
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Q743343
| 100.809338 |
7915
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https://de.wikipedia.org/wiki/Ostpreu%C3%9Fen
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Ostpreußen
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Ostpreußen (niederpreußisch Ostpreißen) war die nordöstlichste Provinz des bis 1945 bestehenden Staates Preußen. Das ursprüngliche Siedlungsgebiet des baltischen Stammes der Prußen wurde im 13. Jahrhundert zum Kernland des Deutschordensstaates, im 16. Jahrhundert zum Herzogtum Preußen unter polnischer Lehenshoheit, das 1618 durch Erbschaft an die hohenzollerschen Kurfürsten von Brandenburg fiel.
Kurfürst Friedrich III. erhob das 1657 souverän gewordene Herzogtum zum Königreich Preußen, als er sich in dessen Hauptstadt Königsberg 1701 zum preußischen König Friedrich I. krönte. Als gemeinsamer Name für alle hohenzollerschen inner- und außerhalb des Heiligen Römischen Reiches (HRR) liegenden Länder bürgerte sich später die Kurzform Preußen ein. Als Preußen 1772 das westlich anschließende Polnisch-Preußen unter der Bezeichnung Westpreußen annektiert hatte, verordnete König Friedrich II. für den nordöstlichen Landesteil 1773 den Provinz-Namen Ostpreußen.
Bevor das Herzogtum Preußen 1525 entstand, hatte der Deutsche Ritterorden die in der historischen Landschaft Preußen ansässigen Prußen gewaltsam unterworfen und christianisiert. Das Herzogtum Preußen ging aus dem größten Teil des prußischen Gebietes, das Kerngebiet des Deutschordensstaates war, hervor.
Gemäß dem Versailler Vertrag wurde Westpreußen 1920 an Polen zurückgegeben. Ostpreußens 1772 erfolgte kurze Ausdehnung bis zu Weichsel und Nogat blieb bestehen. Von ihm wurde nur das Memelland abgetrennt, und es blieb als Teil des Landes Preußen innerhalb des Deutschen Reiches bestehen.
1945 erhielt die Sowjetunion den Nordteil Ostpreußens, und der südliche Teil wurde polnischer Hoheit unterstellt. Durch die in beiden Teilen anschließend erfolgte Vertreibung der deutschen Bevölkerung und die Neubesiedlung mit Polen und Russen endete Ostpreußen nach Ende des Zweiten Weltkriegs als historische Landschaft. Mit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag vom September 1990 wurden die seit 1945 in Ostpreußen de facto geltenden Besitzverhältnisse völkerrechtlich verbindlich geregelt.
Geographie
Das Landschaftsbild des nördlichen Ostpreußen wird von leicht gewelltem Flachland mit Moränenhügeln, größtenteils versteppten Wiesen und Feldern sowie viel Wald bestimmt, der von breiten Flussniederungen und Moorgebieten unterbrochen wird. Größte Flüsse sind der Pregel und die Memel, weitere Flüsse sind die Łyna bzw. Lawa (Alle), die Angrapa (Angerapp), die Krasnaja (Rominte) und die Dejma (Deime). Angrenzend an das Kurische Haff im Nordwesten befinden sich die Elchniederung (Lossinaja Dolina) und das Große Moosbruch, eine Moorlandschaft, die zum Teil trockengelegt worden ist.
Zwischen dem Kurischen Haff und dem Frischen Haff im Süden befindet sich das an die Ostsee grenzende Samland.
Das südliche Ostpreußen ist durch die Masurische Seenplatte geprägt.
Im Südosten liegt die Rominter Heide mit dem Wystiter See und dem Wystiter Hügelland.
Große Teile des Bodens gehören zu den Bodenklassen 4 und 5. Als Rohstoffe sind Sand und Kies für das Bauwesen und Lehm, Torf und Ton für die keramische Industrie vorhanden. Etwa 30 Prozent Ostpreußens sind bewaldet.
Neben der Hauptstadt Königsberg waren Elbing, Tilsit, Allenstein und Insterburg die größten Städte (Zählung von 1939). Alle anderen hatten weniger als 50.000 Einwohner.
Durch die verhältnismäßig geringe Bevölkerungsdichte (66,5 Einwohnern je km²) konnten sich in Ostpreußen viele im Rest des damaligen Deutschlands bereits ausgestorbene Tiere erhalten. So gab es 1945 in Ostpreußen eine Population von Elchen und Wölfen. Bis heute (2023) gibt es relativ viele Störche, was auch Wesentliches über die dort vorherrschenden Landschaftsformen und ihre Bewirtschaftung aussagt.
Bekannt waren auch einige Öl- und Gasvorkommen.
Geschichte
Ur- und Frühgeschichte
Archäologische Funde bezeugen menschliche Besiedlung an der Südküste der Ostsee am Ende der Weichsel-Eiszeit etwa im 11. Jahrtausend v. Chr. Die Vereisung hatte hier um 16.000 v. Chr. geendet. Im Besonderen sind die Memel-Kultur (ab 7.000 v. Chr.), die Narva-Kultur (ab 5.300 v. Chr.) und die Haffküsten-Kultur (eine Gruppe der Schnurkeramik, ab 2.700 v. Chr.) nachgewiesen.
In der frühen Eisenzeit (6. – 1. Jahrhundert v. Chr.) lebten im Gebiet zwischen Ermland und Memel die Vertreter der Westbaltischen Hügelgräberkultur. Ein eisenzeitliches Gräberfeld mit etwa 3000 Gräbern wurde im Jahre 1873 zwischen Braunswalde und Willenberg nahe Marienburg gefunden. Die nach dieser Fundstätte benannten Braunswalde-Willenberg-Funde, heute auch als Wielbark-Kultur bezeichnet, zeichnet sich durch eine Mischung skandinavischer und kontinentaler Elemente aus und wird in der Forschung mit den in den antiken Quellen beschriebenen Goten verbunden. Zu deren Verbreitungsgebiet gehörte, neben dem Gebiet um die Weichselmündung und die Regionen südlich davon, der äußerste Westen Ostpreußens. Die Goten siedelten im letzten Jahrhundert vor der christlichen Zeitenwende in das Gebiet um die untere Weichsel, wanderten aber ab etwa 200 n. Chr. nach Südosten ab.
Im restlichen Gebiet Ostpreußens war seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. die Westbaltische Kultur verbreitet, mit der Olsztyn-Gruppe, der Sudauer Gruppe, der Dollkeim-Gruppe und der Memelland-Gruppe.
Spätestens deren Vertreter müssen als baltische Gruppen angesehen werden.
98 n. Chr. berichtete Tacitus in seiner Germania über das Volk der Aesti gentes. Diese waren aller Wahrscheinlichkeit nach die Vorgänger der ab dem 9. Jahrhundert als Prußen bezeichneten westbaltischen Stämme.
Im 2. Jahrhundert erwähnte Claudius Ptolemäus die Stämme der Galindai (Γαλίνδαι) und Sudinoi (Σουδινοί), die wahrscheinlich den westlichen (Olsztyn-Gruppe) bzw. den östlichen Teil (Sudauer Gruppe) des später ostpreußischen Gebietes bewohnten.
In seiner um 550 verfassten Getica zählt der gotische Geschichtsschreiber Jordanes die Aesti zum Gotischen Reich, das bis etwa 375 nördlich des Schwarzen Meeres gelegen hatte.
Im 9. Jahrhundert wird erstmals ein Volk namens Pruzzi erwähnt, von einem als Bayerischer Geograph bekannten Chronisten.
Der Angelsachse Wulfstan bereiste die Ostseeländer im 10. Jahrhundert. In seinem Bericht unterschied er das östlich der Weichsel gelegene „Witland“ vom westlich des Flusses gelegenen Land der Winoten und bezeichnete seine Einwohner, wie die antiken Autoren auch als „Ēstas“.
Die ostbaltischen Litauer wurden im 11. Jahrhundert erstmals beschrieben. Doch erst mit der Zeit der Christianisierung und der damit verbundenen Schriftkultur fing man an, schriftliche Dokumente zu führen, die detaillierte Informationen enthalten.
Die Prussia-Sammlung war die bedeutendste Sammlung archäologischer Fundstücke.
Prußische Stammesgebiete siehe nebenstehende Landkarte; Aufzählung im Uhrzeigersinn
Pomesanien
Pogesanien
Ermland
Natangen
Samland
Schalauen
Nadrauen
Sudauen
Galinden
Sassen
Lubawa
Barten
Baltische und westslawische Grenzgebiete siehe nebenstehende Landkarte; Aufzählung im Uhrzeigersinn
Kulmerland
Pommerellen
Schalauen
Sudauen
Masowien
Erste Eroberungs- und Missionierungsversuche
Das von baltischen Stämmen an der Ostseeküste besiedelte Gebiet wurde seit dem 10. Jahrhundert zur Interessensphäre der in der Region entstehenden christlichen Staaten. Alle Anstrengungen zur Eroberung des Gebietes standen auch unter dem Vorwand der Missionierung. Die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, im Hochmittelalter die mächtigsten weltlichen Herrscher des Abendlandes, erhoben Anspruch auf nicht christianisierte Gebiete, so Kaiser Friedrich II. in der Goldbulle von Rimini 1226 an den Deutschen Orden.
Die Versuche der polnischen Herrscher, ihre Macht an die noch von Heiden bewohnte Ostseeküste auszudehnen, zeigten nur in Pommern Erfolg. Über einen dieser Vorstöße, bei dem 997 der Missionsbischof Adalbert von Prag im Auftrag von Bolesław I. in die Gegend östlich von Danzig vordrang, berichtet dessen Autobiografie Vita Sancti Adalberti.
Konrad, der Herzog von Masowien, erlitt gegen die zwischen den Unterläufen von Weichsel und Memel siedelnden Prußen empfindliche Rückschläge. Das laut der Älteren Olivachronik zu großen Teilen von Polen besiedelte Kulmerland wurde laut der Chronik des Peter von Dusburg durch Prußen verwüstet. Die Vorstöße der Prußen bedrohten sogar seine Machtbasis Masowien. Der erste Bischof von Preußen wurde 1209 ernannt: Der Zisterzienser Christian von Oliva, vorher Abt von Łękno, nahm seinen Sitz 1215 im 30 Jahre zuvor gegründeten Kloster Oliva, außerhalb Preußens im Herzogtum Pommerellen der Samboriden. Seine Christianisierungsbemühungen waren zunächst nicht von dauerhaftem Erfolg. Der von Konrad I. und Bischof Christian gemeinsam ins Leben gerufene Ritterorden Milites Christi Prussiae, zumeist Orden von Dobrin genannt, konnte zwar Masowien sichern, aber keine Herrschaft über die Prußen etablieren.
Deutschordensstaat
Herzog Konrad von Masowien rief den Deutschen Ritterorden zu Hilfe, um ihm bei der Befriedung und Christianisierung der heidnischen Prußen beizustehen, wobei ihm ein zeitlich begrenztes Engagement vorschwebte. Der Orden beabsichtigte dagegen, von Anfang an zu bleiben und sich eine eigene Staatlichkeit zu schaffen. Zur Absicherung von Besitzrechten nahm sein Hochmeister Verhandlungen sowohl mit dem Papst als auch mit dem Kaiser auf. 1226 sicherte der Kaiser dem Orden mit der Goldbulle von Rimini alle Eroberungen im Land der Prußen zu. 1234 erfolgte die päpstliche Bestätigung mit der Bulle von Rieti, worin allerdings alle besetzten Gebiete zum Eigentum des Heiligen Stuhls erklärt wurden.
Seit 1230 begann der Orden von seiner ersten Burg Thorn aus das Kulmerland entlang der Weichsel bis zu deren Mündung in Besitz zu nehmen. Von den 1233 gegründeten Städten Thorn und Kulm aus setzte er seine Eroberungen entlang der Ostseeküste fort. Mit der Gründung von Elbing 1237 verfügte der Orden bald über einen ersten Seehafen. Die 1239 entstandene Burg Balga sicherte den Zugang vom Frischen Haff aus ins offene Meer. Die 1255 nahe der Pregelmündung gegründete Ordensburg erhielt zu Ehren des Kreuzzugführers König Ottokar II. von Böhmen den Namen Königsberg. Aus ihr sollte die gleichnamige Stadt mit dem später endgültigem Hochmeister-Sitz hervorgehen.
Die Siedler wurden gezielt im Heiligen Römischen Reich angeworben. Seit dem 13. Jahrhundert gründeten niederdeutsche Kolonisten eine Vielzahl von Städten und Dörfern. Im Süden und Osten wanderten über Jahrhunderte polnisch- und litauischsprachige Siedler ein, die sich mit prußisch und deutschsprachigen Bewohnern mischten, ihre jeweiligen sprachlichen Traditionen aber behielten.
Um etwa 1280 waren die heidnischen Prußen endgültig unterworfen. Im 15. Jahrhundert kam es zu Konflikten zwischen dem Orden und den Ständen (Städte und Adel), die ihre Freiheit (z. B. die Handelsfreiheit mit dem Ausland) massiv beschnitten sahen. 1440 schlossen sich die Stände im Preußischen Bund zusammen und boten schließlich 1454 dem polnischen König die Oberherrschaft in ihrem Gebiet an. Dieser nahm die Chance wahr für sein Bestreben, die ihn gefährdende Machtkonzentration im Deutschordensstaat endgültig auszuschalten, innerhalb diesem Unterstützung gefunden zu haben. Nach nur teilweisem früheren Erfolg (Schlacht bei Tannenberg 1440) hatte er nach einem weiteren, 13 Jahre dauerndem Krieg gegen den Orden 1466 nachhaltigen Erfolg. Außer Pommerellen links der Weichsel verlor der Ordensstaat auch flussnahe Gebiete auf der anderen Weichselseite. Er wurde außerdem dem polnischen König zu Treueeid und Heeresfolge verpflichtet. Aus den verlorenen Gebieten wurde Polnisch-Preußen mit Sonderstatus, was z. B. für die dortigen deutsch-geprägten Hansestädte eine ungeahnte Blütezeit brachte.
Herzogtum Preußen
Der Reststaat des Deutschen Ordens versuchte mehrmals, sich von der Unterwerfung unter den polnischen König zu befreien. Von 1519 bis 1521 führte er unter seinem Hochmeister Albrecht von Brandenburg-Ansbach den sogenannten Reiterkrieg. Nach ergebnislosen Kämpfen kam es zu einen Waffenstillstand, und Albrecht besuchte Martin Luther. Danach bekannte er sich zur Lutherischen Kirche, schloss 1525 Frieden mit Polen, indem er seinen Reststaat als vererbbares Lehen von König Sigismund I. von Polen annahm und ihn als lutherisches Herzogtum Preußen säkularisierte.
Nach dem Tod Herzog Albrechts im Jahre 1568 kam dessen fünfzehnjähriger Sohn Albrecht Friedrich an die Regierung. Wegen dessen Geisteskrankheit setzte 1577 der polnische König Stephan Báthory den Ansbacher Hohenzollern Georg Friedrich als Administrator im Herzogtum ein. Ihm folgte 1605 mit Joachim Friedrich erstmals ein Kurfürst von Brandenburg, dann 1608 Kurfürst Johann Sigismund, Albrechts Schwiegersohn, als Administrator.
Personalunion mit Brandenburg
Als Albrecht Friedrich 1618 kinderlos starb, erbte Johann Sigismund das Herzogtum Preußen. Dieser verband das Kurfürstentum Brandenburg und das Herzogtum Preußen zur Personalunion Brandenburg-Preußen. Nun wurde das Herzogtum Preußen auch Brandenburgisches Preußen genannt und bis 1701 oft als Fürstentum bezeichnet (so in Kirchenbüchern vor 1700). Nach kriegerischen Erfolgen von Friedrich Wilhelm (der Große Kurfürst) gegen den schwedischen König verzichtete der Bündnispartner Polen auf die Lehenshoheit über das Herzogtum Preußen (Vertrag von Wehlau 1657). Während dieses Krieges hatte der polnische König, als Brandenburg sich zunächst dem König vom Schweden unterworfen hatte, einen fürchterlichen Rachefeldzug (Tatareneinfall) ins südliche Herzogtum durchgeführt. Infolge des Krieges waren die Kurfürsten von Brandenburg zu europäischen Souveränen geworden, deren Territorien im Gegensatz zu denen anderer Souveräne größtenteils im HRR lagen.
Preußen wird Königreich
Die Souveränität im Herzogtum Preußen nutzte der brandenburgische Kurfürst Friedrich III. (Sohn de Großen Kurfürsten), um sich 1701 in Königsberg als Friedrich I. zum König zu krönen und damit sein Herzogtum zum „Königreich Preußen“ zu erhöhen.
Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts suchte jeder deutsche Fürst es dem französischen Sonnenkönig gleichzutun. Als Ausdruck absolutistischen Machtstrebens genügte es aber nicht, seine Residenz in ein kleines Versailles zu verwandeln, wie es inzwischen außer in Berlin beispielsweise auch in Hannover und in Dresden geschehen war. Als Zauberwort für Macht galt in dieser Zeit der Königstitel. Er versprach Macht sogar, wenn es sich um eine im Ausland erworbene Königskrone handelte. So waren die sächsischen und die hannoverschen Fürsten zugleich Könige in Polen bzw. in England. Der brandenburgische Kurfürst Friedrich III. hingegen erhöhte sich zum König in einem seiner eigenen Länder. Aus seinem Herzogtum Preußen machte er ein Königreich (Königreich Preußen), in dem er die volle Souveränität hatte. Den damit verbundenen Königstitel konnte er in allen seiner Länder tragen, aber alle seine Länder zusammen waren nicht ein brandenburgisches Königreich, denn die meisten davon lagen innerhalb des römisch-deutschen Kaiserreiches, in dessen Innern keine separaten Königreiche geduldet waren. Dieser Schönheitsfehler galt nur gegenüber dem Ausland. Nach innen bildeten alle Länder Friedrichs I. das Königreich Preußen, nicht Königreich Brandenburg. Denn im Vergleich zum Kurfürstentum Brandenburg brachte das kleine Königreich Preußen im Osten, nur das allein offiziell so heißen durfte, den ranghöheren Landesnamen für das Ganze ein. Bald setzte sich allerdings die Abkürzung Preußen für die gesamte Monarchie durch. Als das HRR 1806 aufgelöst wurde und die genannte Beschränkung wegfiel, blieb es auch gegenüber außen bei Preußen.
Ostpreußen während des siebenjährigen Krieges
Während des Siebenjährigen Kriegs (1756–1763) eroberten 1757 russische Truppen das Königreich Preußen. Die dortigen Stände huldigten der russischen Kaiserin Elisabeth. Ihr Nachfolger Peter III. war aber ein „privater Friedrich-Enthusiast“, schied aus dem Krieg aus und gab das Königreich 1762 (Frieden von St. Petersburg) an dessen König Friedrich zurück.
Aufnahme von Polnisch-Preußen in Preußen
Preußen unter Friedrich II. war nun so mächtig, dass er sich 1772 an der Ersten Teilung Polens beteiligen und Polnisch-Preußen annektieren konnte. Er fügte es zusammen mit weiterem Annektierten dem Königreich Preußen zu, gliederte dieses in zwei Verwaltungseinheiten und verfügte für diese die Begriffe Westpreußen für das Annektierte und Ostpreußen für das Bisherige. Erst seit dieser Zeit wird Letzteres als Ostpreußen bezeichnet. Mit Ostpreußen trat die Bezeichnung Königreich Preußen, die zu Verwechslungen mit dem Staat Preußen führen konnte, in den Hintergrund. Von 1824 bis 1878 bildeten beide Teile zusammen im preußischen Staat die Provinz Preußen. Danach waren sie wieder einzeln je eine Provinz.
Ostpreußen in der napoleonischen Zeit
In der napoleonischen Zeit lag Ostpreußen für einige Monate im Zentrum der europäischen Ereignisse. Der Hof war nach den von Preußen verlorenen Schachten bei Jena und Auerstedt gegen Napoleon nach Ostpreußen geflohen. Napoleon, in dessen Hand Preußens Schicksal jetzt vollkommen lag, kam mit seinen Armeen 1807 auch dort an. Die russischen Armeen, gegen die er einen weiteren seiner Eroberungskriege führen wollte, waren ihm bis Ostpreußen entgegenkommen. Es gab zwei Schlachten zwischen ihnen auf ostpreußischem Boden, von denen die zweite mit der russisch-preußischen Niederlage endete. Preußen hatte sich mit dem Zaren verbunden, um der Abhängigkeit von Napoleon etwas entgegenzusetzen. Napoleon ging nach gewonnener Schlacht auf das Friedensangebot des Zaren ein. Im Friedensvertrag von Tilsit setzte sich der Zar aber freimütig über die Preußen gemachten Versprechen hinweg und stimmte Napoleon zu, Preußen auf etwa die Hälfte seines Territoriums zu begrenzen und französisch besetzt zu bleiben. Nur, dass Preußens staatliche Existenz überhaupt bestehen blieb, war dem Zaren zu verdanken.
Als Napoleon 1812 erneut gegen Russland zog, zwang er Preußen, mit ihm gemeinsam in das Nachbarland einzumarschieren. Wieder war Ostpreußen Aufmarschgebiet. Von Ostpreußen ging aber indirekt auch die Befreiung Preußens und Mitteleuropas von der französischen Fremdherrschaft aus. Während des Rückzugs Napoleons von seinem misslungenen Russland-Feldzug vereinbarte der preußische Feldherr Ludwig Yorck von Wartenburg mit dem russischen General Diebitsch in Tauroggen die Trennung des preußischen Hilfskorps von der französischen Armee. Kurz darauf rückte er gemeinsam mit den russischen Truppen gegen Königsberg, Elbing und Marienburg vor, besetzte diese Städte und ermöglichte den russischen Truppen, ganz Ostpreußen zu befreien. Der von York übergangene preußische König verband sich nach anfänglichem Zögern mit Russland. Dass die aus Ostpreußen fliehenden französischen Truppen endgültig geschlagen werden konnten (Völkerschlacht bei Leipzig), gelang aber erst, nachdem Österreich in den Krieg gegen Napoleon eingetreten war.
Ostpreußen im Deutschen Kaiserreich
Der Bundesstaat Deutsches Reich entstand 1871. Bis 1918 war er ein Kaiserreich. In ihm war Preußen das größte (mit etwa zwei Dritteln der Gesamtfläche) der 22 Bundesländer, und Ostpreußen wie bisher eine preußische Provinz.
Ostpreußen im Ersten Weltkrieg
Weil sich Deutschland für bedingungslose Unterstützung Österreichs in dessen Krieg gegen Serbien ausgesprochen hatte, machte Russland, das andererseits Serbien seine Unterstützung versprochen hatte, mobil. Daraufhin erklärte Deutschland Russland den Krieg. Russische Truppen konnten Anfang des Ersten Weltkrieges bereits knapp zwei Drittel Ostpreußens besetzen, doch die deutschen Truppen unter dem herbeigerufenen General Hindenburg gewannen Ende August 1914 die Schlacht bei Tannenberg. Die russischen Truppen zogen sich später zurück (aus Ostpreußen endgültig im März 1915). Ostpreußen war der einzige Teil Deutschlands, in dem Kriegshandlungen (inkl. Kriegsverbrechen an der Bevölkerung) stattfanden – zudem bereits in den ersten Tagen dieses vierjährigen Krieges – und das verheert wurde. Danach entstand auf Grund der erfolgreichen Tannenberg-Schlacht der Hindenburg-Kult, mit dem es den rechten „Feinden der Demokratie gelang, die Abneigung gegen die Weimarer Republik innenpolitisch dauerhaft zu festigen.“
Ostpreußen nach dem Versailler Vertrag
Im Friedensvertrag von Versailles 1919 wurde dem Deutschen Reich und Österreich die alleinige Verantwortung für den Ausbruch des Weltkriegs zugesprochen und beide Länder zu Gebietsabtretungen verpflichtet.
Deutschland verlor den größten Teil von Westpreußen (inkl. Danzig), der direkt benachbarten Provinz Ostpreußens. Damit wurde der 1772 (1. polnische Teilung) für Polen verlorene Ostseezugang wiederhergestellt. Ostpreußen war wie damals wieder vom übrigen Preußen bzw. jetzt vom übrigen Deutschland getrennt. Im Süd- und Westteil Ostpreußens, die Polen (die in Versailles neu gegründete Zweite Polnische Republik) wegen des hohen polnischsprechenden Bevölkerungsanteils beanspruchte, konnte durch Volksabstimmung entschieden werden, ob eine Gebietsabtretung stattfinden wird oder nicht. Die Bevölkerung entschied sich begleitet von “großem nationalen Getöse” mit großer Mehrheit (auch in Gebieten mit hohem polnischsprechenden Anteil) für den Verbleib bei Deutschland.
Der westpreußische Teil rechts der Weichsel bildete das Abstimmungsgebiet Marienwerder und kam nach dem Abstimmungsergebnis für Verbleib in Deutschland zu Ostpreußen.
Ohne Volksabstimmung war u. a. nur der Westteil des Kreises Neidenburg an Polen abzutreten. Hier in Soldau befand sich auf der Strecke zwischen Warschau und Ostsee (Danzig) ein Eisenbahnknotenpunkt, der auf diese Weise sicher polnisch kontrollierbar wurde.
Im Norden war das Memelland von Ostpreußen abzutreten. Es kam unter alliierte Verwaltung, wurde aber 1923 von Litauen annektiert.
Ostpreußen in der Weimarer Republik
Der Versailler Vertrag sicherte in Artikel 89 dem Deutschen Reich die ungehinderte Durchfahrt nach Ostpreußen zu. Dennoch war der Verkehr zwischen dem deutschen Kernland und der Provinz Ostpreußen auf dem Landweg problematisch. Der Bahnverkehr erfolgte mit verplombten Zügen, bei denen in den ersten Jahren die Fenster zugehängt wurden und nicht geöffnet werden durften. Ab Ende der 1920er-Jahre wurden die restriktiven Bestimmungen allmählich gelockert.
Auch der Straßenverkehr, für den feste Transitstraßen ausgewiesen und von Polen Visums- und Straßenbenutzungsgebühren erhoben wurden, war immer wieder beeinträchtigt. 1920 wurde unter Bürgschaft des Deutschen Reiches eine Verbindung auf dem Seeweg zwischen Ostpreußen (Pillau) und dem Kernland (Swinemünde) des Deutschen Reiches eingerichtet. Der Seedienst Ostpreußen bestand bis 1939.
Das Verhältnis zwischen der Weimarer Republik und Polen war generell angespannt. Vor allem in den ersten Jahren kam es entlang der gemeinsamen Grenze auch zu Auseinandersetzungen, teils sogar mit Waffeneinsatz. Die Insellage Ostpreußens wurde parteiübergreifend als ungerecht angesehen. Deutschland ging daher nicht auf das Drängen Polens ein, dessen neue Grenze anzuerkennen.
Ostpreußens Bevölkerung war durch den Wegfall der territorialen Verbindung mit dem westlichen Kernland, seinem hauptsächlichen Absatzgebiet für seine einzigen, den landwirtschaftlichen Produkten, tief verunsichert. Der sogenannte Korridor fiel als Absatzgebiet ebenfalls aus, und die traditionellen Absatzgebiete in Russland waren wegen der Folgen der Oktoberrevolution unerreichbar geworden. Zudem war die Bevölkerung immer noch mit vielen Notständen konfrontiert, die durch die verheerenden Zerstörungen im Ersten Weltkrieg entstanden waren.
Anders als im Westen, konnte die Bevölkerung ihre Hoffnungen nur sehr kurz auf die demokratischen Parteien setzen. Bei den Wahlen zur Weimarer Nationalversammlung siegten diese überlegen mit einer Dreiviertelmehrheit. Die alten Kräfte (vorwiegend die Gutsbesitzer, aber auch die Beamtenelite) hatten sich schon bald reorganisiert und machten Ostpreußen zu einer wichtigen Operationsbasis der konterrevolutionären Kräfte. Der Kapp-Putsch hatte in Preußen den größten Erfolg. Die preußische Regierung in Berlin leitete zwar die Demokratisierung der ostpreußischen Verwaltung ein, erzielte aber bis zum Untergang Preußens 1932/33 (Preußenschlag) nur geringen Erfolg. Ende der 1920er Jahre konnten sich mit der staatlichen Ostpreußenhilfe nur die Gutsbesitzer sanieren, während die breite Mehrheit der Bauern leer ausgingen, und viele Betriebe zwangsversteigert werden mussten. Diese fehlgeplante Hilfe verschärfte die sozialen Konflikte. Die Bauern kehrten nicht nur den schwachen demokratischen Parteien (die ja in Berlin regierten), sondern auch den Deutschnationalen den Rücken und setzten ihre Hoffnungen nun auf Adolf Hitler.
Schon bei der Reichstagswahl 1930 wurde die NSDAP in Ostpreußen mit 24,3 % (Reichsdurchschnitt 18,3 %) die stimmenstärkste Partei aller Wahlkreise in Deutschland.
Ostpreußen im Dritten Reich
Vor Beginn des Zweiten Weltkriegs
Gleich nach dem 30. Januar 1933 (Machtergreifung) zogen auch in Ostpreußen die Parteigänger Hitlers in zahlreiche Ämter ein. Das Monopol der konservativen ostpreußischen Beamtenelite begann zu Gunsten einer Mittelschicht mit NSDAP-Mitgliedschaft zu bröckeln. Die NS-Propaganda hatte vor der Reichstagswahl im März 1933 (die letzte relativ freie Wahl) u. a. bereits versprochen, Ostpreußen aus seiner misslichen Grenzlage zu befreien. Die Hitlerpartei erzielte erneut das reichsweit beste Wahlergebnis, diesmal 56,5 % (Reichsdurchschnitt 43,9 %).
Auch die nationalsozialistische Reichsregierung nahm sich der schlechten wirtschaftlichen Lage Ostpreußens an. Es entstand der sogenannte Ostpreußenplan, eine staatlich koordinierte Investitionskampagne. Diesmal profitierten vorwiegend die Bauern davon. Sie erhielten eine mit festen Abnahmepreisen verbundene Absatzgarantie. Dazu kamen günstige Kredite und Entschuldungsprogramme. Mit Hilfe von Beschäftigungsprogrammen für Arbeitslose und der inzwischen im diktatorischen Staat eingeführten Arbeitsdienstpflicht wurde vor allem in Masuren (Masurische Anbauschlacht) die landwirtschaftliche Anbaufläche durch Entwässerung und Flussbegradigung stark erhöht. Der überall vorgenommene Straßen- und Wegebau kam auch den Bauern zu gute. Der wirtschaftliche Aufschwung machte sich in allen Bevölkerungsschichten bemerkbar (so z. B. auch beim mittelständischen Gewerbe) und zeigte sich in der Verbesserung der Infrastruktur, die wegen erhöhter Steuereinnahmen der Behörden möglich wurde. Der wirtschaftliche Aufschwung vermittelte der Bevölkerung auch ein Gefühl der Stärke. Die während der Weimarer Republik vorhandene Angst vor einer polnischen Besetzung wich, natürlich nicht ohne Unterstützung durch die propagierte nationalsozialistische Ideologie, die aus Ostpreußen ein Bollwerk gegen die Slawen gemacht hatte, und das jetzt eigene Säbelrasseln gegenüber der slawischen Umwelt, u. a. das des ostpreußischen Oberpräsidenten und späteren Gauleiters Erich Koch. Erstes Rassel-Ergebnis war die „Heimkehr“ des Memellandes, dessen Annexion von Litauen unter Kriegsdrohung im März 1939 erfolgte.
Für den Bollwerk-Status gegen die Slawen war es angebracht, das überkommene Antlitz Ostpreußens von litauischen und masurisch-polnischen Spuren zu säubern. Von 1933 bis 1938 wütete die «Taufkrankheit», wie sie Siegfried Lenz nannte, der etwa 1500 historische Ortsnamen zum Opfer fielen und durch deutschklingende ersetzt wurden. Zur Germanisierungspolitik gehörte auch die Eliminierung der polnischen und litauischen Sprache. Am meisten betraf das die Ausübung der Religionen und beendete die besten Traditionen der preußischen Reformation, die Herzog Albrecht einleitete. Dieses Land war seit 1525 dem Gedankengut Luthers verpflichtet, das Evangelium in der Muttersprache zu verkünden. An der Spitze des Bundes Deutscher Osten, der sich in der Germanisierungspolitik besonders hervortat, stand im Ostpreußen der spätere Bonner Minister Theodor Oberländer.
NS-Verbrechen an Teilen der ostpreußischen Bevölkerung
Auch in Ostpreußen begannen die Nationalsozialisten mit ihrer Menschenhatz auf Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten, Demokraten und Christen schon 1933. Sie verlief ähnlich wie überall in Deutschland.
Der erhebliche jüdische Bevölkerungsanteil war besonders stark von den nationalsozialistischen Unterdrückungs- und später von den massenhaften Vernichtungsmaßnahmen (Umsiedlungen in Ghettos, „Vernichtung durch Arbeit“ und den Abtransport in Vernichtungslager) getroffen. Die Juden von Königsberg wurden schon im Januar 1939 ghetto-artig untergebracht. Man zwang sie zum Umzug in sogenannte «Judenhäuser». Die Ausrottung aller Juden Ostpreußens fand aber vorwiegend auch erst während des Krieges statt, ebenso gründlich, grausam und im Verborgenen wie überall. Nachdem die Endlösung der Judenfrage beschlossen war, wurden die meisten Juden Ostpreußens nach Maly Trostinez in die Nähe von Minsk transportiert und dort in einem Wald erschossen.
In Ostpreußen gab es sechs Außenlager des Konzentrationslagers Stutthof, östlich von Danzig. Aus diesen wurden bis zu 7000 jüdische Häftlinge aus dem Baltikum am 26. Januar 1945
von Königsberg aus auf einen winterlichen Gewaltmarsch zur samländischen Ostseeküste und dann am Strand entlang nach Süden gezwungen. Ostpreußen wurde an diesem Tage mit dem Vorrücken der sowjetischen Truppen zum Frischen Haff eingekesselt. Es gab höchstens fünfzehn Überlebende dieses Todesmarsches.
Während des Zweiten Weltkriegs
Am 1. September 1939 begann mit dem Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg. Nach der schnellen Besetzung des Landes wurden neben den 20 Jahre zuvor abgetretenen preußischen Provinzen Westpreußen und Posen weitere Teile Polens annektiert. Noch 1939 wurde dort ein neuer Regierungsbezirk Zichenau gebildet, der der Provinz Ostpreußen zugeordnet wurde. Ferner trat der neue Landkreis Sudauen zur Provinz, während die früher westpreußischen Gebiete um Elbing und Marienwerder an den neuen Reichsgau Danzig-Westpreußen fielen. Die neu an Ostpreußen angegliederten Gebiete waren jedoch ethnisch praktisch rein polnische Gebiete, die auch historisch nie zuvor in engerer Verbindung mit Ostpreußen gestanden hatten (abgesehen von einer kurzen Episode nach den polnischen Teilungen).
Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Ostpreußen von der Roten Armee nach verlustreichen Kämpfen in der Schlacht um Ostpreußen erobert. Die nationalsozialistische Gauleitung unter Gauleiter Erich Koch unterließ die rechtzeitige Evakuierung der Bevölkerung und stellte selbständige Fluchtbewegungen unter schwere Strafe. Ähnlich wie Soldaten „bis zum letzten Mann“ in sinnlosen Stellungs- und Kesselschlachten in den Tod geschickt wurden, anstatt sich geordnet zurückziehen zu dürfen, machten sich die Machthaber somit direkt mitschuldig am Tod von unzähligen deutschen Zivilisten, die hätten gerettet werden können.
Flucht und Evakuierung am Ende des Zweiten Weltkriegs
Als die Front des Zweiten Weltkrieges Ostpreußen erreichte, wurde die Evakuierung durch das Militär und den Staatsapparat zunächst behindert bzw. verhindert (u. a. durch Verordnungen), dann in letzter Minute (Januar 1945) unter denkbar schlechtesten Bedingungen (tiefster Winter, Abschnürung des Landweges) ungeordnet begonnen. Dadurch war ein Großteil der Zivilbevölkerung unmittelbar Kampfhandlungen ausgesetzt.
Ein Teil der Bevölkerung konnte sich auf dem Landweg mit Pferdefuhrwerken (die in Flüchtlingstrecks zogen) nach Westen retten. Aber nachdem die Rote Armee im Laufe der Schlacht um Ostpreußen bei Elbing das Frische Haff erreicht hatte, war der Landweg abgeschnitten. Tausende ertranken bei der Flucht über das Eis zur vermeintlich rettenden Frischen Nehrung, auf welcher der Weg zur Küste in Richtung Danzig führte, oder wurden ohne jegliche Deckung Opfer von Jagdflugzeugen, die gezielt auf die Trecks schossen.
Ein anderer Teil wurde über die Ostsee (vor allem über den Hafen Pillau) evakuiert. Am 21. Januar 1945 leitete Großadmiral Karl Dönitz die Verlegung von Marineangehörigen nach Westen ein (Unternehmen Hannibal), wobei auch tausende von Flüchtlingen mitgenommen wurden. Das dafür benutzte Schiff (Wilhelm Gustloff) und andere, die im Frühjahr 1945 ebenfalls je einige tausend Flüchtlinge mitnahmen (General von Steuben und Goya) wurden von der Sowjetarmee versenkt, wobei jeweils fast alle Passagiere starben.
Insgesamt forderte die Flucht unter Kriegsbedingungen und größtenteils im Winter sehr viele Tote. Es wird geschätzt, dass von den bei Kriegsende etwa 2,4 Millionen Bewohnern Ostpreußens ungefähr 300.000 unter elenden Bedingungen auf der Flucht ums Leben gekommen sind.
Sowjetische Kriegsverbrechen an der deutschen Zivilbevölkerung
Noch anwesende Bewohner, vom Vormarsch der Roten Armee eingeholte Flüchtlinge oder nach dem (teils temporären) Ende der Kampfhandlungen zurückkehrende Bewohner wurden vielfach von sowjetischen Soldaten misshandelt, vergewaltigt und getötet oder zur Zwangsarbeit in der Sowjetunion verschleppt. In diesem Kontext ist beispielsweise das Massaker von Nemmersdorf im Oktober 1944 zu nennen, als erstmals seit August 1914 russische Truppen nach Ostpreußen vorstießen. Alexander Solschenizyn (Ostpreußische Nächte) und Lew Kopelew waren als Angehörige der Roten Armee Augenzeugen und haben später als Dissidenten auf diese und andere sowjetische Kriegsverbrechen (z. B. die Massenerschießungen polnischer Offiziere im Massaker von Katyn) hingewiesen. Die Verantwortlichen wurden im Hinblick auf die weltpolitische Lage weder international noch in der Sowjetunion zur Verantwortung gezogen.
Vertreibung
Die Bewohner Ostpreußens sind 1945–1947 zu über 90 % aus ihrer Heimat in das besetzte Deutschland westlich der Oder-Neiße-Linie vertrieben worden. Im südlichen Teil unterzogen polnische Behörden die verbliebenen Einwohner einer auf ethnischen Kriterien beruhenden „nationalen Verifizierung“. Als „Deutsche“ eingestufte Personen wurden vertrieben, „Autochthone“ – das heißt Angehörige der nach Auffassung der polnischen Behörden angestammten slawischen Bevölkerung – durften bleiben. Ausreichend für die Einstufung als „autochthon“ waren hierbei bereits ein polnisch-klingender Nachname oder masurische oder polnische Sprachkenntnisse innerhalb der Familie. Facharbeitern wurde ebenfalls ein Bleiberecht eingeräumt, um Fabriken wieder besser in Betrieb nehmen zu können.
Bis zum Oktober 1946 waren 70.798 Personen in dieser Form „verifiziert“, d. h. polnische Staatsbürger geworden, 34.353 verblieben „unverifiziert“. Vor allem im Raum Mrągowo (Sensburg) verweigerten viele Einwohner diesen Verifizierungsprozess, im Frühjahr 1946 waren hier von 28.280 Personen 20.580 nicht „verifiziert“, im Oktober verblieben 16.385 Menschen ohne polnische Staatsbürgerschaft. Auch die eingebürgerten „Autochthonen“ wurden aufgrund ihres vorwiegend evangelischen Glaubens und ihrer oft rudimentären Sprachkenntnisse weiterhin als Deutsche betrachtet und Diskriminierungen unterworfen. Im Februar 1949 wurde der ehemalige Chef der stalinistischen Geheimpolizei Urząd Bezpieczeństwa (UB) von Lodz, Mieczysław Moczar, Wojwode von Olsztyn. Es begann eine letzte, von brutaler Folter und Gewalt gekennzeichnete „Verifizierungsaktion“, nach deren Abschluss lediglich noch 166 Masuren nicht „verifiziert“ waren.
Insgesamt verblieben etwa 160.000 Vorkriegseinwohner im südlichen Ostpreußen, deren übergroße Mehrheit das Land in den folgenden Jahrzehnten als Spätaussiedler verließ. Das nördliche Ostpreußen fiel an die Russische Sowjetrepublik und wurde als Oblast Kaliningrad zu einem Militärsperrbezirk („Besonderes Militärgebiet Königsberg“, russ. Kenigsbergskij Osoby Voennyj Okrug). Selbst Sowjetbürger konnten dort nur mit Sondergenehmigung einreisen.
Im nördlichen Teil Ostpreußens war die Lage komplizierter, da im Potsdamer Abkommen keine Absprachen zur Bevölkerung des später geplanten „Kaliningrader Gebietes“ verabredet wurden. Über die Sammellager Deutsch Eylau und Insterburg wurden mehr als 44.000 Deutsche als Reparationsverschleppte nach Sibirien oder in den Ural verbracht. Im Herbst 1945 befanden sich nur noch 146.000 Deutsche in dieser Region (zum Vergleich allein Königsberg hatte 1939 372.000 Einwohner). Erst 1947 konnten Deutsche Kaliningrad nach vorheriger Wegnahme aller deutschen Urkunden mit dem Zug verlassen. Viele Ostpreußen waren auch nach Litauen geflohen. Von dort konnte erst auf Bitten der DDR ab 1951 Transporte aus dem Memelland nach Westen abgehen. Ostpreußen hat unter allen deutschen Ländern durch Flucht und Vertreibung die höchsten Menschenverluste erlitten (allein 311.000 Zivilisten verstarben).
Potsdamer Abkommen
Neuordnung
Im Potsdamer Abkommen vereinbarten die vorerst drei alliierten Großmächte USA, Großbritannien und Sowjetunion vorbehaltlich einer endgültigen Friedensregelung, Ostpreußen zwischen der Volksrepublik Polen und der Sowjetunion aufzuteilen. Das nördliche Gebiet um Königsberg wurde unter sowjetische und das südliche unter polnische Verwaltung gestellt, 1946 wurde es staatsrechtlich der Russischen Sowjetrepublik angegliedert. Ordentliche Verwaltungen begannen daraufhin mit der Errichtung der Oblast Kaliningrad im Norden sowie der Eingliederung der südlichen Gebiete in die Woiwodschaften Gdańsk, Olsztyn und Suwałki. Die Neubesiedlung begann ebenfalls erst 1946: im Norden überwiegend mit Russen aus Zentralrussland und dem Gebiet des heutigen Föderationskreises Wolga sowie mit Weißrussen und Ukrainern, im Süden in erster Linie mit Polen aus Zentralpolen und im Rahmen der Aktion Weichsel mit von der Sowjetunion aus Südostpolen vertriebenen Ukrainern. Die Hauptstadt Königsberg wurde 1946 zu Ehren des sowjetischen Politikers Michail Kalinin in Kaliningrad umbenannt; ebenso wurden sämtliche Orte im sowjetischen „Königsberger Gebiet“ – sofern sie nicht aufgelöst oder zu größeren Einheiten zusammengefasst wurden – umbenannt.
Anerkennung der Abtretung Ostpreußens an die Sowjetunion und Polen
Die Deutsche Demokratische Republik erkannte 1950 die Oder-Neiße-Linie im Görlitzer Vertrag mit der Volksrepublik Polen als „Staatsgrenze zwischen Deutschland und Polen“ und damit die Zugehörigkeit Süd-Ostpreußens an Polen an. Dieser Anerkennung wurde vielfach die völkerrechtsverbindliche Wirkung abgesprochen. Von der Bundesrepublik Deutschland wurde sie auch wegen ihres Alleinvertretungsanspruchs für Gesamtdeutschland und alle Deutschen abgelehnt. Sie verfolgte erst Anfang der 1970er Jahre die Anerkennung der Grenzziehung mit Polen, griff aber im Rahmen seiner „Neuen Ostpolitik“ (→ Ostverträge) unter Bundeskanzler Willy Brandt einem endgültigen Friedensvertrag nicht vor.
Anstatt eines fast ein halbes Jahrhundert lang fehlenden Friedensvertrags wurde im September 1990 der Zwei-plus-Vier-Vertrag abgeschlossen. Unter Beteiligung des nun souveränen Deutschland wurden darin die seit 1945 de facto geltenden Ostgrenzen völkerrechtlich als verbindlich erklärt. Das betrifft alle ehemaligen Ostgebiete des Deutschen Reiches, also auch Ostpreußen in seinen beiden heutigen Teilen.
Nachleben nach 1945
Nach der Verwaltungsreform 1975 wurde das polnische Ostpreußen in neue Woiwodschaften eingeteilt: Elbląg und Olsztyn sowie Teile von Ciechanów und Suwałki. Nach einer erneuten Verwaltungsreform am 1. Januar 1999 in Polen entspricht dieses Gebiet seitdem annähernd der Woiwodschaft Ermland-Masuren mit der Hauptstadt Olsztyn; das frühere Nordostpreußen bildet heute die russische Oblast Kaliningrad mit der Hauptstadt Kaliningrad. Nach der Auflösung der Sowjetunion ist diese Region nun eine Exklave der Russischen Föderation. Manche russische Einwohner nennen die Stadt heute „Kjonigsberg“, „Kenig“ oder „Kenigsberg“. Eine offizielle Rückbenennung (wie bei Sankt Petersburg, Nischni Nowgorod und Twer) wurde 1993 in einer Volksabstimmung abgelehnt.
Einwohnerentwicklung
Verwaltungsgliederung der Provinz Ostpreußen
In der Zeit von 1878 bis 1945 hat sich die territoriale Verwaltungsgliederung innerhalb der überwiegend landwirtschaftlich strukturierten Provinz Ostpreußen nur allmählich verändert. Allerdings sind 1920 und 1939 die Außengrenzen erheblich verändert worden.
Regierungsbezirke
Von 1808 bis 1945 bestanden der Regierungsbezirk Gumbinnen und der Regierungsbezirk Königsberg. 1723–1808 hießen diese Bezirke Kriegs- und Domänenkammer-Departement Preußisch Litauen und Ostpreußen. Aus den südlichen Kreisen dieser Bezirke entstand am 1. November 1905 der neue Regierungsbezirk Allenstein. Der Geograph Hermann Gruber schrieb 1912:
Nach der Einrichtung des Polnischen Korridors wurde der früher westpreußische Regierungsbezirk Marienwerder teilweise, gemeinsam mit einigen Kreisen aus dem ehemaligen Regierungsbezirk Danzig (Elbing und Marienburg) zum 1. Juli 1922 als Regierungsbezirk Westpreußen mit dem Sitz in Marienwerder der Provinz Ostpreußen angegliedert, aber am 26. Oktober 1939 um annektierte, polnische Gebiete erweitert und wieder als Regierungsbezirk Marienwerder dem neuen Reichsgau Danzig-Westpreußen zugeordnet.
Am 26. Oktober 1939 wurde aus anderen polnischen Gebieten der neue Regierungsbezirk Zichenau (Ciechanów) der Provinz Ostpreußen einverleibt. Den nicht förmlich nach Ostpreußen eingegliederten Bezirk Bialystok, der am 1. August 1941 aus den Gebieten der weißrussischen Sowjetrepublik, die bis 1939 zu Polen gehört hatten, gebildet worden war, verwaltete der ostpreußische Oberpräsident und Gauleiter Erich Koch als Chef der Zivilverwaltung faktisch wie ein Reichsgebiet.
Als einziger Regierungspräsident amtierte Friedrich Karl Gramsch in allen drei Regierungsbezirken Ostpreußens.
Stadtkreise
Außer dem bereits 1818 bestehenden Stadtkreis Königsberg i. Pr. entstanden im Laufe der Zeit die folgenden weiteren Stadtkreise: die Städte Tilsit (1896), Insterburg (1901), Allenstein (1910) und Memel (1918) wurden aus ihren Landkreisen ausgegliedert und bildeten eigene Stadtkreise. Das westpreußische Elbing war bereits seit 1874 Stadtkreis und gehörte von 1922 bis 1939 zu Ostpreußen.
Landkreise
1819–1918
1819 Kreis Kreuzburg umbenannt in Kreis Preußisch Eylau
1819 Kreis Zinten umbenannt in Kreis Heiligenbeil
1919–1933
1922 Kreise Ragnit und Tilsit vereinigt zum Kreis Tilsit-Ragnit
1927 Kreis Friedland umbenannt in Kreis Bartenstein (Ostpr.)
1933–1938
1933 Kreis Oletzko umbenannt in Kreis Treuburg
1938 Kreis Darkehmen umbenannt in Kreis Angerapp
1938 Kreis Niederung umbenannt in Kreis Elchniederung
1938 Kreis Pillkallen umbenannt in Kreis Schloßberg (Ostpr.)
1938 Kreis Stallupönen umbenannt in Kreis Ebenrode
1939–1945
1939 Kreis Fischhausen und Landkreis Königsberg vereinigt zum Landkreis Samland
1939 Landkreis Pogegen (Memelgebiet) verteilt auf den Landkreis Tilsit-Ragnit, den Landkreis Heydekrug und eine Gemeinde an den Stadtkreis Tilsit
Einrichtung neuer Landkreise in vorher nie zum Deutschen Reich gehörendem Gebiet
1939 Landkreis Praschnitz (aus poln. Przasnysz)
1939 Landkreis Zichenau (aus poln. Ciechanów)
1941 Landkreis Mackeim (zunächst Makow, aus poln. Maków)
1941 Landkreis Mielau (zunächst Mlawa, aus poln. Mława)
1941 Landkreis Scharfenwiese (zunächst Ostrolenka, aus poln. Ostrołęka)
1941 Landkreis Schröttersburg (zunächst Plock, aus poln. Płock)
1941 Landkreis Plöhnen (zunächst Plonsk, aus poln. Płońsk)
1941 Landkreis Ostenburg (zunächst Pultusk, aus poln. Pułtusk)
1941 Landkreis Sichelberg (zunächst Schirps, aus poln. Sierpc)
1941 Landkreis Sudauen (zunächst Suwalken, aus poln. Suwałki)
Verwaltungsgliederung 1937 und 1945
Politik
Oberpräsidenten
1765 wurde Johann Friedrich von Domhardt Präsident der Gumbinner und Königsberger Kriegs- und Domänenkammern und damit der erste Oberpräsident in Ostpreußen. Ihm folgte 1791 Friedrich Leopold von Schrötter, der 1795 Minister für Ost- und Neu-Ostpreußen wurde. 1814–1824 war Hans Jakob von Auerswald Oberpräsident von Ostpreußen. Unter seinem Nachfolger Theodor von Schön (1824–1842) wurden West- und Ostpreußen zur Provinz Preußen vereinigt. Ihm folgten
1842–1848: Carl Wilhelm von Bötticher
1848–1849: Rudolf von Auerswald
1849–1850: Eduard von Flottwell
1850–1868: Franz August Eichmann
1869–1882: Karl von Horn (1872–1880 Bau des Regierungsgebäudes)
1882–1891: Albrecht von Schlieckmann
1891–1895: Udo zu Stolberg-Wernigerode
1895–1901: Wilhelm von Bismarck
1901–1903: Hugo Samuel von Richthofen
1903–1907: Friedrich von Moltke
1907–1914: Ludwig von Windheim
1914–1916: Adolf Tortilowicz von Batocki-Friebe
1916–1918: Friedrich von Berg
1918–1919: Adolf Tortilowicz von Batocki-Friebe
1919–1920: August Winnig, SPD
1920–1932: Ernst Siehr, DDP
1932–1933: Wilhelm Kutscher, DNVP
1933–1945: Erich Koch, NSDAP
Wahlen zum Provinziallandtag
1925: DNVP/DVP 45,6 % – 40 Sitze | SPD 24,8 % – 22 Sitze | Zentrum 6,9 % – 6 Sitze | KPD 6,9 % – 6 Sitze | WP 4,2 % – 4 Sitze| DVFP 4,2 % – 4 Sitze | DDP 3,6 % – 3 Sitze | VRP 2,4 % – 2 Sitze
1929: DNVP 31,2 % – 27 Sitze | SPD 26,0 % – 23 Sitze | DVP 8,7 % – 8 Sitze | KPD 8,6 % – 8 Sitze | Zentrum 8,1 % – 7 Sitze | NSDAP 4,3 % – 4 Sitze | WP 4,0 % – 4 Sitze | CSVD 3,0 % – 3 Sitze | DDP 2,8 % – 3 Sitze
1933: NSDAP 58,2 % – 51 Sitze | SPD 13,6 % – 12 Sitze | DNVP 12,7 % – 11 Sitze | Zentrum 7,0 % – 7 Sitze | KPD 6,0 % – 6 Sitze
An 100 % fehlende Stimmen = Nicht im Provinziallandtag vertretene Wahlvorschläge.
Landeshauptmänner des Provinziallandtages
1876–1878: Heinrich Rickert
1878–1884: Kurt von Saucken-Tarputschen
1884–1888: Alfred von Gramatzki
1888–1895: Klemens von Stockhausen
1896–1909: Rudolf von Brandt
1909–1916: Friedrich von Berg
1916–1928: Manfred von Brünneck-Bellschwitz
1928–1936: Paul Blunk
1936–1939 (?): Helmuth von Wedelstädt
Wahlen zum Reichstag
Die Provinz bildete für die Wahlen zum Reichstag (Weimarer Republik) den Wahlkreis 1.
Wirtschaft
Landwirtschaft
Bis 1945 war die Wirtschaft Ostpreußens überwiegend agrarisch geprägt. Bodenschätze fehlten nahezu. Aufgrund der geringen Bevölkerungsdichte von gebietsweise nur knapp 50 Menschen je km² (Stand: 1938) war der land- und forstwirtschaftliche Sektor auf den Export seiner Überschüsse angewiesen.
Als fruchtbar galten die Niederungsgebiete zwischen der Nogat und der Memel sowie ein Teil des Baltischen Landrückens, oft mit guten Lehmböden. Andere Gebiete besaßen mitunter nur dürftigen Sandboden. Die Bewässerung über Seen und Flüsse glich den Mangel an Niederschlägen meist aus.
Nachteilig war das verhältnismäßig kühle Klima. So lag z. B. die mittlere Januartemperatur im Südosten bei 5° unter Null. Die Obstblüte begann meist erst Ende Mai, auch das Getreide war spät erntereif. Darum lohnte es sich nicht, zwischen der Ernte des Sommergetreides und der Aussaat des Wintergetreides noch eine Zwischenfrucht zu pflanzen. Haupterzeugnisse waren Roggen und Kartoffeln. Schwach ausgebildet waren der Anbau von Flachs (Königsberg, Insterburg, Allenstein) und Tabak (Elbing).
Profitabel war die Viehwirtschaft, so die extensive Rinderzucht und damit verbunden die Herstellung von Molkereiprodukten in der Region um Tilsit. Im Süden Ostpreußens verlegte man sich indes auf die reine Fleischproduktion, mit der Aufzucht von „Magervieh“ (Mastvieh), Schafen und Gänsen. Hinzu kam die Pferdezucht, wobei sich das Hauptgestüt Trakehnen einen internationalen Ruf erwarb.
Die Forstwirtschaft profitierte von den üppigen Laubholzbeständen im Gebiet der Seenplatte; von Bedeutung waren ebenso die Kiefernwälder im Raum Rominten-Johannisburg.
Industrie
Der Bernstein zählte zu den wenigen Bodenschätzen Ostpreußens, gab aber nur einigen tausend Menschen Arbeit. Er wurde im Tagebau bei Palmnicken gewonnen und in der Manufaktur in Königsberg verarbeitet. Das Fehlen von Steinkohle als Energieträger behinderte den Aufbau einer nennenswerten Industrie. Das geringe Gefälle der Tieflandflüsse machte auch die Nutzung der Wasserkraft nahezu unmöglich. Darum beschränkte sich das Gewerbe fast ausschließlich auf die Verarbeitung der land- und forstwirtschaftlichen Rohzeugnisse in Mühlen, Brennereien, Stärkefabriken und Sägewerken. Zwei Ausnahmen waren der Lokomotivenbau in Elbing und der Waggon-, Lokomotiven- und Schiffsbau in Königsberg.
Hinderlich war das unzureichende Verkehrswegenetz. Die bis zu vier Monate vereisten Flüsse konnten nur von Fahrzeugen bis zu 400 Tonnen genutzt werden, der Oberländische Kanal verkraftete gar nur Kähne bis maximal 100 Tonnen. Den Meereszugang behinderte zudem die verhältnismäßig starke Dünenbildung an der Küste.
Bekannte Ostpreußen
Als bekannte Ostpreußen gelten prominente Personen, die in Ostpreußen geboren und aufgewachsen sind. Dazu gehören:
Lovis Corinth (1858–1925), Maler
Otto von Corvin (1812–1886), Schriftsteller
Marion Gräfin Dönhoff (1909–2002), Publizistin
Johann Georg Hamann (1730–1788), christlicher Philosoph und Schriftsteller
Johann Gottfried Herder (1744–1803), Dichter, Theologe, Philosoph
David Hilbert (1862–1943), Mathematiker
E. T. A. Hoffmann (1776–1822), Schriftsteller, Komponist und Musiker
Ingo Insterburg (1934–2018), Komödiant und Musiker
Immanuel Kant (1724–1804), Philosoph
Käthe Kollwitz (1867–1945), Künstlerin
Eberhard von Kuenheim (* 1928), Manager und ehemaliger Vorstandsvorsitzender der BMW AG
Udo Lattek (1935–2015), Fußballtrainer und Journalist
Veruschka Gräfin von Lehndorff (* 1939), Künstlerin
Siegfried Lenz (1926–2014), Schriftsteller
Albert Lieven (1906–1971), Schauspieler
Wolf von Lojewski (* 1937), Fernseh-Journalist
Siegfried Maruhn (1923–2011), Journalist und Autor
Erich Mendelsohn (1887–1953), Architekt
Agnes Miegel (1879–1964), Schriftstellerin
Armin Mueller-Stahl (* 1930), Schauspieler
Hagen Mueller-Stahl (1926–2019), Theaterregisseur, Filmregisseur und Schauspieler
Oskar Negt (* 1934), Soziologe
Manfred Scheffner (1939–2019), Jazz-Diskograph
Heinz Sielmann (1917–2006), Tierfilmer
Arnold Sommerfeld (1868–1951), Mathematiker und Physiker
Georg Sterzinsky (1936–2011), römisch-katholischer Erzbischof von Berlin
Heinrich August Winkler (* 1938), Historiker
Bekannte politische Personen
Hannah Arendt (1906–1975), politische Theoretikerin, verbrachte ihre Jugend hier
Rainer Barzel (1924–2006), Politiker (CDU)
Otto Braun (1872–1955), preußischer Ministerpräsident (SPD)
Herbert Ehrenberg (1926–2018), Politiker (SPD)
Hugo Haase (1863–1919), Politiker (SPD)
Leah Rabin (1928–2000), israelische Politikerin
George Turner (* 1935), Wissenschaftspolitiker, Berliner Senator
Hans-Jürgen Wischnewski (1922–2005), Politiker
Nobelpreisträger
Otto Wallach (1910, Chemie)
Wilhelm Wien (1911, Physik)
Fritz Albert Lipmann (1953, Medizin)
Sprache
Die ostniederdeutschen und ostmitteldeutschen Dialekte, die in Ostpreußen gesprochen wurden, werden im Preußischen Wörterbuch erfasst und beschrieben.
Das von den Prußen gesprochene, baltische Altpreußisch war im 17. Jahrhundert ausgestorben.
Im Jahr 1925 gaben 97,2 % der Einwohner Deutsch, 1,8 % Masurisch, 0,9 % Polnisch und 0,1 % Litauisch als Muttersprache an. Auf den Nehrungen wurde unter Fischern Nehrungskurisch gesprochen.
Eigenart
Siehe auch
Ermland
Große Pest (Preußen)
Liste der Provinzen Preußens
Liste der Gymnasien in Ostpreußen
Liste der Landkreise in Ostpreußen
Liste der Städte in Ostpreußen
Masuren
Preußisch Litauen
Naturereignisse und Unglücke in Ostpreußen
Museen und Archive
Bildarchiv Ostpreußen
Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz
Kulturzentrum Ostpreußen
Landsmannschaft Ostpreußen
Ostpreußisches Landesmuseum
Literatur
Vollständige und neueste Erdbeschreibung der Preußischen Monarchie und des Freistaates Krakau, bearbeitet von G. Hussel. Weimar 1819, S. 531–568.
Hartmut Boockmann: Ostpreußen und Westpreußen. In: Deutsche Geschichte im Osten Europas. Siedler, Berlin 1992, ISBN 3-88680-212-4.
Königl. Statistisches Bureau (Hrsg.): Vorläufige Ergebnisse der Volkszählung vom 1. Dezember 1890 im Königreiche Preußen sowie in den Fürstenthümern Waldeck und Pyrmont, Berlin 1891, S. 1–4 (Google Books).
Richard Jepsen Dethlefsen: Das schöne Ostpreußen. R. Piper, München 1916. ()
Wilhelm Gaerte: Urgeschichte Ostpreußens. Königsberg 1929
Yorck Deutschler: Die Aestii – Bezeichnung für die heutigen Esten Estlands oder die untergegangenen Pruzzen Ostpreußens. In: Die Singende Revolution – Chronik der Estnischen Freiheitsbewegung (1987–1991). Ingelheim, März 1998/Juni 2000, ISBN 3-88758-077-X, S. 196–198.
Rüdiger Döhler: Ostpreußen nach dem Ersten Weltkrieg. Einst und Jetzt, Bd. 54 (2009), S. 219–235.
Andreas Ehrhard (Fotos), Bernhard Pollmann (Text): Ostpreußen. Bruckmann, München 2004, ISBN 3-7654-3877-4. (Länderporträt, aktuelle Bilder aus dem ehemaligen Ostpreußen)
Klaus von der Groeben: Das Land Ostpreußen. Selbsterhaltung, Selbstgestaltung, Selbstverwaltung 1750 bis 1945. Lorenz-von-Stein-Institut für Verwaltungswissenschaften an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel 1993. (Quellen zur Verwaltungsgeschichte Nr. 7)
Klaus von der Groeben: Verwaltung und Politik 1918–1933 am Beispiel Ostpreußens. Kiel 1998.
Emil Johannes Guttzeit: Ostpreußen in 1440 Bildern. Geschichtliche Darstellungen. Leer 1972–1984, Rheda-Wiedenbrück/Gütersloh 2001, Würzburg 2001, Augsburg 2006.
Emil Johannes Guttzeit: Ostpreußische Städtewappen. Hrsg.: Landsmannschaft Ostpreußen, Abt. Kultur, Waiblingen 1981.
August Karl von Holsche: Geographie und Statistik von West- Süd- und Neu- Ostpreußen. Nebst einer kurzen Geschichte des Königreichs Polen bis zu dessen Zertheilung. 2 Bände. Berlin 1800 und 1804. (online in der Kujawsko-Pomorska Digitalen Bibliothek)
Andreas Kossert: Ostpreußen. Geschichte und Mythos. Siedler, München 2005, ISBN 3-88680-808-4 bzw. 1. Auflage, Pantheon, München 2008, ISBN 978-3-570-55020-5.
Andreas Kossert, Jörn Barfod, Arnold Bartetzky, Hans J. Bömelburg, Józef Borzyszkowski, Bertram Faensen, Jörg Hackmann, Christoph Hinkelmann, Malgorzata Jackiewicz-Garniec, Gennadij Kretinin, Heinrich Lange, Ruth Leiserowitz, Peter Letkemann, Marc Löwener, Janusz Maek, Angelika Marsch, Martynas Purvinas, Milo ezník, Rainer Slotta, Heiko Stern: Kulturlandschaft Ost- und Westpreußen. Deutsches Kulturforum östliches Europa e. V., 1. Auflage, 2005, ISBN 3-936168-19-9.
Adam Kraft, Rudolf Naujok: Ostpreußen – Mit Westpreußen / Danzig und Memel. Ein Bildwerk der unvergessenen Heimat mit 220 Aufnahmen. 5. Auflage, Adam Kraft Verlag, Mannheim 1978, ISBN 3-8083-1022-7.
Hans Kramer: Elchwald. Der Elchwald als Quell und Hort ostpreußischer Jagd. 2. Auflage. Jagd- und Kulturverlag, Sulzberg im Allgäu 1985, ISBN 3-925456-00-7 (dritter Teil der so genannten „Ostpreußen-Trilogie“).
Dietrich Lange: Geographisches Ortsregister Ostpreußen. Einschließlich des Memelgebiets, des Soldauer Gebiets und des Regierungsbezirks Westpreußen (1919–1939). Slices Of Life-Verlag, Königslutter 2005, ISBN 3-934652-49-2.
Ruth Leiserowitz: Sabbatleuchter und Kriegerverein: Juden in der ostpreußisch-litauischen Grenzregion 1812–1942. Fibre Verlag, Osnabrück 2010, ISBN 978-3-938400-59-3.
Klaus-Jürgen Liedtke: Die versunkene Welt. Ein ostpreußisches Dorf in Erzählungen der Leute. Eichborn, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-8218-6215-6.
Freya Klier: Wir letzten Kinder Ostpreußens: Zeugen einer vergessenen Generation, Verlag Herder, Freiburg 2014, ISBN 978-3-451-30704-1.
Herbert Ludwig: Studienfahrten und Erlebnisse in Ostpreußen. Deutsche Corpszeitung, 46. Jg. (1930), S. 353–361; 47. Jg. (1930), S. 6–8.
Fritz Mielert: Ostpreußen. Nebst dem Memelgebiet und der Freien Stadt Danzig. In: Monographien zur Erdkunde, Bd. 35. Velhagen & Klasing, Bielefeld 1926 (Nachdruck: Bechtermünz, Augsburg 1999, ISBN 3-8289-0272-3).
Ernst Opgenoorth (Hrsg.): Handbuch der Geschichte Ost- und Westpreußens. Herausgegeben im Auftrag der Historischen Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung. Institut Nordostdeutsches Kulturwerk, Lüneburg.
Bd. 2, Teilband 1: Von der Teilung bis zum Schwedisch-Polnischen Krieg. 1994.
Bd. 2, Teilband 2: Vom Schwedisch-Polnischen Krieg bis zur Reformzeit, 1655–1807. 1996.
Bd. 3: Von der Reformzeit bis zum Vertrag von Versailles 1807–1918. 1998.
Bd. 4: Vom Vertrag von Versailles bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges 1918–1945. 1997.
Humor aus Ostpreußen, Anthologie, Verlag Rautenberg, Würzburg 2003, unveränderte Neuausgabe, ISBN 978-3-8003-3073-7.
Christian Papendick: Der Norden Ostpreußens. Land zwischen Zerfall und Hoffnung. Eine Bilddokumentation 1992–2008. Husum Verlag, Husum 2009, ISBN 978-3-89876-232-8.
Jan Przypkowski (Hrsg.): Ostpreussen – Dokumentation einer historischen Provinz. Die photographische Sammlung des Provinzialdenkmalamtes in Königsberg. Warschau 2006, ISBN 83-89101-44-0.
Christian Saehrendt: Der Horror vacui der Demographie: 100 Jahre Abwanderung aus dem deutschen Osten. In: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte, 35, 2007, S. 237–250.
Klaus Schwabe (Hrsg.): Die preußischen Oberpräsidenten 1815–1945 (= Deutsche Führungsschichten in der Neuzeit. Bd. 15 = Büdinger Forschungen zur Sozialgeschichte. 1981). Boldt, Boppard am Rhein 1985, ISBN 3-7646-1857-4.
Robert Traba: Ostpreußen – die Konstruktion einer deutschen Provinz. Eine Studie zur regionalen und nationalen Identität 1914–1933, aus dem Polnischen von Peter Oliver Loew. Fibre Verlag, Osnabrück 2010, ISBN 978-3-938400-52-4.
George Turner: Die Heimat nehmen wir mit. Ein Beitrag zur Auswanderung Salzburger Protestanten im Jahr 1732, ihrer Ansiedlung in Ostpreußen und der Vertreibung 1944/45 am Beispiel der Familie Hofer. 3., überarbeitete und erweiterte Aufl. Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-8305-1900-3.
Hermann Pölking: Ostpreußen – Biographie einer Provinz. Be.bra-Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-89809-094-0.
Johann Friedrich Goldbeck: Vollständige Topographie des Königreichs Preußen. Teil I: Topographie von Ostpreußen. Königsberg/Leipzig 1785, Nachdruck Hamburg 1990 (Google Books).
Otto Wiechert: Heimatatlas für Ostpreußen. Verlag List und von Bressensdorf, Leipzig 1926. Neuauflage Weltbild 2011, ISBN 978-3-8289-0908-3.
Altpreußische Biographie. Hgg. im Auftrag der Historischen Kommission für Ost- und Westpreussische Landesforschung von Klaus Bürger. Zu Ende geführt in Zusammenarbeit mit Joachim Artz von Bernhart Jähnig. Elwert, Marburg 1936 ff. 2 Bde. (1936–1967), 3 Ergänzungsbände erschienen (Stand 2015).
Richard Lakowski: Ostpreußen 1944/45. Krieg im Nordosten des Deutschen Reiches. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2016, ISBN 978-3-506-78574-9.
Kurt Dieckert / Horst Grossmann: Der Kampf um Ostpreussen. München 1960, ISBN 3-87943-436-0.
Heinz Schön: Ostpreußen 1944/45 in Bildern, Endkampf – Flucht – Vertreibung. Kiel 2007, ISBN 978-3-88741-089-6.
Ludger Tewes: Die Panzergrenadierdivision „Grossdeutschland“ im Feldzug gegen die Sowjetunion 1942 bis 1945. Essen 2020, ISBN 978-3-8375-2089-7, S. 513–726 (Schlacht, Kämpfe und Rückzüge von Jan. bis April 1945 in Ostpreußen dazu 8 farbige Lagekarten vom Zentrum für Militär- und Sozialgeschichte der Bundeswehr in Potsdam).
Christian Graf von Krockow: Begegnung mit Ostpreußen, dtv, 1995.
Weblinks
Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten in der Erinnerungskultur (Konrad-Adenauer-Stiftung) (PDF; 522 kB)
ostpreussen.net
Fotos von Ostpreußen (Bildarchiv Ostpreußen)
Städtewappen Ostpreußens
Provinz Ostpreußen (mit alten Ansichtskarten)
Landeshauptmänner Ostpreußens
Anmerkungen
Einzelnachweise
Exklave
Preußische Provinz
Historisches Territorium (Deutschland)
Vertreibung von Deutschen (20. Jahrhundert)
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Q103801
| 210.592861 |
4448
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https://de.wikipedia.org/wiki/System
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System
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Als System (altgriechisch sýstēma „aus mehreren Einzelteilen zusammengesetztes Ganzes“) wird etwas bezeichnet, dessen Struktur aus verschiedenen Komponenten mit unterschiedlichen Eigenschaften besteht, die aufgrund bestimmter geordneter und funktionaler Beziehungen untereinander als gemeinsames Ganzes betrachtet werden (können) und so von anderem abgrenzbar sind.
Es gibt keine einheitliche Definition des Begriffs, da die Bedeutungszuweisung je nach Fachgebiet sehr unterschiedlich ist. Demnach ist auch der vorhergehende Satz eine Abstraktion im Sinne eines größten gemeinsamen Nenners.
Folgende Konkretisierungen der einzelnen Parameter sind möglich:
Jedes System erfüllt zielgerichtet einen bestimmten Zweck und hat dazu mindestens eine besondere Eigenschaft, die nicht in seinen Teilen enthalten ist, sondern erst durch deren Kombination entsteht. Bei technischen Systemen ist dieser Zweck offensichtlich. Bei biologischen Systemen ist dieser Zweck die Vervielfältigung der Gene. Funktionen, die diesem Zweck dienen, sind bspw. die Aufrechterhaltung eines stabilen Zustandes (Homöostase), Selbsterhaltung und Fortpflanzung.
Die räumliche und/oder zeitliche Grenze eines Systems kann durch seine Körperlichkeit oder bestimmte Kräfte physisch beschrieben werden (reale / materielle / konkrete Systeme) – oder rein gedanklich konstruierter, zweckdienlicher Natur sein (ideelle / immaterielle / theoretische Systeme).
Die Komponenten (Elemente, Teile) eines Systems werden dadurch bestimmt, dass sie voneinander abgrenzbare, unterschiedliche Funktionen oder Aufgaben im System erfüllen. Im Grunde kann jeder beliebige reale (Planet, Baum, Organ, Bauteil u. v. m.) oder gedachte Gegenstand (Laute, Gebärden, Zeichen, Symbol u. v. m.) Teil eines Systems sein. Ein System kann Teilsysteme (Subsysteme) enthalten und selbst Teil eines umfassenderen Systems (Supersystem) sein. Die Art der Komponenten, ihre Ordnung und Organisation bestimmt das räumliche Erscheinungsbild des Systems.
Die (reale oder konstruierte) Ordnung innerhalb von Systemen beruht auf Gesetzmäßigkeiten, die im Zusammenspiel der Verhaltensmöglichkeiten bestimmte Muster ergeben. In einfachen Systemen ist dies grundsätzlich vorhersagbar (sofern alle Parameter bekannt sind). Diese Strukturregeln bestimmen den Komplexitätsgrad des Systems. Komplexe Systemen sind hingegen aufgrund mehr oder weniger chaotischer Prozesse unvorhersagbar.
Werden Teile entfernt oder hinzugefügt, verändert sich das System.
Die Beziehungen zwischen den Komponenten ist informationeller, materieller und/oder energetischer Natur und wirkt als Wechselwirkung, Beeinflussung und/oder Verknüpfung. Der Grad und/oder die Herstellung oder Erweiterung von Beziehungen wird Vernetzung genannt. Die Kybernetik untersucht die Beziehungen und Mechanismen zwischen Systemkomponenten.
Systemtypen können etwa wie folgt untergliedert werden:
Alle natürlichen Systeme sind reale Systeme, die ohne gezielten anthropogenen Einfluss entstanden sind und die sich (autopoietisch) selbst erhalten (Beispiele: Quantensystem, Atom, Molekül, Biologisches System, Zelle, Organsystem, Psyche, Ökosystem, Planetensystem).
Künstliche Systeme sind Systeme, die vom Menschen erdacht und konstruiert wurden. Sie können materieller oder immaterieller Natur sein; vereinen jedoch häufig beides. Man unterscheidet (reale) technische Systeme (Beispiele: Werkzeug, Maschine, Computer bis hin zu ganzen Anlagen), Soziale Systeme (Beispiele: Arbeitswelt, Soziale Gruppen, Familien, Ethnien, Organisationen) und soziotechnische Systeme (Beispiele: Arbeitssysteme, Informationssysteme, Internet).
Eine Mischung aus natürlichen und künstlichen realen Systemen stellen biotechnische Systeme (Beispiele: Viehzucht, Kläranlage, Kunstherz) und sozioökologische Systeme dar (Beispiele: Kulturlandschaft, Bergbaufolgelandschaft).
Materielle Systeme werden je nach Art des Austausches mit ihrer Umgebung in offene-, geschlossene- und abgeschlossene Systeme unterteilt. Abgeschlossene und geschlossene Systeme kommen in der Realität praktisch nicht vor, ihre Modellierung ist aber bei der Untersuchung von sehr komplexen Systemen notwendig. Die Systemtheorie untersucht die Strukturen und Abläufe grundverschiedener materieller Systeme.
Immaterielle oder formale Systeme sind ausschließlich künstlich geschaffene, gedankliche Systeme, die ohne „Anstoß“ durch den Menschen keine eigene Dynamik entfalten und deren Existenz von materiellen Systemen abhängt (Beispiele: Begriffssystem, Koordinatensystem, Axiomensystem, Modell, Theorie).
In unterschiedlichen Fachgebieten werden spezifische Begriffsverwendungen vorgeschlagen, diskutiert und angewendet.
Viele Systeme haben völlig andersartige Eigenschaften als die Komponenten, aus denen sie bestehen. Wenn sich diese neuen Qualitäten nicht allein aus dem funktionalen Zusammenwirken der Teile – „von unten“ betrachtet – erklären beziehungsweise vorausberechnen lassen, handelt es sich um emergente Eigenschaften.
Sofern keine Beziehungen der genannten Art zwischen den Teilen eines Ganzen bestehen, handelt es sich nicht um ein System, sondern um bloße Mengen, Haufen oder Stoffgemische; auch wenn die konstruierte Anordnung der Teile einer bestimmten Systematik unterliegt und als „System“ bezeichnet wird (Beispiele: biologische Systematik, Periodensystem der Elemente).
Begriffs- und Ideengeschichte
Antike
Die griechischen Ausdrücke σύστημα, σύσταμα, σύστεμα fanden Gebrauch als „Oberbegriff für alle verbandlichen Organisationen, die öffentlichen Gemeinwesen mit eingeschlossen“.
Darüber hinaus wird σύστημα gebraucht
im Bereich der Medizin, z. B. für ein „System“ von Pulsschlägen
im Bereich der Musiktheorie, z. B. für ein „System“ von Intervallen
im Bereich der Literaturtheorie, z. B. in der Bedeutung einer „Komposition“
An den musiktheoretischen Gebrauch knüpft Platon in seinem späten Dialog Philebos an. Er spricht von den vielen „Verbindungen“, welche aus den „Zwischenräumen“ der Töne entstehen und von ebenfalls in Zahlen messbaren „ähnlichen Verhältnissen“ in den Bewegungen des Leibes; zugleich müsse man dabei bedenken, was darin „Eines und Vieles“ ist; durch dieseart Überlegung gelange man zur „Einsicht“, die wegen der Unendlichkeit jedes Begriffs und Dinges aber nie abschließbar sei.
Der pseudo-platonische Dialog Epinomis bezieht den Terminus σύστημα auf die Zahlen, mit welchen die Gesetze der Sternbahnen erfassbar sind.
Neuzeit
Seit dem 16. Jahrhundert wird der Systembegriff in verschiedenen Zusammenhängen verwendet, so z. B. bezogen auf die Sphäre der Politik zuerst durch Thomas Hobbes im Sinne einer political entity.
Vergleichbare Systemeigenschaften
Unter den Systemeigenschaften versteht man einen Satz von Eigenschaften, die für ein System charakteristisch sind. Sie ergeben sich zum einen aus den Eigenschaften der Elemente des Systems und zum anderen aus der Systemstruktur, also ihren Beziehungen untereinander.
Die im Folgenden näher beschriebenen Systemeigenschaften werden herangezogen, um unterschiedliche Systeme zu beschreiben, zu klassifizieren und miteinander zu vergleichen.
Struktur, Ordnung und Organisation
Insbesondere bei der Untersuchung der Komplexität von Systemen in den Systemwissenschaften, ist eine korrekte Begriffsverwendung wichtig. Häufig werden die Begriffe Struktur, Ordnung und Organisation unscharf abgegrenzt, synonym genutzt oder verweisen aufeinander (vgl. Tautologie (Sprache)), sodass die Verifizierbarkeit der Aussagen und damit ihre Plausibilität und ihr Stellenwert in Frage stehen. Demgegenüber können sie wie folgt definiert werden:
Struktur bezeichnet den inneren Aufbau eines Systems; die Art und Weise, wie die Systemkomponenten „räumlich“ und „materiell“ (strukturell) miteinander verbunden sind. Die Betrachtung der Struktur allein lässt keine Rückschlüsse über die Komplexität der Verknüpfungen oder funktionale Zusammenhänge zu. Dafür ist eine Bewertung der Ordnung und Organisation einer Struktur und ihrer jeweiligen Ausprägung notwendig.
Ordnung steht für die Art und Weise der Beziehungen zwischen den Systemkomponenten einschließlich der Regeln und Gesetzmäßigkeiten, nach denen sie Informationen austauschen. Die Betrachtung der Ordnung eines Systems bzw. einer Struktur zielt eher auf einen Zustand und auf quantitative Aussagen: So bezieht sich der Ordnungsgrad auf die Anzahl der möglichen Beziehungen und nicht auf ihre Wirksamkeit.
Organisation umfasst die Funktionalität der Ordnung: die Wirkungsweise des Informationsaustausches und die Aufrechterhaltung der Funktionszusammenhänge. Die Betrachtung der Organisation eines Systems bzw. einer Struktur zielt eher auf Vorgänge und auf qualitative Aussagen: So bezieht sich der Organisationsgrad auf die Zweckdienlichkeit der bestehenden Beziehungen, nicht auf Art und Zahl ihrer Regeln und Selbstorganisation ist der systemimmanente Prozess des Ordnens.
Komplexitätsgrad
Komplexe Systeme sind gekennzeichnet durch die Art und Zahl der Elemente – als Voraussetzung für Komplexität, sowie Art, Stärke, Zahl und Dichte der Wechselbeziehungen dazwischen – als entscheidende Faktoren der Komplexität. Sie wird bestimmt durch die Anzahl der Elemente sowie die Anzahl und die Art der Beziehungen. Man unterscheidet zwischen struktureller Komplexität (Quotient aus Anzahl der Relationen und Elemente; Komplexitätsmaß = K =nr / ne) und zeitlicher Komplexität. Das heißt die Anzahl der möglichen Zustände, die das System in einer Zeitspanne annehmen kann.
Beschreibung der Extrema:
Zwischen einfachen und komplexen Systemen sind alle Ausprägungsgrade der Extrema möglich.
Die Komplexität eines Systems hängt von der Definition der Systemgrenzen, von der Zahl der als relevant erachteten Elemente und von den als relevant betrachteten Wechselbeziehungen (Interdependenzen) ab. Viele komplexe Systeme weisen eine hierarchieähnliche Gliederung auf: Je näher (zeitlich und/oder räumlich) man herantritt, umso mehr Details werden sichtbar. Dabei können unabhängig vom Maßstab immer wieder dieselben Strukturen auftreten. In diesem Fall liegt keine Hierarchie vor, sondern Selbstähnlichkeit. Selbstähnlichkeit ist in der Biologie weniger bei Strukturen (siehe aber Blumenkohl) als bei Grundprinzipien zu finden, z. B. gelten die Regeln der Evolution (Überproduktion – Variation – Selektion) auf allen Struktur- und Zeitebenen.
Eine wesentliche Folge höherer Komplexität ist zudem die „Sprunghaftigkeit“ und Unvorhersagbarkeit der Entwicklung bis hin zu chaotischen Abläufen. Vor diesem Hintergrund werden komplexe nichtlineare Systeme von vorhersagbaren, einfachen, linearen Systemen unterschieden.
Stabilität
Abhängig von der Art der Störung besitzen Systeme Schutzmechanismen, um ihre Funktionen in gewissen Grenzen aufrechtzuerhalten. Je komplexer ein System, desto größer ist seine innere Wandlungsfähigkeit und seine Anfälligkeit gegenüber äußeren Einflüssen. Demgegenüber steht jedoch auch eine gewisse Beibehaltung des typischen Systemcharakters, die seine „Identität“ und Wiedererkennbarkeit gewährleistet, selbst wenn immer wieder Teile ausgetauscht werden. Sie sorgt für eine regelbare Entwicklung „im Sinne des Systems“ und bestimmt seine Belastbarkeit bzw. Stabilität.
Betrachtungen der Reaktion eines Systems auf der Makroebene im stationären Zustand auf Störungen von außen
Betrachtung der Elemente auf der Mikroebene
Bei stabilen Systemen ändert sich die Struktur des Systems nicht. Zahl, Art und Wechselwirkung der Elemente bleiben konstant. Bei instabilen Systemen genügen geringe Änderungen der Systembedingungen, um eine Änderung der Struktur herbeizuführen. Diese können sowohl von außen als auch durch innere Eigendynamik hervorgerufen werden.
Mit zunehmender Komplexität geht die Austauschbarkeit der Elemente und damit die strukturelle Stabilität verloren. Wird bei hochkomplexen Systemen ein Element gegen ein anderes ausgetauscht, das nicht mehr dieselben Eigenschaften hat, kann sich das Gesamtverhalten des Systems verändern (Beispiel: Organtransplantation).
Welche Stabilität eines Systems festgestellt wird, hängt vom festgelegten Zeitmaßstab und dem Beobachtungszeitraum ab sowie von der Definition der Störung: Manche stabilen Systeme gehen bei genügend starken Störungen in instabile Zustände über (Beispiel: Aktivierung chemischer Reaktionen). Alle Systeme können bei starken Störungen zerstört werden.
Abhängigkeit der Zuordnung von Systemgrenzen
Die Zuordnung zu einer der Stabilitätskategorien hängt auch von der Definition der Systemgrenzen ab:
Beispiel System Kugel / Schüssel
Bei Störung, d. h. Anstoßen der Kugel, rollt die Kugel wieder in ihre Ausgangslage zurück. Ein zu starker Stoß befördert die Kugel aus der Schüssel heraus, die Kugel fällt zu Boden. Damit ist das ursprüngliche System zerstört. Wird aber das System Kugel/Schüssel/Boden betrachtet, ist die Kugel in der Schüssel nur in einem metastabilen Zustand, da sie am Boden einen stabileren Zustand einnimmt.
Liegt die Kugel auf einer umgekehrten Schüssel (labiles System), führt jede Störung auch zur Zerstörung. Wird aber das System umgekehrte Schüssel/Kugel/Boden betrachtet, führt jede Störung zu einem neuen Zustand.
Beispiel Balkenpendel
Hier kann das System je nach dem Lageverhältnis Schwerpunkt zu Drehpunkt drei verschiedene Zustände einnehmen, die sich gegenüber Störungen unterschiedlich verhalten: exzentrische Anordnung: Es gibt genau einen stabilen Zustand, alle anderen Zustände sind instabil. Für ein anderes Pendelsystem mit zentrischer Lagerung (Drehpunkt und Schwerpunkt fallen zusammen) gibt es unendlich viele Möglichkeiten der Ausrichtung des Balkens, die aber alle instabil sind.
Dynamik
Manche Systeme verändern sich im Laufe der Zeit. Diese Dynamik weist bestimmte Entwicklungsmuster auf. Bei einfachen Systemen ist dies etwa nur der Verschleiß, der die Funktionalität verschlechtert, bei komplexen Systemen etwa periodische Schwankungen oder langfristige Wachstumsprozesse verschiedenster Art.
Statische Systeme zeigen ohne Einflüsse von außen sowohl auf der Makroebene als auch auf der Mikroebene keine Veränderungen (Beispiel: ruhendes Pendel).
Dynamische Systeme sind auf der Mikroebene dauernden Veränderungen unterworfen, können aber zumindest zeitweise auf der Makroebene einen stationären Zustand einnehmen (Beispiele: chemische Gleichgewichtsreaktion, Ökosystem Wald).
Ob ein System als statisch oder dynamisch betrachtet wird, hängt ab vom Zeitmaßstab und von der Zeitdauer der Beobachtung. Dies wird deutlich bei Systemen im Gleichgewicht, die aber um ihre Gleichgewichtslage schwanken:
Ist der Beobachtungszeitraum zu kurz, so kann nicht ermittelt werden, ob es sich um Schwankungen um einen Mittelwert handelt oder ob ein ansteigender oder absinkender Trend vorliegt (Beispiel: Klimaschwankungen seit Beginn der direkten Messungen).
Ist der Beobachtungszeitraum zu lang bzw. der Maßstab zu groß, so sind die Schwankungen gar nicht feststellbar; das System verhält sich scheinbar statisch.
Determiniertheit
Die Determiniertheit ist der Grad der „Vorbestimmtheit“ des Systems: Ein System geht von einem Zustand Z1 in den Zustand Z2 über: Z1 → Z2. Bei deterministischen Systemen ist dieser Übergang bestimmt (zwingend), bei stochastischen wahrscheinlich.
Deterministische Systeme erlauben prinzipiell die Ableitung ihres Verhaltens aus einem vorherigen Zustand, stochastische Systeme nicht. Klassische deterministische Systeme erlauben eine eindeutige Bestimmung ihres Zustandes zu jedem Zeitpunkt der Vergangenheit und Zukunft mit hinreichender Genauigkeit (Beispiel: Planetenbewegung). Hinreichend ist hier bezogen auf menschlich überschaubare, bzw. relevante Zeiträume und Größenordnungen. Die Entwicklung chaotischer Systeme ist nicht eindeutig bestimmbar, da alle Parameter mit theoretisch unendlich großer Genauigkeit bekannt sein müssen, sie sind empfindlich gegenüber den Anfangsbedingungen. Mit geeigneten (mathematischen) Modellen lassen sich relevante Aussagen über Vergangenheit und Zukunft von deterministischen und stochastischen Systemen machen. Aus der Komplexität eines Systems lässt sich keine Aussage über die Vorhersagbarkeit treffen: Es gibt einfache deterministische Systeme, die chaotisch sind (z. B. Doppelpendel) und komplexe deterministische Systeme (Chloroplasten bei der Photosynthese).
Zeitvarianz
Zeitvarianz beschreibt die Abhängigkeit des Systemverhaltens vom Zeitpunkt der Betrachtung. Ein zeitvariantes System verhält sich zu verschiedenen Zeitpunkten unterschiedlich. Bei technischen Systemen liegt der Grund dafür meist in zeitabhängigen Parameterwerten, bei biologischen Systemen beispielsweise in unterschiedlichen Umweltbedingungen. Zeitinvariante Systeme dagegen verhalten sich zu jeder Zeit gleich. Eine mechanische Uhr ist zum Beispiel zeitinvariant, wenn man Verschleiß vernachlässigt. Ein Pendel, bei dem die Länge der Aufhängung sich mit der Zeit ändert, ist zeitvariant.
Systembegriff der Systemtheorie
Als Systemtheorie werden Forschungsrichtungen diverser Fachrichtungen zusammenfassend bezeichnet, die komplexe Zusammenhänge durch allgemeine Theorien zum Funktionieren von Systemen überhaupt beschreiben. Als erster definierte um 1950 Ludwig von Bertalanffy Systeme als Interaktionszusammenhänge, die sich von ihrer Umwelt abgrenzen, die wiederum aus anderen Interaktionszusammenhängen besteht. Gemäß in diesem Kontext verbreiteter Grundideen lassen sich Systeme als sich selbst organisierende Funktionseinheiten verstehen, die ihr Weiterfunktionieren selbst produzieren (vgl. Autopoiesis) und sich in spezifischer Weise von ihrer Umwelt differenzieren, etwa durch Ausprägung spezifischer Unterscheidungsweisen.
Ein Beispiel: Seefahrer setzten bestimmte Tiere auf einer Insel aus, um sie später dort jagen zu können. Dadurch gerät das bis dahin auf der Insel bestehende System aus Tieren und Pflanzen „durcheinander“; ein neues System entsteht. Manchmal entstehen Endemiten (= Pflanzen oder Tiere, die nur in einer bestimmten, räumlich klar abgegrenzten Umgebung vorkommen). In Disziplinen, die sich mit lebenden Organismen beschäftigen, der systemischen Psychologie und Biologie wie auch der Soziologie, werden lebende von anders gearteten Systemen unterschieden.
Systembegriff der strukturalen Linguistik
Der strukturalen Linguistik (siehe Strukturalismus) liegt die Auffassung zugrunde, dass sprachliche Einzelelemente nicht jeweils durch sich selbst in ihrer Bedeutung begründet sind, sondern durch ihre Relationen zu anderen Elementen – wobei deren Ganzheit als System mit unter anderem dieser allgemeinen Eigenschaft beschrieben wird.
Technik
Für Leittechnik definiert IEC 60050-351 ein System als
In der Funktionalen Sicherheit und SOTIF wird ein System als Kombination von Sensor oder Signaleingang, Logik (insbesondere mit mikroprozessorgesteuert) und Aktoren oder Signalausgängen definiert.
EN 61069-1
Die Europäische Norm EN 61069-1 schlägt als Grundlage der Eigenbeurteilung eines Systems in der Leittechnik die in der Tabelle dargestellten Systemeigenschaften vor. Die Norm ist in Deutschland als DIN-Norm DIN EN 61069-1 veröffentlicht.
Siehe auch
Selbstregulation
Literatur
Rudolf Eisler: System. In: Wörterbuch der philosophischen Begriffe. 2. Auflage. Berlin 1904 (Artikel textlog.de).
F.-P. Hager u. a.: System; Systematik; systematisch. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 10, 1998, S. 824–856.
S. Jensen: Systemtheorie; System, soziales. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 10, 1998, S. 863–869.
Friedrich Kirchner: System. In: Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe. 1907 (Artikel textlog.de).
Wolfgang Schrader, Hans-Joachim Höhn: System, Systemtheorie. In: Lexikon für Theologie und Kirche. 3. Auflage. Band 9 (2000), Sp. 1216–1220.
R. Schulz: System, biologisches. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 10, 1998, S. 856–862.
Geo Siegwart: System. In: Jürgen Mittelstrass (Hrsg.): Enzyklopadie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Metzler, Stuttgart 1996, Band 4, S. 184 ff.
Karl Steinbacher u. a.: System/Systemtheorie. In: Hans-Jörg Sandkühler (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie. 2 Bände. Meiner, Hamburg 1999, ISBN 3-7873-1629-9, Band 2, S. 1579–1588.
Sytse Strijbos, Carl Mitcham: Systems and Systems Thinking. In: Carl Mitcham (Hrsg.): Encyclopedia of science, technology, and ethics. Thomson Gale 2005, Band 4, ISBN 0-02-865901-5, S. 1880–1884.
Joachim Valentin: Art. System – systematisch / Systemtheorie. In: Albert Franz u. a. (Hrsg.): Lexikon philosophischer Grundbegriffe der Theologie. Herder, Freiburg im Breisgau 2003, S. 394–396.
Michael Matthies: Einführung in die Systemtheorie. Skriptum, Universität Osnabrück (zum systemtheoretischen Systembegriff S. 2 ff. und 9 ff.; ).
Weblinks
Einzelnachweise
Kybernetik
Systemtheorie
|
Q58778
| 472.820257 |
48073
|
https://de.wikipedia.org/wiki/Diplom
|
Diplom
|
Ein Diplom (von ; hiervon ) ist eine Urkunde über Auszeichnungen (Ehrenurkunde), außerordentliche Leistungen oder Prüfungen (Examina) an akademischen und nichtakademischen Bildungsinstitutionen.
Begriffsgeschichte
Das Diplom war eigentlich eine aus zwei Blättern zusammengelegte Schreibtafel, bei den Römern im Allgemeinen eine amtliche Ausfertigung, namentlich eine durch Unterschrift und Siegel beglaubigte Urkunde. In dieser Bedeutung war das Wort während des ganzen Mittelalters nicht mehr gebräuchlich. Stattdessen wurden wichtige Schriftstücke mit Charta, Pagina oder Litterae bezeichnet. Erst im 17. Jahrhundert wurde das Wort Diplom wieder verwendet und bezeichnete alle amtlichen geschichtlichen Aufzeichnungen. Später wurde stattdessen zunehmend das deutsche Wort Urkunde verwendet. Als Diplome wurden nun nur noch Urkunden über die Erlangung akademischer Würden, des adeligen Standes oder über die Aufnahme in gelehrte Gesellschaften bezeichnet.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts entstand die Berufsbezeichnung Diplomat für einen durch Beglaubigungsschreiben ausgewiesenen ausländischen Politiker. In der Diplomatik ist der Begriff neben Privileg zur Bezeichnung von Herrscherurkunden anspruchsvollerer Gestaltung mit Inhalten lang andauernder Wirkung (als Gegenbegriff zum Mandat) in Gebrauch.
Diplom als akademischer Grad
In Verbindung mit der Angabe des Faches ist das Diplom ein akademischer Grad (Hochschulausbildung), beispielsweise Diplom-Biologe, Diplom-Soziologe, Diplom-Verwaltungswirt oder Diplom-Ingenieur.
Die Diplomstudiengänge liefen im Zuge des Bologna-Prozesses seit 2010 weitgehend aus. An ihrer Stelle wurde das gestufte Studiensystem mit den Abschlüssen Bachelor und Master eingeführt. Das Diplom ist dem Master gleichwertig.
Deutschland
In Deutschland war das Diplom der häufigste akademische Grad. Die mit dem Diplom abschließenden Studiengänge waren vorwiegend in den Ingenieur-, Natur- und Wirtschaftswissenschaften, aber auch in einigen Fächern der Geistes- und Sozialwissenschaften sowie an Kunsthochschulen zu finden.
Der akademische Diplomgrad setzt sich stets aus dem Wort „Diplom“ und der betreffenden Fachrichtung zusammen, wobei neben der weitaus am häufigsten vertretenen persönlichen Form (beispielsweise Diplom-Kaufmann) auch die unpersönliche Form (beispielsweise Diplom in audiovisuellen Medien) verliehen werden kann. Akademische Grade dürfen in Deutschland gemäß Hochschulrahmengesetz (HRG) nur von Hochschulen verliehen werden. Wortkombinationen der Bezeichnung „Diplom“ bzw. „Dipl.“ und einer Fachrichtung oder Berufsbezeichnung, die nicht von einer Hochschule verliehen wurden, sind mit akademischen Graden verwechslungsfähig und daher unzulässig. Das Führen von „Diplom“-Bezeichnungen, die nicht von einer Hochschule oder Berufsakademie (mit Zusatz „BA“) verliehen wurden, ist gemäß Abs. 2 StGB strafbar.
An Fachhochschulen wird das Diplom ebenfalls verliehen, allerdings mit dem führungspflichtigen Zusatz „FH“. Es berechtigt nicht grundsätzlich, aber unter besonderen Voraussetzungen, zur Promotion. Neben der im Gegensatz zum universitären Diplom eher anwendungsbezogenen Orientierung unterscheidet sich das Diplom der Fachhochschulen auch durch die Regelstudienzeit von maximal acht Semestern. Für Bachelor- und Master-Studiengänge gibt es dagegen keine derartigen grundsätzlichen Unterscheidungen.
An Berufsakademien wird das Diplom nicht als akademischer Grad, sondern als staatliche Abschlussbezeichnung verliehen und mit dem Zusatz „BA“ geführt. Die aus den Berufsakademien in Baden-Württemberg hervorgegangene Duale Hochschule ermöglicht eine Nachgraduierung dieses Abschlusses in einen akademischen Diplomgrad, der mit dem Zusatz „DH“ geführt werden muss. Das Diplom (DH) ist ausschließlich für die Nachgraduierung von früheren Absolventen der Berufsakademien vorgesehen. Ihren regulären Absolventen verleiht die Duale Hochschule den Bachelor.
Diplomstudium
Den organisatorischen Ablauf eines Diplomstudienganges regelt die Diplom-Prüfungsordnung, die in Deutschland vom Kultusministerium des jeweiligen Bundeslandes geprüft und zugelassen wird. Diplomstudiengänge gliedern sich in ein zwei- bis viersemestriges Grundstudium, in dem Grundkenntnisse und -fertigkeiten vermittelt werden und das der Orientierung dienen kann, sowie ein drei- bis sechssemestriges Hauptstudium, in dem eine Differenzierung und Spezialisierung stattfinden kann. Das Grundstudium wird mit dem Vordiplom abgeschlossen, das nach Ablegen von zumeist schriftlichen, teils aber auch mündlichen Prüfungen in den relevanten Fächern verliehen wird. Einige Studienordnungen sehen eine studienbegleitende Diplomvorprüfung vor, die sich aus zu erbringenden Teilleistungen während des Grundstudiums zusammensetzt. Anders als der Bachelor ist das Vordiplom allerdings kein berufsbefähigender Abschluss. Das Hauptstudium kann entweder mit großen schriftlichen oder mündlichen Diplomprüfungen abschließen oder mit studienbegleitenden Teilleistungen. Bei beiden Verfahren ist außerdem eine Diplomarbeit anzufertigen, die die Befähigung zur wissenschaftlichen Arbeit nachweist. Werden sowohl die Diplomarbeit als auch die Prüfungen mit Noten von mindestens „ausreichend“ bewertet, wird das Diplom verliehen.
Geschichte des Diploms in Deutschland
Der Begriff „Diplom“ als ein Hochschulgrad in Verbindung mit der Angabe des Faches existiert seit dem 11. Oktober 1899. Den technischen Hochschulen Preußens wurde durch einen königlichen Erlass Kaiser Wilhelms II. im Oktober 1899 erlaubt, den akademischen Grad des Diplom-Ingenieurs zu verleihen. In einigen Studienfächern wurde das Diplom – teils auf Antrag – parallel zur Ersten Staatsprüfung, die keinen akademischen Grad darstellt, verliehen.
In der Bundesrepublik wurde das Diplom ab Ende der 1950er Jahre auch als erster Hochschulabschluss anstelle der Promotion in sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Studienfächern eingeführt, parallel zum Magister in geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern. Die Einführung von Diplom und Magister sollte das Studium verkürzen und damit auch gewisse Zugangshürden zu einer akademischen Ausbildung senken. Ende der 1960er Jahre wurde in der Deutschen Demokratischen Republik das Diplom als Regelabschluss für alle universitären Studiengänge eingeführt, anders als in der Bundesrepublik auch für Studiengänge, die auf hoheitliche Aufgaben vorbereiteten. In den 1970er Jahren wurde an der Gesamthochschule Kassel das gestufte, integrierte Diplomstudienmodell (DI/DII) entwickelt und angewendet. Als einzige Hochschule ermöglichte sie die Anerkennung unterschiedlicher Qualifikationsvoraussetzungen neben der allgemeinen Hochschulreife.
Das Modell wurde seit 2006 sukzessive durch die Bologna-Reform ausgesetzt und durch die Abschlüsse nach Bachelor/Master durch privatrechtliche Akkreditierungsverfahren ersetzt.
Daneben gibt es die Diplomierung von Studiengängen, die mit einem Staatsexamen abgeschlossen werden. Dies geschieht teils durch bloße Verleihung des Diplomgrades, teils wird dies von der Erbringung zusätzlicher Leistungen abhängig gemacht. Beispielhaft seien hier die akademischen Grade des Diplom-Juristen sowie des Diplom-Berufspädagogen genannt.
Besoldungsrechtliche Einordnung
Bei der Kultusministerkonferenz (KMK) vom 12. Juni 2003 hieß es: „Die Bachelor- und Masterabschlüsse sind eigenständige berufsqualifizierende Hochschulabschlüsse. Die Integration eines Bachelorabschlusses in einen Diplomstudiengang ist ebenso ausgeschlossen, wie die Verleihung eines Mastergrades aufgrund eines mit Erfolg abgeschlossenen Diplomstudiengangs“, so dass „Bachelorabschlüsse […] grundsätzlich dieselben Berechtigungen wie Diplomabschlüsse der Fachhochschulen [verleihen]; konsekutive Masterabschlüsse verleihen dieselben Berechtigungen wie Diplom- und Magisterabschlüsse der Universitäten und gleichgestellten Hochschulen.“
Besoldungsrechtlich bedeutet dies, dass Bachelor- und Diplom-(FH)-Absolventen dem gehobenen Dienst zugeordnet werden, Diplom-Absolventen von Universitäten und gleichgestellten Hochschulen sowie alle Magister und Master-Absolventen dem höheren Dienst.
Erfolgreich akkreditierte Masterabschlüsse an Fachhochschulen werden automatisch dem höheren Dienst zugeordnet, eine explizite Feststellung bei der Akkreditierung muss nicht mehr erfolgen.
Eine Ausnahme bildet hier in einigen Bundesländern die gestaffelte Lehramtsausbildung, bei denen nach dem Bachelor-Abschluss ein Master folgt. Da Grundschullehrer nicht in den höheren, sondern in den gehobenen Dienst einsteigen, entfällt hier diese Zuordnung.
Bologna-Prozess in Deutschland
Mit der 1999 von 29 europäischen Bildungsministern im italienischen Bologna unterzeichneten Erklärung zur transnationalen Hochschulreform wurde der Bologna-Prozess eingeleitet.
Als ein Gradmesser für die Abschaffung der Diplomstudiengänge kann der Hochschulkompass der Hochschulrektorenkonferenz angesehen werden. Er weist zum 29. Dezember 2009 unter den grundständigen Studienangeboten 521 Datensätze für Diplomstudiengänge und im Vergleich dazu 5803 Datensätze für Bachelorstudiengänge auf.
In Baden-Württemberg dürfen seit der Hochschulgesetznovellierung von 2005 keine neuen Diplom- oder Magisterstudiengänge mehr eingeführt werden und spätestens mit Beginn des Wintersemesters 2009/2010 keine Studienanfänger in diesen Studiengängen mehr aufgenommen werden.
In Bayern schreibt das Hochschulgesetz vor, dass spätestens mit Beginn des Wintersemesters 2009/2010 die Aufnahme des Studiums in Bachelorstudiengängen die Regel sein soll (ausgenommen Staatsprüfung oder kirchliche Prüfungen).
In Hessen können nach dem dortigen Hochschulgesetz für den ersten berufsqualifizierenden Abschluss nur noch Bachelorgrade, für einen weiteren berufsqualifizierenden Abschluss nur noch Mastergrade verliehen werden. Das Diplom oder andere akademische Grade werden bereits nicht mehr genannt.
In Sachsen ist bereits in Magisterstudiengängen keine Immatrikulation ab Wintersemester 2008/2009 mehr möglich. Die Diplomstudiengänge werden im Gegensatz dazu jedoch nicht grundsätzlich abgeschafft. Die TU Chemnitz bietet ab dem Wintersemester 2018/19 den Diplomstudiengang Mathematik wieder an.
Einige Bundesländer ermöglichen es derzeit mit ihren Hochschulgesetzen, Studiengänge mit Diplom- und anderen Abschlüssen unter bestimmten Voraussetzungen oder in begründeten Ausnahmefällen aufrechtzuerhalten, ohne eine Auslauffrist zu nennen (siehe Art. 57 Abs. 4 BayHSchG; § 26 SächsHschG; § 9 Abs. 6 HSG LSA). Inwieweit einzelne Bundesländer auch nach 2010 vom Beschluss ihrer Kultusminister abweichen werden, ist derzeit unklar. Die noch bestehenden Diplom-Studiengänge wurden in ihrer Struktur durch Übernahme der Modularisierung den neuen Bachelor- und Master-Studiengängen angepasst.
Die Hochschule für Politik München bietet seit Bestehen der Hochschule durchwegs das Diplomstudium der Politischen Wissenschaft an. Absolventen erhalten den akademischen Grad eines "Diplomaticus scientiae politicae Universitatis" (Dipl. sc. pol. Univ.) der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Auch die Technische Universität Dresden bietet für Studienanfänger zum Wintersemester 2010/11 weiterhin grundständige Diplomstudiengänge in den Fächern Architektur, Bauingenieurwesen, Chemie-Ingenieurwesen, Elektrotechnik, Informatik (neu zum WS 2010/11), Informationssystemtechnik, Regenerative Energiesysteme, Maschinenbau, Mechatronik, Psychologie, Soziologie, Verfahrenstechnik, Verkehrsingenieurswesen und Werkstoffwissenschaften sowie weiterführende Studiengänge in Bauingenieurwesen, Maschinenbau, Softwaretechnik und Umwelttechnik an. Zum Wintersemester 2014/2015 stellte die TU Dresden die ehemaligen Bachelor/Masterstudiengänge Wirtschaftsingenieurwesen und Wirtschaftsinformatik wieder auf Diplomstudiengänge um. Diese Möglichkeiten werden in den Fächern Elektrotechnik, Informationssystemtechnik, Regenerative Energiesysteme und Mechatronik bis auf weiteres bestehen bleiben und sind weiterhin der Regelstudienabschluss für diese Studienfächer. Auch die Hochschule Zittau/Görlitz bietet bis auf weiteres Diplom-Studiengänge in Wirtschaftsingenieurwesen, BWL, Wohnungs- und Immobilienwirtschaft, Maschinenbau und Umwelttechnik an. Die Universität Greifswald bietet seit Jahren durchgehend den Diplom-Studiengang Wirtschaftswissenschaften mit dem Abschluss Diplom-Kaufmann bzw. Diplom-Kauffrau an.
In Rheinland-Pfalz bietet die TU Kaiserslautern zum WS 2015/16 weiterhin grundständige Diplomstudiengänge in den Fächern Architektur, Elektrotechnik, Informationstechnik, Maschinenbau, Mechatronik, Verfahrenstechnik, Biophysik und Physik an.
Die Technische Universität Bergakademie Freiberg bietet zahlreiche Diplom-Studiengänge an: Angewandte Mathematik, Chemie, Robotik, Geotechnik und Bergbau, Markscheidewesen und Angewandte Geodäsie, Advanced Components: Werkstoffe für die Mobilität, Keramik, Glas- und Baustofftechnik, Maschinenbau, Nanotechnologie, Verfahrenstechnik und Chemieingenieurwesen, Werkstoffwissenschaft und Werkstofftechnologie, Wirtschaftsingenieurwesen, Betriebswirtschaftslehre für die Ressourcenwirtschaft, Wirtschaftsingenieurwesen, Umweltverfahrenstechnik, Wirtschaftswissenschaften.
Österreich
In Österreich gab es das Diplom als akademischen Grad nur in den Ingenieurwissenschaften in der Form als Diplomingenieur bzw. Diplom-Ingenieur. Abgekürzt wird dieser Grad entweder mit Dipl.-Ing., oder mit DI (ohne Abkürzungspunkte). Diplomstudien in anderen Fächern führten in Österreich zu einem Magister-Grad, jedoch ist auch der verliehene akademische Grad Dr. med. univ. der Humanmedizin nach § 54 Abs. 2 Universitätsgesetz 2002 ein Diplomgrad und kein Doktorgrad. Der Grad Diplom-Kaufmann (Dkfm) wurde in Österreich bis 1975 verliehen, seither schloss man ein wirtschaftswissenschaftliches Studium mit dem Grad Mag. rer.soc.oec. ab.
Die vorgesehene Studienzeit für Diplomstudien betrug, je nach Studienrichtung, vier bis sechs Jahre. Sie waren in zwei bis drei Studienabschnitte unterteilt, die jeweils mit einer Diplomprüfung abgeschlossen werden. Der erste Abschnitt bestand typischerweise aus Grundlagenfächern. Im letzten Abschnitt war eine Diplomarbeit zu verfassen.
Dieses System ist durch das Bachelor/Master-System abgelöst worden.
Das Universitätsgesetz 2002 legt in § 54 Abs. 2 fest, dass neue Studien nur als Bachelor-, Master- oder Doktoratsstudien eingerichtet werden dürfen.
Einige bestehende Studien, insbesondere im Bereich Rechtswissenschaften und Medizin, werden weiter als Diplomstudien geführt. Außerdem werden technische Mastergrade meistens noch immer Diplomingenieur geführt, und zwar voraussichtlich noch länger (da der Grad auch international hoch angesehen ist).
Bereits im Jahr 2006 überstieg die Anzahl der eingerichteten Bachelorstudien die Anzahl der Diplomstudien. Allerdings lag die Anzahl der Studierenden im Diplomstudium (ohne Lehramt) 2011/12 noch bei 93.611, die Anzahl der Studierenden in Masterstudien nur bei 32.858.
Spanien
Diplomatura oder Diplomatura universitaria bezeichnet in Spanien einen staatlichen Hochschulabschluss (Título oficial), der einer Regelstudienzeit von 3 oder 4 Jahren entspricht.
Das Studium ist in der Regel anwendungsorientiert und wird ausschließlich in bestimmten Fächern angeboten (Krankenpflege, Optik, Physiotherapie, FH-ähnliche Ingenieurstudiengänge). Anders als eine Licenciatura berechtigt eine Diplomatura nicht zur Promotion.
Diese Abschlussart wird im Rahmen des Bologna-Prozesses auslaufen und die vergebenen Grade höchstwahrscheinlich als Bachelor anerkannt.
Berufsdiplom
Deutschland
Eine staatliche Abschlussbezeichnung für Absolventen der Berufsakademien in Deutschland, z. B. Dipl.-Ingenieur (BA)
Österreich
In den österreichischen Berufsbildenden höheren Schulen (BHS) heißt die Abschlussprüfung Reife- und Diplomprüfung ( Schulorganisationsgesetz). Sie umfasst einerseits die mit der Reifeprüfung erworbene Universitätsreife, andererseits auch einen Berufsabschluss (entsprechend Lehrabschlussprüfung und Abschlussprüfung an den Fachschulen/Berufsbildenden mittleren Schulen) und oftmals den Befähigungsnachweis für reglementierte Gewerbe. Die Diplom- und Reifeprüfungen sind in das System der Zentralmatura eingebettet.
Außerhalb der Universitäten gibt bzw. gab es außerdem Ausbildungen, die ebenfalls mit einem Diplom abgeschlossen werden und staatlich anerkannt sind (Medizinisch-technische Dienste, Krankenpflegediplom, niederes Lehramt, Diplom-Pädagoge). Diese sind jedoch zum größten Teil am Auslaufen und werden, ebenso wie die akademischen Diplomstudiengänge, sukzessive auf das Bologna-Modell umgestellt (Professionalisierung in den Humanberufen). Geblieben sind die Berufsbezeichnungen Dipl. Gesundheits- und Krankenpfleger/-pflegerin und Dipl. medizinische/r Fachassistent/in.
Schweiz
Abschlussbezeichnung für Absolventen einer höheren Fachschule in der Schweiz, z. B. Dipl. Techniker HF Energietechnik.
Abschlussbezeichnung für die bestandene Höhere Fachprüfung in der Schweiz, z. B. eidg. dipl. Versicherungsfachmann fu.
Siehe auch
Hochschulprüfung
Akademischer Grad
Adelsdiplom
Amateurfunkdiplom
Weblinks
Die Geschichte des Diploms am Beispiel der ETH Zürich. ETHistory
Einzelnachweise
!Diplom
Abschluss oder Zertifikat
Berufsbildungssystem
Gewerberecht (Österreich)
Berufsbildung in Österreich
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Q217577
| 169.031774 |
1445
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https://de.wikipedia.org/wiki/Proteinbiosynthese
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Proteinbiosynthese
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Proteinbiosynthese ist die Neubildung von Proteinen in Zellen. Bei diesem für alle Lebewesen zentralen Prozess wird ein Protein durch Verknüpfung verschiedener Aminosäuren aufgebaut, an Ribosomen nach Vorgabe genetischer Information.
Die Synthese eines Proteins aus seinen Bausteinen, den proteinogenen Aminosäuren, findet im Rahmen der Genexpression an den Ribosomen statt. Die ribosomale Proteinsynthese wird auch als Translation bezeichnet, da hierbei die Basenfolge einer messenger-RNA (mRNA) in die Abfolge von Aminosäuren eines Peptids übersetzt wird. Dies geschieht, indem fortlaufend jedem Codon der mRNA das entsprechende Anticodon einer transfer-RNA (tRNA) zugeordnet wird und deren jeweils einzeln transportierte Aminosäure an die benachbarte gebunden wird (Peptidbindung), sodass eine Kette mit charakteristischer Aminosäuresequenz entsteht. Dieses Polypeptid kann sich im umgebenden Medium zu einem strukturierten Gebilde dreidimensionaler Form auffalten, dem nativen Protein. Häufig wird es durch Abspaltungen, Umbauten und Anbauten danach noch verändert, posttranslational modifiziert.
Während bei prokaryoten Zellen (Procyten) die ringförmige DNA frei im Zytosol vorliegt und die ribosomale Proteinsynthese zumeist unmittelbar und prompt mit der gerade eben erstellten mRNA erfolgt, sind die Verhältnisse bei eukaryoten Zellen (Eucyten) komplizierter. Für das auf mehrere Chromosomen verteilte Genom ist hier mit dem Zellkern (Nukleus) ein eigenes Kompartiment geschaffen, in dessen Karyoplasma auch die Transkription stattfindet. Die primär gezogene RNA-Kopie (hnRNA) wird zunächst stabilisiert, überarbeitet und auf den Kernexport vorbereitet, bevor sie als mRNA eine Kernpore passiert und ins Zytoplasma gelangt, das die Untereinheiten der Ribosomen enthält. Diese räumliche Aufteilung und der mehrschrittige Prozessweg erlauben somit zusätzliche Weisen, eine (hn)RNA posttranskriptional zu modifizieren und darüber die Genexpression zu regulieren beziehungsweise bestimmte RNA-Vorlagen von der Proteinbiosynthese auszuschließen (Gen-Stilllegung).
Einige Arten von Bakterien, Archaeen und Pilzen können über ribosomale Proteinsynthese besondere Proteine aufbauen, die als Multienzymkomplexe eine nichtribosomale Peptidsynthese ermöglichen (NRPS).
Transkription
Im ersten Schritt für eine Proteinbiosynthese in einer Zelle werden Abschnitte von Genen auf der doppelsträngigen DNA aufgesucht, abgelesen und in einzelsträngige RNA-Moleküle umgeschrieben. Bei diesem Vorgang werden der vorliegenden Folge von Nukleinbasen der DNA (Adenin, Guanin, Cytosin, Thymin) komplementär die Nukleinbasen von RNA-Bausteinen (Uracil, Cytosin, Guanin, Adenin) zugeordnet. In dem dann zum Strang verknüpften RNA-Transkript kommt Ribose anstelle der Desoxyribose und Uracil anstatt Thymin vor. Die genetische Information ist in der Basenfolge enthalten, ein Codogen auf der DNA wird transkribiert zu einem Codon auf der Boten- oder Messenger-Ribonukleinsäure, kurz mRNA genannt.
Für die Transkription eines Gens ist neben mehreren anderen Faktoren eine RNA-Polymerase nötig als Enzym, das den fortlaufenden Aufbau des RNA-Polymers abhängig von der DNA-Vorlage katalysiert. Die der Vorlage basenpaarend zugeordneten Ribonukleosidtriphosphate (UTP, CTP, GTP und ATP) als Bausteine werden – jeweils unter Abspaltung zweier Phosphatgruppen der Triphosphate – miteinander zum Polynukleotid einer RNA verknüpft. Dabei kann es unterschiedliche Typen der RNA-Polymerase geben für die Transkription von Genen, die mittels einer mRNA für Proteine codieren, und für die anderer Gene, beispielsweise für die Bildung einer rRNA oder einer tRNA.
Bei Eukaryoten findet die Transkription im Zellkern statt; daher muss die mRNA aus dem Kern in das Cytosol exportiert werden, da dort die Translation durchgeführt wird. Prokaryoten hingegen haben kein Kernkompartiment, die Transkription findet hier neben der Translation im Zellplasma statt.
Posttranskriptionale Modifikation
Spleißen
Bei Eukaryoten müssen anschließend an die reine Transkription noch die in der dabei entstandenen prä-mRNA enthaltenen nicht-codierenden Introns herausgeschnitten werden, sodass nur noch die benötigten Exons übrig bleiben. Diesen Vorgang nennt man Spleißen. Zum Erkennen der Introns dienen Consensussequenzen. Beim Spleißen binden unterschiedliche snRNPs im Bereich der Introns und Exon-Intron-Übergänge. Diese führen unter Bildung des Spleißosoms zur Spaltung der Phosphodiesterbindungen und damit dem Herausschneiden der Introns. Gleichzeitig werden die Exons ligiert. Spleißen kommt auch bei rRNA und tRNA vor.
Capping
Währenddessen findet außerdem das sogenannte Capping statt, bei dem die Stabilität der RNA erhöht wird. Dabei wird eine sogenannte 5'-Cap-Struktur angehängt, wobei das 5' Ende der sich in Synthese befindlichen prä-mRNA zu einer Struktur umgewandelt wird, die als „Cap“ bezeichnet wird und die mRNA vor der Verdauung durch 5'-Exonucleasen und Phosphatasen schützt.
Polyadenylierung
Bei der Polyadenylierung werden die Poly(A)-Schwänze an das neu entstandene 3'-Ende der RNA (bis zu 250 Nukleotiden lang) angehängt. Dieser Poly(A)-Schwanz erleichtert den Export der mRNA in das Cytoplasma und schützt außerdem das 3'-Ende vor einem enzymatischen Abbau.
RNA-Edition
Bei der RNA-Edition werden einzelne oder mehrere Nukleinbasen des RNA-Moleküls nach der Transkription verändert (modifiziert), eingefügt (insertiert) oder ausgeschnitten (deletiert). Beispielsweise kann das Editing so auf der mRNA ein neues Stopcodon ergeben, das stromaufwärts des vormaligen liegt; die Translation bricht dann hier ab und es wird die kürzere Isoform eines Proteins gebildet. RNA-Editieren kommt nur bei einigen Organismen, Zellen oder Zellorganellen vor und ist oft auf besondere Nukleotidsequenzen beschränkt.
Translation
Unter Translation versteht man die Übersetzung der Basensequenz der mRNA in die Aminosäuresequenz des Proteins, die an den Ribosomen geschieht.
In der mRNA bilden jeweils drei aufeinander folgende Basen, ein Basentriplett, innerhalb des offenen Leserahmens ein Codon, welches für eine Aminosäure codiert (siehe hierzu genetischer Code). Am Ribosom werden die Codons entsprechend ihrer Abfolge in Aminosäuren translatiert und diese sequentiell zu einem Polypeptid verknüpft.
Zur Ausbildung einer Peptidbindung zwischen zwei Aminosäuren müssen sie in räumliche Nähe zueinander gebracht werden. Dazu wird die Oberfläche einer großen supramolekularen Struktur benötigt. Diese Aufgabe erfüllen die Ribosomen, zusammengesetzt aus einer kleinen und einer großen Untereinheit, welche zwei nebeneinanderliegende Bindungsstellen formt: die A-Stelle und die P-Stelle.
Da es keine strukturelle Verwandtschaft zwischen einem Codon und der dazugehörigen Aminosäure gibt, wird ein Zwischenstück benötigt, das einerseits die Aminosäure bindet und andererseits das zugehörige Codon auf der mRNA erkennt. Diese vermittelnde Funktion übernehmen Transfer-Ribonukleinsäure-Moleküle, verschiedene tRNAs, als Aminosäuren-„Transporter“ mit Erkennungsregion. Sie besitzen zwei auseinanderliegende exponierte Bindungsstellen: die Aminosäurebindungsstelle und das Anticodon. Die Aminosäurebindungsstellen der tRNAs werden durch die Aminoacyl-tRNA-Synthetasen spezifisch mit der passenden Aminosäure beladen. Die tRNA erkennt mit dem Anticodon das komplementäre Codon auf der mRNA und bindet sich spezifisch daran.
Der Translationsprozess als solcher lässt sich in drei Phasen unterteilen: die Initialphase, Elongationsphase und schließlich die Termination:
Initialphase
Erreicht eine zuvor synthetisierte mRNA ein Ribosom, so wandert die kleine Untereinheit des Ribosoms solange an der mRNA entlang, bis sie auf das Startcodon AUG stößt. Die dazu passende Methionin-tRNA mit dem Anticodon UAC heftet sich an das Codon (Initiationskomplex).
Elongationsphase
Unter Spaltung von GTP lagert sich nun auch die große Untereinheit des Ribosoms an und die Elongation beginnt.
Die Methionin-tRNA befindet sich bei der Initiationsphase auf der P-Bindungsstelle, sodass sich in der A-Bindungsstelle die nächste tRNA anlagern kann. Eine Peptidyltransferase verknüpft das Methionin der ersten tRNA mit der Aminosäure der nachfolgenden tRNA; diese Bildung eines Dipeptids findet in der A-Bindungsstelle statt. Schließlich wandern die Ribosomeneinheiten um ein Basentriplett weiter.
Die tRNA mit dem Dipeptid befindet sich nun auf der P-Bindungsstelle, von welcher es die allererste, nun unbeladene tRNA verdrängt hat, und an die freie A-Bindungsstelle kann sich wieder die nächste tRNA anlagern, deren Anticodon komplementär zum Basentriplett des mRNA-Stranges passt.
Termination
Trifft ein sich an der mRNA entlang bewegendes Ribosom auf eines der drei Stoppcodons, kommt es zunächst zum Stillstand der Translation, da keine passenden tRNA-Moleküle vorhanden sind, welche für eine Aminosäure codiert sind (Suppression). An ihre Stelle treten so genannte Terminations- oder Release-Faktoren (RFs), die an die A-Stelle binden und die Substratspezifität der Peptidyl-Transferase dahingehend verändern, dass ein Wassermolekül anstelle einer AA-tRNA aktiviert wird. Durch dessen nucleophilen Angriff auf die Bindung zwischen Peptidkette und tRNA kommt es schließlich zur Freisetzung des synthetisierten Proteins und zur Trennung der mRNA vom Ribosom.
Co- und Posttranslationale Modifikation
Die Polypeptidketten einiger Proteine werden schon während der Translation (cotranslational) durch spezielle Enzyme verändert, in den meisten Fällen aber werden Proteine erst nach Abschluss der Translation (posttranslational) modifiziert. Während Chaperone den formgebenden Prozess der Proteinfaltung beeinflussen, von dem auch die Assoziation zu Proteinkomplexen abhängt, verfügt eine Zelle daneben über eine Vielzahl an Möglichkeiten, die Struktur eines Proteins spezifisch abzuwandeln, derart auch funktionell andere Proteinspezies zu schaffen und so durch Modifikationen das Proteom zu erweitern.
Zu diesen Modifikationen gehören die Abspaltung von einzelnen endständigen Aminosäuren oder auch die längerer Peptidsequenzen bei Präkursor-Proteinen, die Einführung zusätzlicher Bindungen, z. B. Disulfidbrücken zwischen Cysteinresten, oder funktioneller Gruppen, wie Hydroxylierungen von Aminosäuren (Prolin zu 4-Hydroxyprolin durch die Prolyl-4-Hydroxylase, Lysin zu Hydroxylysin durch die Lysylhydroxylase), sowie Oxidationen (z. B. kovalente Quervernetzungen mittels Lysinresten durch die Lysyloxidase), Carboxylierungen oder Decarboxylierungen und zahlreiche weitere. Beispielsweise entstehen durch Glykosylierungen Glykoproteine, durch Acylierungen und Prenylierungen Lipoproteine.
Die einzelnen Schritte von Modifizierungen werden jeweils durch besondere Enzyme katalysiert, deren Vorkommen oft auf bestimmte Organellen, Zellen oder Gewebe beschränkt ist. Außerdem kann die Abfolge modifizierender Schritte bzw. deren zeitlicher Verlauf variiert werden, abhängig von Zellmilieu, Entwicklungsphase oder Umgebungsbedingungen. Das Kollagenmolekül etwa durchläuft eine Reihe posttranslationaler Modifikationen, von denen einige erst im Extrazellularraum stattfinden.
Proteintargeting und Proteintransport
Da viele Proteine als Zielort () nicht das Zytosol, sondern den Extrazellularraum, die Zellmembran, die Organellen wie Chloroplasten, Mitochondrien, Peroxisomen, Zellkern oder Endoplasmatisches Retikulum haben, hat die Zelle verschiedene Mechanismen, die Proteine dorthin zu verbringen. Diese Proteine enthalten meist eine N- oder auch C-terminale Signalsequenz, die je nach Targetmechanismus sehr unterschiedlich aufgebaut sein kann. In einigen Fällen gibt es keine terminale Signalsequenz, sondern interne Signale der Peptidkette, die über den Zielort des Proteins bestimmt.
Proteine, deren Ziel das Endoplasmatische Retikulum (ER) ist, tragen eine spezifische N-terminale Sequenz, die von einem Protein-RNA-Komplex, dem Signal Recognition Particle (SRP), erkannt wird. Der SRP-Peptid-Ribosom-Komplex wird dann zum Endoplasmatischen Retikulum rekrutiert, wo er erkannt und gebunden wird. Die Translation wird durch die Membran fortgesetzt. Durch die anheftenden Ribosomen entsteht der Eindruck eines „rauen ERs“. Siehe Cotranslationaler Proteintransport. Im Endoplasmatischen Retikulum findet die Qualitätskontrolle des neu synthetisierten Proteins statt.
Proteine, die in die Chloroplasten verbracht werden müssen, besitzen eine N-terminale Signalsequenz, die gewöhnlich früh phosphoryliert wird. Die Proteine Hsp70, 14-3-3 und Toc64 können weiterhin durch Interaktion mit dem Protein-Vorläufer eine Rolle bei der Erkennung und Weiterleitung spielen. Der Protein-Precursor-Komplex wird nach der Ankunft auf der Oberfläche des Chloroplasten von Rezeptorstrukturen des Translokonapparates der äußeren Chloroplastenmebran (Translocon Of Outer Chloroplast Membrane, TOC) erkannt. Unter GTP-Hydrolyse wird das Protein dann in den Intermembranraum importiert oder direkt durch den Translokonapparat (TIC) der inneren Chloroplastenmembran in das Stroma importiert. Für den Import in die Membran oder das Lumen der Thylakoide werden mindestens 4 Wege genutzt, die als Sec-abhängig, SRP-abhängig, delta-pH/Tat-abhängig oder spontan bezeichnet werden.
Für das Mitochondrium wurden für Hefe- und Tierzellen bislang drei verschiedene Import-Wege beschrieben:
Der Präsequenz-Importweg, dessen Proteine eine N-terminale amphiphile alpha-Helix tragen. Diese Proteine sind meist für die Matrix, die innere Membran oder den Intermembranraum bestimmt.
Der Carrier-Protein-Importweg für Proteine der inneren Membran, welche verschiedene interne Signale tragen.
Der Importweg der Proteine der äußeren Hüllmembran, der zur Integration von Proteinen mit beta-Fass-Motiv genutzt wird. Auch hier liegen sequenzinterne Signale vor.
Alle drei Importwege beginnen am mitochondrialen Translokonapparat in der äußeren Membran (TOM), welcher verschiedene Rezeptoren besitzt. So erkennen die Rezeptoren Tom20 und Tom22 das N-terminale Signal und leiten das Vorläufer-Protein an die Pore Tom40 weiter. Der Rezeptor Tom70 erkennt die internen Signale der Proteine, die für die äußere Membran bestimmt sind.
Nach dem Import in den Intermembranraum trennen sich die Wege: Die Proteine mit beta-Fass-Motiv, welche für die äußere Membran bestimmt sind, werden durch den SAM-Komplex (Sorting and assembly machinery) in die Membran integriert. Die Proteine der anderen beiden Importwege werden zu verschiedenen TIM-Komplexen dirigiert: Proteine mit Präsequenz werden von dem TIM23-Komplex erkannt, Proteine für die innere Membran dagegen vom TIM22-Komplex.
Die Präsequenz wird durch das Enzym MPP () entfernt.
Neben den oben beschriebenen Signalsequenzen ermöglicht eine Glykosylierung ein Targeting für den Einbau in die Zellmembran bzw. für die Exozytose. Beide Wege führen meist über Golgi-Vesikel.
Siehe auch
Ein-Gen-ein-Polypeptid-Hypothese
Analbuminämie
Agammaglobulinämie
Weblinks
Zeigt die Synthese und Prozessierung der mRNA
Vereinfachtes Schema der Proteinbiosynthese
Einzelnachweise
Genetik
Biologischer Prozess
Biochemie
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Q211935
| 118.657978 |
11361
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https://de.wikipedia.org/wiki/Wyoming
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Wyoming
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Wyoming (engl. Aussprache ) ist mit 576.851 Einwohnern (2020) der bevölkerungsärmste Bundesstaat der Vereinigten Staaten von Amerika und nach Alaska der Bundesstaat mit der geringsten Bevölkerungsdichte. Er liegt im Westen der Vereinigten Staaten und steigt von den Great Plains Ost-Wyomings zu den Rocky Mountains hin an.
Der Name stammt aus der Sprache der Algonkin-Indianer und bedeutet „Große Ebenen“. Er wurde der poetischen Erzählung Gertrude of Wyoming entnommen, die Thomas Campbell 1809 geschrieben hatte.
Der größte Ort ist die Hauptstadt Cheyenne. Der Spitzname ist Equality State nach dem Motto des Staates: „Equal Rights“ (deutsch: gleiche Rechte).
Geographie, Flora und Fauna
Allgemeines
Wyoming erstreckt sich auf einer Breite von 450 km zwischen 41° N bis 45° N und einer Länge von 580 km zwischen 104°3' W bis 111°3' W. Mit seinen 253.336 km² ist es flächenmäßig der zehntgrößte Bundesstaat der USA. Nach Colorado ist er mit 2044 m auch der durchschnittlich am zweithöchsten gelegene Staat des Landes. Er befindet sich im westlichen Zentrum des US-Staatsgebiets und zählt somit durch seine Lage (wie auch seine Kultur) zum legendären sogenannten (Wilden) Westen (daher auch der Kosename Cowboy State).
Wyoming grenzt im Norden an Montana, im Osten an South Dakota und Nebraska, im Süden an Colorado und im Westen an Utah und Idaho. Neben Colorado ist Wyoming einer von nur zwei US-Bundesstaaten, die ausschließlich von zwei Breiten- und zwei Längengraden begrenzt werden. Die Grenzziehung entspricht (auf einem entsprechenden Kartennetzentwurf, etwa der Mercator-Projektion) mit geringfügigen Abweichungen einem Rechteck.
Im Prinzip ist das Gebiet von Wyoming ein weites, gebrochenes Plateau, aus dem verschiedene Bergkämme der Rocky Mountains aufragen. Aus einer Querschnittsperspektive gesehen, befindet sich dieses Plateau in einer Schräglage, die von einem höher gelegenen Westen in einen tieferen Osten übergeht. Diese Neigung beschreibt auch den Übergang von den weiten östlichen Ebenen der Prärien über zentrale Beckenlandschaften zum westlich gelegenen Felsengebirge. Wyoming ist ein Staat, der die großen Kulturlandschaften der Great Plains und der Rocky Mountains verbindet – eine Position, die er nur mit drei der 50 weiteren Bundesstaaten teilt: Montana im Norden sowie Colorado und New Mexico im Süden.
Eine weitere geographische Bedeutsamkeit ist Wyomings Lage an der Great Continental Divide, der großen kontinentalen Wasserscheide des nordamerikanischen Kontinents, die die Bundesstaatsfläche in nordwestlich-südöstlicher Richtung durchzieht. Sie verläuft entlang der Absaroka Range und Wind River Ranges und setzt sich im Great Divide Basin, und später der Park Range (großteils in Colorado), fort. Alle Flüsse, die östlich dieser Linie entspringen, entwässern Richtung Osten und münden irgendwann alle in den Missouri River, der in den Mississippi River und schließlich in den Atlantischen Ozean (Golf von Mexiko) fließt. Jene Flüsse, die westlich der Wasserscheide ihren Lauf beginnen, enden im Pazifik (entweder im offenen Ozean, wenn sie dem Columbia River westwärts folgen, oder im Golf von Kalifornien, wenn sie nach Süden in den Green River und später den Colorado River entwässern).
Wyoming kann in drei große geographische Räume gegliedert werden, die alle grob ein Drittel des Staatsgebiets umfassen: die Great Plains, die Intermountain Basins (Gebirgsbecken) und die Rocky Mountains.
Great Plains
Der östliche Teil Wyomings wird von den Great Plains (großen Ebenen) eingenommen, weitläufigen Prärien, die sich vom Süden Kanadas durch das Zentrum der USA bis hinunter an die mexikanische Grenze ziehen und eine wesentliche, weltweit bekannte Kulturlandschaft bilden. Sie gaben dem Staat auch seinen Namen, der der Cheyenne-Sprache entnommen ist und große Ebenen bedeutet.
Die Prärien Wyomings sind einerseits durch gänzlich flache Landstriche gekennzeichnet, andererseits jedoch durch die vorherrschenden, sanft rollenden Hügel. Der Großteil dieser Gegend ist mit Kurzgras bewachsenen, weitgehend baumlosen Steppenlandschaften geprägt, die nur an den Flüssen z. T. von Pappeln und Gebüsch durchsetzt sind. Ackerbau (am ehesten Weizen) ist in diesen windigen, trockenen Weiten kaum möglich, stattdessen wird extensive Weidewirtschaft betrieben.
In der Prärie im Nordosten von Wyoming befindet sich am Belle Fourche River mit 945 m der tiefste Punkt des gesamten Bundesstaates. Dies schließt jedoch größere Erhebungen in derselben Region nicht aus: die Prärien Wyomings haben zu etwa einem Drittel Anteil an den Black Hills, den heiligen Bergen der Sioux und Cheyenne-Völker, die sie Pahá Sapá (Lakota) oder Mo’ōhta-vo’honáaeva (Cheyenne/Algonkin) nennen. Das teils dicht mit Ponderosa-Kiefern bedeckte Inselgebirge erreicht in Wyoming Höhen von knapp über 2000 m und beherbergt ein bekanntes Naturdenkmal: das Devils Tower National Monument, ein monumentaler vulkanischer Monolith, der 386 m über dem Belle Fourche River emporragt und eine Höhe von 1558 m erreicht. Den Sioux und Cheyenne und auch anderen First Nations ist dieser Berg heilig und trägt in Lakota den Namen Mato Tipila (Hütte des Bären).
Rocky Mountains
Siehe auch: Liste von Bergen in Wyoming
Vornehmlich im Nordwesten des Bundesstaates und teilweise auch im Südosten erheben sich gewaltige Gebirgsketten, die allesamt Teil der Rocky Mountains sind. Das Felsengebirge splittert sich in Wyoming in verschiedene Bergkämme auf, die sich gewöhnlich in nord-südlicher oder nordwestlich-südöstlicher Richtung erstrecken. Die Bighorn und Laramie Mountains begrenzen hierbei die Prärien und markieren den Übergang in ausgedehnte Beckenlandschaften, die von den Gebirgszügen eingerahmt werden.
Die beeindruckendsten Auffaltungen der Rocky Mountains in Wyoming sind die Absaroka, Teton, Wind River und Wyoming Ranges, sowie die Big Horn Mountains im Nordwesten, denen die niedrigeren und weniger spektakulären Laramie- und Medicine Bow Mountains im Südosten gegenüberstehen. Besonders hoch und wild zerklüftet präsentiert sich die Wind River Range, in der neun Viertausender in den Himmel ragen. Hier befindet sich auch die höchste Erhebung Wyomings: der Gannett Peak, der je nach Messung 4202 m, 4207 m oder 4210 m erreicht.
Ein sehr geschätztes Fotomotiv und Sinnbild mächtiger, unberührter Natur ist die Teton Range mit ihrem 4196 m hohen Grand Teton, dem zweithöchsten Berg des Bundesstaates, am Rande des gleichnamigen Nationalparks südlich des Yellowstone-Nationalparks.
Aufgrund ihrer relativ ergiebigen Niederschläge sind die Bergketten der Rocky Mountains dicht bewaldet. Wegen der Höhe und der Rauheit des Klimas herrschen Nadelbäume vor, mit denen die Holzwirtschaft ein einträgliches Geschäft erzielt. Daneben liegen unter dem Fels wertvolle Rohstoffe wie Ölschiefer, Steinkohle, Eisenerz und Uran. Weiterhin ist der Berg-Tourismus (Wandern, Klettern, Canoeing und Rafting im Sommer, Skifahren in der Wintersaison) von Bedeutung.
Intermountain Basins (Gebirgsbecken)
Den dritten großen geographischen Raum stellen ausgedehnte Becken dar, die vorwiegend im Zentrum und Südwesten liegen und von den Gebirgszügen eingefasst werden, z. B. die Bighorn, Great Divide, Green River und Wind River Basins. Diese Becken sind relativ hoch gelegen (1000–2000 m), aber eben und großteils mit Kurzgras oder niedrigem Buschwerk bedeckt. Bäume gibt es kaum. Da sie sich direkt im Windschatten der großen Bergketten befinden, sind diese Beckenlandschaften sehr niederschlagsarm und haben deshalb gelegentlich Halbwüstencharakter. Dennoch sind sie gemeinsam mit den Great Plains das Kerngebiet der Bevölkerung und der Landwirtschaft. Ohne Bewässerung ist Ackerbau (vor allem Weizen und Zuckerrüben) hier jedoch kaum möglich.
Eine Besonderheit stellt das Great Divide Basin dar, das eine zu- und abflusslose Halbwüste direkt an der kontinentalen Wasserscheide ist. Hier befindet sich die sogenannte Red Desert (rote Wüste), eine rund 24.000 km² umfassende Halbwüsten- und Wüstengegend, die für ihre Sanddünen bekannt ist, die zu den mächtigsten der USA gehören. Südwestlich davon schließen sich bizarre Schluchten an, wie etwa die farbenprächtige Flaming Gorge, die bereits an die weiter südwestlich liegenden Canyonlands in Utah und Arizona erinnern.
Flüsse und Seen
Siehe auch: Liste der Wasserfälle im Yellowstone-Nationalpark
Als ziemlich trockener Flecken der USA besitzt Wyoming naturgemäß keine größeren Feuchtgebiete oder Seenlandschaften. Nur 0,7 % der Staatsfläche sind von Wasser bedeckt. Damit liegt Wyoming an zehntletzter Stelle unter den amerikanischen Bundesstaaten, gemeinsam mit anderen Staaten des Mittleren Westens und Südwestens (Arizona, Colorado, Kansas, Nebraska etc.).
Fast ein Viertel der gesamten Wasserfläche Wyomings wird vom Yellowstone Lake im gleichnamigen Nationalpark eingenommen, der sich über 352 km² innerhalb der Parkgrenzen erstreckt. Er liegt auf 2376 m Höhe, hat 177 km Uferlänge und misst bei einer mittleren Wassertiefe von 42 m an seiner tiefsten Stelle immerhin 118 m. Herausragend ist seine Stellung als größter Süßwassersee über 2000 m in ganz Nordamerika. Eine flüssige Oberfläche besitzt der Yellowstone Lake jedoch nur etwa die Hälfte des Jahres (und selten wärmer als 15 °C), da er in normalen Wintern von Anfang Dezember bis Ende Mai oder Anfang Juni zufriert. Die Eisschicht ist an vielen Stellen bis zu einem Meter dick, allerdings gibt es Bereiche, in denen flaches, ufernahes Wasser über warmen Quellen liegt, die Eisbildung an diesen Stellen verhindern.
Der zweitgrößte See liegt unweit südlich und gleichfalls über 2000 m Seehöhe. Es ist der 103 km² große Jackson Lake im Grand Teton National Park, der mit 134 m sogar tiefer als der Yellowstone Lake ist. Ursprünglich kleiner, wurde die Wasserfläche durch einen Staudamm erweitert. Auch der Jackson Lake ist das halbe Jahr zugefroren und misst selten über 15 °C, auch in heißen Sommern.
Abgesehen von diesen beiden großen Seen gibt es noch ein paar kleinere, die aber beinahe alle auf Flussaufstauungen zurückgehen, so beispielsweise die Stauseen Bighorn, Boysen, Buffalo Bill, Flaming Gorge, Fontenelle, Glendo, Keyhole, Pathfinder und Seminoe Reservoirs, die allesamt von tragender Bedeutung für die Landwirtschaft und die Wasserversorgung der Städte sind.
Die Flussläufe Wyomings haben ihren Ursprung an den Hängen der Gebirgsketten, die die kontinentale Wasserscheide darstellen. Der längste Fluss auf Wyomings Staatsgebiet ist der North Platte River im Südosten mit einer Länge von über 500 km. Er ist insofern auch von besonderem Rang, als an ihm drei der wasserreichsten Reservoirs liegen. Der Green River, mit fast 400 km drittlängster Fluss, wird zu zwei großen Stauseen aufgestaut, dem Fontenelle Reservoir und dem Flaming Gorge Reservoir, das sich bis ins benachbarte Utah zieht. Am Wind/Bighorn River, dem zweitlängsten in Wyoming (rund 500 km) befinden sich die Bighorn und Boysen Reservoirs, an denen der Ertrag der Landwirtschaft des Bighorn Basins hängt. Weitere Flussläufe von Bedeutung sind der Snake River, der Belle Fourche und der Powder River, der die Prärie im Nordosten durchzieht, die Flüsse Sweetwater und Laramie River im Südosten, die beide den North Platte speisen, die südwestlich gelegenen Black Fork, Hams Fork und Sandy Rivers (Big Sandy River, Little Sandy River), die in den Green River münden, sowie die kleineren Zubringerflüsse des Wind oder Bighorn River im Bighorn Basin: Greybull, Gooseberry Creek, Nowood und Shoshone.
Fauna
Die hochgelegenen Plains in Wyoming sind die Heimat von Hasen, Präriehunden, Kojoten, Gabelböcken, Klapperschlangen, Habichten, Moorhühnern und Fasanen. Bisons wie auch Gabelböcke waren Ende des 19. Jahrhunderts in den Plains aufgrund übermäßigen Jagens beinahe ausgerottet, ihr Bestand konnte sich aber dank weitreichender Schutzmaßnahmen stabilisieren. Nachdem die Gabelböcke unter Schutz gestellt worden waren, vermehrten sie sich wieder von etwa 5000 Tieren im Jahre 1903 auf heute mehr als eine halbe Million. Damit leben in Wyoming mindestens so viele Gabelböcke wie Menschen. Wyoming hat darüber hinaus die höchste Gabelbock-Population in den USA und besitzt in der Red Desert mit 40.000–50.000 Exemplaren auch die größte zusammenhängende Herde dieser Tiere in den USA. Die Bisons, von denen zu Kolumbus’ Zeiten Schätzungen zufolge zwischen 30 und 70 Millionen in gewaltigen Herden den nordamerikanischen Kontinent durchzogen, waren Ende des 19. Jahrhunderts auf unter 1000 Exemplare dezimiert worden. Einerseits verloren die massigen Tiere große Teile ihres Habitats und wurden durch die zunehmende Besiedelung an ihren Migrationszügen gehindert, andererseits wurden sie in weit überzogenem Maße bejagt, vor allem nachdem offensichtlich geworden war, dass mit dem Bison auch viele Indianervölker untergehen würden. Eine der letzten kleinen Bisonherden erhielt mit dem Yellowstone-Nationalpark ein gesichertes Rückzugsgebiet. Ihr Bestand konnte sich dort stabilisieren und lag im Jahr 2007 bei 4700 Tieren. Dies ist die größte frei lebende Herde in den gesamten USA. Zudem gibt es in Wyoming, ebenso wie in etlichen anderen Bundesstaaten, blühende Bison-Ranches, in denen allein in Wyoming tausende Tiere gezüchtet werden. Die Nachfrage nach Bisonfleisch und -leder ist erheblich.
Im Gegensatz zu den Plains sind die Rocky Mountains in Wyoming teilweise bewaldet. In den niederen Bereichen der Rockies leben Pumas, Rotluchse und Maultierhirsche, in den höher gelegenen Bereichen Dickhornschafe und Schneeziegen. Des Weiteren finden sich in den Bergen Säugetiere wie Grauhörnchen, Streifenhörnchen, Waschbären, Baumstachler und Stinktiere, in der Yellowstone-Region auch Wapitis, Elche, Wölfe, Schwarz- und Grizzlybären. Bis in die frühen Jahre des 19. Jahrhunderts waren Biber in den Bergen Wyomings weit verbreitet. Sie wurden ihrer Pelze wegen beinahe ausgerottet. Heute sind sie geschützt, ihr Bestand erholt sich langsam.
Unter den Hirscharten sind Wapitis (dieser Name entstammt der Sprache der Blackfoot-Indianer und bedeutet weißes Hinterteil, im Englischen werden sie als elk (nicht zu verwechseln mit Elch (moose)) bezeichnet und Maultierhirsche (mule deer)) die bekanntesten Vertreter. In Wyoming gibt es ca. 106.000 Wapitis (Stand 2001) und die größte Wüsten-Wapiti-Herde (desert elk herd) der Welt in der Red Desert. Die Zahl der Maultierhirsche dürfte in die Hunderttausende gehen, wobei in der Red Desert alleine 40.000–50.000 Exemplare anzutreffen sind.
Die nach wie vor gefährdeten Grizzlybären findet man vorwiegend im Größeren Yellowstone-Ökosystem, wo mit 500 bis 600 Tieren die größte Population in den USA lebt (insgesamt rund 1400 in Montana, Idaho, Washington und Wyoming im Gegensatz zu 50.000–100.000 vor der Entdeckung Nordamerikas bzw. dessen Besiedelung durch Europäer).
Die Zahl der Dickhornschafe liegt bei rund 6000 (Stand 2004) und die der Schneeziegen bei 100 bis 200 Exemplaren. Die Schneeziegen, die vorwiegend in und um den Yellowstone-Nationalpark leben, stellen insofern ein Problem dar, als sie ursprünglich nicht in Wyoming heimisch waren. Laut der Yellowstone-Parkverwaltung haben sie sich hier aber gut eingelebt und bedrohen die Authentizität der Fauna in der Region.
Countys
Liste der Countys in Wyoming
Klima
Wyoming besitzt ein semi-arides, kontinentales Klima, das mit allerlei Extremen aufwarten kann. Es wird durch mehrere geographische Faktoren geprägt, die sich auf verschiedene Art und Weise in den klimatischen Bedingungen widerspiegeln.
Überblick
Die Lage des Bundesstaates im Herzen des nordamerikanischen Kontinents, fernab jeglicher größerer Wasserflächen, die sich ausgleichend auf das Klima auswirken könnten, sorgt für ein streng kontinentales Klima, das sich durch heiße Sommer, kalte Winter und geringe Niederschläge auszeichnet. Die relativ hohe Lage weiter Teile des Landes (es gibt kaum Gegenden, die unter 1000 m Seehöhe liegen), gepaart mit südlicher Lage (grob zwischen dem 41. und 45. Breitengrad, was in Europa etwa der Höhe Mittelitaliens, Südfrankreichs und Nordspaniens entspricht) und trockener Luft, sorgt für starke Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht. Zudem wirken sich die Rocky Mountains entscheidend aus: Sie stellen einerseits eine regelrechte Barriere dar, die feuchte und regenreiche Luftmassen vom Pazifik abschirmt und so für semi-aride Verhältnisse in ihrem Regenschatten sorgen. Andererseits ermöglicht ihre Auffaltung in nord-südlicher Richtung einen mehr oder weniger ungehinderten Austausch der Luftmassen parallel dazu. Das heißt, es kann das ganze Jahr über zu plötzlichen polaren Kaltlufteinbrüchen kommen. Drittens ermöglicht das Gebirge aber auch genau den gegenteiligen Effekt: warme Fallwinde – bekannt als Chinook (vergleichbar dem Alpenföhn) – können vor allem im Winter für ungewöhnlich milde Temperaturen sorgen. Schließlich bedingen die Lage nahe dem Jet-Stream sowie weite, hügelige Prärielandschaften und Hochebenen ziemlich windige Gegebenheiten.
Detail
Im Detail lassen sich zwei lokale Klimatypen erkennen: Einerseits weisen die ausgedehnten Prärien, Hochebenen und Becken im Zentrum, Osten und Südwesten Wyomings ein kontinentales Steppenklima auf – etwa das Powder River Basin, Bighorn Basin, Great Divide Basin und Green River Basin, die mit den größten Orten (Casper, Cheyenne, Gillette, Green River, Rawlins, Rock Springs und Sheridan) auch ein Gros der Bevölkerung vereinen. Andererseits herrscht in den Gebirgsketten und Hochtälern über 1900 m ein Gebirgsklima vor – das betrifft z. B. die Absaroka Range, die Bighorn Mountains, Laramie Mountains, Wind River Range und Wyoming Range, die sich in nord-südlicher Richtung durch den Bundesstaat ziehen und mehrere Gipfel über 4000 m besitzen; in diesen Klimabereich fällt auch der gesamte weltbekannte Yellowstone-Nationalpark, der durchgängig über 2000 m liegt, und das südlich anschließende Gebiet von Jackson Hole, das für seine Wintersportmöglichkeiten berühmt ist.
Steppenklima
Das Steppenklima der Prärien zeichnet sich durch ausgesprochen kalte, aber sehr trockene Winter aus. Die Monate Dezember, Januar und Februar sind die trockensten des ganzen Jahres; die Temperaturen fallen nachts im Durchschnitt auf −13 bis −8 °C, während die Tageshöchstwerte trotz klirrenden Morgenfrosts meist um den Gefrierpunkt oder im zarten Plusbereich angesiedelt sind (typischerweise −1 bis +4 °C). Kältewellen, die ungehindert aus dem Norden einfallen können, sorgen gelegentlich für erhebliche Temperaturstürze und strengen Frost: Dann kann es nachts auf unter −30 °C abkühlen, und oft steigen auch tagsüber die Temperaturen nicht über −15 °C. Blizzards können auch plötzliche, starke Schneefälle einleiten, die das öffentliche Leben lahmlegen können. Wenn hingegen der warme Fallwind Chinook in den Becken und Ebenen durchgreift, kann es gut und gerne +15 °C geben (sogar in der Nacht); an Spitzentagen sind bis zu +20 °C möglich.
Im Frühling und Frühsommer steigt mit den Temperaturen auch die Feuchtigkeit. Es kann an bis zu zehn Tagen im Monat Niederschlag fallen (das ergibt zwischen 30 und 65 mm Niederschlag, was in weiten Teilen Mitteleuropas selbst in den trockensten Monaten selten erreicht wird!). Im Sommer fällt der Regen häufig in Form heftiger Gewitter, die sich über den aufgeheizten Prärien entladen und oft verheerenden Hagel, Sturm oder Blitzschlag bringen. Im Hochsommer wird es wieder trockener, und die Temperaturen steigen auf ein Durchschnittsmaximum von 27 bis 33 °C tagsüber. Nachts kühlt es in den meisten Gegenden allerdings durch Höhenlage, Trockenheit und Hochdruckzonen empfindlich ab (9–14 °C); außer im Juli und August kann es überall Morgenfrost geben. Andererseits sind Hitzewellen von über 35 °C nicht selten, vielerorts wurden bereits mehr als 40 °C gemessen; damit gehen häufig Trockenperioden einher, in denen jeglicher Niederschlag wochenlang ausbleiben kann. Im Herbst gibt es wieder einen geringfügigen Feuchtigkeitsanstieg, bevor mit dem Frost im Winter erneut sehr trockene Verhältnisse vorherrschen.
Manche Täler bekommen im Regenschatten der Rockies so wenig Niederschlag ab, dass sie als Halbwüsten bezeichnet werden können, so z. B. das Bighorn Basin, in dem im Jahr nur 130–200 mm Niederschlag fallen.
Gebirgsklima
Im Gebirge ist es generell kühler und feuchter. In den Bergketten und Hochtälern, vor allem im gebirgigen und hochgelegenen Nordwesten des Bundesstaates (mit Yellowstone und Jackson Hole), herrscht von Anfang Dezember bis Ende Februar Dauerfrost (z. B. Jackson: Nacht −18 °C, Tag −4 °C; bis unter −40 °C möglich). Dort kommt es im Gegensatz zu den Ebenen in der Winterjahreshälfte zum Niederschlagsmaximum, das ergiebig und meist in Form von Schnee fällt. Davon profitieren schneesichere Skigebiete in Jackson Hole und Umgebung, die bis zu 8 m Schnee pro Jahr ausfassen. Dies liegt an einem häufigen Wolkenstau, bedingt durch die Westwinddrift, die vom Pazifik feuchte Luftmassen Richtung Rocky Mountains schaufelt, wo sie ihre nasse Fracht abladen.
Bis spät in den Mai hinein kämpfen Winter und Frühling in den Gebirgsregionen, jagen sich Regenschauer, Sonne und Schneestürme. Erst im Hochsommer setzt sich trockeneres und wärmeres Wetter durch.
Prinzipiell kann es in Lagen über 2000 m jedoch zu jeder Jahreszeit schneien, auch im Juli. Die Sommer fallen generell sehr unterschiedlich aus: manchmal werden die Bergtäler unablässig von heftigen Gewittern heimgesucht, Hagel, Sturm, Blitzschlag und Starkregen inklusive, dann wieder ist es sehr trocken und sonnig; in manchen Jahren zeigt sich der Sommer sehr kühl (im Ort Jackson gibt es Sommer, in denen nie über 25 °C gemessen wurden), in anderen beinahe heiß (in Jackson wurden beispielsweise bis zu 36 °C gemessen). Morgenfrost gibt es praktisch jeden Sommer.
Wetterextreme
Die stark kontinentale Prägung des Klimas von Wyoming, gepaart mit lokalen Gegebenheiten, führt zu häufigen Wetterextremen. Im Winterhalbjahr sind dies vor allem Blizzards, die von Norden her einfallen und durch Eisregen und heftige Schneefälle das öffentliche Leben lahmlegen können. Außer im Hochsommer besteht immer Blizzardgefahr. Den Blizzards gegenüber stehen die Extreme des Sommers: Wochen flirrender Hitze und ohne jeglichen Niederschlag setzen der Landwirtschaft regelmäßig stark zu, ebenso wie die heftigen (Hagel-)Gewitter, die zahlreich niedergehen. Der Südosten des Bundesstaates liegt zudem im Einzugsbereich von Tornados, die zwar bedeutend weniger häufig und zerstörerisch auftreten als in den weiter südlich gelegenen Prärien, aber dennoch immer wieder übers Land fegen. Ein Wetterphänomen, das saisonunabhängig auftritt, sind beachtliche Temperaturstürze. Während die Tages- und Nachtschwankungen bereits erheblich sein können (bis zu 30 °C), lassen Luftmassenwechsel oder andere Windphänomene (Blizzards, Chinook) immer wieder die Temperaturen innerhalb weniger Stunden enorm steigen oder fallen. Temperaturschwankungen von bis zu 40 °C innerhalb von 24 Stunden wurden bereits beobachtet.
Die niedrigste je in Wyoming gemessene Temperatur beträgt −54,4 °C (= −66 °F). Dieser Rekord stammt aus gleich zwei Ortschaften, Riverside (2177 m) im Süden des Bundesstaates und Moran (2057 m) im Nordwesten nahe dem Yellowstone-Park, dem kältesten ständig bewohnten Ort Wyomings, und wurde am 9. Februar 1933 gemessen. Ähnlich niedrige Werte wurden seither nur im Yellowstone-Gebiet erreicht (−54 °C). Die höchste Temperatur wurde im Ort Basin im generell als heiß und trocken bekannten, halbwüstenhaften Bighorn Basin im nördlichen Zentrum registriert: sie betrug am 8. August 1983 46,7 °C (= 116 °F).
Bevölkerung
Wyoming ist seit 1985 der bevölkerungsärmste Bundesstaat der USA, zuvor war es Alaska. 2005 wurde die Bevölkerungszahl Wyomings auf 509.294 geschätzt. Damit hätte die Zahl innerhalb eines Jahres um 3.407 Personen zugenommen, was einem Bevölkerungswachstum von 0,7 Prozent entspricht. Seit der Volkszählung von 2000 stieg die Bevölkerung aufgrund einer höheren Geburts- als Sterberate um 12.165 und aufgrund einer höheren Zu- als Abwanderung um 4.035 Personen. 2004 lag der Ausländeranteil bei 11.000 Personen (2,2 Prozent).
Im Jahre 2000 waren 88,9 Prozent der Bevölkerung Weiße, 6,4 Prozent Hispanics, 2,3 Prozent Indianer, 0,8 Prozent Afroamerikaner, 0,6 Prozent Asiaten und 2,5 Prozent andere. 1,8 Prozent gehörten mehreren „Rassen“ an. Über ein Viertel der Bevölkerung (25,9 Prozent) hatte deutsche Vorfahren, 15,9 Prozent englische, 13,3 Prozent irische, 6,5 Prozent amerikanische und 4,3 Prozent norwegische.
Die Gegend war bereits vor den weißen Einwanderern sehr dünn besiedelt, was vor allem auf ungünstige geographische und klimatische Faktoren zurückzuführen ist. Die derzeit rund 12.000 Native Americans in Wyoming gehören vorwiegend den beiden Stämmen der Cheyenne und Arapaho an. Beinahe die gesamte Urbevölkerung lebt im einzigen Reservat des Bundesstaates im westlichen Zentrum, in der Wind River Indian Reservation, die mit 9148 km² als flächenmäßig siebtgrößte Reservation in den USA gereiht ist.
Religionen
In Wyoming gaben 2014 bei einer Umfrage des Pew Research Centers 71 % der Einwohner an, Christen zu sein. Die Christen teilen sich auf in Protestanten (43 %, davon 27 % Evangelikale und 16 % Mainline-Protestanten), Katholiken (14 %), Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage / Mormonen (9 %), Zeugen Jehovas (3 %) und kleinere Kirchen. Nicht-christlichen Glaubensgemeinschaften gehören zusammen 3 % an, wobei nur der Buddhismus über 1 % liegt. 26 % gaben an, keinen Glauben zu haben, davon bezeichneten sich je 3 % als Atheisten und Agnostiker. 20 % ordneten sich gar keiner Definition zu.
Bildung
Wyoming zählt insgesamt acht Colleges: Casper College, Central Wyoming College, Eastern Wyoming College, Laramie County Community College, Northwest College, Sheridan College, Western Wyoming Community College, Wyoming Technical Institute.
Die University of Wyoming in Laramie ist die einzige Universität des Bundesstaates.
Größte Städte
Mit Cheyenne und Laramie gehören zwei der größten Städte zur Front Range oder Front Range Urban Corridor. Dieses Siedlungsband unterhalb der östlichsten Bergkette der Rocky Mountains hat seinen Schwerpunkt mit Denver und Colorado Springs im Bundesstaat Colorado, reicht aber im Norden bis Cheyenne.
Die Kleinstadt Cody liegt ungefähr 40 km östlich des Yellowstone-Nationalparks. Sie beherbergt ein Buffalo-Bill-Museum, das dem Andenken an William Frederick ‚Buffalo Bill‘ Cody (1846–1917) dient. Buffalo Bill war Ende des 19. Jahrhunderts Mitbegründer der Stadt Cody.
Geschichte
Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war Wyoming zu einem großen Teil von Indianern folgender Stämme bewohnt: Absarokee, Arapaho, Bannock, Cheyenne, Lakota, Pawnee, nördliche und östliche Shoshone sowie Ute. Als die Weißen von Osten weiter und weiter nach Westen vordrangen, gerieten die Indianerstämme Wyomings immer stärker unter Druck.
Seit Ende des 17. Jahrhunderts gehörte Wyoming mit Ausnahme des Südwestens zur französischen Kolonie Louisiana. 1762 ging das Territorium an Spanien, 1800 wiederum an Frankreich. Drei Jahre später erwarben die USA mit dem Louisiana Purchase das Gebiet der Louisiana-Kolonie für 15 Millionen US-Dollar. Der südwestliche Teil gehörte erst zu Utah.
Ende des 18. Jahrhunderts stießen im Norden möglicherweise französische Fallensteller als erste Weiße in das Gebiet von Wyoming vor, gesichert sind aber erst die Reisen von John Colter im Jahre 1807 in die Yellowstone-Gegend. Seinen Berichten von Geysiren und anderen heißen Quellen schenkte kaum jemand Glauben. 20 Jahre später erkundete Jim Bridger den Südpass über die Rockies. Diese Route wurde ab 1841 Teil des Oregon Trails, über den viele Pioniere nach Westen vorstießen. Entlang des Trails schossen in kurzer Zeit viele Forts aus dem Boden, in Wyoming zum Beispiel Fort Laramie (1834) und Fort Bridger (1843). 1850 entdeckte Bridger auch den Bridger-Pass, den ab 1868 die Union Pacific Railroad für ihre Eisenbahnstrecke verwendete. Nachdem Wyoming mit der Eisenbahn erschlossen worden war, wurden von der Bahngesellschaft die ersten Städte wie Cheyenne, Laramie, Rawlins, Rock Springs und Evanston ausgewiesen. Im 20. Jahrhundert wurde ein Highway über den Bridger-Pass gebaut, der Interstate 80.
Nachdem die Union Pacific Railroad 1867 das Gebiet der heutigen Stadt Cheyenne erreicht hatte, stieg die Zahl der Weißen in Wyoming kontinuierlich an. Am 25. Juli 1868 gründeten diese das Wyoming Territory. Im Gegensatz zu den benachbarten Bundesstaaten Montana, South Dakota und Colorado gab es in Wyoming nie einen plötzlichen Bevölkerungszuwachs aufgrund von größeren Edelmetallfunden wie Gold und Silber. Einzig Kupfer wurde in verschiedenen Teilen Wyomings gefunden.
Das Wyoming-Territorium (aus dem der Bundesstaat später entstand) führte 1869 als erstes Gebiet der USA das Frauenwahlrecht ein. Wyoming hatte die erste Friedensrichterin und 1925 mit Nellie Tayloe Ross die erste Gouverneurin (Ministerpräsidentin) eines Bundesstaats der USA.
Im Jahre 1872 gründete die US-Regierung den ersten Nationalpark der Welt, den Yellowstone-Nationalpark, der zu 96 Prozent in Wyoming liegt.
Im 19. Jahrhundert führten viele Indianerstämme Wyomings einen verzweifelten Verteidigungskrieg gegen die einströmenden Weißen. Die verbündeten Lakota, Arapaho und Cheyenne siegten zwar in einigen Scharmützeln und Schlachten über Truppen der US-Armee – den bekanntesten Sieg trugen sie von der Schlacht am Little Bighorn (1876) davon – gegen Ende des 19. Jahrhunderts mussten sie aber vor der weißen Übermacht kapitulieren. Ein wesentlicher Faktor dabei war, dass die Weißen die Bisons systematisch abschossen und damit den Indianern die Lebensgrundlage entzogen. Einer, der sich bei der Bisonjagd besonders hervortat, war William Frederick Cody, besser bekannt als Buffalo Bill. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts lebten alle Indianer Wyomings in Indianerreservaten, meist außerhalb Wyomings. In Wyoming wurde einzig das Wind-River-Reservat gegründet, das von den östlichen Shoshone und den nördlichen Arapaho bewohnt wird.
Am 10. Juli 1890 wurde der Bundesstaat als 44. den USA angeschlossen. Wyoming bestand dabei jedoch darauf, dass das dort seit 1869 bestehende, uneingeschränkte Frauenwahlrecht bestehen bleibt. Der US-Kongress wollte dies nämlich im Zuge der Aufnahme Wyomings als 44. Bundesstaat der USA dort wieder abschaffen. Im Jahre 1892 kam es nach Landstreitigkeiten zwischen Weißen zum Johnson County War.
Neben der Landwirtschaft entwickelte sich der Bergbau zum wichtigsten Wirtschaftszweig. Im Jahr 1924 führten Unregelmäßigkeiten bei der Zuteilung von Ölreserven in der Nähe von Casper zum Teapot-Dome-Skandal, dem größten politischen Bestechungsskandal der USA der frühen 1920er Jahre.
Politik
Die erste Verfassung Wyomings aus dem Jahre 1890 ist noch immer in Kraft. An der Spitze der Exekutive steht der Gouverneur, der für vier Jahre direkt gewählt wird. Die Legislative Wyomings (Wyoming Legislature) besteht aus einem Senat mit 30 und einem Repräsentantenhaus mit 60 Mitgliedern. Der Bundesstaat schickt entsprechend seiner Einwohnerzahl einen Abgeordneten in das Repräsentantenhaus und wie alle Staaten zwei Senatoren in den Senat. Bei Präsidentschaftswahlen stellt er drei Wahlmänner.
Wyoming gilt als einer der konservativsten und auf nationaler Ebene gesehen einer der am zuverlässigsten republikanisch wählenden Staaten der USA. Seit 1964 hat Wyoming nicht mehr für einen demokratischen Präsidentschaftskandidaten gestimmt. In der Präsidentschaftswahl 2004 hat George W. Bush mit 69 % der Stimmen den drittgrößten Wahlerfolg verbuchen können. Trump erzielte mit 69,9 % 16 Jahre später auf Staatenebene in Wyoming sein bestes Ergebnis. Bushs Vizepräsident Dick Cheney wuchs in Casper, Wyoming, auf und vertrat den Staat von 1979 bis 1989 im Kongress.
Allerdings wurde seit 1975 das Gouverneursamt überwiegend von Demokraten besetzt. Der langjährige Gouverneur Dave Freudenthal wurde 2002 und 2006 gewählt und hatte eine der höchsten Zustimmungsraten des ganzen Landes. Als er nach zwei Amtszeiten nicht erneut kandidieren durfte, wurde er im Januar 2011 durch den Republikaner Matt Mead abgelöst, der 2014 wiedergewählt wurde. Mead wurde 2019 von Mark Gordon abgelöst, der ebenfalls Republikaner ist.
Im Kongress wird Wyoming durch die Senatoren Cynthia Lummis und John Barrasso sowie die Abgeordnete Liz Cheney vertreten; alle gehören den Republikanern an.
Kongress
Liste der Mitglieder des US-Repräsentantenhauses aus Wyoming
Liste der US-Senatoren aus Wyoming
Gouverneure
Liste der Gouverneure von Wyoming
Kultur und Sehenswürdigkeiten
Nationalparks
Naturdenkmäler
State Parks
State Parks in Wyoming
Sport
Aufgrund seiner geringen Bevölkerungszahl fehlt es in Wyoming an großen Profi-Sportmannschaften. Einige der beliebtesten Sportmannschaften im US-Bundesstaat sind die 17 Universitätssportteams der University of Wyoming in der National Collegiate Athletic Association. Die Mannschaften der Universität sind die Cowboys bzw. Cowgirls und sind Mitglied der Mountain West Conference (in den Sportarten Basketball, Cross Country, American Football, Golf, Fußball, Softball, Leichtathletik, Tennis und Volleyball), Western Athletic Conference (in Schwimmsport) sowie der Big 12 Conference (Ringen). Ihre Sportstätten befinden sich in Laramie auf etwa 2200 m über dem Meeresspiegel.
Zudem ist in Wyoming auch Rodeo sehr beliebt, in Casper finden seit 2001 die College National Finals Rodeo statt.
Staatssymbole
Folgende Symbole gelten als bundesstaatliche Wahrzeichen von Wyoming:
Wirtschaft und Infrastruktur
Das reale Bruttoinlandsprodukt pro Kopf (engl. per capita real GDP) lag im Jahre 2016 bei USD 64.659 (nationaler Durchschnitt der 50 US-Bundesstaaten: USD 57.118; nationaler Rangplatz: 9). Die Arbeitslosenrate lag im November 2017 bei 4,5 % (Landesdurchschnitt: 4,1 %).
Historisch gesehen waren Rinder- und Schafzucht die wichtigsten Erwerbszweige in Wyoming und sind immer noch ein wichtiger Bestandteil der Kultur und Lebensart. Wichtigster Wirtschaftszweig ist aber heute der Bergbau (vor allem Erdöl, Erdgas, Kohle, Salz, Uran-, Eisenerz, Trona sowie in den vergangenen zehn Jahren auch vermehrt Methangasgewinnung). Dank künstlicher Bewässerung werden etwas Weizen, Bohnen und Zuckerrüben angebaut. Der Tourismus spielt vor allem in den Rocky Mountains, den beiden Nationalparks und den National Monuments eine bedeutende Rolle.
Der größte Flughafen in Wyoming ist der Jackson Hole Airport. Drei Interstate Highways (25, 80 und 90) sowie die Zubringerstrecke Interstate 180 und dreizehn United States Highways führen durch Wyoming.
Militär
Bei Cheyenne befindet sich die Francis E. Warren Air Force Base mit dem Hauptquartier der Twentieth Air Force. Die Francis E. Warren Air Force Base ist außerdem Basis von drei Staffeln Minuteman III des 90th Missile Wing der US Air Force. Ihr unterstehen 150 in ständiger Einsatzbereitschaft gehaltene nukleare Interkontinentalraketen des Typs Minuteman III, deren Stationierungsraum sich über den Südosten von Wyoming, den Westen von Nebraska und den Norden von Colorado erstreckt.
Literatur
John Gottberg: Hidden Wyoming. Ulysses Press, Berkeley 1999, ISBN 1-56975-175-7.
T. A. Larson: History of Wyoming. 2., verbesserte Auflage. University of Nebraska, Lincoln 1990, ISBN 0-8032-7936-1.
Weblinks
Offizielle Website (engl.)
US-Census (engl.)
Atlas von Wyoming (engl.)
Einzelnachweise
Bundesstaat der Vereinigten Staaten
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Q1214
| 1,641.911995 |
13886
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https://de.wikipedia.org/wiki/Chabarowsk
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Chabarowsk
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Chabarowsk ( ; historisch auch ) ist eine Stadt in Russland am Amur, nahe der Grenze zu China. Sie hat Einwohner (Stand ) und ist die Hauptstadt der Region Chabarowsk im russischen Föderationskreis Fernost.
Geographie
Chabarowsk liegt im Fernen Osten Russlands am Fluss Amur auf 25 m ü. NN, in derselben Zeitzone wie die russische Pazifik-Metropole Wladiwostok. Das Klima ist kontinental mit Temperaturen von −26 °C im Januar und +26 °C im Juli. Es ist im Winter (es wird selten kälter als −30 Grad mittags) deutlich milder als nördlich oder westlich der Region Chabarowsk. Dafür weht häufig ein eisiger Wind über den Amur und durch die riesige Ebene, in der die Stadt liegt.
Der Amur führt bei Chabarowsk 1000 m³/s Wasser (Januar 1985) bzw. 17.300 m³/s Wasser (Mai 1985) und ändert immer wieder sein Flussbett, was besonders für den Grenzverlauf mit China Folgen hat, der immer wieder auf der politischen Tagesordnung ist. Er fließt direkt an der Stadt entlang, nachdem etwas flussaufwärts der ebenfalls mächtige Ussuri in den Amur mündet. Der Amur verzweigt sich neben seinem Hauptarm in unzählige Nebenarme. Er ist im Stadtgebiet ca. zwei Kilometer breit und fließt weiter in den Tatarensund zwischen dem russischen Festland und der Insel Sachalin. Im Winter ist der Fluss stets zugefroren (November bis März) und wird zum Teil auch mit Radfahrzeugen befahren (seltener seit Fertigstellung der Straßenebene auf der Eisenbahnbrücke über den Fluss). Im Sommer wird er als Verkehrsweg genutzt, da er von Chabarowsk bis zur Mündung schiffbar ist.
Seit dem Unfall in einem Chemiewerk in China im Herbst 2005, wodurch auch der Amur vergiftet wurde, ist das Baden, das auch vorher zumindest am Strand der Chabarowsker Innenstadt wegen der schlechten Wasserqualität schon problematisch war, generell bedenklich geworden.
Geschichte
Vor 2000
Chabarowsk wurde 1858 als Militärposten an der Mündung des Ussuri in den Amur gegründet und nach dem Kosaken Jerofei Pawlowitsch Chabarow, der im 17. Jahrhundert die Gegend erkundete, Chabarowka genannt. 1895 erhielt es seinen heutigen Namen.
Von August 1920 bis November 1922 gehörte die Stadt zur Fernöstlichen Republik, einem Marionettenstaat Sowjetrusslands. Im November 1922 wurde die Fernöstliche Republik Sowjetrussland eingegliedert.
Im Januar 1926 wurde der Fernöstliche Kraj mit der Hauptstadt in Chabarowsk geschaffen.
Während des Sowjetisch-chinesischen Grenzkriegs 1929 befand sich das Hauptquartier der Roten Armee in Chabarowsk. Bis heute ist der Ort Hauptstützpunkt des Militärbezirks Ferner Osten.
1938 wurde der Fernöstliche Kraj in Kraj Chabarowsk und Kraj Primorje aufgeteilt.
1949 fanden in der Stadt die Kriegsverbrecherprozesse gegen zwölf Mitglieder der japanischen Armee statt.
Nach 2000
Von 2000 bis Dezember 2018 war die Stadt das Verwaltungszentrum des Föderationskreises Ferner Osten.
Die Gouverneurswahlen in Kraj Chabarowsk von 2013 wurden von Wiatscheslaw Sport aus der Partei Einiges Russland gewonnen. Nach den Wahlen für das regionale Parlament von 2014 erhielt Einiges Russland 30 aus 36 Mandaten.
2018 wurden die Gouverneurswahlen überraschend von einem ehemaligen Geschäftsmann und Mitglied der LDPR, Sergei Furgal, gewonnen. Er wurde schnell populär, und nach den Wahlen für das regionale Parlament von 2019 erhielt die LDPR 30 Mandate aus 36, die Partei Einiges Russland hingegen nur zwei.
Während der im Juni und Juli 2020 stattgefundenen Volksbefragung zu den Verfassungsänderungen war die Beteiligung in Kraj Chabarowsk eine der niedrigsten in Russland, der Anteil der Ja-Stimmen war ebenfalls unterdurchschnittlich.
Am 9. Juli wurde der Gouverneur Sergei Furgal angeblich wegen der Beteiligung an 2004 und 2005 stattgefundenen Morden festgenommen und nach Moskau gebracht. Präsident Putin setzte ihn nach wenigen Tagen per Dekret ab und ernannte Michail Degtjarjow zum amtierenden Gouverneur von Chabarowsk. Michail Degtjarjow war bis Dezember 2005 Mitglied der Partei Einiges Russland und Funktionär der putinfreundlichen Jugendorganisation Die gemeinsam Gehenden, danach wechselte er zur LDPR, galt aber weiterhin als putintreues Mitglied in der russischen Systemopposition.
Nach der Verhaftung von Furgal und besonders nach dem Amtsantritt des nie zuvor im russischen Fernosten gewesenen Degtjarjow flammten in Chabarowsk und anderen Orten der Region Proteste auf.
Bevölkerungsentwicklung
Anmerkung: Volkszählungsdaten
Sport
Zu den bekanntesten Sportvereinen der Stadt gehört der Eishockey-Club HK Amur Chabarowsk, der am Spielbetrieb der Kontinentalen Hockey-Liga (KHL) teilnimmt. Seine Heimspielstätte ist die 2003 fertiggestellte Mehrzweckhalle Platinum Arena, die knapp 7100 Zuschauerplätze zu bieten hat und außer für Eishockeyspiele auch für Volleyballpartien sowie für Konzerte mit einer Kapazität bis zu 8500 Plätzen genutzt wird.
In Chabarowsk ist der Fußballverein FK SKA-Chabarowsk beheimatet, der die Stadt in der zweithöchsten russischen Spielklasse vertritt. Die Spiele werden im Lenin-Stadion ausgetragen.
Der Bandyverein HK SKA-Neftjanik Chabarowsk nimmt am Spielbetrieb der Superliga teil. Die Bandy-Weltmeisterschaft 1981 wurde in Chabarowsk im Lenin-Stadion ausgetragen. Die Bandy-Weltmeisterschaft 2015 fand ebenfalls in der Stadt statt, dieses Mal unter dem Dach der Jerofej Arena.
Im Winter werden regelmäßig Eisskulpturen auf den öffentlichen Plätzen gefertigt und ausgestellt. Sogar Eisbildhauer aus Harbin kommen, um an den Wettbewerben teilzunehmen.
Wirtschaft
Nahezu 75 % der Stadtbevölkerung sind im industriellen Sektor (Maschinenbau) beschäftigt.
Wie die gesamte Region Fernost profitiert Chabarowsk vom Engagement japanischer und koreanischer Investoren.
Die Investitionen gehen hauptsächlich in den Bergbau, die Ausbeutung von natürlichen Ressourcen, die Umwandlung ehemaliger Rüstungsbetriebe, die Entwicklung eines Transportsystems und auch in die Produktion von Konsumgütern. Die ausländischen Investitionen werden auf über 120 Millionen US-Dollar geschätzt.
Am 31. Dezember 2009 hat die russische Regierung beschlossen, in der Region Chabarowsk auf dem Territorium des Gebiets Sowjetskaja Gawan, einschließlich des Territoriums des gleichnamigen Hafens, eine Sonderwirtschaftszone zu errichten.
Verkehr
In Chabarowsk, 700 Kilometer vor Wladiwostok, überquert die Transsibirische Eisenbahn auf einer drei Kilometer langen Brücke den Amur. Die Stadt ist Verwaltungssitz der Fernöstlichen Regionaldirektion der Russischen Staatsbahn. Die Direktion betreibt nicht nur alle Eisenbahnlinien samt zugehöriger Infrastruktur im Großraum Chabarowsk, sondern auch ein über 5991 Kilometer langes Schienennetz vorwiegend im Föderationskreis Ferner Osten.
Den ÖPNV der Stadt übernimmt unter anderem die Straßenbahn Chabarowsk. Das meistgenutzte Verkehrsmittel sind allerdings Busse und private Kleinbusse (Marschrutkas). Man bezahlt pro Fahrt, muss also beim Umsteigen eine neue Fahrkarte kaufen. Bislang (Stand 2008) gibt es keine Zeitkarten oder Tageskarten. Veteranen und Rentner fahren aber in staatlichen und manchen privaten Verkehrsmitteln kostenlos.
Chabarowsk besitzt einen Flughafen, der 1993 umgebaut (neues Terminal) und 2007 generalrenoviert wurde. Von Moskau fliegen z. B. Aeroflot, S7 Airlines und Domodedovo Airlines direkt nach Chabarowsk. Ferner gibt es internationale Verbindungen nach Japan, Korea und China sowie etliche regionale Verbindungen, z. B. nach Magadan, Juschno-Sachalinsk, Wladiwostok, Blagoweschtschensk und andere.
Das Straßennetz wird in jüngster Zeit vielfach erweitert und ist meist von recht guter Qualität. Nur Straßen zu entlegeneren Ortschaften sind nicht asphaltiert. Die Zunahme des Rohstoff- und Mineralienabbaus in großen Minen der teils entlegenen Regionen dürfte weitere Investitionen nach sich ziehen.
Die Fernost-Kindereisenbahn ist eine schmalspurige Pioniereisenbahn in Chabarowsk.
Die Fernstraße R297 Amur verbindet die Stadt mit Tschita größtenteils entlang des namensgebenden Flusses Amur. Hier beginnt auch A370 Ussuri und führt auf einer Gesamtlänge von 760 km nach Wladiwostok. Ebenfalls in Chabarowsk beginnt die A375 Wostok, die nach 824 km in Nachodka endet. Die 695 km lange Fernstraße A376 verbindet Chabarowsk mit Komsomolsk am Amur.
Auf dem Amur findet in der eisfreien Zeit ein Güterverkehr mit dem flussaufwärts gelegenen chinesischen Fuyuan statt.
Im Juli 2022 wurde der Bau einer mautpflichtigen Autobahn abgeschlossen, die Chabarowsk östlich umgeht.
Bildung
In Chabarowsk befinden sich folgende Hochschulen:
Staatliche Geisteswissenschaftliche Universität des Fernen Ostens
Staatliche Medizinische Universität des Fernen Ostens
Staatliche Universität der Pazifikregion
Staatliche Universität für Verkehrswesen des Fernen Ostens
Söhne und Töchter der Stadt
Andrey Alexander, Künstler, Regisseur und Autor
Sergei Serensen (1905–1977), Ingenieur und Werkstoffwissenschaftler
Hŏ Ka-i (1908–1953), sowjetisch-nordkoreanischer Politiker
Nikifor Popow (1911–1983), Langstreckenläufer
Alexander Komarow (1923–2013), Eishockeyspieler und -trainer
Wadim Krotow (1932–2015), Mathematiker, Kybernetiker und Hochschullehrer
Juri Schabanow (1937–2010), Schachgroßmeister
Adolf Schajewitsch (* 1937), seit 1983 Rabbiner der Choral-Synagoge, der Hauptsynagoge von Moskau
Alexei Nikantschikow (1940–1972), Fechter
Inna Medwedskaja (* 1943). Iranistin
Alexander Fischer (* 1944), sowjetisch-österreichischer Jazz-Trompeter
Galina Piljuschenko (* 1945), Skilangläuferin
Igor Sacharow-Ross (* 1947), Pionier auf dem Gebiet des interdisziplinären Kunstschaffens
Sergei Bodrow (* 1948), Filmregisseur, Drehbuchautor und Produzent
Tatyana Karimova (* 1948), usbekische Wirtschaftswissenschaftlerin
Sergei Schtogrin (* 1948), Politiker
Wiktor Kowaljow (1953–2007), Bandyspieler und -trainer
Konstantin Sidenko (* 1953), Admiral
Efim Zelmanov (* 1955), Mathematiker
Aljaksandr Kassjankou (* 1956), belarussischer Wasserspringer
Natalja Polosmak (* 1956), Archäologin und Hochschullehrerin
Andrej Tschmil (* 1963), ehemaliger Profi-Radrennfahrer, der 1998 die belgische Staatsbürgerschaft annahm
Jelena Chudaschowa (* 1965), Basketballspielerin
Sergei Tschepikow (* 1967), Biathlet
Alexander Mogilny (* 1969), Eishockeyspieler
Leonid Schaposchnykow (* 1969), ukrainischer Ruderer
Sergei Ugrjumow (* 1971), Theater- und Filmschauspieler
Pjotr Buslow (* 1976), Filmregisseur
Julija Nemaja (* 1977), Eisschnellläuferin
Pjotr Dubrow (* 1978), Raumfahrer
Dmitri Tarassow (1979–2023), Eishockeyspieler
Alexander Blinow (* 1981), Sportschütze
Gleb Klimenko (* 1983), Eishockeyspieler
Iwan Skobrew (* 1983), Eisschnelllauf-Allrounder
Jewgeni Zaregorodzew (* 1983), Eishockeytorhüter
Oleksandr Alijew (* 1985), ukrainischer Fußballspieler
Anton Konowalow (* 1985), Skirennläufer
Olena Kostewytsch (* 1985), ukrainische Weltmeisterin und Olympiasiegerin im Wettbewerb der 10 m-Luftpistole
Anton Mindlin (* 1985), Bahn- und Straßenradrennfahrer
Alexander Panschinski (* 1989), Skilangläufer
Jewgeni Gratschow (* 1990), Eishockeyspieler
Dmitri Lugin (* 1990), Eishockeyspieler
Georgi Berdjukow (* 1991), Eishockeyspieler
Stanislaw Botscharow (* 1991), Eishockeyspieler
Anna Prugowa (* 1993), Eishockeytorhüterin
Darja Serenko (* 1993), Lyrikerin, Kuratorin und Künstlerin, Feministin und LGBT-Aktivistin
Michail Grigorenko (* 1994), Eishockeyspieler
Artjom Sub (* 1995), Eishockeyspieler
Lew Kazman (* 2001), Tischtennisspieler
Städtepartnerschaften
Chabarowsk listet folgende Partnerstädte auf:
Niigata, Japan, seit 1965
Portland, Vereinigte Staaten, seit 1988
Victoria, Kanada, seit 1990
Harbin, Volksrepublik China, seit 1993
Bucheon, Südkorea, seit 2002
Sanya, Volksrepublik China, seit 2011
Ch’ŏngjin, Nordkorea, seit 2011
Einzelnachweise
Weblinks
www.khb.ru (russisch)
www.khv.ru (russisch)
www.khabarovsk.kht.ru (russisch)
www.dh.ru (russisch)
Deutsch-Russische Kulturtage
Ort in der Region Chabarowsk
Sonderwirtschaftszone
Hauptstadt eines Föderationssubjekts Russlands
Hochschul- oder Universitätsstadt in Russland
Gegründet 1858
Ort am Amur
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Q4454
| 125.852781 |
13786
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https://de.wikipedia.org/wiki/Peking
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Peking
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Peking, auch Beijing (, ), ist die Hauptstadt der Volksrepublik China. Peking hat eine über dreitausendjährige Geschichte und ist eine der vier regierungsunmittelbaren Städte Chinas, das heißt, sie hat den Rang einer Provinz.
Das gesamte 16.411 Quadratkilometer (fast halb so groß wie Nordrhein-Westfalen) große Verwaltungsgebiet Pekings hat 21.893.095 Einwohner (Stand: Zensus 2020). Der größte Teil der Fläche ist ländlich strukturiert, und darin eingebettet liegen außer der Kernstadt Peking noch weitere städtische Siedlungen. Von der Gesamtbevölkerung sind 11,8 Millionen registrierte Bewohner mit ständigem Wohnsitz () und 7,7 Millionen temporäre Einwohner () mit befristeter Aufenthaltsgenehmigung (). Wird die Kernstadt (hohe Bebauungsdichte und geschlossene Ortsform) als Grundlage genommen, leben in Peking rund 7,7 Millionen Menschen mit Hauptwohnsitz; der Ballungsraum (einschließlich Vororte) hat 11,8 Millionen Einwohner (Stand 2007). Ab 2018 soll die Metropole Kern einer Megalopolis von 130 Millionen Einwohnern namens Jing-Jin-Ji werden.
Peking ist als Hauptstadt das politische Zentrum Chinas. Aufgrund der langen Geschichte beherbergt Peking ein bedeutendes Kulturerbe. Dies umfasst die traditionellen Wohnviertel mit Hutongs, den Tian’anmen-Platz (), die 1987 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärte Verbotene Stadt, den neuen und alten Sommerpalast und verschiedene Tempel, wie z. B. 2012 den Himmelstempel, den Lamatempel und den Konfuziustempel.
Etymologie
Namen im Deutschen
Der Name Beijing, deutsch Peking (), bedeutet wörtlich „Nördliche Hauptstadt“. Auf die gleiche Art und Weise ist auch der Name der Stadt Nanjing () für „Südliche Hauptstadt“' gebildet worden. Gleiches gilt zudem für das japanische Tokio () und das vietnamesische Đông Kinh (alte Bezeichnung für Hanoi), die beide „Östliche Hauptstadt“ (in ihrem jeweiligen Bezugsrahmen) bedeuten und im Chinesischen Dōngjīng () heißen.
Der im Deutschen übliche Name „Peking“ folgt der Schreibweise des alten Transkriptionssystems der Chinesischen Post. Auf Hochchinesisch wird die Stadt [] () ausgesprochen. In der offiziellen Transkription Pinyin wird sie demnach Běijīng bzw. ohne Tonzeichen Beijing geschrieben. In den 1930er Jahren befand sich auch die Umschrift Peiping oder Pekin im Mediengebrauch.
In Deutschland wird zum Beispiel auch vom Auswärtigen Amt nach wie vor die Schreibweise „Peking“ verwendet. Aufgrund der Pressezensur seitens der chinesischen Regierung wird in deutschsprachigen Publikationen aus China ausschließlich die amtliche chinesische Schreibweise Beijing verwendet. Die deutschen Medien nutzen diese Form verstärkt. Dagegen hieß die Stadt historisch auf Deutsch auch „Pekingen“ und „Pecking“.
Adaptationen
Der Peking-Mensch sowie die Hunderasse Pekingese sind nach der Stadt benannt.
Geographie
Geographische Lage
Peking liegt 110 Kilometer nordwestlich des Golfs von Bohai inmitten der Provinz Hebei, ist jedoch eine unabhängig verwaltete regierungsunmittelbare Stadt mit einer Fläche von 16.807,8 km², das entspricht in etwa der Bodenfläche des Freistaats Thüringen oder der Steiermark. Davon gehören aber nur 1.369,9 km² (8 %) zur Kernstadt (hohe Bebauungsdichte und geschlossene Ortsform). 15.398,4 km² (92 %) bestehen aus Vorstädten und Gebieten mit ländlicher Siedlungsstruktur. Die Metropolregion Peking, einschließlich des die eigentliche Stadt umgebenden Vorortgürtels, hat eine Fläche von 8.859,9 km².
Die Stadt befindet sich am nordwestlichen Rand der dicht bevölkerten Nordchinesischen Tiefebene durchschnittlich 63 Meter über dem Meeresspiegel und ist von Bergen (Mongolisches Plateau) umgeben. Die höchste Erhebung des Verwaltungsgebietes von Beijing ist der Ling Shan (genauer: Dongling Shan ) mit 2303 Metern. In Nord-Süd-Richtung erstreckt sich das Gebiet über 180 km, in Ost-West-Richtung über 170 km. Weitere große Städte im Verwaltungsgebiet von Peking sind (Stand 1. Januar 2007): Mentougou 205.574 Einwohner, Tongzhou 169.770 Einwohner, Shunyi 122.264 Einwohner, Huangcun 109.043 Einwohner und Fangshan 100.855 Einwohner.
Geologie
Die Nordchinesische Ebene (Große Ebene), in der Peking liegt, ist geologisch ein Einbruchsfeld, das später von den Deltabildungen der nordchinesischen Ströme ausgefüllt wurde. Sie besteht aus Schwemmlöss und Sanden, die von den Flüssen aus den westlichen Gebirgsländern herangeführt worden sind. Die Ebene ist also eine Fortsetzung des Lösslandes.
Auch klimatisch – heißfeuchte Sommer und trockenkalte Winter mit Staubstürmen – und pflanzengeographisch – Parklandschaft mit steppenhaften Zügen – ähnelt sie den benachbarten Lössbergländern. Die Nordchinesische Ebene stellt einen riesigen Schwemmkegel dar, den der Huang He, der schlammreichste Fluss der Erde, im Laufe vieler Jahrtausende aufgeschüttet hat und dessen Ausläufer nördlich und südlich der Halbinsel Shandong das Gelbe Meer erreichen.
Das Gebiet ist starken tektonischen Spannungen ausgesetzt die immer wieder zu Erdbeben führen, darum wurde bereits 1930 die Jiufeng-Erdbebenstation eingerichtet. Ursache ist die langsame Verschiebung der indischen Kontinentalplatte nach Norden in die eurasische Kontinentalplatte. Die Geschwindigkeit der Plattentektonik beträgt im Mittel etwa vier Zentimeter pro Jahr.
Am 28. Juli 1976 ereignete sich in Tangshan, 140 km östlich von Peking, das folgenschwerste Erdbeben des 20. Jahrhunderts (siehe Beben von Tangshan 1976). Es hatte eine Stärke von 8,2 auf der Richterskala. Die offizielle Angabe der Regierung der Volksrepublik China über die Zahl der Toten beträgt 242.419, doch manche Schätzungen geben eine Zahl bis zu 800.000 Toten an, auch die Stärke wird offiziell nur mit 7,8 angegeben. Das Beben führte auch in Peking und anderen Städten der Region zu Schäden.
Stadtgliederung
Die Innenstadt von Peking (rot und blau markiert) ohne Vorortgürtel setzt sich aus sechs Stadtbezirken zusammen. Am 1. Juli 2010 wurden der Stadtbezirk Chongwen () in den Stadtbezirk Dongcheng und der Stadtbezirk Xuanwu () in den Stadtbezirk Xicheng eingegliedert.
Chaoyang (),
Dongcheng (),
Fengtai (),
Haidian (),
Shijingshan (),
Xicheng (),
In der nahen Umgebung der Innenstadt von Peking (grün markiert) befinden sich weitere sechs Stadtbezirke. Diese wurden zwischen 1986 und 2001 aus Kreisen in Stadtbezirke umgewandelt.
Mentougou (),
Fangshan () – Kreis Fangshan bis 1986,
Tongzhou () – Kreis Tongxian bis 1997,
Shunyi () – Kreis Shunyi bis 1998,
Changping () – Kreis Changping bis 1999,
Daxing () – Kreis Daxing bis 2001.
Weiter vom Innenstadtgebiet entfernt gibt es vier weitere Stadtbezirke (gelb markiert). Diese wurden 2001 und 2015 aus ehemaligen Kreisen gebildet.
Stadtbezirk Pinggu () – Kreis Pinggu bis 2001.
Stadtbezirk Huairou () – Kreis Huairou bis 2001.
Stadtbezirk Miyun (),– Kreis Miyun bis 2015.
Stadtbezirk Yanqing ().– Kreis Yanqing bis 2015.
Klima
Obwohl Peking nur etwa 150 Kilometer von der Küste entfernt liegt, hat es aufgrund der Lage im Westwindgürtel ein gemäßigtes, kontinentales Klima, das heißt warme, feuchte Sommer und kalte, trockene Winter. Der Jahresniederschlag beträgt 578 mm im Mittel, davon fallen etwa 62 % in den Monaten Juli und August.
Die Jahresdurchschnittstemperatur liegt bei 11,8 °C. Wärmster Monat ist der Juli mit einer mittleren Tageshöchsttemperatur von 30,8 °C und einer mittleren Tagestiefsttemperatur von 21,6 °C. Der kälteste Monat ist in der Gegend um Peking der Januar mit einer mittleren Tageshöchsttemperatur von 1,6 °C und einer mittleren Tagestiefsttemperatur von −9,6 °C.
Im Winter herrschen Temperaturen bis zu −20 °C und ein eisiger, aus den Ebenen der Inneren Mongolei wehender Wind. Der Sommer (Juni bis August) ist schwül und heiß mit Temperaturen bis zu 40 °C, der kurze Frühling (April und Mai) trocken, aber windig. Im Herbst (September und Oktober) herrscht trockenes und mildes Wetter.
Wenn der Wind aus dem Süden oder Südosten kommt, ist die Sicht, vor allem von Juni bis August, schlecht. Wenn der Wind hingegen aus dem Norden kommt, wird es im Winter sehr kalt, und im Frühjahr gibt es dann die Sandstürme. Die höchste Temperatur wurde offiziell am 15. Juni 1942 mit 42,6 °C gemessen, die tiefste am 22. Februar 1966 mit −27,4 °C.
Umweltprobleme
Die chinesische Hauptstadt hat mit zahlreichen Umweltproblemen zu kämpfen. Dazu gehören eine übermäßige Verschmutzung der Flüsse, Probleme bei der Trinkwasserversorgung, Luftverschmutzung, Defizite im öffentlichen Personennahverkehr und eine übermäßige Verkehrsbelastung. Seit Anfang der 1990er Jahre unternimmt die Regierung verstärkt Anstrengungen, um den Umweltschutz zu fördern. Es wurden Gesetze zum Recycling, zur Umweltverträglichkeitsprüfung, zur Steigerung der Energieeffizienz und zur Luftreinhaltung erlassen.
Zur Verbesserung der Luftqualität wurden strengere Abgasregeln erlassen. Seit dem 1. Januar 2003 wurden nur noch Personenkraftwagen zugelassen, welche die Euronorm 2 erfüllen. Seit dem 1. März 2008 müssen alle Neuwagen den Euro-IV-Standard erfüllen. Zahlreiche dieselbetriebene Busse wurden durch Erdgasbusse ersetzt. Außerdem stieg der Anteil von elektrisch betriebenen Oberleitungsbussen an den insgesamt 18.000 Omnibussen in Peking auf rund fünf Prozent. Auch wird der schienengebundene Nahverkehr, besonders das U-Bahn-Netz, stark ausgebaut. Die Luftverschmutzung in der Metropole ist jedoch weiterhin bedenklich. Der hohe Gehalt an Feinstaub und anderen Luftschadstoffen stellt ein großes Problem dar.
Im Rahmen des Saubere-Luft-Plans wurden von 2013 bis 2017 alle Kohlekraftwerke der Stadt stillgelegt und durch emissionsarme Gaskraftwerke ersetzt. Ebenfalls wurde ein Programm aufgelegt, das zum Ziel hat mit Kohle beheizte Wohngebäude auf elektrische Wärmepumpenheizungen umzustellen.
Die Luftqualität der Hauptstadt gilt nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als eine der schlechtesten der Welt. Die Ursachen liegen sowohl in den zahlreichen Fabrikanlagen und Kraftwerken als auch am Verkehr und in den privaten Haushalten. Bedingt durch die schnelle Verstädterung, das stark gestiegene Verkehrsaufkommen und die Industriekonzentration im Ballungsraum stellen die übermäßige Emissionsbelastung und der Smog eine ernsthafte Bedrohung für die öffentliche Gesundheit dar. Während Inversionswetterlagen nehmen besonders Atemwegserkrankungen unter der Bevölkerung der Hauptstadt zu.
Geschichte
Urgeschichte
Im Gebiet der heutigen Stadt Peking lebten schon vor 770.000 ± 80.000 Jahren Vertreter des Homo erectus; sie wurden unter der Herkunftsbezeichnung Peking-Menschen bekannt, nachdem ihre Überreste in den 1920er und 1930er Jahren in Zhoukoudian, 50 km südwestlich der Stadtmitte, entdeckt worden waren.
Am Fundort wurden viele Steinwerkzeuge vom Oldowan-Typ und Knochenwerkzeuge gefunden. Im Jahre 1987 wurde Zhoukoudian von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen.
Die Zeit bis zur Machtübernahme der Yuan-Dynastie
Ji (Schilf) – 1000 v. Chr.
Die Geschichte der Stadt Peking reicht zurück bis in die Zeit der westlichen Zhou-Dynastie (1121 bis 770 v. Chr.), als sie den Namen Ji (Schilf) trug. Unter diesem Namen wurde die Stadt 1000 v. Chr. zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Ji war zu dieser Zeit ein Zentrum für den Handel mit den Mongolen und Koreanern sowie verschiedenen Stämmen aus Shandong und Zentralchina.
Yanjing (Hauptstadt der Yan) – 475 bis 221 v. Chr.
In der Zeit der Streitenden Reiche war Peking die Hauptstadt von Yan, weshalb die Stadt den Namen Yanjing (Hauptstadt der Yan) trug. 221 v. Chr. besetzte der spätere erste Kaiser Qin Shihuangdi (259–210 v. Chr.) bei seinem Reichseinigungskrieg die Stadt. Unter seiner Regierung wurden die nördlichen Mauern befestigt.
Rückbenennung in Ji (Schilf) – nach 221 v. Chr.
Die Kaiser der Qin-Dynastie änderten den Namen erneut in Ji. Unter ihrer Herrschaft verlor Peking seinen Status als Hauptstadt an Xianyang sowie an Bedeutung.
In den folgenden Jahrhunderten entwickelte sich Ji von einer unbedeutenden Provinzstadt zu einem Handelsknotenpunkt und wichtigen Militärbasis zur Verteidigung der Nordgrenzen Chinas und wurde wegen ihrer strategischen Bedeutung mehrfach durch Steppen- und Nomadenvölker aus dem Norden besetzt.
Youzhou – 618 bis 907 n. Chr.
In der Zeit der Tang-Dynastie (618–907 n. Chr.) regierte in der Stadt, die nun Youzhou hieß, ein Militärgouverneur. Sie stand stets im Schatten der damaligen chinesischen Hauptstadt Chang’an. Erst unter der Fremdherrschaft der Liao-Dynastie erreichte Peking einen Teil seiner früheren Bedeutung zurück.
Im Jahre 937 eroberten die Kitan unter Te-kuang (926–947) einen Teil Nordchinas und errichteten in Peking ihren Herrschaftssitz. 960 entstand den Kitan in der Song-Dynastie ein ebenbürtiger Gegner. Die Song-Dynastie versuchte 979 Nordchina zurückzuerobern, konnte aber den Kitan-General Yelü Hsiu-ko vor Peking nicht besiegen. Auch 986 blieb Yelü Hsiu-ko siegreich.
Zhongdu (Mittlere Hauptstadt) – 1153 bis 1215
Nach der Eroberung durch die Jurchen im Jahre 1153 wurde Peking zur Hauptstadt der Jin-Dynastie und unter dem Namen Zhongdu („Mittlere Hauptstadt“) prächtig ausgebaut. Über 100.000 Arbeiter wurden für die Erweiterung der Stadt verpflichtet.
Khanbaliq / Dadu (Stadt des Khan / Große Hauptstadt) – nach 1215
1215 nahmen die Heerscharen des Dschingis Khan (1162–1227) Peking ein. Sie plünderten die Stadt und setzten sie in Brand. Auf den alten Trümmern ließ später Kublai Khan Dadu (die große Hauptstadt) errichten, die auch unter dem Namen Khanbaliq (Stadt des Khan, bei Marco Polo Cambaluc) bekannt wurde. Mit der Schaffung des Mongolenreiches erlangte die Stadt im Laufe des 13. Jahrhunderts eine vorherrschende Stellung.
Die Herrschaft der Yuan-Dynastie
Während der Herrschaft von Kublai Khan (1215–1294), dem Begründer der Yuan-Dynastie, wurde Peking unter dem Namen Dadu als Hauptstadt der Yuan geplant und ausgebaut. Die Stadt war von 1264 bis 1368 Hauptresidenz der Mongolen. Zu dieser Zeit unterstand dem Enkel des Dschingis Khan fast ganz Ostasien und die ersten Europäer – unter ihnen auch nach eigenen Angaben Marco Polo (1254–1324) – kamen über die berühmte Seidenstraße nach Peking.
Marco Polo, der Kublais Gast war und eine Zeit lang in der Stadt arbeitete, war angesichts der großen Kultiviertheit überaus beeindruckt: „So zahlreich sind Häuser und Menschen, dass niemand ihre Zahl nennen könnte… Ich glaube es gibt keinen Ort auf der Welt, der so viele Händler, so viele kostbare und eigentümliche Waren und Schätze sieht, wie aus allen Himmelsrichtungen in diese gelangen …“
Der Reichtum war auf die Lage der Stadt am Ausgangspunkt der Seidenstraße zurückzuführen, und nach Polos Beschreibungen waren es „fast täglich mehr als eintausend mit Seide beladene Karren“, die in der Stadt eintrafen, um von dort ihre Weiterreise in Ländereien westlich von China anzutreten.
In einer für die Großkhane, die später Kaiser genannt wurden, beispiellosen Entfaltung von Stil und Pracht errichtete sich Kublai einen an allen Seiten durch Mauern geschützten und über Marmortreppen zugänglichen Palast enormer Ausmaße.
Machtentfaltung unter den Ming- und Qing-Dynastien
1368 wurde die Yuan- von der Ming-Dynastie abgelöst. Hongwu (1328–1398), der erste Kaiser der Ming-Dynastie, ließ seine Hauptstadt in Nanjing (Südliche Hauptstadt) am Fluss Yangzi errichten und änderte den Namen Dadus in Beiping ().
Seit 1408 begann Kaiser Yongle die Stadt unter ihrem neuen Namen Beijing (Nördliche Hauptstadt) völlig neu zu erbauen. Er schuf unter anderem die Verbotene Stadt und den Himmelstempel, womit Yongle wichtige Elemente der Stadtentwicklung vorzeichnete. Im Jahre 1421 ernannte Yongle Peking zur neuen Hauptstadt der Ming-Dynastie. Während der nachfolgenden Qing-Dynastie (1644–1911) wurde die Stadt durch weitere Tempel und Paläste erweitert. Diese Periode war vom Aufstieg und Niedergang der Mandschu beziehungsweise der Qing-Dynastie gekennzeichnet.
Ihre größte Blütezeit erlebte die Hauptstadt während der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts unter den Kaisern Kangxi, Yongzheng und Qianlong. In jener Zeit errichteten die Qing nördlich der Stadt auch den legendären Sommerpalast, eine in der Welt einzigartige Gartenanlage für den Adel mit 200 Pavillons, Tempeln und Palastbauten vor der Kulisse einer weitläufigen Landschaft aus künstlich angelegten Seen und Hügeln. Gemeinsam mit dem Kaiserpalast bildete er den Mittelpunkt und das Symbol chinesischer Herrlichkeit und Machtentfaltung.
Im Zweiten Opiumkrieg drangen jedoch britische und französische Truppen im Jahre 1860 bis an die Mauern der Hauptstadt vor, und der Sommerpalast wurde von den Briten zunächst geplündert und dann in Brand gesteckt, wobei er praktisch bis auf die Grundmauern niederbrannte. Während der Kaiserhof in einer separaten, ummauerten Stadt auf großzügigem Raum lebte, musste die Zivilbevölkerung unter menschenunwürdigen Bedingungen wohnen.
Mit Geldern, die eigentlich für die Modernisierung der chinesischen Marine gedacht waren, begann die Kaiserinwitwe Cixi (1835–1908) ab 1884 einen neuen Sommerpalast für sich zu errichten. Ihr Projekt markierte als letztes großes Symbol das Ende kaiserlichen Bauglanzes und Patronats – und wurde wie sein Vorgänger von ausländischen Soldaten während des Boxeraufstands im Jahre 1900 durch Brand verwüstet. Zu jener Zeit standen das Reich und die kaiserliche Hauptstadt infolge sukzessiver Wellen ausländischer Besatzung kurz vor dem Zusammenbruch.
Peking nach der Abdankung der Mandschu
Nach der Abdankung der Mandschu und der Gründung der Republik China im Jahre 1912 blieb Peking bis 1928 das politische Zentrum Chinas. Dann richtete Chiang Kai-shek (1887–1975) die Hauptstadt in Nanjing ein. Peking war unter der Kontrolle rivalisierender Warlords und wurde daher von der Kuomintang 1928 wieder in Beiping (Nördlicher Friede) umbenannt, um deutlich zu machen, dass es sich nicht um eine Hauptstadt handelt.
Während der turbulenten 1920er Jahre kam es in Peking zu Massenkundgebungen der Bewohner, zuerst 1925, um gegen das Massaker an chinesischen Demonstranten in Shanghai durch britische Soldaten zu protestieren, und 1926, um ihren Unmut über die schmähliche Kapitulation der Regierung vor Japan in der Mandschurei-Krise kundzutun. Als die Demonstranten auf Regierungsbehörden zumarschierten, eröffneten Soldaten das Feuer auf sie.
Die Stadt wurde während des Zwischenfalls an der Marco-Polo-Brücke (Lugouqiao) zu Beginn des Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieges am 19. Juli 1937 von der japanischen Armee besetzt. Erst nach Ende des Pazifikkriegs wurde die Stadt 1945 von Kuomintang und US-amerikanischen Marines befreit.
Die Zeit seit der Machtübernahme durch die Kommunisten
Im Januar 1949 nahmen die Kommunisten Peking ein – neun Monate, bevor die Flucht Chiang Kai-sheks nach Taiwan den endgültigen Sieg zur Gewissheit werden ließ. Im Anschluss an die Gründung der Volksrepublik China durch Mao Zedong am 1. Oktober 1949 erklärte die kommunistische Regierung Peking wieder zur Hauptstadt.
Der Umbau der Hauptstadt und die Tilgung der Symbole früherer Regimes besaßen für die neuen Machthaber höchste Priorität. Um sich von der Vergangenheit zu befreien und eine moderne Hauptstadt des Volkes zu bauen, wurde ein Großteil der wertvollen alten Bausubstanz zerstört oder zweckentfremdet. So wurde zum Beispiel der Tempel der Gepflegten Weisheit zu einer Drahtfabrik umfunktioniert und im Tempel des Feuergottes wurden Glühbirnen hergestellt. In den 1940er Jahren besaß die Stadt noch 8000 Tempel und Denkmäler, in den 1960er Jahren war diese Zahl auf nunmehr 150 geschrumpft.
Zum Schauplatz eines massiven Aufbegehrens durch das Volk wurde Peking 1989, als auf dem Tian’anmen-Platz im Zentrum der Stadt zwischen April und Juni des Jahres fast eine Million Demonstranten ihren Unmut über das schleppende Tempo von Reformen, den Mangel an Freiheit und die weit verbreitete Korruption kundtaten. Eine riesige Statue, die Göttin der Freiheit, die man in beiden Händen eine Fackel tragen ließ, wurde von Kunststudenten angefertigt und dem Porträt Mao Zedongs auf dem Tiananmen-Platz gegenübergestellt.
Daraufhin verhängte die chinesische Regierung am 20. Mai des Jahres das Kriegsrecht. Am 4. Juni 1989 wurde die friedlich demonstrierende Demokratie-Bewegung durch die Armee blutig niedergeschlagen; tausende Zivilisten kamen ums Leben.
Am 20. Oktober 1998 wurde in Peking die erste Menschenrechtskonferenz des Landes eröffnet. An der Konferenz nahmen mehr als 100 Vertreter aus 27 Staaten teil. – Im Juli 2001 erklärte das Internationale Olympische Komitee Peking zum Austragungsort der Olympischen Sommerspiele 2008.
Die größten Probleme, denen sich die Stadt wegen einer verfehlten (modernen) Stadtplanungspolitik heute gegenübersieht, sind die wachsende Zuwanderung, die Luftverschmutzung, verursacht durch veraltete Fabrikanlagen und der ausufernde Verkehr, der die Stadt an den Rand eines Verkehrskollapses bringt und seinen Teil zur schlechten Luftqualität beiträgt.
Einwohnerentwicklung
Schon 1450 lebten in Peking 600.000 Menschen. Bis 1800 stieg die Bevölkerung der Stadt auf 1,1 Millionen. Nach einem vorübergehenden Rückgang bis 1900 auf 693.000 Personen wuchs die Einwohnerzahl bis 1930 auf 1,6 Millionen und bis 1953 auf 2,8 Millionen. 2007 lebten in der Kernstadt (hohe Bebauungsdichte und geschlossene Ortsform) mit 7,7 Millionen Menschen zweieinhalbmal so viel wie 1953. Die Bevölkerungsdichte beträgt 5639 Einwohner pro Quadratkilometer. In Berlin sind es zum Vergleich 3800. In der Metropolregion Peking, zu der auch der die eigentliche Stadt umgebende Vorortgürtel gehört, lebten 2007 11,8 Millionen Menschen. Die Bevölkerungsdichte betrug 2007 1337 Einwohner pro Quadratkilometer.
Das gesamte Verwaltungsgebiet der regierungsunmittelbaren Stadt Peking, zu der auch ausgedehnte ländliche Gebiete gehören, hatte 2016 etwa 21,5 Millionen Einwohner.
2015 betrug die Einwohnerzahl 21,7 Millionen, davon waren 13,5 Millionen registrierte Bewohner mit ständigem Wohnsitz () und 8,2 Millionen temporäre Einwohner () mit befristeter Aufenthaltsgenehmigung ().
Wer sich länger als drei Tage in der Stadt aufhalten möchte, muss sich beim Amt für öffentliche Sicherheit melden und wird dort registriert. Der Antragsteller erhält dann eine zeitweilige Aufenthaltsgenehmigung für drei Monate, die nach Ablauf der Frist verlängert werden muss. Beim Amt muss eine Bescheinigung vom Heimatort vorgelegt werden, die bestätigt, dass die Person dort gemeldet ist. In der Stadt befinden sich des Weiteren etwa eine Million Gastarbeiter, meist ungelernte Wanderarbeiter und illegale Einwanderer, die von amtlichen Statistiken nicht erfasst werden. Da die Geburtenrate niedrig ist, ist das Bevölkerungswachstum vor allem auf Zuwanderung zurückzuführen. Das natürliche Wachstum der Bevölkerung mit dauerhaftem Wohnsitz in Peking beträgt gegenwärtig 0,9 pro 1000 Einwohner, Geburtenrate: 6,0 pro 1000 Einwohner, Sterberate: 5,1 pro 1000 Einwohner.
Etwa 95,7 % der Bevölkerung sind Han. Größte ethnische Minderheit mit über 1,8 % der Bevölkerung sind die Mandschu; mit 1,74 % stehen die muslimischen Hui-Chinesen an zweiter Stelle. Daneben gibt es noch nennenswerte Gruppen von Mongolen (0,3 % der Pekinger Bevölkerung) und Koreanern (0,15 %). Alle ethnischen Gruppen Chinas sind in kleiner Zahl auch unter den Einwohnern Pekings vertreten; quantitativ an letzter Stelle stehen die De'ang, ein Mon-Khmer-Volk, mit vier Einwohnern. Das in Peking gesprochene Chinesisch entspricht größtenteils dem Hochchinesisch (Putonghua), der Amtssprache der Volksrepublik China, mit einigen umgangssprachlichen Verschleifungen.
Die folgende Übersicht zeigt die Einwohnerzahlen der Kernstadt (ohne Vorortgürtel). Aufgeführt sind die registrierten Bewohner mit Hauptwohnsitz in Peking.
Entwicklung der Wohnsituation
Laut der Forbes-Liste der World's Most Expensive Cities To Live von 2009 gilt Peking als eine Stadt mit sehr hohen Lebenshaltungskosten und eine der teuersten Städte der Welt. In einer Rangliste der Städte nach ihrer Lebensqualität belegte Peking im Jahre 2018 den 119. Platz unter 231 untersuchten Städten weltweit.
Viele Elemente der modernen Stadtplanungspolitik hatten verheerende Folgen für die Bevölkerung und schufen mehr Probleme, als sie lösten. Ein großer Teil der traditionellen Hofhäuser (Siheyuan) in den engen Gassen (Hutongs), die als Brutstätte von Individualisten galten, wurde seit 1949 abgerissen. Ihren Platz nahmen anonyme Neubauten aus Beton mit oftmals unzureichender sanitärer Ausstattung und kaum fließend Wasser ein.
Als Ende der 1960er Jahre umfangreiche Renovierungsarbeiten an den Gebäuden dringend geboten schienen, wurde stattdessen ein unterirdisches Tunnelnetz angelegt, das im Falle eines Krieges Schutz bieten sollte. Millionen von Arbeitsstunden wurden in das Projekt investiert, das keinen Schutz gegen moderne Bomben bieten konnte und letztlich nur zur Absenkung des Grundwasserspiegels führte.
Im Jahre 1950 veranlasste die Regierung die Tötung aller Hunde in der chinesischen Hauptstadt. Die Tötung zahlreicher Spatzen 1956 – die Maßnahme sollte ursprünglich die Getreidevorräte schützen – hatte allein zur Folge, dass sich die Insekten stärker vermehren konnten. Um dem entgegenzuwirken, ordnete die Stadtverwaltung die Entfernung sämtlicher Grünflächen in der Hauptstadt an, was wiederum Staubstürme in den windigen Wintermonaten verursachte.
Anfang des neuen Jahrtausends waren große Stadtsanierungsprojekte im Gange, um Peking für die Olympischen Sommerspiele 2008 zu rüsten. Verschiedene Anstrengungen zur Eindämmung der Luftverschmutzung wurden bereits unternommen; Fabriken, die sich nicht weiter modernisieren ließen, mussten schließen. Freiflächen sind durch aufwändige Begrünung zu neuem Leben erweckt worden. Die verschmutzten Kanäle wurden ausgebaggert.
Als Leitstern auf dem Weg Chinas in die Moderne nimmt Peking eine Vorreiterrolle bei der Umgestaltung des Landes ein. In schnellem Tempo werden Gebäude abgerissen und neue errichtet, wovon das weiße Schriftzeichen (chāi für Abriss) auf alten Häusern und die vielen Baukräne eindrucksvoll Zeugnis ablegen. Im Stadtzentrum werden überwiegend moderne Beton- und Glasbauten errichtet, an den breiten Magistralen entstehen zahlreiche Bürokomplexe. Für die ärmeren Bevölkerungsschichten sind die dortigen Wohnungen nicht bezahlbar. Sie werden in die Außenbezirke der Stadt verdrängt.
Die meisten Einwohner Pekings wohnen in Hochhäusern. Zwei Wohngebiete sind dafür besonders wichtig: das Wangjing-Gebiet im Nordosten sowie das Huilongguan-Wohngebiet im Nordwesten.
Um dem Problem der Überbevölkerung beizukommen, sind im Rahmen großangelegter Baumaßnahmen eine Reihe von Satellitenstädten für jeweils mehr als 500.000 Einwohner in Bau und Planung.
Politik
Stadtregierung
Bürgermeister von Peking ist seit Mai 2017 Chen Jining (* 1964). Sein Vorgänger war von November 2007 bis zu seinem Rücktritt im Juli 2012 Guo Jinlong. Guo wurde im Juli 1947 in Nanjing geboren und war zuletzt Parteisekretär von Anhui und ist Mitglied des Zentralkomitees der KP Chinas. Sein Vorgänger war der im Juli 1948 in der Gemeinde Shanxitian in der Nähe der Stadt Qingdao geborene Wang Qishan. Dieser übernahm das Amt am 22. April 2003 von Meng Xuenong, der wegen Fehlverhaltens während des Ausbruchs der Lungenkrankheit SARS in der Hauptstadt von der Kommunistischen Partei Chinas seines Postens enthoben wurde.
Meng Xuenong wurde die Verantwortung für eine Politik der Vertuschung und des Verschweigens angelastet, mit der er den Ausbruch von SARS für lange Zeit verheimlichen wollte. An SARS waren in Peking mehrere Tausend Menschen erkrankt, Hunderte starben. Meng Xuenong hatte das Amt als Bürgermeister am 19. Januar 2003 von Liu Qi übernommen.
Weitere Mitglieder der Stadtregierung von Peking sind der Sekretär des Parteikomitees Liu Qi, der Vorsitzende des Ständigen Ausschusses des Volkskongresses Yu Junbo und die Vorsitzende der Politischen Konsultativkonferenz des Chinesischen Volkes (PKKCV) Cheng Shi'e. Die PKKCV setzt sich aus dem Nationalkomitee und den örtlichen Komitees verschiedener Ebenen zusammen.
Der Stadtregierung unterstehen die Regierungen von 16 Stadtbezirken und zwei Kreisen. Die Stadtbezirke gliedern sich wiederum in Straßenviertel, zum Teil auch in Gemeinden, Großgemeinden und „Unterbezirke“ (auf Gemeindeebene). Die Kreise setzen sich hingegen aus Gemeinden und Großgemeinden zusammen, nur im Kreis Miyun, der ein kleines urbanes Zentrum ausgebildet hat, gibt es zwei Straßenviertel. Am unteren Ende der Verwaltungspyramide Pekings befinden sich in den urbanen Gebieten die sogenannten Einwohnergemeinschaften (), die von den Einwohnerkomitees () verwaltet werden und in den ländlichen Regionen die Dörfer (), die von Dorfkomitees () verwaltet werden.
Städtepartnerschaften
Peking unterhält mit folgenden Städten Partnerschaften:
Regionenpartnerschaften
Peking unterhält mit folgenden Regionen Partnerschaften:
seit 14. März 1979: Präfektur Tokio, Japan
seit 2. Juli 1987: Île-de-France, Frankreich
seit 6. Dezember 1998: Provinz Gauteng, Südafrika
seit 17. Januar 2005: Autonome Gemeinschaft Madrid, Spanien
Kultur und Sehenswürdigkeiten
Musik und Theater
Es gibt zahlreiche Theater (zum Beispiel das Theater des Volkes), sowie die Pekinger Konzerthalle für Musikveranstaltungen. Nach Peking ist die berühmte Peking-Oper benannt, die eine besondere Vermischung verschiedener Kunstformen, wie Gesang, Tanz, Akrobatik und mimischem Spiel, darstellt. Die Handlung fußt meist auf historischen oder mythologischen Stoffen.
Das zeitgenössische Theater ist demgegenüber in raschem Wandel begriffen und zeigt neuerdings chinesische Übersetzungen westlicher Stücke und experimentierfreudige Produktionen einheimischer Dramaturgen.
Das Sprechtheater hielt erst im 20. Jahrhundert Einzug auf chinesischen Bühnen. Seine Heimat wurde das Volkskunst-Theater in Peking, wo vor der Kulturrevolution europäische Stücke mit einer klaren sozialen Botschaft gezeigt wurden. 1968 wurde diese Kunstform jedoch von Jiang Qing, Mao Zedongs dritter Frau, bis auf wenige Stücke – die für die Gesellschaft als erbaulich eingestuft wurden – verboten. Das Theater und die meisten Kinos wurden für rund zehn Jahre geschlossen.
Der Rundfunksender China National Radio (CNR) hat eine eigene Konzerthalle mit hervorragender Akustik. Diese Konzerthalle ist auch gleichzeitig der Sendesaal, in dem viele Konzerte aufgezeichnet oder direkt ins ganze Land übertragen werden. In diesem Konzertsaal steht eine der größten Orgeln Chinas, sie stammt aus Deutschland und wurde 1999 vom Unternehmen Gebr. Oberlinger Orgelbau mit Sitz in Windesheim, Rheinland-Pfalz, erbaut.
Museen
In Pekings Museen befinden sich einige der wichtigsten Sammlungen chinesischer traditioneller Kunst und archäologischer Fundstücke, so unter anderem im nationalen Kunstmuseum oder dem Hauptstadtmuseum. Daneben
verfügt Peking auch über ein Naturhistorisches Museum sowie über ein großes Museum für Technik und Wissenschaft.
Das Ergebnis der Sammelleidenschaft eines Qing-Kaisers zeigt ein ungewöhnliches Uhrenmuseum im Kaiserpalast in der Verbotenen Stadt. Die meisten Exponate sind überbordende Beispiele barocker Ornamentik aus Großbritannien und Frankreich, am beeindruckendsten ist jedoch vielleicht die riesige chinesische Wasseruhr.
Peking ist in den letzten Jahren zu einem Zentrum zeitgenössischer, vor allem chinesischer, Kunst geworden. Ein Großteil der anspruchsvolleren Ausstellungen findet in privaten Galerien statt. Zahlreiche konzentrieren sich in sogenannten Kunstvierteln, meist in ehemaligen Fabrikgebäuden, wie 798, Caochangdi oder Jiuchang. In der Innenstadt sind die Courtyard Gallery in der Donghuamen Dajie und die Red Gate Gallery die bekanntesten.
60 Kilometer nördlich der Stadt befindet sich das Luftfahrtmuseum. In einem riesigen Hangar und einer Ausstellungshalle werden mehr als 300 Fluggeräte gezeigt, angefangen von einem Nachbau des Flugzeugs der Brüder Wright, das Feng Ru (1883–1912), der erste chinesische Flugzeugingenieur und Pilot im Jahre 1909 steuerte, bis hin zu Kampfhubschraubern, die im Ersten Golfkrieg zum Einsatz kamen. Zur Sammlung gehören außerdem Kampfflugzeuge aus dem Koreakrieg, der Bomber der 1964 Chinas erste Atombombe abwarf, sowie Mao Zedongs persönliche Maschine und jenes Flugzeug, aus dem die Asche von Zhou Enlai verstreut wurde.
In Peking befindet sich auch ein Museum über den Antijapanischen Krieg.
Bauwerke
Altstadt und Kaiserpalast
Die ursprünglich von einer großen Mauer umgebene Altstadt von Peking wurde als Abbild des Kosmos – von griechisch kósmos = die Welt[-ordnung] – geplant und bestand aus drei rechteckigen Bezirken (Kaiser-, Innere und Äußere Stadt). Auf der Hauptachse der Altstadt, in Nord-Süd-Richtung, befanden sich Torbauten, Palast- und Zeremonialgebäude. Die Verbotene Stadt – sie war ursprünglich nicht für das einfache Volk zugänglich – beherbergt den mit einer Mauer umgebenen und 1987 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärten ehemaligen Kaiserpalast. Der Ort diente 24 chinesischen Kaisern der Ming- und Qing-Dynastien und ihren Familien als Residenz. Heute beherbergt die Verbotene Stadt das Palastmuseum Peking.
Die Altstadt bestand aus der Äußeren und der quadratischen im nördlichen Teil gelegenen Inneren Stadt, die von 1409 bis 1420 erbaut und von einer breiten, 15 Meter hohen Mauer mit neun Toren umgeben war. Die Grenzen der Inneren Stadt entsprachen weitgehend denen der Hauptstadt Dadu in der Yuan-Dynastie (1271–1368). In der Inneren Stadt lag die Kaiserstadt, in der sich Regierungsgebäude, Paläste, Tempel, Garten- und Parkanlagen sowie die Verbotene Stadt befanden. Außerhalb der Kaiserstadt lagen Viertel mit Märkten und Tempeln sowie Wohnviertel. Die Mauer war circa 25 Kilometer lang.
Die im südlichen Teil gelegene Äußere Stadt wurde während der Ming-Dynastie zwischen 1521 und 1566 erbaut. Sie war rechteckig und besaß eine Mauer von 23,5 Kilometern Länge. Es befanden sich sowohl wichtige Tempelbezirke als auch Wohnbezirke für das einfache Volk in diesem Areal. Nach der Machtübernahme der Kommunisten in China am 1. Oktober 1949 wurden die alten Stadtmauern von Peking niedergerissen und durch Hauptverkehrsstraßen ersetzt; von den alten Stadttoren blieben jedoch mehrere erhalten.
Das Palastmuseum (Gugong) in der Verbotenen Stadt ist die frühere Residenz der kaiserlichen Familie und des Hofes. Dieser Komplex – im 15. Jahrhundert errichtet – umfasst eine Reihe von riesigen Hallen und Palästen. Westlich dieses Komplexes befindet sich das Gebiet Zhongnanhai, ein großer Park mit Seen, der von einer Mauer umgeben ist.
Der Tian’anmen-Platz
Unmittelbar südlich der Verbotenen Stadt und des Palastmuseums liegt der Tian’anmen-Platz (Platz am Tor des Himmlischen Friedens), das Zentrum der Stadt. Auf dem Platz können sich bis zu einer Million Menschen versammeln. Mit seiner Fläche von 40 Hektar ist er der größte öffentliche Platz der Welt. Er wurde in seiner gegenwärtigen Größe im Anschluss an die Machtübernahme der Kommunisten angelegt. Jedes Jahr finden hier große Feierlichkeiten und Kundgebungen statt.
An der Westseite des Platzes steht die Große Halle des Volkes (Sitz der chinesischen Nationalversammlung), an der Ostseite befindet sich ein Museum zur chinesischen Geschichte und Revolution. Ein Denkmal für die Helden des Volkes und das Grab des früheren Vorsitzenden Mao Zedong (1893–1976) beherrschen den Platz in seiner Mitte.
In seiner neueren Geschichte diente der Platz zahlreichen historisch bedeutsamen Massenkundgebungen als Rahmen: am 4. Mai 1919 den ersten Forderungen nach Demokratie und Liberalismus durch Studenten, die gegen den Versailler Vertrag demonstrierten; am 9. Dezember 1935 den antijapanischen Protesten, mit denen zu einem Krieg des nationalen Widerstands aufgefordert wurde; 1966 den acht bühnenreif inszenierten Massenaufmärschen, die den Beginn der Kulturrevolution markierten und für die jedes Mal circa eine Million Rotgardisten nach Peking befördert wurden, um auf die revolutionären Ideale eingeschworen und dann in die Provinzen beordert zu werden. Im April 1976 wurden beim Tian’anmen-Zwischenfall, unmittelbar vor dem chinesischen Totengedenktag, zum Gedenken an den früheren Premierminister Zhou Enlai (1898–1976) hingestellte Kränze und Blumen aufgrund innerparteilicher Auseinandersetzungen von Sicherheitskräften entfernt.
Heute ist der Platz jedoch vor allem wegen des Tian’anmen-Massakers von 1989 bekannt, als Studenten und Arbeiter für Demokratie demonstrierten und Tausende am 4. Juni dieses Jahres vom chinesischen Militär getötet wurden.
Tempelanlagen
Von den vielen Tempeln ist der Himmelstempel (Tiantan) im südlichen Teil der Äußeren Stadt besonders hervorzuheben (unter anderem mit der Halle der Jahresgebete). Dort betete der Kaiser jedes Jahr für eine reiche Ernte.
Die Anlage liegt im Xuanwu-Bezirk im Süden der Stadt inmitten eines großen Parks. Das wichtigste Gebäude des Tempels ist die Halle der Ernteopfer, ein Gebäude mit kreisförmigem Grundriss auf einer dreistufigen Marmorterrasse. Sie wurde im Jahre 1420 erbaut, brannte 1889 ab und wurde 1890 neu errichtet.
Weitere sehenswerte Tempel sind der Konfuziustempel, der Lamatempel und der Tempel der Weißen Pagode.
Weitere Bauwerke
In den nordwestlichen Vororten (Shisan ling) befinden sich die Ming-Gräber der Kaiser aus der Ming-Dynastie (1368–1644). Diese erreicht man über eine Allee, die von marmornen Löwen, Elefanten, Kamelen und Pferden gesäumt wird. Nordwestlich der Gräber (bei Badaling) steht ein Teil der Chinesischen Mauer.
Interessant als Relikt vergangener Zeiten ist das Alte Observatorium. Die erste Sternwarte an dieser Stelle entstand auf Anordnung von Kublai Khan (1215–1294), um den damals fehlerhaften Kalender durch Astronomen korrigieren zu lassen. Später als die islamischen Wissenschaften ihre Blüte erlebten, gelangte es unter muslimische Kontrolle, um im 17. Jahrhundert schließlich in die Hände von christlichen Jesuiten-Missionaren überzugehen, die bis in die 1830er Jahre die Hausherren blieben.
Im Komplex befinden sich ein idyllischer Garten und acht astronomische Instrumente aus der Ming-Zeit – wunderbar gearbeitete Armillarsphären, Theodolite und Ähnliches – auf dem Dach. Angegliedert ist ein kleines Museum mit einer Ausstellung von frühen, durch Astronomie inspirierten Töpferarbeiten und Navigationsinstrumenten.
Weitere bedeutende Sehenswürdigkeiten sind der 1992 erbaute und 400 Meter hohe Fernsehturm, das spektakuläre Central Chinese Television Headquarters, der mit 330 Metern höchste Wolkenkratzer der Stadt innerhalb des China World Trade Center, die Chinesische Nationaloper und die zahlreichen christlichen Kirchen. Die größten und bekanntesten unter ihnen sind die Östliche Kirche (Wangfujing), die Westliche Kirche (Xizhimen), die Südliche Kirche (Xuanwumen) und die Nördliche Kirche (Xishiku).
Des Weiteren sind der kaiserliche Sommerpalast (Yihe Yuan) sowie die Ruinen des Alten Sommerpalastes (Yuanming Yuan) zu nennen.
Chinesische Mauer
Über eine Länge von 8850 Kilometer zieht sich die Chinesische Mauer durch China, ein monumentales Bauwerk, dessen Errichtung im 5. Jahrhundert v. Chr. begonnen und bis ins 16. Jahrhundert fortgeführt wurde. Die heute noch bestehenden Teilstücke würden aneinandergesetzt von New York bis nach Los Angeles reichen, und würde man aus ihren Steinen eine einzige Mauer von fünf Meter Höhe und einem Meter Tiefe bauen, ergäbe sich eine Strecke, die länger als der Erdumfang wäre.
Der bekannteste Mauerabschnitt erstreckt sich bei Badaling, 70 km nordwestlich von Peking. Es war das erste Teilstück, das 1957 restauriert wurde. Die Mauer ist dort sechs Meter breit und in regelmäßigen Abständen mit Wachtürmen aus der Ming-Zeit (1368–1644) bestückt. Ihr Verlauf folgt dem Grat einer Hügelkette und hätte verteidigungsstrategisch kaum besser angelegt sein können, weshalb dieser Abschnitt auch nie direkt angegriffen, wohl aber über die Seiten eingenommen wurde.
Weniger bekannt ist die Chinesische Mauer bei Mutianyu, 90 km nordöstlich von Peking. Der dortige, 1368 erbaute und 1983 restaurierte Abschnitt mit seinen zahlreichen Wachtürmen ist zwei Kilometer lang und erstreckt sich entlang eines Hügelkamms in grüner, sanft gewellter Landschaft. Ein weiteres Teilstück der Chinesischen Mauer befindet sich in Simatai, 110 km nordöstlich von Peking. Der Großteil dieses aus der Ming-Dynastie stammenden Mauersegments ist in seinem ursprünglichen Zustand belassen und besitzt nur einige Neuerungen aus späterer Zeit wie beispielsweise Geschützstände für Kanonen und quer zur äußeren Mauer gezogene, innere Mauerabsperrungen, um bereits eingedrungene Feinde zu stoppen.
Parks und Grünanlagen
In der chinesischen Kultur ist die Verbindung von Wohnung und Natur beziehungsweise nachempfundener Natur traditionell eng. Allerdings wurde in den städtischen Siedlungen dieser Gedanke immer wieder zugunsten einer höchstmöglichen Ausnutzung des knappen Bodens verdrängt, vor allem in den letzten Jahren mit dem Aufkommen der Wohnhochhäuser in serieller Bauweise. Für hausnahe Grünanlagen blieben nur Restflächen. Die bauliche Verdichtung ist so groß, dass ein ausgleichender Bedarf an öffentlichen Parks, Sportstätten, Freizeit- und Spielflächen entstand.
In letzter Zeit setzte sich der Gedanke durch, dass eine Stadt, über der die meiste Zeit eine Smogglocke hängt, kaum Zukunft hat. Es gibt zwei bemerkenswerte Gegenmaßnahmen: Emissionskontrolle und -senkung und Durchlüftung über Grünkorridore. So ist es inzwischen Standard, an Schnellverkehrstraßen Begleitgrünstreifen anzulegen, die mit 100 bis zu 400 Meter Breite sogar kleinere Waldstücke bilden. Besonders das Programm zum Ausbau der Flussbetten und Kanäle mit breiten Uferstreifen ist ein Fortschritt. In die Bankette der aufgestauten Flussläufe rings um Peking wurden beispielsweise kleinere Parks, Radwege und Freizeitanlagen eingestreut, sodass die Bewohner der neuen Stadtrandsiedlungen wohnungsnahe Erholungsmöglichkeiten haben. Selbst die zahlreichen neuen Golfplätze sind hier zu nennen, obwohl sie als nichtöffentliche Flächen weniger frequentiert werden.
Der allgemein als Sommerpalast bezeichnete Yiheyuan gehört zu den reizvollsten Parkanlagen in Peking. Das riesige Areal, zwei Drittel davon ein See, diente den letzten Kaisern als Ort der Sommerfrische, an den sie sich samt Hofstaat während der heißesten Monate des Jahres zurückzogen.
Und die von Hügeln umgebene, vom See gekühlte und durch eine Gartenanlage geschützte Lage ist ideal. Kaiserliche Pavillons gibt es dort schon seit dem 11. Jahrhundert, die heutige Anlage stammt jedoch größtenteils aus dem 18. Jahrhundert und entstand unter dem Mandschu-Kaiser Qianlong.
Der Nordmeer-Park () nordwestlich des Kaiserpalastes ist einer der typischen chinesischen Gärten. Der Jin-Kaiser Shizong begann 1179 mit der Errichtung eines Sommerpalastes und der Anlage dieses Parks.
Kaiser Kublai Khan machte ihn 1260 zu seiner Residenz, indem er die „Halle der Weiten Kühlung“ bezog. An ihrer Stelle wurde durch die Qing-Kaiser ab 1651 die lamaistische „Weiße Pagode“ erbaut, die noch heute den Park dominiert. Kaiser Qianlong ließ zwischen 1735 und 1796 umfangreiche Erweiterungsarbeiten durchführen. Nahezu alle heutigen Bauten in diesem Park stammen aus dieser Bauperiode.
Weitere Parks sind der Jingshan- und der Ditan-Park. In den Bergen westlich der Stadt befinden sich mehrere Parks, wie beispielsweise Badachu und der Fragrant Hill Park. Außerdem befindet sich dort auch der neue und alte botanische Garten von Peking mit dem Tal der Kirschen. Sehenswert ist auch der Zoo von Peking, nicht nur wegen des großen Pandas, sondern auch wegen des Aquariums.
Südwestlich liegt der etwa 40 Hektar große Beijing World Park. Hier sind verkleinerte Nachbildungen vieler weltbekannter alter und neuerer Bauwerke und baulicher Ensembles aller Kontinente beispielsweise von den ägyptischen Pyramiden über den Eiffelturm bis zum untergegangenen New Yorker World Trade Center in unterschiedlichen Maßstäben zu besichtigen.
Eine alle bisherigen Projekte sprengende Park- und Freizeitlandschaft entsteht seit 2001 im Westen: beginnend südlich der Marco-Polo-Brücke wurde zunächst ein trockengelegtes Flussbett auf eine Länge von 20 km und einer Breite zwischen 0,8 und zwei Kilometern mit öffentlichen Grünflächen, kleineren Seen und mehreren Golfplätzen angelegt. Im Süden werden bereits weitere Flächen als Verlängerung dieser grünen Lunge vorbereitet. 14 km nach Nordwesten wird in gleicher Weise das hier schmaler werdende Flussbett in eine Parklandschaft mit besonders vielen Wasserflächen verwandelt. Ende 2010 waren bereits ca. 60 % der Arbeiten erledigt. Nach Fertigstellung aller Anlagen bis über die südwestliche Stadtgrenze hinaus (um 2020) werden einmal rund 80 Quadratkilometer eines stadtnahen rund 55 Kilometer langen Landschaftsparks zur Verfügung stehen. Die wohl weltweit einmalige Kunstlandschaft hat eine Entfernung von 18 bis 42 Kilometern vom Stadtzentrum Pekings.
Kulinarische Spezialitäten
Nirgendwo auf dem chinesischen Festland ist die kulinarische Vielfalt größer als in Peking. Neben allen chinesischen Küchen sind hier auch nahezu alle asiatischen und die meisten Weltküchen vertreten. Angesichts dieser Fülle wird oft nicht beachtet, dass Peking selbst eine eigene Kochtradition besitzt und mit Spezialitäten wie Pekingente () und mongolischem Feuertopf () einen schmackhaften Beitrag leistet.
Peking-Ente wird in chinesischen Restaurants auf der ganzen Welt serviert und besteht aus kleinen Fleischstücken, die in süße Schwarzbohnensoße () getunkt und anschließend mit gehackten Frühlingszwiebeln in eine Art Mehlteigtasche gerollt werden.
Beim mongolischen Feuertopf werden in einen Topf mit kochender, meist von unten auf Koch-Temperatur gehaltener, milder bis kräftiger Brühe in dünne Streifen geschnittenes Hammelfleisch, Garnelen, Chinakohl (und anderes Gemüse) und Nudeln gestippt. Der Rest wird am Ende mitunter als Suppe getrunken.
Sport
Peking war Austragungsort der Olympischen Sommerspiele 2008 und wurde auch als Gastgeber für die Olympischen Winterspiele 2022 ausgewählt.
Für die Olympischen Sommerspiele 2008 wurde massiv in die sportliche Infrastruktur der Stadt investiert. Unter den zahlreichen Neubauten befindet sich das Olympiastadion, das sich durch seine Aufsehen erregende Architektur schon in der Bauphase zu einer neuen Sehenswürdigkeit Pekings entwickelte. Zu den zum zehnjährigen Jubiläum des Bestehens der Volksrepublik China 1959 errichteten Monumentalbauwerken gehört das Arbeiterstadion. In der Chinese Super League spielt der Fußballverein Peking Guoan.
Wie im ganzen Land ist auch in Peking der chinesische Nationalsport Tischtennis beliebt, die letzte Weltmeisterschaft in Peking wurde 1961 ausgetragen.
Das Nanshan Ski Village liegt ca. 65 km nordöstlich von Peking und ist ein beliebter Wintersportort.
Vergnügungspark
In Peking eröffnete im September 2021 der vier Quadratkilometer große Vergnügungspark Universal Beijing Resort des Unterhaltungsunternehmens aus Hollywood mit 24 Bühnenshows, zahlreichen Restaurants, Attraktionen und Hotels. Ab 2015 wurde hier zu 6,5 Mrd. Euro Kosten gebaut. Erwartet werden 10 Mio. Tagesbesucher pro Jahr.
Wirtschaft und Infrastruktur
Wirtschaft
Laut einer Studie aus dem Jahr 2014 erwirtschafte Peking ein Bruttoinlandsprodukt von 506,1 Milliarden US-Dollar (KKB). In der Rangliste der wirtschaftsstärksten Metropolregionen weltweit belegte sie damit den 11. Platz. Das BIP pro Kopf betrug 23.390 US-Dollar, womit Peking zu den reichsten Städten in China gehört. Peking ist die Stadt mit der höchsten Anzahl an Fortune-Global-500-Unternehmen.
Peking ist mittlerweile das zweitgrößte Industriezentrum des Landes. Wichtige Industriezweige wurden in den Satellitenstädten angesiedelt: die Herstellung von petrochemischen Produkten in Fangshan, Maschinenfabrikation in Fentai, Eisen- und Stahlfabrikation in Shijingshan sowie Motorfahrzeugherstellung in Tongxian.
Über zwei Millionen Arbeiter der Provinz sind in der Industrie beschäftigt. Es werden Bekleidung, Konserven, Baumwoll- und Synthetikstoffe, Farben, Papier, Schmiermittel und elektronische Produkte hergestellt. Seit dem Beginn von Wirtschaftsreformen im Jahre 1978 gewinnt die Baubranche zunehmend an Bedeutung. In ihr sind rund 700.000 Bauarbeiter beschäftigt.
In der Landwirtschaft der regierungsunmittelbaren Stadt arbeiten rund 900.000 Menschen. Zu den landwirtschaftlichen Erzeugnissen gehören Geflügel- und Schweinefleisch, Getreide, Gemüse (Kohl, Tomaten, Auberginen, Möhren und Zwiebeln), Milch und Eier.
Zahlreiche Gewerbe- und Dienstleistungsbetriebe haben sich in den vergangenen Jahren in Peking angesiedelt (über eine Million Beschäftigte). Die Stadt ist ein Einkaufs- und Modezentrum. Es gibt mehrere moderne Einkaufsbezirke (zum Beispiel in der Wangfujing-Straße). Tradition haben unter anderem Goldemaillearbeiten (Cloisonné), Jadeschnitzerei und die Teppichweberei.
Seit den Wirtschaftsreformen der 1980er und 1990er Jahre gibt es auch Betriebe, die von ausländischen Investoren getragen werden. Es entstanden viele Privatunternehmen. In Peking gibt es rund 100.000 privat angestellte Arbeitnehmer (Getihu) in Gewerbebetrieben. Das Dienstleistungsgewerbe zählt über 30.000 Betriebe mit rund 200.000 Beschäftigten.
In einer Rangliste der wichtigsten Finanzzentren weltweit belegte Peking den 11. Platz (Stand: 2018).
Verkehr
Eisenbahnverkehr
Als Verkehrsknotenpunkt verfügt Peking über Flughäfen und Bahnverbindungen in alle Teile des Landes sowie eine interkontinentale Strecke über die Transmongolische Eisenbahn (Ulan Bator) und die Transsibirische Eisenbahn nach Europa. Peking spielt eine zentrale Rolle bei den Aus- und Neubauplanungen des Hochgeschwindigkeitsverkehrs der Staatsbahn.
Mit der Beijing City Rail besteht außerdem ein S-Bahn-ähnliches Vorortbahnnetz, welches derzeit aus vier Linien besteht.
Flugverkehr
Der Flughafen Peking-Hauptstadt liegt im Gebiet Shunyi circa 20 Kilometer nordöstlich vom Stadtzentrum.
2011 wurde bekannt, dass ein weiterer Flughafen, der Flughafen Peking-Daxing mit einer Kapazität von 120 Millionen Fluggästen und bis zu sieben Start- und Landebahnen in Planung sei, er wurde plangemäß am 25. September 2019 eröffnet. Peking-Daxing gehört zu den größten Flughäfen weltweit.
Im Süden der Stadt befand sich bis zur Eröffnung des neuen Großflughafens 2019 mit Beijing-Nanyuan ein weiterer, kleinerer Flughafen mit ca. einer Million Passagieren pro Jahr.
Kaiserkanal
Über den Kaiserkanal hat Peking Verbindung mit dem Gelben Fluss (黄河, Huáng Hé) und dem Jangtsekiang.
Straßenverkehr
Peking ist mit anderen Städten Chinas durch neun Autobahnen verbunden. Das Autobahnnetz Peking wird ständig erweitert. Für den innerstädtischen Verkehr stehen fünf Ringstraßen und einige Durchgangsstraßen zur Verfügung. Man klassifiziert das Stadtzentrum als den Teil von Peking, der innerhalb der 2. Ringstraße liegt und den Großraum der Stadt Peking als den Teil, der innerhalb der 5. Ringstraße liegt.
Ähnlich wie Moskau entwickelt Peking sich in Form von Ringen. Das hat Probleme für den Straßenverkehr mit sich gebracht. Staus sind häufig, und der Neu- und Ausbau von Ringstraßen scheint das Verkehrsproblem nicht zu lösen. Die Zulassung von Neuwagen ist daher kontingentiert. Im Jahr 2023 werden nur 100.000 Pekinger Nummernschilder vergeben. Die Wartezeit beträgt bis zu 10 Jahren. Elektroautos werden bei der Nummernschildvergabe bevorzugt. Autos ohne Pekinger Nummernschild dürfen in Peking höchstens zwölfmal jährlich jeweils bis zu sieben Tage lang gefahren werden, und zwar nur außerhalb der Hauptverkehrszeiten.
Bus und Straßenbahnen
Innerstädtische öffentliche Verkehrsmittel gibt es in Form von fast eintausend Bus- und Trolleybuslinien. Der erste Oberleitungsbus fuhr am 26. Februar 1957 in der Stadt.
Am 24. Juni 1899 fuhren die ersten elektrischen Straßenbahnen in Peking, der Betrieb wurde aber schon während des Boxeraufstands am 13. Juni 1900 wieder eingestellt. Am 17. Dezember 1924 wurde das System wiedereingeführt. Diesmal verkehrten die Straßenbahnen bis 6. Mai 1966.
U-Bahn
Der erste Streckenabschnitt der U-Bahn Peking wurde am 1. Oktober 1969 eröffnet. Danach wurde das System nur sehr langsam erweitert. Erst mit der Inbetriebnahme mehrerer U-Bahn-Linien im Jahr 2008 zu den Olympischen Spielen wuchs das Netz auf acht Linien. Dies stellte den Start einer rapiden Erweiterung dar, sodass 2010 bereits 14 Linien existierten. 2014 maß das Streckennetz 527 km. 2022 gab es 25 Linien auf 783 km Netz.
Ein Einzelticket kostet umgerechnet etwa 90 Cent. (Stand Januar 2018)
Fahrradverkehr
Das Fahrrad hatte in Peking lange Zeit eine herausragende Bedeutung als innerstädtisches Verkehrsmittel, mit eigenen Radspuren für die etwa zehn Millionen privaten Fahrräder. In jüngerer Zeit wird es immer stärker von den privaten Pkw verdrängt. Um die Luftverschmutzung, den Verkehrsstau sowie den Fahrraddiebstahl zu verringern, setzt die Stadtverwaltung jetzt auf den Aufbau eines Netzes von Fahrradmietstationen, das bis zu den Olympischen Sommerspielen 2008 50.000 Räder zur Verfügung stellte. Dank der Entstehung einer Anzahl von docklosen App-basierten Fahrradverleihsystemen wie Mobike, Bluegogo und Ofo hat das Radfahren wieder stark an Popularität gewonnen.
Bildung
Von den vielen Hochschulen der Stadt sind die Peking-Universität (, gegründet 1898) und die Tsinghua-Universität (, gegründet 1911) am bekanntesten. Landesweit bekannt sind auch die Chinesische Volksuniversität (), die Universität für Außenwirtschaft und Handel () und die Pädagogische Universität Peking (). An der BLCU (, vormals Sprachinstitut; gegründet 1962), sind etwa drei Viertel der Studenten Ausländer, die Chinesisch studieren.
Ebenso interessant ist die Sportuniversität Peking (), die wichtigste Sportuniversität Chinas, bei Ausländern besonders für ein Studium des Wushu, oft in Kombination mit einem Sprachstudium, beliebt. Daneben gibt es die Chinesische Akademie der Wissenschaften und eine Reihe ihr unterstehender Forschungsinstitute.
Die Fremdsprachenuniversität Peking () ist eine der besten Fremdsprachenuniversitäten des Landes.
China Central Academy of Fine Arts heißt die Kunstakademie in Peking, sie ist die älteste Kunstakademie in China. Auch das Forschungsinstitut für Musik der Akademie der Künste Chinas ist in Peking angesiedelt.
Über 250.000 Menschen sind im wissenschaftlichen und technischen Bereich angestellt. Rund 500.000 Personen sind im Bildungs- und Kommunikationswesen tätig. Die Peking-Bibliothek ist die bedeutendste in der Volksrepublik China (circa zehn Millionen Bände; mit Beständen aus den Bibliotheken der Sung-, Yuan-, Ming- und Qing-Dynastien).
Die meisten Universitäten befinden sich im Haidian-Bezirk () im Nordwesten der Stadt. Allein dort gibt es mehr als zwanzig Universitäten.
Gesundheitswesen
Das China Rehabilitation Research Center ist eine staatliche Rehabilitationsklinik in Peking und gleichzeitig Zentrum für Ausbildung und Forschung auf dem Gebiet der Rehabilitation in China.
Persönlichkeiten
Peking war Geburtsort zahlreicher prominenter Persönlichkeiten. Die bekanntesten sind unter anderem die Kaiser von China, Qianlong und Puyi, die Kaiserinwitwe Cixi, die Schachweltmeisterin Xie Jun, die Schauspieler Ivan Desny, Jet Li und Zhang Ziyi, die Schriftsteller Shan Sa und Lao She und die Sängerin und Schauspielerin Faye Wong.
Bis heute wurden rund zwanzig Personen zu Ehrenbürgern der Stadt Peking ernannt. Dabei handelt es sich überwiegend um Menschen mit Wohnsitz in Hongkong, unter ihnen zahlreiche Besitzer großer Konzerne (Tycoone). Einige Ehrenbürger stammen aus dem Ausland, darunter auch zwei Deutsche, der Filmproduzent Manfred Durniok (1934–2003) und der Klavierdesigner Lothar Schell.
Siehe auch
Denkmäler der Volksrepublik China (Peking)
Denkmäler der Regierungsunmittelbaren Stadt Peking
Literatur
Xiaoli Cui: Gegenwärtige soziale Versorgung in der VR China, am Beispiel der Stadt Beijing. Südwind-Buchwelt, Wien 1997, ISBN 3-900592-29-2.
Jie Fan, Wolfgang Taubmann: Beijing – Chinas Regierungssitz auf dem Weg zur Weltstadt. Geographische Rundschau 56(4), S. 47–54 (2004),
Chen Gaohua: The Capital of the Yuan Dynasty. [Dadu bzw. Khanbaliq]. Silkroad Press, 2015, ISBN 978-981-4332-44-6 (Print), ISBN 978-981-4339-55-1 (E-Book).
Rainer Kloubert: Peking. Verlorene Stadt. Mit zahlreichen Abbildungen. Elfenbein Verlag, Berlin 2016, ISBN 978-3-941184-51-0.
Alexander Nadler: Peking und Umgebung. Iwanowski, Dormagen 2005, ISBN 3-923975-48-1.
Diana Preston: Rebellion in Peking. Die Geschichte des Boxeraufstands. Deutsche Verlags-Anstalt, München-Stuttgart 2001, ISBN 3-421-05407-X.
Thomas Reichenbach: Die Demokratiebewegung in China 1989. Die Mobilisierung durch Studentenorganisationen in Beijing. Institut für Asienkunde, Hamburg 1994, ISBN 3-88910-128-3.
Uwe Richter: Die Kulturrevolution an der Universität Beijing: Vorgeschichte, Ablauf und Bewältigung. Institut für Asienkunde, Hamburg 1988, ISBN 3-88910-053-8.
Frédéric Schnee: Architekturführer Peking. Wohnquartiere, Tempel und Industriebauten: Chinas Hauptstadt im Wandel. Berlin, 2021, ISBN 978-3-86922-213-4.
Eva Sternfeld: Beijing, Stadtentwicklung und Wasserwirtschaft. Sozioökonomische und ökologische Aspekte der Wasserkrise und Handlungsperspektiven. Technische Universität, Berlin 1997, ISBN 3-7983-1760-7.
Kai Strittmatter: Atmen einstellen bitte! Pekinger Himmelsstürze. Picus, Wien 2001, ISBN 3-85452-742-X.
Weblinks
Offizielle Website der Stadt auf chinesisch und deutsch
Bevölkerung in Peking – Statistische Daten zur Stadt und Bevölkerung
Feinstaub – Statistische Daten zu durchschnittliche Feinstaubwerte der Stadt
Stadtplan von Peking 1843 – Digital Silk Road Project – Digital Archive of Toyo Bunko Rare Books (englisch)
Stadtplan von Peking 1867 – Geographicus, Rare antique maps
Stadt im Umbruch, Pekings Architektur – Sören Urbansky, NZZ
„Architectural Monuments in a Reshaped Beijing“ Interaktive Graphik mit Dias und Videos – New York Times, 12. Juli 2008 (englisch)
Redefining the Axis of Beijing – Revolution and Nostalgia in the Planning of the PRC Capital, 2008 Oakland University, Michigan (englisch)
Bilder von Peking mit GPS-Positionen – über 2200 Bilder, 1500 GPS Positionen
Goethe-Institut Peking
Einzelnachweise
Hauptstadt in Asien
Regierungsunmittelbare Stadt (Volksrepublik China)
Millionenstadt
Hochschul- oder Universitätsstadt
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Q956
| 2,455.671174 |
4174
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https://de.wikipedia.org/wiki/Qualit%C3%A4t
|
Qualität
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Qualität (; „Beschaffenheit, Eigenart, Eigenschaft, Merkmal, Zustand“) hat zwei Bedeutungen:
neutral: die Summe aller Eigenschaften eines Objektes, Systems oder Prozesses oder
bewertet: die Güte aller Eigenschaften eines Objektes, Systems oder Prozesses.
Allgemeines
Qualität ist die Bezeichnung einer wahrnehmbaren Zustandsform von Systemen und ihrer Merkmale, welche in einem bestimmten Zeitraum anhand bestimmter Eigenschaften des Systems in diesem Zustand definiert wird. Qualität könnte sowohl ein Agrarprodukt wie Wein und dessen chemische Bestandteile und den daraus resultierenden subjektiv bewertbaren Geschmack beschreiben als auch die Prozesse der Reifung der Traube, der Produktion und des Vertriebs des Weines, oder den Managementprozess in der Winzerei. In der Bedeutung (2) spricht man von Qualitätswein oder Wein mit Prädikat bzw. von Exzellentem Management.
Der Qualitätsbegriff kommt in verschiedenen Fachgebieten vor, wo der Begriffsinhalt fachspezifisch definiert wird.
ISO und IEC-Normierung
Qualität wird laut der Norm DIN EN ISO 9000:2015-11 (der gültigen Norm zum Qualitätsmanagement) als „Grad, in dem ein Satz inhärenter Merkmale eines Objekts Anforderungen erfüllt“ definiert. Die Qualität gibt damit an, in welchem Maße ein Produkt (Ware oder Dienstleistung) den bestehenden Anforderungen entspricht. Die Benennung der Qualität kann zusammen mit Adjektiven wie schlecht, gut oder ausgezeichnet verwendet werden. Inhärent bedeutet im Gegensatz zu „zugeordnet“ einer Einheit innewohnend, insbesondere als ständiges Merkmal. Damit sind objektiv messbare Merkmale wie z. B. Länge, Breite, Gewicht, Materialspezifikationen gemeint.
Nicht inhärent sind subjektiv zugeordnete Beschreibungen wie „schön“ oder auch der Preis, weil diese eben nicht objektiv messbar sind. Der Preis oder ein persönliches Urteil sind also nicht Bestandteil der Qualität. Durch die Definition einer Zielgruppe und Meinungsumfragen kann das subjektive Empfinden dieser Zielgruppe ermittelt, ein inhärentes Merkmal definiert und damit „messbar“ und Bestandteil der Qualität werden.
Diese Definition löste die Formulierung des DIN EN ISO 8402:1995-08, des früheren Standards zum Qualitätsmanagement, ab. Nach dieser ist Qualität „die Gesamtheit von Merkmalen einer Einheit bezüglich ihrer Eignung, festgelegte und vorausgesetzte Erfordernisse zu erfüllen.“ Einheiten sind dabei Produkte, Dienstleistungen, Konzepte, Entwürfe, Software, Arbeitsabläufe, Verfahren und Prozesse; Qualität ist eine Funktion der Anspruchsklasse.
Nach der IEC 2371 ist Qualität die „Übereinstimmung zwischen den festgestellten Eigenschaften und den vorher festgelegten Forderungen einer Betrachtungseinheit.“
Während Qualität früher traditionell als eine Eigenschaft von Produkten oder Dienstleistungen verstanden wurde, also die Kundenanforderungen im Vordergrund standen, erstreckt sich der Qualitätsbegriff im Rahmen von Total-Quality-Konzepten, wie dem Total-Quality-Management als umfassender Variante des Qualitätsmanagements, über ganze Unternehmen. Neben die Kundenanforderungen treten die Anforderungen von Mitarbeitern, Kapitalgebern und Öffentlichkeit (rechtliche Anforderungen), an deren Erfüllung sich die umfassende Qualität eines Unternehmens („Total Quality“) misst.
Qualitätsansätze nach Garvin
In der praktischen Anwendung des Qualitätsbegriffes kann nach der Auffassung von David A. Garvin zwischen fünf verschiedenen Sichtweisen unterschieden werden:
Das transzendente Qualitätsverständnis: Entspricht etwa der umgangssprachlichen Sicht von Qualität. Demnach ist Qualität eine subjektive Erfahrung einer Person hinsichtlich der besonderen, einzigartigen Eigenschaften eines Produktes bzw. einer Dienstleistung. Qualität kann dabei weder gemessen noch konkretisiert werden, genauso wenig wie der Begriff Schönheit allgemein definiert werden kann. In der wissenschaftlichen Praxis ist dieser Ansatz kaum relevant.
Das produktbezogene Qualitätsverständnis: Wird die produktbezogene Sichtweise bei der Qualitätsbetrachtung zugrunde gelegt, ergibt sich die Qualität eines Produktes aus der Erfüllung von allgemein festgelegten Anforderungen. Ein klassisches Beispiel ist die Realisierung kleinerer Spaltmaße im Automobilbau im Vergleich zu Konkurrenzfahrzeugen. Ein weiteres Beispiel ist die Reifedauer eines Weines, bei der vereinfacht gilt: „Je länger der Wein ruht, desto höher die Qualität.“ Allerdings sind produktbezogene Anforderungen nicht uneingeschränkt sinnvoll. So führt z. B. die Reduzierung des Spaltmaßes bei einem Geländewagen mit hohen Ansprüchen an die Karosserie tendenziell zu höherem Aufwand bei Reparaturen.
Das kundenbezogene Qualitätsverständnis: Diese Sichtweise definiert Qualität als die perfekte Realisierung aller Kundenanforderungen an ein Produkt und entspricht der Qualitätsdefinition der ISO 9000:2005. Das Fehlen von Merkmalen (fehlende Umsetzung einer Kundenforderung) wirkt sich damit negativ auf die Qualität des Produktes aus. Eine Zugabe weiterer Merkmale, welche vom Kunden nicht gewünscht sind, kann die Qualität nicht positiv beeinflussen, da sie für den Kunden nutzlos sind. Daher kann auch keine Kompensation von fehlenden Merkmalen durch Zugabe anderer Funktionen erfolgen. Ein Problem dieses Ansatzes liegt in der vollständigen Identifikation der Kundenforderungen begründet. Während explizite Anforderungen dem Kunden bewusst sind, müssen implizite (unbewusste) Anforderungen durch geeignete Methoden „aus einer Person extrahiert“ werden. So könnte z. B. eine dem Kunden unbewusste Anforderung das Prestige eines Kraftfahrzeuges darstellen, was durch den Kauf erworben wird. Die Identifikation von Anforderungen und deren Realisierung in Produkte erfolgt durch das Forschungsgebiet des Marketing bzw. der Marktforschung. Da die Anforderungen zwischen Personen unterschiedlich ausfallen können, kann kein Produkt mit absoluter Qualität existieren. Vielmehr kann die Qualität eines Produkts durch eine Person als positiv und durch eine andere als negativ bewertet werden. So besitzen z. B. Supersportwagen durch die Eigenschaft der Vermittlung des sozialen Status des Besitzers für einige Menschen eine hohe Qualität. Umweltbewusste Konsumenten werden die Qualitätsmerkmale wegen der ungünstigen CO2-Bilanz anders bewerten.
Das wertorientierte Qualitätsverständnis: Nach dieser Sichtweise liegt ein Qualitätsprodukt genau dann vor, wenn ein Produkt hinsichtlich der realisierten Merkmale zu einem angemessenen Preis erworben werden kann (Kosten-Nutzen-Verhältnis). Diese Sicht wird z. B. bei Warentests von Zeitschriften zugrunde gelegt und erfolgt in Kategorien wie „Preis/Leistungssieger“ etc. Allerdings muss bei dieser Betrachtung die Relevanz der Merkmale eines Produktes für den Kunden beachtet werden (vgl. kundenbezogenes Qualitätsverständnis). Ein höherer Preis ist für den Kunden nicht durch nutzlose Produktmerkmale zu rechtfertigen.
Das fertigungsbezogene Qualitätsverständnis: Erfüllung von Zeichnungsangaben, Vereinbarungen und Normen; a priori Qualität.
Die vier Eckpfeiler der Qualität nach Philip Bayard Crosby
Philip B. Crosby definierte 1979 die vier Eckpfeiler der Qualität wie folgt:
Qualität wird als Grad der Übereinstimmung mit Anforderungen definiert (),
das Grundprinzip des Qualitätsmanagements ist Vorbeugung (),
das Null-Fehler-Prinzip muss zum Standard werden,
Qualitätskosten sind die Kosten für Nichterfüllung der Qualitätsanforderungen.
Unternehmerisches Qualitätsverständnis
Das unternehmerische Qualitätsverständnis geht über das Qualitätsverständnis der EN ISO 9000:2005 hinaus. Letztere versteht Qualität als Überdeckungsgrad zwischen expliziten und impliziten Forderungen des Kunden „Soll“ und den gelieferten Eigenschaften „Ist“. Eine alleinige Ausrichtung des Unternehmens auf Kundenwünsche ist jedoch nicht zwangsläufig unternehmerisch. Beim unternehmerischen Qualitätsverständnis stellt erst der Überdeckungsgrad der drei Zielgrößen „Kundenforderungen“ (Sollen), „Unternehmensausrichtung“ (Wollen) und „Unternehmensfähigkeit“ (Können) unternehmerische Qualität dar. Kundenforderungen sind z. B. Forderungen nach spezifischen Funktionalitäten oder Eigenschaften, die z. B. ein Produkt (Produktqualität) oder eine Dienstleistung (Dienstleistungsqualität) aus Sicht des Kunden erfüllen soll. In der Unternehmensausrichtung spiegeln sich die Ziele und die strategische Ausrichtung des Unternehmens wider. Die Unternehmensausrichtung definiert, wie ein Unternehmen den Markt und damit die Kunden bearbeiten möchte. Dabei orientiert sich das Unternehmen an den gesellschaftlichen sowie selbst auferlegten Werten. Unter der Unternehmensfähigkeit werden die Kompetenzen verstanden, die das Unternehmen im Rahmen des Qualitätsmanagements besitzt, um die gesetzten Ziele zu erreichen und die Kundenforderungen mit Produkt- und Dienstleistungsadressat sowie aus dem übrigen Kontext des Unternehmens (z. B. Anforderungen rechtlicher Natur aus Staat und Gesellschaft, der Eigentümer, der Mitarbeiter, der Lieferanten …) umzusetzen und mögliche Risiken präventiv zu entschärfen.
Qualität im Sprachgebrauch
Obgleich die Bezeichnung „Qualität“ an sich keine Bewertung beinhaltet, wird der Begriff im Alltag oft wertend gebraucht. So wird Qualität etwa als Gegenstück zu Quantität verstanden (Quantität ist nicht gleich Qualität). „Quantität“ bezeichnet in Wahrheit lediglich die Menge von qualitativen Eigenschaften und drückt sich daher in Mengen- oder Messwerten aus. Die Redewendung bezieht sich jedoch darauf, dass in der Alltagssprache Qualität oft ein Synonym für Güte ist, oft ist daher von „guter“ oder „schlechter“ Qualität die Rede. Kauft ein Kunde ein Produkt oder eine Dienstleistung und erfüllen diese ihre Zwecke für den Kunden, so haben sie im allgemeinen Sprachgebrauch eine „gute Qualität“. Dieses subjektive, kundenbezogene Qualitätsverständnis lässt sich nur sehr schwer insbesondere durch Marktforschung erfassen, da es sich individuell stark unterscheiden kann. „Qualität ist, wenn der Kunde wieder kommt und nicht die Ware.“
Produkt-, Service- und Prozessqualität
Tatsächlich hat sich der Begriff „Qualität“ im wirtschaftlichen Alltag als ein allgemeiner Wertmaßstab etabliert, der die Zweckangemessenheit eines Produkts (Produktqualität), einer Dienstleistung (Dienstleistungsqualität, Servicequalität) oder eines Prozesses (Prozessqualität) zum Ausdruck bringen soll. Dieses Verständnis zeigt sich etwa im Ausdruck „Qualitätsarbeit“. Sie findet häufig in einem bereichsübergreifenden, die Qualität der einzelnen Ergebnisse sichernden System statt. Die Planung, Steuerung und Kontrolle aller hierzu nötigen Tätigkeiten wird als Qualitätsmanagement bezeichnet. Es befasst sich unter anderem mit der Qualitätssicherung und Qualitätsprüfung. Als Ergebnis entsteht das „Qualitätsprodukt“.
Der Unterschied zwischen Produkt- und Prozessqualität kann in der Praxis bei Fragen der Haftung zum Tragen kommen. Beispielsweise berücksichtigte das Oberlandesgericht Zweibrücken 2014 bei seiner Zurückweisung von Haftungsansprüchen, welche im Zusammenhang mit den fehlerhaften Brustimplantaten des Herstellers PIP gegen den TÜV Rheinland erhoben worden waren, dass der TÜV Rheinland zwar das Qualitätssicherungssystem von PIP zu prüfen hatte, nicht aber die Beschaffenheit und Qualität der hergestellten Produkte selbst.
Wo sich Produktqualität mit quantitativen Größen messen lässt, wird sie häufig als technische Qualität bezeichnet. Das betrifft beispielsweise Eigenschaften wie Bruchfestigkeit, Belastbarkeit, Langlebigkeit, Farbechtheit usw. Als eine der einfachsten Definitionen für Qualität gilt hier die Regel: „Qualität ist die Übereinstimmung von Ist und Soll“, also die Erfüllung von Spezifikationen oder Vorgaben () im Gegensatz zu der Erfüllung von Erwartungen und Zielen als dem übergreifenden Qualitätsanspruch (). In der Produktion werden hierbei heute Kennzahlen zur Qualität über rechnergestützte Systeme bestimmt. Diese Systeme zur Qualitätssicherung werden CAQ-Systeme (CAQ von ) genannt.
Die Arbeitsqualität ist neben der Materialqualität der verwendeten Werkstoffe der wichtigste Einflussfaktor bei der Produkt- und Dienstleistungsqualität. Um ein stetiges Qualitätsniveau erreichen zu können, müssen an die Qualifikation der Mitarbeiter hohe Anforderungen gestellt werden. Eine Möglichkeit, die Effektivität eines Unternehmens zu steigern, besteht darin, die Qualifikation bei der Einstellung der Arbeitskräfte strenger zu kontrollieren und die Auswahl stärker von den Anforderungen an die künftigen Aufgaben abhängig zu machen. Die Arbeitsqualität kann durch Qualitätsmanagement oder Total-Quality-Management überwacht und verbessert werden. Nur wer die höchste Produkt- oder Dienstleistungsqualität erreicht, wird auf dem Markt zum Qualitätsführer. Hohe Arbeitsqualität hat in Deutschland zum Qualitätsmerkmal des Made in Germany geführt. Einem Fachkräftemangel kann deshalb nicht dadurch begegnet werden, dass die Anforderungen an die Qualifikation gesenkt werden. Dies wirkt sich unmittelbar negativ auf die Arbeitsqualität und damit auf die Produkt- und Dienstleistungsqualität aus.
Qualitätsbegriff in der Medizin
Oben aufgeführte Sichtweisen sind im Gesundheitswesen gemäß Qualitätsmodell nach Donabedian unter den Stichworten Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität wiederzufinden. Die transzendente Betrachtungsweise, die schon in der Renaissance hinterfragt wurde, hat sich überall da erhalten, wo Einzelfälle und nicht objektivierbare Erfolge bei Patienten und Behandlern eine Rolle spielen. Die Wege zu einer erfolgreichen Behandlung von hoher Qualität werden über „Expertenäußerung“, Medizinische Leitlinien der Fachverbände bis hin zu justitiablen Richtlinien im Rahmen der medizinischen Qualitätssicherung festgelegt. In Bezug auf neuartige Behandlungstechniken und ihre Relevanz für therapeutische Minimal- oder Maximalstandards gelten zum Teil unterschiedliche Bewertungskriterien. Wissenschaftliche und berufspolitische Organisationen versuchen im Konsens bei den verschiedenen miteinander konkurrierenden Therapien den Grad der Evidenz zu bestimmen.
Bei Krankenkassen und Patienten, die eine Kostentransparenz besitzen (Zuzahler), hat sich ein „materialistischer Qualitätsbegriff“ durchgesetzt, also ein gutes Produkt für einen angemessenen Preis, was natürlich auch eine (zahn)ärztliche Dienstleistung sein kann.
Berufe im Qualitätsbereich
Qualitätsmanagementbeauftragter (QMB)
Qualitätsfachmann
Qualitätsingenieur
Qualitätsmanager
Auditor
Die Deutsche Gesellschaft für Qualität bietet Bildungsveranstaltungen in diesem Umfeld an.
Literatur
Tilo Pfeifer, Robert Schmitt (Hrsg.): Masing Handbuch Qualitätsmanagement. 6., überarbeitete Auflage. Carl Hanser Fachbuchverlag, München/ Wien 2014, ISBN 978-3-446-43431-8.
Tilo Pfeifer, Robert Schmitt: Qualitätsmanagement. Strategien-Methoden-Techniken. 4. Auflage. Carl Hanser, München 2010, ISBN 978-3-446-41277-4.
Hans-Dieter Zollondz: Grundlagen Qualitätsmanagement. Einführung in Geschichte, Begriffe, Systeme und Konzepte. 2., erweiterte Auflage. Oldenbourg Verlag, München 2006, ISBN 3-486-25950-4.
Gerd F. Kamiske, Jörg-Peter Brauer: Qualitätsmanagement von A bis Z. Erläuterungen moderner Begriffe des Qualitätsmanagements. 5. Auflage. Carl Hanser, München 2005, ISBN 3-446-40284-5.
Tilo Pfeifer: Praxisbuch Qualitätsmanagement. Aufgaben, Lösungswege, Ergebnisse. 2. Auflage. Hanser, München 2001, ISBN 3-446-21508-5.
David A. Garvin: What Does „Product Quality“ Really Mean? Sloan Management Review, Fall 1984, S. 25–45.
Philip B. Crosby: Quality is free: the art of making quality certain. McGraw-Hill, New York 1979, ISBN 0-07-014512-1.
Weblinks
olev.de: Eintrag „Qualität“ im Online-Verwaltungslexikon
Einzelnachweise
Arbeitsstudium
Betriebswirtschaftslehre
Medizin
Qualitätsmanagement
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Q185957
| 133.790691 |
278984
|
https://de.wikipedia.org/wiki/CHILL
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CHILL
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CHILL (Abkürzung für CCITT High Level Language) ist eine problemorientierte Programmiersprache, die hauptsächlich in der Kommunikationstechnik angewandt wird, zum Beispiel für rechnergesteuerte Vermittlungssysteme. CHILL gehört zur Algol-60-Familie, sie ist blockorientiert und streng typisiert. CHILL enthält Sprachelemente zur Modularisierung und zur Prozesssteuerung.
Die Sprache wurde vom CCITT (heutige Bezeichnung ITU-T) entwickelt und 1980 publiziert (heute ITU-T Rec. Z.200.).
ITU stellte einen Standard-CHILL-Compiler zur Verfügung. Die GNU Compiler Collection enthielt bis zur Version 2.95.3 einen freien CHILL-Compiler.
Literatur
P. Branquart: An Analytical Description of CHILL, the CCITT High Level Language. LNCS 128, Springer 1982, ISBN 3-540-11196-4.
CHILL User’s Manual, ITU, Genf 1986, ISBN 92-61-02601-X.
CCITT/ISO/IEC International Standard ISO/IEC 9496, Recommendation Z.200, ISBN 92-61-03801-8.
C. H. Smedema et al.: The programming languages: Pascal, Modula, CHILL, and Ada. Prentice-Hall, Englewood Cliffs/N.J. 1983, ISBN 0-13-729756-4.
J. Winkler et al.: Object CHILL – An Object Oriented Language for Systems Implementation. ACM Comp Sci Conf 1992, S. 139–147.
G. Diesl et al.: Object-CHILL: The Road to Object Oriented Programming with CHILL, Proceedings of the 5th CHILL Conference. Rio de Janeiro, Brazil, March 1990, S. 135–142.
G. Paulsen: When Switches Became Programs. Programming Languages and Telecommunications, 1965–1980, in: IEEE Annals of the History of Computing 36 (2014) H. 4, S. 38–50.
Weblinks
CHILL Seite der Universität Jena
Digitale Kommunikation
Programmiersprache
CHILL
Kommunikationstechnik
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Q642207
| 87.703351 |
14191
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https://de.wikipedia.org/wiki/Pennsylvania
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Pennsylvania
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Pennsylvania (englische Aussprache ) ist ein Bundesstaat im Osten der Vereinigten Staaten von Amerika und einer ihrer dreizehn Gründerstaaten. Der offizielle Name ist Commonwealth of Pennsylvania („Gemeinwesen von Pennsylvanien“). Gemeinsam mit New York und New Jersey wird Pennsylvania den Mittelatlantikstaaten zugerechnet. Der heutige Bundesstaat entstand aus der Province of Pennsylvania, die 1681 von William Penn gegründet worden war.
Der Name bedeutet wörtlich „Waldland von Penn“ (von lat. silva „Wald“). Pennsylvania trägt den Beinamen Keystone State (Schlussstein-Staat, nach dem zentralen keilförmigen Stein in der Mitte eines Bogens).
Geographie
Lage
Pennsylvania grenzt im Osten an New Jersey, im Südosten an Delaware, im Süden an Maryland, im Südwesten an West Virginia, im Westen an Ohio, im Nordwesten an den Eriesee und im Norden an den Bundesstaat New York. Die Ausdehnung beträgt 274 km in Nord-Süd-Richtung und 455 km in Ost-West-Richtung.
Die Gesamtfläche des Bundesstaates beträgt 119.283 km², er ist damit etwas größer als Bulgarien. Davon sind 116.075 km² Landflächen; 3.208 km² sind Gewässeroberflächen, von denen 1.940 km² auf den Eriesee entfallen.
Die höchste Erhebung des Staats ist mit 979 Meter über dem Meeresspiegel der Mount Davis, der nach seinem Eigentümer benannt wurde, einem Lehrer, der auf Seiten der Union bei der Schlacht von Gettysburg kämpfte. Der niedrigste Punkt Pennsylvanias liegt auf Meereshöhe am Delaware River. Die Durchschnittshöhe beträgt 336 m.
Der Hauptfluss durch das Land heißt Susquehanna River. Pennsylvania ist geprägt durch Laubwälder und Hügelland. Im Osten des Landes findet man das Mittelgebirge der Appalachen.
Im Süden des Bundesstaates liegt die archäologisch interessante Ausgrabungsstätte Meadowcroft.
Gliederung
Liste der Countys in Pennsylvania
Bevölkerung
Pennsylvania hat 12.702.379 Einwohner (Stand: U.S. Census 2010), davon sind 79,5 % Weiße, 10,8 % Afroamerikaner, 5,7 % Hispanics, 2,7 % Asiaten, 0,2 % Indianer.
Alters- und Geschlechterstruktur
Die Altersstruktur von Pennsylvania setzt sich folgendermaßen zusammen:
bis 18 Jahre: 2.807.534 (22,6 %)
18–64 Jahre: 7.749.853 (62,3 %)
ab 65 Jahre: 1.883.231 (15,1 %)
Das Medianalter beträgt 39,6 Jahre. 48,6 % der Bevölkerung sind männlich und 51,4 % sind weiblich.
Abstammung
3.239.286 Einwohner Pennsylvanias gaben bei der American Community Survey im Jahr 2014 an, deutschstämmige Vorfahren zu haben. Mit einem Anteil von 25,3 % an der Gesamtbevölkerung stellen die Deutschstämmigen damit die größte Bevölkerungsgruppe des Bundesstaates dar. Es folgen mit weitem Abstand die Gruppen der Irisch- (16,4 %), Italienisch- (12,2 %), Englisch- (7,0 %) und Polnischstämmigen (6,4 %).
Deutschsprachige Einwanderer, die Pennsylvania Dutch, unter ihnen Mennoniten und Amische, ließen sich vor allem im Süden, besonders im Lancaster County, nieder. 1683 wurde Germantown gegründet. Berks County wurde im 18. Jahrhundert überwiegend von evangelischen Deutschen besiedelt.
30.000 Einwanderer von 1727 bis 1776 sind mit Angaben der Namen der Schiffe, des Einschiffungsortes und des Datums der Ankunft in Philadelphia namentlich publiziert.
Einwohnerentwicklung
Religionen
Die mitgliederstärksten Religionsgemeinschaften im Jahre 2000 waren die Katholische Kirche mit 3.802.524, die United Methodist Church mit 659.350 und die Evangelisch-Lutherische Kirche in Amerika mit 611.913 Anhängern. In Philadelphia befindet sich die Nordamerika-Zentrale der Missionsärztlichen Schwestern (engl.: Medical Mission Sisters (MMS)).
Sprachen
Pennsylvania hat offiziell keine Amtssprache, de facto wird die Englische Sprache von offizieller Stelle benutzt. Kleine Minderheitensprachen sind unter anderem das Pennsylvania Dutch, welches noch von wenigen Tausend Menschen aktiv gesprochen wird.
Größte Städte
Geschichte
Ursprünglich war Pennsylvania das Siedlungsgebiet der von Irokesen und europäischen Kolonisten ausgerotteten Susquehannock. 1643 ließen sich die ersten Siedler aus Schweden kommend nieder. Später gelangte es unter die Kontrolle von England.
Von 1671 an reiste William Penn in viele europäische Länder und warb für die Quäker-Kolonien in der Neuen Welt. Die größte Immigration von Quäkern begann ab 1681, als Karl II. von England den Quäkern ein großes Landgebiet an der damaligen Westgrenze der besiedelten Gebiete überließ und Penn zum Gouverneur des später Pennsylvania genannten Gebietes ernannte. Das „heilige Experiment“, wie es Penn nannte, war der einzige jemals existierende Quäker-Staat. In ihm herrschte von Anfang an volle Religionsfreiheit.
Die Mason-Dixon-Linie wurde zwischen 1763 und 1767 vermessen, um die bis heute gültige Grenze zwischen Pennsylvania und Maryland festzulegen. Sie bildet die historische Grenze zwischen den Nord- und den Südstaaten der USA.
1774 und 1775 tagte der Kontinentalkongress in Philadelphia, wo am 4. Juli 1776 die Unabhängigkeitserklärung in der Independence Hall (damals Pennsylvania State House) unterzeichnet wurde. Damit waren der Eigentümerfamilie Penn alle Privilegien im Sinne Benjamin Franklins aberkannt. 1787 wurde in Philadelphia auch die heute noch gültige Verfassung der Vereinigten Staaten während des als Philadelphia Convention bekannten Verfassungskonvents ratifiziert. Nach Delaware stimmte Pennsylvania als zweiter Staat der Verfassung zu und trat damit als einer der 13 Gründerstaaten der Union bei. 1790 bis 1800 war Philadelphia nach New York die zweite Hauptstadt der USA. Im Sezessionskrieg (1861–1865) stand Pennsylvania auf Seiten der Nordstaaten. Ungefähr 350.000 Pennsylvanier dienten in der Armee der Union, darunter etwa 8600 afroamerikanische Freiwillige.
Vom 1. bis zum 3. Juli 1863 fand eines der wichtigsten Ereignisse der amerikanischen Geschichte auf dem Boden Pennsylvanias statt. In der Schlacht von Gettysburg siegten die Nordstaaten über die Südstaaten. Die Schlacht ist einer der entscheidenden Wendepunkte des Amerikanischen Bürgerkrieges.
Weltberühmt wurde die Bohrung nach Öl, die Edwin L. Drake am 27. August 1859 am Oil Creek in Titusville durchführte. Dies löste in der Region einen Ölboom aus, ähnlich dem Goldrausch. Zahlreiche Leute zog es in die Region. Die USA gehören seitdem zu den größten Ölproduzenten der Welt.
Am 28. März 1979 ereignete sich im Kernkraftwerk Three Mile Island, nahe der Stadt Harrisburg, eine Kernschmelze.
Am 11. September 2001 wurden vier amerikanische Flugzeuge entführt und für Terroranschläge verwendet. Zwei wurden in New York City und eines in Washington, D.C. zum Absturz gebracht. Das vierte Flugzeug, das wahrscheinlich ein Regierungsgebäude in Washington, D.C. treffen sollte, wurde von einem der Entführer in Shanksville, Pennsylvania zum Absturz gebracht, da er in Kämpfe mit den Passagieren verwickelt war. 2005 fand ein landesweit aufsehenerregender Prozess in Dover (Pennsylvania) statt: Der Prozess Kitzmiller vrs. Dover Area School District. Hier entschied das Gericht United States District Court for the Middle District of Pennsylvania, dass Intelligent Design keine Wissenschaft sei und daher in Schulen nicht als Alternative zur Evolutionstheorie unterrichtet werden dürfe.
Politik
Pennsylvania ist politisch und gesellschaftlich ein zutiefst gespaltener Staat. Während der Westen traditionell von Stahlindustrie und Bergbau rund um Pittsburgh geprägt ist, zeichnet sich das Hügelland der auslaufenden Appalachen durch Kleinstädte und Farmland aus, in dem die Kirchen der Quäker, Presbyterian Church und Amischen oft noch die Zentren der Gesellschaft bilden. Dieses Gebiet kann mit dem Bible Belt verglichen werden. Im Osten liegt mit Philadelphia eine Großstadt, die in den 1970er und 1980er Jahren, ebenso wie Pittsburgh, stark von der Werften-, Stahl- und Automobilkrise getroffen wurde. Inzwischen haben sich beide Städte wirtschaftlich von diesen Krisen erholt, weniger jedoch die Kleinstädte, so dass der Staat dem Rust Belt zugerechnet wird. Rund um Philadelphia, wo auch zahlreiche Afroamerikaner und Hispanics leben, liegt eine Reihe von wohlhabenden Vororten. Diese Voraussetzungen Pennsylvanias, welches von James Carville einst sinngemäß als „Philadelphia und Pittsburgh mit Alabama dazwischen“ beschrieben wurde, machen es zu einem bei Präsidentschaftswahlen überaus umkämpften Staat, da beide Parteien sich berechtigte Hoffnungen machen können, durch die Präsenz ihrer traditionellen Wählergruppen die 20 Wahlmännerstimmen für sich verbuchen zu können.
Von 1992 bis 2012 hat Pennsylvania stets demokratisch gewählt und schien sich vom Swing State hin zum Blue State zu entwickeln. Es wählte 2006 den konservativen US-Senator Rick Santorum von der Republikanischen Partei zugunsten des Demokraten Bob Casey ab; der zweite Republikaner im Senat, Arlen Specter, seit Jahren an der Leitung des Justizausschusses beteiligt, galt stets als einer der moderatesten Republikaner überhaupt. Im April 2009 wechselte er schließlich die Fraktion und wurde Demokrat. Die Wahlen des Jahres 2010 brachten jedoch wieder eine Wende hin zu den Republikanern, die bis zu seiner Abwahl am 20. Januar 2015 mit Tom Corbett den Gouverneur stellten und durch Pat Toomey auch wieder im Senat vertreten sind. Er löste im Januar 2011 Arlen Specter ab. Seit 20. Januar 2015 ist der Demokrat Tom Wolf Gouverneur des Staates. Die Delegation Pennsylvanias im Repräsentantenhaus des 112. Kongresses besteht aus zwölf Republikanern und sieben Demokraten; in der vorherigen Legislaturperiode hatte sich das Verhältnis noch genau umgekehrt dargestellt. Im 113. Kongress verfügen die Republikaner über eine 13:5-Mehrheit. 2016 gewann Trump knapp.
Gouverneur und Staatsregierung
Gouverneur des Bundesstaates ist seit Januar 2023 der Demokrat Josh Shapiro.
Der Gouverneur übt auf bundesstaatlicher Ebene die Exekutivgewalt aus, das heißt, er führt die Staatsregierung und bestimmt die Richtlinien der Politik. Er verfügt über das Begnadigungsrecht, ernennt hohe Beamte sowie Richter am bundesstaatlichen Verfassungsgericht und nimmt in der Gesetzgebung eine zentrale Rolle ein, indem er Gesetzesbeschlüsse unterzeichnet oder sein Veto einlegt. Ferner ist er Oberbefehlshaber der Nationalgarde von Pennsylvania und vertritt den Bundesstaat nach außen. Der Gouverneur wird im Turnus von vier Jahren direkt von der Bevölkerung gewählt.
Weitere wichtige Mitglieder der Exekutive sind der Vizegouverneur, der Attorney General, der Secretary of State und der State Treasurer (entspricht etwa einem Finanzminister).
Siehe auch:
Liste der Gouverneure von Pennsylvania
Liste der Vizegouverneure von Pennsylvania
Legislative
Die Legislative besteht aus einem Zweikammerparlament, einem Repräsentantenhaus und einem Senat. Das Repräsentantenhaus besteht aus 203 vom Volk für zwei Jahre gewählten Mitgliedern (Abgeordneten), während sich der Senat aus 50 Mitgliedern (Senatoren) zusammensetzt, die auf vier Jahre gewählt sind. Alle zwei Jahre steht dabei je die Hälfte der Senatoren zur Wahl. Sowohl Staatssenatoren als auch die Abgeordneten repräsentieren im Parlament einen Wahlkreis. In beiden Häusern haben die Republikaner derzeit eine Mehrheit. Es handelt sich um ein Vollzeitparlament.
Vertretung im US-Kongress
Liste der US-Senatoren aus Pennsylvania
Liste der Mitglieder des US-Repräsentantenhauses aus Pennsylvania
Mitglieder im 117. Kongress
Kultur
Murmeltiertag
Bekannt ist der Murmeltiertag (Groundhog Day), der an verschiedenen Orten der USA und Kanadas immer am 2. Februar gefeiert wird. Der Überlieferung nach sagt das Murmeltier (genauer gesagt: das Waldmurmeltier, engl. groundhog), das aus seinem Bau geholt wird, das Wetter voraus. Sieht es seinen Schatten (bzw. ist sein Schatten zu sehen), so sind weitere sechs Wochen Winter zu erwarten. Sieht es seinen Schatten nicht (bzw. ist sein Schatten nicht zu sehen), so wird ein früher Frühling erwartet. (Siehe auch den Spielfilm: Und täglich grüßt das Murmeltier).
Sport
Es gibt zwei bekannte Eishockey-Teams: in Pittsburgh die Pittsburgh Penguins und in Philadelphia die Philadelphia Flyers. Außerdem sind dort die Basketball-Mannschaft der Philadelphia 76ers, die Football-Mannschaften der Philadelphia Eagles und der Pittsburgh Steelers sowie die Baseball-Mannschaften der Philadelphia Phillies und Pittsburgh Pirates beheimatet. Seit der Saison 2010 tritt die Fußball-Mannschaft Philadelphia Union in der MLS an.
Wirtschaft und Infrastruktur
Wirtschaftsstruktur
Die Wirtschaftsleistung Pennsylvanias betrug im Jahre 2016 724 Milliarden USD, womit es die sechsthöchste Wirtschaftsleistung der Bundesstaaten der USA hatte und einen Anteil von 3,93 % an der gesamten amerikanischen Wirtschaft hielt. Als eigenes Land gezählt, wäre die Wirtschaftsleistung von Pennsylvania ungefähr so groß wie die der Niederlande. Das reale Bruttoinlandsprodukt pro Kopf (engl. per capita GDP) lag im Jahre 2016 bei USD 56.625 (nationaler Durchschnitt der 50 US-Bundesstaaten: USD 57.118; nationaler Rangplatz: 21). Die Arbeitslosenquote lag im November 2017 bei 4,6 % (Landesdurchschnitt: 4,1 %).
Wichtige Wirtschaftszweige sind:
Anbau von Mais, Weizen, Kartoffeln, Obst, Gemüse
Eisen- und Stahlerzeugung; an dritter Stelle in den USA
Erdöl und Eisenerz
Kohlebergbau (Anthrazit); führend in den USA (Die großen Kohlevorkommen stellen auch eine latente Gefahr dar: So musste die Stadt Centralia aufgegeben werden, weil sie von einem Kohlebrand unterwandert worden war. Das Gelände um die Stadt Uniontown wölbt sich bereits aufgrund der Hitze. Kohlebrände bewegen sich im Untergrund mehrere Meter pro Jahr.)
Viehzucht
Zement-, Maschinen-, Elektrogeräte-, Metallwaren- und chemische Industrie
Bildung
Die wichtigsten staatlichen Universitäten sind die Pennsylvania State University, die University of Pittsburgh und die Temple University, wobei die University of Pittsburgh und die Temple University autonom sind, aber staatliche Unterstützung erhalten. Zu den bekanntesten privaten Hochschulen gehören die University of Pennsylvania, die Carnegie Mellon University, die Drexel University, die Duquesne University und die Saint Joseph’s University. Weitere Hochschulen sind in der Liste der Universitäten in Pennsylvania verzeichnet.
Literatur
Vincent P. Carocci: A Capitol Journey: Reflections on the Press, Politics, and the Making of Public Policy in Pennsylvania. Pennsylvania State University Press, University Park 2005, ISBN 978-0-271-05857-3.
Randall M. Miller, William A. Pencak (Hrsg.): Pennsylvania: A History of the Commonwealth. Pennsylvania State University Press, University Park 2002.
Weblinks
Offizielle Webseite des Staates Pennsylvania (englisch)
VisitPA (Touristik-Auskunft)
Wirtschaftsministerium Pennsylvania - Internationale Vertretungen (englisch)
Einzelnachweise
Bundesstaat der Vereinigten Staaten
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Q1400
| 2,405.413118 |
7259
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https://de.wikipedia.org/wiki/1368
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1368
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Ereignisse
Politik und Weltgeschehen
Zweiter Waldemarkrieg in Skandinavien
2. Mai: Im Zweiten Waldemarkrieg erobert eine Flotte der Hanse mit 2.000 Kriegern die dänische Hauptstadt Kopenhagen und zerstört die Stadt. Im Sommer des Jahres erobern schwedische und hansische Truppen die Provinz Schonen in Südschweden zurück. Südjütland und Norwegen werden ebenfalls besetzt, so dass König Waldemar IV. fliehen muss. Helsingborg hält als einzige Stadt den Attacken der Hanse stand und zwingt die Belagerer unter dem Kommando von Bruno von Warendorp zu überwintern.
Heiliges Römisches Reich/Italien
Andrea Contarini wird Doge von Venedig als Nachfolger des am 13. Januar gestorbenen Marco Corner.
2. April: Karl IV. bricht zu seinem zweiten Italienzug auf. Dieser römisch-deutsche Kaiser schickt ein großes Heeresaufgebot zur Unterstützung des 1367 nach Rom zurückgekehrten Papstes Urban V.
1. November: Elisabeth von Pommern, die vierte Frau von Kaiser Karl IV., wird vom Papst in Rom zur römisch-deutschen Kaiserin gekrönt. Anschließend reitet sie mit Krone und Mitra unter viel Jubel des Volkes durch die Altstadt zum Lateran, nimmt dort an einem zu ihren Ehren veranstalteten Bankett teil und schlägt mehrere Personen zum Ritter. Zur Pflege und Aufnahme böhmischer Pilger stiftet das Kaiserpaar, das nach der Krönungszeremonie einige Wochen im Vatikan logiert, ein Hospital in Rom.
25. August: Der kinderlose Graf Gottfried IV. verkauft die Grafschaft Arnsberg an das Erzstift Köln. Das kölnische Herzogtum Westfalen kann damit seine bis dahin zerstreuten Besitzungen vereinigen. Gottfried erhält als Gegenleistung als einziger weltlicher Herrscher ein Begräbnis im Kölner Dom zugesichert.
In Augsburg führt ein Aufstand der städtischen Handwerker gegen die herrschenden Patrizierfamilien zur Einführung einer Zunftverfassung.
Osmanisches Reich
Sultan Murad I. macht Adrianopel in Thrakien zur Hauptstadt des Osmanischen Reiches. Dieses versteht sich damit explizit als europäische Macht und setzt seine Expansion in Richtung Donau und Ungarn weiter fort.
Kaiserreich China
Xu Da, General der gegen die Herrschaft der Mongolen in China rebellierenden Roten Turbane, greift die chinesische Hauptstadt Dadu an und zwingt nach gewonnener Schlacht Kaiser Toghan Timur aus der mongolischen Yuan-Dynastie zur Flucht nach Norden. Im Laufe dieser Verfolgung gelingt es ihm, den eigentlich mit den Mongolen verbündeten koreanischen General Yi Seong-gye, den späteren Gründer der koreanischen Joseon-Dynastie, auf seine Seite zu ziehen.
Der oberste Rebellenführer Zhu Yuanzhang proklamiert sich unter dem Namen Hongwu am 14. September zum ersten Kaiser der Ming-Dynastie. In seiner Regierungszeit steht der wirtschaftliche Wiederaufbau und der Aufbau einer neuen absolutistisch-zentralistischen Verwaltungsstruktur im Mittelpunkt der Bemühungen. Außerdem beginnt die Verlegung der Hauptstadt nach Süden. Zunächst lässt Hongwu Kaifeng, die alte Hauptstadt der Song-Dynastie, und die Hauptstadt der Han- und Tang-Dynastie Chang’an auskundschaften, dann legt er sich auf seinen eigenen Geburtsort Fengyang fest, einige hundert Kilometer nordwestlich von Nanjing. Hier will er seine neue Residenz, die Mittlere Hauptstadt (Zhongdu), errichten. Es ist die bisher südlichste Residenzstadt des chinesischen Gesamtreichs.
Japan
29. März: Gegenkaiser Chōkei folgt dem verstorbenen Go-Murakami als Tennō von Japan.
Wirtschaft
Während der Ming-Dynastie wird im Kaiserreich China der größte Geldschein der Weltgeschichte herausgegeben. Er ist 23 cm breit und 32 cm lang.
Wissenschaft und Technik
9. April: Peter Stromer beginnt seine Versuche mit der Wald-Saat im Nürnberger Reichswald, woraus sich der erste Kunstforst der Welt entwickelt.
Ein von Johannes von Troppau verfasstes Evangeliar ist vermutlich das erste Buch einer Buchsammlung der Habsburger, aus der sich im Laufe der Jahrhunderte die Österreichische Nationalbibliothek entwickelt.
Religion
9. Juni: Knapp sechs Monate nach dem Tod seines Vorgängers Dietrich von Portitz wird Albrecht von Sternberg mit Unterstützung des Kaisers zum Erzbischof von Magdeburg ernannt. Am 3. Dezember erfolgt der feierliche Einzug in die Stadt und seine Inthronisation.
Beginn der Ausbreitung der Observantenbewegung bei den Franziskanern (s. Spiritualen)
Geboren
Geburtsdatum gesichert
15. Februar: Sigismund von Luxemburg, römisch-deutscher Kaiser, König von Ungarn und Kroatien sowie König von Böhmen († 1437)
1. Juli: Braccio da Montone, italienischer Condottiere († 1424)
5. September: Walter Fitzwalter, englischer Adeliger († 1406)
3. Dezember: Karl VI., König von Frankreich († 1422)
Genaues Geburtsdatum unbekannt
Albrecht II., Herzog von Straubing-Holland († 1397)
Emir Sultan, Schutzheiliger von Bursa († 1429)
Friedrich I. von Vaudémont, Graf von Vaudémont († 1415)
Martin V., Papst († 1431)
Takeda Nobushige, japanischer Adeliger († 1450)
Geboren um 1368
Ludwig VII., Herzog von Bayern-Ingolstadt († 1447)
Jean Gérard de Poitiers, Erzbischof von Vienne († 1452)
Philipp I., Graf von Nassau-Weilburg und von Nassau-Saarbrücken († 1429)
William de Ros, englischer Adeliger und Lord Treasurer († 1414)
Gestorben
Todesdatum gesichert
13. Januar: Marco Corner, Doge von Venedig (* um 1288)
29. März: Go-Murakami, Kaiser von Japan (* 1328)
17. Juli: Otto II. von Wettin, Bischof von Minden
25. Juli: Agnes Mortimer, englische Adelige (* zwischen 1315 und 1321)
26. Juli: Nicola Capocci, italienischer Kardinal
26. Juli: Ulrich I., Graf von Cilli (* 1331)
28. Juli: Bolko II., Herzog von Schweidnitz-Jauer (* 1308)
24. August: Barnim III., Herzog von Pommern-Stettin
25. August: Engelbert III. von der Mark, Erzbischof von Köln (* 1304)
12. September: Blanche of Lancaster, Herzogin von Lancaster (* um 1341 oder 1345)
2. Oktober: Anna von Kaschin, russische Fürstin, Heilige (* um 1280)
17. Oktober: Lionel von Antwerpen, Herzog von Clarence und Ulster (* 1338)
19. November: Johann, Graf von Kleve (* um 1292)
Genaues Todesdatum unbekannt
vor dem 21. Februar: Friedrich von Zollern, Fürstbischof von Regensburg
um 18. Mai: Henry Percy, englischer Magnat (* um 1321)
31. Mai oder 13. Oktober: Konrad von Kreuznach, deutscher Musiker
Erich II., Herzog von Sachsen-Lauenburg (* 1318/1320)
Guy de Chauliac, französischer Arzt (* um 1298)
Heinrich, Graf von Nassau-Hadamar
John Mowbray, englischer Adeliger (* 1340)
Klara, Gräfin von Freiburg (* 1321)
Moritz von Oldenburg, Erzbischof von Bremen
Wang Zhen, chinesischer Erfinder, Agronom, Schriftsteller und Politiker (* 1271)
Gestorben um 1368
1368/1377: Ibn Battūta, arabischer Reisender (* 1304)
Weblinks
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Q6207
| 120.748527 |
83177
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https://de.wikipedia.org/wiki/Ortsvektor
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Ortsvektor
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Als Ortsvektor (auch Radiusvektor, Positionsvektor oder Stützvektor) eines Punktes bezeichnet man in der Mathematik und in der Physik einen Vektor, der von einem festen Bezugspunkt zu diesem Punkt (Ort) zeigt. In der elementaren und in der synthetischen Geometrie können diese Vektoren als Klassen von verschiebungsgleichen Pfeilen oder gleichwertig als Parallelverschiebungen definiert werden.
Ortsvektoren ermöglichen es, für die Beschreibung von Punkten, von Punktmengen und von Abbildungen die Vektorrechnung zu benutzen. Legt man ein kartesisches Koordinatensystem zugrunde, dann wählt man in der Regel den Koordinatenursprung als Bezugspunkt für die Ortsvektoren der Punkte. In diesem Fall stimmen die Koordinaten eines Punktes bezüglich dieses Koordinatensystems mit den Koordinaten seines Ortsvektors überein.
In der analytischen Geometrie werden Ortsvektoren verwendet, um Abbildungen eines affinen oder euklidischen Raums zu beschreiben und um Punktmengen (wie zum Beispiel Geraden und Ebenen) durch Gleichungen und Parameterdarstellungen zu beschreiben.
In der Physik werden Ortsvektoren verwendet, um den Ort eines Körpers in einem euklidischen Raum zu beschreiben. Ortsvektoren zeigen bei Koordinatentransformationen ein anderes Transformationsverhalten als kovariante Vektoren.
Schreibweisen
In der Geometrie wird der Bezugspunkt (Ursprung) in der Regel mit (für lat. origo) bezeichnet. Die Schreibweise für den Ortsvektor eines Punktes ist dann:
Gelegentlich werden auch die Kleinbuchstaben mit Vektorpfeil benutzt, die den Großbuchstaben entsprechen, mit denen die Punkte bezeichnet werden, zum Beispiel:
Auch die Schreibweise, dass der Großbuchstabe, der den Punkt bezeichnet, mit einem Vektorpfeil versehen wird, ist üblich:
Vor allem in der Physik wird der Ortsvektor auch Radiusvektor genannt und mit Vektorpfeil als oder (insbesondere in der theoretischen Physik) halbfett als geschrieben.
Beispiele und Anwendungen in der Geometrie
Verbindungsvektor
Der Verbindungsvektor von Punkt zu Punkt lässt sich mithilfe der Ortsvektoren und darstellen:
Kartesische Koordinaten
Für die Koordinaten des Ortsvektors des Punktes mit den Koordinaten gilt:
Verschiebung
Eine Verschiebung um den Vektor bildet den Punkt auf den Punkt ab. Dann gilt für die Ortsvektoren:
Drehung um den Ursprung
Eine Drehung in der Ebene mit Drehzentrum um den Winkel gegen den Uhrzeigersinn kann in kartesischen Koordinaten wie folgt mit Hilfe einer Drehmatrix beschrieben werden:
Ist der Ortsvektor eines Punktes und der Ortsvektor des Bildpunkts , so gilt:
Affine Abbildung
Eine allgemeine affine Abbildung, die den Punkt auf den Punkt abbildet, kann mit Ortsvektoren wie folgt dargestellt werden:
Hierbei ist der Ortsvektor von , der Ortsvektor von , eine lineare Abbildung und ein Vektor, der eine Verschiebung beschreibt. In kartesischen Koordinaten kann die lineare Abbildung durch eine Matrix dargestellt werden und es gilt:
Im dreidimensionalen Raum ergibt dies:
Entsprechende Darstellungen gibt es auch für andere Dimensionen.
Parameterdarstellung einer Geraden
Die Gerade durch die Punkte und enthält genau die Punkte , deren Ortsvektor die Darstellung
mit
besitzt. Man spricht hier auch von der Parameterform einer Geradengleichung.
Normalenform der Ebenengleichung
Die Ebene durch den Punkt (Stützpunkt) mit Normalenvektor enthält genau die Punkte , deren Ortsvektor die Normalengleichung
erfüllt. Dabei ist der Ortsvektor (Stützvektor) des Stützpunkts und der Malpunkt bezeichnet das Skalarprodukt.
Ortsvektor in verschiedenen Koordinatensystemen
Der durch einen Ortsvektor beschriebene Punkt kann durch die Koordinaten eines Koordinatensystems ausgedrückt werden, wobei der Bezugspunkt des Ortsvektors normalerweise in den Koordinatenursprung gelegt wird.
Kartesische Koordinaten
Üblicherweise wird der Ortsvektor in kartesischen Koordinaten in der Form
definiert. Daher sind die kartesischen Koordinaten gleichzeitig die Komponenten des Ortsvektors.
Zylinderkoordinaten
Der Ortsvektor als Funktion von Zylinderkoordinaten ergibt sich durch Umrechnen der Zylinderkoordinaten in die entsprechenden kartesischen Koordinaten zu
Hier bezeichnet den Abstand des Punktes von der -Achse, der Winkel wird von der -Achse in Richtung der -Achse gezählt. und sind also die Polarkoordinaten des orthogonal auf die --Ebene projizierten Punktes.
Mathematisch gesehen wird hier die Abbildung (Funktion) betrachtet, die den Zylinderkoordinaten die kartesischen Koordinaten des Ortsvektors zuordnet.
Kugelkoordinaten
Der Ortsvektor als Funktion von Kugelkoordinaten ergibt sich durch Umrechnen der Kugelkoordinaten in die entsprechenden kartesischen Koordinaten zu
Hierbei bezeichnet den Abstand des Punktes vom Ursprung (also die Länge des Ortsvektors), der Winkel wird in der --Ebene von der -Achse aus in Richtung der -Achse gemessen, der Winkel ist der Winkel zwischen der -Achse und dem Ortsvektor.
Physik
Himmelsmechanik
Um die Position eines Himmelskörpers, der sich auf einer Umlaufbahn um ein Schwerezentrum bewegt, anzugeben, wird in der Himmelsmechanik als Ursprung des Orts- oder Radiusvektors dieses Schwerezentrum gewählt. Der Radiusvektor liegt dann stets in Richtung der Gravitationskraft. Die Strecke des Ortsvektors wird Fahrstrahl genannt. Der Fahrstrahl spielt eine zentrale Rolle beim zweiten Keplerschen Gesetz (Flächensatz).
Siehe auch
Einheitsvektor
Frenetsche Formeln
Hodograph
Einzelnachweise
Literatur
Klaus Desch: Mathematische Ergaenzungen zur Physik II, Kapitel 11: Vektoranalysis. (PDF, 210 kB). Institut für Experimentalphysik, Hamburg.
Analytische Geometrie
Kinematik
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Q192388
| 156.964997 |
7114
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https://de.wikipedia.org/wiki/1215
|
1215
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Ereignisse
Politik und Weltgeschehen
Asien
1. Juni: Die Belagerung von Peking endet mit der Einnahme der Stadt durch die Mongolen unter Dschingis Khan. Der chinesische Herrscher der Jin-Dynastie, Xuānzōng, kann rechtzeitig vor Pekings Eroberung nach Kaifeng ausweichen.
Königreich England
6. Januar: Rebellische englische Barone treten in London bewaffnet vor König Johann Ohneland und tragen ihm ihre Forderungen vor. Dabei berufen sie sich vor allem auf die Charter of Liberties aus dem Jahr 1100. Johann vereinbart mit ihnen ein Verhandlungstreffen am 26. April in Northampton. Beide Seiten setzen danach ihre Vorbereitungen für einen Bürgerkrieg fort.
4. März: Der englische König Johann Ohneland verkündet einen Kreuzzug nach Palästina und zieht dafür Truppen zusammen.
3. Mai: Nachdem Johann am 26. April nicht zum vereinbarten Treffpunkt erschienen ist, kündigen die anwesenden Barone ihm ihre Lehenstreue auf. Sie beginnen mit der Belagerung von Northampton Castle.
17. Mai: Die City of London öffnet den Rebellen ihre Tore, obwohl Johann der Stadt kurz zuvor das Privileg verliehen hat, ihren Bürgermeister selbst zu wählen. Auch in Wales erobern rebellische Fürsten weite Gebiete.
27. Mai: Die Bürgerkriegsparteien vereinbaren auf Vermittlung von Erzbischof Stephen Langton einen Waffenstillstand.
15. Juni: Der englische König Johann Ohneland unterzeichnet in Runnymede nach einem Aufstand der Barone die Magna Charta libertatum. Die meisten Barone erneuern daraufhin am 19. Juni ihre Lehenseide vor Johann, der Bürgerkrieg ist vorläufig beendet.
24. August: Papst Innozenz III. verwirft die vom englischen König Johann Ohneland innenpolitisch ausgehandelte Magna Carta und droht den ihr Gehorchenden die Exkommunikation an. König Johann setzt sich darauf offen über ihre Bestimmungen hinweg.
September: Truppen unter dem Befehl von Hugo von Boves, die Johann aus Flandern zur Verstärkung nach England holen will, geraten auf dem Kanal in einen Sturm. Zahlreiche Schiffe sinken, und die Besatzungen kommen ums Leben. Die Rebellen nutzen diese Schwäche des Königs aus. Sie wenden sich an den französischen König Philipp II. und bieten dessen Sohn Ludwig die englische Krone an. In einem Vorstoß von London aus besetzen sie Rochester Castle, der nach Dover Castle mächtigsten Burg in Kent. Reginald of Cornhill, einst ein treuer Gefolgsmann des Königs, öffnet ihnen die Tore.
30. November: Johann Ohneland erobert Rochester Castle zurück.
Ende November: Die Vorhut eines französischen Invasionsheeres unter dem Befehl von Kronprinz Ludwig landet in Südengland.
Anfang Dezember: Eine Abordnung von 25 Baronen übergibt Northumberland, Cumberland und Westmorland an den schottischen König Alexander II. In Wales vereint Llywelyn ab Iorwerth sieben andere walisische Fürsten hinter sich und kann so in drei Wochen weite Teile von Südwales mit sieben Burgen erobern, darunter Cardigan und Carmarthen Castle.
Albigenserkreuzzug
8. Januar: Der päpstliche Legat Robert de Courçon ruft in Montpellier ein Konzil ein, das über die politische Ordnung Okzitaniens und des Languedoc entscheiden soll. Der einheimische Klerus votiert dort für eine Enteignung Raimunds VI., dessen Ländereien und Titel auf Simon de Montfort, den Anführer des Albigenserkreuzzuges, übertragen werden sollten. Papst Innozenz vertagt die Angelegenheit jedoch auf das Vierte Laterankonzil im Herbst.
Anfang Juli: Simon de Montfort erobert Toulouse, die Hauptstadt der Grafschaft Toulouse.
30. November: Das Vierte Laterankonzil beschließt die formelle Absetzung Raimunds VI. und die Einsetzung Simons de Montfort in alle Rechte eines Grafen von Toulouse, mit Ausnahme des Agenais, dass dem jungen Raimund VII. als Erbe seiner Mutter übergeben werden soll.
Heiliges Römisches Reich
25. Juli: Friedrich II. wird in Aachen vom Mainzer Erzbischof Siegfried II. von Eppstein erneut zum König gekrönt. Anlässlich seiner Krönung schwört der römisch-deutsche König, im Zeichen des Kreuzes in den Krieg zu ziehen. Er ist als Sohn Konstanze von Sizilien bereits seit 1198 Herrscher des weite Teile Süditaliens umfassenden Königreich Sizilien.
November: Auf dem Vierten Laterankonzil wird Friedrich als römisch-deutscher König anerkannt und die Aufhebung der Exkommunikation seines Widersachers Otto IV. abgelehnt.
Ungarn
Februar: Der ungarische König Andreas II. heiratet in Székesfehérvár seine zweite Frau Jolante von Courtenay.
Kreuzfahrerstaaten
Michael I. Komnenos Dukas, Despot von Epirus, wird von einem Diener ermordet. Nachfolger wird sein Halbbruder Theodoros I. Komnenos Dukas, der eine expansive Politik gegen das Königreich Thessaloniki beginnt. Michaels gleichnamiger unehelicher Sohn geht ins Exil ins Fürstentum Achaia auf den Peloponnes.
Im Laufe des 4. Kreuzzugs werden die Ionischen Inseln von der Republik Venedig erobert und fortan als Levantinische Inseln bezeichnet. Jede Insel bekommt eine Ratsversammlung, die aus dem erblichen Adel gebildet wird. Die Tocci stellen den Gouverneur von Korfu, die Orsini regieren die Pfalzgrafschaft Kefalonia.
Stadtrechte und urkundliche Ersterwähnungen
Erste urkundliche Erwähnung von Mahlberg, Monthey und Ramstein
Nördlingen wird freie Reichsstadt.
Kultur und Gesellschaft
Aachener Goldschmiede fertigen im Auftrag von König Friedrich II. den Karlsschrein. Friedrich vollzieht persönlich die Überführung der Gebeine Karls des Großen und die Schließung des Schreins am 27. Juli.
Winter: Thomasîn von Zerclaere schreibt in zehn Monaten das erste monumentale Lehrgedicht des Mittelalters in deutscher Sprache, den mehr als 14.700 Verse umfassenden Wälschen Gast.
Der Stricker verfasst den phantastischen Artusroman Daniel vom blühenden Tal.
um 1215: In Bologna schließen sich die Studenten der drei Schulen zu zwei ‚Nationes‘ zusammen.
um 1215: Erste Apotheken in deutschen Städten
Religion
Viertes Laterankonzil
11. November: Das Vierte Laterankonzil beginnt im römischen Lateran.
November: Viertes Laterankonzil, einige der Beschlüsse:
die Königswahl Friedrichs II. wird anerkannt und Otto IV. für abgesetzt erklärt,
die Auslieferung der verurteilten Albigenser an die weltliche Gewalt wird gefordert,
die Augustinusregel wird bestätigt,
Joachim von Fiores Ansichten zur Trinität als Tritheismus werden verworfen,
einige der bisher üblichen Gottesurteile wie die Wasserprobe werden verboten,
die Transsubstantiationslehre wird dogmatisiert.
Außerdem wird das Beichtgeheimnis erstmals allgemeinkirchlich formuliert.
Weiteres
Dominikus de Guzmán gründet während des Albigenserkreuzzugs in Toulouse einen Predigerorden mit dem Zweck, „die katholische Lehre zu verbreiten und die Häresie zu bekämpfen“. Sie übernehmen die Augustinusregel.
Das Lateinische Patriarchat von Alexandria wird unter Papst Innozenz III. als Titularpatriarchat eingerichtet. Die ihm zugeordnete Patriarchalbasilika in Rom ist Sankt Paul vor den Mauern. Der Titel Patriarch von Alexandria symbolisiert den Anspruch der römisch-katholischen Kirche auf diesen traditionellen Patriarchatssitz des Ostens.
Die Äbte der Abtei Ellwangen werden Reichsfürsten.
Geboren
Geburtsdatum gesichert
23. September: Kublai Khan, Großkhan der Mongolen, Kaiser von China und Gründer der Yuan-Dynastie († 1294)
Genaues Geburtsdatum unbekannt
David VII., König von Georgien († 1270)
Beatrix von Este, Königin von Ungarn († 1245)
Berthold von Hohenburg, Markgraf von Vohburg-Hohenburg († 1256/57)
Heinrich II., Fürst von Anhalt-Aschersleben († 1266)
Ibn Kammuna, jüdischer Philosoph, Theologe und Arzt († 1284)
Johann I., Graf von Dreux und Braine († 1249)
Johann von Jaffa, Graf von Jaffa, Herr von Ramla und Bailli von Jerusalem († 1266)
Maria von Antiochia-Armenien, antiochenische Prinzessin, Thronprätendentin von Armenien und Herrin von Toron und Herrin von Tyrus († um 1250)
Mathilde, Gräfin von Saarbrücken († 1274)
Otto III., Markgraf von Brandenburg († 1267)
Geboren um 1215
1210/1215: Meister Gerhard, erster Kölner Dombaumeister († um 1271)
1210/1215: Gertrud von Babenberg, Landgräfin von Thüringen († 1241)
Albert I. von Pietengau, Bischof von Regensburg († 1260/62)
Alexander Comyn, 6. Earl of Buchan, schottischer Adeliger, Guardian of Scotland († 1289)
Agnes von Andechs, Herzogin von Österreich, Steiermark und Kärnten († 1263)
Dafydd ap Llywelyn, Fürst des walisischen Fürstentums Gwynedd († 1246)
Eleanor von England, englische Prinzessin aus dem Hause Plantagenet
Emich IV., Graf von Leiningen († vor 1279)
Heinrich der Erlauchte, Markgraf von Meißen, Markgraf der Lausitz, Landgraf von Thüringen und Pfalzgraf von Sachsen († 1288)
Heinrich von Bolanden, Mitglied des Trierer Domkapitels († 1286)
Hugh d’Aubigny, 5. Earl of Arundel, englischer Magnat († 1243)
Mécia Lópes de Haro, Königin von Portugal († um 1270)
Otto II., Graf von Geldern († 1271)
Robert Kilwardby, Erzbischof von Canterbury und Kardinalbischof von Porto und Santa Rufina († 1279)
Roger of Leybourne, englischer Militär und Ritter († 1271)
Wilhelm von Moerbeke, flämischer Geistlicher und Übersetzer († 1286)
zwischen 1215 und 1220: Wilhelm von Rubruk, flämischer franziskanischer Missionar und Forschungsreisender († um 1270)
Gestorben
Todesdatum gesichert
3. Februar: Eustace, Lordkanzler von England und Bischof von Ely
6. Februar: Hōjō Tokimasa, japanischer Fürst (* 1138)
9. Juni: Mangold von Berg, Abt der Klöster von St. Georgen, Kremsmünster, Tegernsee und Bischof von Passau (* 1140er/50er)
1. August: Eisai, Gründer der Rinzai-Schule des japanischen Zen-Buddhismus (* 1141)
1. September: Otto I. von Geldern, Bischof von Utrecht (* um 1194)
14. November: Philipp von Ratzeburg, Bischof von Ratzeburg und Prämonstratenser
17. November: Giles de Braose, Bischof von Hereford (* um 1176)
Genaues Todesdatum unbekannt
September: Hugo von Boves, französischer Ritter
vor 20. Dezember: William Malet, englischer Adliger und Rebell (* um 1175)
Manfred II., Markgraf von Saluzzo (* 1140)
Michael I. Komnenos Dukas, Despot von Epiros
Roncelin von Marseille, Abt des Klosters Sankt Viktor in Marseille
Thalibaldus, lettischer Ältester von Trikāta
Gestorben um 1215
Esclarmonde de Foix, okzitanische Katharerin
Weblinks
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Q5366
| 89.779259 |
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https://de.wikipedia.org/wiki/1710er
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1710er
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Ereignisse
1710: Gründung der ersten europäischen Porzellanmanufaktur in Meißen (Sachsen) durch August den Starken.
1711: Die Québec-Expedition, die versuchte Eroberung Québecs durch die Briten, scheitert aufgrund eines schweren Schiffsunglücks.
1712: Sankt Petersburg wird an der Stelle Moskaus Hauptstadt von Russland (bis 1922).
Persönlichkeiten
Ludwig XIV., König von Frankreich und Navarra
Ludwig XV., König von Frankreich und Navarra
Karl VI., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, als Karl III. König von Ungarn und als Karl II. König von Böhmen
Philipp V., König von Spanien
Friedrich I., König von Preußen
Friedrich Wilhelm I., König von Preußen
Clemens XI., Papst
Peter I., Zar in Russland
Anne, Königin von Großbritannien und Irland
Georg I., König von Großbritannien und Irland
Nakamikado, Kaiser von Japan
Kangxi, Kaiser von China
Weblinks
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Q198144
| 117.150236 |
33801
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https://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%BCckenmark
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Rückenmark
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Das Rückenmark ( Medulla spinalis oder Medulla dorsalis, oder ) ist eine lange, röhrenförmige Struktur aus Nervengewebe und bildet mit dem Gehirn das zentrale Nervensystem der Wirbeltiere. Es ist dessen einfacher gebauter Teil, der im Wirbelkanal innerhalb der Wirbelsäule liegt und von dem Liquor und Meningen umgeben ist. Zum Schädel hin geht das Rückenmark ohne scharfe Grenze in das verlängerte Mark (Medulla oblongata) des Hirnstamms über. Das Rückenmark steuert über die Spinalnerven wesentliche Anteile des peripheren Nervensystems mit Ausnahme des Kopfes. Damit sind den Segmenten des Rückenmarks neben der gesamten (somatischen) Innervation von Rumpfwand und Extremitäten auch bedeutende Anteile der (viszeralen) Innervation von Eingeweiden von Brust-, Bauch- und Beckenhöhle zugeordnet.
Hauptsächlich fungiert das Rückenmark als Weiterleitung der Nervenimpulse des Motorcortex an die Muskulatur und von den afferenten Fasern der sensorischen Nervenzellen zum sensorischen Cortex. Außerdem spielt es eine entscheidende Rolle bei der Koordination von Reflexen und enthält Reflexbögen, die unabhängig vom Gehirn funktionieren.
Lagebeziehungen
Das Rückenmark entwickelt sich aus dem hinteren Neuralrohr und liegt als zylindrischer Strang von bindegewebigen Häuten (Meningen) umhüllt, von Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit (Liquor cerebrospinalis) umspült und von der Wirbelsäule umschlossen im Rückenbereich der Wirbeltiere. Beim Menschen geht es kranial etwa auf Höhe des großen Hinterhauptlochs ohne scharfe Grenze in das verlängerte Mark des Hirnstamms über; am kaudalen Ende verjüngt es sich kegelförmig zum Conus medullaris (Markkegel), dessen Spitze fadenförmig ausläuft mit dem Filum terminale (Endfaden).
Während das Rückenmark vor dem 3. menschlichen Embryonalmonat den Wirbelkanal noch in ganzer Länge ausfüllt, verschiebt sich wegen des relativ stärkeren Längenwachstums der Wirbelsäule schon pränatal in der fetalen Entwicklung regelmäßig das Conusende nach kranial, was auch als Aufstieg oder Aszensus bezeichnet wird. Beim Neugeborenen liegt die Conusspitze normalerweise etwa in Höhe des dritten Lendenwirbelkörpers (L3), beim ausgewachsenen Menschen endet das Rückenmark in 95 % der Fälle auf Höhe von L2 oder höher.
Infolgedessen legen die aus dem Rückenmark beidseits austretenden Wurzeln der Spinalnerven einen nach unten hin zunehmend längeren Weg innerhalb des Wirbelkanals zurück, bevor sie ihn durch ihr Zwischenwirbelloch verlassen. Unterhalb der Conusspitze verlaufen so neben dem Filum terminale nur noch Wurzelfasern der paarigen Spinalnerven als Cauda equina (Pferdeschweif). Beim Erwachsenen kann daher bei einer Lumbalpunktion, normalerweise nach Einstich zwischen den Dornfortsätzen des 3. und 4. Lendenwirbels, Liquor entnommen oder ein Medikament injiziert werden, ohne Gefahr, das Rückenmark unmittelbar zu verletzen.
Ein Aszensus tritt auch bei anderen Säugetieren auf – und endet hier schon auf Höhe der hinteren Lendenwirbel –, nicht aber bei sonstigen Wirbeltieren. Beim Menschen können Störungen des Aszensus nicht nur zu einem Konustiefstand führen, sondern bei abnorm vermehrtem Zug an Rückenmark und Nervenfasern auch zu dem klinischen Bild eines Tethered cord.
Rückenmarkshäute
Die Rückenmarkshäute (Meninges medullae spinalis) gehen in die Hirnhäute über und sind wie diese unterschieden in die äußere harte Hirnhaut, Dura mater, und die beiden weichen Hirnhäute, die mittlere Arachnoidea (Spinnengewebshaut) und die direkt dem Rückenmark anliegende Pia mater. Verglichen mit der häutigen Umhüllung im Bereich des Gehirns fallen einige bauliche Besonderheiten auf. So ist die Dura mater nicht mit dem Periost der knöchernen Elemente des Wirbelkanals verwachsen. Daher ist zwischen Knochen und Dura mater ein Epiduralraum bzw. Periduralraum ausgebildet. Er enthält neben einem dichten Venenplexus auch Binde- und Fettgewebe. In den Epiduralraum lassen sich beispielsweise Lokalanästhetika einbringen, um die Erregungsleitung von Nervenfasern aufzuheben (Periduralanästhesie).
Des Weiteren bestehen zwischen den Rückenmarkshäuten segmental ausgebildete Brücken, die das sogenannte Ligamentum denticulatum als „gezahntes Band“ bilden. Diese in Aufsicht dreieckigen Strukturen dienen der stabilisierenden Aufhängung des Rückenmarks in dem mit Liquor cerebrospinalis gefüllten Subarachnoidalraum zwischen Arachnoidea und Pia mater.
Äußere Gestalt
Das Rückenmark ist ein weißlicher, runder Strangzylinder, der in der Intumescentia cervicalis bzw. der Intumescentia lumbosacralis verdickt ist, da diese Bereiche neben dem Rumpf auch die oberen bzw. unteren Extremitäten innervieren. Nach kaudal hin wird das Rückenmark ansonsten wegen der geringeren auf- und absteigenden Verbindungen mit Hirnregionen etwas schmaler und läuft am unteren Ende als Conus medullaris (Markkegel) spitz aus. Dessen Spitze setzt das etwa 1 mm dicke Filum terminale (Endfaden) fort, das neben dem Bindegewebe der Pia mater auch Gliazellen und Fett enthält. Es verbindet die Conusspitze mit dem unteren Ende des Duralsacks bzw. darüber beim Menschen mit der Hinterfläche des Steißbeins.
Auf der Vorderseite des Rückenmarks verläuft von oben nach unten eine feine Furche, die bauchseitig (ventral) als Fissura mediana ventralis linke von rechter Seite scheidet. Rückseitig entspricht dem hinten ein tieferer Graben zwischen beiden Seiten, der Sulcus medianus posterior. Im seitlichen Umfang lassen sich jederseits drei Stränge (lat. funiculi) voneinander abgrenzen: paramedian der Fissura mediana der Vorderstrang (Funiculus anterior, in der Tieranatomie Funiculus ventralis), hinten der Hinterstrang (Funiculus posterior, in der Tieranatomie Funiculus dorsalis) und zwischen den beiden der Seitenstrang (Funiculus lateralis).
In der Einfurchung einer Seite zwischen Hinter- und Seitenstrang, dem Sulcus lateralis posterior (in der Tieranatomie Sulcus lateralis dorsalis), treten jeweils die Hinterwurzeln der Spinalnerven ein, und zwischen dem Seiten- und dem Vorderstrang, im Sulcus lateralis anterior, treten jeweils deren Vorderwurzeln aus dem Rückenmark. Als Fila radicularia bilden die Vorderwurzeln und die Hinterwurzeln zwei kontinuierliche Reihen auf jeder Seite. Sie vereinen sich erst in Höhe der Zwischenwirbellöcher (Foramina intervertebralia), beim Durchtritt durch die Wirbelsäule (Columna vertebralis), zu den einzelnen Spinalnerven jeder Seite.
Vögel sind die einzigen rezenten Wirbeltiere, bei denen im Bereich der Intumescentia lumbosacralis zwischen die Hinterstränge beider Seiten der sogenannte Glykogenkörper eingelagert ist (auch Corpus gelatinosum genannt). Es handelt sich hierbei um eine gallertige, eiförmige Bildung mit glykogenreichen Gliazellen, deren funktionelle Bedeutung bislang nicht geklärt ist. Beim Haushuhn ist sie etwa 1 cm lang und 4 mm breit.
Gliederung
Das Rückenmark lässt sich äußerlich je nach den gemeinsamen Wurzeln eines Spinalnervenpaares in segmentale Abschnitte gliedern, die fünf aufeinander folgenden Bereichen zugeordnet sind:
Hals- oder Zervikalmark (Pars cervicalis), bei Säugetieren mit 8 Segmenten (C1–C8)
Brust- oder Thorakalmark (Pars thoracica), beim Menschen mit 12 Segmenten (Th1–Th12)
Lenden- oder Lumbalmark (Pars lumbalis), beim Menschen mit 5 Segmenten (L1–L5)
Kreuz- oder Sakralmark (Pars sacralis), beim Menschen mit 5 Segmenten (S1–S5)
Schwanz- oder Kokzygealmark (Pars coccygis), beim Menschen meist 1 Segment (Co1)
Eines der beim Menschen meist 31 Segmente entspricht dabei jeweils einem Rückenmarksabschnitt, dem die Wurzelfasern für je einen linken und einen rechten Spinalnerven zugehören. Das zugehörige Spinalnervenpaar verlässt den Wirbelkanal oberhalb bzw. unterhalb eines Wirbels und tritt beidseits durch Zwischenwirbellöcher aus, die meist nicht mehr genau auf Höhe seines Rückenmarksegments liegen. Nach diesen Austrittstellen wird es einem Wirbelsäulenbereich zugeordnet und benannt.
Im Thorakalbereich sowie weiter kaudal heißt ein Spinalnerv samt seinem Segment nach dem darüber liegenden Wirbel und die Anzahl der Rückenarksegmente stimmt mit der Anzahl der Wirbel überein. Dem Zervikalbereich sind dagegen bei sieben Halswirbeln acht Segmente des Halsmarks zugeordnet, da der erste Spinalnerv (C1) nicht unter, sondern über dem ersten Halswirbel, Atlas, austritt; das unterhalb des siebten Halswirbels austretende Spinalnervenpaar (C8) ist noch dem Halsbereich zugeordnet. Was oberflächlich einem Zaunpfahlproblem gleicht, findet seinen tieferen Grund darin, dass Teile des Hinterhauptbeines (Os occipitale) entwicklungsgeschichtlich als verschmolzene Wirbelanlagen betrachtet werden können.
Feinbau
Das Rückenmark besteht aus Grauer Substanz (Substantia grisea) und Weißer Substanz (Substantia alba). Die Graue Substanz besteht überwiegend aus Nervenzellkörpern (Perikaryen). Sie liegt im Rückenmark innen, umgibt den Zentralkanal und bildet Kerngebiete in Kernsäulen (Columnae griseae). Beiderseits liegen in der Vordersäule (Columna ventralis) Perikaryen von somatomotorischen Nervenzellen, in der Seitensäule (Columna lateralis bzw. intermedia) von viszeromotorischen, während die Hintersäule (Columna dorsalis) somatosensible und viszerosensible Nervenzellkörper enthält. Die Weiße Substanz besteht dagegen vornehmlich aus Nervenfasern. Sie umschließt die Graue Substanz des Rückenmarks vollständig, ist ihr in Form von Strängen (Funiculi) außen angelagert und enthält in der Commissura alba von einer zur anderen Seite wechselnde Nervenfasern.
Graue Substanz
Die graue Substanz hat im Rückenmarksquerschnitt die Form eines Schmetterlings. Den vorderen, breiteren Flügelteil nennt man Vorderhorn (Cornu anterius, bei Tieren Cornu ventrale), den hinteren, schmaleren Teil Hinterhorn (Cornu posterius bzw. dorsale). Im Bereich des Thorakal- und des Lumbalmarks ist zwischen Vorder- und Hinterhorn das kleinere Seitenhorn (Cornu laterale) ausgeprägt. Hierbei wird eine quergeschnittene Kernsäule als Horn bezeichnet.
Der zwischen den beiden schmetterlingsflügelähnlichen Seiten gelegene Bereich (Substantia intermedia centralis) enthält innerhalb der grauen Substanz Querverbindungen, als Commissura grisea. Sie verlaufen in der Zentralregion vor und hinter dem in der Mitte liegenden Zentralkanal (Canalis centralis). Dieser röhrenförmige Hohlraum ist mit Liquor gefüllt und stellt den inneren Liquorraum des Rückenmarks dar.
Die graue Substanz kann in zehn Schichten (Laminae) eingeteilt werden, die zum Teil auch unter anderen Namen bekannt sind. So wird die Lamina II auch als Substantia gelatinosa [Rolandi] (nach Luigi Rolando) bezeichnet. Die Laminae I–VII befinden sich im Hinterhorn, die Laminae VIII und IX im Vorderhorn. Die Lamina X enthält die Commissura grisea anterior bzw. posterior. Funktionell können verschiedene einzelne Kerne innerhalb der Kernsäulen (Columnae) und der Zwischenzone unterschieden werden (siehe Abbildung).
Nervenzelltypen
In der Zytoarchitektur der spinalen grauen Substanz lassen sich verschiedene Zelltypen hervorheben:
Wurzelzellen, deren Axone die Vorderwurzel bilden, können unterschiedlich groß sein. Besonders große liegen im Vorderhorn und leiten als Motoneuronen ihre Signale zu Muskelfasern von Skelettmuskeln.
Binnenzellen, deren Axone das Rückenmark nicht verlassen. Sie stellen den sogenannten Eigenapparat des Rückenmarks dar, auch propriospinales System genannt. Die neuronalen Netze dieses rückenmarkeigenen Binnensystems realisieren die spinalen Integrationsleistungen. Sie können beispielsweise auf einfachen (monosynaptischen) Reflexbögen aufbauend Motoneuronen untereinander verknüpfen und so im Muskelspiel einzelne Muskeln in Muskelgruppen als Mitspieler oder Gegenspieler zueinander in Beziehung setzen und ihre Aktivität aufeinander abstimmen. Zum Eigenapparat gehören Schaltzellen, Assoziationszellen und Kommissurenzellen.
Schaltzellen sind Interneuronen, deren Fortsätze die graue Substanz eines Rückenmarkssegments nicht verlassen. Sie stellen auf der gleichen Seite (ipsilateral) Verknüpfungen zwischen Zellen des gleichen Segments her (intrasegmental) und vermitteln z. B. Eigenreflexe. Zu diesen Interneuronen gehören auch die Renshaw-Zellen, die rückkoppelnd einen hemmenden Einfluss auf Motoneuronen haben.
Assoziationszellen sind propriospinale Neuronen, die verschiedene Rückenmarkssegmente untereinander verbinden. Ihre Fortsätze verlaufen ebenfalls ipsilateral, doch längs zwischen verschiedenen Segmentebenen (intersegmental), in der grauen Substanz und den ihr anliegenden Bahnen der Grundbündel (Fasciculi proprii).
Kommissurenzellen sind Neuronen des Eigenapparates, deren Neuriten die Medianebene kreuzen und (als Commissura) auf die andere Seite ziehen. Sie verknüpfen innerhalb eines Rückenmarkssegments mit der Gegenseite (kontralateral) und sorgen dafür, dass Erregungsimpulse auch die andere Seite erreichen. Derart vermitteln sie auch gekreuzte Reflexe, bei denen die andere Körperseite reagiert, wie sie für verschiedene tetrapodische Bewegungsmuster typisch sind.
Strangzellen sind Projektionsneuronen, deren Axone die graue Substanz verlassen und in der weißen Substanz weiterziehen. Hier steigen sie in Strängen ab oder, häufiger, auf und leiten Signale an andere Rückenmarkssegmente und an Abschnitte des Gehirns. Sie gehören somit nur teilweise zum Eigenapparat des Rückenmarks.
An der Auslösung von Fremdreflexen sind oft Assoziations-, Kommissuren- und Strangzellen beteiligt.
Hinterhorn
Das Hinterhorn erhält über die rückenseitige (dorsale), sensible Wurzel des Spinalnervs sensible Informationen aus der Peripherie. Diese Informationen werden in Richtung Gehirn weitergeleitet, aber teils auch bereits im Rückenmark verarbeitet.
Die Hinterwurzel wird von Axonen pseudounipolarer Nervenzellen gebildet, deren Zellkörper außerhalb des Rückenmarks im Spinalganglion liegen. Ihre Axone treten über die dorsale (sensible) Wurzel in das Rückenmark, wo ein Teil im Hinterhorn auf ein zweites Neuron umgeschaltet wird. Andere Hinterwurzelaxone verlaufen ohne Umschaltung bis in die Medulla oblongata.
Das Hinterhorn, welches embryologisch aus der Flügelplatte hervorgeht, besteht von dorsal nach ventral (vom Rücken zum Bauch hin) aus einer dünnen Zona marginalis, an die sich die Substantia gelatinosa anschließt, in der Schmerzafferenzen der Hautrezeptoren auf das 2. Neuron umgeschaltet werden, bevor sie im Tractus spinothalamicus lateralis zum Thalamus ziehen. Hier hemmen Interneurone, die durch den Transmitter Serotonin aktiviert werden, die Schmerzweiterleitung durch die Freisetzung von Endorphinen. Hierdurch wird die Substantia gelatinosa klinisch äußerst relevant und bietet Ansätze für die Erklärung von Mechanismen der umstrittenen Akupunktur oder der schmerzhemmenden Wirkung einiger Antidepressiva.
In den Laminae 3 und 4 liegt der Nucleus proprius, der in gesamter Höhe des Rückenmarks zu finden ist. Er ist Ziel sensibler Afferenzen der Tiefensensibilität und bildet in seinem kranialen (zum Kopf führenden) Verlauf den Tractus spinocerebellaris anterior.
Laminae 5 und 6 beinhalten schließlich den Nucleus dorsalis (Stilling-Clarke), der auch Nucleus thoracicus posterior genannt wird. Ebenso wie der Nucleus proprius erhält der Nucleus dorsalis Afferenzen der Tiefensensibilität (Muskelspindeln, Gelenk- und Sehnenrezeptoren), welche über den Tractus spinocerebellaris posterior zum Kleinhirn geleitet werden.
Vorderhorn
Das Vorderhorn entsteht aus der Grundplatte und enthält Perikarya, deren Axone als Radix anterior das Rückenmark verlassen, um die Skelettmuskulatur zu innervieren. In der Schichtengliederung bestehen die Vorderhörner aus den Laminae 8 und 9. Hier kommen die großen multipolaren α-Motoneurone und auch die etwas kleineren γ-Motoneurone sowie Renshaw-Zellen vor. Hier enden die Impulse der aus dem Gehirn kommenden Bahnen (Pyramidenbahn und extrapyramidale Bahnen) sowie die Impulse der Muskelreflexe und werden als „gemeinsame motorische Endstrecke“ zum Erfolgsorgan – der Skelettmuskulatur – weitergeleitet.
Seitenhorn
Im Bereich des Brustmarks und, etwas weniger deutlich, im Lendenmark befindet sich, zwischen dem Vorder- und dem Hinterhorn liegend, das sogenannte Seitenhorn, das von den Zellkörpern vegetativer Neurone gebildet wird und zum Sympathikus gehört. Ihre efferenten Fasern verlassen das Rückenmark über die Vorderwurzel, ziehen zum Grenzstrang und werden zum Teil dort auf das zweite Neuron verschaltet. Der Rest zieht zu den prävertebralen Ganglien, um dort verschaltet zu werden. Sympathisch-afferente Fasern gelangen aus der Peripherie mit der Hinterwurzel zum Seitenhorn. An äquivalenter Stelle liegen im Sakralmark Zellkörper parasympathischer Neurone, allerdings ohne ein erkennbares Seitenhorn zu bilden. Die Axone ziehen als Nervi splanchnici pelvici zum Ganglion pelvinum sowie zu den intramuralen Ganglien.
Weiße Substanz
In der weißen Substanz des Rückenmarks verlaufen aufsteigende (meist sensible) Bahnen, die zum Gehirn ziehen, und absteigende (meist motorische) Bahnen, die vom Gehirn kommen. Ursache für die weiße Farbe ist die Myelinisierung der Axone.
Aufsteigende Bahnen
Die Hinterstrangbahn leitet Information von Mechanorezeptoren für epikritische Sensibilität und Tiefensensibilität jeweils der gleichen Körperseite zunächst bis in das Verlängerte Mark (Medulla oblongata). Die Zellkörper der im Hinterstrang aufsteigenden Axone liegen in den Spinalganglien und sind jeweils verschiedenen Segmenten des Rückenmarks zugeordnet. Ohne Umschaltung im Hinterhorn ziehen die Fasern ins Markhirn, und endigen in den dortigen Kerngebieten, dem Nucleus gracilis für Informationen aus der unteren Körperhälfte und dem Nucleus cuneatus für solche aus der oberen Körperhälfte.
Der Hinterstrang zeigt im oberen Rückenmark jederseits eine Unterteilung in den Fasciculus cuneatus und den Fasciculus gracilis, deren primärafferente Fasern jeweils in den gleichnamigen schon genannten Kernen auf sekundär-afferente Neuronen umgeschaltet werden. Die weiter aufsteigenden Fasern dieser (2.) Neuronen in den Hinterstrangkernen kreuzen in der Medulla oblongata auf die Gegenseite (Decussatio lemniscorum medialium) und verlaufen im Lemnicus medialis zu kontralateralen Thalamuskernen (VPL). Dieser Bahnabschnitt ist namensgebend für das lemniskale System.
Dagegen leiten die Tractus spinothalamicus lateralis und ventralis [anterior] als Vorderseitenstrangbahn Informationen für die protopathische Sensibilität (Schmerz-, Temperatur- sowie grobe Druckempfindung) zu verschiedenen Kerngebieten im Thalamus (u. a. MD, VPL, VPM). Die Fasern des Tractus spinothalmicus gehen von Nervenzellkörpern im Rückenmark aus, deren Axone bereits auf Höhe des Ursprungssegmentes zur Gegenseite kreuzen. Diese Strangzellen im Hinterhorn sind sekundäre (2.) afferente Neuronen, sie erhalten Primärafferenzen der Spinalganglienzellen mit Information von Mechanorezeptoren sowie von Nozizeptoren und Thermorezeptoren. Diese spinothalamische Bahn im Vorder- und Seitenstrang ist Teil des sogenannten anterolateralen Systems.
Der Tractus spinocerebellaris anterior (Kleinhirnseitenstrangbahn oder Gowerssches Bündel) entspringt vor allem aus dem Nucleus dorsalis des Hinterhorns und endet im Kleinhirn. Er verläuft entweder ungekreuzt oder aber kreuzt die Seite zweimal und leitet propriozeptive (= Informationen über Lage und Stellung von Gelenken, Muskeln, Sehnen) Informationen.
Der Tractus spinocerebellaris posterior (Flechsig-Bündel) geht von den Zellen des Nucleus thoracicus aus und erreicht ungekreuzt über den Vorderseitenstrang das Kleinhirn. Er dient der Tiefensensibilität.
Absteigende Bahnen
Die Pyramidenbahn (Tractus corticospinalis) reicht vom motorischen Cortex der Großhirnrinde bis ins Vorderhorn.
Als extrapyramidale Bahnen bezeichnet man alle motorischen Bahnen, die nicht zur Pyramidenbahn gehören. Zu ihnen gehören der Tractus rubrospinalis, der Tractus vestibulospinalis, der Tractus reticulospinalis und der Tractus tectospinalis. Sie alle enden ebenfalls im Vorderhorn.
Neurotransmitter
Der wichtigste inhibitorische Neurotransmitter im Rückenmark ist Glycin. Interneurone und z. B. die Renshaw-Zellen sind glycinerg, d. h., sie setzen Glycin aus ihren synaptischen Endigungen frei.
Embryologie
Das Rückenmark entsteht beim Wirbeltier-Embryo aus den Neuralfalten des Ektoderms, unmittelbar über der Chorda dorsalis. Die Neuralfalten verschließen sich zum Neuralrohr, einem mit Flüssigkeit gefüllten Kanal, der von einem Epithel umgeben ist. Bei Störungen dieses Verschlusses treten verschiedene Formen der Dysraphie auf. Es kann eine Spina bifida aperta („offener Rücken“) entstehen, bei der die Wirbelbögen rückenseitig unvollständig bleiben. Dabei können sich nur die Rückenmarkshäute (Meningozele) oder zusätzlich auch das Rückenmark (Meningomyelozele) durch diesen Defekt nach außen vorwölben. Dort, wo sich die Neuralrinne selbst nicht verschließt, entsteht eine Myeloschisis (Rachischisis). Erfolgt dieser Defekt am rostralen (vorderen) Ende der Neuralrinne, kommt es sogar zu einem Ausbleiben der Bildung des Gehirns (Anenzephalie).
Aus dem Neuralepithel differenzieren sich die Nerven- und Gliazellen. Die Spinalganglien und sympathischen Neurone entstehen aus der sogenannten Neuralleiste. Um das Neuralrohr entstehen aus dem Mesenchym die Urwirbel, aus denen unter anderem die Wirbelsäule entsteht.
Zunächst verlassen Proneurone (die Vorläufer der Neurone) das Neuroepithel und bilden eine Mantelschicht (Mantelzone), aus der die graue Substanz entsteht. Die meisten Axone dieser Proneurone wachsen in Richtung Oberfläche und bilden so die Randschicht (Marginalzone), die später zur weißen Substanz wird.
Innerhalb der Mantelschicht entwickeln sich durch Zellteilungen und Zellmigration zwei Verdickungen, die Flügelplatte (Alarplatte) und die Grundplatte (Basalplatte), die nach und nach das spätere Erscheinungsbild eines Schmetterlings aufweisen. Die Randschicht wird durch das weitere Einwachsen auf- und absteigender Axone, deren Myelinisierung und die Vergrößerung der Flügel- und Grundplatten in 3 Stränge gegliedert: Hinterstrang, Seitenstrang und Vorderstrang.
Beim Tethered cord unterbleibt die relative Verkürzung des Rückenmarks.
Blutversorgung
Drei Arterien versorgen das Rückenmark: Vorn die Arteria spinalis anterior, hinten zwei Arteriae spinales posteriores. Bei Tieren mit horizontaler Körperstellung wird stattdessen von Arteria spinalis ventralis und dorsalis gesprochen. Diese drei Arterien entspringen im Halsbereich beidseits aus den seitlich in der Wirbelsäule verlaufenden Arteriae vertebrales. Im Thorax- und Lendenbereich erhalten sie segmentale Zuflüsse aus den Interkostal- (Arteriae intercostales posteriores) und den Lendenarterien (Arteriae lumbales). Die größte und wichtigste Segmentarterie ist die Adamkiewicz-Arterie (Arteria radicularis magna), die in der Regel zwischen dem 9. und 12. Brustsegment liegt. Ein Verschluss dieses Gefäßes ist besonders folgenreich für die Blutversorgung des thorakalen Rückenmarks.
Im Bereich zwischen dem 4. und dem 6. Brustwirbel ist die Ausbildung von solchen Zuflüssen gering, sodass bei einem Gefäßverschluss dieser Abschnitt besonders gefährdet ist, einen Rückenmarksinfarkt zu erleiden. Das venöse Blut wird über zwei große Venen abtransportiert, die teilweise parallel zu den Arterien verlaufen: Vena spinalis anterior und Vena spinalis posterior.
Phylogenese
In der hier beschriebenen Form ist das Rückenmark bei allen Vertretern der Schädeltiere (Gnathostomata) aufgebaut, wobei es in den unterschiedlichen Taxa jeweils geringe Unterschiede im Detail gibt.
Bei den basalen Chordatieren, zu denen die Schädellosen (Acrania) sowie die Manteltiere (Tunicata) gehören, gibt es kein differenziertes Rückenmark. Hier existiert stattdessen nur das Neuralrohr, welches dem späteren Rückenmark homolog ist. An seinem Vorderende besitzt es eine Verdickung, die als Hirnbläschen bezeichnet wird, mit dem Gehirn der Wirbeltiere allerdings nicht viel gemein hat. Das Neuralrohr selbst ist aus teilweise hoch differenzierten Neuronen aufgebaut, über Verschaltungen und Funktionen derselben ist allerdings wenig bekannt. Die Hauptaxone gehen von den so genannten Kolossalzellen aus, die große Zwischenneurone darstellen und deren Axone ventromediane Riesenfasern bilden. Segmental befinden sich dorsale Nervenwurzeln, die den späteren Spinalganglien entsprechen, aufgrund der versetzten Myomere allerdings versetzt zueinander sind. Während bei den Acraniern dieser Aufbau bis zum adulten Tier besteht, findet er sich bei den Tunicata nur im Larvenzustand.
Bei den Schleimaalen (Myxinoida) und den Neunaugen (Petromyzontida), die als Kieferlose (Agnatha) die ursprünglichsten Taxa der Schädeltiere (Craniota) darstellen, existiert bereits ein Rückenmark, bei dem das Neuralrohr wie bei den späteren Wirbeltieren nur das Lumen darstellt. Bei den Schleimaalen ist es bandförmig aufgebaut und besitzt verschiedene Motoneurone und Interneurone ohne eine segmentale Anordnung, die Wurzeln der Spinalnerven vereinigen sich erst in der somatischen Muskulatur, und eine Reihe von Organen werden direkt von Spinalnerven innerviert. Das Rückenmark der Neunaugen ähnelt dagegen bereits deutlicher dem der späteren Wirbeltiere. Es weist eine Trennung in weiße und graue Substanz auf, und die Zellkörper der Riesenaxone liegen vornehmlich im Hirnstamm. Andererseits ist die Verschaltung der Neurone in der Wirbelsäule so komplex, dass die Tiere auch nach einer Durchtrennung derselben vor dem Hirn, etwa durch Entfernung des Kopfes, noch koordiniert schwimmen können. Die dorsalen und ventralen Wurzeln der Spinalnerven vereinigen sich bei den Tieren nahe dem Rückenmark, treten jedoch nicht segmental in gleicher Höhe aus dem Rückenmark hervor.
Die Knorpelfische (Chondrichthyes), zu denen die Haie und Rochen gehören, besitzen ein Rückenmark mit segmentalen Spinalnerven, wie es für die Schädeltiere typisch ist. Bei ihnen sind jedoch einige Besonderheiten vorhanden. Auch bei ihnen ist das Rückenmark sehr stark autonom, und ein Hai kann auch dann noch koordiniert schwimmen, wenn das Rückenmark am Hals durchtrennt wird. Anders als bei allen anderen Wirbeltieren nimmt die Anzahl der sensorischen und motorischen Wurzelganglien während des Wachstums lebenslang zu. Neben weiteren Unterschieden im Feinbau, wie etwa einem separaten absteigenden Strang für die Kerne des Hirnnerven VIII, besitzen die Knorpelfische ein kaudales neurosekretorisches System, welches eine wichtige Rolle bei der Osmoregulation sowie bei der Fortpflanzung spielt.
Bei allen folgenden Taxa, von den Strahlenflossern bis zu den Amphibien, den verschiedenen Reptilientaxa sowie den Vögeln und den Säugetieren entspricht das Rückenmark in Aufbau und Funktion dem dargestellten Grundmuster und unterscheidet sich nur in sehr speziellen Details voneinander.
Myelopathien
Myelopathien (Schädigungen des Rückenmarks) werden verursacht durch:
Degeneration (Degenerative Myelopathien der Hunde), Syringomyelie
Druck (Tumor, Bandscheibenvorfall, Schleudertrauma)
Durchblutungsstörungen
Durchtrennung (Querschnittlähmung)
Entzündungen (Multiple Sklerose, Poliomyelitis)
Infektionen wie Neurolues, Sepsis
Spinale Abszesse
Missbildungen wie die Chiari-Malformation
Untersuchung des Rückenmarks
Das Rückenmark selbst ist der klinischen Untersuchung durch seine Lage im knöchernen Wirbelkanal nicht direkt zugänglich. Reflexuntersuchungen und das Verteilungsbild (→ Kennmuskeln) von Lähmungen (Paresen) oder Gefühlsstörungen geben dem Neurologen jedoch wichtige Hinweise auf die Art und Lokalisation der Schädigung. Neurophysiologische Untersuchungsmethoden wie motorisch und somatosensibel evozierte Potentiale erlauben eine funktionelle Überprüfung einzelner Bahnsysteme des Rückenmarks wie den Tractus corticospinalis und die Hinterstrangbahnen. Untersuchungen von Reflexbahnen über Motoneurone im Rückenmark sind möglich mit Hilfe des H-Reflexes und der F-Welle.
Strukturelle Veränderungen lassen sich dagegen mit den bildgebenden Verfahren vor allem der Magnetresonanztomografie, der Computertomografie und der Myelografie erkennen. Fehlbildungen im Blutgefäßsystem des Rückenmarks lassen sich auch mit der Angiografie darstellen. Hinweise auf Entzündungen kann auch die Lumbalpunktion und Untersuchung der Rückenmarksflüssigkeit liefern.
Literatur
Franz-Viktor Salomon, Hans Geyer, Uwe Gille: Anatomie für die Tiermedizin. Lehrbuch. Enke/ MVS Medizinverlage Stuttgart, Stuttgart 2004, ISBN 3-8304-1007-7.
Theodor Heinrich Schiebler (Hrsg.): Anatomie. Histologie, Entwicklungsgeschichte, makroskopische und mikroskopische Anatomie, Topographie. 9., vollständig überarbeitete Auflage, Springer-Verlag, Berlin 2005, ISBN 3-540-21966-8.
W. Westheide, R. Rieger: Spezielle Zoologe; Teil 2: Wirbel- und Schädeltiere. Fischer, Stuttgart/ Jena, 2004, ISBN 3-8274-0307-3.
Weblinks
detailliert beschrifteter Querschnitt des menschlichen Rückenmarks
Einzelnachweise
Zentralnervensystem
Neurobiologie
|
Q9606
| 237.03804 |
49776
|
https://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%BCdstaaten
|
Südstaaten
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Die Südstaaten (auch Dixieland genannt) sind eine Großregion im Südosten der USA. Nach der geografisch orientierten Definition des United States Census Bureau bestehen die Südstaaten aus insgesamt 16 Staaten mit knapp 100 Millionen Einwohnern auf 2.384.143 km². Es handelt sich um jene 15 eher östlichen Bundesstaaten, die südlich der Mason-Dixon-Linie, der Grenze zwischen Pennsylvania und Maryland, liegen und in denen bis 1865 die Sklavenhaltung erlaubt war, sowie Oklahoma, das erst 1907 gegründet wurde. Der einwohnerreichste dieser Staaten ist Texas.
Im engeren Sinn bezeichnet der Begriff jene elf der Sklavenhalterstaaten, die sich 1860/1861 nach der Wahl Abraham Lincolns zum US-Präsidenten von der Union abspalteten. Lincoln hatte zwar nicht die Abschaffung der Sklaverei gefordert, denn dies war Sache der Bundesstaaten, aber der Republikaner aus dem Norden bewies, dass jemand auch ohne Unterstützung des Südens zum US-Präsidenten gewählt werden konnte. Die elf Staaten bildeten die Konföderierten Staaten von Amerika, unterlagen aber den Nordstaaten im Sezessionskrieg (1861–1865). Der wiederhergestellte Gesamtstaat erließ Maßnahmen zur Besserstellung der schwarzen Bevölkerung und regierte die Südstaaten während der Zeit der Reconstruction direkt. Auf diesem geschichtlichen Hintergrund beruht das Verständnis der Südstaaten als vor allem politisch und kulturell definierter Großregion.
Definitionen
Südstaaten sind im engeren Sinn diejenigen Staaten, die sich 1860/1861 von der Union losgesagt bzw. den Konföderierten Staaten angeschlossen hatten. Zu den Konföderierten Staaten gehörten im Februar 1861 zunächst South Carolina, Mississippi, Georgia, Louisiana, Florida und Alabama; zwischen März und Juli 1861 traten Texas, Virginia, Arkansas, North Carolina und Tennessee bei.
Diese elf Staaten waren allesamt sklavenhaltende Staaten, jedoch blieben einige sklavenhaltende Staaten beim Norden: Missouri, Kentucky, Maryland, Delaware. Im Sezessionskrieg löste sich West Virginia von Virginia und schloss sich 1863 dem Norden an. Der District of Columbia, also die Hauptstadt Washington, kannte noch 1860 die Sklavenhaltung. So gesehen kann man den Hauptstadtdistrikt zu den sklavenhaltenden Gebieten rechnen, die sich nicht den Konföderierten angeschlossen haben.
Oft werden die Südstaaten vereinfachend mit den Staaten gleichgesetzt, in denen Sklavenhaltung erlaubt war. Allerdings galt dies noch um 1800 auch für einige Neuengland-Staaten.
Nach der Festlegung des United States Census Bureau gehören zu den Südstaaten (genauer gesagt, zur geografischen Großregion South = „Süden“) zusätzlich zu den oben genannten elf Staaten fünf weitere Staaten (von Ost nach West: Delaware, Maryland, West Virginia, Kentucky und Oklahoma), außerdem die Hauptstadtregion (District of Columbia).
Teilgebiete der Südstaaten werden wie folgt bezeichnet:
Old South: die (sklavenhaltenden) südlichen Staaten unter den 13 Gründungsstaaten der USA. Meist werden die Ostküstenstaaten Delaware, Maryland, Virginia, North Carolina, South Carolina und Georgia zum Old South gezählt.
Upland South oder Upper South: die nördlichen der Südstaaten, vor allem jene, die sich den Konföderierten Staaten erst nach deren Gründung anschlossen, also Texas, Virginia, North Carolina, Tennessee und Arkansas. Im weiteren Sinne kann man auch die Staaten hinzuzählen, die bei der Union blieben.
Deep South: die südlichen Staaten South Carolina, Georgia, Florida, Alabama, Mississippi und Louisiana.
Lower South: Dieser Begriff wird entweder mit dem Deep South gleichgesetzt oder nach dem Historiker Ira Berlin auf die südöstlichen Staaten South Carolina, Georgia und Florida verengt.
Geographie
Wichtige geographische Merkmale sind (von Ost nach West) die Atlantikküste, die Gebirgskette der Appalachen, der Mississippi River und die weiten Landschaften von Texas.
Die meisten Südstaaten weisen ein feuchtes subtropisches Klima auf. Die Böden sind meist fruchtbar, die sichere frostfreie Periode beträgt mehr als sechs Monate. Typische Pflanzen der Gegend sind Lebenseichen, Magnolien, Dogwood und Weihrauchkiefer.
Geschichte
Vorkoloniale Zeit
Um das Jahr 800 herum entwickelten sich erstmals in der Gegend stratifizierte Gesellschaften, die von einem wirtschaftlichen Überschuss profitierten. Besonders die Mississippi-Kultur ist bemerkenswert. Die Indianer betrieben Ackerbau (vor allem Mais) und begannen, sich in Städten anzusiedeln. Die größte Stadt der Mississippi-Kultur, Cahokia, in der Nähe des Zusammenflusses von Missouri River und Mississippi-River gelegen, hatte im 12. Jahrhundert um 20.000 Einwohner. Inwieweit diese Entwicklung von den Indianern Mittelamerikas beeinflusst war, ist noch nicht abschließend erforscht.
Um das 13. Jahrhundert herum begann allerdings ein Niedergang der Kulturen. Die Bevölkerungszahl ging zurück, Städte wurden verlassen. Die Expedition Hernando de Sotos im 16. Jahrhundert fand viele offensichtlich seit langer Zeit im Stich gelassenen Plätze vor, der Austausch der Stämme und Kulturen untereinander war nur noch ein schwacher Abglanz dessen, was sich aus archäologischen Funden aus früherer Zeit herauslesen lässt.
Die Bewohner der Gegend gehörten zu den Sprachfamilien der Sioux (Quapaw, Biloxi), Algonkin-Sprachfamilie (Pamunkey, Shawnee), Irokesischen Sprachen (Cherokee, Tuscarora, Westos), Caddo (Hasinai, Kadohadacho, Natchitoches), der Golf-Sprachen (Atakapa, Chitimacha, Natchez, Tunica) und Timucuan (Apalachee, Choctaw, Oristas, Cusabos, Chickasaw, Guales, Alabama, Muskogee).
Koloniale Zeit
Erste spanische Expeditionen wurden 1527/28 von Pánfilo de Narváez und Álvar Núñez Cabeza de Vaca sowie 1539/40 von Hernando de Soto, der weit ins Landesinnere vordrang, durchgeführt. Obwohl es historisch noch umstritten ist, begann der Niedergang der Mississippi-Kultur weit vor den Expeditionen der Spanier, diese aber versetzen mit ihren Waffen und vor allem den eingeschleppten Krankheiten den Ureinwohnern einen weiteren gravierenden Stoß.
Im Jahre 1585 gründete Walter Raleigh die erste englische Siedlung auf dem Boden der heutigen USA. Sie wurde auf Roanoke Island (North Carolina) gegründet, war jedoch nicht von Dauer. Erst im Jahre 1607 gelang es den Engländern, in Virginia die erste permanente Siedlung Jamestown zu gründen. Wie Neuengland wurde auch der Süden zunächst von englischen Protestanten besiedelt. Später kamen auch andere Religionsgemeinschaften hinzu.
Antebellum
Aufnahme in die Union ab 1776
Im Jahr 1776 zählten von den 13 Gründungsstaaten der USA sechs zu den sklavenhaltenden Südstaaten: Delaware, Maryland, Virginia, North Carolina, South Carolina und Georgia. Gleichfalls als Sklavenstaaten wurden 1792 Kentucky, 1796 Tennessee, 1812 Louisiana, 1817 Mississippi und 1819 Alabama in die Union aufgenommen. Ebenfalls als Südstaaten galten Missouri, das 1821 der Union beitrat, Arkansas, das 1836 zur Union kam, sowie seit 1845 Florida und Texas. Alle diese Staaten erlaubten die Sklavenhaltung.
Bei den Wahlen zum amerikanischen Präsidenten und zum Repräsentantenhaus hängt die Zahl der von einem Staat entsandten Wahlmänner bzw. Abgeordneten von dessen Bevölkerungsanzahl ab. Daher war es eine wichtige Streitfrage, ob die Sklaven, die vor allem im Süden lebten, bei der Berechnung mitgezählt würden. Im Großen Kompromiss von 1787, der solche und ähnliche Fragen klärte, wurde beschlossen, dass drei Fünftel der Sklaven mitgezählt werden sollten. Diese Regelung verlor nach der Abschaffung der Sklaverei 1865 ihre Bedeutung. Ironischerweise erhielten die Südstaaten daher mehr Vertreter als zuvor, obwohl die ehemaligen Sklaven nicht unbedingt wählende Bürger wurden.
Wirtschaft
Zwischen den 1790er-Jahren mit der Erfindung der Egreniermaschine durch Eli Whitney und dem Amerikanischen Bürgerkrieg setzte sich Baumwolle als primäres Agrargut durch. Sie trug in dieser Zeit maßgeblich dazu bei, die britische Textilindustrie zu versorgen. Mehrere Millionen Hektar frühere Wildnis wurden erschlossen; begleitet wurde der Prozess von einer intensiven Modernisierung. Dieselbe Zahl von Arbeitern, die um 1800 einen Hektar Baumwolle bearbeiten konnte, bearbeitete um 1850 zwölf Hektar, ergänzt um Maisfelder und andere Früchte zur Selbstversorgung. Die Entwicklung des Raddampfers fällt ebenso wie die Ausbreitung der Eisenbahn zum Transport und die Einführung des Telegraphen in diese Zeit.
Waren die Menschen im größten Teil der Südstaaten um 1800 noch Selbstversorger, bestanden 1860 intensive Handelsbeziehungen zu den Nordstaaten und so gut wie alle Konsumgüter und Maschinen wurden importiert. Zentrum der Baumwollindustrie war der Staat Mississippi und hier besonders die südliche Gegend von Vicksburg entlang des Mississippi River mit dem städtischen Zentrum Natchez.
Sklaverei
Die Sklaven in den Südstaaten wurden dort als Sklaven geboren oder kamen durch den atlantischen Sklavenhandel ins Land, bis 1808 die Einfuhr von Sklaven in die USA verboten wurde.
Die Sklavenarbeit auf den Tabak- und Baumwollfarmen und Plantagen der Südstaaten unterschied sich von der früher etablierten Sklavenarbeit auf den karibischen Zuckerrohrplantagen. Tabak- und Baumwollanbau war weniger kraftintensiv als Zuckerrohranbau – die Sklavenhalter konnten es sich leisten, etwa zur Hälfte Frauen zu besitzen. Sie unterstützten Familiengründungen, da diese nicht nur für (geldwerten) Nachwuchs sorgten, sondern auch mögliche Aufstände verhinderten, da potenziell Beteiligte wesentlich mehr zu verlieren hatten als in der Karibik. Darüber hinaus kam es in den Südstaaten seltener zu Aufständen als in der Karibik, da Sklavenaufstände durch eine gut organisierte Miliz im Keim erstickt wurden. Ferner war der Anteil der Sklaven an der Gesamtbevölkerung wesentlich geringer als beispielsweise auf der britischen Insel Jamaika, wo die Weißen nur eine sehr kleine Kolonialoberschicht ausmachten.
Die Sklavenarbeit wurde entweder nach dem Gang-System geleistet oder nach dem Task-System. Im Gang-System arbeiteten die Sklaven den ganzen Tag unter einem (meist auch versklavten) Aufseher, im Task-System bekamen sie eine bestimmte Aufgabe gestellt und hatten frei, wenn sie diese vor Ablauf der angesetzten Zeit schafften.
Neben der Mehrzahl der Sklaven, die auf den Plantagen und Farmen arbeiteten, gab es auch Haussklaven und Facharbeiter. Die letzteren wurden oft in der Zeit, in der es keine Arbeit auf der Farm gab, an Handwerker in den naheliegenden Städten vermietet, wodurch diese Sklaven in der Regel ein wenig freier leben konnten. Die Chancen, offiziell freizukommen, waren gering. Traditionell besaßen die Eigentümer das Recht, ihre Sklaven in die Freiheit zu entlassen, meist wendeten sie das jedoch nur bei ihren eigenen (nicht anerkannten) Kindern mit weiblichen Haussklaven an. In den letzten Jahren vor der Sezession begann die Angst zu wachsen, dass Freigelassene die Sklaven zur Unruhe anstiften würden, das Recht der Freilassung wurde teilweise allein auf den Gouverneur der einzelnen Staaten verlagert.
Natürlich versuchten auch Sklaven zu fliehen. Mit Hilfe von Sympathisanten und Abolitionisten gelang dies beispielsweise durch die Underground Railroad. Während Aufstände selten waren, kam Sabotage öfter vor. Gerade die handwerklich ausgebildeten Sklaven hatten sowohl das technische Verständnis als auch die Möglichkeiten, an den Maschinen ihrer Besitzer großen Schaden anzurichten, ohne dass ihre eigene Tat dabei offensichtlich wurde.
Die Sklavenfrage
Die Bewegung der Abolitionisten machte den Eindruck einer starken Lobbygruppe, obwohl sie weniger Macht hatte als der Süden befürchtete. Zwar waren die Nordstaatler aus Prinzip gegen die Sklaverei, doch auch gegen eine rasche Abschaffung im Süden. Sie fürchteten nicht nur Chaos und Massaker im Süden selbst, sondern auch eine massenhafte Migration von befreiten Sklaven in den Norden. Maßnahmen der Südstaaten, durch die die Abolitionisten-Propaganda im Süden behindert wurde, missfielen jedoch auch Nordstaatlern, die die Pressefreiheit gefährdet sahen.
Strittig war beispielsweise, ob ein in den Norden geflüchteter Sklave weiterhin als Eigentum seines im Süden lebenden Halters angesehen werden sollte. Ein Sklavenfluchtgesetz von 1850 sorgte für Unruhen, da Sklavenhalter ihre Sklaven im Norden einfingen beziehungsweise Schwarze, die sie als entlaufene Sklaven bezeichneten. Die Beweislast, kein Sklave gewesen zu sein, lag beim Betroffenen. Insgesamt waren es eher wenige Fälle, aber es kam zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Sklavenhaltern und Sklaven sowie denjenigen Menschen, die ihnen beistanden. Blutig waren auch die bürgerkriegsähnlichen Zustände in Kansas. Dort trachteten Sklaverei-Befürworter danach, durch Manipulation die Macht im Territorium zu erlangen und Kansas als sklavenhaltenden Staat den USA beitreten zu lassen.
1857 entschied der Supreme Court, der Höchste Gerichtshof der USA, dass ein entlaufener Sklave durch Aufenthalt in einem Nordstaat nicht das dortige Bürgerrecht erhalten sollte. Schließlich gelte es, das verfassungsmäßig garantierte Eigentum der Sklavenhalter zu schützen. Die Gegner der Sklaverei befürchteten, dass in Zukunft die Sklaverei auch auf den Norden ausgedehnt werden sollte. Denn wenn die Eigentumsrechte im Norden weitergelten sollten, beispielsweise wenn ein Südstaatler mit seinen Sklaven einen Nordstaat besuchen kann, dann würde letztlich auch ein Aufenthalt für länger oder für immer erlaubt sein.
Ein weiterer Hauptstreitpunkt zwischen Nord- und Südstaaten war die Frage, ob die Sklaverei in den neu gewonnenen Gebieten des Westens eingeführt werden sollte. Die Nordstaatler befürchteten, dass sie bei Einführung eine Minderheit innerhalb der Union werden würden. Beispielsweise 1820 kam es zum Missouri-Kompromiss, dem zufolge die Sklaverei nur südlich einer bestimmten Linie eingeführt werden durfte. Auf lange Sicht kamen hingegen die Südstaaten ins Hintertreffen, da nur wenige neu aufgenommene Bundesstaaten die Sklaverei erlaubten. Dies hatte nicht zuletzt klimatische Gründe, da sich eine auf Sklaven basierende Landwirtschaft im Norden nicht lohnte und kein Bedarf an Sklaven bestand. Strittig waren außerdem Handelsbestimmungen, die es dem Süden erschwerten, verarbeitete Güter aus anderen Ländern als den Nordstaaten einzuführen.
Die begründete Befürchtung der Südstaaten war, dass sie im Gesamtstaat an Einfluss verlieren und letztlich ihre Art des Wirtschaftens nicht aufrechterhalten könnten. Da praktisch alle Einwanderer in die USA sich in sklavenfreien Staaten niederließen, sank der Anteil der Südstaatenbevölkerung am Gesamtstaat: bis 1830 waren es noch 42 Prozent, bis 1850 nur noch 35 Prozent (und bezogen auf die Weißen nur 23 Prozent).
Bis 1860 waren nur vom Süden unterstützte Kandidaten Präsidenten der Vereinigten Staaten geworden. In jenem Jahr wurde jedoch Abraham Lincoln gewählt, dessen neue Republikanische Partei vor allem im Norden beheimatet war. Persönlich war er für die Abschaffung der Sklaverei; er respektierte aber die Gesetzeslage, die die Sklavenfrage den Bundesstaaten überließ. Nur eine Verfassungsänderung mit Zweidrittelmehrheit hätte die Sklaverei in den gesamten USA abschaffen können.
Gründung der Konföderation 1860/61
Die Südstaaten hätten trotz der Wahl Lincolns in der Union bleiben und weiterhin Sklaverei erlauben können. Aus Furcht vor künftigen Entwicklungen entschlossen sich jedoch einige der Sklavenhalterstaaten, aus der Union auszutreten (Sezession) und einen eigenen Gesamtstaat zu bilden.
South Carolina erklärte den Austritt aus der Union bereits im Dezember 1860, noch vor dem Amtsantritt des neugewählten Präsidenten im März. Der noch amtierende Präsident James Buchanan war der Ansicht, dieser Austritt sei zwar illegal, es gebe aber andererseits auch keine rechtliche Grundlage dafür, ihn mit Gewalt zu verhindern; er blieb daher untätig, obwohl Lincoln ihn zum Handeln aufforderte.
Der Sezession South Carolinas folgten im Januar 1861 die Staaten Mississippi, Florida, Alabama, Georgia und Louisiana. Am 4. Februar 1861 konstituierte sich in Montgomery ein Provisorischer Kongress aus Vertretern dieser Staaten, die die Konföderierten Staaten von Amerika (CSA) gründeten und sich am 11. März eine eigene Verfassung gaben. Texas, dessen auf einem Konvent in Austin am 1. Februar 1861 beschlossene Austrittserklärung am 23. Februar per Referendum gebilligt wurde und damit zum 2. März in Kraft trat, war der letzte Staat, der noch vor dem Amtsantritt Abraham Lincolns am 4. März und dem Beginn des Sezessionskrieges aus der Union aus- und den Konföderierten Staaten beitrat.
Ein Wendepunkt wurde der Angriff auf Fort Sumter am 12. und 13. April 1861. Die Festung auf dem Gebiet von South Carolina stand unter Bundesverwaltung und wurde von South Carolina eingenommen. Damit begann der eigentliche Bürgerkrieg, und nun traten auch Virginia, Arkansas, North Carolina und Tennessee aus der Union aus. Nach dem Beitritt des bevölkerungsreichen Virginia zur Konföderation ersetzte Richmond, die Hauptstadt Virginias, Montgomery, die Hauptstadt Alabamas, als Hauptstadt der Konföderation.
Im Überblick die Daten des Austritts aus der Union:
South Carolina: 20. Dezember 1860
Mississippi: 9. Januar 1861
Florida: 10. Januar 1861
Alabama: 11. Januar 1861
Georgia: 19. Januar 1861
Louisiana: 26. Januar 1861
Texas: 23. Februar 1861
Virginia: 17. April 1861
Arkansas: 6. Mai 1861
Tennessee: 6. Mai 1861
North Carolina: 20. Mai 1861
Von den sklavenhaltenden Staaten verblieben lediglich Maryland, Kentucky, Missouri und Delaware in der Union, wobei nur der dauernde Verbleib des letzteren als sicher galt. Von Virginia spaltete sich 1863 der neue Staat West Virginia ab, der sich der Union anschloss.
Während des Krieges wurden große Teile der Südstaaten durch Truppen des Nordens verwüstet, und der Süden litt unter einer Handelsblockade, die von nördlichen Seestreitkräften kontrolliert wurde. Zudem schädigte der Süden sich zunächst selbst durch ein Embargo der Baumwolle, im falschen Vertrauen auf die eigene wirtschaftliche Bedeutung. Die Baumwolllager in Europa waren hingegen nach mehreren Kriegswarnungen voll, und die Textilwirtschaft dort erlebte gerade eine Absatzkrise.
Europäische Staaten wie Großbritannien und Frankreich hatten durchaus ein Interesse an der Spaltung der Union, wagten aber zunächst nicht, in einen offenen Konflikt mit den Nordstaaten zu treten. Mit der Emanzipations-Proklamation, mit der die Nordstaaten die Sklaverei für abgeschafft erklärten, gewannen diese Sympathien in England, wo es bereits eine starke Anti-Sklaverei-Bewegung gab. In England war damit ein Eingriff zugunsten von Sklavenhaltern innenpolitisch nicht durchzusetzen. Ohne England war auch Frankreich nicht bereit, sich zu engagieren.
Aufgrund der industriellen Stärke des wesentlich bevölkerungsreicheren Nordens konnte sich der Süden langfristig nicht gegen diesen behaupten, doch waren große Teile des bisherigen Offizierskorps der Bundesarmee Südstaatler und die Truppen des Südens kämpften engagierter. Am 9. April 1865 kapitulierte der Südstaatengeneral Robert Edward Lee. Die letzten konföderierten Truppen ergaben sich am 23. Juni 1865 in Texas.
Nach dem Bürgerkrieg 1865
Am 15. April 1865, in der Endphase des Krieges, wurde Lincoln bei einem Theaterbesuch in Washington ermordet. Kurz davor, am 31. Januar 1865, war durch den 13. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten die Sklaverei auf dem gesamten Gebiet der Vereinigten Staaten endgültig abgeschafft worden. Lincolns Nachfolger, Vizepräsident Andrew Johnson (1865–1869), ein Südstaatler aus Tennessee und Demokrat, bemühte sich durch eine mildere Behandlung die Bevölkerung der Südstaaten wieder für den Gesamtstaat zu gewinnen. Der Kongress hingegen befürchtete, dass die alten Verhältnisse im Süden dadurch fast unverändert fortdauern würden. Daher durften die Südstaaten erst nach erheblichen gesetzgeberischen Reformen wieder Mitglieder in den Kongress entsenden. Zeitweise wurden die Südstaaten sogar von Vertretern des Gesamtstaates regiert (sog. Carpetbagger). Das Ende dieser Reconstruction-Zeit wird im Jahr 1877 verortet, als der Republikaner Rutherford B. Hayes zum Präsidenten gewählt wurde und er die letzten Unionstruppen abziehen ließ.
Dennoch blieben die Afroamerikaner in den Südstaaten weiterhin Bürger zweiter Klasse, denen durch diskriminierende Maßnahmen die Teilnahme an Wahlen erheblich erschwert wurde. Die Rassentrennung blieb in den Grundzügen bis in die 1960er Jahre bestehen, bis zur Bürgerrechtsbewegung und den entsprechenden Maßnahmen der Bundesregierung unter Lyndon B. Johnson. Außerdem zogen Millionen von Schwarzen von 1940 bis 1970 in die Staaten des Nordens und Westens, und andererseits Weiße in den Süden.
Politik
In politischer Hinsicht führte der Bürgerkrieg zu einer nur selten unterbrochenen Herrschaft der Republikanischen Partei auf Bundesebene, die erst 1932 durch die New Deal Coalition von Franklin D. Roosevelt gebrochen wurde. Dies leitete eine Phase von Bundesregierungen der Demokraten bis in die 1960er Jahre ein, nur unterbrochen von der Regierung Eisenhowers. Im Süden hingegen waren die Demokraten tonangebend; so stellten sie beispielsweise in Texas von 1874 bis 1979 den Gouverneur.
In und nach den 1960er Jahren kam es zu einer Neuausrichtung von Wählern und Parteien. Während bis dahin die Demokraten als ehemalige Sklavenbefürworter und stark konservative Kraft fast unangefochten in den Südstaaten dominiert hatten (Solid South), wechselten nun viele Weiße zu den Republikanern, die bereits um die Jahrhundertwende die Demokraten als konservativere Partei abgelöst hatten. Die Politik der demokratischen Präsidenten Kennedy und Johnson zur Abschaffung der Rassentrennung war ein Grund dafür. Das erklärt auch das Phänomen, dass viele Weiße im Süden zwar auf Staatenebene demokratisch, auf Bundesebene hingegen republikanisch wählen.
Der Zuzug von Amerikanern aus den nördlicheren Staaten in den wirtschaftlich starken Süden bedeutete, dass die Südstaaten bevölkerungsreicher wurden und damit auch mehr Gewicht auf Bundesebene erhielten. Andererseits änderte sich damit auch die soziale Zusammensetzung und das Wahlverhalten in diesen Staaten, was noch verstärkt wurde durch die Zuwanderer aus Lateinamerika, den Hispanics.
Der Süden aus kultureller Sicht
Gemeinsam war im 19. Jahrhundert allen Südstaaten eine starke landwirtschaftliche Ausrichtung – im Gegensatz zum schon weitgehend industrialisierten Norden. Vor allem in den Küstenebenen war die Plantagenwirtschaft weit verbreitet. Daher gab es in diesen Staaten die peculiar institution, die „besondere Einrichtung“, wie die US-Verfassung die Sklaverei nannte. Zwischen den Plantagenbesitzern in der Ebene und den Kleinbauern in den Gebirgsregionen der Appalachen gab es erhebliche, wirtschaftlich bedingte Gegensätze. Daher kam es während des Bürgerkrieges zur „Sezession in der Sezession“, zur Abspaltung West Virginias von Virginia und der versuchten Abspaltung Ost-Tennessees von Tennessee.
Die sozio-kulturellen Gegensätze zwischen Norden und Süden ziehen sich durch alle Gesellschaftsschichten und Parteien und prägen seit der Phase des Wiederaufbaus die Politik zwischen den Einzelstaaten und dem Bund. Die weißen, aus ärmeren Bevölkerungsschichten stammenden Bewohner der Südstaaten werden mitunter abwertend als Rednecks bezeichnet. Auch sprechen einige Menschen im Süden oder solche, die von dort stammen, einen charakteristischen Akzent, den Southern Drawl.
Die Südstaaten umfassen den sogenannten Bible Belt. Dieses Gebiet ist für die intensive Ausübung der christlichen Religion bekannt; nicht selten finden sich selbst in Kleinstädten Dutzende Kirchen. Auch Religionsgruppen wie die Baptisten haben teilweise eigene südliche Zusammenschlüsse.
In den Südstaaten entstanden Gospel, Blues und Country-Musik. New Orleans war und ist ein wichtiges Zentrum für Blues und Jazz, Memphis eines für Blues und Soul. Nashville (Tennessee) ist das Zentrum der kommerziellen Country-Musik. Als „Geburtsstunde“ des Rock ’n’ Roll wird oft die erste Aufnahme des aus Mississippi stammenden Elvis Presley in Memphis genannt. Der Dixieland Jazz, der Dirty South und der Southern Rock sind direkt nach den Südstaaten benannt.
Bekannt ist auch die Südstaatenküche und ihre Besonderheiten wie Cajun-Food, Soul-Food, Tex-Mex-Küche und kreolische Küche.
Herkunft des Begriffs Dixieland
Ein gebräuchliches Synonym für die Südstaaten ist Dixieland oder Dixie. Nach der einen Theorie soll der Name von der Mason-Dixon-Linie abgeleitet sein. So wurde die Grenzlinie zwischen Pennsylvania und Maryland genannt, die die Landvermesser Charles Mason und Jeremiah Dixon vermessen hatten, und verallgemeinernd auch die Trennlinie zwischen den amerikanischen Staaten, südlich derer die Sklaverei erlaubt und nördlich derer sie verboten war. Nach einer anderen Theorie leitet sich der Name vom französischen Wort „dix“ (zehn) ab, das früher auf von der staatlichen Notendruckerei im zeitweise französischsprachigen New Orleans hergestellten Zehn-Dollar-Noten zu finden war.
Literatur
David Bateman, Ira Katznelson, John S. Lapinski: Southern Nation: Congress and White Supremacy after Reconstruction. Princeton University Press, Princeton 2020, ISBN 978-0-691-20409-3.
Heather Cox Richardson: How the South Won the Civil War: Oligarchy, Democracy, and the Continuing Fight for the Soul of America. Oxford University Press, New York 2020, ISBN 978-0-19-090090-8.
Donald E. Davis, Craig E. Colten, Megan Kate Nelson, Mikko Saikku, Barbara L. Allen: Southern United States: An Environmental History. ABC-CLIO, Santa Barbara 2006, ISBN 1-85109-780-5.
John B. Boles (Hrsg.): A Companion to the American South. Blackwell, Malden 2002, ISBN 0-631-21319-8.
Howard Temperley: Regionalismus, Sklaverei, Bürgerkrieg und die Wiedereingliederung des Südens, 1815–1877. In: Willi Paul Adams (Hrsg.): Die Vereinigten Staaten von Amerika (= Weltbild Weltgeschichte 30). Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1994; ISBN 3-596-60030-8, S. 71–124.
diverse Herausgeber: The New Encyclopedia of Southern Culture. 24 Bände. University of North Carolina, Chapel Hill 1989–2013.
Belege
Weblinks
Jon Meacham: Jon Meacham on the ‘New South’. Dossier des Magazins Newsweek zum Wandel der Südstaaten, 2. August 2008 (englisch)
Region in Nordamerika
Sezessionskrieg
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Q49042
| 273.21728 |
78004
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https://de.wikipedia.org/wiki/Pir%C3%A4us
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Piräus
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Piräus ( ; ) ist eine Gemeinde in Attika, ein wichtiges Industriezentrum in Griechenland und drittgrößter Hafen am Mittelmeer. Die eigentliche Gemeinde hatte 2011 163.910 Einwohner, zusammen mit den übrigen Gemeinden des Regionalbezirks Piräus ergab sich eine Zahl von 448.997, der gesamte Ballungsraum Athen-Piräus hat nach Eurostat ca. 3,8 Mio. Einwohner, andere Schätzungen gehen allerdings auf Grund der fehlenden Meldepflicht von mindestens fünf Mio. Einwohnern aus. Piräus ist der historische Hafen der griechischen Hauptstadt Athen und südlicher Endpunkt der wichtigen das Land von Thessaloniki bzw. Patras aus durchquerenden Verkehrsverbindungen. Piräus hat mit rund 17,6 Millionen Passagieren (16,5 Mio. im Fährverkehr und 1,1 Mio. mit Kreuzfahrtschiffen) jährlich (Stand 2019) den größten Passagierhafen in Europa. Mit einem Umschlag von 5,65 Millionen TEU (Stand 2019) ist der Hafen von Piräus der viertgrößte Europas im Container-Verkehr und der mit dem größten Container-Umschlag am Mittelmeer.
Etymologie
Bereits antike Autoren leiteten den Namen Peiraieus () von dem Wort peraieús ‚Fährmann‘ ab, zu ‚hinüberbringen‘, dies zu griechisch péra ‚gegenüber, jenseits‘ (vgl. Pera, Peraia). Es bezog sich wohl auf die Fährdienste zwischen Piräus und Phaleron. Auch der Hafen Korinths trug den Namen Peiraiós , ein weiteres Wort für ‚Fährmann‘.
Im Deutschen steht der Name mit der Bedeutung als Hafen Athens auch mit Artikel: der Piräus.
Geschichte
Piräus (Peiraieus) ist eigentlich der Name der bergigen Halbinsel, acht Kilometer südwestlich von Athen, mit dem bis zu 86½ Meter hohen Hügel Munychia (heute Kastella), der seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. eine Burg trug, und drei tief eingeschnittenen runden Hafenbecken (Piräus, Zea und Munychia), die Themistokles seit 493 v. Chr. zum Hafen Athens bestimmte und zunächst mit Mauern umgeben ließ. 461–456 v. Chr. wurden die Langen Mauern zwischen Piräus und Athen errichtet.
In perikleischer Zeit wurde von Hippodamos aus Milet die Stadtanlage mit rechtwinklig sich schneidenden Straßen angelegt, die Häfen ausgebaut und mit Säulenhallen und Schiffshäusern versehen. Nach Beendigung des Peloponnesischen Krieges zerstört, blühte Piräus als Handelshafen bald von Neuem auf. 394 v. Chr. wurden auch die von den Spartanern zerstörten Mauern wieder aufgebaut.
In den Jahren 347–323 v. Chr. wurde das Arsenal des Philon errichtet, das Sulla 86 v. Chr. mit den übrigen Hafenanlagen niederbrannte.
Nach der Verlegung des Hafens gliederte sich das antike Piräus als Hafenstadt von Athen in die Teilhäfen Kantharos, Zea und Munychia auf. Dabei stellte Kantharos den Handelshafen von Piräus dar, während Zea und Munychia dem Militär vorbehalten waren. Zea war der größere der beiden Kriegsmarinehäfen.
Im Mittelalter war der Hafen unter dem italienischen Namen Porto Leone bekannt, nach der heute vor dem Arsenal von Venedig stehenden antiken Löwenskulptur (eine Kopie steht heute wieder in Piräus). Der entsprechende türkische Name war Aslan Limani. Die kleineren Häfen Zea und Munychia sind heutzutage auch als Passalimani (Hafen des Pascha) bzw. Tourkolimano (Türkenhafen) oder Mikrolimano (kleiner Hafen) bekannt.
Bildungseinrichtungen
Universität Piräus
Technisches Ausbildungsinstitut Piräus
Sehenswürdigkeiten
Haupthafen Kantharos
Yachthafen Zéa Marina (früher Pasalimani)
Yachthafen Mikrolimano (früher Tourkolimano, das antike Munychia)
Archäologisches Museum beim antiken Theater
Schiffsmuseum Trokadero Marina mit dem Panzerkreuzer Georgios Averoff (Paleo Faliro)
Schifffahrtsmuseum Piräus (Nautisches Museum)
Endbahnhof der Metrolinie 1 („Ilektrikos“) mit Museum zu dieser historischen Eisenbahnstrecke (1869 als erste griechische Eisenbahn bis Athen eröffnet)
Kopie der Statue des Löwen von Piräus auf der Landzunge Akra Alkimos
Infrastruktur
Häfen von Piräus
Der Hafen ist mit 17,6 Millionen Passagieren im Jahr 2019 der größte Passagierhafen Europas, 16,5 Mio. davon im bedeutenden Fährverkehr und 1,1 Mio. mit Kreuzfahrtschiffen. 2014 waren es zusammen noch rund 18,7 Mio. Im Containerterminal wurden 2019 rund 5,65 Millionen TEU umgeschlagen, 2014 waren es 3,58 Mio. TEU.
Im Zuge der griechischen Staatsschuldenkrise wurden 51 % des Containerterminals 2009 an das chinesische Staatsunternehmen China Ocean Shipping (Group) Company (kurz: COSCO) für eine Dauer von 35 Jahren verpachtet.
Mit der griechischen Eisenbahn OSE erfolgte im März 2013 die Anbindung des Containerterminals an das Eisenbahnnetz.
Neben dem Haupthafen gibt es auf der südöstlichen Seite der Halbinsel noch zwei kleinere Häfen für private Boote und Yachten.
Bahn
Piräus ist im ÖPNV über die Metrolinien 1 und 3, die Vorortbahn Proastiakos, eine S-Bahn, und die Straßenbahn Athen erschlossen.
Piräus ist Ausgangspunkt der wichtigsten griechischen Eisenbahnstrecke im Fernverkehr, der Bahnstrecke Piräus–Thessaloniki. Diese verbindet Piräus auch mit dem Bahnhof von Athen und dem Flughafen Athen.
Von 1936 bis 1977 verkehrte zwischen Piräus und Perama eine normalspurige elektrische Tram, die in zentralen Stadtteilen als Straßenbahn geführt war, in Vorortbereichen teilweise straßenunabhängig.
Busverkehr
In der Stadt verkehrt seit 1949 der Oberleitungsbus Piräus. 1988 wurde dieses System mit dem des benachbarten Athen verknüpft. Dieser interkommunale Betrieb ist heute mit 366 Fahrzeugen auf 22 Linien das größte O-Bus-Netz in der EU.
Sport
In Piräus hat der Verein Olympiakos Piräus, dessen Fußballabteilung der erfolgreichste Verein Griechenlands ist, seinen Sitz. Die Fußballmannschaft spielt im Stadion Karaiskakis, die Basketballmannschaft und Volleyballmannschaft im gegenüberliegenden „Irinis kai Philias“. Beide werden mit der Metro und der Straßenbahn erreicht (Station Faliro).
Im Jahr 1969 fanden im Stadion Karaiskakis die Leichtathletik-Europameisterschaften statt, 1985 wurden die Leichtathletik-Halleneuropameisterschaften im „Irinis kai Philias“ ausgetragen.
Wissenswertes
Die deutsch-griechische Sängerin Vicky Leandros war von Oktober 2006 bis zum 28. Mai 2008 Vizebürgermeisterin und Stadträtin für Kultur und internationale Beziehungen in Piräus. Der ehemalige griechische Ministerpräsident Kostas Simitis vertrat die Stadt von 1985 bis 2009 als Abgeordneter im Parlament.
Söhne und Töchter der Stadt
Katina Paxinou (1900–1973), Oskar prämierte Schauspielerin,
Emmanuel Kriaras (1906–2014), Philologe und Lexikograf
Yannis Tsarouchis (1910–1989), Maler und Bühnenbildner
Nechan Karakéhéyan (1932–2021), armenisch-katholischer Bischof, Ordinarius von Osteuropa
Jannis Kounellis (1936–2017), Künstler
Konstantinos Simitis (* 1936), früherer Ministerpräsident von Griechenland
Giorgos Dalaras (* 1949), Musiker
Michalis Nikoloudis (* 1949), Musiker
Vincent Gabrielsen (* 1950), Althistoriker
Lou A. Kouvaris (1954–2020), amerikanischer Gitarrist
Leonidas Pelekanakis (1962–2021), Regattasegler
Calliope Tsoupaki (* 1963), Komponistin
Dimitra Asilian (* 1972), Wasserballspielerin
Kelly Thoma (* 1978), Lyraspielerin
Georgios Seitaridis (* 1981), Fußballspieler
Domna Michailidou (* 1987), Wirtschaftswissenschaftlerin und Politikerin
Dimitris Diamantakos (* 1993), Fußballspieler
Städtepartnerschaften
Partnerstädte von Piräus sind:
Literatur
John Travlos: Bildlexikon zur Topographie des antiken Attika. Ernst Wasmuth, Tübingen 1988, ISBN 3-8030-1036-5, S. 340–363.
Georgios Aikaterinidis: Piraeus. History and Culture. Idea, Athen 2001, ISBN 960-85609-7-7.
Weblinks
Piräus Hafen (englisch)
News, Fotos und Videos zu Piräus (englisch)
Einzelnachweise
Gemeinde in Attika
Ort in Attika
Ort mit Seehafen
Archäologischer Fundplatz in Attika
Antike griechische Stadt
Hochschul- oder Universitätsstadt
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Q58976
| 116.288494 |
4743136
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https://de.wikipedia.org/wiki/UTC%2B3
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UTC+3
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UTC+3 ist eine Zonenzeit, welche den Längenhalbkreis 45° Ost als Bezugsmeridian hat. Auf Uhren mit dieser Zonenzeit ist es drei Stunden später als die koordinierte Weltzeit und zwei Stunden später als die MEZ.
In Russland entspricht diese Zone der Moskauer Zeit, die für föderationsweite Angelegenheiten maßgeblich ist.
Geltungsbereich (ganzjährig)
Europa (Moskauer Zeit)
(seit 2011 ganzjährig; bis dann nur Sommerzeit; Normalzeit war zuvor UTC+2)
(nicht unter der Kontrolle der georgischen Regierung)
(nicht unter der Kontrolle der georgischen Regierung)
Republik Krim (von Russland völkerrechtswidrig annektiert und vollständig unter Kontrolle)
Stadt Sewastopol (von Russland zusammen mit der Krim völkerrechtswidrig annektiert und vollständig unter Kontrolle)
Oblast Cherson (von Russland völkerrechtswidrig annektiert, nur kontrollierte Teile)
Oblast Donezk (von Russland völkerrechtswidrig annektiert, nur kontrollierte Teile)
Oblast Luhansk (von Russland völkerrechtswidrig annektiert, nur kontrollierte Teile)
Oblast Saporischschja (von Russland völkerrechtswidrig annektiert, nur kontrollierte Teile)
(Großteil des europäischen Teils mit Nordkaukasus, außer Oblast Kaliningrad, Oblast Astrachan und einigen Föderationssubjekten im Wolgagebiet/Uralvorland):
Stadt
Stadt
Vorderasien
(seit dem Jahr des Putschversuchs 2016 ganzjährig; bis dann nur Sommerzeit; Normalzeit war zuvor UTC+2)
(seit 2022 ganzjährig; bis dann nur Sommerzeit; Normalzeit war zuvor UTC+2)
(seit 2022 ganzjährig; bis dann nur Sommerzeit; Normalzeit war zuvor UTC+2)
(AST)
Afrika
Als Sommerzeit
(einschließlich)
:
Akrotiri und Dekelia
UTC23
cs:Časové pásmo#UTC+3 C, MSK (Moscow Time)
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Q6760
| 7,941.88666 |
38045
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https://de.wikipedia.org/wiki/Sedimentation
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Sedimentation
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Sedimentation bzw. Sedimentierung (von lat. sedimentum = Bodensatz) ist das Ablagern von Teilchen aus Flüssigkeiten oder Gasen unter dem Einfluss der Gewichtskraft oder der Zentrifugalkraft. Die sich bildende Schicht von Schwebstoffen heißt Sediment, Bodensatz, oder Lockersediment. Im Gegensatz zu Sedimentgestein ist Lockersediment ein Lockergestein.
Grundlagen
Bei der Sedimentation schichten sich die abgelagerten Teilchen aufgrund ihrer unterschiedlichen Sedimentationsgeschwindigkeiten (Absinkgeschwindigkeiten) nach ihrer Dichte und ihrer Größe. Die Teilchen mit größter Sedimentationsgeschwindigkeit lagern sich zuerst ab, liegen also zuunterst. Da die Sedimentationsgeschwindigkeit wesentlich von der Dichte bestimmt wird, können sich verschiedene Stoffe schichtweise getrennt ablagern, was auch dazu benutzt werden kann, die verschiedenen Stoffe eines Gemisches zu trennen (siehe Dekantieren). Wird nur ein Material abgelagert oder Materialien ähnlicher Dichte, lagern große Partikel schneller ab und liegen zuerst unten, während kleine Partikel oben liegen. Je größer also die Dichte ist, desto schneller sinkt der Stoff zu Boden. Bei aufgeschäumtem Material, beispielsweise eruptiven Bimssteinen, kann eine inverse Gradierung auftreten, kleinere Teilchen weisen dann eine höhere Sedimentationsgeschwindigkeit auf und lagern unten, während größere oben lagern.
Sedimente werden, im Falle von Strömungen, hauptsächlich durch die Erosion des Querschnittes eingetragen. Ein weiterer Effekt ist der Sedimenteintrag. Hier werden Sedimente (und andere Feststoffe) aus dem Einzugsgebiet eingetragen.
Natürliche Arten von Sedimentierung
Natürliche Sedimente lassen sich nach ihrer Entstehung in drei Hauptgruppen unterteilen:
klastische Sedimente (durch Wasser, Wind, Gletscher, Murgang usw. transportierte und so mechanisch geformte Partikel, z. B. Sand, Schotterbank, Sandbank)
chemische Sedimente (durch chemische Prozesse aus wässrigen Lösungen durch Fällung ausgeschieden, z. B. Carbonate)
biogene Sedimente (Ablagerungen von Organismen oder aus Organismenresten, z. B. Korallenriffe)
Der Ablagerungsort ist eine weitere Einteilungsmöglichkeit. Hier lassen sich fluviatile, limnische, marine, äolische, glaziale und pyroklastische Sedimente voneinander abgrenzen.
Herangeführt werden die Schwebstoffe im Falle einer natürlichen Sedimentation in der Regel durch Erosionsprozesse und hierbei vor allem durch fluviatilen Transport, wobei in der Regel eine Verwitterung des Ausgangsgesteins vorausgegangen ist. Je nach Entfernung zum Abtragungsort und der Strömungsgeschwindigkeit weist die Korngrößenverteilung der im Wasser mitgeführten Partikel deutliche Unterschiede auf. Hierbei gilt, dass die Korngröße der Partikel mit der Entfernung und einer absinkenden Strömungsgeschwindigkeit abnimmt, da die größten bzw. schwersten Partikel (Geschiebe) zuerst sedimentieren und die Strömung oft nicht mehr in der Lage ist, diese vom Gewässergrund aufzuwirbeln.
Besonders in stehenden Gewässern bilden diese Schwebstoffe durch gravitative Ablagerung Sedimentschichten aus, die zum Teil zur Altersbestimmung (Stratigraphie) verwendet werden. Dies liegt vor allem daran, dass hier im Gegensatz zu Fließgewässern keine Strömung mehr vorliegt und sich daher auch sehr kleine Partikel ablagern können. Zusätzlich zeigt die Sedimentation je nach Klimasystem oft ein unterschiedliches Muster im Jahresgang, da sich beispielsweise im Winter bei einem zugefrorenen Gewässer die feineren Teilchen absetzen. Somit entstehen, ähnlich den Jahresringen bei Bäumen, gröbere und feinere Schichten pro Jahr, welche als Warven bezeichnet werden. Diese schließen oft Lebewesen oder deren Spuren mit ein, welche sich im Zuge der Fossilisation zu Fossilien entwickeln können. Auch die Entstehungsbedingungen (Paläoklima) der einzelnen Schichten sind in diesen oft dokumentiert, weshalb Sedimente wichtige Klimaarchive darstellen. Besonders marine, flachmarine und seeische Ablagerungen haben dabei eine hohe Aussagekraft, weshalb sie auch das Hauptziel von klimatologischen Forschungsbohrungen darstellen.
Während durch fortschreitende Sedimentation die Mächtigkeit der Sedimente steigt, kann vor allem der steigende Druck in den tiefer liegenden Schichten weitere geologische Vorgänge auslösen. Die Diagenese bildet aus den Lockersedimenten die Sedimentgesteine. Einen Sonderfall stellt hierbei der Schnee dar, welcher ebenfalls geschichtet und unter Druckeinfluss zu Eis verdichtet werden kann. Hält dieser Effekt über mehrere Jahre an, so kann dies zur Ausbildung eines Gletschers führen.
Anwendungen der Sedimentierung in der Technik
Das Prinzip der Sedimentation findet in Bereichen der Naturwissenschaft, aber auch im alltäglichen Leben Anwendung:
Die mechanische Klärung von Wasser im Absetzbecken einer Kläranlage basiert auf dem Prinzip der Sedimentation.
In kleineren dezentralen Ölmühlen wird das Prinzip genutzt, um das bei der Pressung von Pflanzenöl entstehende Truböl von Sedimenten zu reinigen. Dabei wird das ausgepresste Öl in ein Behältnis gegeben, in dem es längere Zeit (bis zu mehreren Wochen) verharren kann, während die schwereren Sedimente durch die Erdanziehung langsam zu Boden sinken. Nach der Sedimentation wird das gereinigte Öl langsam aus dem Behältnis entnommen, so dass die abgesenkten Partikel im Sedimentationsbehältnis verbleiben. Neuere Pflanzenöl-Sedimentationsverfahren laufen kontinuierlich ab. Dabei fließt das zu reinigende Truböl über ein Röhrensystem durch nacheinander geschaltete Behältnisse. Hierbei setzen sich die Trubstoffe (Sedimente) jeweils in den einzelnen Behältnissen ab, so dass nach dem Verlassen des letzten Behältnisses ein hoher Reinigungsgrad erreicht wird.
Im Mühlenlabor wird ein Sedimentationstest durchgeführt, bei dem das Volumen des Sediments einer Mehl-Wasser-Suspension als Maß für die Quellfähigkeit der Eiweiße im Mehl gilt. In der Bodenkunde dienen Sedimentationsversuche der Bestimmung der Korngrößenverteilung eines Bodens.
In der pharmazeutischen Industrie werden Sedimentationsanalysen durchgeführt, um die Qualität von medizinischen Pulvern zur Behandlung von bspw. Asthma zu überprüfen. Dabei kann die Größe von gewissen Partikeln sowie ihre Verteilung in diesem Pulver durch das Messen der Sedimentationsgeschwindigkeiten bestimmt werden. Ein wichtiges Beispiel für eine solche Analysemethode ist die Photosedimentation. Die Sedimentationsanalyse wird auch häufig angewendet, um die Korngrößenverteilung eines Bodens zu bestimmen.
In so genannten Split-Systemen wird der Effekt der Sedimentation etwa bei der biologischen Präparation unter Ausnutzung der dichteabhängigen Sedimentationsgeschwindigkeit zur Trennung von Partikeln wie Eiweißmolekülen oder biologischen Zellen ausgenutzt.
Bei der Zentrifugation wird die Sedimentation beschleunigt.
Bei der Herstellung, Lagerung und Verarbeitung von Suspensionen wie z. B. Lacken, Gießharzen, Beton oder auch manchen Lebensmitteln stellt die Sedimentation oft aber auch einen störenden Effekt dar.
Siehe auch
Crater erasure
Mud Mound
Schlämmanalyse
Progradieren
Retrogradieren
Literatur
Maurice E. Tucker: Einführung in die Sedimentpetrologie. Enke, Stuttgart 1985, ISBN 3-432-94781-X.
Andreas Schäfer: Klastische Sedimente. Fazies und Sequenzstratigraphie. Elsevier, Spektrum Akademischer Verlag, München 2004, ISBN 3-8274-1351-6.
Weblinks
Mineralienatlas:Sinter (wiki)
Einzelnachweise
!Sedimentation
Limnologie
Meereskunde
Klassierverfahren
it:Sedimentazione
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Q635485
| 149.838036 |
36122
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https://de.wikipedia.org/wiki/Adventisten
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Adventisten
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Als Adventisten (von ) (anfangs Milleriten genannt) werden Mitglieder einer freikirchlichen Konfessionsfamilie bezeichnet, die Anfang des 19. Jahrhunderts in den USA ihren Ursprung hatte. Zentrales Merkmal ihrer Lehre ist der zweite Advent, d. h. die nahe Wiederkunft Jesu Christi. Weitere wichtige Lehrpunkte befassen sich mit der Heiligung des Sabbats, dem an verschiedenen Stellen der Bibel verordneten Ruhetag am Ende der Woche, sowie mit einer Lebensweise, die sich an den alttestamentlichen Speisevorschriften orientiert. Auch wird in der Regel der Kriegsdienst verweigert.
Im Laufe ihrer Geschichte haben sich die Adventisten in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Von Bedeutung sind unter anderem die von adventistischen Gemeinschaften getragenen Bildungs- und Sozialeinrichtungen.
Geschichte
Der baptistische Prediger William Miller (1782–1849) aus Pittsfield, Massachusetts, berechnete auf der Grundlage der apokalyptischen Zeitangaben des Buches Daniel und einiger Jesusworte im Neuen Testament (besonders ) den Zeitpunkt der Wiederkunft Christi zunächst für den Herbst 1843, sodann für den 21. März 1844 und schließlich für den 22. Oktober 1844. Er fand viele Anhänger in den unterschiedlichsten Kirchen. Viele mussten aufgrund ihres Glaubens an die unmittelbar bevorstehende Wiederkunft ihre angestammten Kirchen verlassen. Nach dem Ausbleiben dieses Ereignisses zerfiel die nach ihm benannte Bewegung in verschiedene Gruppierungen, die auch theologisch unterschiedliche Richtungen einschlugen. Nachdem auch 1851 verstrichen war, ohne dass es, wie von den Milleriten angekündigt, zu einer Parusie Christi gekommen wäre, nahm man allgemein von weiteren konkreten Datierungen Abstand, hielt aber bis weit ins 20. Jahrhundert daran fest, Jesus werde zurückkehren, bevor die letzten Zeugen eines großen Meteoritenschauers des Jahres 1833, den Miller auf Matthäus 24 bezogen hatte, verstorben seien.
Adventistische Kirchen und Glaubensgemeinschaften (Auswahl)
Die adventistische Bewegung hat im Lauf ihrer Geschichte eine große Zahl unterschiedlicher Glaubensgemeinschaften hervorgebracht. Nicht alle verweisen darauf in ihrem Namen. Einige der neu entstandenen Gemeinschaften versuchen, zu den ursprünglichen Lehren zurückzukehren und verstehen sich als Reformadventisten. Andere distanzieren sich vom alten adventistischen Glaubensgut und sehen sich heute als eine der vielen evangelischen Freikirchen. Manche der aus dem Adventismus hervorgegangenen Gruppierungen haben sich zu exklusiven religiösen Gemeinschaften entwickelt. Dazu gehören unter anderem die Zeugen Jehovas.
Einige aus dem Adventismus entstandene Gemeinschaften sind:
Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten (STA): eine 1863 von der unter anderem wegen ihrer Visionen einflussreichen Ellen G. White mitbegründete Kirche, die nach eigenen Angaben Ende 2021 knapp 22 Millionen Mitglieder zählte. Ihr Unterscheidungsmerkmal gegenüber anderen Religionsgemeinschaften ist in erster Linie die Einhaltung des Sabbats als Ruhetag.
Weltweite Kirche Gottes (WKG) bzw. Vereinte Kirche Gottes: 1933 maßgeblich auf das Wirken von Herbert W. Armstrong zurückzuführende Kirche mit insgesamt circa 100.000 Mitgliedern. Die Weltweite Kirche Gottes gab Mitte der 1990er-Jahre die meisten ihrer bis dahin typischen Sonderlehren wie Sabbatruhe, Feiern jüdischer Feste, Zehntpflicht auf.
Gemeinde Gottes des siebenten Tages: nichttrinitarische, 1863 in den USA gegründete Gemeinschaft, die Ellen G. White als Prophetin ablehnte und sich deshalb von den Siebenten-Tags-Adventisten abspaltete.
Bibelforscherbewegung: 1881 gründete Charles Taze Russell die Zion’s Watch Tower Tract Society, aus der sich das Missionswerk der heute als Jehovas Zeugen bekannten Gemeinschaft entwickelte. Davor gab er mit dem Adventisten Nelson Homer Barbour die missionarische Zeitschrift Herald of the Morning heraus, die die Lehre einer unsichtbaren Wiederkunft Christi verbreitete. Sie sind keine Sabbathalter.
Reformadventisten: entstanden zu Beginn des Ersten Weltkriegs, nachdem die Leitung der Mutterkirche zum Kriegsdienst aufgerufen und Bibelgläubige, die an der adventistischen Ablehnung des Krieges festhielten, ausgeschlossen und teils auch den staatlichen Organen zur Bestrafung ausgeliefert hatte. Die damals Ausgeschlossenen gründeten 1919 die Internationale Missionsgesellschaft der Siebenten-Tags-Adventisten, alte seit 1844 stehengebliebene Richtung. Die Organisation wurde 1921 in Internationale Missionsgesellschaft der Siebenten-Tags-Adventisten, Reformationsbewegung umbenannt. Neben diesen gibt es noch einen weitere unabhängige Reformadventisten Gemeinde unter dem Verein Gemeinschaft der Siebenten Tags Adventisten Reformationsbewegung e. V
Missionsgesellschaft zur Erhaltung und Förderung adventistischen Glaubensgutes (MEFAG): eine 1987 in Deutschland gegründete adventistische Splittergruppe mit Sitz in Berlin.
Literatur
Weblinks
Einzelnachweise
Christliche Konfession
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Q215168
| 145.671587 |
440311
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https://de.wikipedia.org/wiki/Hokkien
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Hokkien
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Hokkien (), auf Min Nan (Minnan, ) auch Quanzhang () genannt – nach den Städten Quanzhou und Zhangzhou – ist eine Variante der südchinesischen Sprache Min Nan – also der südlichen Minsprache – und wird im Süden der Provinz Fujian, in Teilgebieten von Guangdong und Zhejiang und auf Taiwan gesprochen sowie von Auslandschinesen in Südostasien.
Der Name der Sprache leitet sich von der Provinz Fujian (obsolete Umschrift nach Post: „Hokkien“, „Fukien“) ab, die in der Min-Nan-Sprache „Hokkien“ ausgesprochen wird. Daher war früher auch der Begriff „Hokkien-“ bzw. „Fukien-Dialekt“ geläufig. Die auf Taiwan gesprochene Mundart wird „Taiwanisch“ genannt. Außerhalb Fujian wird Hokkien von Chinesen anderer Ethnien, insbesondere in Taiwan, auch als Heluohua () bzw. Holo bezeichnet.
Geographische Verteilung
Hokkien kommt ursprünglich aus der Provinz Fujian, eine Küstenregion, in der historisch viel Handel betrieben wurde. Durch Migration verbreitete die sich dieser Sprachzweig über das Südchinesische Meer über weite Teile Asiens und ist mittlerweile die in Südostasien meistgesprochene Mundart der chinesischen Sprachfamilie. Die ethnische Gruppe, die Hokkien als Muttersprache nutzt, sind die Hoklo, die neben ihren ursprünglichen Besiedlungsgebiet in Fujian, Zhejiang, Guangdong, Hongkong, Macau und Taiwan, hauptsächlich in den südostasiatischen Ländern, wie beispielsweise Malaysia, Philippinen, Singapur, Indonesien, Myanmar und Thailand aufzufinden.
Die etwa 1,5 Millionen philippinischen Chinesen (auf Hochchinesisch (Standardchinesisch) Feilübin Huaren und auf Tagalog Tsinoy; ungefähr 2 % der dortigen Bevölkerung) haben zu 98,5 % Hokkien als Muttersprache. Sie selbst bezeichnen die Sprache als Lan-Nang – „Sprache unseres Volkes“.
In dem multiethnischer Insel- und Stadtstaat Singapur sind 2,8 Millionen der insgesamt 3,4 Mio. Einwohner ethnische Chinesen. Der Staat fördert den Gebrauch der Hochsprache mit einer Speak Mandarin Campaign. Nach der offiziellen statistischen Erhebung 2015 sprachen die meisten Chinesen zu Hause vorwiegend die chinesische Hochsprache, Englisch oder Singlish; nur 16 % sprachen noch vorwiegend Hokkien oder andere „Dialekte“. Die meisten Singapur-Chinesen, die Hokkien sprechen, sind durch ihren Dachverband Singapore Hokkien Huay Kuan vereint bzw. repräsentiert.
Einzelnachweise
Chinesische Sprachen
Tonsprache
Fujian
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Q1624231
| 113.524327 |
64586
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https://de.wikipedia.org/wiki/Eutrophierung
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Eutrophierung
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Eutrophierung (von griech. , ‚gut nährend‘) ist ein Terminus aus der Ökologie. Damit wird allgemein die Anreicherung von Nährstoffen in einem Ökosystem oder einem Teil desselben bezeichnet. Im engeren Sinne ist meist die durch den Menschen bedingte (anthropogene) Erhöhung des Nährstoffgehalts von Gewässern durch gelöste Nährstoffe, besonders Stickstoff und Phosphor gemeint, die meist mit nachteiligen Folgen für die Ökologie der Gewässer und ihre Nutzbarkeit durch den Menschen verbunden ist. Eutrophierung beruht also auf Nährstoffeintrag mit Nährstoffanreicherung im System. Der Duden definiert sie „als unerwünschte Zunahme eines Gewässers an Nährstoffen und damit verbundenes nutzloses und schädliches Pflanzenwachstum“.
Die Zunahme erfolgt meist durch den Zufluss der Nährstoffe aus Abwässern sowie durch Eintrag aus intensiv gedüngten landwirtschaftlichen Nutzflächen. Die Eutrophierung eines Gewässers verursacht eine Erhöhung seiner Primärproduktion, welche eine gesteigerte Sauerstoffzehrung zur Folge hat.
Eutrophierung von Gewässern: Definition
Die Eutrophierung eines Gewässers ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Pflanzennährstoffe werden aus dem Einzugsgebiet in das Gewässer, das als natürliche Senke wirkt, eingetragen; heute ist in einigen Fällen auch der Eintrag aus der Luft (Auswaschung von Luftschadstoffen oder Staub durch Regen) bedeutsam. Der Eintrag kann dabei in anorganischer Form, als gelöste Nährsalze, oder in Form von Biomasse erfolgen. Die hydrobiologische Forschung hat dabei zwei Schlüsselnährstoffe identifiziert, die für nahezu alle Eutrophierungsvorgänge verantwortlich sind, Stickstoff und Phosphor. Dabei ist in Seen und anderen limnischen Systemen fast immer Phosphor entscheidend, während Stickstoff vor allem in Randmeeren und Ästuaren (sowie in terrestrischen Systemen) bedeutsam ist. Die Nährstoffe reichern sich im System an. Dabei bilden der freie Wasserkörper, die Wasserorganismen und das Sediment jeweils Nährstoffreservoire aus, zwischen denen intensive und mannigfaltige Wechselbeziehungen bestehen. Bei den Organismen sind dabei die „höheren“, in der Regel wurzelnden Wasserpflanzen, zum Beispiel Röhricht-Arten, Wasserpflanzen wie Wasserpest und Tausendblatt (die sogenannten Makrophyten), und die im Wasser schwebenden, einzelligen Algen, das Phytoplankton, zu unterscheiden. Bei der Eutrophierung ist, von extrem flachen Gewässern abgesehen, meist das Phytoplankton für den Gewässerzustand von größerer Bedeutung. Die von den Organismen gebildete Biomasse wird normalerweise nicht vollständig mineralisiert, ein Teil sinkt zu Boden und bildet eine nach und nach anwachsende organische Sedimentauflage aus, die letztlich zum Verlanden eines Gewässers führen kann.
Der jeweilige Zustand des Gewässers wird über das sogenannte Trophiesystem klassifiziert. Während die Limnologen bis in die 1950er Jahre nur zwei Klassen unterschieden, oligotroph (arm an Nährstoffen) und eutroph (reich an Nährstoffen), wurden später weitere Zustände ergänzt. Insbesondere wurden jenseits der eutrophen Klasse polytrophe und hypertrophe Gewässer unterschieden, deren Nährstoffgehalt noch höher liegt als die eutrophe Stufe. Während ein eutrophes Gewässer die natürliche Endstufe eines verlandenden Flachgewässers darstellt und im Prinzip ein natürlicher Zustand ist, treten (von seltenen Ausnahmefällen abgesehen) die höheren Trophiestufen nicht mehr natürlicherweise auf. Eutrophierung ist die Zustandsveränderung entlang der so definierten Trophie-Achse hin zu den nährstoffreicheren Zuständen. Ein Gewässer kann, sowohl natürlicherweise als auch aufgrund von Sanierungsmaßnahmen, sich entlang der Achse in umgekehrter Richtung bewegen, also nährstoffärmer werden; dies wird dann Oligotrophierung genannt. Für den Zustand des Gewässers sind dabei nur die Nährstoffe entscheidend, die gelöst oder löslich, und damit pflanzenverfügbar, sind. Die Festlegung von Phosphat in unlöslichen Mineralen oder durch Ausfällung von Seekreide in kalkhaltigen Gewässern wirkt also der Eutrophierung entgegen.
Bei der Definition von Eutrophierung betrachten viele Hydrobiologen nicht nur die Nährstoffgehalte allein, sondern berücksichtigen teilweise auch deren Wirkungen im Gewässer. Dies liegt daran, dass verschiedene Gewässer trotz gleicher absoluter Nährstoffgehalte sehr unterschiedlich empfindlich auf Eutrophierungsvorgänge reagieren können. Eutrophe Gewässer sind in der Regel durch hohe Phytoplankton-Bestände, die Algenblüten ausbilden können, stark getrübt und haben eine geringe Sichttiefe. Neben den Nährstoffgehalten werden, über die Wirkung der Organismen, weitere physikalische und chemische Parameter beeinflusst, insbesondere der Gehalt an gelöstem Sauerstoff, der in eutrophen Gewässern meist einen ausgeprägten Tagesgang zwischen Übersättigung tagsüber und Sauerstoffzehrung nachts aufweist. Im tiefen Wasser, in dem wegen Lichtmangel kein Algenwachstum möglich ist, überwiegt die Zehrung, so dass im Tiefenwasser und im Sediment oft anoxische Zustände auftreten. Auch die Artenzusammensetzung der Lebewesen verschiebt sich, da viele Arten unter diesen Bedingungen nicht mehr existieren können, während wenige begünstigte Arten nun zu Massenvermehrungen neigen. So überwiegt im Sediment von eutrophen Seen meist die Zuckmücken-Gattung Chironomus, in oligotrophen die Gattung Tanytarsus. Viele Limnologen haben diese Auswirkungen in ihre jeweilige Definition von Eutrophierung aufgenommen. Sie hängen, neben den Nährstoffgehalten, von weiteren Faktoren ab, etwa der Temperatur, dem Licht (und damit der Tiefe des Gewässers), seinem Basengehalt und weiteren.
Natürliche Eutrophierung
Eutrophierung ist in eher seltenen Fällen ein natürlicher Prozess. So können im Zuge der Verlandung eines Sees vermehrt Nährstoffe in den See gelangen. In der Vergangenheit ist der Nährstoffeintrag durch klimatische Veränderungen, wie etwa bei skandinavischen Seen nach dem Rückzug der Gletscher am Ende der letzten Eiszeit gestiegen.
Anthropogene Eutrophierung
Heute wird unter Eutrophierung meist die vom Menschen verursachte (anthropogene) Zufuhr vor allem von Phosphat verstanden. Die Phosphate gelangen aus Abwässern und dem Bodeneintrag der landwirtschaftlichen Düngung durch Niederschläge in die Gewässer. Der erhöhte Phosphateintrag führt primär zu einer erhöhten pflanzlichen Produktion. Der Effekt ist dabei in Seen größer als in Flüssen, da in letzteren die Nährstoffe wesentlich rascher ausgeschwemmt werden. Im Anschluss an die pflanzliche Biomasse steigt auch die Biomasse der Konsumenten und Destruenten. Damit steigt auch die Menge an organischem Material, das zu Boden sinkt (sedimentiert). In diesem Bereich (Profundal) steigt durch den mikrobiellen Abbau der organischen Substanz der Sauerstoffverbrauch (Sauerstoffzehrung). Sinkt die Sauerstoffkonzentration im Wasser unter 1 mg/l, so erfolgt eine weitere Phosphatfreisetzung aus dem Sediment (Phosphatmobilisierung). Dies führt zu einer Selbstverstärkung der Eutrophierung. Am Gewässerrand (Litoral) bewirkt die Eutrophierung auch eine Veränderung bei den hier wachsenden Pflanzengesellschaften.
In Fließgewässern führt Eutrophierung ebenfalls zu einer Steigerung der Produktion. Dabei vermehren sich in Gebirgsbächen besonders die epilithischen Algen, in größeren Gewässern die Makrophyten, was zur sogenannten Verkrautung führt. In aufgestauten Flüssen wächst besonders das Phytoplankton, was zur „Veralgung“ führt. Es kommt ebenfalls zu einer Verschiebung in der Artenzusammensetzung.
Wie in Pflanzenkläranlagen, können Wasserhyazinthen auch in natürlichen Gewässern den Phosphorkreislauf positiv beeinflussen und so einer Eutrophierung entgegenwirken.
Siehe auch
Seentherapie, Maßnahmen zur Verbesserung des ökologischen Zustands von Seen
Quellen
Anne Jones-Lee & G. Fred Lee: Eutrophication (Excessive Fertilization). In: Jay H. Lehr, Jack Keeley (Editors): Water Encyclopedia: Volume 3, Surface and Agricultural Water. Wiley, Hoboken, NJ, 2005, ISBN 978-0-471-73685-1, Seite 107–114.
Walter Rast, Jeffrey A. Thornton: Trends in eutrophication research and control. Hydrological Processes 10: 295–313.
Sikko Parma (1980): The history of the eutrophication concept and the eutrophication in the Netherlands. Hydrobiological Bulletin 14: 5–11. PDF download
Weblinks
Eutrophierung. Die Rolle von Nährstoffen an der Küste Story Map Cascade-Seite, erstellt vom AWI Nordseebüro und dem Helmholtz-Zentrum Geesthacht.
Einzelnachweise
Limnologie
Hydrologie
Gewässerökologie
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Q156698
| 144.258029 |
85270
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https://de.wikipedia.org/wiki/Altweltkamele
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Altweltkamele
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Die Altweltkamele (Camelus) sind eine Säugetiergattung, die sich in zwei Arten aufteilt: das Trampeltier oder Baktrische Kamel (C. bactrianus), das sich durch zwei Höcker auszeichnet, und das Dromedar (C. dromedarius), das nur über einen Höcker verfügt. Wenn auch diese Tiere umgangssprachlich oft einfach als „Kamele“ bezeichnet werden, so gehören zur zoologischen Familie der Kamele (Camelidae) auch die in Südamerika lebenden Neuweltkamele (Guanako, Lama, Alpaka und Vikunja).
Die Ähnlichkeit der Wüste und des Meeres in ihrer Weite und Lebensfeindlichkeit sowie das Schaukelnde ihres Ganges bescherte den Altweltkamelen den Beinamen Wüstenschiff, da man lange Zeit nur mit Kamelen als Transportmittel in der Lage war, die Wüste zu bereisen.
Merkmale
Allgemeines
Altweltkamele unterscheiden sich von ihren neuweltlichen Verwandten auf den ersten Blick durch das Vorhandensein von Höckern und die größeren Ausmaße. Sie erreichen eine Kopf-Rumpf-Länge von 225 bis 345 Zentimetern, eine Schulterhöhe von 180 bis 230 Zentimetern und ein Gewicht von 300 bis 700 Kilogramm. Der Schwanz ist mit 35 bis 55 Zentimetern relativ kurz. Die Färbung ihres Felles variiert von dunkelbraun bis beige und sandgrau. Während Dromedare ein relativ kurzes Fell haben, sind die Haare der Trampeltiere insbesondere in den Wintermonaten sehr lang – im Frühling kommt es zu einem abrupten Fellwechsel, bei welchem die Tiere einen zerzausten Eindruck erwecken.
Die Beine der Altweltkamele sind vergleichsweise lang. Die Füße haben zwei Zehen, die anstatt mit Hufen mit schwieligen Polstern versehen sind. Wie alle Kamele berühren diese Tiere den Boden mit dem vorletzten und letzten Glied der Zehen. Sie tragen keine Hufschalen, sondern gebogene Nägel, wodurch aber nur die Vorderkante der Füße geschützt wird. Die Zehen ruhen auf einem elastischen Polster aus Bindegewebe, das eine breite Sohlenfläche bildet.
Diese Tiere haben einen langen Hals, auf dem ein langgezogener Kopf sitzt. Die Oberlippe ist gespalten, als Schutz vor der Witterung sind die Augen mit großen Lidern mit langen Wimpern versehen und die Nüstern verschließbar. Der Magen setzt sich – wie bei allen Kamelen – aus mehreren Kammern zusammen, was das Verdauen der Pflanzennahrung erleichtert.
Speicherung von Nahrung und Wasser
Um großflächige wasser- und nahrungslose Wüstengebiete durchqueren zu können, müssen Altweltkamele entsprechend große Mengen an Wasser und Nahrung speichern können. In ihren Höckern lagern die Tiere für Hungerperioden Fett ein, mit dessen Hilfe sie bis zu 30 Tage ohne Nahrung auskommen. Ihren Wasservorrat, der zwischen ca. 100 und 150 Liter betragen kann und für eine Durstperiode von bis zu zwei Wochen ausreicht, speichern sie im Magensystem. Beim Auffüllen ihres Wasserspeichers zeigen Altweltkamele eine enorme Aufnahmeleistung. Sie schaffen es, innerhalb von zehn Minuten über 100 Liter Wasser auf einmal zu trinken und einzulagern. Augenzeugenberichten zufolge tränken die Kamelpfleger die Tiere vor einer Reise auch zwangsweise.
Häufig wird die Entstehung von Wasser bei der Verbrennung von Fettreserven aus dem Höcker als ein besonderes Merkmal für das Kamel herausgestellt. Tatsächlich entsteht bei der kontinuierlich stattfindenden Energiegewinnung aus Nahrungsmitteln jeder Art Wasser als Nebenprodukt, das der körpereigenen Wasserbilanz zugutekommt. Pro 1000 kJ freigesetzter Energie entstehen z. B. aus Fett ca. 28 g und aus Kohlenhydraten ca. 35 g Wasser. Dies gilt jedoch für jedes Lebewesen, einschließlich des Menschen, das organisches Material mit Sauerstoff verbrennt und ist somit keineswegs eine kameltypische Besonderheit. Auch die verbreitete Vorstellung, ein durstendes Kamel könne notfalls rasch ein paar kg Fett verbrennen, um dem Körper wieder etwas Wasser zuzuführen, entspricht nicht der Realität. Bei der Verbrennung von 1 kg Fett entsteht u. a. ca. 1,1 kg Wasser und eine Energiemenge von ca. 39.000 kJ (ca. 9.300 kcal) wird freigesetzt, davon mindestens etwa 31.000 kJ in Form von Wärmeenergie (der Rest evtl. als vom Kamel geleistete Arbeit). Um diese Energiemenge abzuführen, müssen mindestens ca. 14 kg Wasser verdunstet werden.
Regulierung der Körpertemperatur
Altweltkamele verhindern eine drohende Überhitzung ihres Körpers, wie andere warmblütige Tiere auch, grundsätzlich durch die Verdunstung von Wasser. Um den dabei unvermeidlichen Wasserverlust so gering wie möglich zu halten, verfügen die Altweltkamele über zusätzliche Anpassungen an ihren Lebensraum. Hierzu gehört insbesondere ihre für warmblütige Tiere ungewöhnliche Fähigkeit, ihre Körpertemperatur bis zu einem gewissen Grade zu ändern. Nachts kann ein Kamel, ohne dafür Wasser verdunsten zu müssen, Wärmeenergie direkt an die kalte Nachtluft abgeben und auf diese Weise seine Körpertemperatur bis auf 34 °C absinken lassen. Tagsüber lässt es seine Körpertemperatur wieder auf bis zu 41 °C ansteigen, dies entspricht für ein 500 kg schweres Kamel einer Wärmemenge von ungefähr 12.000 kJ (ca. 3.000 kcal). Um dieselbe Wärmemenge durch Wasserverdunstung abzuführen, müsste das Tier theoretisch etwa 5 Liter, tatsächlich eine noch größere Wassermenge verbrauchen. Seine besondere Fähigkeit zur Variierung der Körpertemperatur nutzt das Kamel nur bei Wassermangel, bei ausreichender Wasserversorgung hält es seine Körpertemperatur konstant. Auch sein Fell hilft dem Kamel, Wasser zu sparen. Die tagsüber starke Sonnenstrahlung wird größtenteils in den äußeren Fellschichten absorbiert und in Wärme umgewandelt. Dabei wird diese äußere Schicht auf Temperaturen aufgeheizt, die höher sind als die Lufttemperatur. Deshalb kann ein Teil der Wärmeenergie an die Umgebungsluft abgegeben werden. Die restliche Wärmeenergie kann wegen der thermischen Isolierung durch die tiefer liegenden Fellschichten nur langsam zum Kamelkörper vordringen. Trifft die Sonnenstrahlung dagegen direkt auf die nackte Kamelhaut, so muss diese stärker gekühlt werden, um eine hautverträgliche Temperatur einzuhalten. Deshalb verliert ein geschorenes Kamel ca. 50 % mehr Wasser durch Schwitzen als ein ungeschorenes. Als weitere Mechanismen zur Minimierung des Wasserverlusts sind zu erwähnen: eine besonders starke Eindickung des Urins durch die Nieren und ein besonders starker Wasserentzug aus dem Kot im Enddarm. Kameldung kann angeblich unmittelbar ohne weitere Trocknung als Brennstoff verwendet werden.
Die in einigen Veröffentlichungen kursierende Vorstellung, der zufolge der Wasserdampf der ausgeatmeten Luft zum Kühlen verwendet wird, ist unsinnig. Bei der Umwandlung von Wasserdampf in flüssiges Wasser wird im Gegenteil eine erhebliche Wärmemenge freigesetzt, die das Kamel wieder abführen müsste.
Ebenso falsch ist die Vorstellung, die roten Blutkörperchen (Erythrozyten) eines Kamels könnten sich auf das 200-fache ihres Volumens vergrößern, um Wasser zu speichern. Das Wasser wird jedoch im Magensystem gespeichert. Eine erhebliche Vergrößerung der roten Blutkörperchen würde die Fließeigenschaften des Blutes, insbesondere in den Kapillaren, drastisch verschlechtern. Plausibler sind Berichte, denen zufolge die roten Blutkörperchen der Kamele, abweichend von der sonst üblichen Form, etwa wie Rugbybälle geformt sind. Man vermutet, dass hierdurch die Fließfähigkeit des Blutes bei starker Eindickung infolge von Wassermangel besser erhalten bleibt. Diese besonders geformten roten Blutkörperchen sollen sich auf etwa 240 bis 250 % ihres normalen Volumens ausdehnen können.
Weitere Anpassungen an den Lebensraum Wüste
Da es gerade in Wüstengebieten immer wieder zu Sandstürmen kommt, müssen sich die Tiere auch vor diesen Bedingungen schützen. Sie haben extrem lange Wimpern, die die Augen überdecken und so den Sand abhalten. Außerdem sind ihre Ohren mit langen Haaren bewachsen und sie können die Nasenlöcher schließen, sodass auch hier kein Sand eindringen kann. Durch ihren Passgang, bei dem sie beide Beine einer Seite immer gemeinsam bewegen, und ihre sehr breiten Fußflächen können sie sich auch auf tiefem, weichem Sand gut fortbewegen.
Verbreitung
In ihrer domestizierten Form sind die zwei Arten der Altweltkamele in weiten Teilen Afrikas und Asiens verbreitet. Dromedare finden sich im Norden Afrikas (bis ca. 1° südlicher Breite), auf der arabischen Halbinsel und in Zentralasien. Im 19. Jahrhundert wurden sie auch nach Australien eingeführt, wo sie das Outback schnell für sich einnahmen und wo es heute eine Population von mindestens 50.000 Tieren gibt. Trampeltiere sind von Kleinasien bis in die Mandschurei verbreitet.
In seiner Wildform ist das Dromedar ausgestorben, vermutlich spätestens um die Zeitenwende. Sein Ursprungsgebiet lag im Süden der Arabischen Halbinsel. Wilde Trampeltierpopulationen gibt es heute noch im chinesischen Xinjiang und in der Mongolei, wo in drei getrennten Populationen rund 950 Exemplare leben.
Insgesamt gibt es ca. 19 Millionen Altweltkamele, von denen 14,5 Millionen in Afrika leben, alleine sieben Millionen in Somalia und 3,3 Millionen im Sudan.
Lebensweise
Im Gegensatz zu ihren südamerikanischen Verwandten, den Neuweltkamelen, sind die beiden Kamelarten der alten Welt Bewohner der trockensten Gebiete der Erde. Sie sind Überlebenskünstler der Wüste, wo nur wenige Großsäugetiere in der Lage sind zu überleben. Altweltkamele haben die Anpassung an diese lebensfeindliche Umgebung perfektioniert (siehe dazu auch oben Merkmale).
Altweltkamele sind tagaktiv und leben in freier Wildbahn zumeist in Haremsgruppen, die aus einem Männchen (Hengst), mehreren Weibchen (Stuten) und dem gemeinsamen Nachwuchs (Fohlen) bestehen. Heranwachsende Hengste, die aus ihrer Geburtsgruppe vertrieben wurden, bilden oft Junggesellengruppen. Um die Führerschaft in einer Haremsgruppe kann es zu erbitterten Kämpfen zwischen zwei Männchen kommen.
Nahrung
Altweltkamele sind Pflanzenfresser. Sie ernähren sich überwiegend durch Abweiden von Blättern von Baum- und Straucharten und von Zwergsträuchern („browser“). Die dicken, weichen, langen, beweglichen Lippen und die Auskleidung der Mundhöhle ermöglichen das Abweiden auch durch spitze Dornen geschützter Pflanzen. Kamele fressen bekanntermaßen auch Pflanzen, die bitter schmecken oder hohe Gehalte sekundärer Pflanzenstoffe enthalten und von den meisten anderen Pflanzenfressern verschmäht werden. Sie besitzen einen sehr hohen Salzbedarf und weiden viel an, in Wüsten oft häufigen, Salzpflanzen, vor allem Salzkräutern (Salsola) und Melden (Atriplex), die als Sukkulente auch einen höheren Wassergehalt besitzen. Als Nahrung überall in ihrem Verbreitungsgebiet bedeutsam sind Akazien. Wenn sie vom Menschen nicht eingeschränkt werden, durchstreifen Kamele große Räume, sie können auf der Nahrungssuche mehr als 50 Kilometer am Tag zurücklegen, und fressen von einer Vielzahl von Arten. Bei günstigem Nahrungsangebot fressen sie über den unmittelbaren Bedarf hinaus, um den Fettspeicher in den Höckern aufzufüllen; dieser reicht ggf. aus, ein Tier bis zu 6 Monate ohne Nahrung am Leben zu halten. Altweltkamele ernähren sich, bei entsprechendem Angebot, zu einem gewissen Anteil auch von Gräsern, sie können sich bei Weidehaltung von fast reinem Grasfutter ernähren und bei Stallhaltung mit Heu gefüttert werden. Sie sind also in der Nahrungswahl recht opportunistisch. Nach anekdotischen Berichten fressen sie gelegentlich sogar Holzkohle oder Material tierischer Herkunft wie Knochen. Die Aufnahme von Abfallstoffen führt aber oft zum Tod der Tiere, da sie die Stoffe nicht wieder ausscheiden können. Kamele können bei Bedarf auch salziges, brackiges Wasser verwerten.
Fortpflanzung
Nach einer relativ langen Tragzeit von 360 bis 440 Tagen bringt das Weibchen in der Regel ein einzelnes Jungtier zur Welt. Dieses ist Nestflüchter und kann innerhalb kürzester Zeit selbständig gehen. Nach rund einem Jahr wird es entwöhnt, nach zwei bis drei Jahren geschlechtsreif. Altweltkamele können 40 bis 50 Jahre alt werden.
Altweltkamele und Menschen
Domestizierung
Die Eigenschaften der Kamele sind natürlich auch für die Menschen der Wüstenregionen von Vorteil, und so verwundert es nicht, dass beide Altweltkamelarten bereits im dritten vorchristlichen Jahrtausend (vor über 5.500 Jahren) domestiziert wurden und der Mensch sie seitdem als Haustiere nutzt. In den Emiraten reicht die Nutzung von Kamelen nachweislich bis 2600 v. Chr. zurück. Die Domestizierung des asiatischen Trampeltiers, das an das etwas feuchtere und leicht kühlere Wetter der asiatischen Steppe angepasst ist, erfolgte etwa zur selben Zeit.
Altweltkamele scheinen ursprünglich hauptsächlich als Milchlieferant domestiziert worden zu sein. In Somalia überwiegt diese Nutzung bis heute. Die Nutzung als Fleisch- und Lederquelle sowie eine Verwendung der Wolle entwickelten sich etwas später. Sogar ihr Mist dient, getrocknet, in der rohstoffarmen Umgebung als Brennmaterial. Bis etwa 1500 v. Chr. wurde fast ausschließlich der Esel als Transporttier im Verbreitungsgebiet der Kamele genutzt. Die Nutzung des Kamels als Lasttier setzte zunächst die Entwicklung eines geeigneten Sattels voraus. Dieser musste die Last auch bei der wiegenden Bewegung des Kamels halten und gleichmäßig auf dem Rücken des Kamels verteilen. Zwischen 1300 und 100 v. Chr. entwickelten nomadisch lebende arabische Ethnien einen für das Kamel angepassten Tragesattel, der es erlaubte, durchschnittlich etwa 250 Kilogramm auf einem Kamelrücken zu transportieren. Diese Sattelform ist seit mehr als 2.000 Jahren nahezu unverändert in Gebrauch. Neben ihrer Nutzung als Lasttiere wurden Kamele auch als Reittiere für Kriegseinsätze verwendet. In Oberägypten etwa kamen vor 2.000 Jahren Abteilungen von Dromedarreitern für den Grenzschutz zum Einsatz.
In Asien erlangte das Trampeltier nicht die Bedeutung, die das Dromedar im arabischen Raum gewann. Auf den zentralasiatischen Hochplateaus dominierte das Yak, Schafe, die Milch und Wolle lieferten, sowie Hausrinder und Wasserbüffel konnten im größten Teil des asiatischen Raums gehalten werden. Dromedare dagegen wurden in einem immer größer werdenden Gebiet genutzt. In Syrien, Irak, Iran und später Indien fand das Dromedar immer mehr Verwendung.
Hybride
Dort, wo die beiden Arten aufeinander trafen, begann man sie schon seit der Antike miteinander zu kreuzen. Auf Grund des Heterosis-Effektes zeichnen sich die F1-Hybriden durch eine höhere Leistungsfähigkeit aus, die jedoch in nachfolgenden Kreuzungen verloren geht. Entlang der Seidenstraße entwickelte sich eine Landwirtschaft, die sich auf die Zucht solcher Hybriden spezialisierte. Meist war es ein Trampeltierhengst, den man zur Deckung von Dromedarstuten verwendete, da Trampeltiere zahlenmäßig seltener als Dromedare waren. Während in historischen Zeiten diese Hybride in vielen Gegenden des Nahen Ostens und Zentralasiens als starke Lasttiere und für Kriegseinsätze gefragt waren, werden Kamelhybride heute vor allem als Kampfkamele (türk. tülü) für das Kamelringen in der Türkei nachgefragt.
Altweltkamele in der Kultur
Als wichtige Last- und Nutztiere spielen Altweltkamele (im allgemeinen Sprachgebrauch meist einfach als „Kamele“ bezeichnet) eine bedeutende Rolle.
So wird beispielsweise die biblische Person Rebekka häufig mit Kamelen dargestellt. Das Alte Testament berichtet, dass sie gemeinsam mit den Dienern damit beschäftigt war, die Kamele am Brunnen zu tränken, als ihr Elieser begegnet, der Brautwerber ihres späteren Mannes Isaak. Diese Szene wird beispielsweise in der illuminierten Handschrift Wiener Genesis aus dem 6. Jahrhundert dargestellt. Auf dieser Darstellung befinden sich auch Kamele.
Bekannt ist auch die biblische Aussage vom Kamel im Nadelöhr: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.“ (Mk 10,25). Diese Aussage könnte auf einen Übersetzungs- bzw. Schreibfehler zurückzuführen sein, da das Wort kamilos ein „Schiffstau“ bezeichnet, in der neutestamentarischen Exegese wird dies jedoch überwiegend bezweifelt und die Lesart kámêlos („Kamel“) für originär gehalten.
Im arabischen Sprachraum wird den Altweltkamelen seit der altarabischen Dichtung aus dem 6. Jahrhundert und an zahlreichen Stellen im Koran Hochachtung entgegengebracht. Seit dem frühen Mittelalter tauchen sie dann in der Bildenden Kunst der westlichen Welt auf. Dies ist vor allem auf die Erwähnungen der Kamele in der Bibel zurückzuführen.
Im westlichen Verständnis haben Kamele einen eher schlechten Ruf und sind sogar in den Schimpfwortschatz eingegangen. Gegenteilig tritt dies im asiatischen Raum zu Tage. Das Kamel war und ist etwa für viehzüchtende Nomaden in der Mongolei nach dem Pferd zwar nicht das wirtschaftlich, allerdings das kulturell bedeutendste Zuchttier.
Die älteste erhaltene chinesische Quelle über Kamelheilkunde ist das achte Kapitel des Fan-mu tsuan yen-fang („Zusammenfassung wirksamer Rezepte für erfolgreiche Viehzucht“), das von Wang Yü während der Nördlichen Song-Dynastie (960–1126) aus älteren Texten kompiliert wurde. Das Werk ist als Druck aus der Yuan-Dynastie (1279–1368) überliefert. Darin sind 34 durchnummerierte Rezepte von ursprünglich 48 erhalten, die fehlenden Rezepte ließen sich anderweitig rekonstruieren. Neben jedem Rezept befindet sich ein Holzschnitt, auf dem ein Trampeltier die entsprechenden Symptome zeigt.
Systematik
Die Altweltkamele bilden eine Gattung innerhalb der Familie der Kamele (Camelidae), wo sie das Schwestertaxon der Neuweltkamele (Gattungen Lamas (Lama) und Vikunjas (Vicugna)) darstellen. Dromedare und Trampeltiere sind untereinander kreuzbar, Hybride werden Tulus oder Bukhts genannt. Sie sind größer als jeder Elternteil und haben entweder einen einzelnen, lang gezogenen oder einen größeren und einen kleineren Höcker. Weibliche Tiere, die wiederum mit einem Trampeltier gepaart werden, finden in Kasachstan Nutzung als Reitkamele.
Auch mit Lamas wurden Altweltkamele durch Insemination gekreuzt. Die so entstandenen Hybride wurden von den verantwortlichen Wissenschaftlern „Camas“ genannt.
Literatur
Bernhard Grzimek: Grzimeks Tierleben. Enzyklopädie des Tierreichs. Bechtermünz 2000, ISBN 3-8289-1603-1.
Chris Lavers: Warum Elefanten große Ohren haben – dem genialen Bauplan der Tiere auf der Spur. Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 2001, ISBN 3-7857-2047-5.
Manfred Pichler, Willy Puchner: Die Wolken der Wüste. Eine Kulturgeschichte der Kamele. ISBN 3-89416-150-7.
Weblinks
Einzelnachweise
Paarhufer
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Q7375
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10088
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https://de.wikipedia.org/wiki/Immunologie
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Immunologie
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Die Immunologie oder Immunbiologie ist die Lehre von den biologischen und biochemischen Grundlagen der körperlichen Abwehr von Krankheitserregern wie Bakterien, Viren und Pilzen sowie anderen körperfremden Stoffen wie beispielsweise biologischen Toxinen und Umweltgiften, und darüber hinaus von Störungen und Fehlfunktionen dieser Abwehrmechanismen. Sie ist damit eine Teildisziplin der Biologie. Forschungsgegenstand ist das Immunsystem, ein System von zellulären und molekularen Prozessen, welche die Erkennung und Inaktivierung von Krankheitserregern und körperfremden Substanzen realisieren. Diese Prozesse werden unter dem Begriff Immunantwort zusammengefasst. Aufgrund der zentralen Rolle des menschlichen Immunsystems bei einer Vielzahl von Erkrankungen ist die Immunologie in der Medizin für das Verständnis, die Prävention, die Diagnostik und die Therapie von Krankheiten von großer Bedeutung.
Es gibt verschiedene Teilgebiete der Immunologie. Die Immunchemie untersucht die Struktur von Antigenen, Antikörpern und die chemischen Grundlagen der Immunreaktionen. Die Immungenetik untersucht die genetische Variabilität von Immunreaktionen, bzw. die Mechanismen der Erzeugung von Antikörpern, T-Zell-Rezeptoren und antigenpräsentierenden Komplexen. Die Immunpathologie und die klinische Immunologie untersuchen Störungen des Immunsystems, die beispielsweise im Falle von Allergien, bei der Bildung von Tumoren und bei Autoimmunkrankheiten auftreten.
Geschichte
Frühe Beobachtungen
Die ältesten bekannten Aufzeichnungen, die Hinweise auf immunologisch relevante Phänomene enthalten, stammen aus dem Jahr 430 vor Christus. Der Geschichtsschreiber Thukydides stellte damals während der sogenannten Attischen Seuche in Athen zur Zeit des Peloponnesischen Krieges fest, dass nur Menschen für die Versorgung der Erkrankten in Frage kamen, welche die Krankheit selbst bereits durchgestanden und überlebt hatten. Aus der Zeit um das Jahr 100 vor Christus sind erste Berichte aus China zu einer gezielten Übertragung der Pocken auf gesunde Menschen zum Zweck der Vorbeugung bekannt. Weite Verbreitung erlangte dieses Verfahren, bei dem Eiter von leicht Erkrankten mit einer Nadel auf Gesunde übertragen wurde, unter der Bezeichnung „Variolation“ seit dem 15. Jahrhundert vor allem in China, Indien und der Türkei. Durch Mary Wortley Montagu, die Ehefrau des britischen Botschafters in Konstantinopel, die ihren Sohn auf diese Weise impfen ließ, gelangte die Variolation ab etwa 1722 nach England und verbreitete sich in den folgenden Jahren auch im Rest Europas.
Zur gleichen Zeit erfuhr der englische Landarzt Edward Jenner von Ärzten, mit denen er in Kontakt stand, dass Personen anscheinend nicht auf eine Pocken-Variolation ansprachen, wenn sie vorher an Kuhpocken erkrankt waren. Nach intensiver Beobachtung dieses Phänomens impfte er am 14. Mai 1796 den gesunden achtjährigen Jungen James Phipps mit Gewebsflüssigkeit, die er einer Pustel von einer mit Kuhpocken infizierten Milchmagd entnommen hatte. Nachdem der Junge den leichten Verlauf der Kuhpocken überstanden hatte, unterzog ihn Jenner mit einer echten Pocken-Variolation. Er entwickelte keine Pockensymptome, auch gegen wiederholte Variolationen und Pockenausbrüchen erwies er sich als immun. Im Vergleich zur Variolation bot Jenners Verfahren ("Vakzination") einige entscheidende Vorteile: Die mit Kuhpocken geimpften Personen wiesen nicht die für Pocken typischen Pusteln und die daraus resultierenden Narben auf, es gab keinen tödlichen Verlauf der Impfung und die geimpften Personen stellten selbst kein Ansteckungsrisiko dar. Edward Jenner gilt deshalb heute als Begründer der Immunologie.
Beginn immunologischer Forschung
Ein Meilenstein in der Entwicklung der Immunologie, der den Beginn der gezielten Forschung markierte, war die Entwicklung eines Impfstoffes gegen die Tollwut im Jahr 1885 durch Louis Pasteur. Am 6. Juli 1885 impfte er damit den neunjährigen Joseph Meister, der zwei Tage zuvor von einem tollwütigen Hund gebissen worden war. Joseph Meister wurde damit der erste Mensch in der Geschichte der Medizin, der eine Tollwutinfektion überlebte. Innerhalb eines Jahres wurde diese Impfung bei 350 weiteren infizierten Personen angewendet, von denen keiner an Tollwut verstarb. Bereits drei Jahre vorher entdeckte Robert Koch den Erreger der Tuberkulose und kurze Zeit später die Tuberkulin-Reaktion, die auf der Basis der Immunantwort den Nachweis einer Tuberkulose-Infektion ermöglichte.
1888 entdeckten Pierre Paul Émile Roux und Alexandre Émile Jean Yersin das Diphtherie-Toxin. Zwei Jahre später konnten Emil Adolf von Behring und Shibasaburo Kitasato sogenannte Antitoxine im Serum von Patienten nachweisen, welche die Diphtherie überstanden hatten. Emil Adolf von Behring begann auch damit, diese Antiseren zur Behandlung von Diphtherie einzusetzen. Er erhielt für seine Forschungsergebnisse den 1901 erstmals verliehenen Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. Der belgische Bakteriologe Jules Baptiste Vincent Bordet entdeckte 1898, dass eine Erhitzung des Serums auf 55 Grad Celsius zwar kaum Auswirkungen auf die Eigenschaft des Serums hatte, an bestimmte chemische Stoffe zu binden, die bakterienzerstörende Wirkung des Serums ging jedoch verloren. Er postulierte aufgrund dieser Entdeckung die Existenz einer hitzeempfindlichen Komponente im Serum, die für die Wirkung des Serums auf Bakterien notwendig war, und nannte diese Komponente „Alexin“. Paul Ehrlich beschäftigte sich in den folgenden Jahren mit der Untersuchung dieser Komponente und führte den noch heute verwendeten Begriff „Komplement“ ein.
Entstehung von zwei Denkrichtungen
Zum Beginn des 20. Jahrhunderts teilte sich die immunologische Forschung in zwei Betrachtungsweisen. Die Humoralimmunologen, die prominentesten von ihnen Paul Ehrlich und Emil Adolf von Behring, vertraten die Ansicht, dass die Grundlagen der Infektionsabwehr in Substanzen im Blutserum, also den Antitoxinen zu suchen seien. Diese Theorie war um 1900 und in den folgenden Jahrzehnten die vorherrschende Auffassung. Daneben entwickelte sich die Ansicht der Zellularimmunologen, insbesondere basierend auf den Arbeiten von George Nuttall sowie Ilja Iljitsch Metschnikow ab etwa 1883/1884. Metschnikow konnte anhand von Untersuchungen zur Wirkung von weißen Blutkörperchen auf Bakterien die Bedeutung körpereigener zellulärer Prozesse für die Abwehr von Krankheitserregern nachweisen. Wie sich später zeigen sollte, sind beide Aspekte gleichermaßen am Wirken des Immunsystems und an der Immunantwort beteiligt. Es dauerte allerdings bis etwa 1940, bis die Auffassungen der Zellularimmunologen allgemeine Anerkennung fanden und die Annahme, dass Antikörper der Hauptmechanismus der Immunabwehr wären, aufgegeben wurde.
Im Jahr 1901 entdeckte Karl Landsteiner das AB0-Blutgruppensystem und leistete damit einen weiteren wichtigen Beitrag zum Verständnis des Immunsystems. Clemens Peter Freiherr von Pirquet stellte 1906 fest, dass Patienten bei einer wiederholten Gabe von Pferdeserum eine heftige Reaktion auf die zweite Behandlung zeigten. Er prägte für diese Überempfindlichkeitsreaktion den Begriff „Allergie“. Emil von Dungern und Ludwik Hirszfeld veröffentlichten 1910 ihre Ergebnisse zur Vererbung der Blutgruppen und damit erstmals Ergebnisse zur Genetik von Komponenten des Immunsystems. In dieser Arbeit schlugen die beiden auch die Bezeichnung „AB0“ als neue Nomenklatur vor – international verbindlich wurde diese jedoch erst 1928 eingeführt. 1917 beschrieb Karl Landsteiner erstmals das Konzept der Haptene, kleiner Moleküle, die bei Kopplung an ein Protein eine Immunreaktion mit Bildung spezifischer Antikörper auslösen können. Lloyd Felton gelang 1926 die Aufreinigung von Antikörpern aus Serum. In den 1930er Jahren konnte dann Michael Heidelberger zeigen, dass es sich bei Antikörpern hinsichtlich ihrer chemischen Natur um Proteine handelt. Darüber hinaus gelang ihm gemeinsam mit Elvin A. Kabat der Nachweis, dass Antikörper der Gamma-Fraktion der im Serum vorhandenen Globuline entsprechen. Im gleichen Zeitraum entwickelte John Marrack erstmals eine Theorie zur spezifischen Erkennung von Antigenen durch Antikörper.
Entwicklung der modernen Immunologie
Peter Alfred Gorer entdeckte in den 1930er Jahren bei Studien mit Mäusen zur Abstoßung von transplantierten Tumoren die H-2-Antigene der Maus und damit den ersten Haupthistokompatibilitätskomplex (MHC). Ebenfalls durch Untersuchungen zur Transplantatabstoßung konnten Peter Medawar und Thomas Gibson wichtige Funktionen von Immunzellen aufklären. Damit begann die endgültige Anerkennung der zellulären Immunologie. Im Jahr 1948 fand Astrid Fagraeus heraus, dass Antikörper durch die B-Zellen im Plasma produziert werden. Ein Jahr später veröffentlichten Frank Macfarlane Burnet und Frank Fenner ihre Hypothese der immunologischen Toleranz, die wenige Jahre später von Jacques Miller mit der Entdeckung der Elimination autoreaktiver T-Zellklone im Thymus bewiesen wurde. 1957 beschrieb Frank Macfarlane Burnet die Klon-Selektionstheorie als das zentrale Prinzip der adaptiven Immunität.
Der Brite Alick Isaacs und der Schweizer Jean Lindenmann entdeckten 1957 bei der Untersuchung der Auswirkungen von Virusinfektionen auf Zellkulturen, dass die Zellen für die Dauer einer Virusinfektion weitestgehend resistent gegenüber einer zweiten Infektion durch ein anderes Virus waren. Sie isolierten aus den infizierten Zellkulturen ein Protein, das sie Interferon (IFN) nannten. Zum Ende der 1960er und zum Beginn der 1970er Jahre entdeckten dann John David und Barry Bloom unabhängig voneinander den Makrophagen migrationsinhibierenden Faktor (Macrophage migration inhibitory factor, MIF) und eine Reihe weiterer Substanzen, die von Lymphozyten abgegeben werden. Dudley Dumonde prägte für diese Substanzen den Begriff „Lymphokine“. Stanley Cohen, der 1986 für seine Entdeckung der Wachstumsfaktoren NGF und EGF den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin bekam, begann in den frühen 1970er Jahren zusammen mit Takeshi Yoshida, die Funktionen der als Lymphokine bezeichneten Faktoren zu untersuchen. Sie erkannten dabei, dass diese Substanzen zu einer Gruppe von hormon-ähnlichen Botenstoffen gehören, die von vielen verschiedenen Zellen des Immunsystems gebildet werden. Stanley Cohen schlug deshalb 1974 den Begriff „Zytokine“ vor, der sich mit der Entdeckung weiterer dieser Stoffe schnell durchsetzte. Mittlerweile sind neben den genannten Faktoren über 100 weitere Zytokine bekannt und in ihrer Struktur und Funktion detailliert untersucht.
Die Zeit um 1960 wird allgemein als Beginn der modernen Immunologie angesehen. Rodney Porter gelang es zwischen 1959 und 1961, die Struktur von Antikörpern aufzuklären. Zur gleichen Zeit entdeckte Jean Dausset den Haupthistokompatibilitätskomplex des Menschen, den so genannten „Human Leukocyte Antigen“-Komplex (HLA-Komplex). Ab etwa 1960 wurden von einer Reihe von Wissenschaftlern auch die Grundlagen der zellulären Immunologie aufgeklärt, was unter anderem zur Differenzierung und Beschreibung der B- und T-Lymphozyten und der Entdeckung ihrer jeweiligen Funktionen durch Jacques Miller führte. Damit setzte sich die Einteilung der Immunabwehr in einen humoralen und einen zellulären Bereich durch. In den folgenden Jahrzehnten wurden unter anderem die verschiedenen Antikörper-Subtypen entdeckt und hinsichtlich ihrer Funktion untersucht. 1975 beschrieben Georges Köhler und César Milstein die Gewinnung monoklonaler Antikörper. Aufgrund der weitreichenden Folgen dieser Entdeckung für die Grundlagenforschung sowie die Diagnostik und Therapie von Erkrankungen erhielten sie 1984 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. Weitere wichtige Erkenntnisse betrafen die genetischen Grundlagen der Immunologie wie die Beschreibung der MHC-Restriktion durch Rolf Zinkernagel im Jahr 1974, die Identifizierung von Immunglobulin-Genen 1985 durch Susumu Tonegawa und von T-Zell-Rezeptor-Genen durch Leroy Hood ebenfalls ab etwa 1985.
Seit 2002 besteht die European Autoimmunity Standardisation Initiative. In Deutschland gab es im Jahr 2019 in Deutschland nur sechs Fachärzte für Immunologie.
Forschungsgegenstand
Zentraler Forschungsgegenstand der Immunologie ist das Immunsystem der Säugetiere. Dabei handelt es sich um ein komplexes System von Molekülen und Zellen, durch das die Erkennung und Inaktivierung von körperfremden Strukturen realisiert wird. Die Reaktionen dieses Systems auf solche Strukturen werden unter dem Begriff Immunantwort zusammengefasst. Die Organe des Körpers, die für die Immunantwort zuständig sind, werden zusammen mit den Lymphgefäßen als lymphatisches System bezeichnet. Für das Funktionieren der Immunantwort ist darüber hinaus der Blutkreislauf von entscheidender Bedeutung.
Die Forschung in der Immunologie befasst sich vorrangig mit medizinischen und klinischen Aspekten der Immunantwort, also beispielsweise ihrer Fehlregulation bei bestimmten Erkrankungen sowie ihrer gezielten Beeinflussung zur Behandlung von Krankheiten. Ein weiteres wichtiges Forschungsgebiet ist die Anwendung von immunologischen Methoden für analytische und diagnostische Zwecke. Die Immunologie lässt sich nach dem untersuchten Teilaspekt, der verwendeten Methodik und der Betrachtungsebene in verschiedene Teildisziplinen untergliedern.
Zelluläre Immunologie
Die zelluläre Immunologie befasst sich mit den Zellen des Immunsystems und den von ihnen ausgehenden Reaktionen. Zu den Zellen des angeborenen Immunsystems gehören beispielsweise die Neutrophilen Granulozyten, die auch als Fresszellen bezeichneten Makrophagen, sowie die natürlichen Killerzellen (NK-Zellen). Das adaptive Immunsystem umfasst auf zellulärer Ebene die B-Lymphozyten und die T-Lymphozyten. Im Gegensatz zum angeborenen Immunsystem kann das adaptive Immunsystem eine spezifische Reaktion gegen bestimmte körperfremde Strukturen ausbilden, allerdings erst nach einem erstmaligen Kontakt. Für das angeborene Immunsystem ist ein solcher Erstkontakt nicht notwendig.
Humorale Immunologie
Die humorale Immunologie beschäftigt sich mit den auf Proteinen basierenden Prozessen des Immunsystems. Zu diesen gehört, im Rahmen der angeborenen Immunantwort, das Komplementsystem. Im adaptiven Teil des Immunsystems sind Antikörper für die humorale Immunantwort zuständig. Ein weiteres wichtiges Forschungsthema der humoralen Immunologie sind die Zytokine. Dabei handelt es sich um Proteine, die die Regulation des Immunsystems und die Kommunikation seiner verschiedenen Komponenten steuern.
Weitere Teildisziplinen
Die Immunchemie untersucht die Struktur und Eigenschaften von Antigenen und Antikörpern sowie die chemischen Grundlagen der Immunantwort. Eine wichtige Anwendung der Immunchemie sind diagnostische und analytische Verfahren auf der Basis der Antigen-Antikörper-Reaktion, wie zum Beispiel die Immunhistochemie. Die Immungenetik beschäftigt sich mit den genetischen Grundlagen des Immunsystems, also beispielsweise der genetisch bedingten Variabilität von Immunreaktionen sowie den Mechanismen der Erzeugung von Antikörpern, T-Zell-Rezeptoren und antigenpräsentierenden Komplexen. Die Immunpathologie und die klinische Immunologie widmen sich den medizinischen Aspekten der Immunologie.
Invertebratenimmunologie
Aus historischen Gründen beschäftigt sich die Immunologie hauptsächlich mit dem Immunsystem von Wirbeltieren (Vertebraten), insbesondere dem der Säugetiere. Dies liegt vor allem an den medizinischen Ursprüngen der Immunologie und hat dazu geführt, dass auch in Lehrbüchern und anderen Veröffentlichungen die Immunologie oft nur mit der Immunabwehr bei Säugetieren als Forschungsgegenstand dargestellt wird. Ein Teilbereich der immunologischen Forschung widmet sich jedoch auch dem Immunsystem von wirbellosen Tieren (Invertebraten). Dieses ist im Vergleich zum Immunsystem der Wirbeltiere gekennzeichnet durch das Fehlen eines adaptiven Immunsystems und damit durch weitestgehend unspezifische Abwehrvorgänge, durch das Vorhandensein von differenzierten biochemischen Abwehrmechanismen in Form von antimikrobiellen Faktoren sowie durch ausgeprägte anatomische Strukturen zur mechanischen Verhinderung des Eindringens von Krankheitserregern und körperfremden Substanzen. Innerhalb des zellulären Immunsystems der wirbellosen Tiere nehmen phagozytierende Zellen eine zentrale Rolle ein.
Ziel dieser Forschung ist es zum einen, die Evolution des Immunsystems und damit auch seine Funktionen besser zu verstehen. Durch den Vergleich der Abwehrmechanismen verschiedener Tiere ist es möglich zu erkennen, welche Teilaspekte ihnen gemeinsam sind und wie sich diese entwickelt haben. Man spricht deshalb auch von vergleichender Immunologie. Weitere Bereiche, auf die sich die Forschung zur Immunologie der Invertebraten auswirkt, sind die Ökotoxikologie sowie die Schädlingsbekämpfung und Hygiene. Innerhalb der biomedizinischen Forschung ermöglicht das Verständnis der Immunabwehr von wirbellosen Tieren, diese in Teilbereichen als Modellorganismen zu nutzen. Einzelne biochemische Komponenten des Immunsystems von Invertebraten lassen sich möglicherweise auch zu therapeutischen und diagnostischen Zwecken einsetzen.
Pathophysiologische Aspekte
Das Immunsystem ist an einer Vielzahl von Krankheiten und anderen klinisch bedeutsamen Vorgängen direkt oder indirekt beteiligt. Diese lassen sich anhand der zugrundeliegenden Mechanismen unterscheiden.
Abwehr von Krankheitserregern
Bei Infektionen mit Bakterien, Viren, Protozoen oder Pilzen erfolgt im Normalfall eine Abwehr des Eindringens und der Ausbreitung der Krankheitserreger durch das Immunsystem. Unter bestimmten Bedingungen kann die Immunreaktion jedoch versagen oder nur ungenügend sein, so dass sich eine Infektion ausbreitet und vom Immunsystem nicht mehr angemessen kontrolliert wird. Dies kann dazu führen, dass eine Infektion chronisch wird, die Krankheitserreger also ständig im Körper verbleiben und dauerhaft oder schubweise entsprechende Symptome verursachen. Eine schwere generalisierte Infektion, also die Ausbreitung von einem lokalen Infektionsort über die Blutbahn im gesamten Körper, wird als Sepsis bezeichnet. Aufgrund massiver Reaktionen des Körpers verläuft diese oft tödlich.
Fehlgeleitete oder überschießende Immunantwort
Den so genannten Autoimmunerkrankungen liegt eine fehlgeleitete Reaktion des Immunsystems gegen körpereigene Strukturen zugrunde. Diese Reaktionen können entweder zur irreversiblen Zerstörung von körpereigenem Gewebe führen oder körpereigene Moleküle wie zum Beispiel Rezeptoren und Hormone in ihrer Funktion beeinträchtigen. Zu den Autoimmunerkrankungen zählen beispielsweise der Diabetes mellitus Typ 1, die Hashimoto-Thyreoiditis, die Myasthenia gravis, der Morbus Basedow sowie die meisten entzündlich-rheumatischen Krankheiten, unter anderem die Rheumatoide Arthritis.
Bei Allergien, auch als Überempfindlichkeitsreaktion bezeichnet, kommt es zu einer überschießenden Reaktion des Immunsystems auf bestimmte körperfremde Strukturen. Voraussetzung für die Entstehung einer Allergie ist ein harmlos verlaufender Erstkontakt mit dem als Allergen bezeichneten Fremdstoff. Durch diesen Erstkontakt kommt es zur so genannten Sensibilisierung, das heißt der Ausprägung einer spezifischen Immunantwort. Jeder erneute Kontakt mit dem Allergen kann dann zu einer übermäßig starken Reaktion des Immunsystems führen. Allergien sind besonders häufig gegen pflanzliche Pollen, Tierhaare, Lebensmittelbestandteile und Medikamente. Eine Mischform aus Allergie und Autoimmunerkrankung ist die Zöliakie, bei der es zu einer Kreuzreaktion auf das in den meisten Getreidesorten enthaltene Kleber-Eiweiß Gluten und bestimmte Strukturen im Dünndarmgewebe kommt.
Unzureichende Immunantwort und Immuninsuffizienz
Zu den Erkrankungen, die durch eine ungenügende Immunabwehr (Immuninsuffizienz) gekennzeichnet sind, zählen beispielsweise das erworbene Immunschwäche-Syndrom AIDS (Acquired Immunodeficiency Syndrome), das durch eine Infektion mit dem HI-Virus ausgelöst wird. Schwere angeborene Immunschwächeerkrankungen, bei denen gleichzeitig („kombiniert“) der humorale und der zelluläre Teil des adaptiven Immunsystems betroffen sind, werden unter der Bezeichnung Severe Combined Immunodeficiency (SCID) zusammengefasst. Patienten mit einer angeborenen oder erworbenen Immunschwäche besitzen eine hohe Anfälligkeit für Infektionserkrankungen, die mit fortschreitender Immunschwäche in der Regel auch zum Tod führen.
Auch bei Krebserkrankungen spielt das Immunsystem eine wichtige Rolle. Patienten mit einer Immunschwäche, zum Beispiel durch eine immunsuppressive Behandlung nach einer Organtransplantation oder durch eine HIV-Infektion, zeigen eine deutlich erhöhte Häufigkeit bestimmter Krebserkrankungen. Das Immunsystem ist dabei für die Kontrolle entarteter Zellen verantwortlich, so dass diese inaktiviert werden, bevor ein manifester Tumor entstehen kann. Das Teilgebiet der Immunologie, das sich mit den immunologischen Vorgängen bei der Entstehung, dem Verlauf und der Bekämpfung von Tumoren befasst, ist die Tumorimmunologie. Die Krebsimmuntherapie umfasst eine Reihe immunologischer Therapieansätze.
Immunantwort gegen Transplantate und Implantate
Von entscheidender Relevanz sind immunologische Prozesse bei der Transplantation von Spenderorganen. Da transplantierte Organe vom Immunsystem als körperfremd erkannt werden, kommt es zu einer entsprechenden Immunantwort. Unbehandelt führt diese zur Abstoßung und damit dem Funktionsverlust des betreffenden Organs. Umgekehrt können aber auch, zum Beispiel bei einer Stammzelltransplantation, in einem Transplantat enthaltene Immunzellen eine Immunreaktion gegen den Empfängerorganismus verursachen, man spricht dann von der Graft-versus-Host-Reaktion. In der Folge ist zum Erhalt des Organs eine lebenslange Behandlung der betroffenen Patienten mit so genannten Immunsuppressiva notwendig, also Medikamenten, welche die kurz- und langfristig vorhandenen Immunreaktionen unterdrücken.
Ähnlich wie bei der Transplantation von fremden Organen oder Geweben ist das Immunsystem auch an der Reaktion des Körpers gegen Implantate entscheidend beteiligt. Implantate bestehen beispielsweise aus Metallen oder Kunststoffen und werden für vielfältige Aufgaben eingesetzt, unter anderem zum vorübergehenden oder dauerhaften Ersatz von Knochen oder Blutgefäßen, als plastische Implantate zur Ausformung bestimmter Körperstrukturen und zum Zahnersatz, sowie zum Ersatz oder zur Unterstützung von körpereigenen Organen bei ihrer Funktion, wie zum Beispiel Cochleaimplantate oder Herzschrittmacher. Da Implantate aus körperfremdem Material bestehen, sind sie vielfältigen Prozessen der Immunabwehr ausgesetzt, insbesondere einer chronisch vorhandenen Entzündungsreaktion. Die immunologische Verträglichkeit dieser Materialien ist damit ein wichtiger Aspekt ihrer Biokompatibilität und trägt entscheidend zur dauerhaften Funktion des Implantats bei.
Therapeutische Anwendungen
Immunmodulation
Eine Reihe von therapeutischen Anwendungen, die auf Erkenntnissen und Prinzipien der Immunologie beruhen, lassen sich unter dem Begriff Immunmodulation zusammenfassen. Dies betrifft alle Therapieansätze, die auf einer gezielten Beeinflussung von bestimmten Prozessen oder Komponenten des Immunsystems beruhen.
Weit verbreitet sind beispielsweise Impfungen, bei denen durch die Gabe von Antigenen das Immunsystem zur Ausbildung einer Immunantwort gegen diese Antigene angeregt wird. Impfungen spielen eine entscheidende Rolle bei der Prävention von Infektionskrankheiten. Darüber hinaus gibt es erste Erfolge hinsichtlich einer Impfung gegen krebsassoziierte Viren wie beispielsweise das humane Papillomvirus. Auf dem gleichen Prinzip wie Impfungen beruht die als Krebsimmuntherapie bezeichnete Sensibilisierung des Immunsystems auf tumorspezifische Strukturen bei Krebserkrankungen.
Ein weiterer Ansatz aus dem Bereich der Immunmodulation wird mit den Begriffen Hyposensibilisierung beziehungsweise „Spezifische Immuntherapie (SIT)“ bezeichnet. Ziel dabei ist, eine so genannte Immuntoleranz des Körpers gegen bestimmte Antigene zu erreichen. Das bedeutet, dass vorhandene Abwehrreaktionen des Körpers gegen diese Antigene verringert werden. Erreicht werden soll dies durch die wiederholte Gabe der entsprechenden Antigene mit schrittweiser Steigerung der Dosis. Von therapeutischer Relevanz ist die Hyposensibilisierung bei allergischen Erkrankungen. Darüber hinaus gibt es Studien zur Anwendung bei Autoimmunkrankheiten.
Unter dem Begriff Immunsuppression werden Therapien zusammengefasst, deren Ziel die Unterdrückung von unerwünschten immunologischen Prozessen ist. Möglich ist dies durch Medikamente, die in verschiedene Prozesse der Immunabwehr eingreifen. Angewandt werden diese Medikamente vor allem zur Verhinderung der Abstoßung von transplantierten Organen. Darüber werden immunsuppressive Therapien auch bei Autoimmunerkrankungen getestet.
Eine Immunstimulation, also die Anregung des Immunsystems und die Verstärkung der Immunantwort, ist ebenfalls möglich. Dazu können beispielsweise bestimmte körpereigene Proteine therapeutisch eingesetzt werden, die eine Rolle bei der Regulation des Immunsystems spielen. Am häufigsten werden hierzu bestimmte Zytokine verwendet. Von Relevanz sind entsprechende Therapien insbesondere bei Virusinfektionen.
Therapeutische Antikörper
Eine weitere wichtige Anwendung immunologischer Prinzipien zur Behandlung von Krankheiten sind therapeutische Antikörper. Dabei handelt es sich um Antikörper, also Globulin-Proteine des Immunsystems, die biotechnologisch hergestellt werden und gezielt gegen bestimmte Strukturen im Körper gerichtet sind. Diese Strukturen, für die vorher eine Relevanz bei bestimmten Erkrankungen nachgewiesen wurde, werden durch die therapeutischen Antikörper in ihrer Wirkung blockiert oder neutralisiert. Oft handelt es sich bei diesen Zielstrukturen um Proteine auf der Oberfläche von Zellen, wie zum Beispiel Transportproteine, Signalproteine oder Rezeptoren, aber auch um lösliche Proteine im Serum wie Zytokine oder Hormone. Therapeutische Antikörper sind mittlerweile unter anderem zugelassen zur Behandlung von verschiedenen Krebserkrankungen, von Autoimmunerkrankungen, von Allergien sowie zur Verhinderung der Abstoßung von Transplantaten.
Antiseren
Antikörper werden darüber hinaus auch als Antiserum gegen bestimmte Giftstoffe eingesetzt. Zur Gewinnung dieser Antiseren werden Tieren wie beispielsweise Pferden kleine Mengen der entsprechenden Gifte injiziert. Diese Tiere entwickeln daraufhin spezifische Antikörper in ihrem Blut, welche die Giftstoffe in ihrer Wirkung neutralisieren. Nach der Gewinnung und Reinigung der entsprechenden Antikörper aus dem Blut dieser Tiere können diese zur akuten Behandlung von Vergiftungen, beispielsweise nach Schlangenbissen, eingesetzt werden. Entsprechend gewonnene Antiseren werden darüber hinaus auch zur sogenannten passiven Immunisierung gegen bestimmte Infektionskrankheiten verwendet, wenn für eine aktive Immunisierung durch eine reguläre Impfung nicht ausreichend Zeit zur Verfügung steht oder kein Impfstoff für eine aktive Immunisierung verfügbar ist. Tierische Antiseren rufen jedoch bei wiederholter Anwendung selbst eine Immunreaktion hervor. Aus diesem Grund wird in der Regel eine aktive Immunisierung bevorzugt, wenn diese möglich ist. Als Notfallmaßnahme erfolgt eine passive Immunisierung bei Verdacht auf eine Tollwutinfektion.
Immunologische Diagnostik
Immunologische Labormethoden spielen eine große Rolle bei der Diagnostik von Erkrankungen und in der biomedizinischen Grundlagenforschung. Als Immunassays werden alle Verfahren bezeichnet, die zum qualitativen oder quantitativen Nachweis von bestimmten Strukturen in Flüssigkeiten die spezifische Erkennung von Antigenen durch Antikörper nutzen. Immunassays werden zur Identifikation von Krankheitserregern ebenso genutzt wie zur Untersuchung von Körperflüssigkeiten auf das Vorhandensein von bestimmten körpereigenen Proteinen, die bei Krankheiten als spezifische Biomarker gelten. Für eine Reihe von Erkrankungen, insbesondere Allergien, Autoimmunerkrankungen und Infektionen, ist als Teil der Diagnose und zur Verlaufskontrolle der Nachweis von spezifischen Antikörpern möglich. Immunassays werden aber beispielsweise auch als Schwangerschaftstests verwendet. Weitere Anwendungen in der Medizin sind die Identifizierung von Giftstoffen und Rauschdrogen, die Überwachung von Arzneistoffen im Körper (Drug monitoring), oder der Nachweis bestimmter Dopingsubstanzen in der Sportmedizin. Außerhalb der medizinischen Diagnostik werden Immunassays beispielsweise in der Umwelt-, Lebensmittel- und Agraranalytik eingesetzt, unter anderem zum Nachweis von Umweltgiften, von Allergenen in Lebensmitteln oder von genetisch veränderten Organismen.
Bei Organtransplantationen, bei der Übertragung von Knochenmark und bei Blutspenden wird durch die molekulargenetische Charakterisierung bestimmter Histokompatibilitätsmarker eine möglichst große Übereinstimmung zwischen Spender und Empfänger sichergestellt. Die Immunhistochemie nutzt Antikörper zum Anfärben spezifischer Strukturen in mikroskopischen Präparaten und ist damit eine wichtige Anwendung immunologischer Prinzipien in der pathologischen Diagnostik. Bei der Durchflusszytometrie und der Magnetic Cell Separation (MACS) werden Antikörper verwendet, um auf Zellen bestimmte Oberflächenstrukturen nachzuweisen und dadurch Zellgemische aufzutrennen oder hinsichtlich ihrer Zusammensetzung zu analysieren. Für die klinische Diagnostik ist dies beispielsweise in der Hämatologie für die Untersuchung der Zellverteilung im Blut von Bedeutung.
Literatur
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Weblinks
Deutsche Gesellschaft für Immunologie (DGfI)
Microbiology and Immunology On-line (englisch)
NCBI Bookshelf: Immunobiology – The Immune System in Health and Disease (englisch)
Einführung in die Immunologie Videoaufzeichnungen einer Vorlesung. Von TIMMS, Tübinger Internet Multimedia Server der Universität Tübingen.
Einzelnachweise
Medizinisches Fachgebiet
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Q101929
| 488.316274 |
47190
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https://de.wikipedia.org/wiki/Imperialismus
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Imperialismus
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Als Imperialismus (von lateinisch imperare „herrschen“; imperium „Weltreich“; etwa bei Imperium Romanum) bezeichnet man das Bestreben eines Staatswesens bzw. seiner politischen Führung, in anderen Ländern oder bei anderen Völkern politischen und wirtschaftlichen Einfluss zu erlangen, bis hin zu deren Unterwerfung und zur Eingliederung in den eigenen Machtbereich. Typischerweise geht das damit einher, eine ungleiche wirtschaftliche, kulturelle oder territoriale Beziehung aufzubauen und aufrechtzuerhalten.
Imperialismus wurde im Nachhinein auch für eine Reihe von antiken Großreichen angenommen. Der Begriff als solcher wurde im 16. Jahrhundert geprägt und galt damals als Negativbezeichnung für eine auf Militärmacht und Despotie – im Gegensatz zum Rechtsstaat – basierende Herrschaft. Als eigentliches Zeitalter des Imperialismus gilt das späte 19. Jahrhundert, wozu auch die verschiedenen marxistischen Imperialismustheorien beitrugen.
Der Begriff Imperialismus umfasst mehr als Kolonialismus und muss deshalb vor allem von Kolonisierung getrennt werden. Edward Said sieht beim Imperialismus , der Provinz. Said zufolge sei Kolonisierung nicht mehr als die Besiedlung entfernter Länder. Robert J. C. Young stimmt dem insoweit zu, als Imperialismus aus dem Zentrum operiere, als staatliche Politik, während Kolonisierung nicht mehr als Siedlungs- oder Wirtschaftsentwicklung bedeute.
Von der bewussten Politik der Machtprojektion und der Erweiterung von Regierungsgewalt auf verschiedene Territorien ist der weiter gefasste Begriff des Kulturimperialismus zu unterscheiden, wie auch der der kulturellen Hegemonie im Sinne Antonio Gramscis.
Begriffsgeschichte
Traditionelle Begriffsverwendung
Die Begriffe und entstanden im 16. Jahrhundert: Sie bezeichneten in der Frühen Neuzeit in der Regel Anhänger des römisch-deutschen Kaisers. In diesem Sinne war auch der Begriff Imperialismus bei seinem ersten belegten Auftauchen gemeint: 1791 wurde in Frankreich erstmals die Geisteshaltung von Anhängern des habsburgischen Kaiserhauses als impérialisme bezeichnet. Ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts verstand man sowohl im englischen als auch im französischen Sprachraum unter einem Imperialisten einen Parteigänger Napoleons und später einen Befürworter der Herrschaftsansprüche von dessen Familie. Mit dieser Bedeutung taucht 1826 auch im Deutschen das Wort Imperialist auf. Der Begriff fand erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts weite Verbreitung, wofür der Staatsstreich Napoleons III. von 1851 den Anlass bot. In der Folgezeit wurde Imperialismus gewöhnlich etwa im selben Sinn wie Cäsarismus, Napoleonismus und Bonapartismus verwendet. Dabei ging es nicht um territoriales Expansionsstreben, sondern um den Anspruch der Herrscherfamilie, den Staat zu regieren. Daneben war aber schon in der ersten Jahrhunderthälfte vereinzelt ein etwas anderer Sprachgebrauch vorgekommen, bei dem die Vorstellung von militärischem Erfolg und nationaler Größe im Vordergrund stand, die mit dem Namen Napoleon verbunden war. Wer in Frankreich einen so orientierten Nationalismus kultivierte, war ein impérialiste, aber nicht notwendigerweise Bonapartist.
In den 1850er, 1860er und 1870er Jahren zeichnete sich ein langsamer Bedeutungswandel ab. Man verstand unter Imperialismus in erster Linie weiterhin dasselbe wie unter Cäsarismus: die Alleinherrschaft eines Machthabers, der sich nach dem Vorbild Caesars auf militärische Machtmittel und auf sein persönliches Prestige stützt, womit er einen Mangel an verfassungsmäßiger Legitimität verdeckt. Diesen Herrschertypus verkörperte nach damaligem Verständnis Napoleon III. Damit verband sich zunehmend – wiederum in Anknüpfung an das antike römische Muster – die Vorstellung von Expansionstendenz und Streben nach Weltherrschaft. Daher wurde der Begriff Imperialismus nun auch für das Britische Weltreich („Empire“) verwendet, obwohl dort keine Alleinherrschaft im Sinne von Cäsarismus bestand. Allerdings dominierte weiterhin die traditionelle Bedeutung; so äußerte Wilhelm I. im Herbst 1870 nach der Gefangennahme und Absetzung Napoleons III., der „Imperialismus liege zu Boden“, wobei er darunter das Kaisertum im Stil Napoleons III. verstand. Noch 1888 wurde in Meyers Konversations-Lexikon Imperialismus als politischer Zustand definiert, in welchem .
Neuere Begriffsverwendungen
Begriffswandel
Eine neuere Begriffsverwendung setzte sich zunächst in Großbritannien in den 1870er Jahren durch. Dabei ging es um eine innenpolitische Auseinandersetzung zwischen den Befürwortern einer starken Verknüpfung der überseeischen Gebiete mit dem Mutterland und ihren liberalen Widersachern. Diese, Gegner der Politik des Premierministers Benjamin Disraeli, pflegten die Position der Gegenseite als Imperialismus zu kennzeichnen. Dabei knüpften sie bewusst an die traditionelle negative Konnotation dieses Begriffs in Zusammenhang mit dem in Großbritannien verhassten Bonapartismus an. Ihnen war eine offizielle Weltreichspolitik suspekt, da sie auf bedenkenloser Anwendung militärischer Macht beruhe. Sie befürchteten als Folge der imperialistischen Expansion eine Machtzusammenballung, die eine Mentalität erzeugen könnte, welche eine Schwächung der parlamentarischen Kontrolle und letztlich Despotismus auch in Großbritannien selbst zur Folge hätte.
Die ursprünglich abwertend gemeinten Begriffe Imperialist und Imperialismus wurden bald auch von den Befürwortern der imperialen Machtentfaltung aufgegriffen und als Selbstbezeichnung in positivem Sinn verwendet. Da der Begriff durch die traditionelle negative Konnotation und die Polemik der Kritiker der Expansionspolitik vorbelastet war, sprach man zwecks Abgrenzung von „imperialism in its best sense“ oder „true imperialism“. Dieser neue Sinn des Begriffs bürgerte sich langsam auch in Deutschland als Nebenbedeutung ein; man verstand unter Imperialisten eine bestimmte Strömung in innenpolitischen Auseinandersetzungen Englands.
Die Verwendung des Begriffs Imperialismus im 20. Jahrhundert und in der Gegenwart bezieht sich insbesondere auf die europäische Expansionswelle zwischen 1870 und 1914 und deren Folgen. Das Großmachtstreben der europäischen Mächte führte dann auch zum Ersten Weltkrieg, mit dem das Zeitalter des klassischen Imperialismus endete.
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Begriff Imperialismus ganz allgemein für Bemühungen benutzt, die – aus ideologisch-missionarischen Gründen – eine Weltherrschaft oder zumindest die Herrschaft über großräumige Gebiete außerhalb des eigenen Staates anstreben. So sprach und spricht man insbesondere vom Sowjet-Imperialismus und vom US-Imperialismus. Zur Abgrenzung vom heutigen Neo-Imperialismus wird mit Blick auf das Zeitalter des Imperialismus heute vom historischen Imperialismus gesprochen.
Imperialismustheorien
Im Marxismus wurde der Imperialismus zunächst von Karl Kautsky im Anschluss an Platons Dialog Der Staat als eine bestimmte Politik zur Unterwerfung eines außerhalb des Staates liegenden, agrarischen Territoriums verstanden. Dem widersprach die marxistische Wirtschaftstheorie, die den Imperialismus als besondere Entwicklungsstufe des Kapitalismus beschrieb. Die ältere diesbezügliche Theorie Rosa Luxemburgs ging dabei analytisch von der Sättigung des inneren Marktes, der Eroberung des Weltmarktes und der Konkurrenz um ihn durch die nationalen Kapitale aus. Dagegen ging Wladimir Iljitsch Lenins spätere Imperialismustheorie vom Auftreten bestimmter Erscheinungen (wie dem Verschmelzen von Industrie- und Bankkapital zum Finanzkapital) aus. Lenin sah zudem die monopolistische Phase des Kapitalismus, die er als den Imperialismus kennzeichnend bezeichnete, als dessen höchstes und letztes Stadium überhaupt an. Am Ende seines Lebens sah Lenin allerdings abweichend von seiner früheren Auffassung des Imperialismus in seinem Brief „Zur Frage der Nationalitäten“ die Möglichkeit imperialistischer Beziehungen der sozialistischen Sowjetunion zu anderen Staaten. Während Lenin, Luxemburg und Kautsky den Imperialismus und Kolonialismus als Teil eines Gesamtsystems kapitalistischer Unterdrückung entschieden ablehnten, gab es allerdings auch Gegenstimmen wie jene des niederländischen Sozialdemokraten Henri van Kol, der koloniale Eroberungen außereuropäischer Regionen als „Zivilisationspolitik“ verteidigte. Derartige Ansichten blieben jedoch eine kleine Minderheit innerhalb des Marxismus, theoretisch und politisch prägend waren die imperialismuskritischen Analysen.
Im Gegensatz zur marxistischen Auffassung sah der Ökonom Joseph Schumpeter den Imperialismus nicht als notwendiges Ergebnis der Konkurrenz in einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung an. Vielmehr sah er ihn als Ausdruck eines irrationalen Chauvinismus von Oberschichten zur Festigung ihrer Macht. Insofern könne er in allen Stadien der Geschichte und in verschiedenen politischen Systemen vorkommen.
Jawaharlal Nehru identifizierte 1940 den Nazismus „als ‚Zwillingsbruder‘ des westlichen Imperialismus“, der in Europa so funktionieren sollte wie der westliche Imperialismus in Übersee. Pankaj Mishra argumentiert, dass nach 1945 die Schrecken des Nationalsozialismus und Kommunismus vergessen machten, dass die moderne britische und die US-amerikanische Gesellschaft auf einem rassistischen Imperialismus gegründet wurden.
Der Begriff Imperialismus überschneidet sich in vielen Punkten mit dem des Kolonialismus. Ein Unterschied liegt Jens Flemming zufolge allerdings im Machtstreben. Seiner Ansicht nach muss nicht jeder Kolonialismus darauf ausgerichtet sein, ein Imperium zu errichten. Zugleich beinhaltet die Kategorie des Imperialismus nicht nur direkte Herrschaftsformen, sondern auch indirekte Abhängigkeitsverhältnisse (Indirect rule) von Staaten.
Der indigene US-amerikanische Professor Jack D. Forbes sieht im Imperialismus ein Symptom der von ihm als „Wétiko-Psychose“ bezeichneten kollektiven Faszination der Europäer für das Böse, einer kollektiven psychotischen Gier und krankhaften Unmenschlichkeit.
Die Imperialismustheorien wurden von unterschiedlicher Seite kritisiert. So wiesen
die Historiker John Andrew Gallagher und Ronald Robinson die Idee einer formalen rechtlichen Kontrolle einer Regierung über die anderen als Grundlage des Imperialismus zurück. Die meisten Historiker würden sich von verschieden gefärbten Karten (wörtlich „rot gefärbten Karten“ im Sinne Cecil Rhodes’) einnehmen lassen. Der Großteil der britischen Emigration, Handel und Investitionen fand aber außerhalb des formalen Britischen Empires statt.
Während militärische Gewalt beim Aufbau von Imperien zuweilen eine Rolle spielte, kam die entscheidende Rolle beim britischen Empire der Mitwirkung der wirtschaftlichen und verwaltungstechnischen Eliten vor Ort zu. Die indirekte Beherrschung Indiens basierte ganz wesentlich auf der politischen Schwäche der angetroffenen Mogulstaaten.
Painter und Jeffrey gehen so weit zu sagen, dass die zweite europäische Expansion mehr auf einer zufälligen Interaktion der europäischen Mächte und ihrer Innenpolitik basierte als auf bewusstem Imperialismus. Kein europäisches Imperium als solches hatte demnach einen wirklich definierbaren Zweck, ob ökonomisch oder anderweitig. Die Imperien bildeten nur eine Phase der komplexen Interaktion Europas mit dem Rest der Welt ab.
Eine schon frühzeitig (1902/12) formulierte Gegenthese zum „Imperialismus“ ist die eines möglichen friedlichen Ultra-Imperialismus. Diese impliziert, dass der Imperialismus mit seinen kriegstreibenden Widersprüchen überwunden werden könne – und zwar systemimmanent innerhalb des Kapitalismus selbst. In dieser wirtschaftlichen Bedeutung wird heute auch von „Globalisierung“ gesprochen, die etwa nach Thomas L. Friedman selbst auch friedensstiftend wirken kann.
Herfried Münkler entwarf statt einer Imperialismustheorie eine Theorie der Imperien, also eines Großreichs, das durch Abstufungen von Macht und Einfluss ausgehend von der Metropole über unmittelbar angeschlossene Territorien bis nur noch indirekt kontrollierte Klientelstaaten und somit stets durch halbdurchlässige Grenzen gekennzeichnet sei. In dieser Hinsicht sieht er Parallelen zwischen der heutigen US-amerikanischen Außenpolitik und der von früheren Imperien, wobei er die subjektive Motivation macchiavellistischer Akteure in den Mittelpunkt stellt. Anders als die Imperialismustheorien, die stets die von ihnen betrachteten Gebilde zumeist von einem normativen Standpunkt aus kritisierten, erlaube eine Theorie der Imperien, auch deren positive Leistungen wie etwa die Sicherung des Friedens und die Schaffung eines gemeinsamen Kommunikations- und Wirtschaftsraums (zum Beispiel die pax Romana) in den Blick zu nehmen.
Imperialismus vor dem 19. Jahrhundert
Großreiche des Altertums
Die ersten imperialen Ausdehnungen ergaben sich durch die Machtkonzentration bei der Bewältigung großer Bewässerungsbauwerke und Dammanlagen in China (Hoangho), Indien (Indus), Mesopotamien (Euphrat und Tigris) und Ägypten (Nil), nach Wittfogel in den „hydraulischen Kulturen“. Namensgebend wurde dann das Wachstum Roms. Nach dem Prinzip divide et impera (lateinisch „teile und herrsche“) gaben sie den eroberten Gebieten allerdings auch eine gewisse Mitbestimmung durch eine Selbstbestimmung der Bevölkerung oder eine eigene Regierung, die durch einen Statthalter vertreten war. Neben dem kurzlebigen aber durch seine Ausdehnung für den Hellenismus wichtigen Alexanderreich kam dem Römischen Reich eine große Rolle zu. Die Pax Romana bezog sich auf den Herrschaftsbereich S.P.Q.R. in dem die Römer ihre eroberten Gebiete durch Machtteilung mit den lokalen Eliten befriedeten (siehe auch Augusteische Schwelle).
Mittelalter
Auch dem Byzantinischen Reich gelang es im frühen Mittelalter, den östlichen Mittelmeerraum, Vorderasien und Teile Italiens zu erobern und damit das Imperium Romanum in seiner alten Ausdehnung teilweise wiederherzustellen. Bis ins 13. Jahrhundert hinein war Byzanz eine der dominierenden Großmächte Europas, erst mit dem 4. Kreuzzug, die Eroberung Konstantinopels durch die Venezianer und „Franken“, begann der schrittweise Verfall der Macht, bis schließlich 1453 Konstantinopel in die Hände der Osmanen fiel. Auch die oberitalienischen Stadtstaaten Genua und Venedig schufen ausgedehnte Handelsimperien mit Stützpunkten und Kolonien am Schwarzen Meer und im Mittelmeerraum. (Genueser Kolonien, Venezianische Kolonien)
Weitere wichtige imperiale Großreiche des Mittelalters waren das Frankenreich, das ebenfalls die Nachfolge des Imperium Romanums beanspruchte und die Krone Aragon, die vor allem den westlichen Mittelmeerraum beherrschte.
Außereuropäischer Imperialismus des Mittelalters
Islamische Expansion
Da durch den im 7. Jahrhundert entstandenen Islam die Ausdehnung der Religion von zentraler Bedeutung war, kam es auch hier zu einem religiös motivierten Imperialismus. Nach dem Tode des Propheten Mohammeds wurde unter den Kalifen-Dynastien der Umayyaden und Abbasiden weite Teile Nordafrikas, sowie Vorderasien erobert und damit ein islamisch-arabisches Weltreich geschaffen, das in Teilen bis ins 13. Jahrhundert hinein Bestand hatte.
Osmanisches Reich
Das Osmanische Reich stieg mit der Einnahme Konstantinopels 1453 zu einer der führenden Großmächte in Vorderasien und dem Mittelmeerraum auf.
Zur Zeit seiner größten Ausdehnung im 17. Jahrhundert erstreckte es sich von seinen Kernlanden Kleinasien und Rumelien nordwärts bis in das Gebiet um das Schwarze und das Asowsche Meer, westwärts bis weit in den Balkan hinein. Jahrhundertelang beanspruchte das Osmanische Reich politisch, militärisch und wirtschaftlich eine europäische Großmachtrolle neben dem Heiligen Römischen Reich, Frankreich und England. Im Mittelmeer kämpfte das Reich mit den italienischen Republiken Venedig und Genua, dem Kirchenstaat und dem Malteserorden um die wirtschaftliche und politische Vormachtstellung. Ab dem 18. bis ins späte 19. Jahrhundert hinein rang es mit dem russischen Zarenreich um die Herrschaft über die Schwarzmeerregion. Im Indischen Ozean forderte das Reich Portugal im Kampf um den Vorrang im Fernhandel mit Indien und Indonesien heraus. Durch die ununterbrochen intensiven politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen ist die Geschichte des Osmanischen Reichs mit derjenigen Westeuropas eng verbunden.
Mongolisches Weltreich
Das mongolische Weltreich entstand mit den Eroberungen Dschingis Khans und wurde durch seinen Enkel Kublai Khan, später mit dem Chinesischen Kaiserreich verbunden (Yuan-Dynastie), das um 1260 beinahe ganz Zentralasien umfasste.
Kolonialismus Portugals und Spaniens
Schon zwei Jahre nach der Entdeckung Amerikas 1492 durch Christoph Kolumbus gipfelte der Wettlauf zwischen den beiden Seemächten Portugal und Spanien in einer Aufteilung der Erde durch den Vertrag von Tordesillas (1494).
Danach begann die Kolonialisierung Mittel- und Südamerikas. Abenteurer wie Hernán Cortés und Francisco Pizarro trieben die Ausbeutung der ortsansässigen Azteken und Inkas für Spanien voran. Ziel war also die Eroberung der vermeintlich „unzivilisierten“, d. h. unterentwickelten Bevölkerung. Die Spanier unter Cortes und Pizarro versklavten die Azteken und Inkas. Sie agierten nach den Prinzipien Erobern (von Land), Vernichten (der Kultur) und Errichten (eigener Staaten → Vizekönigreiche), man sprach daher vom Konquistadoren-System Spaniens (vom spanischen Wort conquista, das „Eroberung“ bedeutet).
Auch in Asien versuchten die beiden iberischen Länder Fuß zu fassen. So gelang es Portugal Goa, Macau und die Gewürzinseln zu erwerben; Spanien besetzte die Philippinen und einige pazifische Inseln. Die Portugiesen errichteten zunächst nur Stützpunkte bei den fremden Kulturen und nutzten diesen Kontakt eher wirtschaftlich. Erst im 17. Jahrhundert begann man auch größere Landflächen wie Brasilien in Südamerika, Mosambik und Angola in Afrika zu erobern.
Zeitalter des Imperialismus (ca. 1870–1914)
Das „Zeitalter des Imperialismus“ (auch „klassischer Imperialismus“ oder „Hochimperialismus“) bezeichnet eine Epoche der vor allem durch europäische Groß- und Mittelmächte betriebenen weltweiten Ausdehnung von Herrschaftsgebieten auf Übersee-Territorien im Zeitraum ab ca. 1870 bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges (1914), motiviert vornehmlich durch strategische Interessen wirtschaftlicher und politischer Art, später auch zunehmend von Prestigestreben und irrationalen Rivalitäten zwischen den imperialistischen Mächten. Der in dieser Zeit betriebene formelle Imperialismus (Kolonialismus) vor allem in Afrika (Wettlauf um Afrika) ist dabei nur ein Teilaspekt des Imperialismus, der auch informelle machtpolitische und wirtschaftliche Durchdringung umfasst (etwa in China und dem Osmanischen Reich).
Dem Hochimperialismus ging die Phase des Frühimperialismus voraus, deren Beginn etwa mit 1815 angesetzt wird und die vor allem von Formen des informellen Imperialismus geprägt war.
Man kann drei charakteristische Formen imperialistischer Herrschaftsbildung unterscheiden:
Vom Handelsstützpunkt zum Herrschaftsgebiet mit Ansätzen einer eigenen Industrie (Beispiel: Indien).
Beherrschung unter Wahrung des Anscheins der Souveränität und Autonomie (Beispiel: China zur Zeit der „Ungleichen Verträge“, während der Qing-Dynastie)
wirtschaftliche Beherrschung souveräner Staaten ohne eigene Industrie (Beispiel: Balkanstaaten, Osmanisches Reich).
Wie sehr der Imperialismus das politische Denken zeitweise nationenübergreifend in Europa prägte, lässt sich schon an parallelem Begriffsgebrauch erkennen: Charles Dilkes schrieb 1869 in England sein Buch Greater Britain, Paul Rohrbach veröffentlichte im August 1915 seine Schrift Das größere Deutschland, und in Frankreich war die Rede von „la Plus Grande France“ seit den 1880er Jahren eine stehende Redensart und Forderung. Bis heute bekannt ist Rudyard Kiplings vieldiskutiertes Gedicht „The White Man’s Burden“ von 1899. Kiplings Botschaft ist, dass moderne, dynamische Staaten wie die USA die stagnierenden europäischen Kolonialmächte wie Spanien zurückdrängen müssten; ein Imperium aufzubauen sei mit erheblichen Verpflichtungen und Opfern verbunden. Das Gedicht gilt als eines der wesentlichen Zeugnisse wie auch moralischen Rechtfertigungsversuche des Imperialismus; sein Titel wurde sprichwörtlich.
Vereinigtes Königreich
Bereits das Königreich England versuchte unter der Herrschaft Elisabeths I. kleinere Kolonien in Nordamerika zu erwerben. Aber erst unter der Herrschaft Jakobs I. gelang es zunächst in der Karibik und später dann auch in Nordamerika (Jamestown) dauerhafte Kolonien zu erwerben, womit der Grundstein für das spätere Britische Weltreich gelegt wurde.
Die Industrielle Revolution fand im Vereinigten Königreich früher als in jedem anderen Staat der Erde statt. 1805 besiegten die Briten Napoleon in der Schlacht von Trafalgar, und 1806 bis 1814 trotzte das Vereinigte Königreich der von Napoleon verhängten Kontinentalsperre. Großbritannien erschloss sich neue Absatzmärkte (insbesondere in Nordamerika).
Fortschritte in der Schwerindustrie ermöglichten Fortschritte im Schiffbau.
Die Dampfschifffahrt ermöglichte neue Dimensionen. Kohle- und Eisenvorkommen wurden zu wichtigen Machtfaktoren. Großbritannien veränderte sich durch die Industrialisierung vom Agrar- zum Industriestaat. Die Zunahme der Massenproduktion erforderte neue Absatzmärkte, die man in den Kolonien zu finden hoffte. In den Kolonien gab es auch viele ungenutzte Agrarflächen und preisgünstige Arbeitskräfte, was große Gewinne ermöglichte.
Nach der Niederlage Napoleons 1815 in Europa und der Beendigung des Britisch-Französischen Kolonialkonflikts war Großbritannien unangefochten die führende Seemacht der Welt; die Briten übernahmen die Rolle eines „Weltpolizisten“, eine später als „Pax Britannica“ bezeichnete Staatsdoktrin. Die Außenpolitik war vom Prinzip der „splendid isolation“ geprägt: Andere Mächte waren durch Konflikte in Europa gebunden, während die Briten sich heraushielten und durch die Konzentration auf den Handel ihre Vormachtstellung festigten bzw. weiter ausbauten. Großbritannien beeinflusste mit seiner starken Position in der Weltwirtschaft auch die Innenpolitik zahlreicher nominell unabhängiger Staaten; dazu gehörten China, Argentinien und Siam (auch „informelles Empire“ genannt).
1858 übernahm die britische Regierung von der Britischen Ostindien-Kompanie die Herrschaft über Indien, im Zweiten Burenkrieg (1899–1902) errang Großbritannien die alleinige Vorherrschaft in Südafrika.
Bis 1914 beherrschte das British Empire ein Viertel der Landfläche der Erde. Aus dem Ersten Weltkrieg ging Großbritannien (wie auch alle anderen europäischen Mächte) personell und finanziell geschwächt hervor, gewann aber vom Osmanischen Reich und vom Deutschen Reich Gebiete in Form von Mandatsgebieten vom Völkerbund, darunter Tanganjika, Palästina und den Irak. Das britische Kolonialreich hatte seine größte Ausdehnung erreicht.
Im Zweiten Weltkrieg erhielt das Vereinigte Königreich wie im Ersten Unterstützung aus seinen Kolonien; gleichwohl stand es nach dem Krieg am Rande der Zahlungsunfähigkeit.
Britisch-Indien wurde 1947 in die unabhängigen Staaten Indien und Pakistan geteilt, Burma wurde 1948 unabhängig. Die Sueskrise 1956 zeigte die Grenzen der alten Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich in einer sich wandelnden Welt. Im Afrikanischen Jahr 1960 wurden Britisch-Somaliland und Nigeria unabhängig. Die britische Präsenz im Nahen Osten endete, nach der Ankündigung von 1967, sich aus den vormaligen abhängigen Gebieten East of Suez zurückzuziehen, mit dem Rückzug aus Bahrain 1971. Im Pazifik wurde Vanuatu 1980 unabhängig. Der Falklandkrieg 1982 gegen Argentinien war wie ein kurzer Rückfall in vergangen geglaubte imperialistische Zeiten. Mit der Übergabe von Hongkong an China 1997 wurde vielfach das Ende des Empire festgestellt.
Die europäischen Imperien wurden zu einer Zeit (vgl. Dekolonisation) aufgelöst, als die militärische Ungleichheit zwischen den Kolonien und den europäischen Mächten Frankreich und Großbritannien so groß wie nie zuvor war.
Ein Erbe der imperialen Zeit sind die 14 Britischen Überseegebiete, die 15 Commonwealth Realms, Staaten, deren Staatsoberhaupt die britische Monarchin ist sowie die Staatengemeinschaft ehemaliger britischer Kolonien, das Commonwealth of Nations.
Frankreich
Ähnlich wie England begann auch Frankreich zu Beginn war im 17. Jahrhundert in Nordamerika und der Karibik Kolonien zu erwerben. In Nordamerika beanspruchte es die östliche Hälfte des heutigen Kanada, das komplette Zentralgebiet der heutigen USA sowie einige karibische Inseln, ferner einen Teil von Indien. Durch den Pariser Frieden am Ende des Siebenjährigen Krieges musste Frankreich den größten Teil seiner amerikanischen und indischen Besitzungen jedoch an das Königreich Großbritannien abtreten, womit dass so genannte Erste französische Kolonialreich beendet wurde. Einem imperialistischen Staats- und Herrschaftsverständnis hatten auch schon französische Aktivitäten innerhalb Europas im 18. und 19. Jahrhundert, lange vor der Phase des Hochimperialismus, zugrunde gelegen. So hatte Frankreich während und nach der Französischen Revolution angrenzende Territorien annektiert sowie Revolutionsexport und die Gründung sogenannter Tochterrepubliken betrieben. Das Erste Kaiserreich setzte diese Linie fort, indem es Nachbarländer als Satellitenstaaten an sich band und annektierte. Die Kompetenzen einer imperialistischen Außenpolitik hatte Frankreich in dieser Epoche nicht zuletzt durch das Protektorat Napoleons über den Rheinbund absichern und ergänzen können.
Die französischen imperialistischen Bestrebungen konkurrierten oft mit denen des British Empire, das seit der Schlacht von Trafalgar (1805) die weltweit führende Seemacht war. Viele Franzosen betrachteten England als Erzfeind. Die Wiederherstellung des einstigen Weltmachtstatus hatte hohe Priorität. Der verlorene Deutsch-Französische Krieg 1870/71 war ein Rückschlag für diese Bemühungen.
Eine französisch-britische Konkurrenz gab es auch um einige Kolonien (etwa bei der Faschoda-Krise).
Auch große Teile im Norden Afrikas waren Kolonien von Frankreich (Französisch-Westafrika – weite Teile der Sahara und umliegende Gebiete). Frankreich und der Sultan von Marokko einigten sich im Vertrag von Fès vom 30. März 1912 auf die Errichtung eines französischen Protektorates („Französisch-Marokko“; Hauptstadt war Rabat). Staatsoberhaupt blieb offiziell der Sultan.
Spanien erhielt mit Abschluss des französisch-spanischen Vertrags vom 27. November 1912 von Frankreich eine eigene Einflusszone im Norden Marokkos (Zone d’influence espagnole) zugesprochen, Tanger wurde Zentrum eines internationalen entmilitarisierten Gebietes.
Nach dem Ersten Weltkrieg gewann Frankreich vom Osmanischen Reich und vom Deutschen Reich Gebiete in Form von Mandatsgebieten des Völkerbunds, darunter Französisch-Kamerun, Französisch-Togo, Syrien und den Libanon. Das französische Kolonialreich hatte seine größte Ausdehnung erreicht.
Indochina wurde 1954 nach einem langen Krieg unabhängig. Der Indochinakrieg endete im Mai 1954 mit einem Sieg der Việt Minh in der Schlacht um Điện Biên Phủ.
Die Sueskrise 1956 zeigte die Grenzen der alten Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich in einer Welt, die von zwei Supermächten und dem Kalten Krieg geprägt war. Im Afrika-Jahr 1960 entließ Frankreich 14 französische Kolonien in die staatliche Unabhängigkeit. Algerien wurde, ebenfalls nach einem langen Krieg, im Juli 1962 unabhängig.
Ein Erbe der imperialistischen Zeit sind die Französischen Überseegebiete, die spezielle Rolle Frankreichs in Afrika („Francafrique“, vgl. Eurafrika#Die Rolle Frankreichs und CFA-Franc-Zone) sowie die Staatengemeinschaft überwiegend ehemaliger Kolonien, die Frankophonie.
Deutsches Reich
Da die Kolonien deutscher Länder vor 1871 keinen Bestand hatten, begann die deutsche Kolonialpolitik erst 1884/85. Bismarck verlieh mehreren afrikanischen Gebieten (Deutsch-Südwestafrika, Deutsch-Ostafrika, Kamerun, Togo) sowie Deutsch-Neuguinea den Status eines „Schutzgebiets“. Innerhalb weniger Jahre wurden diese Gebiete in Kolonien umgewandelt. Das Deutsche Reich entwickelte nach der Ablösung Bismarcks 1890 unter Kaiser Wilhelm II. mit dem „Neuen Kurs“ eine imperialistisch orientierte Politik. Im Jahr 1897 forderte der spätere Reichskanzler Bernhard von Bülow im Reichstag einen deutschen „Platz an der Sonne“. Diese Prämisse eines nationalen Prestigedenkens sollte die deutsche „Weltpolitik“ bis 1914 prägen. In der Zeit der „Weltpolitik“ unter Wilhelm II. (1888–1914) konnten nur noch wenige, kleinere Gebiete (etwa Kiautschou und Deutsch-Samoa) erworben werden, die gleichwohl als „Musterkolonien“ galten. Die von Deutschland erworbenen Kolonien waren jedoch wirtschaftlich und strategisch unbedeutend, da sie weder über größere Bodenschätze noch über landwirtschaftliche Nutzflächen verfügten und auch nicht als relevante Absatzmärkte fungierten.
1905 kam es zur Ersten Marokkokrise, weil Deutschland Frankreichs Bestrebungen, Marokko seinem Kolonialreich einzufügen (es beabsichtigte, ein Protektorat einzurichten), unter Berufung auf internationale Verträge entgegentrat. Zusätzlich hoffte die deutsche Reichsleitung, unter Kriegsdrohungen die Entente cordiale so unter Druck zu setzen, dass diese sich auflösen würde. In der Tat aber fanden zwischen Frankreich und Großbritannien nun Generalstabsbesprechungen statt, was die Entente cordiale faktisch erst zu einem funktionsfähigen Militärbündnis werden ließ.
1911 folgte die Zweite Marokkokrise. Französische Truppen marschierten in die marokkanischen Städte Rabat und Fès ein, Deutschland entsandte das Kanonenboot Panther (Panthersprung nach Agadir). Deutschland erhielt von Frankreich Neukamerun als Kompensation zur Abrundung seiner kamerunischen Besitzungen, sah sich aber außenpolitisch isoliert. Insbesondere die von Alfred von Tirpitz zwischen 1898 und 1912 durchgesetzten, imperialistisch motivierten Flottengesetze hatten schon zuvor die deutsch-englischen Beziehungen schwer belastet.
Nach der Niederlage der Mittelmächte im Ersten Weltkrieg 1918 wurde das Schicksal der deutschen Kolonien durch die Siegermächte im Friedensvertrag von Versailles bestimmt. Die Kolonien wurden dem Völkerbund unterstellt, der sie als Mandatsgebiete an interessierte Siegermächte übergab.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 gab es im NS-Staat uneinheitliche Bestrebungen zur Wiedergewinnung der alten Kolonien. Stärker wirkte jedoch das ebenfalls von imperialistischen Theorien durchdrungene Konzept vom Lebensraum im Osten. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 wurden vereinzelte Versuche einer Umsetzung unternommen.
Russland
Der Imperialismus des Russischen Reiches unterschied sich in seiner Form deutlich von den Imperialismen der anderen Großmächte. Er bezog sich in der Hauptsache auf die Territorialvergrößerung (vgl.: Russische Kolonisation): Sibirien (bis hin zur Insel Sachalin), im Süden die zum größten Teil noch unkartographierten Gebiete des Kaukasus (hier kam es zum Konflikt mit dem Osmanischen Reich vor, siehe Türkenkriege), Nordpersien, Afghanistan, Samarkand, Taschkent und Nordmongolei. Eine der wichtigsten Triebfedern dieser Ausdehnung war das russische Bestreben, einen eisfreien Seehafen zu erlangen, um eine ganzjährig einsatzfähige Flotte stationieren zu können. Hier sind besonders die Ausdehnung nach Osten und die Gründung der Stadt Wladiwostok (deutsch: „Beherrscherin des Ostens“), sowie die Politik um die Meerengen am Bosporus zu betrachten (ein weiterer Konflikt mit dem Osmanischen Reich, siehe auch Navalismus). Zwischen Großbritannien (British Empire) und dem Zarenreich bestand im 19. Jahrhundert lange eine Rivalität (The Great Game), bei der es um die Vorherrschaft in Zentralasien ging. 1876 eroberte Russland die Gebiete des heutigen Kirgisistan, Kasachstan und Turkmenistan.
Der russische Imperialismus wurde von einer gezielten Politik der Russifizierung der eroberten Gebiete begleitet. Die Russifizierung diente als Instrument der Stabilisierung der Herrschaft und war daher gegen die kulturelle Eigenständigkeit der beherrschten Völker gerichtet.
Hinzu kam die Vorstellung, mit einer Südausdehnung auch in eine Verhandlungsposition gegenüber Großbritannien zu kommen. Mit Druck auf die Peripherie (Nordpersien, Afghanistan und Nordindien) wurde der zentrale Nerv des britischen Weltreichs bedroht: Die Seewege nach Indien und die Kronkolonie selbst. So erhofften sich die Zaren ein Einlenken Großbritanniens in der Meerengenfrage.
1904/05 wurde Russlands Expansion durch den Krieg gegen Japan gestoppt. Gerade die Verlagerung der Konfliktfelder in den Osten Asiens legte eine Grundlage für die spätere Eskalation in Mitteleuropa, die ohne die Geschehnisse am Rand der Interessensphären überhaupt nicht verständlich erscheint: der Erste Weltkrieg.
Nach der Oktoberrevolution 1917 erlangten einige Länder die Unabhängigkeit, so Finnland, Polen und die baltischen Länder. Andere gewannen in und nach dem Bürgerkrieg als Sowjetrepubliken eine gewisse Selbstverwaltung, so die Ukraine, Weißrussland, die Gebiete im Kaukasus und in Zentralasien.
Nach dem Zweiten Weltkrieg annektierte die Sowjetunion Gebiete an ihrer Westgrenze, bildete ein System von Satellitenstaaten (Ostblock bzw. Warschauer Pakt) in Osteuropa und versuchte, kommunistischen Parteien in weiteren Ländern an die Macht zu verhelfen. Diese Politik wurde häufig als „Sowjetimperialismus“ bezeichnet.
Japan
Der Imperialismus des Japanischen Kaiserreichs gegen Ende des 19. Jahrhunderts wird von der einschlägigen Literatur am wenigsten berücksichtigt, obwohl er durch seinen Verlauf für die nachfolgenden Ereignisse nicht minder wichtig war.
Nachdem US-Admiral Matthew Perry 1854 mit seiner Flotte von vier Kriegsschiffen unbehelligt in den Hafen des heutigen Tokio einlief und die sogenannte Abschließung Japans beendete, wurde der Grundstock der Meiji-Restauration gelegt. In einer beispiellosen Entwicklung gelang es, radikale Reformen durchzusetzen und in atemberaubender Geschwindigkeit den technischen Rückstand zu den industrialisierten Staaten aufzuholen. Schon 30 Jahre später war aus Japan eine zu beachtende Territorialmacht geworden, die nicht nur 1894/95 China in einem Krieg besiegen konnte und 1902 ein gleichberechtigtes Bündnis mit Großbritannien abschloss: im Russisch-Japanischen Krieg 1905 zerstörte es einen Großteil der russischen Flotte und konnte so die weitere Expansion des Zarenreichs in Asien (Mandschurei, Korea) eindämmen. Im Zusammenhang mit diesem Krieg stehen auch die Anfänge der Russischen Revolution und die Rückverlagerung des Konfliktschwerpunkts der Großmächte nach Europa, insbesondere auf die Balkanhalbinsel.
Japan war mit dem Sieg von 1905 in den Kreis der Großmächte aufgerückt. Es verstand das imperiale Spiel der Geheimdiplomatie zu seinen Gunsten zu nutzen, so dass es seine Ambitionen in Korea und Nordchina schon im Vorfeld des Ersten Weltkrieges verwirklichen konnte. Nach dem Ersten Weltkrieg erhielt Japan bisher deutsche Inselgruppen im Pazifik vom Völkerbund als Mandatsgebiete. 1931 eroberte Japan die Mandschurei und 1937 begann es den Krieg gegen China.
1941 trat Japan auf deutscher Seite in den Zweiten Weltkrieg ein und nahm im Pazifik die pazifischen Kolonialgebiete von Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden und den USA ein. Japan blieb bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs die einzige imperialistische Macht im ostasiatischen Raum.
Nach der Niederlage 1945 musste es alle besetzten Gebiete abgeben.
Vereinigte Staaten
Mit der Landnahme im Westen, der Unterdrückung der Indianer, der gewaltsamen Aneignung von Texas und weiterer Gebiete 1848 von Mexiko zeigte die vom eigenen Sendungsbewusstsein (Manifest Destiny) beeinflusste US-amerikanische Politik bereits früh imperialistische Züge.
Vor dem Sezessionskrieg hatte bei der Ausdehnung auf dem amerikanischen Kontinent die inneramerikanische Debatte um die Zulassung der Sklaverei zu erheblichen Verzögerungen in der Diskussion um die eigene Position zu Kolonien geführt.
Mit der Annexion Hawaiis 1898 und dem Sieg im Spanisch-Amerikanischen Krieg 1898 traten auch die Vereinigten Staaten in den Kreis der imperialistischen Weltmächte ein. Der Erwerb der Philippinen und Puerto Ricos sowie die Besetzung Kubas und der Bau des Panamakanals wurden auch in der innenpolitischen Diskussion als erster Schritt gesehen, um mit den europäischen Kolonialmächten in Konkurrenz zu treten.
Nach ihrem Sieg im Ersten Weltkrieg erhielten die USA bisher deutsche Inselgruppen im Pazifik vom Völkerbund als Mandatsgebiete. Im Zweiten Weltkrieg gelangten weitere pazifische Inseln unter die Herrschaft der USA.
Die Außenpolitik der USA in Süd- und insbesondere Mittelamerika bis in die 1980er-Jahre, mit ihren Interventionen und Einflussnahmen, wird häufig als Beispiel neoimperialer Machtpolitik angeführt.
Ein Erbe der imperialistischen Zeit sind die Außengebiete der Vereinigten Staaten.
Italien
Ähnlich wie das Deutsche Kaiserreich hatte auch Italien erst ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer gesamtstaatlichen Ordnung gefunden und begann nun ebenfalls im Zuge des Aufschwungs der italienischen Industrie Kolonien zu erwerben, um den dadurch entstandenen Rohstoffbedarf decken zu können.
Zunächst wurden durch private Handelsgesellschaften Kolonien in Ostafrika erworben, die später in Staatsbesitz übergingen. Von 1894 bis 1896 versuchte man – vergeblich – das Kaiserreich Abessinien zu erobern. Erst 1935/36 konnte Italien Abessinien niederringen (→ Abessinienkrieg), wobei auch Senfgas eingesetzt wurde, und vereinte es mit seinen ostafrikanischen Besitzungen zur Kolonie Italienisch-Ostafrika.
1911 begann Italien einen Krieg mit dem Osmanischen Reich, um sich dessen Provinzen Tripolitanien und Cyrenaika einzuverleiben. Nach nur einem Jahr musste das geschwächte Osmanische Reich die Provinzen an Italien abtreten, die es 1934 zur Kolonie Italienisch-Libyen zusammenfasste.
Nach dem Ersten Weltkrieg konnte Italien die wichtigsten irredentische Ziele erreichen und gewann Gebiete im Norden und Nordosten, darunter Südtirol und Istrien. 1939 wurde Albanien annektiert.
Im Zweiten Weltkrieg versuchte Italien auf deutscher Seite seinen Kolonialbesitz zu erweitern, es eroberte 1940 für kurze Zeit Britisch-Somaliland, bevor die Briten die italienischen Truppen zurückschlugen.
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs verlor Italien seine Kolonien. Italienisch-Somaliland stand vom 1. Januar 1950 bis Mitte 1960 als UNO-Mandat (Italienisches Treuhandgebiet Somalia) unter italienischer Verwaltung.
Belgien
Nach Konstituierung des belgischen Staates 1830 begann auch hier die imperiale Frage an Gewicht zu gewinnen. So war unter anderem König Leopold I. bestrebt von 1842 bis 1855 belgische Siedlerkolonien in Übersee zu gründen, die allerdings nur mäßig erfolgreich waren und nicht zur erhofften Landnahme für den belgischen Staat führten. Andere Kolonialpläne sahen vor, weitreichende Gebiete in Asien, Afrika, Amerika und Ozeanien zu erobern, was aufgrund der fehlenden militärischen Stärke und wegen des Widerstands der anderen Kolonialmächte nie realisiert werden konnten.
Erst König Leopold II. gelang 1885 den so genannten Kongo-Freistaat als Privatbesitz zu erwerben. Diesen musste er aber dann im Zuge der Kongogräuel 1908 dem belgischen Staat überlassen, der den Freistaat in die Kolonie Belgisch-Kongo umwandelte. Nach dem Ersten Weltkrieg erhielt Belgien noch die ehemalige deutsche Kolonie Ruanda-Urundi als Völkerbundmandat zugesprochen, die es schließlich in seine Kolonie Belgisch-Kongo eingliederte. Von 1894 bis 1910 stand auch die Ladoenklave im südlichen Sudan als Pachtgebiet von Großbritannien unter belgischer Verwaltung.
Im Afrika-Jahr 1960 wurde der Kongo unabhängig, nachdem sich Belgien überstürzt zurückgezogen hatte und das Land im Chaos versank.
Niederlande
Der niederländische Kolonialismus begann Ende des 16. Jahrhunderts, eroberte und übernahm viele portugiesische Kolonien und bildete bald die beiden Schwerpunkte Westindien und Niederländisch-Indien. Auf den (heute indonesischen) Gewürzinseln setzten die Holländer 1620 gewaltsam ihren Anspruch auf das Handelsmonopol durch, was zur Ermordung und Verschleppung der einheimischen Bevölkerung führte. Während der französischen Besetzung und der Koalitionskriege (1811 bis 1816) verloren die Niederlande einen großen Teil ihres Kolonialreiches an Großbritannien. In Indonesien dagegen bauten sie danach ihre Herrschaft aus. Zwischen etwa 1890 und 1910 wurde das Hinterland der bisherigen Stützpunkte als Kolonie organisiert und zuletzt 1908 Aceh erobert.
Nach der Vertreibung im Zweiten Weltkrieg versuchten die Niederlande nach der japanischen Niederlage vergeblich, Indonesien wieder zu besetzen (s. Indonesischer Unabhängigkeitskrieg). Niederländisch-Neuguinea fiel 1962 an Indonesien. Surinam wurde erst 1975 unabhängig.
Das Königreich der Niederlande besteht seit 2010 aus vier gleichberechtigten Teilen: Aruba, Curaçao, Sint Maarten und dem niederländischen Kernland. Drei weitere Inselgebiete, Bonaire, Saba und Sint Eustatius, bilden „Besondere Gemeinden“.
Österreich-Ungarn
Schon im 18. Jahrhundert gab es auch von der Habsburgermonarchie Versuche Kolonien in Afrika (Maputo-Bucht) und Asien (Nikobaren) zu erwerben (→ Österreichische Kolonialpolitik). Durch Druck der anderen Kolonialmächte und wegen der nur mangelhaft ausgerüsteten Österreichischen Marine mussten diese aber bald wieder aufgegeben werden. Im 19. Jahrhundert betrieb die k. u. k. Monarchie zwar keinen aktiven Kolonialismus mehr, zählten aber mit ihrer Balkanpolitik ebenfalls zu den imperialistischen Mächten. Legitimiert durch den Berliner Kongress besetzte sie 1878 gewaltsam Bosnien-Herzegowina, welches sie 1908 annektierte. Aus diesem Anlass wie auch zu späteren Zeitpunkten bis zum Beginn des Weltkrieges forderte vor allem Franz Conrad von Hötzendorf zusätzlich auch die Annexion Serbiens. Der Konflikt mit diesem Land führte 1905 zu einem Import-Boykott serbischer landwirtschaftlicher Erzeugnisse, was ca. 90 Prozent von dessen Exporten entsprach. Frankreich füllte in der Folge teilweise Serbiens Exportlücke.
1901 gelang es in der chinesischen Stadt Tientsin ein Konzessionsgebiet dauerhaft zu erwerben, das allerdings dann im Zuge des Ersten Weltkriegs wieder verloren ging.
Spezielle Formen
Kulturimperialismus
Ökologischer Imperialismus
Sozialimperialismus
Siehe auch
Kolonialkrieg
Literatur
Hannah Arendt: Über den Imperialismus. In: Die verborgene Tradition. Acht Essays. Frankfurt a. M. 1976, ISBN 3-518-06803-2.
Frank Deppe, David Salomon, Ingar Solty: Imperialismus. (=Basiswissen Politik/Geschichte/Ökonomie) Papyrossa Verlag, Köln 2011, ISBN 978-3-89438-439-5.
Ulrike von Hirschhausen, Jörn Leonhard: Empires. Eine globale Geschichte 1780–1920. C. H. Beck, München 2023.
Eric J. Hobsbawm: Das imperiale Zeitalter 1875–1914. Fischer, Frankfurt am Main 2004. (TB 16391)
Oliver Nachtwey: Weltmarkt und Imperialismus. Zur Entstehungsgeschichte der klassischen marxistischen Imperialismustheorie. Neuer ISP-Verlag, Köln 2005, ISBN 3-89900-021-8.
Sönke Neitzel: Weltmacht oder Untergang. Die Weltreichslehre im Zeitalter des Imperialismus. Schöningh, Paderborn 2000, ISBN 3-506-76102-1.
Daniel A. Offiong: Imperialism and Dependency – Obstacles to African Development. Fourth Dimension Publishers, Enugu/Nigeria 1980, ISBN 978-156-111-4.
John Pilger: Verdeckte Ziele. Über den modernen Imperialismus. Zweitausendeins, Frankfurt 2004, ISBN 3-86150-632-7.
Gregor Schöllgen: Das Zeitalter des Imperialismus (Oldenbourg Grundriss der Geschichte, Band 15). 4. Auflage. München 2000 (hervorragende, umfassende und forschungsnahe Gesamtdarstellung mit 1223 Literaturhinweisen zu verschiedenen Einzelthemen).
Gerhard Stapelfeldt: Der Imperialismus – Krise und Krieg 1870/73 bis 1918/29. Erster Band: Politische Ökonomie. Dr. Kovac, Hamburg 2008, ISBN 978-3-8300-3654-8.
Gerhard Stapelfeldt: Der Imperialismus – Krise und Krieg 1870/73 bis 1918/29. Zweiter Band: Anthropologie und Rationalität. Dr. Kovac, Hamburg 2008, ISBN 978-3-8300-3655-5.
René Hauswirth, Lukas Meyer, Christian Felix: Das Zeitalter des Imperialismus 1870–1912. (AKAD Bildungsmedien Geschichte, GS301). Compendio Bildungsmedien, Zürich 1999, ISBN 3-7155-1659-3.
Weblinks
Der europäische Imperialismus – Wettlauf um die Welt
„Empire“-Bibliographie
Die Wiederentdeckung des Imperiums. Telepolis
Hintergrundmaterialien zur aktuellen State Building Debatte. Europäische Stabilitätsinitiative (ESI)
Herfried Münkler: Imperium und Imperialismus. Version 1.0. In: Docupedia-Zeitgeschichte, 11. Februar 2010
Einzelnachweise
Neuzeit
Marxistischer Begriff
Kapitalismus
Herrschaftsform
|
Q7260
| 389.904182 |
15097
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https://de.wikipedia.org/wiki/Duisburg
|
Duisburg
|
Duisburg ([], regional variabel [] bis []) ist eine kreisfreie Großstadt, die an der Mündung der Ruhr in den Rhein im Schnittpunkt von Region Niederrhein und Ruhrgebiet liegt. Die rheinische Stadt gehört dem Landschaftsverband Rheinland (LVR) an und ist Mitglied des Regionalverbands Ruhr (RVR). Sie ist mit circa einer halben Million Einwohnern nach Köln, Düsseldorf, Dortmund und Essen die fünftgrößte Stadt des Landes Nordrhein-Westfalen. In der Landesplanung als Oberzentrum innerhalb des nordwestlichen Regierungsbezirks Düsseldorf eingestuft, nimmt Duisburg auf der Liste der Großstädte in Deutschland den 15. Platz ein.
Die am Ausgangspunkt des historischen Hellwegs gelegene und im Jahre 883 erstmals urkundlich genannte Stadt entwickelte sich bereits im Mittelalter zu einem urbanen Handelszentrum, verlor jedoch im 13. Jahrhundert aufgrund der Verlagerung des Rheins, die die Stadt vom Strom abschloss, erheblich an wirtschaftlicher und politischer Bedeutung. Im 19. Jahrhundert wuchs Duisburg dank seiner günstigen Flusslage mit den Häfen und der Nähe zu den Kohlelagerstätten im Ruhrgebiet auf der Basis der Eisen und Stahl erzeugenden Industrie zu einem bedeutenden Industriestandort. Städtebaulich ist Duisburg stark durch die Industrieanlagen dieser Zeit geprägt, die heute teils noch genutzt und teils in Parkanlagen eingebunden sind, oder wie im Innenhafen durch Unternehmen und Kulturbetriebe genutzt werden. Die erste und dritte Themenroute der populären Route der Industriekultur mit zahlreichen Denkmälern führen durch das Duisburger Stadtgebiet, namentlich „Duisburg: Stadt und Hafen“ sowie „Duisburg: Industriekultur am Rhein“.
Zugleich ist die örtliche Logistik als eine der Drehscheiben Zentraleuropas ein wichtiges ökonomisches Standbein der Stadt. Der Hafen (betrieben durch die Duisburger Hafen AG) mit seinem Zentrum im Stadtteil Ruhrort gilt als größter Binnenhafen der Welt. Er prägt die Wirtschaft der Stadt genauso wie die Eisen- und Stahlindustrie. Ein großer Teil des in Deutschland erzeugten Roheisens stammt aus Duisburger Hochöfen. Die traditionelle Stahlproduktion und Metallverarbeitung in Duisburg konzentriert sich zunehmend auf die Erzeugung von Hightech-Produkten.
Die Stadt ist Teil der Metropolregion Rhein-Ruhr mit rund 10,2 Millionen Einwohnern und der Metropolregion Rheinland mit 8,7 Millionen Einwohnern und liegt im Kern des zentralen europäischen Wirtschaftsraumes.
Geografie
Geografische Lage
Duisburg liegt am Rande des niederbergischen Hügellandes an der Mündung der Ruhr in den Rhein. Das Stadtgebiet erstreckt sich zu beiden Seiten dieser Flüsse, wobei der größte Teil und das Stadtzentrum rechtsrheinisch liegen, nur der Stadtbezirk Rheinhausen und der größere Teil des Stadtbezirkes Homberg-Ruhrort-Baerl liegen linksrheinisch. Im Norden der Stadt münden die Alte Emscher und die Kleine Emscher in den Rhein.
Höchste Erhebung der Stadt ist der Standort Haus Hartenfels mit , der tiefste Punkt liegt mit in Duisburg-Walsum (Kurfürstenstraße). Die mittlere Höhenlage des Stadtkerns beträgt (Duisburg-Mitte, Königstraße/Ecke Hohe Straße).
Ein Drittel der Duisburger Bevölkerung lebt durch Bergsenken unter dem Wasserspiegel des Rheins in einem Poldergebiet – geschützt durch hohe Rheindeiche und Grundwasserpumpwerke. Der Pegelnullpunkt (Sohle des Flussbetts) liegt in Ruhrort .
Der Raum Duisburg war im Laufe seiner Geschichte ständig von Rheinverlagerungen, Hochwasser und Uferabbrüchen betroffen:
Um die Zeitenwende floss eine Altrhein-Schleife – vom römischen Asciburgium (bei Moers-Asberg und Duisburg-Rheinhausen) kommend – durch das Gelände, an dem sich beim heutigen Innenhafen der Kern der historischen Stadt Duisburg entwickelte.
Im Jahre 1000 begann der Hauptarm des Stromes sich vom alten Duisburg abzuwenden, auch wenn ein Nebenarm noch über 300 Jahre den Zugang zum Hauptarm ermöglichte.
Rheinverlagerungen betrafen auch die durch spätere Eingemeindungen jetzt zu Duisburg gehörenden rechts- und linksrheinischen Stadtteile:
Teile des heute zu Wanheimerort gehörenden Stadtbereiches lagen zunächst auf einer Insel (einem Oorth) vor Wanheim, ehe diese im 18. Jahrhundert am östlichen Ufer anlandete.
Ruhrort lag bis zum 14. Jahrhundert westlich des Hauptarmes auf einem Werth bzw. einem Oorth vor Homberg, wo es zum linksrheinischen Kirchspiel Halen gehörte; erst durch weitere Rheinverlagerungen verlor Ruhrort seine Insellage und kam auf die rechte Rheinseite, wo ihm schließlich eine eigene Pfarre zugestanden wurde.
Das bei Baerl gelegene Kirchdorf Halen und die auf einer Sandbank davor liegende Burg Knipp versanken um 1595 im Rhein.
Teile des heutigen Beeckerwerth lagen zunächst auf einer großen Sandbank (auf einer Donk), auf der sich auch die 1595 durch Hochwasser zerstörte erste Burg Knipp befand (die später auf sicherem Gelände in Beeckerwerth neu errichtet wurde).
Die Autoren Tilmann Bechert (Ausgrabungen Asciburgium) und Joseph Milz (Geschichte der Stadt Duisburg) sowie die Broschüre des Stadtmuseums Duisburgs anlässlich der bis März 2014 laufenden Ausstellung zu Asciburgium weisen auf die neuen Erkenntnisse zu den Rheinverlagerungen bei Duisburg hin. Die lange für das 13. Jahrhundert angenommene Verlagerung des Hauptarmes weg von Duisburg hat demzufolge bereits kurz nach dem Jahr 1000 eingesetzt.
Aus den im Jahre 1713 gezeichneten Rheinkarten des Kartographen Johann Bucker ist ersichtlich, wie sich Verlauf und Uferregion des Rheines sowohl gegenüber dem Mittelalter als auch in den letzten 300 Jahren der Neuzeit verändert haben.
In der Gegenwart gibt es eine Rhein-Promenade insbesondere am Rheinpark.
Nutzungsarten des Duisburger Stadtgebietes
Am 31. Dezember 2009 betrug die Katasterfläche der Stadt insgesamt 23.281,35 Hektar. Davon waren 8.544,06 Hektar (36,7 %) Gebäude- und Freifläche und 347,46 Hektar (1,49 %) Betriebsflächen. 3.394,24 Hektar (14,58 %) des Stadtgebietes dienten dem Verkehr.
44,69 % der Fläche bestand aus Wald, Wasserflächen, Landwirtschaftsflächen, Parks und Grünanlagen. Duisburg gehört damit zu den Städten mit einem überdurchschnittlichen Grünflächenanteil.
Die Besiedlungsdichte geht nicht über 15.000 Einwohner je Quadratkilometer hinaus. So liegt die Besiedlungsdichte in Neudorf bei etwa 10.000 Einwohnern je Quadratkilometer und in Hochfeld bei etwa 15.000 Einwohnern je Quadratkilometer.
Aufgrund des Zuschnitts der Stadtteile geht die Bevölkerungsdichte nicht über 6.000 Einwohner je Quadratkilometer hinaus.
Nachbargemeinden
An die Stadt Duisburg grenzen im Westen und Norden die Städte Moers, Rheinberg und Dinslaken im Kreis Wesel, im Osten die kreisfreien Städte Oberhausen und Mülheim an der Ruhr, im Süden die Stadt Ratingen im Kreis Mettmann, die kreisfreie Landeshauptstadt Düsseldorf, die Stadt Meerbusch im Rhein-Kreis Neuss und die kreisfreie Stadt Krefeld.
Duisburg hat sich bereits 1973 mit flussabwärts gelegenen Landkreisen zum Zweckverband Euregio Rhein-Waal zusammengeschlossen. Dazu gehören die niederrheinischen Kreise Kleve und Wesel, Städte Düsseldorf, Arnhem und Nijmegen sowie einige grenznahe niederländische Gemeinden.
Stadtgliederung
Seit der kommunalen Neuordnung vom 1. Januar 1975 unterteilt sich das Duisburger Stadtgebiet in 46 Stadtteile, die sich auf die sieben Stadtbezirke Walsum, Hamborn, Meiderich/Beeck, Homberg/Ruhrort/Baerl, Duisburg-Mitte, Rheinhausen und Duisburg-Süd verteilen. Bei der Kommunalwahl wählen die Bürger für jeden Stadtbezirk eine Bezirksvertretung, die über 19 Mitglieder verfügen. Außerdem besitzt jeder Stadtbezirk ein Bezirksamt.
Der Stadtbezirk Mitte ist der einzige Bezirk mit einer sechsstelligen Einwohnerzahl (105.961) und damit der größte unter den sieben Stadtbezirken. Gefolgt wird er von Rheinhausen (77.933), Meiderich/Beeck (73.881), Süd (73.321) und Hamborn (71.891). Mit 51.528 Einwohnern ist der nördlichste Bezirk Duisburgs, Walsum, der zweitkleinste, der kleinste ist Homberg/Ruhrort/Baerl, wo 41.153 Menschen leben. (Stand 2008)
Der Stadtbezirk Homberg/Ruhrort/Baerl ist mit einer Fläche von 37,1 Quadratkilometern flächenmäßig der drittgrößte Bezirk in Duisburg, größer sind nur Süd (49,84 km²) und Rheinhausen (38,68 km²). Die weiteren Stadtbezirke weisen Flächen zwischen 34,98 km² und 20,84 km² auf.
Klima
Durch seine Lage im Westen der Bundesrepublik weist Duisburg ein ganzjährig gemäßigtes Klima auf. Die Niederschlagssumme liegt daher bei etwa 710 mm. Das entspricht etwa dem Bundesdurchschnitt. Außerdem weist Duisburg eine hohe Durchschnittstemperatur auf, der Deutsche Wetterdienst führt Duisburg zusammen mit Heidelberg als wärmsten Ort Deutschlands auf. Beleg dafür ist die offiziell gültige Messperiode, die von 1961 bis 1990 dauerte, in der die Durchschnittstemperatur in Duisburg bei 10,9 °C lag. Die hohe Temperatur wird zum einen begünstigt durch das Stadtklima und zum anderen durch das milde Winterklima des Niederrheins. Dieses wird durch die Nähe zur Nordsee und die atlantischen Tiefdruckgebiete beeinflusst.
Die höchste jemals in Deutschland aufgezeichnete Temperatur wurde an der Wetterstation Duisburg-Baerl am 25. Juli 2019 mit 41,2 °C gemessen. Diesen Rekord teilt sich die Stadt mit Tönisvorst, wo am selben Tag dieselbe Temperatur registriert wurde. Die niedrigste je in Duisburg gemessene Temperatur betrug −19,6 °C. Sie wurde am 6. Januar 2009 aufgezeichnet.
Geschichte
Erste Erwähnung und Name der Stadt
Die früheste schriftliche Erwähnung Duisburgs stammt aus dem Jahre 883. Regino von Prüm, Abt des Klosters Prüm, nennt den Namen im Zusammenhang mit einem Überfall der Normannen auf die Stadt.
Eine weitere mittelalterliche Erwähnung des Stadtnamens erfolgte 1065: „Tusburch in pago Ruriggowe“.
Die erste Silbe des Namens der Stadt soll auf das germanische „dheus“ zurückgehen, was „bauschend“ oder „glänzend“ bedeutet. Duisburggau (Diuspurgau) war die Bezeichnung des mittelalterlichen Gaues am Niederrhein.
Unter Historikern ist umstritten, ob es sich bei Dispargum, von wo der fränkische Kleinkönig Chlodio ab dem Jahr 428 n. Chr. zu Eroberungen in Belgien und Nordfrankreich auszog, um das deutsche Duisburg, das belgische Duisburg oder um das belgische Diest handelt. Die beiden letztgenannten Vorschläge würden gut in die Geographie passen, da sie in der Nähe von Toxandria liegen, von dem bekannt ist, dass es zur Zeit von Julian dem Apostaten von den Saliern besiedelt wurde.
Andererseits behauptet Joseph Milz, dass es sich beim deutschen Duisburg um den Sitz des ersten Frankenkönigs handelt. Er zitiert aus dem Liber Historiae Francorum (um 720):
König Chlodio lebte also in dem Kastell Dispargum im Grenzgebiet der Thüringer, eine Region Germaniens. König Chlodio aber schickte Kundschafter von Dispargum, einem Kastell der Thüringer aus bis zur Stadt Cambrai. Danach überquerte er selbst mit einem großen Heer den Rhein, tötete viele der römischen :Bevölkerung und vertrieb sie. Er drang in den Kohlenwald ein und eroberte die Stadt Tournai. Schließlich kam er bis zur Stadt Cambrai, wo er sich für einige Zeit niederließ. Darauf besetzte er das Gebiet bis zur Somme. Als König Chlodio gestorben war, ergriff Merovich, der aus seiner Sippe war, sein Königtum. Chlodio herrschte 20 Jahre.
Für diese und alle sonst bekannten Quellen liege nach Milz Dispargum auf der rechten Rheinseite und kann damit in ihrem Verständnis auch nur das heutige Duisburg sein.
Römische und nachrömische Zeit
Intensive Ausgrabungen haben eine feste Besiedlung des hochwassergeschützten „Burgplatzes“ bereits im ersten nachchristlichen Jahrhundert nachgewiesen. Die Römer unterhielten hier eine regelmäßige Präsenz zur Sicherung des Rheinübergangs und der Ruhrmündung, die den Legionen als Brückenkopf diente. Die bei Tacitus in seiner Germania (3. Kapitel) erwähnte römische Niederlassung Asciburgium, die mit Ausgrabungen bei Asberg südöstlich von Moers in Verbindung gebracht wird, könnte nach Auffassung einiger Geschichtsforscher auch ein unmittelbar an dem seit der Steinzeit genutzten Westfälischen Hellweg gelegener Umschlagplatz und somit einer der antiken Bernsteinstraßen gewesen sein; in diesem Fall der von Massilia (Marseille) über Rhone und Rhein an die Nordseeküste führenden Handelsroute.
Der „Alte Markt“ war seit dem 5. Jahrhundert der zentrale Handelsplatz der Grenzstadt zum Sachsenreich im angestammten Reich der Franken, die durch ihre Lage am Hellweg und an einer Rheinfurt ausgezeichnet war.
Mittelalter und frühe Neuzeit
Aufgrund der günstigen geographischen Lage Duisburgs auf einer Hochterrasse am Zusammenfluss von Rhein und Ruhr hatte die Stadt eine strategisch wichtige Lage. Bereits um 740 wurde mit der Anlage eines Königshofes begonnen. Am Ende des 9. Jahrhunderts war Duisburg von den Raubzügen der Wikinger in den Rheinlanden betroffen. Im 10. Jahrhundert erfolgte der Ausbau des Königshofes zu einer Königspfalz. Belegt sind mindestens 18 Königsaufenthalte in jenem Jahrhundert, 929 fand in der Stadt eine Reichssynode statt. Im Jahre 1173 bewilligte Barbarossa die Abhaltung von jährlich zwei vierzehntägigen Tuchmessen.
Bis 1290 war Duisburg Freie Reichsstadt, dann wurde sie von König Rudolf von Habsburg gegen 2000 Mark Silber als Mitgift an den Grafen Dietrich von Kleve verpfändet. Diese Verpfändung änderte 1314 der deutsche König Ludwig der Baier für 1000 Mark von dem Grafen von Kleve auf Graf Adolf VI. von Berg. Allerdings gehörte Duisburg bereits vor 1392 wieder zur Grafschaft Kleve.
Durch die Verlagerung des Rheins von der Stadt weg seit dem Jahr 1000 und die im 13. und 14. Jahrhundert zunehmende Verlandung des toten Rheinarms wurde der Aufwärtstrend der wirtschaftlichen Entwicklung unterbrochen. Von einer prosperierenden mittelalterlichen Stadt am Rhein, die Unterstützung durch deutsche Könige und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches erfuhr, die Mitglied des Rheinischen Städtebundes war und als Kaufmannsstadt Handelsbeziehungen mit London, Antwerpen, Brüssel und anderen bedeutenden Handelsorten hatte, entwickelte sich Duisburg nach der Jahrtausendflut 1342, auch als Magdalenenhochwasser bekannt, zu einer unscheinbaren Ackerbürgerstadt. Die Duisburger Messen gingen im 14. Jahrhundert auf Frankfurt am Main über. Ab 1407 wurde Duisburg auf Anregung Kölns hin Mitglied der Hanse.
Zur Reformation siehe unter Religion unten.
Der Klever Herzog betrieb beim Papst die Gründung eines Landesuniversität seit 1555. Vorerst nahm 1559 ein Akademisches Gymnasium unter Heinrich Castritius den Betrieb auf. Das Wirken auch von Gerhard Mercator dort schuf die Anerkennung als „Gelehrtes Duisburg“ („Duisburgum Doctum“). Die Alte Universität Duisburg wurde schließlich 1655 eröffnet und bestand bis 1818.
Am 7. September 1610 fand die erste Duisburger Generalsynode statt, die in Düren vorbereitet worden war. Auch als Erste Reformierte Generalsynode bezeichnet, wurde die Duisburger Salvatorkirche genutzt. Die Synode gilt als Geburtsstunde der Evangelischen Kirche im Rheinland.
1614/66 fiel Duisburg mit dem Herzogtum Kleve an Brandenburg-Preußen. 1674 verbot Friedrich Wilhelm der Stadt, sich weiterhin als Reichsstadt zu bezeichnen.
Zeit der Industrialisierung
Das Aufblühen von Tabak- und Textilmanufakturen im ausgehenden 17. Jahrhundert führte schließlich zur Hochindustrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts und dem Ausbau der Rhein-Ruhr-Mündung zum größten Binnenhafen der Welt zur „Montanstadt“. Fr. Adolph W. Diesterweg schrieb noch 1829 in seiner „Beschreibung der Preußischen Rheinprovinzen“ lapidar über Duisburg: „4.500 Einwohner, unweit der Ruhr und durch einen Kanal mit dem Rheine verbunden, treibt sehr bedeutenden Handel, hat ein Gymnasium.“
1823 wurde der Kreis Duisburg gebildet, der unter anderem auch die heutigen Großstädte Mülheim an der Ruhr, Oberhausen und Essen umfasste. Die östlichen Gebiete des Kreises wurden im Jahre 1857 abgetrennt und der neue Kreis Essen entstand.
1824 entstand mit dem Bau der Curtius-Schwefelsäurefabrik die erste große Fabrik. 1846 wurde Duisburg an die Strecke der Köln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft angebunden. Große Industriewerke der Eisen- und Stahlindustrie (unter anderem Thyssen und Krupp) siedelten sich nördlich und südlich von Duisburg an und bestimmten nach der Eingemeindung dieser Gebiete die Entwicklung der Gesamtstadt maßgeblich mit.
Der Kreis Duisburg wurde 1873 aufgelöst. Duisburg wurde Stadtkreis und aus dem Rest des Kreises ist der Kreis Mülheim an der Ruhr gebildet worden. Aus dessen westlichem Teil wurde wiederum 1887 der Kreis Ruhrort gebildet, der große Teile der heutigen Stadt Duisburg, des Nordens der heutigen Stadt Oberhausen und Gebiete des heutigen rechtsrheinischen Teils der Kreises Wesel umfasste.
Bei der Erzeugung von Eisen und Stahl herrschte zur damaligen Zeit das Prinzip „Erz kommt zur Kohle“. Kohle ist die Grundlage für die Herstellung von Koks, das bei der Eisen- und Stahlerzeugung eine wichtige Rolle spielt und zu dieser Zeit viel mehr Koks als Erz nötig war. Ohne weite Transportwege erreichten Kohle und Koks die industriellen Werke in Duisburg, die von den günstigen Standortbedingungen in unmittelbarer Nähe zu den Zechen, vor allem im mittleren und östlichen Ruhrgebiet, und von der Verkehrsanbindung an Rhein und Ruhr wie auch an das Schienennetz profitierten.
Die Werke, die in der Nähe alter Siedlungsräume entstanden, zogen Arbeiter vom Niederrhein, aus dem Deutschen Reich, den Niederlanden, Österreich und Polen an. Es entstanden neue Siedlungen um die alten Kerne und die Einwohnerzahlen wuchsen rasant. 1904 wurde Duisburg Großstadt, 1905 wurde mit der Eingemeindung Ruhrorts und Meiderichs der Ruhrorter Hafen, dessen erstes Becken 1716 gebaut worden war, mit den Duisburger Häfen unter eine Verwaltung gestellt.
Weimarer Republik
Nach Ende des Ersten Weltkriegs 1918 herrschte durch die Novemberrevolution auch in Duisburg Chaos. Es gab Streiks, Straßenschlachten und Feuergefechte zwischen rechten und linken Gruppierungen, der Höhepunkt war der Kampf der Roten Ruhrarmee. Eine Hyperinflation entwertete Eigentumswerte des Mittelstands. 1921 folgte die Besetzung der Stadt durch französische und belgische Truppen. Zum französischen Nationalfeiertag paradierten französische Truppen am 14. Juli 1922 durch die Straßen der besetzten Stadt. Im August 1925 verließen die französischen und belgischen Truppen die Stadt wieder, nachdem die deutsche Regierung den Dawes-Plan akzeptiert hatte. Nach einer Phase der wirtschaftlichen Beruhigung geriet die Stadt jedoch bereits Ende 1929 in eine neue Rezession. Die Weltwirtschaftskrise zu Beginn der 1930er Jahre traf die Stadt besonders hart. Damals hatte sie mit 34,1 Prozent die höchste Arbeitslosenquote des deutschen Reiches.
1929 wurden Duisburg und Hamborn zur Stadt Duisburg-Hamborn zusammengelegt. Bereits 1935 wurde dieser gemeinsame Stadtkreis in Duisburg umbenannt.
Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
Duisburg gehörte zum NS-Gau Essen.
Die Stadt hatte insbesondere seit den 1920er Jahren einen bedeutenden Bestand an moderner Kunst aufgebaut. Viele dieser Gemälde, Graphiken und Plastiken galten den Nazis als „entartet“, und 1937 wurde in der zentralen Aktion „Entartete Kunst“ eine große Zahl dieser Werke beschlagnahmt und zum größten Teil vernichtet. Während der Novemberpogrome am 9. November 1938 zerstörten Duisburger Nationalsozialisten die große Synagoge in der Junkernstraße sowie Synagogen in Ruhrort und Duisburg-Hamborn.
Als bedeutender Standort der Chemie-, Stahl- und Hüttenindustrie war Duisburg ein regelmäßiges Angriffsziel alliierter Bomber. Dabei wurden nicht nur Häfen, Gleis- und Industrieanlagen, sondern auch gezielt die zivile Bevölkerung im Rahmen der britischen Area Bombing Directive angegriffen. Durch die exponierte Lage an der Einmündung der Ruhr in den Rhein war Duisburg für britische Bomber die Einflugschneise zum Ruhrgebiet. Die Stadt erlebte daher ab 1942 praktisch täglich Luftalarme.
Nach offizieller Zählung der Duisburger Luftschutz-Polizei im Jahr 1945 war die Stadt 299 Bombenangriffen ausgesetzt. Neue Forschungen haben ergeben, dass es insgesamt 311 Angriffe auf die Stadt gab. Durch die immense Anzahl und Schwere der Angriffe wurde das alte Stadtbild erheblich zerstört. Bei Kriegsende waren rund 80 Prozent der Wohngebäude zerstört oder stark beschädigt. In den Nachkriegsjahren mussten wesentliche Bereiche der Stadt einschließlich der Infrastruktur neu aufgebaut werden. Im Rahmen dieses Wiederaufbaus verschwanden viele weitere historische Merkmale, nicht nur in der Altstadt.
In der Zeit von 1942 bis 1944 gab es in Duisburg ein Konzentrationslager. Dieses befand sich anfangs in Duisburg-Ratingsee, wurde aber 1943 in die bereits zerbombte Diakonenanstalt am Kuhlenwall verlegt. Zunächst war das Duisburger Lager ein so genanntes Außenlager des Konzentrationslagers Sachsenhausen, später wurde das Duisburger Lager dem Konzentrationslager Buchenwald unterstellt. Die Insassen kamen zwangsweise unter anderem zu Aufräumarbeiten nach Luftangriffen zum Einsatz.
Detailliertere Informationen zum Zweiten Weltkrieg finden sich im Artikel Geschichte der Stadt Duisburg.
Nachkriegszeit und Gegenwart
Nach der Währungsreform war die Stadt durch einen ungebrochenen Aufstieg in allen Lebensbereichen gekennzeichnet. Kohle und Stahl wurden wieder die Motoren des Wiederaufbaus. Ende der 1950er Jahre zählte der Arbeitsamtsbezirk Duisburg kaum Arbeitslose. Von 1950 bis 1965 war Nordrhein-Westfalen durchgehend der höchste Geber in den Länderfinanzausgleich, verglichen mit den anderen Bundesländern Westdeutschlands.
Die Wirtschaftskraft der Region Duisburg war überdurchschnittlich und lag um fast 50 Prozent über dem Landesdurchschnitt. Es erfolgte ein gewaltiger Zustrom von Menschen in die Stadt. Bis 1961 schnellte die Einwohnerzahl auf 502.933 hoch. Trotz der Kohlenkrise, die im Jahre 1957 begann und die auch in Duisburg zur Schließung von Zechen führte, erlebte die Stahlindustrie in den 1960er Jahren eine gute Konjunktur. Vermehrt suchte die Industrie ausländisches Arbeitskräftepotential. Bedingt durch die Konjunkturkrise in der ersten Hälfte der 1970er Jahre sank aber in den 1970er Jahren die Zahl der Beschäftigten.
Ein symbolträchtiger Arbeitskampf in Rheinhausen, mit dem die Schließung des dortigen Krupp-Stahlwerks verhindert werden sollte, erfasste ganz Duisburg und strahlte auf weite Teile des Ruhrgebiets aus. Doch letztlich blieben die massiven Streik- und Protestaktionen, wie die Blockade der Brücke der Solidarität, erfolglos, und die Krupp-Hütte wurde am 15. August 1993 endgültig geschlossen.
Duisburg, das 20 Jahre zuvor noch zu den deutschen Städten mit den höchsten Pro-Kopf-Steuereinnahmen zählte, hatte aufgrund der von Land und Bund unterstützten einseitigen, monostrukturellen Industrie nunmehr mit erheblichen Standortproblemen zu kämpfen. 1988 gründeten die Stadt Duisburg und die Niederrheinische Industrie- und Handelskammer deshalb in einer gemeinsamen Initiative in einem bundesweit bis dahin einmaligen Modell die Gesellschaft für Wirtschaftsförderung Duisburg mbH. Sie wurde in sog. Public Private Partnerships von verschiedenen Unternehmen und der Stadt getragen und finanziert. Sie sollte unter anderem helfen, den Flächenengpass im Stadtgebiet zu beseitigen und freigewordene Industrieflächen für neue Industrien und für die Ansiedlung von Dienstleistungs- und Transportunternehmen aufzubereiten. Doch die Unternehmensneuansiedlungen konnten den Verlust der Arbeitsplätze auch im neuen Jahrtausend nicht ausgleichen.
Besonders bedrohlich für die Stadt wurden die erheblichen Kaufkraftverluste, die eine Folge der hohen Erwerbslosigkeit und des rasanten Bevölkerungsrückgangs waren. Hinzu kam die zunehmende Attraktivität benachbarter Niederrheinstädte für Einkäufe. Die Anwohner des Niederrheins, die früher zum Einkaufen nach Duisburg fuhren, blieben im Zuge der Stadtentwicklungen am Niederrhein zunehmend aus. Die Nachbarstadt Oberhausen konnte sich diesem Trend mit der Errichtung der Einkaufs-„Mall“ CentrO erfolgreich entgegenstellen, was die Abwanderung von Kaufkraft aus Duisburg hinaus zusätzlich verschärfte. Auch in Duisburg war viele Jahre lang die vieldiskutierte Ansiedlung einer „Mall“ (Arbeitstitel MultiCasa) am Hauptbahnhof, auf dem Gebiet des stillgelegten Güterbahnhofs, in Innenstadtnähe geplant. Da der Stadtrat 2005 in einer umstrittenen Entscheidung beschloss, das Baugelände gegen den Willen des Investors als Sondergebiet auszuweisen, ist dieses Projekt vom Tisch. Derzeit ist geplant, dort – wie im Innenhafen – Büros und Gewerbe anzusiedeln.
Seit September 2008 ist das innerstädtische Einkaufszentrum, das Forum Duisburg, an der Königstraße eröffnet, das zusammen mit dem ebenfalls neu erbauten City Palais, in dem sich die neue Mercatorhalle und ein Spielkasino befinden, einen neuen Anziehungspunkt in der Stadtmitte bilden. Direkt am Duisburger Hauptbahnhof ist ein neues Areal mit dem Namen Duisburger Freiheit geplant. Am Rande der Innenstadt soll sich der Innenhafen als Beispiel einer Stadtumgestaltung etablieren. Dort ist zur Verbindung von Innenstadt und Innenhafen als markantestes Leuchtturmprojekt ein Büro-, Wohn-, Gastronomie- und Hotelareal mit dem Namen „The Curve“ geplant, dessen Baubeginn für spätestens Anfang 2018 vorgesehen ist.
Am 25. Mai 2009 erhielt die Stadt den von der Bundesregierung verliehenen Titel „Ort der Vielfalt“. Als Beteiligte von RUHR.2010 war Duisburg im Jahr 2010 Teil des Projektes Kulturhauptstadt Europas.
Loveparade in Duisburg
Am 24. Juli 2010 geriet die Stadt Duisburg in den Fokus der Weltöffentlichkeit, als bei der Loveparade 21 Menschen bei einer Massenpanik ums Leben kamen. Des Weiteren wurden mindestens 652 Personen verletzt, etwa 40 davon schwer. Die Loveparade wurde u. a. auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofes Duisburg Gbf unter dem Motto „The Art of Love“ veranstaltet.
Integrationsrat Duisburg
2016 machte Duisburg bundesweit Schlagzeilen, als der Integrationsrat Duisburg am 7. Juni mit großer Mehrheit eine Resolution (Drucksache 16-0666) mit dem Titel: „Eine Lüge ist eine Lüge und bleibt eine Lüge. Gegen die Verleumdung der Türkei“ beschloss. Darin verwarf der Integrationsrat den Beschluss des Deutschen Bundestages vom 2. Juni 2016 zum Völkermord an den Armeniern und erklärte, einen Völkermord an den Armeniern habe es „nie gegeben“. Namentlich genannten türkischstämmigen Abgeordneten, die den Bundestagsbeschluss unterstützten, warf der Integrationsrat „Verrat an unserem gemeinsamen Herkunftsland“ vor. Oberbürgermeister Sören Link setzte den Beschluss außer Kraft und ordnete eine außerordentliche Sitzung des Integrationsrates am 20. Juni 2016 an. Er kritisierte „die teilweise martialische Wortwahl, die Beschimpfung und Bedrohung einzelner Mandatsträger“.
Dialekt und Sprache
Bis etwa zur Mitte des 20. Jahrhunderts sprach ein großer Teil der Bevölkerung im Raume Duisburg niederrheinische Mundarten, die Gemeinsamkeiten zu niederländischen Dialekten ausweisen und gemeinsam mit diesen, neben dem Niederdeutschen und dem Hochdeutschen, die dritte historische Ausgangsvariante für die heutige deutsche Sprache darstellen.
Im alten Duisburg, wie in Ruhrort, Meiderich, Hamborn und den anderen rechts- wie linksrheinisch liegenden Stadtteilen, entstanden eigenständige Ortsdialekte. Noch heute werden diese von Vereinen und Heimatdichtern am Leben gehalten; die Ortsteil-Dialekte wurden in den letzten Jahren im täglichen Gebrauch aber nach und nach durch eine „neue“ Umgangssprache ersetzt, manchmal als Ruhrgebiets-Deutsch bezeichnet, von Sprachwissenschaftlern Regiolekt genannt.
In seinen „Studien zur niederrheinschen Dialektgeographie in den Kreisen Rees, Dinslaken, Hamborn, Mülheim, Duisburg“ stellt der Sprachwissenschaftler Heinrich Neuse die alten Duisburger Ortsdialekte an der Wende zum 20. Jahrhundert dar.
Die Duisburger Variante des Ruhrdeutschen unterscheidet sich deutlich von den westfälischen Varianten im Osten des Ruhrgebiets (zum Beispiel Bochum, Dortmund) in Intonation, Aussprache und Wortschatz. Während beispielsweise die Dortmunder Umgangssprache unter dem Einfluss des westfälischen Substrats steht, zeigt die Duisburger Umgangssprache heute noch viele Züge der alten niederrheinischen Mundarten. Allerdings wird in den Medien oft fälschlicherweise nicht der Duisburger Akzent repräsentiert, sondern durch den des östlichen Ruhrgebiets ersetzt.
Stadtgebiet und Demografie
Eingemeindungen und Namensänderungen
Wie es bei nahezu allen Großstädten der Fall ist, so ist auch Duisburg in seinen heutigen Grenzen das Ergebnis mehrerer Gebietsreformen.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts bildete die Stadt Duisburg im Kreis Wesel im preußischen Herzogtum Kleve zusammen mit der als Enklave im Herzogtum Berg liegenden Ortschaft Wanheim-Angerhausen die Bürgermeisterei Duisburg. Unter den klevischen Städten war sie die viertwichtigste nach Kleve, Wesel und Xanten.
Zum Stadtgebiet gehörten weitere Dörfer beziehungsweise Wohnplätze und Siedlungen, wie etwa Duissern, Feldmark (das heutige Dellviertel), Neuenkamp, das heutige Neudorf und Hochfeld. 1801 wurde das zu Moers gehörende Kasslerfeld nach Duisburg umgemeindet.
1815 kam die Stadt nach dem Zusammenbruch der französischen Herrschaft als Folge des Wiener Kongresses wieder zu Preußen und wurde im Zuge der Verwaltungsgliederung des preußischen Staates 1816 dem neu gebildeten Landkreis Dinslaken im Regierungsbezirk Kleve in der Provinz Jülich-Kleve-Berg zugeteilt. Schon 1822/23 traten die erste Änderungen ein: Die beiden Rheinprovinzen wurden vereinigt, ebenfalls die Regierungsbezirke Kleve und Düsseldorf und aus den Landkreisen Dinslaken und Essen der neue Landkreis Duisburg gebildet. 1857 erhielt die Stadt Duisburg die Rheinische Städteordnung. Die Bürgermeisterei Duisburg wurde aufgespalten in eine Stadtbürgermeisterei für die Stadt Duisburg und die Bürgermeisterei Duisburg-Land, die nur aus der Gemeinde Wanheim-Angerhausen bestand. Im Jahre 1873 wurde Duisburg kreisfrei und 1902 das mittlerweile zum Landkreis Ruhrort gehörende Wanheim-Angerhausen wieder mit der Stadt Duisburg vereinigt.
Danach folgten weitere Eingliederungen, und zwar:
am 1. Oktober 1905: die Städte Meiderich (Stadtrechte seit 1895) und Ruhrort (Stadtrechte seit 1857, mit der 1904 eingegliederten Gemeinde Beeck).
am 1. August 1929: die Stadt Hamborn (seit 1900 kreisangehörige Stadt im Landkreis Ruhrort, später Dinslaken und seit 1911 Stadtkreis) sowie die Ortschaften Rahm, Huckingen, Buchholz, Wedau, Bissingheim, Mündelheim, Großenbaum, Serm, Ehingen, Hüttenheim und Teile von Bockum und Lintorf (alle Amt Angermund, Landkreis Düsseldorf). Die neugegliederte Stadt erhielt zunächst den Namen Duisburg-Hamborn, der 1935 in „Duisburg“ geändert wurde.
am 1. Januar 1975: die Städte Homberg (Stadtrechte seit 1921), Rheinhausen (gebildet 1923 aus den Gemeinden Friemersheim und Hochemmerich, Stadtrechte seit 1934) und Walsum (Stadtrechte seit 1958), die Gemeinde Rumeln-Kaldenhausen (bis 1950 Rumeln) sowie der Ortsteil Baerl der Gemeinde Rheinkamp (bis 1950 Repelen-Baerl).
Einwohnerentwicklung
Im Mittelalter und der frühen Neuzeit hatte die Stadt etwa 4000 Einwohner. Mit Beginn der Industrialisierung nahm die Bevölkerung zu. 1903 überschritt sie erstmals die Zahl von 100.000. Durch Eingemeindungen in die Stadt wurde 1906 die Marke von 200.000 erreicht. 1929 wurde durch neuerliche Eingemeindungen die Marke von 400.000 überschritten. Den höchsten Stand erreichte Duisburg 1975 mit 591.635 Einwohnern, als weitere Stadtteile eingemeindet worden waren. Zu jener Zeit gehörte die Stadt zu den 10 bevölkerungsreichsten Städten der damaligen Bundesrepublik. Bis 2014 nahm die Bevölkerung kontinuierlich ab. Zum 31. Dezember 2014 meldete Duisburg 487.839 Einwohner. Seit 2015 steigt die Einwohnerzahl wieder. Am 31. Dezember 2022 betrug die Zahl 507 073 Einwohner, davon 24,6 % Ausländer, wobei deren Anteil in den insgesamt 7 Stadtbezirken zwischen 11,3 % und 35,8 % deutliche Unterschiede aufweist, ebenso wie in den 46 Ortsteilen mit noch weiter gespreizten Werten zwischen 5,3 % (Ungelsheim) und 62,0 % (Rheinhausen-Mitte).
Demografie
Die Stadt war lange Zeit die zehntgrößte Stadt Deutschlands. Da sie jedoch in den letzten 30 Jahren mehr als 17 Prozent ihrer Einwohner verloren hat, steht sie nunmehr auf dem 15. Platz. 2005/2006 wurde die Stadt von Leipzig, Dresden und Nürnberg überholt. Noch Anfang der 1970er Jahre lebten auf dem Gebiet der heutigen Stadt etwa 650.000 Menschen.
Auf dem Gebiet vor den großen Eingemeindungen lebten am 31. Dezember 1974 nach Angaben des Landesamtes für Datenverarbeitung und Statistik Nordrhein-Westfalen 428.594 Menschen. Bis heute ist die Zahl der dort lebenden Einwohner um 24 Prozent auf knapp 325.000 gesunken. Gegenüber 1961 ist das sogar ein Verlust von 35 Prozent. Die Einwohnerdichte ist seit 1961 von etwa 3500 Einwohnern je km² auf 2304 Einwohner je km² auf dem Gebiet vor der Gebietsreform gesunken.
Anfang der 1970er Jahre betrug der Ausländeranteil weniger als sechs Prozent, Ende 2018 betrug der Anteil der Ausländer 21,8 % (109.471 Personen), der Anteil der Bürger mit Migrationshintergrund lag bei 42,4 % (213.433 Personen). Im Jahr 2015 haben sich 717 Migranten einbürgern lassen. In den Jahren 2004 bis 2014 wurden jährlich zwischen 1000 und 1600 eingebürgert, von 2000 bis 2003 waren es jährlich zwischen etwa 2000 und 3400.
Dem Bericht des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahre 2010 zufolge hatten 32,7 % der Duisburger Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Die größte Gruppe kam aus der Türkei (38.063), gefolgt von Polen (3820). Von diesen circa 159.000 Personen hatten etwa 84.800 die deutsche Staatsangehörigkeit, rund 74.700 waren Ausländer.
Im Jahr 2012 gab es in Duisburg 159.308 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten erhöhte sich bis 2019 auf 174.072.
Duisburg gehört zu den Städten mit einer der höchsten Arbeitslosenquoten in Westdeutschland. Am 30. November 2014 betrug sie 12,4 %. Im Jahre 2018 sank sie aufgrund der guten Konjunktur auf 10,4 %. Als Kaufkraft ermittelt die Industrie- und Handelskammer für Duisburg eine Jahressumme von 17.404 Euro je Einwohner, die deutlich unter dem Bundesdurchschnitt von 20.621 Euro je Einwohner liegt.
Etwa 76.000 Personen (ca. 15,1 %) erhielten 2018 Leistungen nach dem SGB II („Hartz IV“).
Politik und Gesellschaft
Politik-Geschichte
An der Spitze der Stadt Duisburg stand schon seit etwa 1270 ein Rat und seit 1275 zwei Bürgermeister. Der Rat hatte zehn bis 22 Mitglieder. Der Wahlmodus für den Rat wurde mehrfach geändert. In der Regel wechselten seine Mitglieder jährlich am 10. August (Laurentiustag). Ab 1566 behielt sich der Herzog von Kleve das Recht, den Bürgermeister und zwei Räte selbst zu ernennen. Dennoch machte der Herzog hiervon kaum Gebrauch.
Neben dem Rat taucht seit dem 15. Jahrhundert ein weiteres Gremium als Bürgerbeteiligung auf, der „Sechzehner“. Ihm gehörten je vier Vertreter der vier Stadtviertel an. Ein weiteres größeres Gremium war der „Vierundzwanziger“. Jedoch kann man bei beiden Gremien nicht von einer echten Bürgerbeteiligung im heutigen Sinne sprechen. Sie hatten meist nur beratende Funktion.
1713 wurde die freie Ratswahl vorübergehend aufgehoben. 1807 wurde in französischer Zeit die Munizipalverfassung mit einem Munizipalrat eingeführt. Seit 1856 gab es „Stadtverordnete“, später Ratsherren. Die Leitung der Stadt übernahm in französischer Zeit der Maire, in preußischer Zeit ein Bürgermeister beziehungsweise später Oberbürgermeister.
Während der Zeit der Nationalsozialisten wurde der Oberbürgermeister von der NSDAP eingesetzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte die Militärregierung der Britischen Besatzungszone einen neuen Oberbürgermeister ein und führte 1946 in Nordrhein-Westfalen die Kommunalverfassung nach britischem Vorbild ein.
Danach gab es einen vom Volk gewählten „Rat der Stadt“, dessen Mitglieder man als „Stadtverordnete“ bezeichnet. Der Rat wählte anfangs aus seiner Mitte den Oberbürgermeister als Vorsitzenden und Repräsentanten der Stadt, der ehrenamtlich tätig war. Des Weiteren wählte der Rat ab 1946 ebenfalls einen hauptamtlichen Oberstadtdirektor als Leiter der Stadtverwaltung.
1997 wurde die Doppelspitze in der Stadtverwaltung aufgegeben. Seither gibt es nur noch den hauptamtlichen Oberbürgermeister. Dieser ist Vorsitzender des Rates, Leiter der Stadtverwaltung und Repräsentant der Stadt. Er bildet gemeinsam mit sieben Beigeordneten, darunter dem Stadtdirektor, den Verwaltungsvorstand der Stadt Duisburg.
2004 wurde zum ersten Mal seit mehr als 50 Jahren ein Oberbürgermeister gewählt, der nicht der SPD angehört. Adolf Sauerland, CDU, gewann im zweiten Wahlgang mit 61,2 Prozent gegen seine Vorgängerin Bärbel Zieling, SPD.
2011 wurden mehr als 55.000 Unterschriften für seine Abwahl gesammelt, dieser Vorgang war bis dahin einmalig in einer deutschen Großstadt. Der Bürgerentscheid wurde am 12. Februar 2012 durchgeführt. Nach dem amtlichen Endergebnis wurde Adolf Sauerland mit 129.626 Stimmen (35,52 % der Abstimmungsberechtigten) abgewählt. Erforderlich wären 91.228 Stimmen (25 %) gewesen. 21.538 Wahlberechtigte (5,90 %) votierten gegen die Abwahl. Am 16. Februar 2012 übernahm Stadtdirektor Peter Greulich (Bündnis 90/Die Grünen) vorübergehend die Leitung der Verwaltung, die repräsentativen Aufgaben erfüllte der Erste Bürgermeister Benno Lensdorf (CDU).
Bei der durch die Abwahl erforderlich gewordenen Oberbürgermeisterwahl am 17. Juni 2012 erreichte keiner der Kandidaten die erforderlichen 50 % der Wählerstimmen. In die Stichwahl am 1. Juli 2012 schafften es Benno Lensdorf (CDU) und Sören Link (SPD). Dabei erhielten Link 71,96 % und Lensdorf 28,04 % der abgegebenen gültigen Stimmen.
In jedem Stadtbezirk gibt es eine Bezirksvertretung. Diese werden bei jeder Kommunalwahl neu gewählt. Vorsitzender der Bezirksvertretung ist der Bezirksbürgermeister (ehem. Bezirksvorsteher). Die SPD stellt seit der letzten Wahl (2014) alle sieben Bezirksbürgermeister: Winfried Boeckhorst (Rheinhausen), Hans-Joachim Paschmann (Homberg/Ruhrort/Baerl), Volker Haasper (Süd), Reinhard Meyer (Mitte), Daniela Stürmann (Meiderich/Beeck), Uwe Heider (Hamborn) und Georg Salomon(Walsum).
Stadtrat
Die Stadtratswahl am 13. September 2020 führte zu folgendem Ergebnis und der daraus folgenden Sitzverteilung im Stadtrat (Stand: Oktober 2020):
Bürgermeister, Oberbürgermeister
Bürgermeister bis 1876
Folgende Bürgermeister sind namentlich bekannt:
Oberbürgermeister 1876 bis 1997
Oberbürgermeister seit 1997
Verwaltung
Die Stadtverwaltung Duisburg ist die kommunale Selbstverwaltung der kreisfreien Stadt Duisburg mit fast 7.000 Beschäftigten.
Bis 1997 war der Oberstadtdirektor hauptamtlicher Chef der Verwaltung. Seit 1997 ist der Oberbürgermeister auch hauptamtlicher Chef der Verwaltung.
Oberstadtdirektoren 1946 bis 1997
Stadtdirektoren seit 1997
Ab 1997 ist der Stadtdirektor dem Oberbürgermeister als hauptamtlichem Chef der Verwaltung zur Seite gestellt.
Finanzen
Duisburg befand sich jahrzehntelang in einer finanziellen Krise. Der Niedergang der Montanindustrie und der Rückgang der damit verbundenen Gewerbesteuereinnahmen bei gleichzeitig steigenden Ausgaben für soziale Zwecke traf Duisburg als seinerzeit monostrukturell geprägte Region stark.
Seit 1977 wurden Haushaltssicherungskonzepte aufgelegt, die oftmals mit Einsparungen auf personellem Gebiet und einer Einschränkung von Infrastrukturangeboten (Bäder, Hallen, Sportplätze, Bibliothekszweigstellen u. ä.) verbunden waren. Nach dem Neuen Kommunalen Finanzmanagement, also der bis spätestens ab dem Haushaltsjahr 2009 NRW-weit gesetzlich vorgeschriebenen doppelten Buchführung (Doppik) liegt Überschuldung (vgl. § 75 Abs. 7 GO NRW) vor, d. h., das Eigenkapital der Stadt Duisburg war mit Ablauf des Jahres 2009 aufgebraucht. Seitdem weist die Bilanz der Stadt einen nicht durch Eigenkapital gedeckten Fehlbetrag („negatives Eigenkapital“) auf, der seinen Höchststand 2014 mit −446,6 Millionen Euro hatte und zum Jahresende 2021 auf −15,1 Millionen Euro reduziert werden konnte.
So genannte Kassenkredite sollen eigentlich nur kurzfristige Engpässe vermeiden. Die gelegentliche Liquiditätsspritze wurde jedoch für zahlreiche Gemeinden, wie auch Duisburg, zum Dauertropf.
Eine Trendwende wurde mit der Teilnahme am Sanierungsprogramm „Stärkungspakt Stadtfinanzen“ seit 2012 eingeleitet. Die Kommunal- und Finanzaufsicht der Bezirksregierung Düsseldorf hat im September 2012 den vom Rat der Stadt beschlossenen Haushaltssanierungsplan genehmigt. Die Stadt Duisburg hat sich damit in den Jahren 2012 bis 2021 verpflichtet, ihren Haushalt zu konsolidieren – das heißt Einsparungen vorzunehmen und Mehrerträge zu realisieren. Im Gegenzug wurden vom Land NRW sogenannte Konsolidierungshilfen – jährliche Sonderzuweisungen – geleistet, um der Stadt zu helfen, den im Sanierungszeitraum vorgeschriebenen Haushaltsausgleich zu erreichen. Bis einschließlich 2016 erhielt die Stadt auf diesem Weg jährlich 53 Millionen Euro, die in den Folgejahren kontinuierlich verringert wurden. So gelang bereits 2015 der erste Haushaltsausgleich seit 1992. Seitdem werden in Duisburg positive Jahresergebnisse erreicht, die das negative Eigenkapital weiter verringern. Auch im Corona-Jahr 2020 gelang aufgrund hoher Unterstützungs- und Ausgleichszahlungen seitens des Bundes und des Landes NRW ein Jahresüberschuss von 146,9 Millionen Euro. Noch höher fiel das Jahresergebnis 2021 aus, das sich auf ein Plus von 159,8 Millionen Euro belief. Auch erwähnt werden müssen dabei die in diesem Ergebnis enthaltenen corona-bedingten Finanzbelastungen, die sich gemäß einer Nebenrechnung zur Ergebnisrechnung auf rund 77 Millionen Euro summieren und als Abschreibungen ab 2025 den Haushalt belasten werden.
Sowohl der Hebesatz bei der Gewerbesteuer von 520 % (seit 1. Januar 2016) als auch der Hebesatz bei der Grundsteuer B von 855 % (seit 2015) liegen bundesweit im oberen Bereich.
Stadtwappen
Städtepartnerschaften
Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand der Gedanke der Städtepartnerschaften in Europa, dessen Ziele es waren, die Annäherung ehemaliger Kriegsgegner zu fördern und den Frieden in Europa wiederherzustellen. In diesem Sinne schloss die Stadt Duisburg mit der britischen Hafenstadt Portsmouth im Jahr 1950 ihre erste Städtepartnerschaft, die noch heute sehr lebendig ist, was unter anderem in vielfältigen Austauschprogrammen zum Ausdruck kommt. Der 1948 in Duisburg stationierte britische Stadtkommandant Captain Colin Hutchison, der persönliche Kontakte nach Portsmouth hatte, schlug seinerzeit die Städtepartnerschaft vor.
Ebenso lebendig ist die Partnerschaft zur französischen Hafenstadt Calais, die seit 1964 besteht.
Heute sind die Ziele der Städtepartnerschaften weitaus umfangreicher. Sie reichen von der Unterstützung des Prozesses der europäischen Einigung über die weltweite Völkerverständigung bis hin zur Förderung wirtschaftlicher und kultureller Interessen. So schloss die Stadt Duisburg in der Vergangenheit beispielsweise Städtepartnerschaften mit der chinesischen Stadt Wuhan oder der türkischen Stadt Gaziantep. Im März 2011 wurde eine Städtepartnerschaft mit dem US-amerikanischen Fort Lauderdale geschlossen.
Die Stadt Duisburg unterhält mit folgenden Städten eine Städtepartnerschaft:
Medien
Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die Duisburger Bevölkerung durch zwei Tageszeitungen versorgt. Bei der einen Tageszeitung handelte es sich um die 1851 gegründete und 1941 untergegangene Rhein- und Ruhrzeitung. Die zweite Tageszeitung war der 1881 gegründete Duisburger General-Anzeiger, der bis in die 1960er Jahre das wichtigste Tagesblatt für Duisburg und die Region blieb. Im Zuge der Konzentration im Pressewesen verschwand er.
Heute berichten drei Lokalredaktionen verschiedener Tageszeitungen über das aktuelle Tagesgeschehen. Im Medienhaus, das in unmittelbarer Nähe des Hauptbahnhofes liegt, sind die Duisburger Lokalredaktionen der beiden Tageszeitungen Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) und Neue Ruhr Zeitung (NRZ), deren Zentralredaktionen sich in Essen befinden, beheimatet. Außerdem betreibt die WAZ-Mediengruppe Stadtteilredaktionen in den Stadtteilen Hamborn, Rheinhausen und Huckingen. Die Rheinische Post (RP) mit Hauptsitz in Düsseldorf besitzt ebenfalls eine Lokalredaktion in Duisburg.
Weitere Printmedien in Duisburg sind der Wochenanzeiger, der mittwochs und samstags mit jeweils 243.200 Exemplaren erscheint, das einmal wöchentlich erscheinende Mittwoch-Blatt stadt-panorama (239.000 Exemplare) und die Zeitung Location (13.000 Exemplare), die einmal monatlich über Veranstaltungen aller Art informiert. Die Zeitungsgruppe stadt-panorama (zentraler Sitz: Medienhaus Ruhrort, Hafenstraße 2) gibt zudem linksrheinisch die „Lokal-Nachrichten“ (53.200 Exemplare im Duisburger Westen) heraus, ferner die Stadtteil-Blätter „Der Duisburger Norden“ (40.000), „Der Hamborner“ (40.000), „Wir in Wanheimerort“ (40.000), „Der Buchholzer“ (40.000) und „Wir im Westen“ (40.000). Schließlich gibt es in der genannten Zeitungsgruppe auch das Format „stadt-panorama-TV“.
Insgesamt haben sich die genannten Blätter einen immer höheren Stellenwert erarbeitet, ist doch die „Gesamtauflage“ von WAZ, NRZ, Rheinische Post und BILD in Duisburg heute nicht mehr höher als 60.000 Exemplare (zum Vergleich: 1975 hatten die genannten Zeitungen eine Auflage von zusammen 140.000 Exemplaren).
Mit Radio Duisburg ging am 1. April 1990 der erste lokale Radiosender Nordrhein-Westfalens auf Sendung. Der Sender sendet täglich bis zu acht Stunden Lokalprogramm, außerdem wird auf der Frequenz von Radio Duisburg Programme des Bürgerfunks ausgestrahlt. Das Restprogramm und die Nachrichten zur vollen Stunde werden von Radio NRW übernommen. Von 6.30 Uhr bis 19.30 Uhr strahlt Radio Duisburg zudem zu jeder halben Stunde Lokalnachrichten aus, ferner werden alle Spiele des MSV Duisburg sowie einzelne Spiele der Füchse Duisburg und des FCR 2001 Duisburg live übertragen.
Der WDR eröffnete im Februar 2007 sein neues Regionalstudio am Duisburger Innenhafen. In seinem Studio produziert der WDR die Fernsehsendung Lokalzeit aus Duisburg, die zweimal täglich über Nachrichten aus der Stadt Duisburg, sowie den Kreisen Kleve und Wesel informiert. Für den Radiosender WDR 2 werden zudem Regionalnachrichten produziert.
2006 nahm mit Studio 47 der erste private lokale Fernsehsender Nordrhein-Westfalens seinen Sendebetrieb auf. Das Programm von Studio 47 wird täglich rund um die Uhr ausgestrahlt, zu empfangen ist es im digitalen Kabel-TV, im Internet sowie über MagentaTV und MagentaZuhause. Seit 2005 strahlt der Duisburger Sender Kanal Avrupa europaweit ein türkischsprachiges Fernsehprogramm aus.
Im gesamten Duisburger Stadtgebiet ist zudem das Campusradio der Universität Duisburg-Essen, CampusFM, auf der Frequenz 104,5 MHz zu empfangen.
Der TV-Lernsender nrwision bündelt in seiner Mediathek Fernsehsendungen über Duisburg bzw. von Fernsehmachern aus Duisburg.
Bildung und Forschung
Mit der Gründung der Gesamthochschule Duisburg im Jahr 1972 – die zunächst in der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg und danach in der Universität Duisburg-Essen aufgegangen ist – hat Duisburg als Wissenschafts- und Hightech-Standort an Profil gewonnen. Auf dem Campus wurde 2005 die Mercator School of Management mit Wirtschaftsschwerpunkt etabliert. Seit 2006 verfügt die Universität auf dem Campus Duisburg mit der NRW School of Governance außerdem über die erste öffentliche Governance School in Deutschland unter der Leitung von Prof. Dr. Karl-Rudolf Korte. Die Duisburger Forschungslandschaft wird von einer Reihe von Instituten, die an der Universität angesiedelt sind, geprägt. Dazu zählen das Fraunhofer-Institut für Mikroelektronische Schaltungen und Systeme (IMS), das Institut für Energie- und Umwelttechnik (IUTA), das Entwicklungszentrum für Schiffstechnik und Transportsysteme (DST), das Rhein-Ruhr-Institut für Sozialforschung und Politikberatung (RISP), das Forschungsinstitut für wirtschaftliche Entwicklungen im Pazifikraum (FIP), das Zentrum für BrennstoffzellenTechnik (ZBT) und das Deutsch-Französische Institut für Automation und Robotik (IAR). Das innerhalb der Universität angesiedelte Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) geht auf eine von Willy Brandt gegründete Stiftung zurück.
In der Stadt gibt es 88 Grundschulen, 20 Hauptschulen, 15 Förderschulen, zehn Realschulen, 13 Gesamtschulen, neun Berufskollegs und 13 Gymnasien.
Mit dem Landfermann-Gymnasium besitzt die Stadt eine der ältesten Schulen im deutschen Sprachraum, deren Wurzeln auf die bereits vor 1280 als Schola Duisburgensis gegründete ehemalige Lateinschule zurückreichen. Das 1832 als Sonntagsschule gegründete Friedrich-Albert-Lange-Berufskolleg war 1846 die erste Schule in kommunaler Trägerschaft der Stadt Duisburg.
Die Universität Duisburg-Essen entstand am 1. Januar 2003 durch die Vereinigung der Universitäten in Essen und Duisburg, die mit über 42.000 Studenten und 3400 Mitarbeitern zu den größten Universitäten Nordrhein-Westfalens gehört. Das Fächerspektrum erstreckt sich über Geistes-, Gesellschafts-, Wirtschaftswissenschaften, sowie Ingenieur- und Naturwissenschaften einschließlich der Medizin. 1972 wurde die Duisburger Universität als Gesamthochschule durch den Zusammenschluss der Pädagogischen Hochschule und der Fachhochschule für Maschinenbau gegründet und 1980 in Universität – Gesamthochschule – Duisburg umbenannt. Von 1994 bis zur Vereinigung mit der Essener Universität trug sie den Namen Gerhard-Mercator-Universität Duisburg. Bereits von 1655 bis 1818 hatte es eine Duisburger Universität, die vom Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm gegründet worden war.
Im Stadtteil Dellviertel befindet sich ein Standort der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung NRW. In den vier Fachbereichen kommunaler Verwaltungsdienst, staatlicher Verwaltungsdienst, Polizeivollzugsdienst, und sozialer Verwaltungsdienst werden Beamte für den gehobenen Dienst ausgebildet. 2021 waren dort rund 3500 Studenten eingeschrieben.
Die 1900 gegründete Musikhochschule ist seit 1987 eine Abteilung der Folkwang-Hochschule. Am Standort Duisburg werden zwei Studiengänge angeboten, zum einen zum Diplompädagogen im Studiengang Musikpädagogik, zum anderen zum Diplommusiker im Studiengang Künstlerische Instrumentalausbildung. Die FOM – Hochschule für Oekonomie und Management ist eine weitere Hochschule.
Im Jahr 1919 wurde die Volkshochschule (VHS) Duisburg eröffnet. An ihr bieten über 700 Kursleiter Weiterbildungsmöglichkeiten in allgemeinen, politischen, beruflichen und kulturellen Bereichen an.
Weitere Bildungsträger in Duisburg sind die Deutsche Angestellten Akademie, das Bildungszentrum des Bauhandwerks, die FOM Hochschule (FOM), die Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie (VWA) Duisburg, die Schweißtechnische Lehr- und Versuchsanstalt (SLV) Duisburg, die PTA Lehranstalt, die Gemeinnützige Gesellschaft für Beschäftigungsförderung (GfB) Duisburg, das Bildungszentrum der Wirtschaft, das Institut für Maßnahmen zur Förderung der beruflichen und sozialen Eingliederung (IMBSE), das Psychotherapeutische Institut Bergerhausen (PIB) und das Institut für Technische Dokumentation, Schulung und Beratung (ITS) Duisburg.
Auch das Schifferberufskolleg und das Schulschiff Rhein haben ihren Sitz in Duisburg. Dort werden angehende Matrosen in dreimonatigen Blöcken unterrichtet.
Mit fast 1.000.000 Medienbeständen zählt die Duisburger Stadtbibliothek zu den großen Stadtbüchereien Deutschlands. In den 1970er Jahren gab es ein umfangreiches Zweigstellennetz, das neben sechs Stadtbezirksbibliotheken auch viele Stadtteilbibliotheken umfasste. Im Zuge der Sparmaßnahmen sind heute sieben Stadtbezirksbibliotheken und sechs Stadtteilbibliotheken übrig geblieben – die Zentralbibliothek in der Innenstadt verfügt über eine vergleichsweise umfangreiche Sammlung türkischsprachiger Literatur. Seit 1970 findet hier auch die Internationale Kinder- und Jugendbuchausstellung (IKiBu) statt. Von besonderer Bedeutung sind auch die Universitätsbibliothek der Universität Duisburg-Essen und das Archiv der Stadt Duisburg.
2009 wurde das Konfuzius-Institut Metropole Ruhr eröffnet, das an der Universität Duisburg-Essen angesiedelt ist und als Kulturinstitut Kenntnisse über die chinesische Sprache und Kultur vermitteln will. Darüber hinaus werden Unternehmen und Politiker beraten, die Kontakte nach China pflegen. Das Duisburger Konfuzius-Institut ist das neunte Institut in Deutschland und wie alle eine offizielle Einrichtung der Volksrepublik. Die Stadt Duisburg ist weiterhin „Korporativ Förderndes Mitglied“ der Max-Planck-Gesellschaft.
Religionen
Konfessionsstatistik
Gemäß dem Zensus 2011 waren 26 % der Einwohner evangelisch, 31 % römisch-katholisch und 43 % konfessionslos, gehörten einer anderen Glaubensgemeinschaft an oder machten keine Angabe. Die Zahl der Protestanten und Katholiken ist seitdem gesunken. Jahresende 2021 waren von den Einwohnern 24,6 % katholisch, 19,5 % evangelisch und 56 % gehörten einer anderen Glaubensgemeinschaft an oder waren konfessionslos. Zum Jahresende 2021 waren laut kirchlicher Statistik 24,2 % der Einwohner katholisch. Das Duisburger Amtsgericht hat im Jahr 2022 etwa 2.400 Austritte (0,5 % der Gesamtbevölkerung) verzeichnet.
Protestantische Kirchen
1543 wurde auf Beschluss des Rates der Stadt im evangelischen Sinne gepredigt und in den Folgejahren auch das Abendmahl in beiderlei Gestalt („Brot und Wein“) gefeiert, so dass bis 1555 die Reformation endgültig Fuß fassen konnte. Vorherrschend war ab 1579 das reformierte Bekenntnis, Duisburg und Wesel bildeten die reformierten Zentren im Herzogtum Kleve. 1610 wurde auf der Duisburger Generalsynode in der Salvatorkirche der Synodalverband der reformierten Gemeinden Jülich, Kleve und Berg gegründet, zu dem auch die Gemeinde in Duisburg gehörte. Die Gegenreformation konnte sich im Dreißigjährigen Krieg nicht durchsetzen. Erst 1727 bildete sich wieder eine lutherische Gemeinde. Beide Konfessionen vereinigten sich 1891 zur unierten Gemeinde von Duisburg. In preußischer Zeit wurde Duisburg Sitz einer Superintendentur innerhalb der Rheinischen Provinzialkirche der Evangelischen Kirche in Preußen, aus der später der Kirchenkreis Duisburg innerhalb der heutigen Evangelischen Kirche im Rheinland hervorging. Walsum gehört zum Kirchenkreis Dinslaken und das linksrheinische Duisburg zum Kirchenkreis Moers. Duisburg ist Sitz der großen evangelischen Hilfsorganisation Kindernothilfe. In Ruhrort gibt es eine Nederlandse Kerk, die überwiegend von Binnenschiffern besucht wird.
Nach den Ergebnissen des Zensus am 9. Mai 2011 gehörten 135.610 Einwohner (26 %) von Duisburg der evangelischen Kirche, 2.660 evangelischen Freikirchen an.
Römisch-Katholische Kirche
Duisburg gehörte im Mittelalter zum Bistum Lüttich, später zum Erzbistum Köln.
Die nach der Reformation in Duisburg verbliebenen Katholiken gehörten weiterhin dem Erzbistum Köln an. Nach einer Neuordnung der Bistümer 1821 kam Duisburg zum Bistum Münster. Seit 1958 gehören die Pfarrgemeinden in den damaligen Grenzen Duisburgs zum neu gegründeten Bistum Essen. Nach der 2006/2015 erfolgten Neuordnung der Pfarreienstruktur sind dies die Pfarreien St. Johann (Hamborn), St. Michael (Meiderich), Liebfrauen (Mitte) und St. Judas Thaddäus (DU-Süd), die jeweils aus mehreren ehemals selbständigen Gemeinden bestehen.
Die Gebiete der 18 Pfarrgemeinden des linksrheinischen Dekanats Duisburg-West und des zum Dekanat Dinslaken gehörenden Pfarrverbands Walsum wurden erst 1975 nach Duisburg eingemeindet und gehören weiterhin zum Bistum Münster.
Nach den Ergebnissen des Zensus am 9. Mai 2011 gehörten 158.160 Einwohner (31 %) von Duisburg der katholischen Kirche an.
Andere christliche Kirchen
Die evangelischen und römisch-katholischen Kirchengemeinden in Duisburg sind Mitglieder in der 1993 gegründeten Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen Duisburg. Dieser Arbeitsgemeinschaft gehören darüber hinaus die griechisch-orthodoxe Kirche, die Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche, die Armenische Apostolische Kirche, die Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Freikirchen sowie die Apostolische Gemeinschaft mit vier Gemeinden in Beeck, Hamborn, Walsum und Wanheimerort an. Auch in Duisburg vertreten ist die Neuapostolische Kirche mit 15 Kirchengebäuden innerhalb des Stadtgebietes. Ebenfalls vertreten ist die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (im Volksmund auch „Mormonen“ genannt). Das Gemeindehaus befindet sich in Neuenkamp. Auch das syrische Christentum ist in Duisburg vertreten, die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien hat ihr Gotteshaus an der Karl-Jarres Straße 152. Bei den Syrisch-Orthodoxen Christen handelt es sich um ethnische Assyrer aus dem Nahen Osten (auch bekannt als Aramäer).
Jüdische Gemeinde
Eine seit dem 12. Jahrhundert erwähnte jüdische Gemeinde bestand bis zum Pestjahr 1349/1350, dann gab es wieder Juden ab dem 15. Jahrhundert. Eine Synagogengemeinde entstand aber erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts wieder, die bis 1944 ausgelöscht wurde. 1816 betrug der Anteil der Juden an der Bevölkerung 0,68 Prozent, 1928 circa 0,8 Prozent.
Die jüdische Gemeinde der Städte Duisburg, Mülheim an der Ruhr und Oberhausen hat ein gemeinsames Gemeindezentrum mit Synagoge im Duisburger Innenhafen. Für die etwa 2800 Mitglieder starke Gemeinde wurde ein Umzug aus dem kleinen Mülheimer Gemeindezentrum notwendig. Gemeinsam beschlossen die Jüdische Gemeinde und die drei Städte Duisburg, Mülheim und Oberhausen einen Neubau in Duisburg. Seit Einweihung des Gemeindezentrums der Jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim/Ruhr-Oberhausen im Jahre 1999 ist dieser Ort mit Leben gefüllt. Es finden dort unter anderem Kulturveranstaltungen statt, so eine Jüdische Buchmesse sowie die Jüdischen Kulturtage im Rheinland für das westliche Ruhrgebiet. Aber auch das Engagement im Bereich der Familien- und Jugendarbeit ist in den Räumen des Gemeindezentrums in Duisburg mit dem Kinder- und Jugendzentrum Tikwatejnu beheimatet – Tikwatejnu ist Hebräisch und bedeutet übersetzt „Unsere Hoffnung“.
Islamische Gemeinden
Nach einer Berechnung aus den Zahlen des Zensus am 9. Mai 2011 für die Personen mit Migrationshintergrund lag der Bevölkerungsanteil der Muslime in Duisburg am 9. Mai 2011 bei 14,6 Prozent (rund 71.200 Personen). In einigen Ortsteilen Duisburgs ist der Anteil der islamischen Bevölkerung wesentlich höher (z. B. Bruckhausen, Marxloh, Obermarxloh, Fahrn). Im Stadtteil Marxloh wurde am 26. Oktober 2008 die Duisburger Merkez-Moschee eröffnet. Das integrative Konzept und die Zusammenarbeit von Stadt und islamischen Religionsvereinen hat bundesweit für Aufsehen gesorgt. Im Schuljahr 2011/12 gehörten 17.344 Kinder in Duisburg dem Islam an, dies sind etwa 3000 mehr, als der Katholischen Kirche angehörten.
Neben der sunnitisch-islamischen Glaubensgemeinschaft existiert eine bedeutende alevitische Glaubensgemeinschaft in der Stadt. Die Gemeinschaft hat zwei Vereinshäuser. Diese sind die Alevitische Gemeinde Duisburg (Rheinhausen) und das Alevitische Kulturzentrum Duisburg-Marxloh e. V. Beide Vereine gehören der Alevitischen Gemeinde Deutschland e. V. (AABF) an.
Insgesamt gibt es 39 Moscheen in Duisburg. Davon stehen 16 unter der Leitung des Dachverbands DITIB, acht Moscheen werden vom Dachverband VIKZ geführt, fünf gehören zum Dachverband IGMG und eine zum Dachverband IGBD. Die restlichen neun Moscheen werden in freier Trägerschaft geführt.
Kultur und Sehenswürdigkeiten
Duisburg bietet ein großes Angebot an kulturellen Einrichtungen und Veranstaltungen. Herausragend wichtiges Ereignis sind die alljährlich seit 1977 (außer 2005) stattfindenden Duisburger Akzente, die sich jeweils mit einem kulturell aktuellen Thema auseinandersetzen, und das Traumzeit-Festival im Landschaftspark Duisburg-Nord. Überregional bedeutsam sind die im gesamten Ruhrgebiet stattfindende RuhrTriennale und das Klavierfestival Ruhr.
Von besonderer Bedeutung sind die Stätten und Aktivitäten der Industriekultur, die dem gesamten Ruhrgebiet ein neues Gesicht geben sollen. Der Landschaftspark Duisburg-Nord, der Hafenstadtteil Ruhrort und der am Rande des Stadtzentrums gelegene Innenhafen sind die Duisburger Hauptattraktionen an der Route der Industriekultur.
Theater
Das 1912 nach einem Entwurf des Breslauer Architekten Martin Dülfer im neoklassizistischen Stil erbaute Theater Duisburg gilt als das kulturelle Zentrum der Stadt. Es wird seit 1956 von der Deutschen Oper am Rhein zusammen mit den Duisburger Philharmonikern bespielt. Die Deutsche Oper am Rhein ist eine Theatergemeinschaft der Nachbarstädte Düsseldorf und Duisburg. Sie hat neben Oper und Operette/Musical auch Ballett im Programm.
Bereits von 1887 bis 1921 bestand eine Theaterehe mit Düsseldorf. Diese wurde von einer eigenständigen Duisburger Oper und einer Theatergemeinschaft mit dem Schauspielhaus Bochum abgelöst, die bis 1935 bestand.
Duisburg besitzt kein eigenes Schauspielensemble. Im Stadttheater werden Inszenierungen anderer Theater gezeigt, insbesondere aus der Rhein-Ruhr-Region.
Weitere Theater sind das Kleinkunsttheater „Die Säule“ im Dellviertel, das Kinder- und Jugendtheater „Kom’ma“ in Rheinhausen sowie die Kleinkunstbühne Meiderich. Der älteste noch existierende Theaterverein in Duisburg ist die „bühne47 – Ketteler Spielschar“ mit Sitz im Ortsteil Rheinhausen. Aufgrund von Zahlungsschwierigkeiten schloss die freie Schauspielbühne „Comödie Duisburg“ im Juli 2008.
Veranstaltungsorte
1962 wurde die Duisburger Mercatorhalle in der Innenstadt eingeweiht. Sie ersetzte die 1887 eröffnete und 1942 zerstörte Tonhalle, die an der gleichen Stelle stand. Die Mercatorhalle galt 40 Jahre lang als die „gute Stube“ der Stadt. Diese Konzert- und Veranstaltungshalle wurde 2005 abgerissen, um Platz für das City Palais zu schaffen, das unter anderem ein im Februar 2007 eröffnetes Spielcasino und die „neue“ Mercatorhalle beherbergt. Der große Saal dieser Halle bietet Platz für 1750 Personen und wurde im April 2007 eröffnet. Die Duisburger Philharmoniker haben in der Mercatorhalle ihre Spielstätte. Ab August 2012 war die Mercatorhalle wegen erheblicher Mängel beim Brandschutz geschlossen. Sie wurde 2016 nach aufwendigen Sanierungsarbeiten wiedereröffnet.
Das Theater am Marientor (TaM) ist ein ehemaliges Musicaltheater („Les Miserables“) und wird heute für unterschiedlichste Bühnenveranstaltungen vermietet. Die Duisburger Philharmoniker nutzten es vom Abriss der alten bis zur Eröffnung der neuen Mercatorhalle als Ausweichquartier. Nach längerem Leerstand wird das TaM seit der erneuten Schließung der Mercatorhalle 2012 wieder von den Philharmonikern genutzt. Ein geplanter Verkauf an eine private Investorengruppe, die dort das Musical „Braveheart“ plant, erscheint daher fraglich.
Die Rhein-Ruhr-Halle in Hamborn fasste bis zu 4450 Sitzplätze. Unrenoviert und nicht optimal beheizt verlor sie mit der Zeit an Bedeutung und wurde im März 2011 geschlossen. In den Stadtteilen befinden sich außerdem die Rheinhausen-Halle, die Stadthalle Walsum, die Glückauf-Halle in Homberg-Hochheide und der Steinhof in Huckingen.
Veranstaltungsorte in der Kulisse einer stillgelegten Eisenhütte sind die Kraftzentrale (bis zu 4140 Plätze), die Gießhalle und die Gebläsehalle im Landschaftspark Duisburg-Nord. Regelmäßige Comedy- und Musikveranstaltungen finden auch im Bora am Dellplatz, im Kultur- und Freizeitzentrum Die Säule und im Pulp statt, ein 2002 zu einer mittelalterlich anmutenden Burg umgebautes Bahnhofsgebäude.
Gastronomie und Nachtleben
In Duisburg gibt es mehrere Bars, Cafés, Diskotheken, Lokale und Restaurants. Besonders bekannt ist die Gastronomie-Meile am Duisburger Innenhafen. Entlang der mit einem Damm abgeteilten und aufgestauten Wasserfläche befinden sich teils in wieder hergerichteten alten Getreidespeichern, teils modernen Bürokomplexen mehrere Gastronomiebetriebe, Restaurants, Cafés, Biergärten und Cocktailbars.
Ebenso bekannt für seine vielen Lokale ist der Dellplatz in der Duisburger Innenstadt. Seit 2023 bietet das Bora (früher Grammatikoff, davor HundertMeister) Kulturveranstaltungen verschiedener Art, wie Konzerte, Poetry-Slam und Comedy. In unmittelbarer Nähe befindet sich Duisburgs älteste Hausbrauerei, das Webster aus dem Jahr 1992, wo ebenfalls Konzerte stattfinden können. Im Universitätsviertel mit der ältesten Duisburger Studentenkneipe Finkenkrug findet man eine abwechslungsreiche Kneipenlandschaft.
Zu den bekanntesten Restaurants zählen das Restaurant in Duisburgs ältestem Wohngebäude, dem Dreigiebelhaus, das 1536 erbaut wurde, und die Gaststätte Lindenwirtin in Duissern, die in einem um 1760 gebauten Fachwerkhaus untergebracht ist. Ebenfalls bekannt ist die Schifferbörse im Hafenstadtteil Ruhrort.
In Duisburg gibt es mehrere Diskotheken. Im ehemaligen Empfangsgebäude des Bahnhofs Duisburg-Hochfeld Süd im Stadtteil Hochfeld befindet sich heute das „Eventschloss Pulp“. 2021 eröffnete das soziokulturelle Zentrum „Stapeltor“ in der Duisburger Innenstadt.
Im Jahr 2007 eröffnete das Casino Duisburg im Citypalais, die größte Spielbank der Westspiel-Gruppe. Es verfügt über 354 Automaten im Automatencasino und 29 Spieltische im klassischen Spiel. In den ersten zehn Monaten zählte das Duisburger Casino 700.000 Besucher und erwirtschaftete einen Bruttospielertrag von 55,4 Millionen Euro, womit es hinter Berlin und Stuttgart den dritthöchsten Bruttospielertrag aller deutschen Spielbanken erzielte.
Duisburg steht auch für ein außergewöhnliches Bordellviertel, im Bereich der Vulkanstraße, welches das größte in Nordrhein-Westfalen darstellt, mit ca. 500 Prostituierten, vorwiegend aus Osteuropa. Verschiedene Rockergruppierungen sind dort aktiv, vorwiegend die Bandidos.
Kinos
In Duisburg gibt es heute noch zwei Lichtspielhäuser. Dabei gab es in den 1960er Jahren in fast jedem Stadtteil ein Lichtspieltheater, doch das Kinosterben machte auch vor Duisburg nicht halt. Zuletzt blieben mit dem „Europa“ (das bis zur Insolvenz im Sommer 2008 die „Comödie“ beherbergte), dem „Gloria“ (jetzt ein Modegeschäft) und dem „Residenz“ (im Zuge des Baus des Einkaufszentrums „Forum Duisburg“ abgerissen) noch drei innerstädtische Kinozentren übrig. Doch letztlich haben auch sie unter anderem wegen der Konkurrenz mit dem UCI-Multiplex-Kino am Hauptbahnhof schließen müssen.
Neben dem Multiplex-Kino befindet sich am Dellplatz mit dem Filmforum eines der ältesten kommunalen Kinos Deutschlands. Das Filmforum, das 1970 eröffnet wurde, besitzt einen Kinosaal im Stile der 1950er Jahre und ein bedeutendes filmhistorisches Archiv. Seit 1977 ist es zudem alljährlich Ausrichter der Duisburger Filmwoche, einem wichtigen Dokumentarfilmfestival. Seit 1996 veranstaltet das Filmforum zusammen mit dem Landschaftspark Nord das Sommerkino. Für etwa einen Monat dient die Gießhalle des Landschaftsparks als Kulisse für das Freilichtkino, das neben aktuellen Filmen auch Klassiker zeigt.
Museen und Kunst
Das Wilhelm-Lehmbruck-Museum – Zentrum Internationaler Skulptur ist in einem vom Sohn Lehmbrucks entworfenen Museumsbau von 1964 untergebracht. Es zeigt ausgehend von dem Werk des Duisburger Künstlers Wilhelm Lehmbruck (1881–1919) eine europaweit einmalige Sammlung moderner Bildhauerkunst.
Das nahezu allseitig verglaste Lehmbruck-Museum liegt am Westrand des Kant-Parks, einem öffentlichen Skulpturenpark mit mittlerweile mehr als 40 Plastiken, darunter die kolossale Skulptur David des deutschen Künstlers Hans-Peter Feldmann. Der „Dialog zwischen Museum und Außenwelt“ soll sich in der angrenzenden Fußgängerzone mit seiner Brunnenmeile und den von Künstlern gestalteten U-Bahn-Stationen (unter anderen von Eberhard Bosslet, Isa Genzken und Gerhard Richter) fortsetzen.
Ein Wahrzeichen der Stadt ist der „Lebensretter“-Brunnen der französischen Künstlerin Niki de Saint Phalle mit einer sieben Meter hohen, einem Vogel ähnelnden, Schutz gewährenden und Stärke ausstrahlenden Figur, an die sich eine kleinere Figur hilfesuchend anklammert. Die Skulptur steht auf einer von ihrem Ehemann Jean Tinguely aus Schrottteilen konstruierten rotierenden Plattform. In Anspielung an die schlechte Finanzlage der Stadt wird das Kunstwerk im Volksmund auch ironisch „Pleitegeier“ genannt.
Ebenfalls an den in Meiderich geborenen Lehmbruck erinnert ein von der Stadt Duisburg vergebenes „Wilhelm-Lehmbruck-Stipendium“ für junge Künstler, dessen Stipendiaten kostenlose Wohnateliers im historischen Dreigiebelhaus zur Verfügung gestellt werden.
Das Museum Küppersmühle für Moderne Kunst präsentiert sich in einem von Herzog & de Meuron umgestalteten Innenhafen-Getreidespeicher. Die Sammlung Junge Kunst in den Räumen der König-Brauerei in Beeck, das Museum DKM sowie die Cubus Kunsthalle beschäftigen sich ebenfalls mit moderner Kunst.
Das Museum DKM in der Duisburger Innenstadt und die Galerie DKM im Garten der Erinnerungen im Duisburger Innenhafen, beide von der gleichnamigen Stiftung getragen, sind private Ausstellungshäuser. Während das Museum erstmals die Privatsammlung der Mäzene Dirk Krämer und Klaus Maas der Öffentlichkeit zugänglich macht und Wechselausstellungen zeigt, widmet sich die Galerie ausschließlich zeitgenössischer Kunst.
Das Kultur- und Stadthistorische Museum befindet sich seit 1991 in einem ehemaligen Getreidespeicher am Innenhafen. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die wissenschaftsgeschichtlich wertvollen Globen der Mercator-Schatzkammer, die dem Lebenswerk des Mathematikers und Kartografen Gerhard Mercator gewidmet wurde. Im selben Gebäude war bis 2016 das Museum Stadt Königsberg untergebracht, das die Geschichte der alten ostpreußischen Stadt darstellte. Nach seiner Auflösung wurden die Bestände in das Ostpreußische Landesmuseum in Lüneburg integriert.
Das Museum der Deutschen Binnenschifffahrt ist mit seiner umfangreichen Sammlung in einem ehemaligen Jugendstil-Hallenbad in Ruhrort/Laar untergebracht. Zum Museum gehören zwei historische Dampfschiffe, ein Dampfkran sowie ein Dampfbagger, welche im Ruhrorter Hafen ankern und ebenfalls besichtigt werden können.
Kleinere Museen sind das Haniel Museum in Ruhrort, das Lehrerhaus Friemersheim in Rheinhausen, das Niederrheinische Karnevalsmuseum am Mattlerbusch, das Naturwissenschaftliche Museum in Wedau, das Bienenmuseum in Rumeln-Kaldenhausen und das Bergbaumuseum Rheinhausener Bergbausammlung. Das Radiomuseum in Ruhrort zeigt außer Radios auch Schallplattenspieler. In Duisburg-Rahm befindet sich das Traktormuseum
des Rahmer Traktor-Clubs.
Am Innenhafen ist 2014 mit dem Landesarchiv Nordrhein-Westfalen eines der größten Archivgebäude Deutschlands entstanden, realisiert durch den Bau- und Liegenschaftsbetrieb des Landes Nordrhein-Westfalen. Das denkmalgeschützte 48 Meter lange Speichergebäude aus den 1930er Jahren wurde durch einen 76 Meter hohen Archivturm im Zentrum ergänzt und auf 200 Meter verlängert.
Nach mehrjährigen Debatten und Verzögerungen entstand 2014 zudem ein Dokumentationszentrum über die Zeit des Nationalsozialismus in Duisburg.
Bauwerke
Das Duisburger Rathaus steht am Platz eines ehemaligen Königshofs der Franken. Ein früheres Rathausgebäude stammte aus dem Mittelalter und wurde im Jahre 1361 zum ersten Mal erwähnt. Es wurde 1802 abgebrochen und am Ort des alten Gerichtshauses am Weinmarkt neu erbaut. 1843 wurde dieses Rathaus abermals durch einen Neubau an der heutigen Stelle ersetzt. Das heutige, im Stil der Frührenaissance (Historismus) errichtete Gebäude, wurde 1902 unter Leitung des Karlsruher Architekten Friedrich Ratzel erbaut.
Seit 1878 befindet sich auf der Mitte des Burgplatzes vor dem Rathaus der Mercatorbrunnen.
Die neben dem Rathaus stehende Salvatorkirche befindet sich ebenfalls auf dem Gelände des Königshofes. Hier stand erstmals im 9. Jahrhundert eine Kirche. Nach einem Brand im 13. Jahrhundert wurde 1415 der Neubau fertiggestellt. Seit 1571 ist die am Innenhafen gelegene Salvatorkirche evangelisch. In die benachbarte katholische Karmelkirche von 1961 sind Teile der im Krieg zerstörten Minoritenkirche von 1271 integriert worden. Zuvor hatte diese Klosterkirche in den Komplex der im Krieg zerstörten ältesten katholischen Stadtkirche, der Liebfrauenkirche, gehört. Rathaus, Salvatorkirche und Liebfrauenkirche bildeten vor dem Zweiten Weltkrieg die typische Drei-Türme-Silhouette der Stadt.
Die Liebfrauenkirche wurde nach dem Krieg an anderer Stelle inmitten des neuen Duisburger Stadtzentrums am Stadttheater wiederaufgebaut. Die Glasfenster, Baldachin und zahlreiche andere Einrichtungsgegenstände der Liebfrauenkirche stammen aus der Vatikankirche der Brüsseler Weltausstellung von 1958.
1153 wurde die Marienkirche als erste Niederlassung des Johanniterordens in Deutschland errichtet. Der heutige klassizistische Bau geht zum größten Teil auf das Jahr 1802 zurück. Seit dem 16. Jahrhundert ist die Kirche evangelisch.
Die Abtei Hamborn mit der Abteikirche St. Johann Baptist im Norden der Stadt geht auf das 11./12. Jahrhundert zurück, ein Vorgängerbau ist von 900. Die Abtei gehört zum Prämonstratenser-Orden. Die spätromanische katholische Pfarrkirche St. Dionysius in Mündelheim wurde 1221 erbaut.
Ein 1999 fertiggestelltes Jüdisches Gemeindezentrum liegt im Innenhafen unweit der in der Pogromnacht 1938 zerstörten alten Synagoge von 1875. Es gilt als ein herausragendes Beispiel zeitgenössischer skulpturaler Architektur.
Mit der im Oktober 2008 fertiggestellten Merkez-Camii der DITIB in Marxloh steht in Duisburg ein Gebetsraum für 1200 Gläubige mit einem 34 Meter hohen Minarett und einem 23 Meter hohen silberfarbenen Kuppeldach.
Das am Rande des Innenhafens gelegene Dreigiebelhaus, errichtet 1536, ist das älteste noch erhaltene Wohngebäude Duisburgs. Der ältere Gebäudeteil des Amts- und Landgerichts Duisburg wurde 1876 im Stil der Neo-Renaissance fertiggestellt.
Die von Herzog & de Meuron 1999 zum Museum umgebaute Küppersmühle von 1909 ist der architektonisch bedeutsamste Teil der Speicherzeile im Innenhafen und wird bis Frühjahr 2021 teilweise renoviert und ausgebaut.
Zwischen 1981 und 1991 wurden 23 Ziegel-Rundbauten, im Volksmund „Keksdosen“ genannt errichtet, Architekt war unter anderen Peter Poelzig. Sie sind die markantesten Gebäude der in Neudorf am Rande des Duisburger Stadtwaldes gelegenen Universität.
Das im Universitäts-Stadtteil gelegene „Haus der Wirtschaftsförderung“ an der Mülheimer Straße, das Technologiezentrum an der Bismarckstraße und das Mikroelektronikzentrum wurden 1992 bis 1996 von Norman Foster errichtet.
Im Landschaftspark Duisburg-Nord kann man seit 1994 ein stillgelegtes Hüttenwerk besichtigen und sogar einen Hochofen besteigen. Nachts ist die Anlage durch die Beleuchtung eine riesige Lichtskulptur.
Im Rahmen der RUHR.2010 wurde das Brückenbauwerk Tiger and Turtle – Magic Mountain auf der Heinrich-Hildebrand-Höhe errichtet. Es erinnert an eine Achterbahn und ist zu großen Teilen begehbar.
Sport
Die Dachorganisation der Duisburger Sportvereine stellt der Stadtsportbund (SSB) Duisburg dar, der dem Landessportbund Nordrhein-Westfalen angeschlossen ist. Insgesamt gehören dem SSB Duisburg ungefähr 500 Vereine mit über 110.000 Mitgliedern an.
Duisburg ist Sitz des Landessportbundes Nordrhein-Westfalen, des Deutschen Kanu-Verbandes, des Westdeutschen Fußballverbandes, des Leichtathletik-Verbandes Nordrhein sowie weiterer überregionaler Sportverbände.
Sportvereine
Der bekannteste Sportverein in Duisburg ist der 1902 gegründete MSV Duisburg, damals noch unter dem Namen Meidericher Spielverein. Berühmt ist der Club durch seine Fußballmannschaft, die aufgrund ihrer gestreiften Trikots „Zebras“ genannt werden. 1963 gehörte der MSV zu den Gründungsmitgliedern der Fußball-Bundesliga, der nach wechselhaften Jahren in der 1. und 2. Bundesliga aufgrund von Finanzproblemen 2013 in die 3. Liga absteigen musste. Schon vor 1963 sorgte der Meidericher SV für Furore. Damals galt Duisburg als Fußballhochburg im Ruhrgebiet. In der Stadt gab es insgesamt drei große, landesweit bekannte Vereine, obwohl nie ein Duisburger Verein nationale Erfolge verbuchen konnte. Neben dem MSV waren dies der Duisburger SpV (der 1964 mit dem TuS Duisburg 48/99 zu Eintracht Duisburg fusionierte) und die Sportfreunde Hamborn 07.
In der Frauenfußball-Bundesliga gehörte der FCR 2001 Duisburg (vormals FC Rumeln-Kaldenhausen) zu den besten Mannschaften und gewann mehrere Titel (Deutscher Meister 2000, UEFA-Cup-Sieger 2009). Bereits in den 80er und 90er Jahren gab es mit dem KBC Duisburg eine Spitzenmannschaft im Frauenfußball (Deutscher Meister 1985), die Abteilung wechselte im Jahr 1997 zum Verein Eintracht Duisburg 1848. Seit der Insolvenz des FCR 2013 laufen die Mannschaften in der Frauenfußballabteilung des MSV auf.
Zu den überregional bekannten Sportclubs aus Duisburg zählt der Eissportverein „Füchse“ Duisburg, der bis 2009 in der Deutschen Eishockey-Liga spielte und nach seinem Rückzug aus der höchsten Spielklasse mittlerweile drittklassig ist. Die Füchse Duisburg sind der Nachfolgeverein des Duisburger SC, der von 1979 bis 1981 in der höchsten deutschen Spielklasse aktiv war.
Im linksrheinischen Rheinhausen ist der traditionsreiche Handball-Verein und ehemalige Bundesligist OSC Rheinhausen beheimatet, der mittlerweile viertklassig ist. Ein traditionsreicher Hockeyverein ist der Club Raffelberg (CR), der in den 1950er Jahren zwei deutsche Meisterschaften im Feldhockey feiern konnte. Heute spielt der CR in der Hockey-Regionalliga.
In der Wasserball-Bundesliga wurde der Amateur-Schwimm-Club Duisburg (ASCD) sowohl 2013 Meister als auch wiederholt Vizemeister.
Im nördlichen Stadtteil Alt-Hamborn errang die 1. Mannschaft der Herren vom Squash Inn Team Hamborn 88 in der Saison 2010/11 nach erstmaligem Aufstieg in die 1. Bundesliga auch den Vizemeistertitel.
Neben diesen Vereinen gibt es noch weitere Clubs aus Duisburg, die mit ihren Mannschaften in den ersten Ligen ihrer Sportarten vertreten sind, teilweise sehr erfolgreich:
RESG Walsum (mit 16 Meisterschaften deutscher Rekordmeister im Rollhockey)
SHC Duisburg Ducks (mit acht Meisterschaften deutscher Rekordmeister im Inline-Skaterhockey, dazu dreimal Europapokalsieger)
1. BC Duisburg (einer der erfolgreichsten Vereine der deutschen Bowling-Bundesliga)
Sportveranstaltungen
Das ganze Jahr über finden viele Sportveranstaltungen statt. Zu den berühmtesten Veranstaltungen gehören der Rhein-Ruhr-Marathon und die Duisburger-Tanz-Tage. Von Rhein Fire werden in der Schauinsland-Reisen-Arena die American-Football-Spiele der European League of Football (ELF) ausgetragen. Darüber hinaus gibt es noch weitere Sportveranstaltungen in der Stadt.
Duskatet (Inlineskating Touren durch das Stadtgebiet)
Citirun (Unternehmerlauf in der Duisburger Innenstadt zu Gunsten karitativer Zwecke)
AOK Winterlaufserie des ASV Duisburg (größte Winterlaufserie in Deutschland)
Kaiserbergfest (traditionelles Sportfest, dass 1883 erstmals auf dem Kaiserberg ausgetragen wurde, heute findet es im Sportpark Duisburg statt)
Drachenbootfunregatta im Innenhafen
Große Duisburger Radwanderung
Innenhafenlauf
Sportschau (Sportgala des Stadtsportbundes Duisburg)
24 Stunden von Duisburg (24 Stunden Mountain-Bike-Rennen im Landschaftspark Duisburg-Nord)
Alle zwei Jahre zu Pfingsten endet am Rheinorange der Ultramarathonlauf Tortour de Ruhr, der 230 Kilometer flussaufwärts an der Ruhrquelle startet
Die Sportstadt Duisburg wurde ebenfalls bekannt durch die Ausrichtung internationaler Sportveranstaltungen, vor allem durch Kanu- und Ruder-Weltmeisterschaften im Sportpark Duisburg. 2013 ist Duisburg Ausrichter der Kanurennsport-Weltmeisterschaften 2013 mit 78 teilnehmenden Nationen.
1989 fand in der Ruhrgebietsstadt die Universiade und 2005 die World Games statt.
Nachdem sich Duisburg 2021 als Host Town für die Gestaltung eines viertägigen Programms für eine internationale Delegation der Special Olympics World Summer Games 2023 beworben hatte, wurde die Stadt 2022 als Gastgeberin für das Team Special Olympics Saudi-Arabien ausgewählt. Das Programm wird vor den Weltspielen stattfinden und macht Duisburg zu einem Teil des größten kommunalen Inklusionsprojekts in der Geschichte der Bundesrepublik mit mehr als 200 Host Towns.
Sportstätten
In den einzelnen Stadtteilen gibt es eine Vielzahl an Außensportanlagen, die überwiegend an Sportvereine verpachtet sind und die von diesen unterhalten und gepflegt werden. Für die Duisburger Vereine besteht außerdem die Möglichkeit auf die Turnhallen oder Schwimmbäder, die teilweise privat betrieben werden, im Stadtgebiet zurückzugreifen. Zudem gibt es in Duisburg drei Golfanlagen: Den „Niederrheinischen Golfclub“ in Röttgersbach sowie den Club „Golf & More“ in Großenbaum und Huckingen. Zusammen belegen sie eine Fläche von 1.160.000 Quadratmetern.
Die größten und bekanntesten Sportstätten befinden sich im Sportpark Duisburg im Stadtteil Neudorf-Süd (Bis 2008 Sportpark Wedau). Zu diesen zählt die 31.500 Zuschauer fassende Schauinsland-Reisen-Arena, die 2005 das alte Wedaustadion ersetzte. In der Schauinsland-Reisen-Arena trägt der Fußball-Drittligist MSV Duisburg seine Heimspiele aus. In direkter Nachbarschaft liegen das Schwimmstadion und die Eissporthalle, die Heimspielstätte des EV Duisburg. Im östlichen Teil des Sportparks befindet sich die Regattabahn Duisburg, die zu den modernsten ihrer Art weltweit gehört. Dort liegt auch das Bundes- und Landesleistungszentrum für den Kanurennsport. Im Sportpark befinden sich noch das Leichtathletikstadion und die Sportschule Wedau. Der Name Wedau geht auf die Bezeichnung eines Feuchtgebietes aus dem 14. Jahrhundert zurück und wird begrenzt durch die Kruppstraße, die Masurenallee, die Wedauer Straße und den Kalkweg.
Weitere wichtige Sportstätten sind in den Stadtteilen zu finden.
PCC-Stadion (Fußballstadion, Spielstätte des Regionalligisten VfB Homberg und der Frauen des MSV Duisburg)
Schwelgernstadion
Sporthalle an der Krefelder Straße (Heimspielstätte des OSC Rheinhausen)
Inklusion
2021 bewarb sich die Stadt als Host Town für die Gestaltung eines viertägigen Programms für eine internationale Delegation der Special Olympics World Summer Games 2023 in Berlin. 2022 wurde sie als Gastgeberin für Special Olympics Saudi-Arabien ausgewählt. Damit wurde sie Teil des größten kommunalen Inklusionsprojekts in der Geschichte der Bundesrepublik mit mehr als 200 Host Towns.
Erholung und Freizeit
In Duisburg gibt es zahlreiche Naherholungsgebiete. 2.500 Hektar des Duisburger Stadtgebietes sind Waldflächen. Zu den größten Wäldern zählen der Baerler Busch und der Driesenbusch in Walsum, vor allem aber der Duisburger Stadtwald, der nach dem Berliner Grunewald und der Eilenriede in Hannover der drittgrößte Stadtwald in Deutschland ist.
Außerdem gibt es knapp ein Dutzend Parkanlagen. Zu den berühmtesten zählen der Stadtpark in Meiderich und der Biegerpark in Huckingen, im Besonderen aber der 1979 errichtete Revierpark Mattlerbusch im Norden der Stadt mit der Niederrhein-Therme als Kernstück.
In Hochfeld befindet sich der Rheinpark auf einem ehemaligen Industriegelände, auf dessen 60 Hektar großen Grundstück ein neues Stadtquartier, welche die Elemente Wohnen, Arbeiten und Freizeit miteinander verbinden soll. Der erste Bauabschnitt wurde im Mai 2009 fertiggestellt. Der zweite Bauabschnitt wurde nach Ende der Drahtproduktion im dortigen Werk von Arcelor-Mittal begonnen und wurde Ende 2020 fertiggestellt. bereitet zusammen mit anderen Baumaßnahmen die Teilnahme Duisburgs an der Internationalen Gartenausstellung 2027 vor. Weitere Möglichkeiten sich am Rhein zu erholen bieten die Rheinauen in Walsum, Friemersheim und Mündelheim.
Duisburg verfügt über zwei botanische Gärten. Der älteste befindet sich am Kaiserberg und wurde 1890 gegründet, der Botanische Garten Duissern zeigt meist einheimische Pflanzen, bekannt sind das Alpinum und die Seerosenteiche. Er ist ganzjährig geöffnet und kostenfrei zugänglich. Der größere botanische Garten befindet sich im Stadtteil Hamborn, er wurde im Jahre 1905 angelegt. Der Botanische Garten Hamborn präsentierte bis 2011 auf einer Fläche von 2.000 Quadratmetern etwa 2.500 Arten tropischer und subtropischer Gewächse in sechs Häusern. Ab 2011 wurde er aus Kostengründen in eine aufwendige Parkanlage mit Stauden- und Bauerngärten umgewandelt, die 2014 wiedereröffnet wurde. Eines der alten Gewächshäuser wurde als Kalthaus und Orangerie erhalten.
Neben der Gastronomie-Meile und den Museen bietet der Innenhafen noch weitere Erholungsmöglichkeiten, insbesondere der Garten der Erinnerung lädt Erholungssuchende ein. Des Weiteren finden am Innenhafen das ganze Jahr über Veranstaltungen statt, wie die Marina-Märkte, der Innenhafenlauf oder das internationale Hafenfest.
In Duisburg-Meiderich liegt der Landschaftspark Duisburg-Nord, der von der renommierten, britischen Zeitung „The Guardian“ zu einem der zehn schönsten Parks weltweit gekürt wurde. Auf dem Gelände eines ehemaligen Hüttenwerkes entstand im Rahmen der Internationalen Bauausstellung Emscher Park (IBA) ein rund 200 Hektar großer Park neuen Typs und bietet heute zahlreiche Freizeitmöglichkeiten wie Klettern in alten Erzbunkern oder Tauchen in einem Gasometer. Im Jahr finden auf dem Gelände des Landschaftsparks rund 470 Veranstaltungen verschiedener Art statt, zum Beispiel Messen und Konzerte. Außerdem ließ man die Natur das Gelände zurückerobern und mittlerweile haben sich mehr als 300 Pflanzenarten im Park angesiedelt. Pro Jahr hat der Park mehr als 700.000 Besucher.
Durch Duisburg führen auch Themenrouten der Route der Industriekultur, zum Beispiel die Industriekultur am Rhein oder die Route Duisburg: Stadt und Hafen.
In unmittelbarer Nähe zum Sportpark Duisburg und zum Duisburger Stadtwald befindet sich im Duisburger Süden die Sechs-Seen-Platte. Durch Kiesarbeiten entstanden ab Mitte der 1910er Jahre sechs Seen mit einer Wasserfläche von 150 Hektar, das gesamte Naherholungsgebiet hat eine Fläche von 283 Hektar. Während die nördlichen Seen hauptsächlich der Freizeitgestaltung dienen – hier gibt es unter anderem ein Freibad und einen Bootsverleih – finden rund um die südlichen Seen Renaturierungsmaßnahmen statt, dennoch kann man auch hier nach Erholung suchen.
Im linksrheinischen Rheinhausen liegt der Toeppersee, der 1898 infolge von Kiesarbeiten entstand und 1966 zum Freizeitsee ausgebaut wurde. Am Toeppersee befinden sich unter anderem ein Bootsverleih, eine Minigolf- und eine von zwei Duisburger Wasserskianlagen. Die zweite Wasserskianlage befindet sich im Strandbad im Sportpark Duisburg.
Entlang des Parallelkanals der Regattabahn im Sportpark Duisburg entstand Ende 2007/Anfang 2008 die Wasserwelt Wedau. Die Wasserwelt verbindet die Bereiche Erholung am Wasser, Funsport und Sport miteinander. So wurden ein Hochseilgarten und ein Wasserspielplatz geschaffen, außerdem dient der Weg der Bewegung der sportlichen Betätigung. Er gehört zum 3-Wege-Konzept, das neben dem Weg der Bewegung noch den Weg des Wissens (vermittelt Wissen rund um das Wasser) und den Weg der Sinne (Naturerlebnisweg) beinhaltet. Der Sportpark Duisburg ist insgesamt etwa 200 Hektar groß und gehört somit zu den größten Sport- und Erholungsgebieten Deutschlands.
Im Jahr 1934 wurde der Duisburger Zoo als Tierpark gegründet und gehört heute zu den modernsten und größten zoologischen Gärten Deutschlands. Berühmt ist der Zoo vor allem für sein Delfinarium, das in den 1960er Jahren errichtet und 1995 modernisiert wurde. Außerdem sind in Duisburg seltene Tierarten zu bestaunen wie Koalas, Wombats oder Fossas, insgesamt leben im Zoo Duisburg rund 8.981 Tiere in 418 Arten (Stand: 2018). Jährlich wird der zoologische Garten, der an den Hängen des Kaiserberges liegt und von der Bundesautobahn 3 geteilt wird, von mehr als einer Million Menschen besucht.
Regelmäßige Veranstaltungen
Im Leben der Duisburger Bürger spielt der Karneval eine bedeutende Rolle. Im Stadtarchiv Duisburg befindet sich eine Stadtrechnung aus dem Jahre 1377, aus der hervorgeht, dass die Ratsherren und die Bürgerschaft ausgiebig Fastabend („Vastavent“) feierten. Große Karnevalsbälle wurden allerdings erst ab dem 19. Jahrhundert gefeiert. Die ersten Karnevalsvereine gründeten sich Anfang des 20. Jahrhunderts, heute gibt es in Duisburg zirka 50 Karnevalsvereine mit 3500 Mitgliedern. Alljährlich beginnt die Session mit der Prinzenkürung und dem Hoppeditz-Erwachen am 11. November, ehe sie mit dem Straßenkarneval im Frühjahr ihren Höhepunkt erreicht. Neben dem Rosenmontagszug in der Innenstadt, der sich 1928 erstmals durch Duisburgs Straßen schlängelte, gibt es Karnevalsumzüge in den Stadtteilen Meiderich, Serm, Homberg, Neumühl und Wehofen. Durch die Straßen des Stadtteils Hamborn windet sich am Karnevalssonntag der nach eigenen Angaben größte Kinderkarnevalszug Europas.
Besonders viele Veranstaltungen finden in der Duisburger Innenstadt statt. An einem Wochenende im Sommer wird das große Duisburger Stadtfest veranstaltet, das an drei Tagen ein vielseitiges Angebot bietet, von Konzerten über Modeschauen bis hin zu Kabarett. Seit 1995 findet Ende Mai/Anfang Juni das Matjesfest statt, bei dem es sich in der Hauptsache um Heringspezialitäten dreht, aber rund um das drei- bis viertägige Spektakel gibt es zusätzlich noch ein Kulturprogramm. Durch den Weinhandel wurde Duisburg im Mittelalter zu einer wohlhabenden Stadt. Die Fortsetzung des Weinhandels bietet das seit 1986 ausgerichtete Duisburger Weinfest, auf dem mehr als 40 Winzer aus den deutschen Weinanbauregionen ihre Weine anbieten. Das Weinfest findet meist Ende Juli/Anfang August statt. Darüber hinaus gibt es noch weitere bekannte Veranstaltungen in der Duisburger Innenstadt wie das Kunsthandwerkerfestival oder die Automesse Duisburg in Lack und Chrom. Von Mitte November bis kurz vor Silvester findet der Duisburger Weihnachtsmarkt statt. Neben den rund 130 Ständen zählen das Riesenrad, die Eislaufbahn und der Kristallbaum auf dem König-Heinrich-Platz zu den Höhepunkten des Marktes, der zu den größten Weihnachtsmärkten in Deutschland gehört.
In der Hafenstadt gibt es im Kalenderjahr zwei Hafenfeste. Zum einen das internationale Hafenfest im Innenhafen mit der Drachenboot-Funregatta, das Mitte Juni stattfindet, und zum anderen das Ruhrorter Hafenfest. Entlang der Hafenpromenade wird Ende Juli/Anfang August ein umfangreiches Kulturprogramm angeboten, außerdem präsentieren sich die im Hafen tätigen Firmen. Das Highlight des Hafenfestes ist das Höhenfeuerwerk Ruhrort in Flammen, das alle drei Jahre den Namen Niederrhein in Flammen trägt.
In einer Samstagnacht im Juni oder Juli wird im Ruhrgebiet die ExtraSchicht ausgerichtet, die auch unter dem Namen Nacht der Industriekultur bekannt ist. Bei diesem Event handelt es sich um ein Kulturfestival vor industriellem Ambiente. Unter anderem sind der Landschaftspark Nord und der Innenhafen regelmäßig in diese Veranstaltung eingebunden.
In den Stadtteilen finden ebenfalls regelmäßige Veranstaltungen statt, wie zum Beispiel Schützenfeste, Weihnachts- und Adventsmärkte oder Umzüge zu St. Martin. Zu den bekannteren Festen zählen die Beachparty im Strandbad Wedau, Soul am See, das Rheinhauser Stadtfest oder die Beecker Kirmes. Bereits für das Jahr 1539 lässt sich die Beecker Kirmes nachweisen, obwohl sie viel älter sein soll. Ursprünglich war sie das Kirchweihfest der Kirche des Oberhofs im heutigen Stadtteil Beeck. Dieser Hof bestand bereits im 9. Jahrhundert. Der Patron der Kirche war der heilige Laurentius. Sein Namenstag am 10. August fällt in die Haupterntezeit, weshalb man die Kirmes auf den Montag nach Bartholomäi, dem 24. August, verlegte. Die „größte Kirmes am Niederrhein“ fand somit jedes Jahr Ende August statt. Am 24. November 2016 hat der Rat der Stadt Duisburg allerdings mit der Änderung der Volksfestsatzung beschlossen, dass die Beecker Kirmes zukünftig früher als sonst stattfinden wird. Statt Ende August wird die Beecker Kirmes ab 2017 bereits über das erste Juli-Wochenende zukünftig stattfinden. Beginnend am Freitag bis einschließlich Dienstag, wo die Kirmes nach fünf Tage mit einem Abschluss-Feuerwerk endet.
Infrastruktur und Wirtschaft
Im Jahre 2016 erbrachte Duisburg, innerhalb der Stadtgrenzen, ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 16,667 Milliarden € und belegte damit Platz 23 innerhalb der Rangliste der deutschen Städte nach Wirtschaftsleistung. Das BIP lag im selben Jahr bei 33.634 € pro Kopf (Nordrhein-Westfalen: 37.416 € / Deutschland: 38.180 €) und damit unter dem regionalen und nationalen Durchschnitt. In der Stadt sind 2017 ca. 225.900 Personen beschäftigt. Duisburg gehört zu den deutschen Städten mit der höchsten Arbeitslosigkeit. Die Arbeitslosenquote lag im Dezember 2019 bei 10,4 % und damit deutlich über dem Durchschnitt von Nordrhein-Westfalen mit 6,4 %.
Verkehr
Schon vor über fünftausend Jahren zogen Reisende durch das Duisburger Gebiet und über die Rheinfurt zum Hellweg. Heute ist Duisburg ein Verkehrsknotenpunkt von europäischer Bedeutung, der durch zahlreiche Straßen, Schienenwege und Brücken erschlossen ist. Die ältesten Brücken sind die Eisenbahnbrücke Hochfeld–Rheinhausen, deren Vorläufer bereits 1873 entstanden ist, und die Friedrich-Ebert-Brücke zwischen Ruhrort und Homberg, die auf 1907 zurückgeht. Insgesamt befinden sich 650 Brücken im Duisburger Stadtgebiet (Stand 2008), wobei nur 156 von der Stadt Duisburg verwaltet werden. Der Rest steht unter der Verwaltung von Bahn, Hafen und anderen.
Duisburg ist ein internationales Handels- und Logistikzentrum und hat einen optimalen Anschluss an das Straßen-, Schienen- und Wasserstraßennetz. Mit dem unmittelbar hinter der Stadtgrenze gelegenen Flughafen Düsseldorf, der sieben Bahnminuten vom Duisburger Hauptbahnhof entfernt liegt, gibt es zudem eine direkte Flughafenanbindung. Weiterhin befindet sich im Umland der Flughafen Niederrhein.
Schiffsverkehr
Der Duisburger Hafen „duisport“ gilt als der größte Binnenhafen der Welt und als Sehenswürdigkeit der Stadt.
Er besitzt einen Seehafen-Status, da mit flussgängigen Seeschiffen im Linienverkehr Häfen in Europa, Afrika und im vorderen Orient bedient werden. Der Hafen ist ein sogenannter Seehafen-Hub.
Der Mittelpunkt des Hafens liegt noch heute im Bereich der Ruhrmündung, wo bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts der erste Ruhrorter Hafen geschaffen wurde. Jährlich werden dort rund 40 Millionen Tonnen Güter aller Art umgeschlagen. Über 20.000 Schiffe laufen pro Jahr den Hafen an. Kernstück sind die öffentlichen Hafenanlagen mit einer Ausdehnung von 740 Hektar, 21 Hafenbecken von über 180 Hektar ergeben eine Uferlänge von 40 Kilometer. Dazu kommt unter anderem noch das Logport Logistic Center Duisburg mit 265 Hektar Fläche. Etliche Unternehmen verfügen darüber hinaus über private Hafenanlagen, so dass der Gesamtumschlag bei über 110 Millionen Tonnen liegt.
Straßenverkehr
Ende der 1930er Jahre wurde Duisburg durch die heutige Bundesautobahn A 3 (Europastraße E 35) an das Autobahnnetz angeschlossen. Das Autobahnkreuz Kaiserberg der A 3 mit den damaligen Autobahnen A 2 und Autobahn A 430 wurde als „Spaghettiknoten“ berühmt. Aus dem westlichen Ast der A 2 und der A 430 wurde mittlerweile die Autobahn A 40 (E 34) („Ruhrschnellweg“). Die Autobahn A 2 existiert ab dem Kreuz Oberhausen weiter.
Weitere Autobahnen sind die A 42 („Emscherschnellweg“), die Stadtautobahn A 59 („Nord-Süd-Achse“), die A 57 im Westen und die A 524 als südliche Anbindung an das Kreuz Breitscheid.
Mit der Rückstufung der Bundesstraßen B 8, B 57, B 60 und B 231 zu Landesstraßen verfügt die Stadt mit der B 288 nur noch über eine Bundesstraße.
Personenzugverkehr
Bereits 1846 wurde Duisburg durch die Cöln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft an das Bahnnetz angeschlossen. 1862 folgte der Bahnhof der Rheinischen Eisenbahn-Gesellschaft, ab 1870 gab es mit dem Bahnhof der Rheinischen Eisenbahn-Gesellschaft gleich drei Bahnhöfe in unmittelbarer Nachbarschaft.
Nach der Übernahme der nominell privaten Eisenbahn-Gesellschaften durch die Preußischen Staatseisenbahnen entstand 1886 an deren Stelle der erste „Centralbahnhof“ in Insellage, mit Zufahrt von Norden von der Mülheimer Straße aus, die zu dieser Zeit noch niveaugleich überquert wurde.
Dem Ausbau zu einem zwölfgleisigen Durchgangsbahnhof musste der Inselbahnhof weichen, 1934 wurde an der Westseite der Gleisanlagen das Empfangsgebäude des heutigen Hauptbahnhofes im Stile des Funktionalismus errichtet. Dieser ist ein bedeutender Fernbahnhof, der unter anderem ICE-Linienverbindungen in Richtung Amsterdam, Berlin, Basel und München anbietet.
Der zweitgrößte Duisburger Bahnhof, Rheinhausen, besitzt eine Regional-Express-Anbindung. Darüber hinaus verfügt Duisburg über 15 kleinere Stationen, die von Regionalbahnen der Deutschen Bahn AG, der Nord-West-Bahn oder der S-Bahn Rhein-Ruhr angefahren werden.
Schienengüterverkehr
Im Eisenbahngüterverkehr war Duisburg nach Stilllegung seiner Rangierbahnhöfe Duisburg-Wedau, Hohenbudberg und des Hauptgüterbahnhofs kein Eisenbahnknoten mehr. Auf einem Teil der Hohenbudberger Flächen wurde infolge des Projekts Logport III kombinierter Verkehr für Güterzüge und Lkw realisiert. Mit ThyssenKrupp (ehem. Eisenbahn und Häfen) besteht nach wie vor eine der größten Werkbahnen Europas. Zwischen Duisburg und der Volksrepublik China verkehren mit dem Trans-Eurasia-Express etwa 60 Züge wöchentlich. Duisburg ist ein bedeutender Knotenpunkt der „neuen chinesischen Seidenstraße“, verkehrsgünstig gelegen am Schnittpunkt von Ruhrgebiet und Rheinschiene und im Kern des zentralen europäischen Wirtschaftsraumes.
Seit 1999 überwacht die DB Netz aus der Betriebszentrale in Duisburg-Duissern unweit des Hauptbahnhofs den Bahnverkehr in Nordrhein-Westfalen.
Tram- und Busverkehr
Kern des Netzes des kommunalen Bus- und Bahnunternehmens Duisburger Verkehrsgesellschaft AG (DVG) sind zwei (fahrplantechnisch drei) Straßenbahnlinien und eine Stadtbahnlinie, die gemeinsam mit der Düsseldorfer Rheinbahn AG betrieben wird. Letztere, die U79, ist aus der D-Bahn hervorgegangen, einer Überlandstraßenbahn nach Düsseldorf. Im Innenstadtbereich wird die Stadtbahn als U-Bahn geführt, deren Bau 1975 begonnen und die 1992 eröffnet wurde. 2000 wurde die U79 mit der Fertigstellung eines Tunnels unter Ruhr und Häfen bis nach Meiderich verlängert. Die ebenfalls durch den Innenstadt-Tunnel verkehrenden Straßenbahnlinien 901, (902) und 903 stellen neben der Erschließung der Stadtteile Hamborn, Walsum und Hüttenheim auch Verbindungen in die Nachbarstädte Dinslaken und Mülheim an der Ruhr her.
Von den Plänen Ende der 1960er Jahre, ein vollständiges U-Stadtbahnsystem zu errichten, hat man mittlerweile aus finanziellen Gründen und aufgrund fehlender Unterstützung des Landes Nordrhein-Westfalen Abstand genommen.
Im linksrheinischen Stadtteil Rheinhausen wird ein großer Teil der städtischen Erschließung durch die Regionalbuslinien der NIAG übernommen, da Rheinhausen ursprünglich eine Stadt im Kreis Moers war und erst durch eine Kommunale Gebietsreform zu Duisburg gekommen ist.
Fahrradverkehr
Duisburg ist an einige Fernradwege und regionale Radrouten angeschlossen: an den europäischen EuroVelo EV 3 (die sogenannte Pilgerroute von Norwegen bis Spanien), an den EuroVelo EV 15 (den Rheinradweg von der Quelle bis zur Mündung des Rheins), an den Radschnellweg Ruhr und an den RuhrtalRadweg.
Unternehmen
Duisburg ist bis heute das bedeutendste Zentrum der Stahlindustrie in Mitteleuropa und verfügt über die größte Ausdehnung an Produktionsstätten dieses Bereichs weltweit.
Mittlerweile stehen sämtliche der sieben im Ruhrgebiet betriebenen Hochöfen in Duisburg. Etwa die Hälfte des in Deutschland erzeugten Roheisens und ein Drittel des Rohstahls werden in Duisburg produziert.
Alle Schachtanlagen, die zumeist im Duisburger Norden und dem heutigen Duisburger Westen lagen, sind mittlerweile geschlossen worden.
Durch den Strukturwandel in der Stahlindustrie kam es zu einem erheblichen Arbeitsplatzabbau.
Noch in den 1960er Jahren zählte die Stadt zu jenen mit den höchsten Pro-Kopf-Steuereinnahmen in der Bundesrepublik. Gab es damals noch fast 70.000 Stahlarbeiter, so sind heute davon lediglich 16.000 übrig geblieben.
Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze ist so von knapp 280.000 auf nur noch 160.000 gesunken, so dass die Stadt heute noch infolgedessen unter einer überdurchschnittlichen Arbeitslosigkeit leidet.
Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze entspricht einem Drittel der Einwohner Duisburgs. Damit liegt die Stadt unter dem Niveau wie Essen (0,43 Arbeitsplätze pro Einwohner). In der Nachbarstadt Krefeld kommen dagegen auch 0,33 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze je Einwohner.
2013 pendelten 95.178 Arbeitnehmer nach Duisburg, während es 87.631 ins Duisburger Umland zog. Die meisten Auspendler, etwa 17.600, hatten ihren Arbeitsplatz in Düsseldorf, wo die Duisburger auch die größte Einpendlergruppe stellte.
Ihre ehemalige Funktion als zentrale Einkaufsstadt weit über ihre Grenzen hinaus hat die Stadt weitestgehend verloren. Seit Jahren wird ein Abfluss von Kaufkraft beklagt. Mit unter 100.000 Quadratmetern verfügt die Duisburger Innenstadt über eine vergleichsweise geringe Handelsfläche. Zurzeit allerdings entstehen neue Handelsflächen, die die Quadratmeterzahl um etwa ein Fünftel erhöhen wird.
Heute prägen die chemische Industrie, Unternehmen des Anlagen-, Maschinen- und Schiffbaus, Hersteller von Präzisionsinstrumenten sowie bekannte Unternehmen der Nahrungs- und Genussmittelindustrie die Wirtschaftsstruktur der Stadt. Traditionell in Duisburg ansässig sind auch große Dienstleistungsunternehmen aus den Bereichen Handel, Verkehr und Logistik.
Eine wichtige Funktion im Strukturwandel hat die Logistik. So entstand beispielsweise mit dem „Logport“ ein neues internationales Logistikzentrum. Dort stand bis 1993 das durch den Rheinhausener Arbeitskampf bundesweit bekannt gewordene Krupp-Stahlwerk.
Bereits 1987 wurde in Neudorf das Mikroelektronische Zentrum gegründet. Im heutigen „Tectrum“ werden in den früher von Daimler genutzten Gebäuden sowie in den von Norman Foster entworfenen zwei Neubauten Büroräume, Produktions- und Laborflächen für Unternehmen aus allen Bereichen der Elektronik und ihrer Anwendungen angeboten.
Erste Erfolge im Bereich des Aufbaus einer mittelstandsorientierten Gründungskultur entstand mit der Ansiedlung der microTEC Gesellschaft für Mikrotechnologie mbH. Im Jahr 2006 ist die Anzahl der im „Tectrum“ ansässigen Unternehmen bereits auf über 50 Unternehmen gestiegen. Die Unternehmen sollen mit industriellen Anwendungen von Mikro- und Nanotechnologien sowie Informationstechnologien eine Basis für neue Arbeitsplätze in Duisburg bilden. Die Universität Duisburg-Essen sowie die angegliederten Institute bieten dabei direkte Anknüpfungspunkte.
Etwa ab Mitte der 1990er Jahre entwickelte Duisburg auch den Bereich unternehmensorientierter Dienstleistungen und wurde zu einer Art „Hochburg“ für Callcenter. Große Unternehmen wie die Deutsche Bahn AG, Targobank (ehemalige Citibank) und Dresdner Bank, aber auch das Telekommunikationsunternehmen Alice/HanseNet, welches das Zugangsgeschäft von AOL Deutschland übernommen hat, sowie die sanvartis GmbH (ehemals Gesundheitsscout24) betreiben Callcenter in Duisburg zur bundesweiten Abdeckung ihrer Servicerufnummern. Hier finden mittlerweile gut 5000 Mitarbeiter einen Arbeitsplatz.
In Duisburg findet sich auch mit Zoo Zajac die größte Zoohandlung der Welt, das Zoofachgeschäft ist über 8000 m² groß.
Auch die Stadtverwaltung selbst ist als Konzern Stadt Duisburg mit ihren Gesellschaften und Eigenbetrieben ein wichtiges „Unternehmen“. Die Privatisierung ehemaliger Verwaltungsbereiche hat zu einer Verflechtung im privatwirtschaftlichen Bereich geführt.
Bedeutende Unternehmen in Duisburg
Folgende Unternehmen haben ihren Hauptsitz in Duisburg oder sind bedeutende Tochterunternehmen mit Sitz in Duisburg (eigenständige Unternehmen sind hell hinterlegt):
Natur und Umwelt
In einem aktuellen städtischen Projekt wird mit den Duisburger Grünflächen in den rechtsrheinischen Stadtteilen ein Biotopverbund gestaltet.
Persönlichkeiten
Der Geograph Gerhard Mercator, der 1594 in Duisburg starb, war einer der bedeutendsten Bürger der Stadt. Er schuf hier den ersten Atlas, der diesen Namen trug (Atlas sive cosmographicae meditationes de fabrica mundi et fabricati figura). Auch die Industriellen August Thyssen und der in Ruhrort geborene Franz Haniel haben Duisburg im 19. und 20. Jahrhundert entscheidend geprägt.
Der in Meiderich geborene Wilhelm Lehmbruck (1881–1919) und der Beecker Cyrus Overbeck (* 1970) sind die beiden bedeutendsten Vertreter der modernen Kunst aus Duisburg. Lehmbruck ist in der Stadt ein eigenes Museum gewidmet. Overbeck vertritt zusammen mit nur fünf weiteren Künstlern, die deutsche Bildende Kunst in der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste in Salzburg.
Der bedeutendste Politiker, der mit Duisburg in Verbindung steht, ist Karl Jarres, der fast 20 Jahre lang – von 1914 bis 1933 – Duisburgs Oberbürgermeister war und von 1923 bis 1925 das Amt des Reichsministers des Innern bekleidete. Bei der Reichspräsidentenwahl 1925 erhielt Jarres im ersten Wahlgang die meisten Stimmen, zog jedoch im zweiten Wahlgang seine Kandidatur zugunsten von Hindenburg zurück. Er war eng befreundet mit dem Duisburger Unternehmer Peter Klöckner.
Horst Schimanski, ein fiktiver Duisburger Kriminalkommissar, den Götz George seit 1981 verkörperte und der bis zuletzt als Ruheständler aktiv war, zählt zu den wichtigsten zeitgenössischen Duisburger Figuren.
Die Harvard-Universität nahm 2013 den Duisburger Hans-Werner Gessmann, Begründer des Psychotherapeutischen Instituts Bergerhausen in die Liste der 30 einflussreichsten lebenden Psychologen auf, weil Gessmann weltweit Humanistische Psychotherapien lehrt, insbesondere das Humanistische Psychodrama in Russland und China.
Der am 19. Juli 1974 in Duisburg geborene Komponist Ramin Djawadi ist berühmt für seine orchestralen Kompositionen für Film und Fernsehen. Er wurde von Hans Zimmer ausgebildet und schrieb zum Beispiel die Musik von „Game of Thrones“.
Jürgen Marbach, der ehemalige Geschäftsführer der Düsseldorfer Fluggesellschaft LTU wurde in Duisburg geboren. Er arbeitete u. a. auch als Geschäftsführer Marketing, Organisation und Arena der VfL Wolfsburg-Fußball GmbH und wurde 2013 zum Aufsichtsratsvorsitzenden beim MSV Duisburg gewählt.
Der erfolgreiche Unternehmer und Fressnapf-Gründer Torsten Toeller lebt in Duisburg-Buchholz. Auf der Forbes-Liste The World’s Billionaires 2015 wurde das Vermögen von Torsten Toeller mit ca. 1,7 Milliarden US-Dollar angegeben. Damit belegte er Platz 1118 der reichsten Menschen der Welt. Im Jahr 2021 wurde das Vermögen von Torsten Toeller, laut Forbes, mit 2,5 Milliarden Euro angegeben.
Bärbel Bas ist eine in Duisburg-Walsum geborene deutsche Politikerin (SPD), welche seit der Bundestagswahl 2009 Mitglied des Deutschen Bundestages ist. Am 26. Oktober 2021 wurde sie zur 14. Präsidentin des Deutschen Bundestages gewählt.
Literatur
in der Reihenfolge des Erscheinens
Synode Duisburg (Hrsg.): Handbuch der Evangelischen Gemeinden der Synode Duisburg (Paralleltitel: Die Evangelische Kirche in Duisburg). Westfalen-Druckerei, Dortmund 1950.
Kultur- und Stadthistorisches Museum Duisburg (Hrsg.): Bomben auf Duisburg. Der Luftkrieg und die Stadt 1940–1960, Duisburg 2004, ISBN 3-87463-369-1.
Florian Uwe Becker: Die Klöster in der Stadt Duisburg. In: Baldur Hermans (Hrsg.): Die Säkularisation im Ruhrgebiet. Ein gewalttätiges Friedensgeschäft. Vorgeschichte und Folgen. Edition Werry, Mülheim an der Ruhr 2004, ISBN 3-88867-049-7, S. 247–260.
Barbara Fischer: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Denkmäler im Rheinland. Stadt Duisburg 6.1 = Nördliche Stadtteile. Wernersche Verlagsgesellschaft, Worms 2007, ISBN 978-3-88462-242-1.
Joseph Milz: Geschichte der Stadt Duisburg. Mercator-Verlag, Duisburg 2013, ISBN 978-3-87463-522-6.
Hans-Otto Schenk: Stadtrandnotizen, Duisburger Lokalglossen, Anno-Verlag, Rheinberg 2013, ISBN 978-3-939256-13-7.
Hans Georg Kraume, Michael Kanther (Hrsg.): Duisburg 1933–1945. Filmdokumentation (mit DVD), Duisburg 2014, ISBN 978-3-931616-44-1.
Heike Hawicks, Ingo Runde: Dispargum – Duisburg. Stand und Probleme der Forschung, in: Dispargum. Jahresberichte der Duisburger Stadtarchäologie 1, 2016, S. 9–21, ISBN 978-3-946387-11-4.
Weblinks
Website der Stadt Duisburg
Duisburg auf stadtpanoramen.de
„Stahl, Staublunge und Schimanski“, Tagesspiegel, 26. Mai 2004
„Vom Hässlichen Entlein zur Stadt von Welt“, RP, 16. August 2006
Tonbeispiel der Duisburger Mundart auf der Website der Sprachabteilung am Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte beim Landschaftsverband Rheinland
geschichtliche Datensammlung zu Duisburg
Sportlich, arm, laut – Das sagen Statistiken über Duisburg, WAZ, 30. Januar 2015
Website der Niederrheinischen Gesellschaft
Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde Duisburg (1928–1932) Digitalisierte Zeitschrift in der Bibliothek des Leo Baeck Institut
Einzelnachweise
Kreisfreie Stadt in Nordrhein-Westfalen
Ort in Nordrhein-Westfalen
Gemeinde in Nordrhein-Westfalen
Reichsstadt
Hansestadt
Ort mit Binnenhafen
Deutsche Universitätsstadt
Komtursitz (Johanniterorden)
Ort am Niederrhein
Rheinland
Ehemalige Kreisstadt in Nordrhein-Westfalen
Ort an der Ruhr
Ort am Westfälischen Hellweg
Ersterwähnung 883
Stadt im ehem. Herzogtum Kleve
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Q2100
| 226.294507 |
59373
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https://de.wikipedia.org/wiki/Bestseller
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Bestseller
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Bestseller (, „am besten“ und , „verkaufen“) ist ein Anglizismus für Handelsartikel, deren Absatzvolumen überdurchschnittlich hoch ist. Solche Artikel werden in Bestsellerlisten aufgenommen. Verkauft sich ein Artikel mindestens eine Million Mal, spricht man insbesondere in der Musikindustrie auch von einem Millionenseller. Das deutschsprachige Synonym Kassenschlager hat seinen Ursprung in der Verwendung des Begriffs Schlager für ein erfolgreiches, massentaugliches, vielfach verkauftes Produkt (vgl. engl. wörtlich und sinngemäß Hit sowie das deutsche Sprichwort einschlagen wie eine Bombe).
Wortherkunft und Geschichte
Das Wort Bestseller ist im angelsächsischen Sprachgebrauch erstmals 1889 für Bücher belegt, durchgesetzt hat sich das Wort in der US-amerikanischen Branchenzeitschrift The Bookman, in der 1895 eine erste Bestsellerliste erschien. In deutschen Wörterbüchern erscheint das Wort Bestseller ab 1941. Sonja Marjasch definierte Bestseller 1946 als „Massenartikel, der innerhalb einer bestimmten Zeitspanne, in einem bestimmten Absatzgebiet, im Vergleich zu den übrigen Büchern derselben Gattung (während der gleichen Zeit am gleichen Ort) eine Höchstzahl an verkauften Exemplaren erreicht“. Der Große Brockhaus führt den Begriff seit seiner Auflage 1953. Seit Ende der 1960er Jahre wird insbesondere in Deutschland der Begriff supramedial verwendet, also auch für Kinofilme, Comics oder Schallplatten.
Als ältester (deutscher) Bestseller der Literaturgeschichte gilt Das Narrenschiff, 1494 von Sebastian Brant in Basel veröffentlicht. Es wurde erst von Johann Wolfgang von Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ beinahe drei Jahrhunderte später abgelöst.
Martin Luthers Übersetzung Das Newe Testament Deutzsch erschien im Folioformat im September 1522 mit einer Auflage zwischen 3000 und 5000 Exemplaren. Bereits im Dezember 1522 war eine zweite Auflage erforderlich, eine dritte folgte 1524 und weitere in späteren Jahren; sein Neues Testament entwickelte sich zum Steadyseller und dürfte zu seinen Lebzeiten etwa 200.000 Exemplare verkauft haben. Christian Fürchtegott Gellerts Fabeln und Erzählungen (1746–1748) fanden große Verbreitung. Als 1839 die neue Auflage erschien, war sie innerhalb weniger Monate vergriffen; rasch hintereinander folgten drei weitere Auflagen.
Typische Bestseller der schöngeistigen Literatur waren Daniel Defoes Robinson Crusoe (1719), Jonathan Swifts Gullivers Reisen (1726), Voltaires Candide oder der Optimismus (1759), Johann Wolfgang von Goethes Die Leiden des jungen Werthers (1774), Harriet Beecher Stowes Onkel Toms Hütte (1852) oder Mark Twains Die Abenteuer des Tom Sawyer (1876). Bereits Goethe erkannte die Bedeutung hoher Verkaufszahlen. Er wird zitiert mit dem Satz „Wer aber nicht eine Million Leser erwartet, sollte keine Zeile schreiben.“ 1867 erloschen die Verlagsrechte der deutschen Klassiker und bescherten dem Buchmarkt einen Absatzboom für billige Werkausgaben von Schiller, Goethe und Lessing, die nach zeitgenössischen Angaben innerhalb weniger Tage mit einer Auflage von einer halben Million verkauft werden konnten. Zudem kam es im ausgehenden 19. Jahrhundert durch den Kolportagebuchhandel zur massenhaften Verbreitung von Büchern und Zeitschriften, beispielsweise den Gesellschaftsromanen der ersten deutschen Bestsellerautorin E. Marlitt in der Gartenlaube. Bis heute sind aus dieser Zeit Longseller wie der Struwwelpeter (1844) von Heinrich Hoffmann und Max und Moritz (1865) von Wilhelm Busch in kaum veränderter Form erhältlich.
An die Kolportage schließen in Deutschland die Abenteuer-Romane von Schriftstellern wie Karl May und Robert Kraft an, die ebenfalls in hohen Auflagen verbreitet werden.
Ein weiterer deutscher Bestsellerautor des frühen 20. Jahrhunderts, der nur bedingt dem Trivialroman zuzuordnen ist, ist der Dramatiker Ludwig Ganghofer, dessen Werk bis heute eine Gesamtauflage von mehr als 30 Millionen Exemplaren erreicht hat.
In der Neuzeit entwickelten sich die seit Juni 1997 erschienenen Fantasy-Bücher von Joanne K. Rowlings Harry Potter zu einer unübertroffenen Erfolgsgeschichte. Am 14. Oktober 2000 startet die deutsche Ausgabe von Band 4 mit einer Erstauflage von einer Million Exemplaren, bereits im Dezember 2001 waren die Bücher in 47 Sprachen übersetzt und 123 Millionen Mal verkauft, darunter 15 Millionen in Deutschland. Weltweit wurden von den sieben Büchern bis 2012 über 450 Millionen Exemplare verkauft. Die Romane sind damit das erfolgreichste Jugendbuch aller Zeiten.
Auch umstrittene Literatur wie Adolf Hitlers Mein Kampf oder Thilo Sarrazins Deutschland schafft sich ab gehören zu den Bestsellern. Von der am 18. Juli 1925 erschienenen Erstauflage Mein Kampf von 10.000 Exemplaren wurden 9.473 Stück verkauft, die 2. Auflage kam am 2. Dezember 1925 wieder mit 10.000 Exemplaren auf den Markt. Bis zum 17. November 1933 wurden von Hitlers Mein Kampf 854.127 Stück ausgeliefert, der Eher-Verlag nannte für 1933 eine Auflage von 1,182 Millionen. Die Gesamtauflage (einschließlich aller Billigdrucke und Sonderausgaben) erreichte 7 Millionen. Mehr als 1,3 Millionen Mal verkaufte sich das im August 2010 erschienene Buch Thilo Sarrazins Deutschland schafft sich ab und war damit eines der meistverkauften Politiksachbücher Deutschlands.
In der Literatur besteht als Referenzkategorie die Bestsellerliste, die für verschiedene Instanzen des Literaturbetriebs (Buchverlage, Buchhandel, Käufer) bestimmte direktive Funktionen übernimmt. Der Bestseller wird in diesem Kontext als Listen-Bestseller bezeichnet. Insbesondere für Romane, aber auch andere Literaturarten, bestehen derartige Listen. Die in diesen Listen enthaltenen Buchtitel oder insbesondere der die Liste anführende Buchtitel werden als Bestseller bezeichnet. Dadurch lässt sich zweifelsfrei ermitteln, welche literarischen Werke am erfolgreichsten waren. Als literaturwissenschaftliche Beschreibungskategorie ist der Bestseller ein Buch, das sich – relativ zu anderen Büchern desselben Typs – innerhalb einer begrenzten Zeitspanne besonders gut verkauft.
Die meisten Sachverständigen für die Ermittlung von Buch-Bestsellern legen eine untere Absatzgrenze fest, gehen also von der Zahl der verkauften Exemplare aus. Dabei geht es um die Frage, ob ein Werk überhaupt mit dem Titel Bestseller beworben werden darf. Ab 100.000 verkaufter Stücke der Originalausgabe gilt ein Buch als Bestseller. In den Bestsellerlisten jedoch, die auf unterschiedlichen Methoden zur Erhebungen der Absatz- bzw. Verkaufsmengen beruhen, werden keine unteren Grenzen festgelegt. Der Begriff Bestseller wird nicht nur für Listen verwendet, sondern auch in den Kulturseiten der Presse, in Buchkritiken und -Beschreibungen.
Begriffsvarianten des Bestsellers
Sonja Marjasch kam im Zuge ihrer Untersuchungen zum Phänomen Bestseller zu dem Schluss, dass dieser in sich unterteilt werden kann. Diese Unterbegriffe sind allerdings viel weniger an exakten Verkaufszahlen orientiert. In diesem Zusammenhang lassen sich literarische Werke nach der Messzeit, nach dem Umsatz oder der Umsatzdauer eingliedern:
seller: guter Umsatz; keine festgelegte Umsatzdauer
good seller: recht guter Umsatz; keine festgelegte Umsatzdauer
steady seller: guter Umsatz bei langer Umsatzzeit; z. B. die Bibel
longseller: Werk, das sich über einen langen Zeitraum verkaufen lässt
fast seller: recht guter Umsatz bei kurzer Umsatzzeit
bestseller: sehr guter Umsatz innerhalb einer bestimmten Messzeit: Woche, Monat, Jahr
steady bestseller: sehr guter Umsatz während der Dauer von zwei oder mehr Messzeiten; z. B. Mitchell: Gone with the Wind
Allerdings sind diese Begriffe rein theoretisch, und die Frage nach dem historischen Hintergrund bzw. Umfeld eines Werkes bleiben unbeantwortet. Sonja Marjasch bezeichnet Bestseller zwar als kulturelle Barometer unserer Zeit, jedoch geht aus ihren Definitionen nicht hervor, wann man ein Buch aus welchem Grund in eine der oben genannten Kategorien einordnet. Als Zusatz zu den fünf Kategorien Sonja Marjaschs kann der konträre Begriff Worstseller genannt werden. Dieser beschreibt ein Buch, welches während einer langen Umsatzzeit kaum oder sogar fast gar keinen Umsatz erzielen konnte (z. B. Stendhal: Über die Liebe). Seit 2006 bringt der Diogenes Verlag die Novität eines Taschenbuchprospektes mit den eigenen Worstsellern heraus.
Ein anderer weitgehend akzeptierter Ansatz zur Analyse der „Lebensdauer“ eines Buches ist eine in vier Typen aufgegliederte Typologie:
Bestseller: Novitäten mit aktuellen Themen und/oder von bekannten Autoren
Longseller: Bibel, klassische Kinderbücher, Klassiker, Nachschlagewerke, Klassiker der Moderne, Lehrbücher
Steadyseller: Lexika, Loseblatt, Zeitschriften-Abos, wissenschaftliche Periodika
Problemkinder: Publikumszeitschriften, Novitäten unbekannter Autoren, Tageszeitungen, erklärungs- und überzeugungsbedürftige Titel.
Nach diesem Modell wählen die meisten Buchhändler ihr Sortiment aus und können so abschätzen, ob sie ein ausgewogenes Angebot mit kontrollierbarem Risiko (beispielsweise durch Problemkinder) haben.
Der Weg zum Bestseller
Ein Buch wird zu einem Bestseller, indem es überdurchschnittlich oft verkauft wird. Die Auflagenerfassung ist oftmals unterschiedlich, woraus sich z. B. bei Büchern ergibt, dass die gängigen Bestsellerlisten nicht synchron sind.
Dass ein Bestseller-Erfolg nicht leicht zu erringen ist, ergibt sich schon daraus, dass in den USA jährlich schätzungsweise 200.000 Bücher auf den Markt kamen, von denen gerade einmal 1 % Bestsellerstatus erreichen können. Dabei ist nicht immer die literarische Qualität eines Buches ausschlaggebend. Ein Buch kann durch eine von Verlag und Literaturvertretung in vielen Einzelheiten geplante Herstellung zum Bestseller gemacht werden. Wichtig für den Erfolg eines Buches sind das richtige Thema zur richtigen Zeit, ein gutes Marketing mit Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, sowohl vom Verlag als auch im Bucheinzelhandel. Doch eine Bestsellerkampagne ist längst nicht die Garantie für den Verkaufserfolg.
Auf dem Weg zum Bestseller begegnet ein Buch unterschiedlichen Personen und Institutionen, die über seine Zukunft entscheiden. Zu ihnen gehören Buchhändler, Verlagshäuser, Redakteure, Literaturagenten und die Medien. Die bedeutendsten Verlagshäuser in Deutschland wie unter anderem Bertelsmann, Suhrkamp oder auch der Fischer-Verlag konnten bislang einen Großteil der in Deutschland publizierten Bestseller auf sich vereinigen.
Nicht nur das Buch selbst ist ein Gegenstand von Vermarktungsstrategien, sondern auch der Autor. Insbesondere wenn er bereits einen Bestseller hatte, kann seine Person benutzt werden, um ein neues Werk zu vermarkten. Häufigere Auftritte eines Autors in der Öffentlichkeit und auf verschiedenen Medienplattformen (TV, Internet) können den Verkauf seiner Bücher ebenfalls fördern.
Laut einer empirischen Analyse der Verkaufszahlen von 1.206 Büchern (603 Titel jeweils erschienen als Hardcover und Paperback) haben die verschiedenen Beteiligten und Faktoren unterschiedliche Effekte. So haben beispielsweise bisher an den Autor verliehene literarische Preise einen positiven Effekt für den Hardcover-Verkauf, aber keinen nachweisbaren Effekt für Paperbacks. Für den Faktor der Mundpropaganda verhält es sich jeweils genau umgekehrt.
Millionenseller
Unter Millionenseller () versteht man Produkte, von denen eine Stückzahl von mindestens einer Million Exemplaren verkauft worden ist. Es handelt sich dabei um reine Massenprodukte, die diese Verkaufszahlen jedoch nur in entsprechend kaufkräftigen Märkten erzielen können. Inhaltlich ist also der Begriff Millionenseller ein absoluter Begriff, der die erreichte Mindestverkaufshöhe umschreibt, während Bestseller lediglich einen Vergleich mit Konkurrenzprodukten herstellt. Sprachlich setzt sich das Wort aus dem deutschen Morphem „Millionen“ in Kombination mit dem englischen -„seller“ zusammen.
Schwierig ist die Zählweise der Tonträgerumsätze. Bei Singles zählt deren A-Seite, solange sie im Rahmen der Erstverwertung verkauft wird; der Verkaufszeitraum kann das Veröffentlichungsjahr überschreiten. Das weltweit anerkannte Referenzbuch für Millionenseller von Joseph Murrells zählt eine Single als eine Einheit, eine EP als zwei und ein Musikalbum als sechs Einheiten, muss aber auch Umsatzschätzungen vornehmen. Murrells weist häufig nach, dass ein Millionenseller nicht bis zum ersten Rang einer Hitparade vorgedrungen war, der durch einen anderen Titel blockiert wurde, welcher weniger verkaufsstark gewesen war. Wird eine Single später wiederveröffentlicht oder ist im Rahmen der Zweitverwertung Teil einer Kompilation, so zählt auch dies bei den Umsätzen anteilig mit. Beispielsweise enthält die in Deutschland im Februar 2009 erschienene CD Die kennt jeder – Rock’n’ Roll Millionenseller insgesamt 20 Titel – die nicht allesamt wirklich Millionenseller waren; die Umsätze der CD werden anteilig auf den Umsatz eines jeden Titels angerechnet.
„Es gibt niemanden, der präzise Angaben über den Plattenumsatz von White Christmas machen kann“, sagt Branchenkenner Bob Livingston. Rückläufe unverkaufter Platten können die Umsatzstatistik noch nach unten korrigieren. So prüft die RIAA, die in den USA den Gold- oder Platinstatus vergibt, erst nach einer Wartefrist von 120 Tagen die genauen Umsatzzahlen. Die Übertragung von Verkaufszahlen, Airplay oder Online-Downloads in eine aktuelle Zusammenstellung mittels Reihenfolge stellt einen hochsubjektiven Vorgang dar. Die Tabellierung eines bestimmten Charts ist kein Maßstab für die Intensität (Verkaufszahlen, Airplay usw.), sodass ein bestimmter Top-10-Hit einer bestimmten Periode möglicherweise den Nummer-eins-Hit einer anderen Zeit umsatzmäßig übertroffen hätte.
Tonträger
Das Wort Millionenseller wird meist im Zusammenhang mit Tonträgern, Automobilen und Unterhaltungssoftware gebraucht. Wenn in der Musikindustrie Tonträger (Singles, LPs, CDs, DVDs oder Musikdownloads) einen Umsatz von mindestens einer Million Stück erzielen, werden diese als Millionenseller bezeichnet. Der Spiegel benutzt den Begriff ersichtlich seit April 1981, als er erstmals den Millionen-Seller-Status von Bruce Springsteens Album Born to Run hervorhob. Seitdem kommt der Begriff in diesem Nachrichtenmagazin häufig vor. Er wird in den Ausgaben 39/1984 vom 24. September 1984 (über die Prince-LP Purple Rain, S. 220), 7/1985 vom 11. Februar 1985 (über Creedence Clearwater Revival, S. 175), 17/1985 vom 22. April 1985 (über Paul Young, S. 226), 22/1985 vom 27. Mai 1985 (über Sade Adu, S. 118), 27/1985 vom 1. Juli 1985 (über Madonna, S. 159), 12/1986 vom 17. März 1986 (Single Du von Peter Maffay, S. 242) bis in die jüngste Zeit erwähnt. So weiß der Spiegel im Zusammenhang mit Rickie Lee Jones zu berichten, dass deren überraschende Stilwechsel nicht gerade die Berufsauffassung seien, „durch die man es nach den Gesetzen der Musikwelt zum Millionen-Seller bringt.“
Die Größenordnung eines Millionensellers wird nach wie vor selten erreicht und kennzeichnet den besonderen Erfolg, den ein bestimmter Musiktitel beim Käuferpublikum erzielt hat. Der Millionensellerstatus (oder auch schon Umsatzerfolge darunter) ist mit der Verleihung einer Goldenen oder gar Platin-Schallplatte verbunden, deren Verleihung von Erreichen einer Mindeststückzahl abhängig gemacht wird. Der werbeträchtige Hinweis hierauf kann den Absatz nochmals fördern. Künstler, welche die Millionengrenze erreichen, werden von der Musikindustrie als ausgewiesene Publikumslieblinge gefeiert, im Fernsehen oder auf Tourneen präsentiert und können mit attraktiven Plattenverträgen rechnen. Millionenseller sind ein Gradmesser der Popularität eines bestimmten Musiktitels und werden in den Medien besonders herausgehoben. Zudem sind sie ein äußeres Statusmerkmal von Plattenstars.
In den USA, dem weltweit größten Schallplattenmarkt, hatte sich seit dem Zweiten Weltkrieg die Zahl der Millionenseller verdoppelt. Erreichten noch im Jahre 1945 insgesamt 21 Platten den Millionenstatus, waren es im Jahre 1955 bereits fünfzig. Der Zeitraum, in dem der Millionenstatus erreicht wurde, hatte sich dort von 3 bis 5 Jahren im Jahre 1945 auf ein Jahr seit Veröffentlichung im Jahre 1955 verkürzt. Den Status erreichten die Platten meist im ersten Jahr nach ihrer Veröffentlichung. In Großbritannien gab es in den 50er Jahren lediglich 3 Millionenseller, 17 in den 60er Jahren, 27 in den 70er Jahren, 19 in den 80er Jahren, 32 in 90er Jahren, 15 zwischen 2000 und 2009 und seit 2010 bereits 10.
Erster Millionenseller
Erster Millionenseller in der Musikbranche überhaupt war in den USA Enrico Carusos Titel Vesti La Giubba (RCA Victor 7720), aus der Oper Pagliacci von Ruggero Leoncavallo. Der Song entstand erstmals lediglich mit Piano-Begleitung am 12. November 1902, wurde dann am 1. Februar 1904 in New York neu aufgenommen und verkaufte sich nach seiner US-Veröffentlichung im Mai 1904 über eine Million Mal.
Erster deutscher Millionenseller
Erster Millionenseller auf dem deutschen Schallplattenmarkt war Lili Marleen (Electrola 6993), gesungen von Lale Andersen, der nach seiner Veröffentlichung im August 1941 knapp zwei Millionen Exemplare umsetzte. Der Song erschien in mindestens 42 Versionen weltweit und gilt als das klassische Soldatenlied, das auch in Afghanistan (für die Bundeswehr von Radio Andernach) gesendet wird.
Weltweit größter Millionenseller
Als Nachruf auf den Tod von Prinzessin Diana hat Elton John im September 1997 ein mit neuem Text versehenes Remake seiner bereits im Februar 1974 erschienenen Ballade Candle in the Wind herausgebracht, die textlich nicht mehr Marilyn Monroe, sondern der verstorbenen Prinzessin („England’s Rose“) gewidmet ist. Die Single wurde weltweit 37 Millionen Mal verkauft, allein in Großbritannien wurden 4,98 Millionen Exemplare umgesetzt. In Deutschland gilt sie seit 1997 mit 4,5 Millionen Exemplaren als meistverkaufte Single aller Zeiten.
Autos
Auch bei Autos wird von Millionenseller gesprochen. Der seit 1946 hergestellte VW Käfer war bis 1974 das meistverkaufte Fahrzeug der deutschen Automobilgeschichte aus deutscher Produktion. Wurden im Februar 1948 noch 20.000 Käfer ausgeliefert, waren es im März 1950 bereits 100.000. Am 5. August 1955 lief das ein millionste Fahrzeug feierlich vom Band. Mit 15 Millionen Fahrzeugen stellte er im Jahre 1972 den Produktionsrekord des legendären Ford Modell T ein, bei dem die Millionenmarke bereits am 10. Dezember 1915 erreicht worden war.
Der VW Golf gilt mit über 26 Millionen verkauften Exemplaren als das meistverkaufte Auto der Welt – allerdings alle Modellbezeichnungen zusammengenommen. Hält man sich strikt an die Modellbezeichnung, liegt mit 34,188 Millionen Exemplaren der Toyota Corolla vorne. Millionenseller ist allerdings kein ausschließlich im Spiegel zu findender Begriff, auch eine Vielzahl anderer Quellen benutzt ihn. Der Focus titelt mit „Fakten zum Golf I bis IV: Die Millionenseller“ und beschreibt die Erfolgsgeschichte dieses Modells.
Sonstige Produkte
Auch bei Büchern ist zuweilen vom Millionenseller die Rede, wenn ihre Auflage die Millionengrenze überschreitet. Der Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU) hatte am 11. Januar 2013 bestätigt, dass es im Jahre 2012 in Deutschland drei Spiele mit mehr als einer Million verkaufter Exemplare gegeben habe. Es handelte sich um Battlefield 3, Call of Duty: Modern Warfare 3 und FIFA 13.
Bewertung
Der Pionier der Bestsellerforschung Werner Faulstich hat das Phänomen des Bestsellers – wie viele andere – untersucht. Die in diesem Wissenschaftszweig thematisierten Untersuchungsgebiete können kulturkritisch, rezeptionsorientiert, produktionsorientiert oder medienorientiert sein. Die in Bestsellerlisten auftauchenden Bücher sind nicht zwangsläufig literarisch oder ästhetisch die besten, aber dennoch die gefragtesten Lieblingsbücher in einem bestimmten Zeitraum. Einflussfaktoren, die einen Bestseller ausmachen, sind insbesondere Werbung, Medien, Literaturkritiker, Buchmessen, Bestsellerlisten und – nicht zuletzt – die interessierten Leser. Eine Rolle spielt auch die so genannte Personalisierung durch Bestsellerautoren („Der neue Grisham“ oder „der neue Dan Brown“). Bereits bekannte Autoren profitieren daher von ihrem Markenprofil, so dass beispielsweise eine Neuerscheinung von Dan Brown in seinem Segment von Beginn an bessere Chancen hat als das neue Buch eines noch unbekannten Autors. Nachgewiesen ist auch der Einfluss von Bestsellerverlagen, denn der „US-Buchmarkt (befindet sich) im Würgegriff der Buchkonzerne“. Dort konnten im Publishers Weekly die größten fünf Buchverlage (Random House, Penguin Books, Simon & Schuster, HarperCollins und Hachette Book Group) 83 % aller Hardcoverränge der Jahresbestsellerliste belegen.
Bestseller entstehen in Märkten, in denen produktbezogenes Wissen eine konsumnutzenrelevante Voraussetzung darstellt. Wissensgewinnung erfolgt dabei durch
direkten Kontakt zum Angebot (aktuell investierte Lektürezeit oder bereits erfolgter Konsum von Büchern desselben Autors),
indirekten Kontakt über Informationskanäle (Werbung, Medienberichterstattung),
persönlichen Austausch mit anderen Personen (Mundpropaganda).
Literatur
Christine Haug (Hrsg.): Bestseller und Bestsellerforschung (= Kodex, Bd. 2). Harrassowitz, Wiesbaden 2012, ISBN 978-3-447-06654-9.
Zeman, Mirna: »Temporäre Verklumpungen. Formen und Praxen der Literaturmoden«, in: David Christopher Assmann (Hrsg.): Literaturbetriebspraktiken (=literatur für leser 38 (2/2015), Sonderheft).
Weblinks
Bestseller auf buchreport.de.
Internationale Bestsellerlisten auf fabelhafte-buecher.de.
Quellen
Verlagswirtschaft
Management
Buchhandel
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Q273610
| 140.944959 |
14491
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https://de.wikipedia.org/wiki/Bruchrechnung
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Bruchrechnung
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Im engeren Sinn bezeichnet Bruchrechnung das Rechnen mit gemeinen Brüchen (manchmal auch gewöhnlichen Brüchen) in der „Zähler-Bruchstrich-Nenner-Schreibweise“ (siehe unten). Bruchrechnung gehört damit zur Arithmetik, einem Teilgebiet der Mathematik.
In einem weiteren Sinn wird das Wort auch für das Rechnen mit rationalen Zahlen gebraucht, gleichgültig, in welcher Schreibweise sie vorliegen.
Eine wichtigere Erweiterung besteht in der Zulassung von Bruchtermen, das sind Ausdrücke, die formal wie gemeine Brüche gebildet werden, bei denen aber Zähler und Nenner Terme sein können, die Variablen enthalten. Für diese Bruchterme gelten die Bruchrechenregeln sinngemäß. Das Rechnen mit Bruchtermen gehört aber zur Algebra.
Die Regeln der Bruchrechnung beziehen sich auf die Grundrechenarten, also auf Addition, Subtraktion, Multiplikation, Division, sowie auf die Kehrwertbildung. Insbesondere bei Bruchtermen kommen auch Regeln für Potenzen und Wurzeln hinzu.
Außerdem gibt es eine Kürzungs- und Erweiterungsregel, die eine Besonderheit der Bruchrechnung sind. Sie beruht auf dem Unterschied zwischen Bruch und Bruchzahl, der im folgenden Abschnitt genauer dargestellt wird.
Die Bruchschreibweise, also die Schreibweise mit Bruchstrich, geht auf Leonardo von Pisa zurück, der sie 1228 einführte. Sie wird ganz allgemein in verschiedenen Bereichen der Mathematik, besonders in der Algebra, immer dann verwendet, wenn in der untersuchten Struktur die elementaren Bruchrechenregeln, insbesondere die Kürzungs- und Erweiterungsregel, gelten. Auch hier spricht man immer dann von „Bruchrechnung“, wenn diese Regeln angewendet werden.
Bruch und Bruchzahl
Die Bruchrechnung beruht darauf, dass sich das Ganze (die Eins aus dem Rechnen mit natürlichen Zahlen) unterteilen lässt. Einen Kuchen kann man zum Beispiel in vier Teile teilen. Wenn diese Teile gleich groß sind, so ist jedes Teil ein Viertel des Kuchens. Wenn, wie im Bild, eines der Viertel schon fehlt, so sind drei Viertel Kuchen dargestellt.
Geschrieben wird dies gewöhnlich in der „Zähler-Bruchstrich-Nenner-Schreibweise“: Die Zahl unter dem Bruchstrich – der sogenannte Nenner oder auch Teiler – gibt an, in wie viele Teile das Ganze geteilt wurde; die Zahl über dem Bruchstrich – der Zähler – gibt an, wie viele Teile davon in diesem Falle gemeint sind. So erhält man einen Bruch. Man kann diesen auch so deuten: Der Zähler gibt an, wie viele Ganze gemeinsam in so viele gleich große Teile zu teilen sind, wie der Nenner angibt. (Man legt drei Kuchen übereinander und teilt den Stapel in vier gleiche Teilstapel.)
Wird das Ganze (die Torte) stattdessen in acht Teile geteilt und werden davon sechs genommen, so ist das ein anderer Bruch: statt . Aber diese beiden Brüche stehen offenbar für die gleiche Menge Kuchen: Sie stehen für dieselbe Bruchzahl.
Für jede Bruchzahl gibt es viele (unendlich viele) verschiedene Darstellungen, verschiedene Brüche, die alle denselben Wert (dieselbe Größe) verkörpern, aber auf unterschiedliche Weise. Von einem Bruch zum anderen gelangt man durch Erweitern und Kürzen. Dadurch ändert sich der Wert einer Bruchzahl nicht, man erhält aber für diese Zahl verschiedene Darstellungsweisen: verschiedene Brüche.
Definition und Bezeichnungen
Brüche lassen sich zunächst in gemeine Brüche (auch gewöhnliche Brüche genannt) und Dezimalbrüche (= Dezimalzahl, umgangssprachlich: „Kommazahl“) einteilen, daneben gibt es noch die Darstellung als gemischter Bruch. Wenn man von einem Bruch spricht, meint man in der Regel einen gemeinen Bruch, das Rechnen mit Dezimalbrüchen wird meistens nicht als Bruchrechnung bezeichnet.
In der nachfolgenden Tabelle sind gebräuchliche Bezeichnungen für Brüche zusammengefasst, die in diesem Abschnitt erklärt werden. Die in der Tabelle weiter unten stehenden Begriffe fallen jeweils unter die darüberstehenden Oberbegriffe, zum Beispiel ist jeder Scheinbruch ein gemeiner Bruch, nebeneinanderstehende Begriffe müssen sich nicht ausschließen. Dabei ist zu beachten, dass es sich um Bezeichnungen für Zahlschreibweisen und nicht für die dargestellten Zahlen handelt. Eine bestimmte Zahl kann verschiedene Darstellungen haben, die jeweils mit unterschiedlichen Begriffen aus der Tabelle bezeichnet werden. So kann man zum Beispiel jeden unechten Bruch auch als gemischten Bruch schreiben.
Weitere Formen, in denen Bruchzahlen dargestellt werden können (Kettenbruch, Prozent- und Promilleschreibweise, Binärbrüche usw.), werden in je eigenen Artikeln behandelt und in dieser Tabelle nicht aufgeführt.
Gemeine Brüche
Gemeine Brüche werden im Allgemeinen durch eine Übereinanderstellung von Zähler und Nenner, getrennt durch einen waagerechten Strich, dargestellt:
Zähler und Nenner eines Bruches sind ganze Zahlen. Dabei darf der Nenner nicht null sein, da eine Division durch Null nicht definiert ist.
Jeder Bruch kann nämlich auch als Divisionsaufgabe verstanden werden. Dabei ist der Zähler der Dividend, der Nenner der Divisor:
Das Entscheidende bei der Bruchrechnung ist, dass hier jede Division (außer durch null) möglich ist und ein einfach darstellbares Ergebnis hat, während ja im Bereich der ganzen Zahlen die Teilbarkeitsregeln gelten.
Üblicherweise werden für Zähler und Nenner natürliche Zahlen verwendet und ein eventuell vorhandenes negatives Vorzeichen wird vor den Bruch gesetzt, also beispielsweise statt oder . Sind Zähler und Nenner negativ, so bezeichnet das nach den Regeln der Division von ganzen Zahlen den positiven Bruch:
Bei einer Variante dieser Schreibweise, die oft verwendet wird, wenn gemeine Brüche in Texten vorkommen, werden Zähler, Bruchstrich und Nenner hintereinandergeschrieben und als Bruchstrich ein Schrägstrich verwendet, zum Beispiel 1/2, 3/8. Bei der Schreibweise mit Schrägstrich an Stelle des waagrechten Bruchstrichs werden (vor allem) einstellige Zähler und Nenner manchmal verkleinert über bzw. unter den Schrägstrich geschrieben: 6/7. Zu diesem Zweck existieren in vielen Druckzeichensätzen Sonderzeichen, wie zum Beispiel ¾ oder ½.
Echte und unechte Brüche
Wenn bei einem Bruch der Betrag des Zählers kleiner als der Betrag des Nenners ist, spricht man von einem echten oder eigentlichen Bruch (z. B. oder ), andernfalls von einem unechten oder uneigentlichen Bruch (z. B. oder ).
Echte Brüche sind also die, deren Betrag kleiner ist als ein Ganzes.
Stammbrüche und Zweigbrüche
Ist der Zähler in einem gemeinen Bruch gleich 1 (z. B. oder ), spricht man von einem Stammbruch, ansonsten von einem abgeleiteten Bruch oder Zweigbruch.
Scheinbrüche
Unechte Brüche, bei denen der Zähler ein ganzzahliges Vielfaches des Nenners ist (z. B. ), bezeichnet man als Scheinbrüche, da sie sich durch Kürzen in ganze Zahlen umwandeln lassen (im Beispiel in die Zahl 4). Insbesondere lässt sich jede ganze Zahl als Scheinbruch schreiben.
Gemischte Brüche
Unechte Brüche, die keine Scheinbrüche sind, lassen sich immer als gemischte Brüche (auch: als gemischte Zahlen, in gemischter Schreibweise) darstellen.
Dabei wird zunächst der ganzzahlige Anteil, d. h. die zur Null hin gerundete Zahl, geschrieben und anschließend direkt danach der verbleibende Anteil als echter Bruch. Zum Beispiel statt oder statt .
Ein Problem der gemischten Schreibweise ist, dass sie als Produkt missverstanden werden kann:
So steht meist für und nicht für .
Schreibt man dagegen , so handelt es sich nicht um einen Bruch in gemischter Schreibweise, sondern (wegen der Variablen) um einen Term. Hier muss das weggelassene Rechenzeichen ein Malpunkt sein (andere Rechenzeichen dürfen in Termen nicht weggelassen werden). muss also als verstanden werden und niemals als .
Rechenregeln
Praktisches Rechnen mit Brüchen
Beim Rechnen mit Brüchen in den vier Grundrechenarten Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division werden jeweils zwei Brüche verknüpft, sodass eine dritte Zahl entsteht. Dies darf nicht verwechselt werden mit dem Umformen von Brüchen, wobei ein einziger Bruch eine neue Form erhält, ohne dass sein Wert sich ändert.
Das Umformen (die Formänderung) ist oft die Voraussetzung dafür, dass mit Brüchen gerechnet werden kann. Deshalb wird es hier zuerst behandelt.
Formänderung von Brüchen
Umrechnen in eine Dezimalzahl
Um einen Bruch in eine Kommazahl umzuwandeln, dividiert man einfach den Zähler durch den Nenner. ergibt 0,75 beziehungsweise 75 % vom Ganzen.
Erweitern und Kürzen
Der Wert der durch einen Bruch dargestellten Bruchzahl ändert sich nicht, wenn man Zähler und Nenner des Bruches mit derselben Zahl (ungleich 0) multipliziert (den Bruch erweitert) oder durch einen gemeinsamen Teiler von Zähler und Nenner teilt (den Bruch kürzt).
Beispiel: . Von links nach rechts gelesen wurde der Bruch erweitert, von rechts nach links gekürzt.
Gemischte Zahlen einrichten und Ganze abspalten
Der Wert einer in gemischter Schreibweise dargestellten Bruchzahl ändert sich nicht, wenn man den ganzzahligen Anteil als Scheinbruch mit dem Nenner des Bruchteils schreibt und die verbliebenen Bruchanteile hinzuzählt. Umgekehrt kann man bei einem unechten Bruch die Bruchteile, die Ganze ergeben, abspalten und die verbleibenden als Bruch anfügen.
Beispiel: . Von links nach rechts gelesen wurden Ganze abgespalten, von rechts nach links wurde die gemischte Zahl eingerichtet.
Brüche gleichnamig machen
Gemeine Brüche, die den gleichen Nenner haben, heißen gleichnamig. Werden Brüche so erweitert, dass sie danach die gleichen Nenner haben, so nennt man das gleichnamig machen. Beim praktischen Rechnen sollte dazu der Hauptnenner der Brüche bestimmt werden, das ist das kleinste gemeinsame Vielfache (kgV) der Nenner.
Beispiel: Die Brüche sollen gleichnamig gemacht werden. Das kgV der Nenner ist , also werden alle drei Brüche so erweitert, dass ihr Nenner jeweils 42 lautet:
.
Die gleichnamigen Darstellungen lassen sich nun beispielsweise verwenden, um die dargestellten Bruchzahlen der Größe nach zu ordnen, indem man ihre Zähler vergleicht:
, also muss gelten.
Die Grundrechenarten
Addieren und Subtrahieren
Die Brüche, die addiert oder subtrahiert werden sollen, werden zunächst gleichnamig gemacht, anschließend werden ihre Zähler addiert bzw. subtrahiert.
Beispiel: .
Multiplizieren
Brüche werden multipliziert, indem man jeweils ihre Zähler und Nenner miteinander multipliziert. Das Produkt der Zähler ist dann der Zähler des Ergebnisses, das Produkt der Nenner ist dann der Nenner des Ergebnisses.
Beispiel: .
Dividieren
Durch einen Bruch wird dividiert, indem man mit seinem Kehrwert multipliziert.
Beispiel: .
Dabei dürfen, wie im Beispiel dargestellt, Zwischenergebnisse gekürzt werden (hier beispielsweise die 3 und die 2 im vorletzten Schritt).
Rechnen mit gemischten Brüchen
Beim Multiplizieren oder Dividieren von gemischten Brüchen ist es meist nötig, diese zunächst in gewöhnliche Brüche umzuwandeln. (Außer bei ganz einfachen Aufgaben, wie etwa .)
Beim Addieren und Subtrahieren dagegen ist es günstiger, die Ganzen für sich zu betrachten und Bruchrechnung nur bei den verbleibenden echten Brüchen anzuwenden. Beim Addieren kann hier ein zusätzliches Ganzes auftreten, beim Subtrahieren mögen die Bruchteile nicht ausreichen, sodass eines der Ganzen zu einem Scheinbruch aufgeteilt werden muss:
;
.
Abstrakte Rechenregeln
Die folgenden Regeln gelten sowohl beim Bruchrechnen im engeren Sinn als auch beim Rechnen mit Bruchtermen.
Beim Rechnen mit Brüchen stehen die Variablen in den Regeln für bestimmte ganze Zahlen. Setzt man stattdessen für diese Variablen andere Ausdrücke, z. B. selbst wieder echte Brüche, Dezimalbrüche oder Terme ein, dann erhält man Regeln für das Rechnen mit Bruchtermen, das Bruchrechnen im weiteren Sinn.
Beim Rechnen mit Brüchen liefern die abstrakten Rechenregeln stets korrekte Ergebnisse, häufig ist die Rechnung mit den „praktischen Rechenregeln“ weniger aufwändig.
Erweitern und Kürzen
Hilfreiche Eselsbrücken hierzu sind:
Faktoren kürzen, das ist brav; wer Summen kürzt, der ist ein Schaf.
Aus Differenzen und Summen kürzen nur die Dummen.
Was du oben tust, machst du auch unten!
Aus der Äquivalenz für beliebige natürliche Zahlen folgt, dass jede rationale Zahl durch unendlich viele verschiedene Brüche dargestellt werden kann, denn es gilt .
Addition
Subtraktion
Multiplikation
Division
Man dividiert also durch einen Bruch, indem man mit dem Kehrwert des Bruches, der als Divisor fungiert, multipliziert. Die Division wird also auf die Multiplikation zurückgeführt.
Potenzen
Rechnen mit Bruchtermen
Bruchterme, also Rechenausdrücke in der Form von gemeinen Brüchen, spielen in der elementaren Algebra eine wichtige Rolle. Im Allgemeinen enthalten Bruchterme neben Zahlen auch Variablen.
Die Rechenregeln für Brüche können auch auf Bruchterme angewendet werden.
Definitionsbereich
Bei der Bestimmung des Definitionsbereiches eines Bruchterms ist zu beachten, dass der Nenner nicht den Wert 0 haben darf. Beispielsweise wäre der von abhängige Bruchterm beim Einsetzen von nicht definiert.
Der Definitionsbereich ist also , wenn als Grundmenge die Menge der reellen Zahlen vorausgesetzt wird.
In komplizierteren Fällen sollte der Nenner in Faktoren zerlegt werden, damit der Definitionsbereich erkennbar wird.
Beispiel: hat den Definitionsbereich .
Kürzen
Kürzen bedeutet, dass man Zähler und Nenner durch denselben Rechenausdruck dividiert.
Wichtig dabei ist, dass nur Faktoren von Produkten herausgekürzt werden können. Summen und Differenzen im Zähler und im Nenner müssen gegebenenfalls zuerst
in Produkte zerlegt werden (Faktorisierung).
Beispiele:
Beim Kürzen eines Bruchterms kann sich der Definitionsbereich ändern. So ist im ersten Beispiel der ungekürzte, links stehende Term nur definiert, wenn gilt, der rechtsstehende bereits, wenn nur gilt. Im zweiten Beispiel ist der ungekürzte Term nur definiert, wenn gilt, der gekürzte ist ohne Einschränkungen definiert.
Die Änderung des Definitionsbereiches eines Bruchterms beim Kürzen ist eine der Techniken, mit denen Funktionsterme stetig fortgesetzt werden können.
Addition und Subtraktion
Wie bei Zahlen ist es nötig, die gegebenen Bruchterme gleichnamig zu machen, d. h. auf den gleichen Nenner zu bringen. Man bestimmt einen möglichst einfachen gemeinsamen Nenner (Hauptnenner), der durch alle gegebenen Nenner teilbar ist.
Beispiel:
Als Hauptnenner ergibt sich . Die Erweiterungsfaktoren der drei gegebenen Bruchterme erhält man dadurch, dass man jeweils den gefundenen Hauptnenner durch den bisherigen Nenner dividiert. Die Erweiterungsfaktoren sind also ,
und .
Häufig lässt sich der Hauptnenner nur erkennen, wenn man die Nenner in Faktoren zerlegt (Faktorisierung). Dabei greift man oft auf die Methode des Ausklammerns zurück oder verwendet binomische Formeln.
Beispiel:
Multiplikation und Division
Beim Multiplizieren von Bruchtermen müssen sowohl die Zähler als auch die Nenner multipliziert werden. Gemeinsame Faktoren von Zähler und Nenner sollten herausgekürzt werden.
Beispiel:
In komplizierteren Aufgaben sollte man Zähler und Nenner in Faktoren zerlegen, um sie bereits vor der eigentlichen Multiplikation herauskürzen zu können.
Beispiel:
Die Division von Bruchtermen lässt sich auf die Multiplikation zurückführen. Man dividiert durch einen Bruchterm, indem man mit seinem Kehrwert multipliziert.
Beispiel:
Weitere Darstellungsformen
Partialbrüche
Brüche kann man oft in sogenannte Partialbrüche zerlegen, deren Nenner ganze Potenzen von Primzahlen sind; z. B.:
Ägyptische Brüche
Brüche lassen sich auch als Zerlegungen in Stammbrüche darstellen, z. B.
und
.
Die alten Ägypter kannten nur solche Darstellungen von Brüchen, weshalb sie Ägyptische Brüche genannt werden.
Pythagoreische Brüche
Das Zahlentripel ist ein Beispiel eines pythagoreischen Bruchs (siehe auch pythagoreisches Tripel), denn
.
Rationaler Zähler oder Nenner
Siehe Rationalisierung (Bruchrechnung).
Siehe auch
Farey-Folge
Kreuzweise Multiplikation
Literatur
Weblinks
Bruchrechnung In Nachhilfe Videos veranschaulicht (Olaf Hinrichsen, OberPrima.com UG, 16. März 2018)
Rechner für Brüche – diverse Online-Programme rund um die Bruchrechnung
Formeln für die Bruchrechnung – Eine übersichtliche Auflistung der wichtigsten Formeln für das Rechnen mit Brüchen
Interaktives Applet, das durch die verschiedene Aufgabenstellungen zur Bruchrechnung führt
Einzelnachweise
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Q66055
| 176.51148 |
76368
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https://de.wikipedia.org/wiki/Akkordeon
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Akkordeon
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Das Akkordeon (von französisch accordéon), auch Ziehharmonika, Handharmonika oder Schifferklavier genannt, ist ein Handzuginstrument, bei dem der Ton bei Zug oder Druck auf einen Balg durch freischwingende, durchschlagende Zungen erzeugt wird und das nicht nur Einzeltöne hervorbringt, sondern auch (mechanisch voreingestellte) Akkorde. Der Name Akkordeon geht zurück auf den Wiener Instrumentenbauer Cyrill Demian, der seine Ziehharmonika durch Hinzufügen von in Akkorden zusammengefassten Bässen verbesserte und unter dem Namen Accordion (1829) patentieren ließ.
Das Akkordeon zählt somit zu den selbstklingenden Unterbrechungs-Aerophonen. Alle Handzuginstrumente, die auf der (aus Sicht des Spielers) rechten Seite, dem Diskant (Diskantteil, Melodieseite), die Tastatur (Klaviatur oder Knöpfe) in einer abgewinkelten Form angebracht haben, werden zu den diversen Akkordeonarten gezählt. Diese Anordnung der Tastatur geht auf die ersten Wiener oder die ersten französischen Instrumente zurück.
Die verschiedenen Typen der Konzertina, wie das Bandoneon, weisen im Gegensatz zum Akkordeon keine abgewinkelte Tastatur und keine voreingestellten Akkorde auf.
Terminologie
Es gibt eine Reihe von regionalen, teilweise umgangssprachlich-humoristischen Bezeichnungen für das Akkordeon oder spezielle Bauformen, wie:
Handklavier, Maurerklavier, Schifferklavier
Ziehorgel, Handorgel (schweizerisch), Schweineorgel
Zugin, Ziach (bairisch), Zerrwanst, Treckfidel (niederdeutsch für "Zieh-Fiedel")
Quetschkommode, Quetschn (österreich.), Quetschebüggel
Heimatluftkompressor
Die vielfältigen Begriffe und besonders „Akkordeon“ und „Harmonika“ werden synonym, aber auch abgrenzend verwendet. Die regionalen Unterschiede in Bauart, Spielweise und Bezeichnung sind derart komplex, dass die folgende Darstellung lückenhaft bleibt.
Anfangs waren „Harmonika“ die größeren Handzuginstrumente, die immer mit der rechten Hand gespielt wurden, also die kleinere Bauart der Physharmonika. Sprachlich ist im Laufe der letzten beiden Jahrhunderte ein gewisser Tausch der Bezeichnungen eingetreten, so wird eher das Akkordeon als die große Variante der Harmonika betrachtet, eine scharfe Begriffsabgrenzung gibt es nicht. Die Harmonika war ursprünglich chromatisch. Siehe dazu Geschichte des Pianoakkordeons.
Im volkstümlichen Bereich werden Begriffe exklusiv für bestimmte Sonderformen verwendet. Häufig wird von „Akkordeon“ gesprochen, wenn es sich um teurere, hochwertige und schwerere Produkte handelt, die auch für konzertantes Spiel verwendet werden. Der Begriff „Harmonika“ wird dagegen für leichtere Ausführungen verwendet. Es gibt Ausnahmen: so wurden in Wien gerade die größeren Instrumente als „Harmonika“ bezeichnet. Regional gibt es sprachliche Unterschiede in der Benennung, grob kann gesagt werden, dass in Österreich Harmonika tatsächlich für das Akkordeon Verwendung findet, häufig aber auch als Kurzbezeichnung für die Steirische Harmonika, oft in der Form von Ziehharmonika. In der Schweiz wird eher der Ausdruck Handorgel verwendet. Im deutschsprachigen Raum wurde in letzter Zeit ein neuer Ausdruck geprägt, nämlich Zuginstrument oder in der verkürzten Form einfach Zugin oder Ziach (vor allem in Westösterreich und Bayern).
Unterscheidet man die Regionen genauer, kommen umgangssprachlich viele weitere Bezeichnungen hinzu. Es ist daher natürlich, dass Personen aus verschiedenen deutschsprachigen Regionen die verschiedenen Bezeichnungen für derartige Instrumente mit unterschiedlichen Instrumentvarianten verknüpfen. So sind die Benennungen für das Instrument in den verschiedenen Sprachen der Erde oft von Harmonika oder Akkordeon abgeleitet. Im englischen Sprachraum wird Accordion als Oberbegriff verwendet.
Um die regionalen Unterschiede in der Terminologie zu umgehen, wird im Artikel in erster Linie der Begriff „Akkordeon“ verwendet.
Bauarten
Ein Akkordeon besteht wie fast alle Handzuginstrumente aus zwei Teilen (Diskant und Bass), die durch einen Balg miteinander verbunden sind. Durch das Auseinanderziehen und Zusammendrücken der beiden Teile wird die Luft im Balg durch die Stimmstöcke in den beiden Seitenteilen geführt. Je nachdem, ob beim Ziehen und Drücken die gleichen Töne erklingen, kann grundsätzlich zwischen wechseltönigen und gleichtönigen Instrumenten unterschieden werden. Weiterhin ist eine Klassifikation nach Art der Tastenbelegung im Diskant möglich. Neben den hier aufgezählten sind noch zahllose weitere Varianten bekannt. Die Vielfalt der Akkordeons in Gruppen einzuteilen, ist schwierig. Bei praktisch allen Klassifikationssystemen zeigen sich Vor- und Nachteile sowie mehr oder weniger zahlreiche Ausnahmen.
wechseltönig
einreihig
Cajun Accordion (Louisiana)
Sanfona (Brasilien)
Melodeon
Langnauerli, Diskant und Bass wechseltönig diatonisch
mehrreihig
Wiener Modell (ursprünglich Wien)
Club-Modell modifiziertes Wiener Modell mit zusätzlicher Hilfstonreihe (Deutschland)
Steirische Harmonika (Österreich, Südtirol, Tschechien, Slowenien und Bayern)
Organetto (Italien)
Heligonka (Tschechien)
Schwyzerörgeli, Diskant wechseltönig diatonisch, Bass gleichtönig diatonisch (weniger als zwölf Grundbässe) oder chromatisch (zwölf Grundbässe)
Schottisches Akkordeon, Wiener Modell mit Stradella-Bass
Irisches Akkordeon, Diskant chromatisch
Trikitixa, Baskische Harmonika, Diskant diatonisch, Bass gleichtönig
Französisches Akkordeon
gleichtönig
Knopfakkordeon
Schrammelharmonika (Vorläufer des chromatischen Knopfakkordeons)
Chromatisches Knopfakkordeon (CBA) und sein russisches Pendant, das Bajan
Garmon (russisches Knopfakkordeon mit diatonischem Diskant)
Pianoakkordeon (PA) mit Klaviatur, sowie dessen Bass-Variante, das Bassakkordeon
Baugruppen
Balg
Der Balg ist das stilbildende Element eines Akkordeons. Er befindet sich zwischen dem rechten und dem linken Manual und besteht aus gefalteten Lagen von Stoff und Pappe, denen Leder und Metall beigefügt sind. Er dient der Erzeugung von Druck oder Vakuum, wodurch Luft über die Stimmzungen getrieben wird und deren Vibrationen dadurch Schall erzeugen. Die Lautstärke eines Tones wird von der Intensität des Drucks bzw. Zugs bestimmt. Die Tasten eines Akkordeons sind nicht anschlagsdynamisch wie bei einem Klavier.
Die Steuerung der Lautstärke ist allerdings nicht die einzige Funktion des Balgs. Sondern durch die Möglichkeit des Balgwechsels (Änderung der Richtung von Druck oder Zug auf den Balg) bietet der Balg ein Artikulationsmittel, das mit dem Wechsel der Strichrichtung des Bogens einer Geige verglichen werden kann. Die Wiederholung eines gleichen Tones kann also auf zwei unterschiedliche Arten erfolgen. Einerseits durch erneutes Betätigen bzw. Drücken der jeweiligen Taste des Instrumentes. Andererseits aber auch durch Halten der Taste und Änderung der Zugrichtung des Balges (Bellowshakes). Die Balgtechnik, d. h. der gezielt eingesetzte Balgwechsel, ist ein prägendes Charakteristikum akkordeonspezifischer Spieltechnik.
Stimmstöcke
Ein Stimmstock ist die Zusammenfassung von Kanzellen zu einer Gruppe. Die Kanzellen können direkt im Musikinstrument mit dem Gehäuse verleimt sein. Werden sie jedoch zu Stimmstöcken zusammengefasst, sind sie meistens mit dem Gehäuse verschraubt und ausbaubar.
Die Kanzellen sind meistens aus Holz gefertigt, andere Instrumente verwenden aber auch Spritzguss-Polymer-Stimmstöcke. Holz spielt beim Stimmstockbau als traditionell verwendetes Material eine große Rolle. Bei der Verarbeitung kommen im Wesentlichen zwei Verfahren zum Einsatz: Entweder werden die Trennwände der Kanzellen als Einzelteile mit einer Trennwand verleimt oder ein vorbereiteter Holzblock wird mittels CNC-Fräsmaschine in die gewünschte Form gebracht. Die obere Leiste ist meistens aus einem härteren Holz, die Grundplatte (Sohle) mit den Schallöffnungen ebenfalls. In manchen Instrumenten kommen auch Stimmstöcke zum Einsatz, die bereits die Registerschieber im Stimmstockfuß beinhalten. Polymer-Stimmstöcke bieten den Vorteil hoher Maßhaltigkeit bei gleichzeitig sicherer Befestigung der Stimmplatte und Unempfindlichkeit gegenüber Klimaschwankungen. Da in allererster Linie die Form der Kanzelle und die Qualität der Stimmplatten an der Tonbildung beteiligt sind, lässt sich daher ein Klangunterschied zwischen Polymer- und Holz-Stimmstock bei modernen Instrumenten subjektiv nicht mehr feststellen; Polymer- und Holzstimmstöcke können sogar problemlos in einem Instrument zusammen eingesetzt werden. Die Anordnung der Stimmplatten auf den Stimmstöcken variiert sehr stark in Abhängigkeit von der jeweiligen Instrumentenvariante. Fast immer sind sie aber im Diskant an einem Ende kleiner als am anderen, aufgrund der kleiner werdenden Stimmzungen. Die Tonlöcher sind oft rechteckig ausgeführt, um den Einsatz von Registerschiebern zu ermöglichen. Die Stimmplatten sind bei den meisten Instrumenten auf den Stimmstöcken mit einer speziellen Wachsmischung, meist Naturwachs, aufgeklebt. Bei modernen französischen Konzertinstrumenten und bei alten Wiener Instrumenten findet man eine Befestigung mit Schrauben, Haken und/oder Nägeln, dabei wird die Stimmplatte mit einer Abdichtung aus Leder oder Kork auf den Stimmstock aufgelegt. Teilweise entfällt eine Zwischenlage. Besonders bei der französischen Musette-Stimmung wird eine obertonreiche Klangfarbe erwünscht und durch die spezielle Art der Befestigung und Konstruktion der Stimmstöcke gefördert. Bassstimmstöcke bedürfen einer besonderen Aufmerksamkeit.
Stimmstöcke für Bassakkordeons sind meist auf eine besondere Art konstruiert (Faltung), damit die Ansprache und das Klangbild optimiert werden. Bei alten Instrumenten wird das Wachs hart und Stimmplatten können locker werden, was zum Rattern des Tones führt.
Stimmplatten und Ventile
Stimmplatten und Ventile sind ein wesentlicher Bestandteil des Akkordeons und sind in erster Linie maßgeblich für die erreichbare Tonqualität in Bezug auf Lautstärke, Klangfarbe, Dynamik und Tonhaltigkeit. In den meisten Instrumenten kommen Stimmplatten aus maschineller Fertigung zum Einsatz. Für höchste Ansprüche werden „Handgemachte Stimmplatten“ verwendet. Für Konzertinstrumente und „Bayans“ werden oft durchgehende Stimmplatten verwendet, wo alle Stimmzungen auf einer einzigen Platte genietet oder geschraubt sind. Durchgehende Stimmplatten haben den Vorteil der höheren Stabilität und Tonfestigkeit aufgrund der größeren Vibrationsärmeren Masse.
Register
Auf der linken (Bassteil, Begleitseite) wie auf der rechten Seite (Diskantteil, Melodieseite) gibt es die Möglichkeit, die Klangfarben durch Zuschalten von bis zu sechs Chören (sechs Stimmstöcke mit Stimmplatten und Zungen) durch sogenannte Register stark zu variieren. Bei diatonischen Instrumenten werden Register nur selten (eine Ausnahme ist das Cajun Accordion) verwendet. Von Hersteller und Fabrikat hängt es stark ab, ob Register angeboten werden. Sehr einfache Instrumente besitzen keine Register. Zum Verschließen der Schallöffnungen für einzelne Stimmplattensätze dienen Registerschieber.
Korpus
Die beiden Gehäuseteile des rechts eingebauten Diskants mit der Klaviatur (Klaviertasten) oder der Tastatur (Knöpfe) und des links eingebauten Basses mit der Bassmechanik erfüllen hauptsächlich die Aufgabe, die nötige mechanische Basis für die eingebauten Teile bereitzustellen, aber sie schließen auch den eingeschlossenen Luftraum dicht zur Umgebung ab, solange keine Ventile (Klappen) geöffnet werden. Zur klanglichen Komponente eines Instrumentes trägt die Art der Konstruktion nur bedingt bei. Wohl hat die Größe des freien inneren Volumens einen gewissen Anteil auf die Tonqualität in Beziehung auf Lautstärke und Klangfarbe, wie das verwendete Material einen kleinen Beitrag leistet. Vorrangig ist aber, dass der Korpus möglichst stabil und leicht ist. Traditionell wurde Fichtenholz, aber auch andere Massivholzarten verwendet. Bald hat aber die Verwendung von Mehrschichtholz Einzug gehalten, was zu guten akustischen Ergebnissen führt. Beim Akkordeon gilt der Grundsatz, dass die Korpusteile möglichst nicht vibrieren sollen ähnlich wie bei Lautsprecherboxen. Somit ist ein leichtes Instrument oft akustisch schlechter als ein etwas schwereres. Es verwundert daher auch nicht, dass Einzelanfertigungen aus Plexiglas den Spieler klanglich zufriedenstellen. Allerdings ist Plexiglas doppelt so schwer wie Mehrschichtholz. Hingegen haben ansonsten Kunststoffmaterialien einen negativen Einfluss auf das Klangverhalten. Mit Erfolg wurden auch Gehäuseteile aus Aluminium und Magnesium gebaut. Aluminium wird oft für die Füllung (der Boden, auf dem die Klappen aufliegen) und für die Mechanik verwendet.
Oberflächen
Die Oberflächen wurden ursprünglich wie andere Gegenstände aus Holz behandelt, jedoch kam in den 1920er Jahren mit den ersten Kunststoffen die Beschichtungen mit Zelluloid auf. Viele Hersteller ersetzen diese Verfahren bereits mit einer umweltfreundlichen speziellen Mehrschichtlackierung. Der neueste Trend auch bei Konzertinstrumenten sind aber wieder Instrumente in Massivholzlook mit Klarlackoberflächen. Heutige Mainlineprodukte aus China und Europa sind meist mit abgerundeten Gehäusen ausgeführt. Für abgerundete Gehäuse in Naturlook lässt sich Mehrschichtholz aber schlecht einsetzen.
Diskant- und Basskonstruktion
Die Konstruktionen des Diskants und des Basses unterscheiden sich je nach Hersteller relativ stark, obwohl sehr viele Zulieferteile Verwendung finden.
Beeinflussung der Art der Konstruktion durch den Hersteller
Die zwei französischen Erzeuger, die Firma Cavagnolo in Lyon und die Firma Maugein in Tulle fertigen fast alle Teile von chromatischen Akkordeons bis auf die Stimmplatten selbst. Auch die Firma Harmona mit dem Markennamen Weltmeister fertigt alles selbst bis auf die Stimmplatten. Ähnliches gilt für Instrumente aus Russland (Tula) und die tschechischen Instrumente mit dem Namen Delica. Instrumente aus Italien sind unter vielen Markennamen bekannt, aber es existieren nur mehr wenige selbständige, unabhängige Produzenten, die stark miteinander kooperieren, daher ähneln sich die Instrumente in Konstruktion und bei den mechanischen Einbauten sehr. Meist kommen Luxusinstrumente aus Italien, vieles wird aus China importiert, wie dies auch mit Schülerinstrumenten von Hohner der Fall ist. Jedoch ist bei Hohner die Entwicklung, Fertigstellung und Kontrolle in Trossingen.
Beeinflussung der Art der Konstruktion durch die Ausstattung
Im Diskant werden bis zu fünf Chöre eingebaut, das Verdeck kann mit einer Jalousie ausgestattet sein, manche Instrumente wurden mit in Sektionen verschließbarem Verdeck gebaut. Die Ausführung des Verdecks wirkt relativ stark als klanglicher Filter und beeinflusst das Klangbild nicht unwesentlich. Der Einbau eines Cassottos ist eine Variante, die relativ oft vorkommt. Die Qualität der Gelenke im Diskant variiert erheblich, billigere Instrumente kommen oft ohne zusätzliches Gelenk aus. Für die Führungen der Tasten und die Gelenke kommt oft Teflon zum Einsatz, aber auch Kugelgelenke werden zum Teil verwendet. Die Klappen sind ebenfalls teilweise recht unterschiedlich ausgeführt, sie sind daher nicht immer gleich dicht und geräuschlos. Nicht jeder Spieler hat die gleichen Bedürfnisse bezüglich Mechanik. Der erforderliche Druck, um die Tasten zu bewegen, kann ebenfalls variieren wie auch der Hub der Tasten bei verschiedenen Instrumenten nicht immer gleich ist. Es empfiehlt sich somit, möglichst viele Instrumente zu vergleichen, der Unerfahrene hat aber meist nicht das nötige Feingespür, um die Unterschiede zu bemerken. Die Basskonstruktionen unterscheiden sich bei der Mechanik in ähnlicher Weise wie im Diskant. Sehr wesentliche Unterschiede gibt es bei den möglichen Einbauten. Auch wenn sich an der Anzahl der Tasten rein optisch kein Unterschied bemerken lässt, kann doch der erzeugte Ton und Klang äußerst verschieden ausfallen. Für die meisten Instrumente ist jedoch eine relativ einfache, fast standardisierte Ausstattung anzutreffen (siehe auch Bass-Systeme). Der Einbau der Stimmstöcke im Bass ist nicht generell einheitlich. Es gibt auch die Möglichkeit, einfache Helikonstimmplatten im Bass eines chromatischen Akkordeons zu integrieren. Dabei werden zwölf einfache Helikonstimmplatten über dem Akkordstimmstock eingebaut, dieser darüber liegende Stimmstock mit den Helikonstimmplatten ist mit einem Luftkanal nach unten zum Bassboden angebunden. Die Helikonstimmplatten sind somit parallel zum Bassboden angeordnet. Die dazugehörende Oktave-Stimmplatte pro Ton ist im stehenden Luftkanal eingebaut. Somit sind bei dieser Variante drei Stimmplatten, davon zwei Begleitstimmplatten, am Begleitstimmstock stehend montiert. Eine ähnliche Montageform des Stimmplatteneinbaus im Bass verwendet Hohner jetzt für die Spitzenklasse. Nur werden keine Helikonstimmplatten eingebaut, sondern die üblichen Bariton-Abmessungen. Der verlängerte Luftkanal bei dieser Art des Einbaus führt auch bei Verwendung gleicher Stimmplatten zu einer besseren Ansprache (Reaktion) der Töne und insgesamt zu einer besseren Tonqualität in Bezug auf Lautstärke und Klang. Ein Erzeuger von chromatischen Instrumenten aus Italien (Stradella) hatte in manchen Modellen alle Stimmplatten in zwei Etagen liegend im Bass eingebaut. Dies führt zu sehr guten Ergebnissen, ist aber äußerst schwierig zu realisieren. Die Firma hat den Betrieb eingestellt.
Chromatisches Akkordeon
Das chromatische Akkordeon ist eine Bauform des Akkordeons. Zu unterscheiden sind Instrumente mit Klaviatur (Pianoakkordeon) oder Knopfgrifftastatur (chromatisches Knopfakkordeon) auf der Diskantseite.
Die Schrammelharmonika ist der Vorläufer des chromatischen Knopfakkordeons.
Griff-Systeme
Knopfgriff
Die Instrumente werden mit bis zu fünf Reihen (oder sechs Reihen bei der serbischen Dugmetara speziell für die Balkan-Musik von Beltuna) gefertigt, wobei die inneren zwei (bzw. drei) Reihen eine Wiederholung von bereits vorhandenen Reihen darstellen. Es gibt B-Griff- und C-Griff-Systeme. Dabei sind die Reihen von innen nach außen beim C-Griff gegenüber dem B-Griff getauscht.
Die Von-Jankó-Tastatur
Diese Tastenbelegung wurde vor 1900 von Paul von Jankó erfunden, sie wird im deutschen Sprachraum auch unter „Beyreuther“, „6-plus-6“ oder vom Klingenthaler Unternehmen HARMONA AKKORDEON GMBH als Logicordion geführt. Die Jankó-Klaviatur hat beim Akkordeon wenig Verbreitung gefunden, es tauchen aber von Zeit zu Zeit auch gebrauchte Instrumente auf dem Markt auf. Bei Sonderanfertigungen müssen meist zehn Stück abgenommen werden. Die Tastatur kann sowohl mit Knöpfen als auch mit Tasten aufgebaut sein. Einige Instrumente wurden mit prismaförmigen Tasten angeboten, so ergibt sich eine bienenwabenartige Optik aus schwarzen und weißen Tasten. Eine Pianotastatur kann durch einfaches Überstülpen einer weiteren Tastaturebene sehr einfach an dieses System angepasst werden, dies ist aber aus baulichen Gründen eher bei Pianos möglich. Grundsätzlich kommt diese Tastenbelegung mit zwei Tastenreihen aus, jedoch sind meist Wiederholungsreihen (Kopplungen) vorhanden. Drei oder vier Reihen sind üblich. Bereits bei einer dreireihigen Ausführung ergibt sich gegenüber der Pianotastenanordnung ein einheitliches Griffmuster für alle Akkordtypen unabhängig von der Tonart, daher ähnliche Vorteile wie beim C- oder B-Griff. Die Oktave liegt um eine Tastenbreite dichter beieinander als bei der Klaviertastatur. Daher ist diese Tastatur als eine Art Hybrid beider Systeme zu sehen.
Bass-Systeme
Es gibt zwei grundlegende Bass-Systeme.
Unter Stradella-Bass, (auch Manual-II-Bass oder Standardbass genannt) versteht man die Anordnung der Basstöne in Quinten in vertikaler Richtung mit den am häufigsten gebrauchten Dur-, Moll-, Sept- und verminderten Septakkorden in horizontaler Anordnung. Der Tonumfang ist hier auf eine Oktave beschränkt, wobei jedoch, je nach Bauart und Register, bei den Basstönen bis zu fünf Oktaven gleichzeitig und bei den Akkorden bis zu drei Oktaven gleichzeitig ertönen. Es werden fast alle Akkordeons mit diesem Stradella-Bass gebaut.
Im Gegensatz dazu verfügt der Melodiebass (auch Manual-III-Bass) nicht über Akkordknöpfe, hat dafür aber einen Tonumfang von bis zu fünf Oktaven und ermöglicht dadurch das tonhöhenrichtige Melodiespiel. Der Melodiebass (drei bis vier Reihen) ist entweder dem Standardbass vor- oder nachgelagert oder kann alternativ (durch Umschalten der hinteren vier Reihen des Standardbasses durch zusätzliche Tasten) auf Melodiebass auf denselben Knöpfen gespielt werden. Ein solcher sogenannter Konverterbass ist in erster Linie bei höherwertigen Instrumenten üblich. Wie beim Knopfakkordeon gibt es hier die Systeme mit C-Griff oder B-Griff.
Des Weiteren sind auch noch „Free-Bass“-Systeme auf dem Markt.
Basskopplungen (verdoppelte Töne) mit eigenem Schalter findet man zusätzlich bei großen Konzertinstrumenten, zum Beispiel Bajan.
Diatonisches Akkordeon
Ein diatonisches Akkordeon (in Deutschland oft nur als Handharmonika oder Wiener benannt) ist – im Gegensatz zum chromatischen Akkordeon, aber ähnlich den diatonischen Mundharmonikas – wechseltönig und diatonisch aufgebaut. Bei Zug und Druck entsteht bei den meisten Tasten der Harmonika ein unterschiedlicher Ton. Es können zudem nicht alle Tonarten (bzw. -leitern) gleich einfach gespielt werden, sondern bevorzugt nur die für die jeweilige Reihe vorgesehenen. Dazu gibt es entsprechende Griffschriftsysteme (Tabulaturen) in verschiedenen Ausprägungen mit einer auf das Instrument abgestimmten Notation.
Die diatonischen Instrumente sind in vielfältiger Form auf dem Markt. Weite Verbreitung finden die sogenannte „Steirische Harmonika“ oder die tschechischen Heligonka-Instrumente. Sie weisen nur geringfügige Bauunterschiede auf. Auch die ursprünglichen Wiener Modelle ohne Gleichton sind weltweit sehr verbreitet. Die italienischen diatonischen Modelle entsprechen im Wesentlichen den ursprünglichen Wiener Modellen.
Sehr verbreitet sind auch nach wie vor einreihige Instrumente, sogenannte Cajuninstrumente. Zweireihige Instrumente sind ebenfalls in weiten Teilen der Erde sehr beliebt. Eine Sonderform stellt die Zweireihige in Irland dar. Bei diesem Irischen Akkordeon sind die beiden diatonischen Reihen nicht eine Quint voneinander entfernt, sondern nur einen Halbton. Damit entsteht ein Instrument, das eigentlich chromatisch ist, dabei trotzdem wechseltönig im Aufbau bleibt. Auch sind weitere Varianten der Tastenbelegungen in Verwendung.
Die russische Garmoshka (was übersetzt auch wieder Harmonika bedeutet) sieht ähnlich aus, ist aber gleichtönig. Die deutsche Konzertina und die Anglo Concertina sind äußerlich stark in ihrer Bauform abweichende, aber ebenfalls diatonische Instrumente.
Griff-Systeme
Die Knopfgriffinstrumente werden mit bis zu sechs Reihen gefertigt. Es gibt eine sehr große Vielfalt an Tastenbelegungen, die Variationen zum ursprünglichen Wiener Modell sind oft relativ gering, aber doch für die Spieltechnik von Bedeutung. Das Club-Modell und das Schwyzerörgeli belegen die dritte Diskantreihe mit Halbtönen.
Bass-Systeme
Grundsätzlich kann die Bassseite ähnlich oder gleich aufgebaut sein wie bei chromatischen Instrumenten. Dies kommt etwa beim Schottischen Akkordeon vor. Am häufigsten sind jedoch wechseltönige Bässe mit circa je vier Knöpfen pro korrespondierender Reihe am Diskant. Die Belegung und die Anordnung der Knöpfe variiert äußerst stark. Das grundlegende Muster der Belegung ist aber fast immer so, dass zumindest auf Druck Grundton und Begleiter der Tonika zur entsprechenden Reihe erklingen, auf Zug die Dominante.
Weitere Angaben siehe bei der Beschreibung der individuellen Instrumenttypen.
Geschichte
Ein Teil der Geschichte des Akkordeons ist in dem Film Die Geschichte und der Bau des Akkordeons von George Lindt dokumentiert, worin auch die Patenturkunde und der Herstellungsprozess detailliert dargestellt werden.
Vorläufer
Das älteste, bekannte Instrument, das auf dem Prinzip der durchschlagenden Zungen basiert, ist die chinesische Cheng. Außer dem Grundprinzip der Tonerzeugung hat die Cheng jedoch mit dem Akkordeon nahezu keine Gemeinsamkeiten.
Es wird oft angenommen, dass die Mundharmonika die Vorläuferin der Handharmonika wäre. Zuerst erhielten Kirchenorgeln und Flügel (Piano Forte) Register mit durchschlagenden Zungen (siehe Vorläufer des Harmoniums).
Die direkten Vorläufer des Harmoniums sind allerdings die Aeoline und Physharmonika genannten Instrumente. Die Aeoline wurde um 1810 von Bernhard Eschenbach zusammen mit seinem Cousin Johann Caspar Schlimbach entwickelt, wobei sich die beiden von der Maultrommel anregen ließen. Die Physharmonika wurde 1821 in Wien von Anton Haeckl patentiert. 1824 bekam Anton Reinlein in Wien ein Patent für eine Verbesserung der Handharmonika.
Die Massenproduktion von Mundharmonikas setzte vor der Produktion der kleinen diatonischen Instrumente ein. In einer Druckschrift des Musikinstrumentenmuseums SIMPK in Berlin, die anlässlich der Ausstellung „in aller Munde“ herausgegeben wurde, steht:
Bereits 1827/28 baute Christian Messner in Trossingen die ersten Mundharmonikas nach. 1829 ließ Charles Wheatstone das Symphonium patentieren, eine Art Luxusmundharmonika. Er verbesserte das deutsche Wind-Instrument. Zu dieser Zeit waren derartige Instrumente zumindest in wohlhabenden Kreisen oder unter Musikern bekannt. Auch Weltausstellungen waren bereits üblich, um neue technische Errungenschaften dem Publikum zu präsentieren.
Demians Patent
Bei seinem Patent vom 6. Mai 1829 verwendet Cyrill Demian in Wien zum ersten Mal die Bezeichnung „Accordion“ für sein neuartiges Instrument, da bei jeder Taste drei- bis fünftönige Akkorde eingebaut waren. Neu war die extrem kleine Ausführung. So wurde die einfachste Variante nur mit der linken Hand gespielt und war so ein reines Begleitinstrument. Dieses Instrument war wechseltönig (d. h., auf Zug und Druck klingen unterschiedliche Töne) und diatonisch (d. h., es können nur die Töne bestimmter Tonleitern pro Reihe gespielt werden). Diese Wechseltönigkeit war ebenfalls neu, da die zur selben Zeit gebauten großen Instrumente gleichtönig waren. Wegen seiner geringen Größe und des niedrigen Preises verbreitete sich das Instrument sehr rasch. So konnten auch Pilger das Instrument auf ihre Reisen mitnehmen, was mit großen Harmonikas nicht möglich war.
Cyrill Demian und andere Instrumentenbauer in Wien bauten auch größere Instrumente in ähnlicher Art. Spielanleitungen für Melodieinstrumente sind bereits aus dem Jahre 1833 bekannt. Um 1856 waren bereits um 120 Harmonikabauer in Wien tätig. Eine Auflistung der bekanntesten ist im Artikel Schrammelharmonika enthalten.
Vielfalt
Im Jahr 1833 veröffentlichte der bekannte Wiener Komponist und Kapellmeister Adolph Müller eine Spielanleitung zum Selbsterlernen der diatonischen Harmonika. Dem Text der Einleitung ist zu entnehmen, dass zu dieser Zeit bereits viele verschiedenartige Instrumente gebaut wurden. Er empfahl ein „vollkommenes Instrument“, welches sowohl Bassteil als auch Diskantteil besitzt. Diese Instrumente hatten bis zu drei Tastenreihen mit allen chromatischen Basstönen.
Weitere Entwicklung
Die Instrumente in der einfachen Bauform fanden sehr rasch Verbreitung:
In Paris wurden kurz nach Demians Vorbild Instrumente als französische Akkordeons nachgebaut und auch verändert. In der Musikzeitschrift „Le Menestrel“ aus dem Jahre 1834 wird berichtet, dass ein derartiges Instrument im Jahre 1831 nach Paris kam.
Auch Carl Friedrich Uhlig nahm von einer Reise nach Wien ein derartiges Instrument nach Chemnitz mit. Er veränderte es, hielt aber an der diatonischen und wechseltönigen Tastenbelegung fest. 1834 baute er sein erstes Instrument, das als „Deutsche Konzertina“ bekannt wurde.
Heinrich Band erweiterte den Tonumfang. In seiner Spielanleitung vom Jahre 1846 war sich Band selbst nicht sicher, wie er sein Instrument einordnen sollte. Er schreibt: „Accordionschule für 40- und 44-töniges Accordion, […] selbst […] auf den Accordion oder der Ziehharmonika zu lernen.“ (op. 1 Crefeld)
Paolo Soprani in Italien baute ebenfalls seine ersten Instrumente nach dem Vorbild Demians, 1863 entstand die erste Fabrik in Italien.
Ziehharmonika und Accordion waren also die üblichen Bezeichnungen in jener Zeit.
Amerika
In Amerika entwickelt sich die Harmonium-Fabrikation sehr rasch, so gab es bereits 1840 vierzig Melodeon (Orgel)-Erzeuger. Damit entwickelte sich dieses Instrument in Amerika praktisch zur selben Zeit wie in Wien und Paris. Aber auch ein Instrument nach dem Vorbild von Demian fand sehr rasch Anklang.
Unter anderem bezeugt ein Katalog von C. Bruno & Son aus dem Jahre 1881 umfangreiche Importe aus Europa. Dieser Katalog hat über hundert Abbildungen.
Die deutsche Harmonika
Gera
Heinrich Wagner lernte in Wien bei seinem Schwager Joseph Resch den Bau von Mund- und Handharmonikas kennen. Ab 1836 verkaufte er noch Instrumente, die sein Schwager in Wien anfertigte, begann aber bald mit einer eigenen Produktion, indem er weitere Arbeiter aus Wien nach Gera brachte. „Zu seinen ersten Gehilfen zählten der Harmonikatischler Resch, der Balgbinder Auinger, der Plattenmacher Haberkamm und der Stimmer Volkmann.“ Er stellte Lehrlinge und Arbeiter ein und beschäftigte schon 1852 etwa 100 Mitarbeiter. 1867 waren es bereits 380 Mitarbeiter. 1890 wurde die Firma aufgelöst, der Markenname wurde von der Fa. Buttstädt übernommen.
Magdeburg
Im Jahre 1845 gründete Fridrich Gessner eine Fabrik in Magdeburg. 1855 soll er bereits 150 Arbeiter beschäftigt haben. 1858 folgte noch die Fa. Traugott Schneider. Gessner wurde 1909 an die Fa. Hohner verkauft, Schneider an Dörfel in Brunndöbra. Es wurden in der folgenden Zeit viele weitere Betriebe gegründet, viele gaben aber nach dem Ersten Weltkrieg auf. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges waren es nur noch drei Betriebe: A. Pitzschler & Sohn, H. Buttstädt, F. Törfl.
Berlin
In Berlin entstanden, ebenfalls um 1860, die beiden Unternehmen Pietschmann & Sohn und Kalbe. Kalbe wurde 1910 an Hohner verkauft, Pietschmann & Sohn wurde 1910 aufgelöst.
Klingenthal
Adolph Herold war Tischler bei der Fa. Fridrich Geßner in Magdeburg. Er brachte 1852 ein Instrument nach Klingenthal und baute es in der Werkstätte seines Vaters nach. Viele Mundharmonikaerzeuger aus dem Ort wurden dadurch angeregt, selbst Harmonikas zu bauen. Bereits 1862 gab es in Klingenthal und Umgebung (auch Musikwinkel genannt) 20 Fabriken mit 334 Arbeitern. Die Jahresproduktion belief sich damals auf 214.500 Stück Derartige Stückzahlen wurden nicht einmal später von der Firma Hohner erreicht.
Altenburg und Siegburg
Die Firma Kahnt & Uhlmann (Altenburg/Thüringen) fertigte „Cantulia“-Akkordeons und Bandoneons seit 1880. Im Jahr 1937 erfolgte eine Neugründung als Akkordeonfabrik in Siegburg durch Walter Neuerburg. Markenzeichen des Cantulia-Akkordeons war das rote „C“ auf der C-Taste. Während des Zweiten Weltkriegs blieb die Fabrik geschlossen. Trotz erfolgreicher Produktionswiederaufnahme nach dem Krieg erlosch die Firma zum 31. Dezember 1957.
Triptis – Oberpöllnitz
Die Firma „Friedrich Töpel Harmonikafabrik“ wurde im August 1872 in Wittchenstein bei Triptis von dem Harmonikatischler Friedrich August Töpel als kleine Manufaktur im elterlichen Anwesen gegründet. 1877 wurde eine eigene Fabrik in Oberpöllnitz erbaut. 1907, nach dem Großbrand von 1905, wurde die Fabrikanlage um ein Drittel der Produktionsfläche erweitert, damit verbunden war ein Eigentümerwechsel. Im Jahre 1911 erfolgte eine Umfirmierung in die „Friedrich Töpel Harmonikafabrik AG“. Um 1935 wurden 100 Mitarbeiter beschäftigt. Unter der Betriebsleitung von Paul Biedermann, der auch Hauptaktionär war, stieg die Firma zur größten Akkordeonfabrik Thüringens auf. 1961, mit dem Tod von Paul Biedermann, wurde die Akkordeonproduktion am Standort Oberpöllnitz eingestellt. Die letzte Serie von Instrumenten wurde mit 34/80 Bässen für Weltmeister Klingenthal produziert. Der geschützte Markenname ist „SOLO“.
Trossingen
1903 begannen M. Hohner und A. Koch die Produktion von Handharmonikas. In Trossingen gab es vor dem Ersten Weltkrieg vier Großbetriebe: Matthias Hohner, Ands. Koch, Ch. Weiß, Chr. Messner & Co. 1907, nachdem viele andere Firmen bereits integriert waren, wurde die Fa. Hohner zur größten Musikinstrumentenfabrik der Welt. Am Höhepunkt im Jahre 1939 beschäftigte sie 4000 Mitarbeiter.
Selbstspielende Akkordeons
Es gibt viele Varianten von selbstspielenden Akkordeons. Ein historisches Instrument ist das Magic Organa.
Maschinelle Fertigung
Einen wesentlichen Beitrag zur maschinellen Fertigung machte Julius Bertold ab 1870. Er war Schlosser in Klingenthal und erfand und baute Maschinen, welche die Produktion von Stimmplatten und Akkordeons vereinfachten. Darunter waren Stanzen und Fräsen für Stimmzungen, Pressen für die Balgfertigung, Holzbearbeitungsmaschinen sowie Schneidemaschinen.
Bekannte Akkordeonbauer waren damals: C. A. Seydel, I. C. Herold, G. A. Dörfel, Dörfel-Steinfelser & Co., F. A. Böhm, Otto Weidrich, Karl Eschbach, Ernst Leiterd, F. A. Rauner A. G., Robert Mühlmann, Gebrüder Gündel.
Siehe auch
Geschichte und Entwicklung der Akkordeonindustrie in Italien wird unter Organetto beschrieben.
Geschichte und Entwicklung der Akkordeonindustrie in Frankreich wird unter Französisches Akkordeon beschrieben.
Geschichte zur Harmonika in Österreich wird unter Steirische Harmonika bzw. Schrammelharmonika beschrieben.
Geschichte und Entwicklung der Akkordeonindustrie in Russland wird unter Bajan beschrieben.
Geschichte und Entwicklung der Akkordeonindustrie in Tschechien wird unter Heligonka beschrieben.
Elektronische und digitale Akkordeons
Ähnlich wie beim Klavier (z. B. E-Piano) kam es auch beim Akkordeon zu elektronischen Variationen, um dessen Klangvielfalt zu erweitern.
Die ersten elektronischen Akkordeons wurden in den 1960er Jahren von der italienischen Firma Farfisa gebaut.
In den 1970er Jahren war bei Alleinunterhaltern das vollelektronische Akkordeon Elektravox der Firma Hohner populär, bei der der Balg als Lautstärkeschweller diente. Eine Weiterentwicklung waren in den 1980er Jahren Akkordeons der Serie Hohner Vox, die einerseits normale Akkordeons, andererseits auch elektronische Orgeln waren. Der Klang der elektronischen Stimmen war damals noch sehr unnatürlich und am ehesten mit denen von Heimorgeln vergleichbar.
In den 1990er Jahren wurde begonnen, übliche Akkordeons mit einem MIDI-Modul nachzurüsten. Diese Midi-Akkordeons sind Hybride, die neben normalem Spiel die Einspeisung von Midi-Signalen in externe Soundmodule (Expander) ermöglichen.
Die neueste Entwicklung elektronischer Akkordeons sind digitale Instrumente wie die Roland V-Akkordeons. Bei diesen werden Klang und Spielgefühl (u. a. Balgtechnik) von herkömmlichen Akkordeons möglichst authentisch nachgeahmt. Durch Sampling werden nicht nur die Klangfarben verschiedener Akkordeons, sondern – wie bei modernen Synthesizern – auch die Vielfalt der Sounds aller sonstigen Musikinstrumente abgebildet.
Pädagogik
Das Akkordeonspiel kann an Musikschulen gelernt werden.
An den Hochschulen konnte sich das Instrument vor allem in der zeitgenössischen Kammermusik etablieren. Mehrere Institute in Deutschland – unter anderem in Bremen, Trossingen, Freiburg im Breisgau, Würzburg, Weimar, Hochschule Lausitz in Cottbus, Hannover, Essen, Wuppertal und Nürnberg – bieten entsprechend spezialisierte Studiengänge (KA, KP, Komposition, Lehramt) an. Eine interessante Sonderstellung nimmt das Hohner-Konservatorium in Trossingen (nicht zu verwechseln mit der Musikhochschule am gleichen Ort) ein, wo unter anderem Dirigenten am aus den Mitstudierenden zusammengesetzten Akkordeonorchester ausgebildet werden. Auch die diatonischen Instrumente haben Zugang zu den Hochschulen gefunden. An den Konservatorien in Linz, Salzburg, Graz, Klagenfurt, Innsbruck und München wird das Studium der Steirischen Harmonika gelehrt.
Hersteller
Einer der größten Akkordeonhersteller ist die Matthias-Hohner AG in Trossingen. Besonders die Solistenmodelle der Serien „Morino“ und „Gola“ und das Mittelklassemodell „Atlantic“ sind weltweit verbreitet. Ende der 1990er Jahre wurde die Matthias-Hohner AG an asiatische Investoren verkauft, sodass ein Teil der Instrumente und insbesondere die Komponenten in China gefertigt werden. In Trossingen ist nur noch ein kleiner Stamm von Mitarbeitern verblieben. Eine weitere deutsche Manufaktur ist in Klingenthal das Unternehmen „HARMONA AKKORDEON GMBH“ mit dem Markennamen Weltmeister. Sie ist die älteste Akkordeonfabrik der Welt (seit ca. 1852), die nach der Wiedervereinigung aus dem VEB Klingenthaler Harmonikawerke „wieder“ entstanden ist. Hier werden immer noch Akkordeons mit einer Fertigungstiefe von bis zu 95 % in Deutschland entwickelt und hergestellt, siehe auch: Geschichte des Akkordeonbaus in Klingenthal. Ein international bekanntes Meisterinstrument ist die „Supita“, die in ihrer aktuellen Version als Supita II in verschiedenen Varianten für den Orchestereinsatz wie für solistische Zwecke und Studioproduktionen gefragt ist. Handwerksbetriebe wie Öllerer, Schneeberg und Hartenhauer in Deutschland fertigen eine beträchtliche Zahl an Instrumenten.
In Italien gibt es etwa 50 Akkordeonbauer alleine in Castelfidardo und Umgebung – bekannte Namen sind hier Dallape, Guerrini, Beltuna, Bugari, Ballone Burini, Borsini, Brandoni (Familie Bompezzo, einer der Markennamen ist byMarco), Castagnari, Menghini (heutiger Firmenname Suani, mit den Markennamen Scandalli SEM, Paolo Soprani), Pigini und Victoria. In Finnland gibt es Lasse Pihlajamaa (heute Pigini) und andere, in osteuropäischen Staaten Jupiter, Tula. In Österreich werden ca. 20.000 diatonische Harmonikas im Jahr produziert (Müller, Strasser, Schmidt, Novak, Jamnik, Zernig).
So vielfältig wie die Musiker sind auch die Meinungen über Qualität und Vorzüge der einzelnen Marken. Die Vielzahl der technischen Komponenten am Akkordeon bringt es mit sich, dass die Instrumente nur noch selten von den Herstellern komplett gefertigt werden. Auch große Marken greifen für Einzelkomponenten auf Zulieferer zurück. Daher ist es für die Beliebtheit der Instrumente nicht nur ausschlaggebend, um welche Marke und welches Modell es sich handelt, sondern darüber hinaus auch, in welcher Zeit es gebaut wurde.
Hier eine Liste der gängigsten Akkordeonmarken. Viele der Hersteller existieren bereits nicht mehr, oder stehen bereits unter anderem Firmennamen.
Akkordeonmusik
Literatur
Die Akkordeonliteratur konnte sich entsprechend dem noch jungen Alter des Instruments erst im 20. Jahrhundert entwickeln. Inzwischen existiert eine große Palette zeitgenössischer Werke aller Genres und Schwierigkeitsgrade in unterschiedlichen Besetzungen vom Solo bis zur Integration in sinfonische Klangkörper, vor allem aber in der Kammermusik. Zusätzlich ist es möglich, auf dem Akkordeon mit Melodiebass – bei sorgfältiger Auswahl – Werke aus der Klavier- und Orgelliteratur zu spielen. Hier sind besonders barocke Werke geeignet (zum Beispiel von Johann Sebastian Bach und Domenico Scarlatti). Gleichzeitig wurden durch eine Fülle von Transkriptionen auch die vor der Erfindung des Instruments datierenden musikalischen Epochen erschlossen.
Während des frühen 20. Jahrhunderts schuf eine Reihe von Free-Bass Akkordeon-Instrumentalisten auch anspruchsvolle Kompositionen, die für die Aufführung im Konzertsaal geeignet sind. In den 1950er Jahren komponierte John Serry senior seine American Rhapsody im „Orchestral-Jazz“-Stil für Stradella-Bass-Akkordeon. Der Komponist transkribierte es 1963 für Melodiebass-Akkordeon. In den 1960er Jahren komponierte er sein Concerto in C Major for Bassetti Accordion. Die Komposition wurde für das Giulietti-Melodiebass-Akkordeon geschrieben.
Nur ein geringer Anteil von Originalliteratur und erhältlichen Akkordeonauszügen ist auf Tonumfang und/oder technische Möglichkeiten des Knopfgriffakkordeons angewiesen. Der für das Pianoakkordeon mit 120 Bässen übliche Tonumfang von f-a′′′ hat sich als Standard etabliert, speziell auch für Orchesterstimmen mit Ausnahme der Bassstimme.
Es ist bei Solisten gängige Praxis, Nichtoriginalliteratur (insbesondere für Orgel) in eigenen Fassungen zu spielen, die die individuellen Grenzen von Instrument und Spieler weiter als in Akkordeonauszügen üblich ausnutzen.
Akkordeonkonzert
Ein Akkordeonkonzert ist ein Instrumentalkonzert für Akkordeon als Soloinstrument und Orchester oder Kammerorchester.
Mehrere Komponisten haben Solo-Konzerte für Akkordeon und Orchester geschrieben.
Das erste solche Konzert stammt aus dem Jahr 1937, es wurde von Feodosiy Rubtsov (1904–1986) komponiert und in der Leningrader Philharmonie durch Pavel Gvozdev uraufgeführt. Das erste Akkordeonkonzert in Deutschland komponierte Hugo Herrmann im Jahr 1940 (Aladar Krikkay gewidmet), es folgten weitere von Fred Malige (1942), Hermann Zilcher (1947), Hugo Herrmann 2. Konzert (1948/49), Gerhard Mohr (1953) und Wolfgang Jacobi (1958).
Ein für die Entwicklung des Akkordeons wichtiger Interpret war der Däne Mogens Ellegaard, der mit dem dänischen Komponisten Ole Schmidt zusammenarbeitete. Dessen Komposition „Symphonic Fantasy and Allegro“ op. 20 aus dem Jahr 1958 gilt als Meilenstein. Es folgten andere Komponisten aus Skandinavien, wie Torbjörn Lundquist, Niels Viggo Bentzon (1963) und Per Nørgård (1968). Arne Nordheim komponierte das berühmte Konzert "Spur" für Ellegaard im Jahre 1975. Im Jahre 1959 schrieb Václav Trojan "Pohádky" (Märchen), das noch immer regelmäßig gespielt wird. In den Vereinigten Staaten komponierten in den 1960er Jahren Henry Cowell, Alan Hovhaness, Roy Harris, Carmelo Pino, Paul Creston und Carmine Coppola Akkordeonkonzerte. Im Jahre 1962 schuf Jean Wiener in Frankreich ein Konzert für diese Besetzung.
Dank der Anstrengungen wichtiger Akkordeonisten wie Friedrich Lips, Geir Draugsvoll, Joseph Macerollo, Italo Salizzato, John Serry senior, Stefan Hussong und Teodoro Anzellotti wurde das Repertoire in den folgenden Jahren immer größer. Bekannte Komponisten wie Sofia Gubaidulina, Jukka Tiensuu, Kalevi Aho, Gija Kantscheli und Toshio Hosokawa haben Akkordeonkonzerte komponiert.
Akkordeonorchester
Beim Akkordeonorchester handelt es sich um einen Klangkörper, der nur aus Akkordeonspielern besteht, wo daher alle Instrumente die gleiche Klangfarbe haben.
Am Anfang der Entwicklung stand die alleinige Verwendung von diatonischen Instrumenten im sogenannten Harmonikaorchester. Die ersten Orchester dieser Art wurden nach dem Ersten Weltkrieg etwa ab 1925 gegründet. Fortschritte im Instrumentenbau brachten es mit sich, dass das Akkordeon mit seinen schaltbaren Klangfarben immer mehr Eingang in Harmonikaorchester fand. So änderte das Bevorzugen des Piano- und auch des Knopfgriffakkordeons dessen innere Struktur. Das wurde schließlich bestimmend für die Literatur. Es waren damit die Voraussetzungen geschaffen, dass sich ein eigener Akkordeonorchester-Stil entwickeln konnte.
Es gibt drei Arten des gemeinsamen, orchestralen Akkordeonspiels, die sich allerdings nicht streng voneinander abgrenzen lassen:
das große Akkordeonorchester (20 bis 30 Spieler)
das Akkordeon-Ensemble (je Stimme höchstens zwei Spieler)
die Akkordeon-Spielgruppe (zumeist als Quintett)
Als Zusatzinstrumente werden Bass, Elektronium oder Keyboards, Schlagzeug, Percussion und Pauken verwendet. Zuweilen wird auch ein Kontrabass ergänzt.
Akkordeon-Bigband
Siehe auch entsprechender Abschnitt in: Big Band
Verbände
Der Deutsche Harmonikaverband e. V. (DHV) ist mit über 120.000 Aktiven einer der größten deutschen Laienmusikverbände. Die meisten Mitglieder sind in den über 1000 Mitgliedsvereinen organisiert, die neben der Aus- und Weiterbildung der Spieler auch einen Orchesterbetrieb und regelmäßige Veranstaltungen durchführen. Gegründet wurde der DHV auf Initiative des Harmonika-Herstellers HOHNER im Jahre 1931. Der Hauptsitz des Verbands ist in Trossingen. Präsident ist seit September 2013 Jochen Haußmann (MdL BW). Der Verein ist beim Amtsgericht in Spaichingen registriert und teilt sich in verschiedene Landesverbände auf (wie Landesverband Bayern), welche wiederum in mehrere Bezirke und Kreisvereinigungen untergliedert sein können (wie Bezirk Karlsruhe). Über 75 % der Mitglieder sind Jugendliche und daher spielte die Jugendarbeit beim DHV schon immer eine sehr wichtige Rolle. In Baden-Württemberg wurde aus diesem Grund im Jahre 1981 eine Jugendorganisation des Verbands gegründet, die Akkordeon-Jugend Baden-Württemberg. Sie bündelt die Interessen der jugendlichen Mitglieder und ist mit einem umfangreichen überfachlichen Angebot präsent. Der Vorsitzende der Akkordeon-Jugend ist seit 2020 Peter Huber. Der Dienstsitz liegt in Rheinstetten.
Rekorde
Das größte spielbare Akkordeon der Welt, das auch im Guinness-Buch der Rekorde erwähnt wird, befindet sich in Castelfidardo. Es ist 2,53 Meter hoch und 1,90 Meter lang, 85 Zentimeter tief und wiegt circa 200 Kilogramm. Gebaut wurde es von 2000 bis 2001 in Castelfidardo von Giancarlo Francenella in über 1000 Arbeitsstunden. Es verfügt über 45 Diskanttasten, 120 Bassknöpfe und 240 Stimmplatten.
Bei dem Instrument handelt es sich um eine 5:1 Vergrößerung eines normalen Akkordeons.
Ein ähnlich großes Akkordeon befindet sich im Musikinstrumenten-Museum Markneukirchen. Es ist 1,80 Meter hoch, besitzt 128 Diskanttasten und 423 Bassknöpfe, davon 360 klingende und wiegt über 100 Kilogramm. Dieses Gewicht erforderte das Anbringen von Rädern, damit das Instrument bewegt werden konnte. Der Balg kann bis zu 2000 Liter Luft aufnehmen.
Das Akkordeon wurde von der Firma Glaß und Schmidt gebaut. Die Konstruktion stellt eine handwerkliche Meisterleistung dar und war ein enormer Arbeitsaufwand. Aus diesem Grund wurden die im Zweiten Weltkrieg ausgebauten Tonzungen nicht wieder eingesetzt, weshalb dieses Akkordeon nicht mehr spielbar ist. Die sechsköpfige weibliche Artistengruppe, die das Instrument zwischen 1938 und 1940 bespielte, hatte im Jahr 1938 Auftritte im Kristallpalast in Leipzig, im Apollotheater Nürnberg und in der Berliner Scala.
Siehe auch
Bandoneon
Cantulia
Liste von Akkordeonisten
Liste von Akkordeonkomponisten
Filme
Die Akkordeonspielerin. Preisgekrönter Dokumentarfilm von Biljana Garvanlieva. Christian Beetz. Deutschland 2006. 30 Minuten. Gebrüder Beetz filmproduktion / 3sat „Mädchengeschichten“.
Schultze gets the Blues. Ein Film von Michael Schorr. Offizielle Homepage zum Film
Accordion Tribe. Ein Dokumentarfilm über die gleichnamige Musikgruppe von Stefan Schwietert.
Das Akkordeon. Ein Dokumentarfilm über den Bau und die Geschichte des Akkordeons von George Lindt (Lieblingslied Records/DVD deutsch/englisch)
Festivals
Kokkola Winter Accordion Festival (Finnland)
Akkordeonfestival Wien (Österreich)
Festival Internazionale Castelfidardo (Italien)
Akkordeon-Akut-Festival, Halle (Deutschland)
Festival Accordeoes do Mundo, Torres Vedras (Portugal)
International Accordion Festival Vilnius (Litauen)
67. COUPE MONDIALE der Confédération Internationale des Accordéonistes (CIA) 27. Oktober bis 2. November 2014 in Salzburg (Österreich) (Veranstalter ist der Harmonikaverband Österreichs (HVÖ))
World Music Festival Innsbruck
Akkordeon Café Dortmund (Deutschland) monatliche Open-Stage Veranstaltung und Austauschforum für Akkordeon-, Harmonika- und Mundharmonikaspieler, seit 2008
Literatur
Giovanni Gagliardi: Kleines Handbuch des Akkordeonisten. Aktualisierte und um den italienischen und französischen Text sowie um drei Briefe Gagliardis erweiterte Neuausgabe. Augemus, Bochum 2004, ISBN 3-924272-08-5 (= Texte zur Geschichte und Gegenwart des Akkordeons; Band 2).
Hans-Peter Graf: Entwicklungen einer Instrumentenfamilie. Der Standardisierungsprozeß des Akkordeons. Lang, Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-631-32841-9 (zugleich Dissertation, Universität Bremen, 1996)
Ralf Kaupenjohann: Das Akkordeon. Eine kurze Darstellung der heutigen, in der Bundesrepublik Deutschland gebräuchlichsten Instrumententypen. Augemus, Bochum 1987, ISBN 3-924272-00-X (= Texte zur Geschichte und Gegenwart des Akkordeons; Band 1).
Christoph Wagner: Das Akkordeon oder die Erfindung der populären Musik. Eine Kulturgeschichte. Schott, Mainz 2001, ISBN 3-7957-2361-2.
Septimus Winner: Winner’s American instructor for the German accordion. Shaw, 1882 (Digitalisat)
Gotthard Richter: Akkordeon. Handbuch für Musiker und Instrumentenbauer. 5. Auflage. Noetzel, Wilhelmshaven 2008, ISBN 3-7959-0569-9.
Thomas Eickhoff: Kultur-Geschichte der Harmonika. Schmülling, Kamen 1991, ISBN 3-925572-05-8.
Wolfgang Eschenbacher: Musik und Musikerziehung mit Akkordeon. Band I–IV, Hohner, Trossingen 1993–1994, ISBN 3-920468-40-6, ISBN 3-920468-41-4, ISBN 3-920468-42-2, ISBN 3-920468-43-0.
Wolfgang Eschenbacher: Rudolf Würthner und das Orchester des Hauses Hohner. Schott Music, Mainz 1998, ISBN 3-920468-46-5.
Das Hohner-Konservatorium Trossingen. Druckerei und Verlag Springer, Trossingen 2000, ISBN 3-9802675-2-0.
C. Jacomucci (Hrsg.): Critical selection of accordion works composed between 1990 and 2010. Edizioni Tecnostampa, Loreto 2014, ISBN 978-88-87651-54-6.
RIM Repertoirelijsten, deel 8 accordeon, Utrecht 1990 (Repertoire Informatie Centrum)
Erich Valentin: Handbuch der Musikinstrumentenkunde. Mit Zeichnungen von Franz Mazura. Gustav Bosse, Regensburg 1954, S. 376–383.
Johan de With: Draagbaar, meerstemmig, expressief. Het accordeon en zijn verwanten. Uitgeverij KLANK, Stadskanaal 2006, ISBN 90-8721-001-9.
Weblinks
Informationen zu aktuellen Konzerterminen, Interpreten, Kompositionen. Accordions Worldwide (englisch).
Accordion Worldmap. Weltkarte mit Akkordeon-Museen, Events, Herstellern
AccordionChords.com Stradella Bass System & Piano Accordion Chord Charts
Einzelnachweise
Handzuginstrument
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Q79838
| 201.458252 |
76647
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https://de.wikipedia.org/wiki/Mitarbeiter
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Mitarbeiter
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Mitarbeiter sind in Arbeitskräfte, die einem Unternehmen, einer Behörde oder einer Institution angehören und dort abhängig beschäftigt bzw. angestellt sind.
Allgemeines
Aus dem Begriff Mitarbeiter ist ableitbar, dass er mit anderen, also weiteren Arbeitnehmern zusammen tätig ist. Durch den Wandel in vielen Bereichen der Wirtschaft verliert die Differenzierung zwischen Angestellten und Arbeitern zunehmend an Bedeutung, so dass der Begriff des Mitarbeiters als neutraler Sammelbegriff für Angestellte und Arbeiter, für freie Mitarbeiter zur Differenzierung gegenüber Angestellten, aber auch für ehrenamtlich Tätige avanciert ist. Mit der Hochschulreform wurde für alle Angehörigen des akademischen Mittelbaus der Oberbegriff „Akademischer Mitarbeiter“ eingeführt. Bei Bundesjustizbehörden oder im Parlament gibt es den Wissenschaftlichen Mitarbeiter.
Der Sammelbegriff Mitarbeiter hat sich derart verfestigt, dass er in Komposita wie Mitarbeiterbefragung, Mitarbeiterbeteiligung, Mitarbeiterbewertung, Mitarbeitergespräch oder Mitarbeiterüberwachung verwendet wird.
Organisation
In der Führungslehre Reinhard Höhns ist der Mitarbeiter einer der zentralen Begriffe des Harzburger Modells. Danach erhält der Mitarbeiter einen fest umgrenzten Aufgabenbereich, in den der Vorgesetzte lediglich in besonderen Ausnahmefällen eingreifen darf, etwa bei akuter Gefahr oder im Rahmen der Dienstaufsicht. Die Mitarbeiter erhalten im Wege der Delegation Aufgaben, Befugnisse und Verantwortung zugewiesen, wobei der Mitarbeiter die Handlungsverantwortung und der Vorgesetzte die Führungsverantwortung trägt. Die Trennung zwischen beiden Verantwortungsarten klärt, wer für Fehler einzustehen und hierfür Rechenschaft zu übernehmen hat.
Heutige Begriffsverwendung
Der Begriff „Untergebener“ gehörte früher zum festen Sprachschatz der absolutistischen Militär- und Verwaltungsordnung und war von dort in die Fabrik übernommen worden. Heute wird der Begriff Mitarbeiter anstelle des Wortes „Untergebener“ in bürokratischen Hierarchien verwendet, das mit einem autoritären Führungsstil assoziiert wird. Beim Konzept des Management by Delegation wird der Begriff des Untergebenen zuweilen noch benutzt, weil eine klare Hierarchie zwischen Vorgesetzten und Untergebenen die Grundlage darstellt. Das Wort Untergebener ist nur noch als Rechtsbegriff beim Vergehen der Verleitung eines Untergebenen zu einer Straftat gemäß StGB gebräuchlich.
Heute wird dagegen allgemein der Begriff Mitarbeiter bevorzugt, weil das in Eigeninitiative wirkende Personal im Vordergrund steht und nicht mehr das der Willensdurchsetzung von Führungskräften passive, unterworfene Objekt. In dieser Lesart werden zur Unterscheidung gleichrangige Arbeitskräfte als Kollegen bezeichnet.
Siehe auch
Ehrenamtlicher Mitarbeiter
Freier Mitarbeiter
Geheimer Mitarbeiter
Inoffizieller Mitarbeiter
Integration neuer Mitarbeiter
Mitarbeiter-Erfolgsbeteiligung
Mitarbeiter-Kapitalbeteiligung
Mitarbeiter des Monats
Mitarbeiter-Management
Projektmitarbeiter
Spiegel-Mitarbeiter KG
Verdeckter Mitarbeiter
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Weblinks
Einzelnachweise
Verwaltung
Planung und Organisation
Personalwesen
Berufliche Funktion
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Q1751358
| 155.737026 |
4308439
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https://de.wikipedia.org/wiki/Jazz
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Jazz
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Jazz (Aussprache: oder ) ist eine ungefähr um 1900 in den Südstaaten der USA entstandene, ursprünglich überwiegend von Afroamerikanern hervorgebrachte Musikrichtung, die in vielfältiger Weise weiterentwickelt wurde, häufig im Crossover mit anderen Musiktraditionen und Genres. Mittlerweile werden auch Musikformen zum Jazz gezählt, die oft nur lose oder kaum noch mit der afroamerikanischen Tradition verbunden sind.
Der Jazz wird im Hinblick auf seine künstlerische Bedeutung häufig als amerikanisches Pendant zur klassischen europäischen Musik verstanden. Darüber hinaus hat er nahezu allen anderen Sparten der Musik, von Pop bis Folk, neue Möglichkeiten eröffnet, bzw. wäre das bloße Vorhandensein vieler heutiger Genres ohne einen Jazzabschnitt in der Musikhistorie fraglich.
Kennzeichen des Jazz
Der Jazz greift auf ein überwiegend europäisches Tonsystem zurück und verwendet europäische Melodik und Harmonik, musikalische Formen (zum Beispiel Songform) sowie europäische Instrumente (Blasinstrumente, Klavier, Gitarre, Kontrabass, große und kleine Trommel, Becken). Diese aus Europa stammenden Bestandteile werden im Jazz jedoch auf eigene Weise genutzt. Zentral ist eine besondere, auf Bewegungsgefühl bezogene Rhythmik (Swing, Groove), intensive, improvisatorische und spontane Interaktion (darunter Call and Response) und eine am vokalen Ausdruck orientierte Tonbildung. Diese Elemente, insbesondere die Rhythmik, lassen sich auf das Musikempfinden afrikanischer Musikkulturen zurückführen.
Auch die neueren Strömungen des Jazz weisen einzelne musikalische und ästhetische Charakteristika auf, die sie als Jazz erkennbar werden lassen. Zu diesen Kennzeichen gehören vor allem die Blue Notes, aber auch:
Improvisation,
Jazzrhythmik mit (zumindest tendenziell) polyrhythmischem Charakter, etwa durch den Offbeat,
eine spezielle Art der Tonbildung (zum Beispiel Schleiftöne und Multiphonics) und Instrumentenbehandlung,
stilistische Individualität einzelner Musiker und
ein Traditionsbezug auf vorhergegangene Stile der Jazzgeschichte.
Der Jazz entstand in einem Verschmelzungsprozess aus Elementen der afroamerikanischen Volksmusik (Blues, Worksong, Negro Spiritual) und der europäisch-amerikanischen Marsch-, Tanz- und Populärmusik. Die Geschichte des Jazz ist „in erster Linie eine Geschichte individueller und kollektiver Stilistiken, Improvisations-Strategien, Phrasierungs- und Intonationsweisen, kurz: eine Interpretations-Geschichte.“ Daraus ergibt sich aber auch: Den Jazz gibt es nicht (mehr) – im Verlauf der Jazzgeschichte wird es zunehmend schwierig, sich auf eine einheitliche Definition dieses Begriffs zu einigen und Jazzmusik alleine aufgrund ihrer musikalischen Gestaltungsmittel zu definieren.
Zentrale Jazzstile
Mit der zunehmenden Verbreitung und Popularisierung entstand zunächst die Jazz-Kritik und dann die Jazzforschung. Sie versteht den Jazz nicht nur als eine mitreißende Unterhaltungsmusik, sondern auch als ernstzunehmende kulturelle Leistung. So trug sie entscheidend zur Wertschätzung und zum Verständnis eines größeren Publikums für diese Musik bei. Damit bereitete sie den Boden dafür, dass die ab den 1940er Jahren hervorgebrachten Entwicklungen, die, wie der Modern Jazz, jenseits der Popular-Musik liegen, auch eine weltweite Hörerschaft fanden. Allerdings widersprach die Jazz-Kritik mit ihren Kategorisierungen und Deutungen häufig dem andersartigen und überwiegend von afroamerikanischer Kultur geprägten Zugang der Musiker.
Die Jazz-Kritik entwarf eine Reihe von Jazz-Stilen und deutete ihre Abfolge so, dass die auf dem Blues, dem Gospel und dem Ragtime aufbauende Jazz-Geschichte zumindest bis in die 1960er Jahre als annähernd „folgerichtige“ Entwicklung erschien: New Orleans Jazz/Dixieland Jazz; Chicago-Jazz; Swing; Bebop; Cool Jazz/West Coast Jazz; Hard Bop/East Coast Jazz; Free Jazz; Fusion/Rock Jazz. Ungefähr ab 1970 wuchs die Vielfalt der unterschiedlichen Stilrichtungen erheblich an und mit ihnen auch widersprüchliche Auffassungen davon, worauf es im Jazz ankommt, welche Entwicklungen richtungsweisend sind und welche neu hinzugekommenen Musiker als bedeutend anzusehen sind. Es gelang für die Zeit ab den 1970er Jahren daher keine allgemein anerkannte Darstellung einer stilistischen Entwicklung mehr. So werden heute mehrere, zum Teil unterschiedliche Bezeichnungen für Stile, Strömungen und Musikerkreise verwendet. Auch die Stile der Vergangenheit werden aus neueren Blickwinkeln mitunter mit zusätzlichen Stil-Bezeichnungen angereichert („Latin Jazz“, „Modal Jazz“) und abweichend bewertet. Von Musikern, aber auch von Jazz-Kritikern und -Forschern selbst werden all diese Kategorisierungen grundsätzlich in Frage gestellt. Sie sind allerdings zur allgemeinen Orientierung gebräuchlich geblieben.
New Orleans Jazz (ab 1905)
New Orleans Jazz entwickelte sich Anfang des 20. Jahrhunderts in New Orleans (Louisiana) und verbreitete sich in den 1910er Jahren durch New Orleans Bands nach Chicago, Illinois und New York. New Orleans Jazz wird häufig als der erste wirkliche Jazz-Stil gesehen. Es war auch die erste Musik, die unter dem Begriff Jazz zitiert wurde. Vor 1917 wurde das Wort Jazz oft „Jass“ buchstabiert. Bekannte Vertreter des New Orleans Jazz waren Kid Ory und Louis Armstrong, der in vielen verschiedenen Bereichen des Jazz wirkte. Der historische Vorgänger waren die Musik der Marching Bands, Kirchenlieder, Negro Spirituals und Blues, aber auch der Cakewalk und Ragtime. Seine Stilmerkmale sind: Kollektivimprovisation, Breaks, die Trompete als Hauptstimme (wird von den anderen Bläsern umspielt). In den 1950er Jahren erlebte der New Orleans Jazz eine Renaissance unter dem Begriff New Orleans Revival.
Dixieland Jazz (ab 1910)
Durch die damalige Rassentrennung waren Bands nach Hautfarben getrennt. In New Orleans gab es von Anfang an sowohl afroamerikanische als auch weiße Bands. Sie lieferten einander oft musikalische Duelle in den Straßen. Es bildete sich schließlich eine weiße Spielart des New Orleans Jazz heraus, der Dixieland. Die Original Dixieland Jass Band spielte am 26. Februar 1917 ihre erste Schellackplatte ein, die im Mai 1917 veröffentlicht und ein Millionenhit wurde. Mit ihr begann sich der Jazz weltweit durchzusetzen. Beim Dixieland traten die ursprüngliche Tonbildung, Schleiftöne, expressives Vibrato und der Gesamtausdruck zurück. Die Melodien waren glatter, die Harmonien reiner und die Technik geläufiger. Dixieland Jazz ist allerdings nicht scharf vom New Orleans Jazz abzugrenzen. Im Verlauf der Zeit spielten Musiker unabhängig von ihrer Hautfarbe beide Richtungen. Heute gibt es drei Hauptströmungen des Dixieland Jazz: Den Chicago Style, West Coast Revival und New Orleans Traditional.
Chicago Jazz (ab 1919)
In Chicago fand der New Orleans Jazz und der Dixieland Jazz der Profis aus dem Süden viele Nachahmer. Dazu zählten insbesondere junge Amateure, meist Schüler und Studenten. Es gelang ihnen nicht, die komplexen Konstruktionen gleichwertig nachzubilden. Daher wurde ein neuer Stil entwickelt, der Chicago Jazz. Die Melodien überkreuzen sich dabei nicht mehr, sondern liegen parallel zueinander. Die einzelnen Soli haben im Gegensatz zur Kollektivimprovisation des New Orleans Jazz eine größere Bedeutung. Erstmals tritt hier das Saxophon als wichtiges Instrument auf. Ein bedeutender Vertreter dieser Stilrichtung war Bix Beiderbecke.
Swing (ab 1926)
Der Swing war die populärste Stilrichtung der Jazzgeschichte. Sie entstand Mitte bis Ende der 1920er Jahre. Aufgrund der Weltwirtschaftskrise schlossen sich die Musiker zu sogenannten Bigbands zusammen, da sie als Einzelne in diesem Beruf nicht mehr bestehen konnten. Der Swing hatte zwischen 1935 und 1945 seine Blütezeit. Kansas City Jazz und Western Swing sind zunächst regionale Unterstile des Swing, die aber ab Mitte der 1930er auch überregionale und internationale Bedeutung erlangten. In dieser Zeit übernahm auch der Gospel vieles aus der Jazzharmonik und beeinflusste später den Rhythm and Blues damit.
In Europa entwickelte sich seit den späten 1920er Jahren der Gypsy-Jazz oder Jazz manouche. Der bekannteste Vertreter dieser Richtung war der Gitarrist Django Reinhardt, der diesen Stil durch außergewöhnliche Grifftechniken und seine Virtuosität entscheidend mitgestaltete. Der Gypsy-Jazz entstand als europäischer Ableger des angloamerikanischen Swing und war beeinflusst durch viele europäische Musikstile, insbesondere den Valse Musette und den ungarischen Csárdás. Gypsy-Jazz oder Jazz manouche wurde auch „String Jazz“ genannt, weil er hauptsächlich mit Saiteninstrumenten wie Gitarre, Geige und Kontrabass in der Besetzung des frühen Quintette du Hot Club de France gespielt wurde.
Bebop (ab 1940)
Bebop entwickelte sich ab 1940 und legte die Grundlagen für den Modern Jazz. Besonderheiten des Bebop sind größere rhythmische Freiheiten für Schlagzeug und Bass, extrem schnelle Tempi und komplexere Harmonieschemata als im Swing, sowie die Einführung der Tempoverdoppelung in die solistischen Improvisationen. Gleichzeitig lockerte sich die Bindung an ein Thema. Musiker wie Charlie Parker griffen in der Regel nur noch auf den formalen Rahmen und die Harmonieabfolgen eines Musikstücks zurück und ließen die Melodie des Themas in den Improvisationen weitgehend unberücksichtigt. Ein weiteres Merkmal des Bebop sind Improvisationen über einen längeren Zeitraum, manchmal beginnen oder enden sie mitten in einem Chorus. Mischformen dieses Modern Jazz mit dem Swing wurden zunächst unter dem Namen Mainstream Jazz vermarktet.
Latin Jazz (ab 1947)
Latin Jazz ist eine Spielart des Modern Jazz, die sich vor allem durch die Übernahme von Rhythmen und manchmal auch Kompositionen aus dem Repertoire der lateinamerikanischen Musik auszeichnet. Zunächst handelte es sich vorwiegend um eine Verbindung des Jazz mit Elementen verschiedener Stilen aus der Karibik, wobei der Musik Kubas eine Schlüsselstellung eingeräumt wurde. Im weiteren Sinne schließt der Begriff auch Einflüsse aus der brasilianischen Popularmusik mit ein. Der Pionier des Latin Jazz war Dizzy Gillespie. Er führte 1947 in der New Yorker Carnegie Hall zusammen mit kubanischen Perkussionisten die „Afro-Cuban Drums Suite“ auf.
Cool Jazz (ab 1948)
Cool Jazz wurde Ende der 1940er Jahre in New York aus dem Bebop heraus entwickelt. Der Terminus „cool“ bezieht sich auf eine eher introvertierte Grundhaltung des Musizierens. Der Cool Jazz mit Pionieren wie Lennie Tristano oder Miles Davis ist eher konzertant orientiert und bevorzugt langsamere Tempi und weitgeschwungene Melodiebögen. Der West Coast Jazz ist eine in Kalifornien entstandene melodische Variante dieses Stils, die deutlicher Unterhaltungsbedürfnisse befriedigen möchte.
Hard Bop (ab 1955)
Der Hard Bop (auch Hardbop) ist eine Weiterentwicklung des Bebop. Er nahm Elemente aus der neueren afroamerikanischen Unterhaltungsmusik auf, was eine insgesamt rhythmisch akzentuierte, auf die Takteinheiten ausgerichtete Spielweise mit sich brachte. Soul Jazz ist die funkige Variante, die in den frühen 60er Jahren entstand.
Free Jazz (ab Ende der 1950er Jahre)
Free Jazz ist einerseits ein historischer Begriff für freies ungebundenes Improvisationsspiel im Jazz seit den 1960er Jahren. Andererseits ist es ein bis heute ausstrahlendes Paradigma, das die Möglichkeit zur freien Entfaltung immer neuer Formen im Jazz bereithält. Eine stilistische Analyse ist daher nur bedingt möglich. Im zeitgenössischen Avantgarde Jazz – einer späteren, intellektuellen Variante des Free Jazz – greift man in der Regel auf durchgehende Metren zurück. Daneben hat sich aktuell mit der freien Improvisation eine Form spontanen Spiels aufgetan, die jedoch die Bezüge und Rückverbindungen zum Jazz aufgibt und Neuland jenseits etablierter Musikgattungen betritt.
Jazz Fusion (ab Ende der 1960er Jahre)
Jazz Fusion ist ein Genre, das Jazz mit anderen Stilrichtungen kombiniert, besonders mit Rock- und Funkmusik. Typischerweise mischen Jazz-Musiker hier Jazztechniken unter Einsatz elektrisch verstärkter Instrumente, wie der E-Gitarre, dem E-Piano oder dem Synthesizer mit rhythmischen Strukturen afroamerikanischer Popmusik. Das können die Grooves der Soulmusik, die des Rhythm and Blues oder auch binäre Rhythmen der Rockmusik sein. Jazzfunk ist eine funkige Variante der Fusionmusik. Im selben Maße, wie sich Jazzmusiker der Rock- oder Funkmusik näherten (zum Beispiel Herbie Hancock), kam es auch zu einer Verschmelzung von der anderen Seite: Rockmusiker wie Brian Auger, Al Kooper und Bands wie Embryo schufen den Rockjazz analog zum Jazzrock von Miles Davis oder Weather Report.
Zeitgenössische Entwicklungen
Modern Creative
Modern Creative ist ein Jazzstil, der die stilistische Vielfalt des Modern Jazz zeitgenössisch aufgreift. Er wird als Weiterentwicklung des Free Jazz gesehen und entstand durch die mannigfaltigen musikalischen Mittel, die den Musikern heute zugänglich sind. Viele Jazzmusiker haben daraus unterschiedliche persönliche Improvisationssprachen entwickelt. So können sie sich in den verschiedenen zeitgenössischen Jazzstilen improvisatorisch ausdrücken. Musiker wie Paul Bley, James Carter, Theo Jörgensmann oder Michael Moore kann man dem Modern Creative Jazz zurechnen.
World Jazz bzw. Ethno-Jazz
Anders als frühere Begegnungen von Jazzmusikern mit Musikern anderer Musikkulturen, bei denen exotische Themen mit Mitteln der Jazz-Stilistik behandelt wurden, entstanden ab den 1970er Jahren Verbindungen von Jazz mit „nicht-westlicher“ Musik, in denen der Jazz-Charakter zugunsten eines gleichberechtigten Austauschs und des Bemühens um tatsächliche Fusion zurückgestellt wurde (zum Beispiel in den Gruppen Shakti oder Codona). Für diese Versuche einer musikalischen Synthese wurden Bezeichnungen wie „World Jazz“ oder auch „Ethno-Jazz“ gebräuchlich. Der Begriff „World Music“ wird aber auch in darüber hinausgehender Weise verstanden, im Sinne einer allen Musikkulturen zugrundeliegenden Gemeinsamkeit, einer weltumspannenden musikalischen Sprache und sogar im Sinne einer Abbildung universaler (spiritueller) Welt-Prozesse in Musik.
Neotraditionalismus
Anhänger des „Neotraditionalismus“ lehnen die Entwicklungen des Free Jazz und der Jazz Fusion als dem Wesen des Jazz widersprechend ab und sehen die Elemente Blues und Swing als unentbehrliche Bestandteile von Jazz an. Der sogenannte „Neobop“ – eine aktuelle Form einer aus dem Bebop und Hardbop abgeleiteten Jazz-Tradition – bildet einen wesentlichen Teil des Neotraditionalismus, der aber weit darüber hinausreicht: einerseits durch einen Rückbezug auf ältere Stile (Louis Armstrong dient als wichtiger Bezugspunkt), andererseits durch einen starken Einfluss des sogenannten modalen Jazz (das Vorbild der Miles-Davis-Quintette ist allgegenwärtig). Im Vordergrund der öffentlichen Aufmerksamkeit dieser Bewegung steht der Trompeter Wynton Marsalis.
Neoklassizismus
Der Ausdruck „Neoklassizismus“ wird zur Bezeichnung einer Stilrichtung verwendet, die sowohl die logische Folge als auch die Abkehr vom Free Jazz darstellt. Sie ist aus dem „Gestus des langen improvisatorischen Freiflugs“ hervorgegangen, hat aber die Ästhetik der Avantgarde aufgegeben. Diese Richtung teilt mit dem Neotraditionalismus („Klassizismus“ im Sinne Berendts) die Wertschätzung für die afroamerikanische Jazz-Tradition, bringt in ihr Traditions-Verständnis jedoch die Formen und Ausdrucksmittel des gesamten Jazz ein. Protagonisten dieses Stils, der sich seit den 1990er Jahren immer mehr in Richtung Neo-Traditionalismus bewegt, sind u. a. Archie Shepp oder David Murray. So werden etwa die Schrei-ähnlichen Überblas-Effekte des Free Jazz im Spiel des Tenor-Saxofonisten David Murray melodisiert und erscheinen damit mehr als moderne Formen uralter Blues-Shouts, als dass sie in einem avantgardistischen Sinne zu verstehen wären.
Acid Jazz
Der Begriff Acid Jazz wurde in den späten 1980er Jahren geprägt, als vorwiegend britische DJs tanzbare Soul- und Funkjazz-Aufnahmen der 1960er und 1970er wiederentdeckten und in Diskotheken spielten. Viele Aufnahmen der damaligen Zeit wurden unter dieser Bezeichnung wiederveröffentlicht. Im Zuge dieses Revivals bildeten sich auch neue Formationen, die Jazz mit Soul und Funk kombinierten. Dabei wurden auch elektronische Klangerzeuger verwendet, speziell beim Beat, aber auch sonst im Arrangement. Acid Jazz funktioniert als tanzbarer Clubsound und steht dem Musikgenre Disco nahe.
Downtown
„Downtown“ ist eine Bezeichnung für eine fast ausschließlich euro-amerikanische Szene, die in Downtown Manhattan eine spezifische Stilrichtung entwickelt hat. Sie führte in den 1980er Jahren zunächst den Jazz in extrem avantgardistische Bereiche („Noise Music“, Verwendung von Geräuschen anstelle von Tönen) mit Verbindungen zur „Neuen Musik“ und zu avantgardistischer Rock-Musik. Daraus entwickelte sie ein extrem eklektizistisches Musikverständnis: die unterschiedlichsten Musikarten (Zeichentrickfilm-Musik, Avantgarde-Jazz, Grindcore usw.) werden gleichberechtigt verwendet – oft collagenartig und in schnell wechselnder Abfolge. Als zentrale Persönlichkeit dieser Szene gilt der Alt-Saxofonist John Zorn.
Imaginäre Folklore
Beim Konzept der imaginären Folklore bilden folkloristische oder als folkloristisch empfundene Melodien oder deren rhythmische Strukturen den Ausgangspunkt für die Improvisationen. Neben Musikern aus dem Kreis der Association à la Recherche d’un Folklore Imaginaire (ARFI) wie Louis Sclavis gehören Gianluigi Trovesi und mittlerweile auch Norbert Stein aus Deutschland zu den führenden Vertretern dieser Richtung.
M-Base
Die Musik der herausragenden Vertreter des M-Base-Musiker-Kreises ist hoch komplex strukturiert und virtuos, bezieht zahlreiche Elemente der Jazz-Tradition mit ein, stellt aber den Gegenwartsbezug in den Vordergrund und ist in der aktuellen afroamerikanischen Groove-Musik verankert.
Nu Jazz
Nu Jazz (gelegentlich auch als Electro Jazz bezeichnet) ist eine Richtung der elektronischen Musik der späten 1990er- und der 2000er-Jahre. Auch der Nu Jazz ist nur bedingt als originärer Jazzstil zu bezeichnen, da die Basis dieser Musik meist elektronische Musik ist, die mit Jazz-Elementen verbunden wird. Wie auch Electronica oder Downtempo ist Nu Jazz nicht genau definiert, sondern wird vielseitig eingesetzt und für viele verschiedene musikalische Variationen verwendet. Als Nu Jazz wird beispielsweise sowohl Drum and Bass oder House mit Jazz-Anklängen als auch der Broken Beat bezeichnet.
Smooth Jazz bzw. Pop-Jazz
Smooth Jazz wird häufig der Easy-Listening-Musik zugeordnet. Entstanden aus dem Jazz-Rock (Fusion) der 1970er Jahre, verbindet diese melodische Spielart den Jazz mit rhythmischen Texturen der Popmusik. Smooth Jazz ist überwiegend ein Radioformat in Nordamerika, das dort in den 1990er Jahren sehr populär wurde. Zu den Wegbereitern zählen Bob James, Lee Ritenour und Grover Washington Jr. Besonders erfolgreiche Interpreten sind George Benson und Kenny G. und in Deutschland Till Brönner. In den letzten Jahren wurde vornehmlich durch Sängerinnen wie Silje Nergaard, Rebekka Bakken, Katie Melua, Norah Jones, Viktoria Tolstoy und Solveig Slettahjell die Jazzmusik mit Mitteln der Popmusik neu definiert. Hier wird eher der Begriff Pop-Jazz verwendet (siehe auch Pop-Jazz).
Jazz-Rap
Durch das Aufkommen des Hip-Hop als Jugendkultur wurde auch die Musikrichtung Jazz-Rap in den Jazz integriert. Ein Vertreter des Jazz-Rap in Deutschland ist die Jazzkantine. Als ein Wegbereiter dieser Spielart des Jazz gilt das Bandprojekt Jazzmatazz. Zu den Vertretern des Subgenres gehörten um 2020 auch Künstler wie Kassa Overall (Go Get Ice Cream and Listen to Jazz), Robert Glasper (Fuck Yo Feelings), Melanie Charles, R.A.P. Ferriera, Karriem Riggins, das Kollectiv Stas Thee Boss und der Sänger/Produzent (Liv).e.
Electroswing
Der Electroswing ist eine Form der zeitgenössischen elektronischen Tanzmusik und bedient sich in Retromanier Melodien, teilweise auch Instrumentierungen aus der Jazz- und Unterhaltungsmusik der 1920er bis 1950er Jahre. Sie werden mit elektronischen Klängen und Beats unterlegt.
Musikalische Form
Im Vergleich mit der „Architektur der großen Form“ in der europäischen Konzertmusik mit dem zunehmend groß angelegten komplexen Aufbau ihrer Kompositionen wirkt der Jazz (ähnlich wie auch afrikanische und indische Musikformen) zumeist einfach. Der großen Bedeutung der Improvisation und des Groove im Jazz entsprechend ist die musikalische Gestaltung sehr in den Verlauf der Zeit eingebettet, mit grundsätzlich offenem Ende. Jazz ist demnach weitgehend seriell (hintereinander verlaufend) organisiert und tendiert daher zu modularen, kleineren Gestaltungseinheiten. Dem Musikwissenschaftler und Pianisten Vijay Iyer zufolge liegt das Augenmerk „statt auf der groß angelegten hierarchischen Form“ vermehrt „auf den fein-körnigen rhythmischen Details und der Hierarchie rhythmischer Überlagerungen. Die größeren musikalischen Formen ergeben sich daher emergent aus der improvisierten Gestaltung dieser kleinen musikalischen Bestandteile.“
Nur zum Teil wurde formal eine größere Nähe zur Konzertmusik der europäischen Tradition gesucht. Hier ist zunächst Duke Ellington mit Kompositionen wie dem Diminuendo And Crescendo In Blue oder der Suite Black, Brown and Beige zu nennen. Der Progressive Jazz eines Stan Kenton und vor allem der Third Stream eines Gunther Schuller, Charles Mingus oder John Lewis haben diesen Weg weiterverfolgt. Häufiger jedoch wurde in der Vergangenheit die ästhetische Haltung aus der Konzertmusik Europas auf weniger komplexe Musikstücke in die Song-Charakteristik und die in ihnen gespielten Improvisation übertragen, beispielsweise bei Dave Brubeck oder bei Jutta Hipp.
In einigen Strömungen des Jazz (zum Beispiel Modern Creative oder M-Base) werden den Improvisationen Eigenkompositionen zugrunde gelegt, in anderen wird häufig auf bewährte Standards und bekannte Songs anderer Musikgenres zurückgegriffen.
Jazzstandards
Ein Jazzstandard ist eine Melodie mit festgelegter Harmoniefolge, die häufig als Thema und Material einer Jazzimprovisation dient. In der Regel wird das Thema zu Beginn und zum Schluss des Stücks vorgestellt; dazwischen erfolgen Improvisationen (fast immer in solistischer Abfolge). Standards stammen seit etwa 1930 aus Schlagern, Chansons, Musicals, Filmmusik und Eigenkompositionen von Jazzmusikern. Sie gehören zum Grundrepertoire eines traditionell orientierten Jazzmusikers. Seit den 1940er Jahren verwendeten Bebop-Musiker solche bereits bekannten Songs und schrieben neue Melodien über deren Akkordfolgen oder behielten die Melodie, veränderten aber die Akkordfolgen (Harmonien) dieser Songs. Auf diese Weise entstanden neue Standards, deren neuentwickelte Themen mit dem Fachbegriff bebop head bezeichnet werden.
Viele Jazzmusiker spielen diese Melodien und improvisieren darüber bzw. über die durch Melodien gebildete Akkordfolge. Die musikalischen Übereinkünfte dafür variieren von Stil zu Stil. Einige Jazzgruppen greifen bei Auftritten auch auf eine Auswahl der im Jazz allgemein anerkannten Jazzstandards zurück, auf die sich verschiedene Musiker oft rasch gemeinsam verständigen können. Diese Standardisierung bildet die Basis für eine allgemeine Verständigung. Damit können sie ohne Probe ein Konzert geben, selbst wenn sie sich vorher noch nie getroffen haben. Auch bei den spontanen Jazzmusikertreffen, den Jamsessions, spielen Standards eine verbindende Rolle. Eine Zusammenstellung der wichtigsten und meistgespielten Jazzstandards findet man im sogenannten Real Book, das in den meisten Sessions die Grundlage darstellt.
Ausbildung und Förderung
Ab Anfang der 1960er Jahre, in Europa ab etwa 1970, verzeichnete die Ausbildung im Bereich des Jazz starken Aufschwung. Außer an eigenständigen akademischen Ausbildungsrichtungen im „Mutterland“ des Jazz wie dem Berklee College of Music, dem New England Conservatory of Music oder der Juilliard School konnte nun auch an der Kunstuniversität Graz Jazz studiert werden. In der Schweiz bietet seit damals die Swiss Jazz School Ausbildungsmöglichkeiten. In Deutschland ist es seit den 1980er Jahren üblich, dass sich an den Hochschulen für Musik eigene Studiengänge für Jazz und Popular-Musik befinden. In den letzten Jahren sind in den meisten Ländern Wettbewerbe wie Jugend jazzt und vor allem Jazzpreise entstanden, mit denen entweder vielversprechende Nachwuchsmusiker entsprechend anerkannt und gefördert oder verdiente Musiker ausgezeichnet werden.
Die jungen Jazz-Musiker sind heute allgemein auf sehr gutem technischen Stand. Die meisten dieser Nachwuchskünstler fixieren sich aber vorwiegend auf das Imitieren allseits anerkannter Jazzformen. Einige wenige hingegen setzen souverän ihre eigenen Vorstellungen in neue Formen musikalischer Gestaltung um.
Etymologie
Die Herkunft des Ausdrucks Jazz ist ungeklärt. Am Anfang bezeichnete man den frühen Jazz auch häufig als „Hot Ragtime“ oder einfach „Ragtime“. Lange Zeit wurde angenommen, dass der Begriff bereits 1909 in Cal Stewarts Song Uncle Josh in Society vorkomme: „One lady asked me if I danced the jazz …“, wahrscheinlich eine Art von Ragtime-Tanz meinend. Tatsächlich enthält jedoch erst eine spätere Aufnahme diesen Begriff. Möglich ist die Ableitung des Wortes „Jass“ oder „Jazz“ aus der Verwendung des Begriffs „jasm“ (französisches Wörterbuch von 1860) für Energie, Dynamik und Vitalität, als passender Ersatzbegriff für afrikanische Tanznamen (wie etwa Mandingo „jasi“ oder Temne „yas“), jedenfalls gilt ein anderes Slangwort („jism“) auch als davon abgeleitet. „Jasi“ ist nicht nur der Name eines Tanzes, sondern steht auch für „in Erregung versetzen“.
Die erste dokumentierte Verwendung des Wortes „Jazz“ ist im Sportjournalismus in Kalifornien im April 1912, als ein Baseballspieler namens Ben Henderson seine Wurftechnik gegenüber einem Reporter der Los Angeles Times als „jazz ball“ bezeichnete, was bald darauf 1913 von Reportern im Raum San Francisco für ein energiegeladenes Spiel mit „Pep“ aufgegriffen wurde. Als musikalische Bezeichnung ist „Jazz“ zu dieser Zeit jedoch nicht belegt (in New Orleans wurde sie damals als hot-Variante synkopierter Musik bezeichnet).
Für den Übertrag des Begriffs auf die Musik gibt es verschiedene Versionen:
Nach Angabe des Schlagzeugers und Bandleaders Art Hickman geschah das beim Zusammentreffen der Baseballmannschaft der San Francisco Seals in deren Trainingslager im Kurort Boyes Springs mit seiner Ragtime-Band. Er benutzte dies aber selbst nur für eine besonders „energetische“ Spielweise und bezeichnete nicht die Stilrichtung seiner Band damit.
Nach Angaben seines Banjospielers Bert Kelly (in einem Brief an Variety von 1957 und unveröffentlichten Memoiren), der 1914 Bandleader in Chicago wurde, war seine Formation die erste, die das Wort für ihre Spielweise benutzte.
Nachweisbar ist Jazz als Bezeichnung für die neue Form von Musik erstmals in einem Artikel der Chicago Tribune von Gordon Seagrove vom 11. Juni 1915 mit dem Titel Blues is Jazz and Jazz is Blues. Der Begriff schlug bald darauf Wurzeln und ist danach in einer Vielzahl von Artikeln nachweisbar.
Ab spätestens 1915 gab es Gruppen aus New Orleans, die „Jass“ oder „Jazz“ im Namen tragen bzw. damit ihre Musik bezeichnen. Der Bandleader Tom Brown nahm für sich in Anspruch, als erster dieses Wort für die genauere Beschreibung einer Band verwendet zu haben, worüber ein heftiger Streit mit Nick LaRocca von der Original Dixieland Jass Band entbrannte. Im Dezember 1916 nahm das (weiße) Komikerduo Arthur Collins & Byron G. Harlan den Song That Funny Jas Band from Dixieland auf, an dessen Ende versucht wurde, typische Instrumentalgeräusche vorzustellen, die eine Jazzband charakterisieren.
Das englische Verb „to jazz“ für „to speed or liven up“, schneller werden oder beleben, in Schwung bringen, ist ab 1917 belegt.
Jazz – ein rassistischer Begriff?
Aufbauend auf Alfons M. Dauer, der auf eine zunächst stigmatisierende Wirkung des Jazzbegriffs hinwies, betont der Musikwissenschaftler Maximilian Hendler, „dass der Begriff Jazz von seinem Ursprung her weder musikalische noch stilistische, sondern soziale Konnotationen hatte. Er drückte ein abwertendes Urteil der Master-Gesellschaft – der Träger der Suprastruktur – gegenüber allen Erscheinungsformen von Musik aus, die nicht den von ihr gesetzten Normen entsprachen.“
Zahlreiche Jazzmusiker lehnten für ihre Musik daher den Begriff Jazz ab; das sei „ein Wort des weißen Mannes“, so Miles Davis. In den 1970er Jahren propagierte das Art Ensemble of Chicago an seiner Stelle den Begriff Great Black Music, der sich jedoch nicht durchsetzte. Der Trompeter Nicholas Payton schlug 2011 vor, den Begriff Jazz durch Black American Music (BAM) zu ersetzen, da das Wort Jazz einen rassistischen Beigeschmack habe und BAM eine Erfindung schwarzer Amerikaner sei, was anerkannt werden solle. Ähnlich haben sich auch andere Musiker geäußert, beispielsweise Orrin Evans, der meinte, Jazz sei „ein repressiver, kolonialistischer Sklaven-Begriff, und ich will nichts damit zu tun haben“, oder Archie Shepp, der sagte: „Ich habe darauf bestanden, dass meine Studenten in ihren Seminararbeiten das Wort Jazz vermeiden.“ Diese Musik habe vielmehr in Afrika begonnen, mit Call and Response, Händeklatschen, Fußstampfen, Blues-Tonleitern, die man nicht bei Mozart oder Anton Webern fände, sondern bei kleinen Stämmen in Westafrika. Shabaka Hutchings findet, Jazz sei „ein einengender Terminus, bei dem die Leute gleich zu wissen meinen, um was für eine Musik es sich handelt.“
Siehe auch
Liste von Jazzmusikern (alphabetisch geordnet)
Liste von Jazzmusikern nach Epoche und Instrument
Jazzgesang – Liste von Jazzsängern
Jazz in den Vereinigten Staaten
Jazz in Deutschland
Jazzmusiker in Deutschland
Jazz in Polen
Jazzgottesdienst
Film
Ken Burns: Jazz ist eine zehnteilige dokumentarische Jazzgeschichte, die 2001 von PBS erstmals in den USA im Fernsehen gesendet wurde. (Sie hat einen chronologischen Aufbau und zeigt 75 Interviews mit zentralen Personen dieses Musikgenres, 2400 Fotografien, mehr als 2000 historische Filmclips und spielt über 500 Musikstücke.)
Literatur
Joachim Ernst Berendt, Günther Huesmann (Bearb.): Das Jazzbuch. 7. Auflage. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-10-003802-9.
Ken Burns, Geoffrey C. Ward: Jazz – eine Musik und ihre Geschichte. Econ, München 2001, ISBN 3-430-11609-0. (Nach der Dokumentarfilm-Reihe von Ken Burns mit Beiträgen von Wynton Marsalis, s. o.)
Ralf Dombrowski: 111 Gründe, Jazz zu lieben: Eine Liebeserklärung. Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2019, ISBN 978-3-86265-804-6.
Daniel Martin Feige: Philosophie des Jazz. Suhrkamp, Berlin 2014, ISBN 978-3-518-29696-7.
John Fordham: Das große Buch vom Jazz: Musiker, Instrumente, Geschichte, Aufnahmen. Christian, München 1998, ISBN 3-88472-395-2.
Herbert Hellhund: Jazz. Harmonik, Melodik, Improvisation, Analyse. Philipp Reclam jun., Ditzingen 2018, ISBN 978-3-15-011165-9.
Michael Jacobs: All that Jazz. Die Geschichte einer Musik. mit einem Beitrag von Robert Fischer, 3., erweiterte und aktualisierte Ausgabe. Reclam Verlag, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-15-021684-2.
Ekkehard Jost: Sozialgeschichte des Jazz. 2. Auflage. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-86150-472-3.
Philippe Margotin: 100 Jahre Jazz – Von der Klassik bis zur Moderne: die größten Stars. Delius, Klasing, Bielefeld 2017, ISBN 978-3-667-10607-0.
Arrigo Polillo: Jazz. Die neue Enzyklopädie. Schott Music, Mainz 2007, ISBN 978-3-254-08368-5.
Klaus Wolbert (Hrsg.): That’s Jazz: der Sound des 20. Jahrhunderts; eine Musik-, Personen-, Kultur-, Sozial- und Mediengeschichte des Jazz von den Anfängen bis zur Gegenwart. Bochinsky, Frankfurt am Main 1990, ISBN 3-923639-87-2.
Peter Niklas Wilson (Hrsg.): Jazz-Klassiker. Reclam, Stuttgart 2005, ISBN 3-15-030030-4.
Nachschlagewerke
Carlo Bohländer, Karl Heinz Holler, Christian Pfarr: Reclams Jazzführer. 5., durchgesehene und ergänzte Auflage. Reclam, Stuttgart 2000, ISBN 3-15-010464-5.
Ian Carr et al.: The Rough Guide to Jazz. Rough Guides, New York/London 2004, ISBN 1-84353-256-5.
Leonard Feather, Ira Gitler: The Biographical Encyclopedia of Jazz. 2. erweiterte Aufl. Oxford University Press, Oxford u. a. 1999, ISBN 0-19-507418-1.
Wolf Kampmann (Hrsg.), unter Mitarbeit von Ekkehard Jost: Reclams Jazzlexikon. 2., erweiterte und aktualisierte Auflage. Reclam, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-15-010731-7.
Barry Kernfeld (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Jazz. Oxford University Press, 2005, ISBN 0-19-516909-3.
Martin Kunzler: Jazz Lexikon. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2002 / Directmedia Publ., Berlin 2005, ISBN 3-89853-018-3.
Scott Yanow: Jazz on Record. The First Sixty Years. Backbeat Books, San Francisco 2003, ISBN 0-87930-755-2.
Diskografien
Ralf Dombrowski: Basis-Diskothek Jazz (= Reclams Universal-Bibliothek. Nr. 18657). 4., durchgesehene und erweiterte Auflage. Reclam, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-15-018657-2.
Manfred Scheffner (Hrsg.): Bielefelder Katalog Jazz. Vereinigte Motor Verlage, 2005, ISBN 3-89113-137-2.
Weblinks
(engl.)
Einzelnachweise
Musikgenre
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Q8341
| 1,306.952657 |
8580770
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https://de.wikipedia.org/wiki/Computing
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Computing
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Computing bezeichnet alle zielorientierten Tätigkeiten, die auf Computern beziehungsweise algorithmischen Prozessen aufbauen, von ihnen profitieren oder solche hervorbringen. Computing weist eine Vielzahl unterschiedlicher Ausprägungen auf, darunter der Entwurf, die Entwicklung sowie die Herstellung von Hardware und Software; die Verarbeitung, Strukturierung sowie Verwaltung verschiedener Arten von Informationen; das wissenschaftliche Forschen an und mit Computern; sowie das Sammeln von Informationen für bestimmte Zwecke. Neben diesen Beispielen lässt sich der Begriff Computing noch in vielen weiteren Kontexten verwenden.
Als wesentliche Frage, die allen Aspekten des Computing gemein ist, lässt sich formulieren: Was lässt sich (effizient) automatisieren?
Über diese allgemeinen Begriffsdefinitionen hinaus hat Computing je nach Kontext auch spezifischere Bedeutungen. Zum Beispiel bezeichnet der Begriff Pervasive Computing die Vernetzung des Alltags mittels „intelligenter“ Gegenstände, während im Kontext von High Performance Computing Rechenarbeiten mit hohem Bedarf an Rechenleistung oder Speicherkapazität gemeint sind.
Geschichte
Ursprünglich bezeichnete Computing, abstammend vom englischen Verb compute (deutsch: berechnen), den Prozess oder die Handlung des Berechnens. Daher ist die Geschichte des Computing bereits älter als etwa die von Computer-Hardware und moderner Informationstechnologie. Sie umfasst auch Berechnungsmethoden und Algorithmen, die auf Schreibstift und Papier beziehungsweise Tafelkreide und Schreibtafel basierten. Computing ist eng verknüpft mit der Repräsentation von Zahlen, allerdings gab es bereits vor solchen Abstraktionen quasi-mathematische Konzepte wie die Mengenunterscheidung bei Tieren.
Beispiele
Affective Computing
Autonomic Computing
Cloud Computing
Cluster Computing
Distributed Computing
Grid-Computing
High Performance Computing
Mobile Computing
Organic Computing
Parallel Computing
Pervasive Computing
Physical Computing
Ubiquitous Computing
Scientific Computing
Social Computing
Wearable Computing
Einzelnachweise
Informatik
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Q179310
| 501.442007 |
107017
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https://de.wikipedia.org/wiki/Sechsf%C3%BC%C3%9Fer
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Sechsfüßer
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Die Sechsfüßer oder Hexapoden (Hexapoda; von griech. ἕξ héx = sechs und πούς pū́s, Gen. ποδός podós = Fuß) gehören dem Stamm der Gliederfüßer (Arthropoda) an, sie bilden einen Unterstamm von diesen. Zu den Hexapoda werden die Insekten (Insecta), Doppelschwänze (Diplura), Beintastler (Protura) und Springschwänze (Collembola) gerechnet.
Das Taxon Sechsfüßer, welches 1987 durch J. Kukalová-Peck erstmals in dieser Zusammenstellung dargestellt wurde, entspricht der klassischen Zusammenfassung der Insekten (Hennig 1953) und wurde vorher entsprechend als Synonym für diese Tiergruppe angesehen. Die Insekten nach der neuen Definition entsprechen demgegenüber der ehemals als Freikiefler (Ectognatha) bezeichneten Tiergruppe; die Doppelschwänze, Beintastler und Springschwänze werden also nicht mehr zu den Insekten gezählt.
Merkmale der Sechsfüßer
Die Sechsfüßer verfügen über einige Merkmale, die sie zweifelsfrei als natürliche Gruppe darstellen:
Hierzu gehört vor allem der auf eine feste Segmentzahl festgelegte Körper. Dabei besteht der Kopf aus wahrscheinlich sechs miteinander verschmolzenen Segmenten, die sich anhand der Kopfgliedmaßen und vor allem der Nervenknoten (Ganglien) im Kopfbereich erkennen lassen.
Der Kopf trägt ein Paar Antennen sowie drei Paar Mundwerkzeuge, die als Mandibeln, Maxillen und Labium bezeichnet werden. Das Labium entspricht den 2. Maxillen von Krebsen und Tausendfüßern, es ist höchstwahrscheinlich durch eine Verschmelzung der paarigen 3. Mundextremitäten hervorgegangen.
Der Brustbereich (Thorax) besteht immer aus drei Segmenten, die jeweils ein Laufbeinpaar tragen (macht zusammen drei Laufbeinpaare und sechs Laufbeine) und somit dieser Gruppe den Namen gegeben haben. Bei den Fluginsekten (Pterygota) tragen die beiden letzten Brustsegmente die Flügel.
Der Hinterleib besteht im Grundmuster aus 11 Segmenten plus einem so genannten Telson. Diese Segmente können teilweise bei den verschiedenen Gruppen innerhalb der Sechsfüßer verschmolzen sein.
Weitere Merkmale der Sechsfüßer: ursprünglich Schwanzanhänge, bestehend aus maximal zwei Cerci und einem Terminalfilum; die so genannten Styli, Reststrukturen der ehemals zweiästigen Extremitäten.
Außerdem haben die Sechsfüßer im Grundbauplan Facettenaugen und Punktaugen sowie ein gut entwickeltes Tracheensystem.
Systematik der Sechsfüßer
Die Systematik der Sechsfüßer ist noch nicht endgültig gesichert. In der klassischen Variante werden die Insekten den restlichen Gruppen, die gemeinsam aufgrund einer Mundtasche als Sackkiefler (Entognatha) bezeichnet werden, gegenübergestellt (Hypothese 1; Hennig 1953, 1969 (mod.)).
Eine andere Hypothese fasst nur die Springschwänze und Beintastler als ein Taxon namens Ellipura zusammen und ordnet dann die Doppelschwänze als ersten Abzweig den Insekten zu (Hypothese 2; Kukalova-Peck 1987, 1991; Koch 1997; Kraus 1997; Beutel & Gorb 2006).
Hypothese 1: Die Beintastler, Doppelschwänze und Springschwänze bilden die Schwestergruppe der Insekten:
Hypothese 2: Die Beintastler und Springschwänze bilden die Schwestergruppe der Insekten und Doppelschwänze:
Literatur
D. T. Anderson: Invertebrate Zoology. 2. Auflage. Oxford Univ. Press, 2001, ISBN 0-19-551368-1, S. 232, Kap. 11.
R. S. K. Barnes, P. Calow, P. J. W. Olive, D. W. Golding, J. I. Spicer: The invertebrates – a synthesis. 3. Auflage. Blackwell, 2001, ISBN 0-632-04761-5, S. 183, Kap. 8.5.3b.
R. C. Brusca, G. J. Brusca: Invertebrates. 2. Auflage. Sinauer Associates, 2003, ISBN 0-87893-097-3, S. 589, Kap. 17.
J. Moore: An Introduction to the Invertebrates. Cambridge Univ. Press, 2001, ISBN 0-521-77914-6, S. 223, Kap. 15.
E. E. Ruppert, R. S. Fox, R. P. Barnes: Invertebrate Zoology – A functional evolutionary approach. Brooks/Cole, 2004, ISBN 0-03-025982-7, S. 723, Kap. 21.
Wissenschaftliche Literatur
R. G. Beutel, S. N. Gorb: Ultrastructure of attachment specializations of hexapods, (Arthropoda): evolutionary patterns inferred from a revised ordinal phylogeny. In: Journal of Zoological Systematics and Evolutionary Research. 39, 2001, S. 177.
F. Nardi, G. Spinsanti, J. L. Boore, A. Carapelli, R. Dallai, F. Frati: Hexapod origins: monophyletic or paraphyletic? In: Science. 299 (5614), 2003, S. 1887.
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Weblinks
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https://de.wikipedia.org/wiki/Landschaftsmalerei
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Landschaftsmalerei
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Die Landschaftsmalerei ist neben dem Historienbild, dem Porträt, dem Genrebild und dem Stillleben eine Gattung der gegenständlichen Malerei.
Überblick
Die Landschaftsmalerei umfasst die Darstellung von Ausschnitten aus dem von der Natur als auch von Menschenhand bestimmten Raum. Bildgegenstand können konkrete und idealisierte natürliche Landschaften vom Hügelland bis zum Hochgebirge sein, beispielsweise Seestücke, Flüsse, Bergseen und Gipfelformationen oder Motive an der Meeresküste.
Häufige Motive sind auch Kulturlandschaften – etwa Ausblicke auf Städte und Architekturen (siehe Vedute) – ebenso wie Gartenkunst und Parklandschaften, Industriemotive und Fabriklandschaften. Zeugnisse für die Darstellung landschaftlicher Motive in der Malerei gibt es bereits im alten Ägypten, in Mesopotamien und in Europa seit der griechischen Antike. Die letzteren sind allerdings nur durch schriftliche Quellen überliefert.
Die Landschaftsmalerei ist ein bedeutender Zweig der bildenden Kunst Chinas und Japans, während die vorkolumbianischen Kunst Südamerikas keine Landschaftsmalerei kennt. In der islamischen Kunst gibt es Landschaftsmalerei im Rahmen der hochentwickelten Buchmalerei Persiens und Indiens (siehe Mogulkunst).
Begriff „Landschaft“
Das Wort Landschaft hat seine Wurzel im Althochdeutschen. Seit dem 12. Jahrhundert ist es der Begriff für die Gesamtheit der Bewohner eines Landes, der später auf die ständische Versammlung eines Landes ausgedehnt wurde (vergl. Landschaftsverband). Erst seit dem späten Mittelalter wurde der Begriff auf die bis heute übliche, rein geografische Bedeutung eingeengt.
In der Malerei der Renaissance bürgerte sich der Begriff Landschaft als Bezeichnung für die Darstellung eines Ausschnitts aus einem Naturraum ein. Schon im Laufe des 16. Jahrhunderts wurde er im gleichen Zusammenhang als landscape im Englischen und landschap im Niederländischen benutzt. Im romanischen Sprachraum entstand zur gleichen Zeit und mit der gleichen Bedeutung das französische paysage und das spanische paisaje, während im Italienischen das Wort paese sowohl für eine reale als auch für eine im Bild dargestellte Landschaft benutzt wurde. Das Wort paesaggio, das heute im Italienischen ein Landschaftsbild bezeichnet, setzte sich erst allmählich durch.
Antike
Griechenland
Von der griechischen Tafel- und Freskomalerei ist so gut wie nichts erhalten. Kenntnisse davon haben wir durch griechische Autoren wie Pausanias und vor allem durch römische Kommentare zu diesen und zu verlorenen Schriften. Frühe Zeugnisse von Landschaftsdarstellung stammen aus dem Bereich der kretisch-mykenischen Kultur. Erhalten sind Bruchteile von Fresken, auf denen neben pflanzlichen und Tiermotiven Andeutungen von Geländelinien und architektonisch gegliederten Räumen zu erkennen sind. Landschaften wurden im Zusammenhang mit mythologischen und historischen Themen angedeutet. Pausanias berichtet von Tafel- und Wandbildern, bei denen die Maler Landschaften mit Hilfe der Linearperspektive und der Schattenmalerei darstellten. Der bekannteste unter den Malern dieser Zeit (480–460 v. Chr.) war Polygnot von Thasos, dessen Bilder sich in der Stoa Poikile von Athen und in Delphi befanden. Aus dem 5. Jahrhundert vor Christus sind Wandfresken aus dem Grab des Tauchers bei Paestum (Poseidonia) in Süditalien erhalten, auf denen Bäume, Architektur und Geländelinien dargestellt sind. Von Zeuxis von Herakleia, dem Schüler Apollodors von Athen ist überliefert, dass er sich mit der Darstellung von Licht und Schatten als Mittel zur Erzeugung der Illusion von Raumtiefe auseinandergesetzt hat und dass er Idyllen gemalt hat.
Das antike Theater verwendete in der Skenographie auswechselbare Stellwände am Bühnengebäude und am Proszenium. Diese waren jeweils mit Motiven gemalt, die zu den drei Gattungen des griechischen Dramas passten. Tragödie und Komödie wurden vor einem architektonischen Hintergrund gespielt, während das Satyrspiel im Wald oder im Garten stattfand. Laut Vitruv wurden auf den Bühnenbildern des Satyrspiels Bäume, Berge, Grotten und andere Gegenstände gezeigt, wie man sie auf dem Lande antrifft. Der Erste, der versuchte, in der Bühnenmalerei eine Raumillusion durch perspektivische Verkürzungen herzustellen, war Agatharch von Samos.
Rom
In Rom wurde das Prinzip der griechischen Bühnendekoration für das römische Theater übernommen. Diese griechische Bühnenmalerei beeinflusste ihrerseits die Kunst der römischen Wandmalerei, wie sie in den Villen in Pompeji oder Herculaneum erhalten ist. Die in Griechenland verfolgte Tendenz einer räumlichen Erfassung von Landschaft wurde jedoch nicht weitergeführt. Plinius der Ältere (XXXV, 116–117) erwähnt explizit Spurius Tadius als Erfinder der Landschaftsmalerei. Beim Übergang spätrömischer Kunst zur frühchristlichen spielten Plastizität der Figuren und Raumillusion nur mehr eine untergeordnete Rolle.
Mittelalter
Von einer Landschaftsmalerei im engeren Sinn kann man bis zum Beginn des ausgehenden Mittelalters nicht sprechen. Andeutungen von Geländeformationen oder Architekturen im Bild dienen zur Lokalisierung der dargestellten Szenen oder sind Bedeutungsträger im Rahmen des Gesamtkonzepts eines Bildes und nicht Darstellung eines idealen oder konkreten geographischen Raums.
Eine Wellenlinie deutet bei der Taufe Christi den Fluss Jordan an, eine Geländelinie mit Bäumen und Blumen kann als Zeichen für das Paradies, eine befestigte Stadt als Hinweis auf das Himmlische Jerusalem gelesen werden.
Mit dem ausgehenden Mittelalter änderte sich die Ansicht des Menschen über die Natur. In der Malerei trat an die Stelle einer durch Verkürzungen auf das Typische zielenden Darstellungsweise das Bemühen, Dinge der Natur möglichst genau in ihrer Individualität zu erfassen und bildlich darzustellen. Die Maler orientierten sich nicht mehr an den über Generationen überlieferten Musterbüchern, sie versuchten vielmehr die Wirklichkeit ihrer Zeit und ihrer Welt durch genaue Beobachtung einzufangen. Das betrifft nicht nur die neue Sicht auf den Menschen, sondern ebenso einen neuen – ästhetischen – Blick auf die Landschaft.
Simone Martini hat wohl als erster Landschaften direkt nach der Natur, als topographische Porträts, dargestellt. Er malte im Palazzo Pubblico von Siena vier Kastelle und war nachweislich im Auftrag der Comune dafür selbst vor Ort. Es handelt sich um topographische Darstellungen, die sienesische Eroberungen darstellten und die voneinander unterscheidbar sein sollten. Erhalten ist nur das große Fresko von 1330 mit Guidoriccio da Fogliano. Darauf ist der Ort Montemassi mit seinem Kastell zu sehen, dessen porträthafte Darstellung man heute noch überprüfen kann.
Als exemplarisch für die Entstehung dieser neuen Perspektive gelten Petrarcas berühmte Besteigung des Mont Ventoux am 6. April 1336 und die ungefähr zur gleichen Zeit von Lorenzetti begonnenen Fresken für den Palazzo Pubblico in Siena. Petrarca zeigte sich bei Erreichen des Gipfels überwältigt von der Schönheit der Welt, die sich vor ihm ausbreitet. Er findet am „Irdischen Geschmack“ Gefallen. In diesem Augenblick wird die Welt nicht mehr als eine feindliche und für den Menschen verderbliche gesehen, die nur Durchgangsstation in eine jenseitige Welt ist, sondern als eine in ihrer Schönheit und Großartigkeit zu bestaunende.
Lorenzettis Fresko Die gute Regierung entfaltet vor dem Betrachter ein Panorama des Staatsgebietes von Siena, auf dem die Arbeiten eines ganzen Jahresablaufs nebeneinander beispielhaft dargestellt sind. Zu sehen sind die typischen Vertreter der Kommune: Adelige, Handwerker und Bauern mit ihren typischen Tätigkeiten. Vorgeführt wird ein ganzes Inventar der Nutzungsmöglichkeiten kultivierten Landes und zwar sowohl die Stadt mit der Vielfalt ihrer Gebäude und Bewohner als auch Wälder, Obstgärten, Weinberge, Wiesen und Äcker. Dieses Interesse an einem „systematischen“ und rationalen Erfassen von Landschaft in einem öffentlichen Fresko geht einher mit der gleichzeitigen Einführung von Katastern in den Stadtgemeinden Italiens.
Zeugnisse einer Darstellung von Landschaft als Hintergrund für eine Bilderzählung tauchen seit dem ausgehenden Mittelalter mit dem Übergang zur Renaissance in den Niederlanden auf. In Kalendarien und Stundenbücher gibt es eine große Vielfalt von Landschaftsdarstellungen, sei es auf den Monatsbildern der Kalender oder als Hintergründe biblischer oder historischer Szenen. Hervorragende Beispiele der burgundisch-niederländischen Miniaturmalerei sind die sechs Stundenbücher für den Herzog von Berry, das berühmteste die Très Riches Heures mit den Illustrationen der Gebrüder Limburg. In der Gestaltung von Tiefenraum und Landschaft, den ersten Versuchen, Atmosphärisches oder die besondere Erscheinungsform von Tageszeiten im Bild darzustellen, ist die Buchmalerei der Tafelmalerei ihrer Zeit weit voraus. Erst mit dem Beginn der Ölmalerei werden dann auch für die Tafelmalerei die technischen Voraussetzungen bereitgestellt, die neuen Entwicklungen in der Buchmalerei im Tafelbild nachzuvollziehen.
Beispielhaft ist der Niederländer Jan van Eyck, der eine entscheidende Wende in der europäischen Tafelmalerei einleitete. Er arbeitete zunächst als Buchmaler – zwei der Blätter aus dem Stundenbuch des Duc de Berry stammen von ihm, von seiner Hand ist das Turin-Mailänder Stundenbuch – als auch als Tafelmaler. Sein berühmter Genter Altar zeigt im unteren Teil eine Versammlung von Heiligen bei der Anbetung des Lammes, eingebettet in eine paradiesische Ideallandschaft, die sich bis zu einem in weiter Ferne erscheinenden Horizont erstreckt.
Die Errungenschaften der niederländischen Ölmalerei in ihren Möglichkeiten für die differenzierte Darstellung von Lichtwirkung und Atmosphäre wurden durch die engen Handelsbeziehungen zwischen Italien und den Niederlanden schnell in Italien bekannt und angewendet.
Renaissance
Mit dem Beginn der Renaissance und der Erneuerung der Kunst in Italien, von Giorgio Vasari als renascità schon bei Cimabue († nach 1302) und Giotto († 1337) angesetzt, kam es zu der folgenreichen Wende in der Geistesgeschichte, die mit dem Aufkommen des Individualismus, einer neuen Aneignung der Antike und einer Hinwendung zur naturwissenschaftlichen Erforschung der Welt verbunden wird.
Für die Malerei wurden mit der durch Brunelleschi und andere entdeckten und beschriebenen Linearperspektive auch für die Landschaftsmalerei neue Voraussetzungen geschaffen, den dreidimensionalen Raum einer Landschaft auf einer Bildebene darzustellen. Man setzte technische Apparate ein, wie die Camera obscura oder das velum, ein Hilfsmittel für perspektivische Darstellung. Um 1470 erschien Piero della Francescas Traktat De prospettiva pigendi, die erste genaue mathematische Beschreibung der Zentralperspektive.
Die Luftperspektive, ein schon in der Malerei der Antike zu beobachtendes Phänomen, wurde von den Malern, allen voran Leonardo da Vinci, systematisch erforscht. Die in den Niederlanden entwickelte Ölmalerei schließlich eröffnete durch die leuchtende Brillanz der Farben, durch feinste Farbabstufungen, durchscheinende Lasuren und einer neuen und grundsätzlichen Aufmerksamkeit für das Spiel von Licht und Schatten im Bild auch für die Landschaftsmalerei neue Möglichkeiten der Erfassung von Raumwirkung, Atmosphäre und von Licht- und Luftphänomenen.
Mit der Frührenaissance sind endgültig die Goldgründe mittelalterlicher Heiligenbilder durch Landschaften ersetzt, zunächst noch, wie bei Giotto, als kulissenartige Zusammenstellung einzelner Motive, später als einheitlicher Hintergrund.
Im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts entstand nördlich der Alpen ein neues, vorher unbekanntes Naturempfinden. Die Natur erhielt in Bildern der Donauschule einen eigenständigen Rang; Naturstudien ohne Menschendarstellungen sind keine Seltenheit. Das erste reine Landschaftsgemälde ohne jegliche Figuren ist das Bild Donaulandschaft mit Schloss Wörth, entstanden um 1522 von einem Maler der Donauschule, Albrecht Altdorfer. Frühe Beispiele aus dem nördlichen Europa für die Wiedergabe einer konkreten Landschaft – des Genfer Sees – sind Der wunderbare Fischzug des Konrad Witz – oder einer realistischen Darstellung von bewegtem Wasser auf dem um 1435 entstandenen Christophoros des gleichen Malers.
Sowohl in Venedig als auch in Florenz fanden die Anregungen aus dem Norden und die Entdeckungen der Perspektive in Italien auf unterschiedliche Weise ihren Niederschlag. In Piero della Francescas Montefeltro-Diptychon schaut der Betrachter aus der Vogelperspektive auf eine sich weit ausbreitende, lichte Landschaft, wobei sich Porträt und Landschaft auf unterschiedlichen und unverbundenen Bildebenen befinden. Leonardo da Vinci († 1519), von dem auch die erste reine Landschaftszeichnung stammt, stellte als Hintergründe einiger seiner Gemälde, wie der Felsgrottenmadonna, der Mona Lisa oder der Anna Selbdritt, alle im Louvre in Paris, keine Abbilder einer realen Natur dar. Diese Landschaften sind vielmehr eine Art Überblick über die elementaren Erscheinungsformen der Natur: Erde, Wasser, Fels und Luft, Nähe und Ferne, Wärme und Kälte.
Als ein Vermittler niederländischer Malkunst in Venedig gilt Antonello da Messina († 1479), der sich um 1475 in Venedig aufhielt. Ebenso folgenreich für die Landschaftsdarstellungen venezianischer Maler waren Dürers Holzschnitte, während seine Landschaftsaquarelle aus der Italienreise nicht publiziert waren und schon wegen ihrer Funktion als Arbeitsskizzen keine öffentliche Wirkung hatten.
Bei den Venezianern Bellini, Giorgione und Tizian entfaltete sich die für die venezianische Malerei charakteristische Verschmelzung von Figuren und Landschaft, Licht und Farbe zu einer stimmungsvollen Bildeinheit von poetischer und lyrischer Qualität. Giorgione malte mit seinem Gewitter um 1515 das erste Bild, in dem die Figuren an den Rand gerückt sind und Landschaft zum Bildthema wird.
Ab Mitte des 16. Jahrhunderts kam es in den Niederlanden zu einer ersten Blüte der Landschaftsmalerei, die mit den Namen Joachim Patinir, Gerard David, Hieronymus Bosch und Pieter Brueghel verknüpft ist. Von Joachim Patinier († 1524) stammen die überblicksartigen Weltlandschaften, in denen biblische oder mythologische Figurengruppen fast nur den Rang von Staffagefiguren einnehmen. Auch auf Breughels Bild Sturz des Ikarus von 1558 ist das eigentliche – mythologische – Thema an den äußersten Rand gerückt zu Gunsten der Darstellung einer weiten Landschaft im Licht der Morgensonne, zu deren harmonischem Einklang auch der tätige Mensch gehört.
17. Jahrhundert
Gegen Ende des 16. Jahrhunderts kam es in Bologna u. a. durch die Carracci unter dem Eindruck der venezianischen Malerei zu einer Neubegründung der Landschaftsdarstellung. Annibale Carracci veränderte seine strenge, am Manierismus orientierte Malweise und verband genaues Naturstudium mit einer venezianischen Farbigkeit.
1595 verlegte er seine Werkstatt nach Rom. Von 1596 stammt sein Gemälde Fischfang, das in seiner dramatischen Lichtinszenierung, seiner expressiven Farbigkeit und der Bewegtheit der Figuren auf das Barock verweist. Seine Malweise war von großem Einfluss auf die römischen Malerkollegen und in Bezug auf die Landschaftsmalerei insbesondere auf Nicolas Poussin und Claude Lorrain.
Bis ins frühe 17. Jahrhundert bleiben Landschaften in der Tafelmalerei und auf Fresken auf den Hintergrund beschränkt. Eine Weiterentwicklung erfuhr die Landschaftsmalerei in Rom durch eine Gruppe von Malern um den Frankfurter Adam Elsheimer.
Zu der Gruppe zählte der Niederländer Paul Bril, der sich schon seit 1582 in Rom aufhielt. Er hatte sich auf idealisierte Landschaften spezialisiert, in denen ausgewählte Elemente realer Landschaften zu einer Ideallandschaft komponiert sind. Kulissenartig aufgebaute Partien im Vordergrund oder Repoussoirs aus Bäumen und Architekturen eröffnen die Sicht in eine weite Ferne. Menschen auf den Bildern sind nur noch Staffage. Ab 1600 lebte auch der Frankfurter Elsheimer, der mit Bril befreundet war, in Rom. Elsheimer malte kleinformatige Landschaftsbilder auf Kupfergrund voller winziger Details, angereichert mit mythologischen oder biblischen Szenen, die sich durch eine metallische Farbigkeit auszeichnen. Sein Umgang mit unterschiedlichen Lichtquellen im Bild, zum Beispiel in seinem berühmten Nachtstück Die Flucht nach Ägypten von 1609, ist ein wesentliches Mittel für die Wirkung seiner Landschaften.
Die Bilder Annibale Carraccis, Adam Elsheimers und Paul Brils waren von fundamentaler Bedeutung für die Landschaftsbilder von Nicolas Poussin und Claude Lorrain.
Heroische und idyllisch-arkadische Landschaften
Gemälde, die nach streng rationalen Prinzipien aufgebaut sind, deren idealisierte Landschaft in ein mildes Licht getaucht sind, deren Architekturen der klassischen Antike entnommen sind und deren Figuren vorzugsweise aus der antiken Mythologie oder auch aus der Welt der Bibel stammen, werden mit dem Begriff heroische Landschaften bezeichnet. Hauptvertreter dieser Art von Landschaftsmalerei war der seit 1624 in Rom lebende Franzose Nicolas Poussin.
Der zweite hervorragende Landschaftsmaler in Rom war der ebenfalls aus Frankreich stammende Claude Lorrain, seit 1613 dort ansässig. Lorrains Bilder, ebenfalls nach rationalen Formprinzipien aufgebaut, mit ländlichem oder biblischem Personal als Staffagefiguren, den typischen Repoussoir aus Gehölzen oder antiken Architekturen, die häufig den Blick auf ein Meer, das im Glanz von Abend- oder Morgensonne schimmert, öffnen, werden wegen ihrer heiteren Grundstimmung idyllisch-arkadische Landschaften genannt.
Beide Maler galten als Vorbilder für die klassizistische Landschaftsmalerei und für die Maler heroischer Landschaften im 19. Jahrhundert. Im frühen 19. Jahrhundert wurde dieser Begriff für dramatisch-bewegte Landschaften und für Hochgebirgslandschaften übernommen.
Poussins Schwager Gaspard Dughet konzentrierte sich dagegen auf die Wiedergabe realer Landschaften aus der römischen Campagna und der Gegend um Tivoli während der Neapolitaner Salvator Rosa eine Vorliebe für pittoreske und phantasievolle Landschaften pflegte, bei denen man eine Nähe zur romantischen Landschaftsmalerei erkennen könnte.
Niederländische Landschaftsmalerei
Mit der Wende zum 17. Jahrhundert wurde die Landschaft, bisher nur Schauplatz mythologischer oder historischer Szenen, zu einem eigenen Bildthema.
Während des Goldenen Zeitalters der Niederlande kam es zu tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen. Durch den wachsenden Wohlstand in breiten Kreisen, nach dem Wegfall der Kirche als Auftraggeber und der Dominanz des Protestantismus in den nördlichen Niederlanden, gab es eine verstärkte Nachfrage nach Bildern durch bürgerliche Schichten für den privaten Gebrauch. Das Interesse an Landschaftsbildern ging einher mit einer grundsätzlichen Tendenz zum Beobachten und Erforschen der Natur, dem Aufblühen der Kartografie, für die durch das Wachsen des holländischen Überseehandels ein starker Bedarf bestand, der sicheren Beherrschung perspektivischer Darstellung und mit Fortschritten in Naturwissenschaften und Technik, durch die neue Hilfsmittel bereitstanden. Im Bereich der Kartografie und Landesvermessung arbeiteten Mathematiker und Geodäten (Landvermesser), Kartografen, Maler und Kupferstecher Hand in Hand. So sind Landkarten der Zeit häufig am Rand mit Veduten eingefasst, berühmtes Beispiel Jan Vermeers Allegorie der Malerei. Land- und Seekarten wurden von den gleichen Druckern publiziert wie Reproduktionen von Landschaftsgemälden in Kupferstichen oder Radierungen. Der Handel mit Reproduktionen war entscheidend für die rasche Verbreitung niederländischer Landschaftsmalerei in ganz Europa.
Das Genre fächerte sich bald in eine Reihe von Themen auf, auf die sich einzelne Maler konzentrierten. Es gab Spezialisten für Phantasielandschaften, italianisierende Landschaften, Gebirgs-, Wald-, Küsten- und Flusslandschaften, Seestücke, topografische Landschaften, Winterszenen usw.
Die thematisch oft wenig spektakulären Bilder zeichnen sind durch eine reiche Skala von Farbabstufungen, eine feine Luftperspektive und differenzierte Lichteffekte aus, die die Grundstimmung eines jeden Gemäldes bestimmen. Eine den Stillleben der Zeit vergleichbare Aufladung mit symbolischen, allegorischen oder emblematischen, darüber hinaus auch biblischen oder moralisierenden Bedeutungen ist auch für die Landschaften, in denen kaum einmal menschliche Staffagefiguren völlig fehlen, vielfach nachgewiesen worden. Zum symbolisch deutbaren Motivrepertoire gehören Naturphänomene, die, wie auch in der zeitgenössischen Naturdichtung auf den Kreislauf des Lebens und seine Vergänglichkeit verweisen oder mit oft nur in winziger Dimension eingefügten Wanderern und Pilgern das Thema der (Lebens-)Reise ansprechen.
Anfänge einer Landschaftsmalerei als unabhängiges Genre kann man in Flandern mit den Weltlandschaften Patiniers datieren, in denen Landschaft das Hauptthema ist und nicht die Figuren. Pieter Brueghel fertigte neben Gemälden wie den Jahreszeiten oder dem Fall des Ikarus auch Zeichnungen nach der Natur, sowohl während seiner Italienreise als auch in Brabant.
Neben dem von Flandern ausgehenden Impuls wurden Einflüsse aus Italien wirksam über die Reproduktionen der Bilder Adam Elsheimers durch den Utrechter Kupferstecher Hendrick Goudt.
Mit Esaias van de Velde, Pieter de Molijn, Jan van Goyen und Salomon van Ruisdael verstärkte sich eine naturalistische Bildauffassung zusammen mit einer Vorliebe für einfachere Motive, einheitliche Komposition und einer verstärkten Aufmerksamkeit für das Erscheinungsbild des Wolkenhimmels und die wechselnden Beleuchtungen auf dem Land. In der Farbwahl gab es zwischen 1625 und 1650 eine Vorliebe für monochrome Bilder in Blau-, Grün- und Erdtönen.
Die großen Landschaftsmaler des späten 17. Jahrhunderts, Jacob van Ruisdael und Aelbert Cuyp lassen italienische Einflüsse sowohl in der Komposition als auch in der Lichtführung der Bilder erkennen. Ruisdaels oft düstere und schwermütig wirkende Landschaften mit ihren dramatischen Wolkenformationen, absterbenden Bäumen und sich herabstürzenden Wasserfällen werden zu Ausdrucksträgern subjektiver Empfindung, ein Grund für die hohe Wertschätzung seiner Bilder durch die Romantiker.
Cuyps idealisierte Bilder dagegen sind erfüllt von einer heiteren, pastoralen Stimmung, einer Fülle von warmem Licht. Sie zeigen oft kleine ländliche Szenen.
Schüler Ruisdaels war Meindert Hobbema, der auf Waldszenen und Wassermühlen spezialisiert war. Eins der berühmtesten und oft reproduzierten Bilder niederländischer Landschaftsmalerei ist seine Allee von Middelharnis von 1689.
Maler in den südlichen Niederlanden, wie Rubens in seinen letzten Lebensjahren, malten Landschaften in warmen und lebhaften Farben. Rembrandt widmete sich in seinen Radierungen seit 1640 intensiv der Landschaftsdarstellung.
18. Jahrhundert
Mit dem 18. Jahrhundert ließ zwar das Interesse an der Landschaftsmalerei bei Sammlern und Liebhabern nach, es wuchs aber die Nachfrage nach topografisch genauen Darstellungen bestimmter Orte. Zu nennen sind hier die venezianischen Vedutenmaler Bellotto, Canaletto und Guardi und der in Rom tätige Luigi Vanvitelli. Guardi pflegte als Landschaftsmaler das Genre des Capriccios, Landschaften, die aus erfundenen und realen Partien zu einer Idealkomposition zusammengesetzt sind. Charakteristisch für die französische Malerei der Zeit sind die zarten und luftigen Landschaftshintergründe in den Bildern Watteaus und Fragonards.
Im England des 18. Jahrhunderts bezog man sich in der Landschaftsmalerei gerne auf italienische Vorbilder, besonders auf Claude Lorrain.
Richard Wilson malte nach seinem Aufenthalt in Rom stimmungsvolle melancholische Landschaften, ebenso wie John Robert Cozens, dieser mit einer Tendenz zum Idyllisch-Arkadischen. Im späten 18. Jahrhundert entwickelte sich bei Malern ein Interesse am Erhabenen in der Natur. Burkes Untersuchung von 1756 von über das Erhabene (Enquiry into the Origin of our Ideas of the Sublime and the Beautiful) führte zu gedanklichen und künstlerischen Auseinandersetzung mit seinen Ideen nicht nur in England, sondern auch in der ästhetischen Debatte in Deutschland.
Englischer Landschaftsgarten
Mitte bis Ende des 18. Jahrhunderts bildete sich in England in bewusstem Gegensatz zum architektonischen Garten Frankreichs eine neue Gartenkunst aus, deren Architekten sich an Bildern Lorrains und Poussins orientierten und die Grenze zwischen Gartenanlage und freier Landschaft verwischten. An Stelle von Gartenfluchten, Achsen und Symmetrien trat nun der natürliche Baumwuchs und die von der Romantik inspirierte Ruinen-Idylle. Wie es Adrian von Buttlar formuliert, werden „Gartenszenen nach den Regeln der Landschaftsmalerei mit Massen, Zwischenräumen, Farbe, Licht und Schatten sowie das Gesamtbild rahmenden Repoussoirs“ komponiert. Hauptvertreter dieser Art Landschaftsgarten waren William Kent (1664–1748), Lancelot Brown (1715–1783) und William Chambers (1723–1796).
19. Jahrhundert
Um die Jahrhundertwende kündigte sich in der bildenden Kunst sowohl eine neue Einstellung zu einem subjektiven Erleben der Welt an als auch eine Wandlung in der Wahrnehmung von Erscheinungen, wie es sich in Bildern eines Turner, C. D. Friedrich oder Delacroix zeigt. Der Paradigmenwechsel der Moderne wird nicht zuletzt in der Darstellung von Landschaft sichtbar.
Künstler wie Gustave Courbet verwarfen die überkommenen Prinzipien und Normen der Malerei, wie sie in den Kunstakademien seit der Renaissance herausgebildet worden waren, und wendeten sich neuen Themen aus dem bürgerlichen Milieu und der Arbeitswelt zu. Der braune „Akademieton“ von Bildern wurde obsolet, sowohl die perspektivische Darstellung als auch eine mimetische Nachahmung der Natur wurden abgelehnt. Nicht nur die Impressionisten wählten jetzt helle und grelle Farben.
Das Interesse verlagerte sich vom Motiv auf die Malweise. Cézanne fasste das Bild nicht mehr im Sinne Albertis als Fenster zur Welt auf, auf der ebenen Fläche wird kein dreidimensionaler Raum vorgetäuscht, das Bild ist vielmehr ein zweidimensionales Feld, in dem Ordnung von Formen und Farben relevant ist. Das Bild selbst ist eine parallele Wirklichkeit zur Wirklichkeit der Welt und nicht deren Abbildung.
Gegen Ende des Jahrhunderts verstärkten sich die Tendenzen zu einer subjektiven Interpretation der Welt und zur Dominanz einer persönlichen Handschrift, wie es sich in den expressiven Landschaften eines van Gogh zeigt sowie einer vermehrten Vielfalt künstlerischer Perspektiven, ein Kennzeichen der Malerei der Moderne.
Klassizismus und Romantik
Mit Beginn des 19. Jahrhunderts richtete sich das Interesse des Publikums verstärkt auf die Landschaftsmalerei. Angeregt durch Schriften Jean-Jacques Rousseaus, in denen eine neue Sensibilität für die Natur und deren Wirkung auf die seelische Verfasstheit des Menschen erkennbar ist, sahen Dichter und Künstler der Romantik in der Natur einen Quell leidenschaftlichen Gefühls und eine metaphysische Dimension. Nach der Infragestellung von überkommenen Glaubensgewissheiten im Zeitalter der Aufklärung suchten Maler wie Caspar David Friedrich in der Natur und der Landschaft einen transzendentalen Bezug. Nach dem Verlust alter Ideale sollte es Aufgabe der Kunst sein, Utopien sichtbar zu machen und ein neues Leit- und Idealbild herzustellen. Als beispielhaft gilt hier sein Tetschener Altar von 1808, der in literarischen und philosophischen Kreisen eine heftige Grundsatzdebatte über eine mögliche religiöse Funktion von Landschaftsbildern auslöste.
Romantische Landschaften zielen auf die Auslösung emotionaler Prozesse, auf eine Bildmagie, die einen inneren Dialog zwischen Betrachter und Bild bewirken soll.
Zur gleichen Zeit malten Künstler wie Koch, Reinhart, Hackert oder Wolf, die einem Klassizismus verpflichtet waren. Sie orientierten sich an den alten Vorbildern Poussin und Claude Lorrain, da aus der Antike selbst keine Landschaftsbilder bekannt waren. Diese Maler sahen in ihren Bildern die Aufgabe, einen idealen Weltentwurf sichtbar zu machen im Sinne einer Wiederbelebung des antiken Geistes.
Bilder der Romantiker hatten ihre Wirkung auf die Landschaftsmaler in England und in den USA. Maler wie William Blake und Turner teilten Friedrichs Interesse an einer symbolischen Aufladung von Landschaften. Turner setzte sich in seinen unzähligen Landschaftsskizzen und seinen expressiven und farbintensiven Gemälden mit der Wirkung von Licht und Raum auseinander. In den USA bezogen sich die Maler der Hudson River School auf die deutsche romantische Malerei.
Realismus
Mit den frühen 30er Jahren des 19. Jahrhunderts zeigte sich bei Malern in England, Deutschland und Frankreich ein verstärktes Interesse an einer realistischen Landschaftsdarstellung. Als Beispiele für England sind hier Richard Parkes Bonington und John Constable mit seinen ländlichen Motiven und seinen Wolkenbildern zu nennen, für die Schweiz Johann Gottfried Steffan und für Deutschland Adolph Menzel, der als einer der ersten Industrielandschaften malte oder Karl Blechen mit seiner Abwendung von romantischen Gefühlsschwelgereien und seiner Vorliebe für grandiose Licht- und Farbeffekte in der Natur. Der in den Niederlanden ansässige Belgier Charles Leickert spezialisierte sich auf Winterlandschaften.
Künstler des Biedermeier wie Karl Spitzweg oder gegen Ende des Jahrhunderts Maler wie Hans Thoma, Wilhelm Leibl oder Fritz von Uhde, malten ihre Bilder unter dem Eindruck der französischen Freilichtmalerei. Camille Corot, einer der ersten Plein-air-Maler verfeinerte die Darstellung von Licht und Atmosphäre in seinen Bildern, blieb aber bei der Komposition idealer Landschaften, während der Realismus eines Gustave Courbet Abstoßendes und Hässliches in den Bildern nicht aussparte.
In niederländischer Tradition steht der Düsseldorfer Maler J. Metzler, der von Niederrhein aus nahezu alle bedeutenden Landschaften malte.
Schule von Barbizon
Die Schule von Barbizon, deren Mitglieder in die freie Natur gingen und dort ihre Bilder malten, anstatt – wie bisher üblich – im Atelier nach Skizzen aus der Natur auszuführen, war von außerordentlich großem Einfluss auf die Malerei der kommenden Generation, vor allem auf die Impressionisten. Ziel der Maler von Barbizon war es, die Natur oder eine konkrete Landschaft mit all ihren unterschiedlichen Beleuchtungssituationen realistisch und objektiv wiederzugeben.
Impressionismus
Im Impressionismus wird die Malerei leicht und luftig, bestimmt von den Spielen des Lichts auf der Natur. Die Farben fließen ineinander. Man malt nun nicht mehr nur im Atelier, sondern geht hinaus ins Freie (Freiluftmalerei, oder auch „plenair“-Malerei), um sich beim Malen direkt den Eindrücken der Umgebung auszusetzen. Die Wahrnehmung der Dinge wird wichtiger als ihre Bedeutung. Wohl bekanntester Vertreter dieser Art von Malerei ist Claude Monet.
20. Jahrhundert
Die Landschaftsmalerei des 20. Jahrhunderts bietet dem Betrachter ein ebenso facettenreiches Bild von verwirrender Vielfalt wie die Kunst der Gegenwart überhaupt. Ariane Grigoteit sieht „Landschaft“ in den unterschiedlichen Konzepten der Künstler grundsätzlich zur Disposition gestellt. Eine Ursache vermutet sie in den neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in denen die Natur ihre Verlässlichkeit eingebüßt habe. „Das Landschafts-Motiv zerfiel in äußere Erscheinung und innere Wirkkräfte. Weder neue Ingenieurleistung, Wissenschaftserkenntnisse oder der Blick auf die individuelle innere Natur vermochten Erklärungen für die natürliche Existenz zu liefern. So wuchs die Entfremdung zwischen Mensch und Natur wie die Angst vor dem Ende der Natur […] Landschaft stand in den unterschiedlichsten, individuellen Modellen zur Disposition.“ (In: Ariane Grigoteit: Landschaften eines Jahrhunderts aus der Sammlung Deutsche Bank. Frankfurt a. M. 1999, S. 39.)
Die Spannweite der Auseinandersetzung mit dem Phänomen Landschaft reicht von den spätimpressionistischen Bildern eines Liebermann oder Slevogt, den Fauves in Frankreich, der Suche nach unverfälschter Natur in exotischen Ländern bei Gauguin, Pechstein, Nolde oder Kirchner, bis zu den grauen Wolkenbildern oder fotorealistischen Landschaften eines Gerhard Richter oder Helmut Ditsch, den melancholischen Ölgemälden von Fritz Lattke und zu Werken eines Anselm Kiefer, der in seinem Bild Märkisches Land in die mit märkischem Sand bestreute Ölfarbe Ortsnamen aus Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg einritzte.
Mitte der 60er Jahre entwickelten Hans-Jürgen Kleinhammes sowie Werner Nöfer eine bildnerische Richtung unter dem programmatischen Begriff "Neue Landschaft", die nur noch landschaftliche Fragmente sowie eine auf signetartige und technoide Abstraktion reduzierte Bildsprache benutzten.
Ebenso breit ist die Spannweite von Landschaftsbildern in weitestem Sinn in den USA.
Es gibt die farbintensiven, plakativen Grand-Canyon-Bilder eines Hockney neben postromantischen oder einem Surrealismus verpflichteten Malern wie Paul Nash, Graham Sutherland oder Grant Wood, mit seinen melancholischen Bildern aus dem mittleren Westen. Maler des abstrakten Expressionismus wie Clyfford Still oder Jackson Pollock suggerieren in ihren Bildern zumindest Größe und Ausstrahlung einer erhabenen Landschaft. Mark Rothkos Bildern wird von manchen Interpreten eine Caspar David Friedrich verwandte Reflexion über Grenzen und Unendlichkeit zugeschrieben.
Vielfältig ist die Beziehung zwischen Landschaftsmalerei und Fotografie. Fotos von Atget († 1927), der in seinem umfangreichen Werk das Paris der Jahrhundertwende dokumentiert hat, dienten seinen Malerfreunden als Bildvorlagen. Andere, wie Ansel Adams († 1984) in seinen Schwarzweiß-Fotografien aus den Rocky Mountains, bedienten sich einer Bildästhetik romantischer Malerei, während Jeff Wall sich in seinen Bildinszenierungen gelegentlich von Vorbildern und Bilderzählungen aus der Kunstgeschichte inspirieren ließ.
Andere griffen gestaltend in vorhandene Natur- oder Kulturlandschaften ein,
so Beuys, von dem auch eine Reihe von Landschaftsaquarellen existiert, mit seinem Projekt 7000 Eichen in Kassel anlässlich der Documenta 7,
oder Christo und Jeanne-Claude, die Bäume im Berower Park in der Schweiz einpackten, dem Central Park in New York durch die Beflaggung mit orangefarbenen Tüchern eine fremdartige poetische Wirkung verliehen und der amerikanische Land-Art-Künstler Robert Smithson († 1973), der seine Spiral Jetty im Großen Salzsee in Utah anlegte und sie anschließend dem Wirken der Natur überließ.
Mit der Frage der Bedeutung der Landschaftsmalerei im digitalen Zeitalter beschäftigt sich Adam Jankowski, der die „Landschaft als Motiv zu erhalten und das Landschaftsbild aus seiner Tradition heraus zu erneuern“ sucht (Anne Marie Freybourg).
Asien
In Ostasien spielt die Landschaftsmalerei eine sehr bedeutende Rolle. Nach einem Höhepunkt chinesischer Landschaftsmalerei im 8. Jahrhundert wurde sie in den um realistische Wiedergabe bemühten monochromen Meisterwerken des 11. und 12. Jahrhunderts (Fan Kuan, Guō Xī, Xu Daoning) weiterentwickelt. Seit dem 13. Jahrhundert blühte Literaturmalerei, die die Landschaftsmalerei als Ausdruck der Persönlichkeit auffasste. In Japan entwickelte sich die Landschaftsmalerei zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert aus der buddhistischen Malerei; auch die Tuschlandschaften der Mönchsmaler (Minsho, Shiubun, Sesshu Toyo) vom 14. bis 16. Jahrhundert sind noch als Ausdruck des Zen zu sehen. Erst ab Ende des 16. Jahrhunderts wurde die japanische Landschaftsmalerei zu einer selbstständigen Kunstrichtung in betont dekorativem Stil.
Ein bekannter japanischer Künstler war Utagawa Hiroshige, der am Ende der Edo-Zeit zahlreiche Holzschnitte mit japanischen Landschaften angefertigt hat. Die japanische Sprache kennt unterschiedliche Wörter, die die bildliche Darstellung von Landschaften umschreiben. Zum einen (Landschaftsmalerei) gegenüber (Blumen- und Vogelbilder) und (Landschaftsbild).
Der Begriff Fûkeiga stammt aus der Meiji-Periode am Ende des 18. Jahrhunderts. Zuvor war Sansui-ga (Shan-shui hua) gebräuchlich, ein Begriff, der im 13. Jahrhundert mit dem Zen-Buddhismus aus China eingeführt worden war, aus denen sich der japanische Stil entwickelte. In China stellte Fukei dabei einen besonderen Bezug zu den Bergen und dem Wasser dar. Bereits in der Lun-Yu des Konfuzius aus dem 5. Jahrhundert vor Chr. wird die besondere Rolle von Berg und Fluss beschrieben, die in Ostasien als heilige Orte galten, in denen die Götter wohnen.
Die japanischen Künstler verbanden den Begriff Fûkeiga mit der atmosphärischen und lichtdurchfluteten niederländischen Landschaftsmalerei des 17. Jahrhunderts oder den französischen Impressionisten des 19. Jahrhunderts, während Sansui-ga eher auf die traditionelle japanische Landschaftsmalerei umschreibt, die sich auch im Begriff San-en-ho (Höhen, Tiefen und Weite) widerspiegelt.
Guō Xī beschrieb diese Technik mit den Worten:
Digitale Sammlungen
Meisterwerke der Landschaftsmalerei. Directmedia Publishing, Berlin 2007, KDB Band 21, CD-ROM, ISBN 978-3-89853-321-8
Siehe auch
Japanischer Farbholzschnitt
Landschaftsgarten
Literatur
Gesamtdarstellungen
Rolf Wedewer: Landschaftsmalerei zwischen Traum und Wirklichkeit. DuMont, Köln 1978, ISBN 3-7701-0354-8.
Nils Büttner: Geschichte der Landschaftsmalerei. Hirmer, München 2006, ISBN 3-7774-2925-2.
Landschaft. In: Karlheinz Barck u. a. (Hrsg.): Ästhetische Grundbegriffe. Studien zu einem historischen Wörterbuch. 3. Aufl. Metzler, Stuttgart 2001, ISBN 3-476-01657-9, S. 617–695.
Silke von Berswordt-Wallrabe, Volker Rattemeyer (Hrsg.): Weltsichten. Landschaft in der Kunst seit dem 17. Jahrhundert. Bochum 2010, ISBN 978-3-941778-01-6.
Norbert Schneider: Geschichte der Landschaftsmalerei – vom Spätmittelalter bis zur Romantik. 2. Aufl. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2009, ISBN 978-3-89678-672-2.
Erich Steingräber: Zweitausend Jahre europäische Landschaftsmalerei. Hirmer, München 1985, ISBN 3-7774-3570-8.
Wolfgang Klien: Der Siegeszug der Landschaftsmalerei. Eine Entwicklungsgeschichte der Landschaftsmalerei in Europa. Jahn & Ernst, Hamburg 1990.
Norbert Wolf: Landschaftsmalerei. Taschen, Köln u. a. 2008, ISBN 978-3-8228-5463-1.
Einzeldarstellungen
Reiner Bentmann, Heinz Ohff: „Neue Landschaft“. Edition Herzog, Berlin 1971.
Heinz Spielmann „Die Neue Landschaft“. Monografie zu einem neuen Landschaftsbegriff. Wanderausstellung der B.A.T., Hamburg 1976.
Svetlana Alpers: Kunst als Beschreibung. Holländische Malerei des 17. Jahrhunderts. Dumont, Köln 1998, ISBN 3-7701-4445-7.
Oskar Bätschmann: Entfernung der Natur. Landschaftsmalerei 1750–1920. DuMont, Köln 1989, ISBN 3-7701-2193-7.
Nils Büttner: Die Erfindung der Landschaft. Kosmographie und Landschaftskunst im Zeitalter Bruegels. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2000, ISBN 3-525-47900-X (digi.ub.uni-heidelberg.de).
Adrian von Buttlar: Der Landschaftsgarten, Gartenkunst des Klassizismus und der Romantik. Dumont, Köln 1989, ISBN 3-7701-2088-4.
Bastian Eclercy (Hrsg.): Nah und Fern. Landschaftsmalerei von Brueghel bis Corinth. Wienand, Köln 2011, ISBN 978-3-86832-060-2, mit DVD.
Barbara Eschenburg: Landschaft in der deutschen Malerei – vom späten Mittelalter bis heute. C. H. Beck, München, 1987, ISBN 3-406-32044-9.
Uta Feldges: Landschaft als topographisches Porträt. Der Wiederbeginn der europäischen Landschaftsmalerei in Siena. Benteli, Bern 1980, ISBN 3-7165-0338-X.
Günter Hartmann: Die Ruine im Landschaftsgarten: Ihre Bedeutung für den frühen Historismus und die Landschaftsmalerei der Romantik (= Grüne Reihe. Bd. 3). Wernersche Verlagsgesellschaft, Worms 1981, ISBN 978-3-88462-007-6.
Tanja Michalsky: Projektion und Imagination. Die niederländische Landschaft der Frühen Neuzeit im Diskurs von Geographie und Malerei. Fink, München 2011, ISBN 978-3-7705-5043-2.
Götz Pochat: Figur und Landschaft. Eine historische Interpretation der Landschaftsmalerei von der Antike bis zur Renaissance. De Gruyter, Berlin 1973, ISBN 3-11-004104-9.
Max Sauerlandt: Der stille Garten. Deutsche Maler der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Langewiesche, Düsseldorf 1908 ().
Martin Warnke: Politische Landschaft. Zur Kunstgeschichte der Natur. Hanser, München 1992, ISBN 3-446-17216-5.
Weblinks
Betrachtungen zur Landschaftsmalerei
Europäische Städte- und Landschaftsdarstellungen des 16. und 17. Jahrhunderts in der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln
Chronologie zur Geschichte der Landschaftsmalerei
Einzelnachweise
Gattung der Malerei
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https://de.wikipedia.org/wiki/Internat
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Internat
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Internat ist der Oberbegriff für Einrichtungen, in denen Schüler aller Altersstufen und aller Schularten wohnen und betreut werden und die (zumeist) einer Schule angegliedert sind.
Zweck eines Internats
Heute gibt es verschiedene Formen von Internaten. Sie sind ihrem Zweck nach gewidmet:
Kindern, denen es wegen der Abgelegenheit ihres Wohnorts von den Eltern nicht zugemutet wird, jeden Tag einen weiten Schulweg zurückzulegen
Kindern, deren Eltern etwa aus Zeitmangel die Betreuung und Erziehung in die Hände dieser Institution legen
hochspezialisierte Schulen (Berufsschulen und Fachschulen seltener Berufe, Sportgymnasien, Hochbegabtenförderung), die einen großen Einzugsbereich haben und/oder individuelle Betreuung anbieten
Kindern, deren Eltern die Bildung und Erziehung ihrer Kinder aus Überzeugung (pädagogisches Konzept, konfessionelle Ausrichtung etc.) einem Internat anvertrauen
Kindern, die individuelle heilpädagogische Förderungen im psychischen, kognitiven, sozialen und körperlichen Bereich bedürfen.
Begriff und Geschichte
Der Begriff Internat entstand im 19. Jahrhundert und leitet sich von lat. internus (deutsch: im Inneren befindlich, vertraulich) ab, der Gegenbegriff ist das Externat. Er wurde vermutlich analog zu dem deutlich älteren und etwa gleichbedeutenden Begriff Alumnat gebildet. Bewohner eines Internats werden auch heute z. T. noch Alumnen genannt. Der Begriff Alumnat wird heute jedoch nur noch selten verwendet. So wird z. B. In Regensburg das 1901 im Jugendstil entstandene Nachfolgergebäude des ehemaligen protestantischen, reichstädtischen Alumnats in der Straße Am Ölberg Nr. 2, das noch bis in die Nachkriegszeit um 1945 als Internat genutzt wurde, als das Alumneum bezeichnet, obwohl das Gebäude 1978 in den Besitz der protestantischen Kirche kam und seitdem anders genutzt wird.
Internate bzw. Alumnate wurden ursprünglich zumeist anderen bereits bestehenden Einrichtungen (Fürstenhof, Dom, Kloster, Universität usw.) angegliedert. Der Begriff „Internatsschule“ bzw. eine enge (auch personelle) Verbindung von Schule und Internat kommen erst später auf und bleiben eine Sonderform des Internats. Neben dem Begriff „Internat“ sind weitere verschiedene teils synonyme Bezeichnungen in Gebrauch, z. B. Konvikt (Wohnheim für katholische Schüler oder Theologiestudenten unter geistlicher Leitung; in Österreich allgemein Schülerheim) oder Kolleg (kirchliche Ausbildungsanstalt).
Den Anlass einer Erziehung in besonderen Erziehungsstätten außerhalb des Familienverbands sehen Historiker bei allen Kulturvölkern ursprünglich in der Vorbereitung auf den priesterlichen Dienst an einem Heiligtum oder den Dienst an Königs- bzw. Fürstenhöfen. Geistliche und weltliche Regenten bedurften einer speziellen Vorbereitung, deren Anforderungen und Methoden die Eltern allein nicht gewachsen waren. Tempelschulen und Palastschulen, in denen eine jugendliche Elite gemeinsam auf ihre Führungsaufgaben vorbereitet wurde, dürfen daher im weitesten Sinne als Vorläufer auch der heutigen Internatsschulen und Schülerheime gelten.
Aufkommen und Ausbreitung des Christentums im mittelalterlichen Europa führten zunächst zu einer deutlichen Vorrangstellung der klerikalen „Internate“ an Dom- und Klosterschulen. Mit der zunehmenden Differenzierung und Ausweitung von Führungsaufgaben bei der Entstehung des modernen Staatswesens in der Renaissance erlangten dann auch profane Internate höhere Bedeutung (Aufgabe der Rekrutierung einer Führungsschicht für Militär und Verwaltung), während kirchliche Einrichtungen zunehmend „verweltlichten“ und zeitweise ihren Einfluss verloren. In der Reformation/Gegenreformation blühte erneut die klerikale Internatserziehung auf. Es verbanden sich religiöse und politische Zielsetzungen. Bedeutende Dom- und Klosterschulen wurden häufig zu Universitäten ausgebaut, denen spezielle „Internate“ (Kollegien, Bursen) angegliedert waren. Es bildete sich zusätzlich eine Vielzahl von Erziehungsstätten mit speziellen Ausrichtungen heraus, z. B. die von Landesherren gestifteten Fürstenschulen, Ritterakademien, Kadettenanstalten, Priester-, Lehrerseminare usw. Diese öffneten sich zunehmend auch den von Geburt weniger Privilegierten, weil anders der hohe Bedarf an Führungskräften nicht zu decken war.
Da der Ausbau des Bildungswesens in den Städten und erst recht auf dem Lande über einen langen Zeitraum (praktisch bis Mitte des 20. Jahrhunderts) mit der wachsenden Bildungsnachfrage kaum Schritt hielt, wuchs den Internaten eine besondere Bedeutung gerade für die Ausbreitung der höheren Bildung und den sozialen Aufstieg der Begabten „aus dem Volke“ zu. Nicht zu unterschätzen ist auch die wichtige Funktion der Internate beim damaligen Ausbau der Mädchenbildung.
Aufgrund der Tatsache, dass für Jahrhunderte der Weg zur universitären Ausbildung größtenteils über die (vorwiegend kirchlichen) Internate führte, wird Internatserziehung traditionell mit „Elitenbildung“ gleichgesetzt, allerdings war Internatsausbildung in früherer Zeit auch stärker als heute eine rein praktische Notwendigkeit: Noch Anfang des 20. Jahrhunderts waren beispielsweise ein Viertel der Gymnasiasten in Bayern Internatsschüler, nicht zuletzt wegen der vergleichsweise geringen Zahl der Gymnasien und der schlechten Verkehrsverbindungen, die für Schüler aus Kleinstädten oder vom Land kaum eine andere Möglichkeit ließen. Eine große Zahl bedeutender Wissenschaftler, Dichter, Politiker, Industrieller usw. ist aus Internaten hervorgegangen.
Immer wieder in der Geschichte griffen Reformbewegungen in schweren kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Krisen auf das Modell des Internats als „pädagogischer Insel“ zurück, in deren Abgeschiedenheit eine Erneuerung der Erziehung und damit die Veränderung gesellschaftlicher Zustände durch neue Eliten stattfinden sollte; (Jesuitenkollegs, Philanthropine, Landerziehungsheime). Daneben entstanden Formen des Internats mit eher pragmatischer Zielsetzung („Notenpressen“ für Schulversager, private, kirchliche und staatliche Schülerwohnheime an Standorten öffentlicher Gymnasien für „auswärtige“ Schüler, Pensionate zur Vorbereitung „höherer Töchter“ auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter, „Vorbereitungsanstalten“ in ländlichen Pfarrhäusern für Kinder, die außerhalb der allgemeinen Volksschulen auf die Aufnahmeprüfung an einem Gymnasium vorbereitet werden sollen, und anderes mehr).
Im Zuge gesellschaftlicher Veränderungsprozesse erlebten und erleben die Internate immer wieder Boom- oder Krisenzeiten. Tiefe Einschnitte bewirkten in jüngerer Zeit der Ausbau des weiterführenden Schulangebots auf dem Lande in den 1960er und 1970er Jahren bei gleichzeitiger Verbesserung der Verkehrsverbindungen zu den Schulen, der massive Rückgang der Schülerzahlen in den 1980er Jahren (geburtenschwache Jahrgänge) sowie die bis heute andauernde Akzeptanzkrise religiös orientierter Erziehungsstätten. Aufgrund der rückläufigen Nachfrage und veränderter Nachfragemotive mussten elitäre Zielsetzungen zunehmend aufgegeben werden. Es mehren sich in den Internaten bis heute die schulisch und erzieherisch schwierigen Fälle. Der Bestand an Internaten bzw. an Internatsplätzen verringerte sich seit den 1960er Jahren fast um die Hälfte. Anfang der 1990er Jahre sah die veröffentlichte Meinung Internate bereits als „Auslaufmodell“, Internate galten mehr oder weniger als ein Ort an den schwierige Kinder „abgeschoben“ würden oder wo reiche Eltern ihren eigentlich wenig begabten Kindern einen Abschluss „kaufen“ könnten.
Im Zuge der in den letzten Jahren aufgedeckten und in den Medien diskutierten Fallen von Kindesmissbrauch in pädagogischen Einrichtungen wurden auch Internate häufig erwähnt, beispielsweise die Odenwaldschule, die auch durch mangelhafte Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in eine erhebliche Krise geriet, die letztlich zur Schließung der einst renommierten Schule führte. Möglicherweise wird auch diese Diskussion in den nächsten Jahren eine Auswirkung auf die Akzeptanz von Internaten haben, auch wenn viele der in den Medien behandelten Fälle in der Vergangenheit liegen.
Konträr zu dieser allgemeinen Entwicklungstendenz sind zurzeit Bestrebungen erkennbar, spezielle Bildungsaufgaben (Förderung von Hochbegabten und Hochleistenden) oder Probleme des Bildungswesens (Entlastung öffentlicher Schulen von Störern und Gewalttätern) durch Einrichtung besonderer Internate zu lösen. Erstmals tritt hier wieder der Staat als Gründer, Träger und Betreiber von Internaten verstärkt in Erscheinung.
Dies kann allerdings über die insgesamt krisenhafte Situation der Internate und eine zunehmende Angleichung von Internatserziehung und Erziehungshilfe nicht hinwegtäuschen. Die derzeitigen Versuche interessierter Kreise (Internatsverbände, gewerbliche Internatsvermittler), an elitäre Internatstraditionen anzuknüpfen oder wahrheitswidrig einen „Nachfrageboom“ bei den Internaten herbeizureden, entsprechen nicht der Wirklichkeit.
Neue Gefahren drohen den Internaten durch den Ausbau der Ganztagsbetreuung an öffentlichen und privaten Tagesschulen sowie durch den weiteren Geburtenrückgang. Auch ein während der Covid-19-Pandemie 2020/21 spürbarer Anstieg der Nachfrage nach Internatsplätzen, ausgelöst durch die Schließung normaler Schulen und als mangelhaft empfundenem Fernunterricht, dürfte dem nur vorübergehend entgegenstehen.
Internate heute
Abgrenzung
Wichtig ist eine Abgrenzung des Begriffs „Internat“ gegenüber dem des reinen „Wohnheims“ (ausschließlich Unterbringung und z. T. Verpflegung für Schüler, Studierende, Auszubildende usw.) und dem des „Kinder- und Jugendheims“ (Einrichtung der öffentlichen Erziehungshilfe). Internate zeichnen sich gegenüber Wohnheimen durch eine im Wesentlichen pädagogische Aufgabenstellung und eine intensivere schulische und erzieherische Betreuung aus. Sie erreichen andererseits nicht die sozialpädagogische oder sogar therapeutische Intensität von Einrichtungen der Erziehungshilfe (Kinder- und Jugendheime, sozialpädagogische Wohngruppen usw.). Internate betonen im Gegensatz zu letzteren die Erreichung schulischer Ziele stärker als die Aufarbeitung seelischer, körperlicher, entwicklungsbedingter oder erzieherischer Defizite. Sie betrachten sich zudem weniger als Ersatz, sondern eher als Ergänzung der Familie. Dies kommt auch darin zum Ausdruck, dass sie nicht das ganze Jahr über geöffnet haben, sondern ihre Bewohner generell in den Schulferien sowie an Heimreisewochenenden regelmäßig zu ihren Familien entlassen. Die Belegung von Internaten erfolgt weit überwiegend durch die Eltern der Schüler selbst, d. h. ohne Beteiligung öffentlicher Stellen (z. B. Jugendämter). Dementsprechend müssen auch die Kosten einer Internatsunterbringung von den Sorgeberechtigten privat aufgebracht werden.
Formen, Ausdifferenzierung
Die Gruppe der Vollinternate kann man unterteilen in Internatsschulen, also Internate mit eigenen Unterrichtseinrichtungen, und Schülerheime, die keine eigenen Schulen unterhalten, sondern ihre Schüler in Lehranstalten anderer Träger am Ort oder in der näheren Umgebung schicken. Bei den Internatsschulen kann noch einmal unterschieden werden zwischen „Heimschulen“, die fast ausschließlich ihre eigenen Internatsschüler unterrichten und nur einen geringen Anteil Externer (außerhalb des Internats wohnender Schüler) aufweisen, und den „Schulen mit angeschlossenem Internat“, an denen die externen Schüler weit in der Überzahl bzw. umgekehrt die „Internen“ deutlich in der Minderheit sind.
Eine weitere Differenzierung ergibt sich aus dem Rechtsstatus der Unterrichtseinrichtungen von Internatsschulen. Diese können sich in öffentlicher (staatlicher) oder freier (privater) Trägerschaft befinden. Internatsschulen in freier Trägerschaft haben zumeist den Rechtsstatus der „staatlich anerkannten Ersatzschule“. Sie sind damit öffentlichen Schulen rechtlich gleichgestellt, aber auch an die staatlichen Aufnahme- und Versetzungsbestimmungen gebunden. Daneben gibt es private Internatsschulen, die sich lediglich als „staatlich genehmigte Ersatzschulen“ oder „allgemeinbildende Ergänzungsschulen“ bezeichnen dürfen. Ihre Aufnahme- und Versetzungsentscheidungen haben keine rechtliche Wirkung, und sie vermitteln auch keine staatlich anerkannten Schulabschlüsse. Um diese zu erreichen, müssen ihre Schüler eine Schulfremdenprüfung an einer staatlichen Schule ablegen.
Den zahlenmäßig dominierenden Internatstyp stellt die „Schule mit angeschlossenem Internat“ dar, gefolgt von dem Internatstyp „Schülerheim“. Reine Heimschulen bilden dagegen eher die Ausnahme. Internatserziehung war in der Vergangenheit vor allem eine kirchliche Domäne. Über die Hälfte der Internatsschulen und Schülerheime wurde von katholischen Trägern betrieben. Es folgten staatliche und evangelische Institute. Internatsschulen nichtkirchlicher privater Träger stellen dagegen das kleinste Kontingent. In den letzten Jahren hat die Anzahl der Internatsplätze kirchlicher Träger allerdings deutlich abgenommen, welches u. a. durch Finanzierungs- und damit verbunden durch partielle Qualitätsprobleme dieser Internatsgruppe bedingt ist.
Geschlechtertrennung
Obschon die Geschlechtertrennung im modernen Unterrichtswesen keine bedeutende Rolle mehr nimmt, werden Internate bis heute durchweg als Knabeninternat / Jungeninternat und Mädcheninternat geführt. Sieht man den Ausdruck Mädcheninternat im Sinne ‚Internatsschule‘, finden sich in Mitteleuropa noch diverse Mädchenschulen mit angeschlossenem Internat, meist im Bereich der Privatschulen, religiös oder säkular. Sonst haben auch koedukative Schulen räumlich getrennte Internate für Knaben und Mädchen, als einzelne Häuser am Schulcampus, oder zumindest einzelne Trakte im Internatsgebäude. Eine gemeinsame gemischte Unterbringung Minderjähriger spielt im Regelschulsystem keine Rolle.
Beobachtbare Entwicklungstendenzen
Viele Internatsschulen haben ihr Schul- und Betreuungsangebot differenziert, indem sie sich externen Schülern geöffnet, zusätzliche Schulzweige oder Tagesinternate angegliedert oder die Betreuung von Schülern übernommen haben, die nicht die eigenen Unterrichtseinrichtungen, sondern Schulen anderer Träger besuchen. Reine Jungen- oder Mädcheninternate haben die Koedukation eingeführt. Viele Institute nehmen heute „erziehungsschwierige“ Kinder und Jugendliche auf, die eigentlich zur klassischen Klientel der Kinder- und Jugendheime gehören. Einige wenige Internate richten sich in ihrem Angebot ausschließlich an begabte und leistungsorientierte Schüler, um diese besser als in der normalen Regelschule intensiv zu fördern.
Die Entwicklung auf dem Internatssektor hat eine Bewegung zur Gründung von Internaten mit wieder stärker elitärer Ausrichtung hervorgerufen. Eine wesentliche Vorbildfunktion hatte hierbei das System der Eliteförderung in der ehemaligen DDR, das nach der Wiedervereinigung z. T. „demokratisch gewendet“ fortgeführt wurde. Zusätzlich führte der „PISA-Schock“, d. h. das schlechte Abschneiden deutscher Schüler im internationalen Leistungsvergleich, zu dem Ruf nach gezielterer und früherer Förderung besonders begabter junger Menschen. So entstanden – teilweise in Fortsetzung historischer Modelle (z. B. die ehemaligen Fürstenschulen in Sachsen) – eine Reihe überwiegend staatlicher Internate für allgemein hoch befähigte Schüler oder Hochbegabte in den Bereichen Naturwissenschaften, Sprachen, Sport, Musik usw.
Auch einige der teuren Privatinstitute, denen aufgrund ihrer sozialen (d. h. preislichen) Exklusivität in der veröffentlichten Meinung gern das Prädikat „Eliteschule“ angeheftet wird, suchen Anschluss an diese Entwicklung (z. B. durch Erhöhung der Zahl von Begabtenstipendien).
Es scheint aber außerordentlich schwierig zu sein, elitäre Standards durchzusetzen und zu behaupten. Staatliche Eliteinternate haben in dieser Hinsicht von wenigen Ausnahmen abgesehen trotz sozialverträglicher Pensionssätze zwischen 50 und 300 Euro ähnliche Probleme wie die wesentlich kostspieligere private Konkurrenz. Wie das Beispiel der Eliteschulen des Sports im Osten Deutschlands zeigt, ist es offensichtlich schwierig, genügend hoch befähigte und charakterlich geeignete Aufnahmekandidaten für das Internatsleben zu finden.
Kosten
Die Kosten liegen zwischen etwa 3 000 und 57 000 Euro jährlich.
Bearbeitungen des Themas in Literatur und Film
In zahlreichen Romanen, Erzählungen und anderen Genres der seriösen Literatur ist seit dem Mittelalter und in fast allen europäisch geprägten Literaturen das soziale Beziehungsgefüge und das des Öfteren gefährdete Innenleben von Internatszöglingen immer wieder unter verschiedenen Blickwinkeln bearbeitet worden. Die Spannbreite reicht dabei von verklärenden Erinnerungen an die lustige Zeit im Internat bis hin zu sehr kritischen Darstellungen des Verhältnisses der Schüler untereinander bzw. zu ihren Lehrern. Die entsprechenden Texte werden unter dem literaturwissenschaftlichen Begriff Internatsliteratur zusammengefasst.
Aus dem frühen 20. Jahrhundert stechen etwa hervor Robert Musils Die Verwirrungen des Zöglings Törleß, Hermann Hesses Unterm Rad und Robert Walsers Jakob von Gunten. Der Sadismus in einer Kadettenanstalt des k.u.k. Österreichs mag zeithintergrundsbedingt und mentalitätsgeschichtlich nicht sehr viel mit heutigen Rahmenbedingungen gemeinsam haben, aber er ist doch ein bedeutendes literaturhistorisches Warnzeichen, was ohne Weiteres hinter den offiziellen Regularien möglich war und wohl auch weiter sein wird.
Die Liste der Bearbeitungen des Themas reißt auch in der Gegenwartsliteratur nicht ab, obwohl die Zahl der Internatsschüler und -schülerinnen heute wesentlich geringer ist als in früheren Zeiten und daher das Leben in einem Internat nur noch einer kleineren Anzahl von Personen aus eigener Erfahrung bekannt ist, nicht zuletzt deshalb behandeln auch viele der zuletzt veröffentlichten Texte das Internatsleben in der Vergangenheit. 1990 rückte der Film Der Club der toten Dichter und der gleichnamige Roman von Nancy H. Kleinbaum das Thema Internatsschule in den Fokus einer breiten Öffentlichkeit. 1995 erschien der Debütroman Faserland des Ex-Salemers Christian Kracht, der einen kritischen Einblick in die Welt der hedonismus- und konsumorientierten Internatszöglinge gibt. Ein 2006 neu erschienenes Buch, der Debütroman Warum du mich verlassen hast des FAZ-Kulturkorrespondenten in Madrid, Paul Ingendaay, wurde aufgrund vorwiegend positiver Rezensionen für den Preis der Leipziger Büchermesse nominiert, und Ingendaay erhielt in demselben Jahr für seinen Erstling den Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld. Er verarbeitet darin seine genauen Kenntnisse und Erfahrungen im Collegium Augustinianum Gaesdonck in den 1970er Jahren am Niederrhein. Den Hintergrund des autobiografisch angelegten Romans Unterm Staub der Zeit (2023) von Christoph Hein bildet das Leben eines Schülers aus der DDR in einem Westberliner Internat vor dem Mauerbau.
Bekannt wurde auch der Roman von Hugo Claus, Der Kummer von Belgien. Dort geht es um ein von katholischen Klosterschwestern geleitetes Internat, in dem Schüler einen „Geheimbund“ gründen und als „Apostel“ verbotene Bücher zusammentragen. Claus’ Roman wurde von Claude Goretta verfilmt. Ebenfalls in Belgien, jedoch im deutschsprachigen Osten, ging Hannes Anderer ins Internat und schildert diese 1940er Jahre, zeitweise unter deutscher Herrschaft, sehr genau im Roman Unterwegs zu Melusine, insbesondere die Verteufelung der jugendlichen Sexualität durch die Katholiken, durch Priester wie Laien.
Neben den literarischen Darstellungen gibt es auch Internatsfilme wie etwa Mädchen in Uniform aus dem Jahre 1931 nach einem Theaterstück von Christa Winsloe, dessen Remake von 1958 mit Romy Schneider und Lilli Palmer heute noch bekannt ist. Auch der Film Das fliegende Klassenzimmer (1973), lose basierend auf dem gleichnamigen Roman von Erich Kästner, thematisiert das soziale Leben einer Gruppe Schüler, die ihren Tagesablauf nach dem Internatsstundenplan ausrichten und im Handlungsverlauf der verfilmten Geschichte mit den Realschülern einer im gleichen Ort befindlichen Schule in mehreren Situation aneinandergeraten.
Außer der hier dargestellten gehobenen Literatur gibt es nach wie vor recht erfolgreiche Titel aus dem Gebiet der Unterhaltungsliteratur, insbesondere Kinder- und Jugendbücher, die in einem Internat spielen. Teilweise handelt es sich dabei um noch immer fortlaufend neu erscheinende Reihen, wie etwa die Jugendkrimis der TKKG-Reihe, die sich nach wie vor großer Beliebtheit erfreuen, obwohl (siehe oben) das Leben in einem Internat heute nur noch wenigen Jugendlichen aus eigener Anschauung bekannt ist. Die weltweit mit großem Abstand bekanntesten und erfolgreichsten Bücher und Filme zum Internatsleben sind die Romanserie und die auf ihr beruhenden Filme der Harry-Potter-Serie der britischen Schriftstellerin Joanne K. Rowling, die durchaus ernsthaft und kritisch typische Erscheinungen des Internatswesens behandelt.
Seit 1998 gibt es die Seifenoper Schloss Einstein für Kinder und Jugendliche, welche in einem fiktiven Internat spielt.
Siehe auch
Heimerziehung
Alumnat
Liste von Internaten in Deutschland
Literatur
Arbeitsgemeinschaft Freier Schulen (Hrsg.): Handbuch Freie Schulen. Reinbek, Rowohlt 1993. ISBN 3-499-16347-0.
Arbeitsgemeinschaft Freier Schulen (Hrsg.): Handbuch deutscher Internate. Neuwied, Luchterhand 2002. ISBN 3-472-03906-X.
Helga Dannbeck: Internatserziehung – Chancen und Risiken (PDF-Datei; 194 kB). In: FORUM Schulstiftung. Zeitschrift für die katholischen freien Schulen der Erzdiözese Freiburg. 14. Jg. 2004. Nr. 41. S. 56–64.
Jonathan Gathorne-Hardy: The Public School Phenomenon 597 — 1977. Hodder and Stoughton, London 1977. ISBN 0-14-004949-5.
Gernot Gonschorek: Erziehung und Sozialisation im Internat. Minerva, München 1979, ISBN 3-597-10163-1.
Christopher Haep (Hrsg.): Grundfragen der Internatspädagogik. Theorie und Praxis. Königshausen & Neumann, Würzburg 2015. ISBN 978-3-8260-5627-7. Inhaltsverzeichnis.
Klaus Johann: Grenze und Halt. Der Einzelne im „Haus der Regeln“. Zur deutschsprachigen Internatsliteratur. Winter, Heidelberg 2003. ISBN 3-8253-1599-1. (= Beiträge zur neueren Literaturgeschichte. 201.) Inhaltsverzeichnis (PDF-Datei; 112 kB), Rezension.
Herbert Kalthoff: Wohlerzogenheit. Eine Ethnographie deutscher Internatsschulen. Campus, Frankfurt 1997. ISBN 3-593-35716-X.
Manfred Klemann u. Silke Mäder: Der große Internate-Führer. Das Internate-Handbuch für Eltern und Schüler. Unterwegs, Singen 2006. ISBN 3-86112-149-2.
Volker Ladenthin, Herbert Fitzek, Michael Ley, VKIT (Hrsg.): Das Internat. Ein Handbuch. Ergon, Würzburg 2009. ISBN 978-3-89913-666-1.
Michael Ley u. Herbert Fitzek: Alltag im Wunschformat. Über Internatserziehung im Blick der Eltern. In: Michael Ley u. Herbert Fitzek (Hrsg.): Alltag im Aufbruch. Ein psychologisches Profil der Gegenwartskultur. Giessen, Psychosozial 2003. ISBN 3-89806-287-2. (= Zwischenschritte. 21. Jg. 2003.) S. 131–147. Auch als PDF-Datei (164 kB) im Internet.
Hans-Joachim Winkens: Hilfe für Problemkinder. Chance und Herausforderung für kirchliche Internate. 2. Aufl., Herder, Freiburg 1992. ISBN 3-451-22049-0.
Hans-Joachim Winkens: Aspekte der Ganztagsbetreuung im katholischen Internat oder Tagesinternat. In Ordenskorrespondenz. 33. Jg. 1992. Heft 3. S. 312–316.
Hans-Joachim Winkens: Erziehung unterstützen. Katholische Internate. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 26. Mai 1999. Nr. 119. S. B5.
Weblinks
, Die Welt World’s Luxury Guide, 7. Oktober 2012
Internat-Verzeichnis (Bildungsweb)
„Zwischen Idylle und Grauen“, Artikel von Klaus Johann zur Internatsliteratur auf Zeit Online
Einzelnachweise
Schultyp
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Q269770
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https://de.wikipedia.org/wiki/Namibia
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Namibia
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Namibia (amtlich Republik Namibia; deutsche Aussprache []; ) ist ein Staat im südlichen Afrika zwischen Angola, Botswana, Sambia, Südafrika und dem Atlantischen Ozean. Ein Vierländereck im Nordosten wird knapp verfehlt, da die Grenze zu Simbabwe etwa 40 Meter entfernt liegt.
Die Hauptstadt und größte Stadt Namibias ist Windhoek. Das Land ist seit 1990 (Resolution 652) Mitglied der Vereinten Nationen (UNO), der Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrika (SADC), der Zollunion des Südlichen Afrika (SACU) sowie der Afrikanischen Union (AU) und des Commonwealth of Nations.
Die trockene Landschaft war ursprünglich von den Völkern der San („Buschleute“) und der Damara besiedelt. Etwa seit dem 14. Jahrhundert wanderten Bantu im Zuge der Bantu-Migration in das Land ein. Das Gebiet des heutigen Namibia wurde im Jahre 1884 ein Schutzgebiet des Deutschen Reiches und blieb bis zum Ende des Ersten Weltkrieges eine deutsche Kolonie mit dem Namen Deutsch-Südwestafrika. In den Jahren 1904 bis 1908 schlug die deutsche Kolonialmacht den Aufstand der Herero und Nama gewaltsam nieder und verübte dabei einen Völkermord. 1920 stellte der Völkerbund das weiterhin als Südwestafrika bezeichnete Gebiet unter Mandatsverwaltung von Südafrika – faktisch als südafrikanische Fremdverwaltung –, die eine eigene Rechtsordnung nach sich zog und während der Apartheid zu einer tiefgehenden Integration in die Hoheitsgewalt des Staates Südafrika führte.
Namibia erlangte im Zuge des Namibischen Befreiungskampfes am 21. März 1990 – mit Ausnahme von Walvis Bay und den Penguin Islands, die bis 1994 unter südafrikanischer Kontrolle standen – die Unabhängigkeit von Südafrika. Der 21. März ist seitdem Nationalfeiertag des Landes.
Namibia ist aufgrund des großen Flächenanteils der Namib das, nach der Mongolei, am zweitdünnsten besiedelte Land der Welt. Das Land hat etwa 2,3 Millionen Einwohner. 18 Prozent der Bevölkerung leben unter der namibischen Armutsgrenze (Stand November 2016), gegenüber 28,7 Prozent 2009. Namibia hat eine stabile parlamentarische Demokratie. Die namibische Wirtschaft ist stark durch die Bereiche Landwirtschaft, Tourismus und Bergbau (Uran, Gold, Silber und unedle Metalle) geprägt.
Geographie
Namibia liegt zwischen 17,87° und 29,98° südlicher Breite sowie 12° und 25° östlicher Länge in den Tropen und Subtropen.
Namibia wird im Osten nach Botswana hin von der Kalahari, im Süden nach Südafrika hin vom Oranje – auch Orange River genannt –, im Westen vom Südatlantik und im Norden nach Angola hin vom Kunene und dem Okavango begrenzt. Im Nordosten erstreckt sich zudem ein etwa 450 km langer und bis zu 50 km breiter Landfinger zwischen den nördlich angrenzenden Ländern Angola und Sambia und dem südlich angrenzenden Botswana – der Caprivizipfel, welcher im östlichen Bereich vom Sambesi und vom Unterlauf des Kwando begrenzt wird.
Neben den genannten Grenzflüssen gibt es noch zahlreiche weitere Flüsse, von denen aber kein einziger mit Sicherheit ganzjährig Wasser führt. Außerhalb der Regenzeit finden sich nur ausgetrocknete Flussbetten (Riviere).
Das gesamte Staatsgebiet Namibias umfasst etwa 824.292 Quadratkilometer. Namibia ist landschaftlich im Wesentlichen durch zwei Wüsten geprägt, im Westen durch die von der südafrikanischen Provinz Nordkap bis weit nach Angola hineinreichende Namib und im Osten durch die Kalahari. Zwischen beiden Wüsten liegt das durchschnittlich 1700 Meter hohe, um die Hauptstadt Windhoek herum auch die 2000-Meter-Marke überschreitende Binnenhochland. Einer der markantesten Berge ist der Etjo, höchster Berg jedoch ist der rund 2600 Meter hohe Königstein im Brandbergmassiv, nahe der Küste, etwa 200 Kilometer nördlich der Küstenstadt Swakopmund. Im Osten geht das Binnenhochland allmählich in das rund 1200 Meter hoch gelegene, von Trockenvegetation bedeckte Kalahari-Hochland über.
Geologie
Das Gebiet des heutigen Namibia gilt als einer der ältesten Teile der Erdkruste. Schon lange vor der Entstehung des Superkontinentes Gondwana bildeten sich vor mehr als zwei Milliarden Jahren im Gebiet des heutigen Afrika zwei Schelfe: der Kongo-Kraton und der Kalahari-Kraton. Letzterer umfasst große Teile des heutigen Namibia. Durch verschiedene tektonische Vorgänge entstand dann vor etwa 550 Millionen Jahren ein riesiges, zusammenhängendes Festlandgebiet, das die heutigen (Teil-)Kontinente Afrika, Südamerika, Australien, Indien und die Antarktis umfasste: Gondwana.
Vor etwa 150 Millionen Jahren begann dieser Superkontinent allmählich in die heute bekannten Kontinente zu zerbrechen und auseinanderzudriften. Die besonderen, über Jahrmillionen andauernden klimatischen Verhältnisse in Südwestafrika führten dazu, dass viele geologische Strukturen, Vorgänge und Erscheinungen besonders gut erhalten und deshalb auch heute noch zu beobachten sind. Dazu gehört letztlich auch die Namib, die damit als älteste Wüste der Welt gelten darf.
Klima
Das durchschnittliche Klima Namibias ist heiß und trocken. Das weitestgehend aride Klima ist subtropisch kontinental. Dabei gibt es große Unterschiede zwischen den einzelnen Landesteilen:
In der Namib westlich der Abbruchstufe sind Niederschläge äußerst selten. Es weht das ganze Jahr über ein warmer, kräftiger Wind. Sogar im Winter erreichen die Temperaturen oft 25 °C und mehr. In den heißesten Sommermonaten Dezember und Januar liegen die Temperaturen meist deutlich über 30 °C, während sie in den kältesten Monaten, Juli und August, nachts bis zum Gefrierpunkt sinken können, tagsüber dann aber wieder auf rund 25 °C steigen. Morgens und abends ist besonders im Winter mit Temperatursprüngen von mehr als 20 °C innerhalb weniger Stunden zu rechnen. Im Binnenhochland kann es wegen der großen Höhe nachts sogar Frost und in ganz seltenen Jahren auch Schneefälle geben. Tagsüber ist es dort nicht ganz so heiß wie in der Wüste. In der Kalahari verhält es sich ähnlich wie in der Namib. Die Niederschläge sind etwas häufiger, aber immer noch wüstentypisch selten.
Das Gebiet zwischen Namib und Atlantik gehört weltweit zu den Regionen mit dem besten Klima für astronomische Beobachtungen. Die dort errichteten Astrocamps werden deshalb von vielen Sternfreunden insbesondere für Zwecke der Himmelsfotografie aufgesucht.
Das Klima der Atlantikküste wiederum wird durch den kalten Benguelastrom bestimmt. Dieser kühlt den vorherrschenden Südwestwind stark ab, was infolge von Kondensation die Bildung von (Regen-)Wolken verhindert und regelmäßig einen dichten anhaltenden Nebel in Bodennähe erzeugt. Im Sommer ist es hier angenehm kühl und in den Wintermonaten mitunter auch tagsüber empfindlich kalt. Die Wassertemperatur erreicht selten mehr als 15 °C.
Der Caprivi-Streifen hingegen ist geprägt von meist sicheren Niederschlägen in der Regenzeit. Diese haben ein ausgedehntes Flusssystem und einen subtropischen Savannenwald entstehen lassen. Die Luftfeuchtigkeit ist hier, im Gegensatz zu den anderen Landesteilen, relativ hoch.
Im zentralen Hochland, das den größten Teil Namibias einnimmt, herrscht Sommerregen vor, das heißt mit zwar unregelmäßigen, aber gelegentlich sehr heftigen Regenfällen zwischen November und April ist zu rechnen; der äußerste Süden dagegen liegt im Winterregengebiet, so dass – wenn überhaupt – Regenfälle vor allem in den Monaten Juni und Juli auftreten. Bei aller Unregelmäßigkeit der Regenfälle hinsichtlich Häufigkeit und Ergiebigkeit nehmen diese ausgehend vom Süden mit unter 50 mm pro Jahr in Richtung Nordosten mit bis zu 600 mm pro Jahr deutlich zu, was allerdings regionale Trockenperioden von mehreren Jahren nicht ausschließt.
Aufgrund der besonderen klimatischen Verhältnisse ist eine landwirtschaftliche Nutzung des Landes nur in beschränktem Maße möglich: im Hochland vor allem Viehzucht (im Norden eher Rinder, im Süden eher Schafe und Ziegen), im relativ regenreichen Norden auch Ackerbau. Eine Besonderheit der Namib sind die Dünen im Gebiet von Sossusvlei. Die Sterndünen gehören mit weit über 400 Metern Höhe zu den höchsten der Welt. Der Reiz dieser Dünenlandschaft liegt aber nicht allein in ihrer Höhe, sondern vor allem in ihrem vom Feuchtigkeitsgehalt und vom Sonnenstand abhängigen Farbenspiel.
Flora und Fauna
Endemiten der Namib
In der Wüste Namib sind einige endemische Pflanzen und Tiere heimisch. Die bekannteste Pflanze der Namib ist die Welwitschie, welche auch auf dem Wappen Namibias abgebildet ist. Auch die !Nara, sowie die Pflanzenarten Namibia cinerea und Namibia pomanae der Gattung Namibia sind endemisch.
Endemische Insektenarten der Namib sind Acanthoplus discoidalis, eine auch in der Kalahari vorkommende Langfühlerschrecke aus der Familie der Laubheuschrecken, der Nebeltrinker-Käfer und der Weiße Wüstenkäfer (beide aus der Familie der Schwarzkäfer).
Endemische Spinnentierarten der Namib sind Leucorchestris arenicola, aus der Familie der Riesenkrabbenspinnen (Ausgewachsene Tiere erreichen einen Durchmesser von etwa 10 cm und wiegen etwa 5 g.) und die Afrikanische Radspinne. Parabuthus villosus ist ein in Südafrika und Namibia beheimateter, sehr giftiger Skorpion, den es in verschiedenen Farbvariationen gibt. Er ist einer der größten Vertreter der Gattung Parabuthus sowie auch der über 900 Arten umfassenden Familie der Buthidae.
In der Namib leben zudem die endemischen Reptilien und Amphibien Namibgecko, Zwergpuffotter, Wüstenregenfrosch, Wüstengoldmull und das Namaqua-Chamäleon.
Auch sind in der Namib verwilderte Hauspferde zuhause, welche im Zuge der Kolonialzeit ins Land kamen.
Baumarten
Bei Keetmanshoop gibt es einen Köcherbaumwald, bestehend aus den endemischen Köcherbäumen.
Weitere verbreitete Baumarten in Namibia sind der Affenbrotbaum (Baobab), der Kameldornbaum, die Mopane, der Marulabaum und die Makalani Palme.
Im Deadvlei stehen abgestorbene Kameldornbäume.
Fauna und Pilze
In Namibia sind viele Skorpionarten der Gattung Opistophthalmus heimisch und zum Teil endemisch, ebenso der monotypische Karasbergia methueni.
Termitenpilze sind im Norden des Landes verbreitet, der Kalaharitrüffel überwiegend in der Kalahari.
Auf den Pinguin Islands brüten Brillenpinguine, zudem gibt es an den Küsten Flamingos und Seebären. Blutschnabelweber und Kapstelzen sind im ganzen Land verbreitet.
Im Landesinneren, wie dem Etosha-Nationalpark, gibt es eine Vielzahl an Wildtieren. Unter anderem Spießbock, Warzenschweine, Kuhantilopen, Bergzebras und Strauße.
Bevölkerung
Demographie
Namibia ist extrem dünn besiedelt. Nach der Mongolei gilt Namibia als der am dünnsten besiedelte unabhängige Staat der Erde. Die Bevölkerung ist konzentriert auf wenige Städte und den fruchtbaren Norden des Landes. Rund 44 Prozent der Bevölkerung leben in den Regionen Omusati, Oshana, Ohangwena und Oshikoto. Ein Drittel lebt in Zentralnamibia, wo allein in Windhoek mehr als 300.000 Menschen ihren Wohnsitz haben. Im Süden des Landes leben lediglich sieben Prozent der Einwohner; der Westen und die Namib mit Ausnahme der Hafenstädte sind nahezu menschenleer. Etwa 57 Prozent der Bevölkerung leben in ländlichen Gebieten.
Die Zahl der Bürgerkriegsflüchtlinge aus Angola erreichte 2001 mit etwa 32.000 einen Höhepunkt; viele wurden nach Ende des Bürgerkriegs repatriiert. Doch ist die Grenze insbesondere bei Oshikango relativ durchlässig, so dass sie pro Jahr in beiden Richtungen von einigen 10.000 Menschen überquert wird, von denen ein Teil länger oder dauerhaft in Namibia bleibt. Die Wanderung in der entgegengesetzten Richtung ist geringer.
Bevölkerungsentwicklung
Insgesamt hat Namibia (Stand 2016) etwa 2,32 Millionen Einwohner, mit wachsender Tendenz (1991: etwa 1,4 Millionen Einwohner). In den Jahren zwischen 1970 und 1990 hat sich die Einwohnerzahl mehr als verdoppelt, in den folgenden zehn Jahren hat sie um etwa 30 Prozent zugenommen. In der Dekade 2001 bis 2011 nahm sie um nur noch 15 Prozent zu.
Stadtentwicklung
Quelle: Volkszählung in Namibia 2011; die Volkszählung 2021 wurde auf unbestimmte Zeit verschoben
Gesundheit
Eine namibische Frau bringt in ihrem Leben durchschnittlich 3,34 Kinder zur Welt. Mitte der 1970er Jahre betrug der Wert noch über 6,5 Kinder pro Frau. Das derzeitige jährliche Bevölkerungswachstum liegt bei etwa 1,9 Prozent.
Etwa 11,8 Prozent der Bevölkerung zwischen 15 und 64 Jahren waren 2019 mit HIV/AIDS infiziert. Anfang der 2000er Jahre lag die HIV-Rate bei etwa 20 Prozent. 2015 wurden 4,1 % der Neugeborenen durch ihre Mutter mit dem Virus angesteckt; 13 Jahre zuvor waren es noch ein Drittel. Am schwersten ist die Region Sambesi mit 22,3 %, am wenigsten Kunene mit 7,6 % betroffen. Seit Nachweis des ersten HIV-Falls in Namibia 1986 wurden mehr als 240.000 Fälle nachgewiesen. Zwischen 1990 und 2021 starben daran mehr als 119.000 Menschen im Land.
Dadurch war die durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt deutlich gefallen. Sie lag 1990 bei etwa 62 Jahren und im Jahr 2005 nur noch bei 52 Jahren. Im Zeitraum von 2010 bis 2015 betrug sie dank der Fortschritte im Kampf gegen die AIDS-Epidemie wieder 61,8 Jahre. Bis 2019 ist sie weiter auf 63,7 Jahren gestiegen.
Namibia hat eines der besten medizinischen Systeme des afrikanischen Kontinents. 2018 gab es in Namibia 59 Ärzte pro 100.000 Einwohner und damit eines der besten Arzt-Einwohner-Verhältnisse Afrikas. Die Ausgaben für das Gesundheitswesen lagen laut WHO 2018 bei 8 % des BIP.
Volksgruppen
Indigene Völker in Namibia:
San
Ovahimba
Ovatjimba
Ovatue (Ovatwa)
Ovazemba
Nama
Weitere Ethnien in Namibia:
Owambo (größte Volksgruppe)
Herero
Damara
Kavango
Lozi
Subia
Tswana
Rehoboth Basters
Deutschnamibier
Sprachen
Die heutigen Namibier sind unterschiedlicher Herkunft, größtenteils von verwandten Völkern, die sich in mehreren Wanderungsbewegungen zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert auf dem Gebiet Namibias niederließen. Die Vielfältigkeit der Bevölkerung spiegelt sich in den gesprochenen Sprachen wider. Mit den Bantusprachen, den Khoisan-Sprachen und den indogermanischen Sprachen Afrikaans, Englisch und Deutsch sind drei große Sprachgruppen mit insgesamt mehr als 30 Einzelsprachen und Dialekten in Namibia vertreten.
Die verbreitetsten in Namibia gesprochenen Bantu-Sprachen sind Oshivambo, Otjiherero, RuKwangali, SiLozi und Setswana. Zu den Khoisan-Sprachen zählen Khoekhoegowab und die Sprachen der San (Haiǁom, Naro, ǃXóõ und !Kung). Die von den Europäern eingeführten indogermanischen Sprachen werden von einem kleinen Bevölkerungsteil als Muttersprache gesprochen, sind aber besonders unter Farmarbeitern und anderssprachigen Weißen weiterhin sehr verbreitete Verkehrssprachen.
48,9 % der namibischen Bevölkerung (Zensus 2011) gaben an, Oshivambo als Muttersprache zu sprechen, 11,3 % Khoekhoegowab, 10,4 % Afrikaans, 8,6 % Otjiherero und 8,5 % Kavango-Sprachen. Ein großer Teil der Bevölkerung spricht Afrikaans als Zweitsprache. Von der weißen Bevölkerung sprechen 60 % Afrikaans, 32 % Deutsch und 7 % Englisch.
Von 1884 bis 1915 war Deutsch Amtssprache in Deutsch-Südwestafrika, von 1916 bis 1920 geduldete Umgangssprache. Von 1920 an waren in Südwestafrika Englisch und Afrikaans alleinige Amtssprachen. Von 1984 bis zur Unabhängigkeit des Landes von Südafrika 1990 waren de jure Afrikaans, Deutsch und Englisch gleichberechtigte Amtssprachen. Um endgültig mit der Apartheid und Fremdherrschaft abzuschließen und um keine Bevölkerungsgruppe zu bevorteilen, wurde die als „neutral“ betrachtete Sprache Englisch zur alleinigen Amtssprache erhoben. Neben der Amtssprache Englisch genießen jedoch weitere Sprachen als sogenannte Nationalsprachen eine bevorzugte Stellung.
Deutsch ist die Muttersprache von 0,9 % (etwa 20.000) der Bevölkerung und Zweitsprache eines Großteils der weißen Einwohner sowie eines kleinen Teils der schwarzen Bevölkerung (etwa 80.000). Im täglichen Leben ist Deutsch eine wichtige Verkehrssprache vor allem in der Wirtschaft und im Tourismus.
Obwohl Englisch nur von 3,4 % der Bevölkerung als Muttersprache gesprochen wird, hat sich der Anteil derer, die fließend Englisch sprechen, seit der Unabhängigkeit erheblich erhöht. Das ist vor allem auf den konsequenten Gebrauch des Englischen in Schulen, Ämtern und Medien zurückzuführen. Jedoch unterscheidet sich das in Namibia gesprochene Englisch aufgrund des geringen Anteils an Muttersprachlern durch diverse Eigenarten von den Standardvarietäten des Englischen. So ist besonders unter der schwarzafrikanischen Bevölkerung Namibias eine Pidgin-ähnliche Mischsprache entstanden, die mitunter als Namlish bezeichnet wird.
Die portugiesische Sprache, die fünfthäufigste Sprache der Welt, wird aufgrund des starken Einflusses Angolas auch in Namibia von rund 110.000 Menschen gesprochen. Das Land ist Beobachter der Gemeinschaft portugiesischsprachiger Länder.
Bildung
Der vorschulische Bildungsbereich Namibias ist zum Großteil unter privater Trägerschaft. In den Städten gibt es Kindergärten und Vorschulen, auf dem Land wird die Vorschulbildung oft informell organisiert. Auf Farmen werden wegen der großen Entfernungen zu den nächstgelegenen Ortschaften teilweise Farmschulen eingerichtet. Die Primär- und Sekundärbildung in Namibia ist kostenlos.
Der sekundäre Bildungsbereich (Schulen, Berufsschulen und Gymnasien) wird vom Bildungsministerium geleitet. Ein umfassendes System von Berufsschulen gibt es in Namibia noch nicht. Für einzelne handwerkliche Berufe (Maurer, Klempner, Automechaniker, Schneider) gibt es Berufsschulzentren (Vocational Training Centers, VTC), vereinzelt bietet auch die Namibia University of Science and Technology berufsschulähnliche Ausbildungsrichtungen an (zum Beispiel Hotelier, Landvermesser, Buchhalter). Die meisten Berufe werden jedoch informell durch Anlernen gelehrt, ohne Lehrplan, Noten und offiziellen Abschluss.
Für Jugendliche mit Behinderung gibt es in Windhoek zwei staatlich geförderte Bildungseinrichtungen, die Dagbreek School für geistig Behinderte und den Ehafo Trust, eine berufsbildende Einrichtung für Menschen mit Behinderungen aller Art.
Der tertiäre Bildungsbereich wird von den drei tertiären Bildungseinrichtungen dominiert, der Universität von Namibia (UNAM), der Namibia University of Science and Technology (NUST) und der International University of Management. Das Studium ist kostenpflichtig, für begabte Studenten werden von privater und öffentlicher Hand Stipendien gewährt.
In Namibia stieg die mittlere Schulbesuchsdauer Überfünfundzwanzigjähriger von 5,6 Jahren im Jahr 1990 auf 7 Jahre im Jahr 2018 an. Sie ist damit eine der längsten in Afrika. Die Bildungspflicht in Namibia beträgt 7 Jahre. Die erwartete Schulbesuchsdauer der jungen Generation beträgt 12,6 Jahre.
Die Alphabetisierungsrate betrug 2018 91,5 % der erwachsenen Bevölkerung. Namibia war eines der wenigen Länder in Afrika, in denen die Rate bei Frauen höher als bei Männern war. Die Ausgaben für das Bildungswesen lagen 2018 bei 3,1 % des BIP.
Religionen
Infolge der Missionierung während der Kolonialzeit sind rund 87 Prozent der Namibier Christen, womit das Land deutlich über dem afrikanischen Durchschnitt liegt. Von ihnen sind 50 Prozent Lutheraner, 20 Prozent Katholiken, 5 Prozent Mitglieder der Niederländischen Reformierten Kirche und 5 Prozent Anglikaner. Die restlichen Christen verteilen sich auf andere kleinere Kirchen wie beispielsweise Baptisten, Adventisten, neuapostolische Christen und die aus den USA stammende African Methodist Episcopal Church.
Die restlichen 13 Prozent der Einwohner, insbesondere San, Himba und Caprivianer, sind Anhänger traditioneller Religionen. Der Islam spielt in Namibia eine untergeordnete Rolle, die Anzahl der Muslime in Namibia wird auf wenige Tausend geschätzt. Der größte muslimische Sakralbau des Landes ist die Quba-Moschee in der Hauptstadt. Nur etwa sieben Familien (Stand November 2015) im ganzen Land folgen dem Judentum; die Synagoge Windhoek ist die einzige aktive im ganzen Land.
Landesname
Der Name des Staates leitet sich von der Wüste Namib ab, die den gesamten Küstenraum des Landes einnimmt. Er wurde bei der Unabhängigkeit als neutrale Bezeichnung gewählt, um keines der vielen namibischen Völker zu benachteiligen. Als Schöpfer des Namens Namibia gilt Mburumba Kerina.
Am 12. Juni 1968 wurde der Name Namibia von der Generalversammlung der Vereinten Nationen anerkannt.
Geschichte
Die trockenen Landstriche Südwestafrikas sind schon seit vielen Tausend Jahren Lebensraum und Heimat für die Völker der San und Damara. Portugiesische Seefahrer entdeckten das Land erstmals im 15. Jahrhundert für Europa. Eine nennenswerte Besiedelung blieb jedoch wegen der unwirtlichen Verhältnisse in den Küstenregionen lange Zeit aus. Im Zuge zahlreicher afrikanischer Völkerwanderungen drangen, im 17. Jahrhundert beginnend, Herero-, Nama-, Orlam- und Ovambo-Stämme ins Land ein. Erst im 19. Jahrhundert setzte eine starke Zuwanderung europäischer Siedler ein. Diese stammten vorwiegend aus Portugal, England und dem deutschen Sprachraum.
Bis 1884/85 kam das Land mit Ausnahme der Walvis Bay, welche unter britischem Einfluss blieb, unter die Herrschaft des Deutschen Reiches und wurde zur Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Im Mai 1885 trafen die ersten deutschen Beamten ein, unter ihnen Reichskommissar Heinrich Ernst Göring. Er schloss mit Hilfe von ansässigen Missionaren mit den Herero ein Schutzbündnis. Den Herero wurde Schutz vor den Nama unter Hendrik Witbooi versprochen; im Gegenzug mussten sie sich verpflichten, den Deutschen Handelsfreiheit zu gewähren und ohne deutsche Zustimmung kein Land zu verkaufen. Als sich zeigte, dass die deutsche Verwaltung zu einem solchen Schutz nicht in der Lage war, kündigten die Herero das Abkommen und vertrieben die Beamten unter Göring. In Folge wurden etwa 20 Soldaten unter Curt von François entsandt, was kaum mehr als eine symbolische Präsenz darstellte. Curt von François ging mit diesen Soldaten mit rücksichtsloser Strenge gegen die Herero vor und brachte diese so innerhalb kürzester Zeit gegen sich auf. In der Folge mussten die „Schutztruppen“ laufend verstärkt werden.
1894 setzte der deutsche Reichstag Curt von François ab und ernannte Theodor Leutwein zum Gouverneur von Deutsch-Südwestafrika. Leutwein hatte nur ein sehr beschränktes militärisches Budget und versuchte deshalb, die deutsche Herrschaft möglichst kostengünstig und mit wenig Einsatz eigener militärischer Mittel zu festigen, indem er verschiedene einheimische Führer zur Zusammenarbeit bewog. 1897 dezimierte eine Rinderpest die großen Viehbestände der Herero. Die weißen Siedler waren viel weniger betroffen, weil sie ihr Vieh impfen konnten. Die Herero verloren mit den Viehherden die Grundlagen ihrer autonomen und autarken Lebensweise und mussten zunehmend bei den Weißen in Lohnarbeit treten.
Ziel vieler weißer Siedler war, den Hererohäuptlingen Land abzukaufen. Sie verkauften deshalb den Herero oft über mehrere Jahre auf Kredit europäische Konsumgüter. Viel später präsentierten sie dann die Rechnungen und trieben die Schulden ein, die mit Vieh und Land bezahlt werden mussten. Es kam auch vor, dass Händler Waren, an denen die Herero kein Interesse hatten, einfach in den Dörfern von den Wagen warfen und später auf Bezahlung pochten. Diese Vorgehensweisen führten zu Konflikten zwischen den Vertretern der deutschen Kolonialherrschaft und den Völkern der Kolonie. So kam es zwischen 1904 und 1908 zum Aufstand der Herero und Nama und zur Vernichtung zehntausender Herero und Nama.
Im Ersten Weltkrieg wurde das Land von den britischen Truppen Südafrikas eingenommen und mit dem Ende des Krieges vom Völkerbund 1920 als Mandatsgebiet der Südafrikanischen Union zur Verwaltung übergeben. Diese hielt das Land bis zu seiner Unabhängigkeit am 21. März 1990 trotz intensiver internationaler Bemühungen und eines zwei Jahrzehnte andauernden bewaffneten Kampfes gegen die 1960 gegründete Südwestafrikanische Volksorganisation (SWAPO) besetzt.
Entdeckung und Besiedelung
Das Gebiet des heutigen Namibia wurde zuerst vermutlich vor 2000 (bis 2500) Jahren von den aus Zentral- oder sogar Nordafrika zugewanderten San besiedelt. Es sind zwar in Namibia Felsgravuren gefunden worden, die auf eine deutlich ältere Besiedlung als 2000 Jahre hinweisen, die Felsmalereien in Twyfelfontein sind vermutlich über 10.000 Jahre alt, jedoch können sie nicht mit der erforderlichen Sicherheit den San zugeordnet werden. Deren eindeutig zuzuordnenden Felsmalereien sind zum Teil deutlich über 1000 Jahre alt und wurden erst im 19./20. Jahrhundert gänzlich eingestellt.
Im Zuge der afrikanischen Nord-Süd-Völkerwanderung drangen zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert aus dem Betschuanaland (heutiges Botswana) zunächst die zu den Bantustämmen gehörenden viehzüchtenden Herero, im 19. Jahrhundert dann aus der Kapprovinz die Nama und sodann aus gleicher Richtung die Afrikaner nach Namibia ein. Sie alle führten einen Vernichtungsfeldzug gegen die San und drängten diese in Richtung Osten in die Kalahari ab, wo sie auf eine Wildbeuterwirtschaft reduziert wurden. Dort leben die San auch heute noch – von den Regierungen Südafrikas, Botswanas und Namibias mehr geduldet als willkommen, da sie sich bislang hartnäckig allen „Zivilisierungsbemühungen“ widersetzen.
Die Besiedelung durch deutsche Einwanderer begann gute hundert bis hundertfünfzig Jahre nach den ersten Einwanderern der heute dort lebenden schwarzen Stämme und zweihundert Jahre nach der Besiedlung durch Niederländer, den sogenannten Buren oder Afrikaanern, am Kap und Umgebung und der Gründung Kapstadts 1652, beziehungsweise fast 400 Jahre nach der Entdeckung durch die Portugiesen (Bartolomeu Diaz, 1488) und der späteren Gründung einer Kolonie. Letztere hielt sich aber wegen zunehmender Schwierigkeiten mit den Khoi Khoi nicht und wurde nach einer Strafexpedition des portugiesischen Vizekönigs, die samt seiner Person nie zurückkehrte, aufgegeben und später von den Niederländern abgelöst.
Deutsche Kolonialzeit bis 1915
Nachdem es dem deutschen Kaufmann Franz Adolf Eduard Lüderitz gelungen war, durch Verträge mit einheimischen Stammesführern weite Landstriche zu erwerben („Lüderitzbucht“), wurde das Land vom Oranje bis zum Kunene 1884 zum „Schutzgebiet“ Deutsch-Südwestafrika und sodann zur deutschen Kolonie erklärt. Die Nachricht von sagenhaften Diamantenfunden löste geradezu eine „Goldgräberstimmung“ im kaiserlichen Deutschen Reich aus. In der Lüderitzbucht konnte man die Klippekies, wie die Diamanten bezeichnet wurden, im Sand des Strandes und im Hinterland in den Dünen der Wüste auflesen. Im Zuge dessen wurde zehn Kilometer von Lüderitz entfernt im Landesinnern die Diamantenschürferstadt Kolmannskuppe gegründet. Der davon ausgelöste Zuzug von Händlern und Farmern sowie deren Landnahme stießen auf zunehmenden Widerstand der einheimischen Herero und Nama. Das rüde Vorgehen der Siedler stieß besonders bei den Herero auf Widerstand.
Die sich Ende des 19. Jahrhunderts dramatisch verschlechternde wirtschaftliche Situation der Herero zwang sie zu weiteren Landverkäufen und schließlich zur Lohnarbeit bei deutschen Siedlern. Anhaltende Konflikte zwischen den Siedlern und der einheimischen Bevölkerung konnten durch den Kapitän der Herero Samuel Maharero und den Gouverneur Deutsch-Südafrikas Theodor Leutwein nicht gelöst werden. Es kam in der Folge zu einem deutschen Kolonialkrieg gegen die Herero und Nama, der von 1904 bis 1908 dauerte und sich zu einem Vernichtungskrieg auswuchs, der schätzungsweise 60.000 bis 70.000 Männer, Frauen und Kinder das Leben kostete.
Der Hererokrieg
Im Januar 1904 erfolgte ein durch Samuel Maharero geleiteter Aufstand der Herero und Nama. Mit insgesamt etwa 15.000 Mann unter Generalleutnant Lothar von Trotha wurde der Aufstand der Herero bis zum August 1904 in der Schlacht am Waterberg niedergeworfen. Der größte Teil der Herero floh daraufhin in die fast wasserlose Omaheke. Von Trotha ließ diese abriegeln und die Flüchtlinge von den wenigen dort vorhandenen Wasserstellen verjagen, so dass tausende Herero mitsamt ihren Familien und Rinderherden verdursteten. Den so in die Wüste Gejagten ließ von Trotha im sogenannten Vernichtungsbefehl mitteilen: „Die Herero sind nicht mehr deutsche Untertanen. […] Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und keine Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auch auf sie schießen. […] und das Schießen auf Weiber und Kinder so zu verstehen ist, dass über sie hinweggeschossen wird, um sie zum Laufen zu zwingen. Ich nehme mit Bestimmtheit an, dass dieser Erlass dazu führen wird, keine männlichen Gefangenen mehr zu machen, aber nicht zu Grausamkeiten gegen Weiber und Kinder ausartet.“ Die Überlebenden wurden enteignet, in Konzentrationslager gesperrt und zu Zwangsarbeit gezwungen. Die Misshandlungen, unzureichende Ernährung und die schlechten hygienischen Bedingungen in diesen Lagern haben in dieser zweiten Phase des Völkermordes an den Herero zum Tod der Hälfte aller Gefangenen geführt.
Der Nama-Aufstand
Im Anschluss an den Hererokrieg erhoben sich im Oktober 1904 im Süden des Landes die Witbooi – ein Orlam-Stamm, der während des Hererokrieges noch auf deutscher Seite gekämpft hatte. Diesem Aufstand schlossen sich die Fransman-Nama an; nach der Kapitulation der Witbooi 1905 führten die Nama den Guerillakampf unter Simon Kooper und Jakobus Morenga bis 1908 weiter, was diesem Aufstand den Namen Namaaufstand gab.
Erster Weltkrieg
Die Nachricht über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges erreichte Deutsch-Südwestafrika am 2. August über die Funkstrecke Nauen – Kamina und die sich noch im Bau befindende Großfunkstation in Windhoek. Nach Bekanntwerden des Kriegsausbruchs befahl Gouverneur Theodor Seitz am 7. August 1914 die allgemeine Mobilmachung der Truppe. Es kam zu diversen Gefechten mit den Unionstruppen Südafrikas, aber auch zu Auseinandersetzungen mit den Portugiesen in Angola. Einige Burenverbände aus Südafrika, die gegen ihre Regierung gekämpft hatten, wurden zum Teil zerschlagen und zogen sich über den Oranje zurück, um sich den deutschen Truppen anzuschließen. Zu Beginn des Krieges gelang es deutschen Truppen, den Südafrikanern schwere Verluste beizufügen, doch sie verloren an Boden und mussten schließlich aufgeben.
Am 9. Juli 1915 unterzeichneten der Kommandeur der Schutztruppe, Oberstleutnant Franke, sowie der kaiserliche Gouverneur Seitz und der Generaloberkommandeur der Südafrikanischen Union Louis Botha einen Waffenstillstandsvertrag, der einer Kapitulation gleichkam.
Südafrikanische Verwaltung
Deutsch-Südwestafrika wurde während des Ersten Weltkrieges von Südafrika besetzt und durch Beschluss des Völkerbundes 1920 der Südafrikanischen Union als Mandatsgebiet zugeteilt. Der südafrikanischen Verwaltung gelang es in den Folgejahren, den ehemals starken deutschen Einfluss nachhaltig zu reduzieren und Namibia zu „südafrikanisieren“ – einschließlich der Ausdehnung der Apartheidspolitik auf das Mandatsgebiet. Namibias weißen Wählerinnen und Wählern wurde von 1947 bis 1977 eine Vertretung im südafrikanischen Parlament garantiert. Südafrikas Verhalten löste nach dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche, allerdings vergebliche Versuche der UNO aus, Südafrika das ehemalige Völkerbundmandat zu entziehen; dies wurde vor der UNO-Vollversammlung gefordert, da Südafrika nicht seinen Informationspflichten über das Gebiet gegenüber dem Gremium nachkam. Erst nachdem der Internationale Gerichtshof in Den Haag 1971 die südafrikanische Verwaltung für illegal erklärt hatte, war Südafrika 1972 bereit, Südwestafrika nach einer angemessenen Übergangszeit in die Unabhängigkeit zu entlassen.
Das Verhalten Südafrikas war aber auch in Südwestafrika selbst auf zunehmenden und aus dem Kreis der internationalen Staatengemeinschaft unterstützten Widerstand gestoßen. Die Entscheidung des Internationalen Gerichtshofes verlieh diesem Widerstand die gewünschte Legitimation, was letztlich sogar dazu führte, dass die mehrheitlich von den Ovambo getragene und mit vermuteter Finanzunterstützung aus der Sowjetunion operierende Unabhängigkeitsbewegung Südwestafrikanische Volksorganisation (SWAPO) 1973 von der UNO das Alleinvertretungsrecht für Namibia zuerkannt bekam. Unter großem Druck ermöglichte Südafrika 1978 Wahlen zu einer konstituierenden Versammlung, in der Schwarzafrikanerinnen und Schwarzafrikaner ebenfalls wählen durften. Die Hauptoppositionsgruppe, die einen sehr starken Frauenflügel hatte, boykottierte die Wahlen.
Die propagandistisch vorgetragene Befürchtung der Apartheidspolitiker Südafrikas, möglicherweise einen kommunistisch regierten oder sozialistischen Nachbarstaat zu bekommen, rechtfertigte für sie einen Jahrzehnte dauernden asymmetrischen Krieg gegen in- sowie ausländische Apartheidsgegner und Befreiungsbewegungen in Namibia und Angola. Pieter Willem Botha nutzte am 6. September 1978 die krankheitsbedingte Abwesenheit von Premierminister Vorster, um als damaliger Verteidigungsminister auf dem Parteitag der Nasionale Party in Bloemfontein vor der Übernahme des Gebiets von South West Africa durch eine 7500 Mann starke UN-Einsatzgruppe und der so möglichen Etablierung der „marxistischen Feindesmacht“ durch die SWAPO, die in einen „Marxisten-Staat“ an den Grenzen zu Südafrika münden könne, zu warnen.
Der Krieg endete 1988 mit dem Waffenstillstand zwischen Südafrika und Angola und der sich daran anschließenden Vorbereitung von Wahlen in Namibia. Der größte Teil der über 60.000 Flüchtlinge, die 1963–1989 in SWAPO-Camps in Angola, Sambia und Tansania gelebt hatten, wurde nach 1990 repatriiert. Sie wurden von vielen angolanischen Bürgerkriegsflüchtlingen begleitet.
Bei den Wahlen vom 7. November 1989 galt erstmals für Frauen und Männer das allgemeine aktive und passive Wahlrecht. Damit war das Frauenwahlrecht erreicht.
Unabhängigkeit
Am 21. März 1990 erhielt Namibia, nach mehr als 100-jähriger Fremdbestimmung, seine Unabhängigkeit. Das allgemeine Wahlrecht für Erwachsene wurde Teil der Verfassung. Nach der Unabhängigkeit regierte der SWAPO-Führer Sam Nujoma als mit deutlicher Mehrheit gewählter Präsident das Land in drei Amtsperioden. Die demokratischen Oppositionsparteien, unter anderem auch die Demokratische Turnhallenallianz (DTA), blieben untereinander zerstritten. Eine weitere Amtsperiode war nach der namibischen Verfassung nicht möglich, so dass 2004 der bisherige Minister für Landfragen, Hifikepunye Pohamba – ebenfalls Ovambo und SWAPO-Mitglied – zum zweiten Präsidenten gewählt wurde. Am 21. März 2005 wurde er, im Beisein mehrerer afrikanischer Präsidenten, in Windhoek vereidigt. Nach zwei Amtsperioden Pohambas übernahm Hage Geingob das Amt des Staatspräsidenten.
Recht
Eine eigenständige namibische Rechtskultur hat sich bis heute nicht entwickelt. Aus historischen Gründen besteht das namibische Recht somit im Wesentlichen aus dem übernommenen Recht Südafrikas, d. h. dem Roman-Dutch Law als Mischsystem zwischen common law und römischem Recht.
Die Nationalversammlung ist das Legislativorgan, das heißt Gesetze können nur von ihr erlassen werden. Der Nationalrat hat lediglich eine beratende Funktion, um den Belangen der einzelnen Regionen ausreichendes Gehör zu schenken. Das höchste Gericht Namibias ist der Supreme Court, dessen Richter vom Präsidenten eingesetzt werden.
Politik
Politisches System
Namibia ist seit 1990 eine Republik mit einem semipräsidentiellen Regierungssystem. Die Abstimmung hierüber fand 1989 statt, was man auch als Beginn der Unabhängigkeit sehen kann. Staatsoberhaupt ist der Präsident, der alle fünf Jahre neu gewählt wird. Die Namibische Regierung besteht aus einem Premierminister, der zusammen mit dem Kabinett vom Präsidenten ernannt wird. Das Parlament Namibias besteht aus zwei Kammern. Die eine Kammer ist der Nationalrat mit 42 Sitzen (bis 2013 26 Sitze). Jede der 14 Verwaltungsregionen (bis 8. August 2013 13) entsendet alle fünf Jahre drei (bis August 2013 zwei) Vertreter. Die andere Kammer ist die Nationalversammlung mit 104 (bis August 2013 78) Sitzen, von denen 96 in allgemeiner Wahl gewählt und acht vom Präsidenten bestimmt werden. Die Amtszeit beträgt fünf Jahre.
Nach Sam Nujoma und Hifikepunye Pohamba ist Hage Geingob, seit 21. März 2015, der dritte Präsident Namibias.
Auf regionaler und lokaler Ebene werden den traditionellen Führern in Namibia bestimmte Rechte eingeräumt. Die namibische Verfassung war auch eine der ersten weltweit, die den Umweltschutz als ein vorrangiges Staatsziel mit aufgenommen hat, welcher seitdem durch das Ministerium für Umwelt und Tourismus koordiniert wird.
Politische Indizes
Außenpolitik
Leitlinie der Außenpolitik des Landes ist es laut Präsident Hage Geingob „keine Feinde und nur Freunde“ zu haben. Das Land versucht dabei ausgewogene diplomatische Beziehungen zu haben und fühlt sich, aufgrund seiner eigenen Geschichte, der multilateralen Zusammenarbeit verpflichtet. Wichtigster außenpolitischer Bezugspunkt ist für Namibia der große Nachbar Südafrika, der der mit Abstand wichtigste Handelspartner des Landes ist. Mit Südafrika sowie Botswana, Lesotho und Eswatini ist Namibia durch die Zollunion des Südlichen Afrika (Southern African Customs Union, SACU) verbunden. Der namibische Dollar ist im Verhältnis 1:1 an den südafrikanischen Rand gekoppelt. Das Land ist zudem Mitgliedsstaat der Afrikanischen Union, Southern African Development Community (SADC), die eine vertiefte Integration des südlichen Afrika zum Ziel haben. Neben der regionalen Zusammenarbeit sind die Mitgliedsbeziehungen im Commonwealth of Nations sowie Beziehungen zur Europäischen Union, der Volksrepublik China, den Vereinigten Staaten und Nordkorea von Bedeutung.
Deutschland pflegt aufgrund der gemeinsamen Kolonialgeschichte (1884–1915) und der daraus erwachsenden besonderen Verantwortung Deutschlands sowie der deutschsprachigen Minderheit im Land äußerst intensive Beziehungen zu Namibia. In den letzten zwei Jahrzehnten hat Deutschland in Namibia Entwicklungshilfe in Höhe von ca. 1 Mrd. Euro geleistet (höchste deutsche Leistung pro Kopf in Afrika). Das deutsch-namibische Sonderverhältnis kam zum Ausdruck in zahlreichen weiteren hochrangigen politischen Kontakten auf Regierungsebene. Dazu zählen u. a. die Besuche von Bundeskanzler Kohl (1995) und Bundespräsident Herzog (1998) in Namibia sowie die Deutschland-Besuche von Staatspräsident Nujoma (1996 und 2002) und Staatspräsident Pohamba (2005). Bundespräsident a. D. Köhler vertrat die Bundesrepublik Deutschland bei den Feierlichkeiten anlässlich des 25. Jahrestags der Unabhängigkeit Namibias und Amtseinführung des neuen Präsidenten Geingob im Jahr 2015. Jedes Jahr besuchen knapp 100.000 deutsche Touristen das Land, weshalb die Deutschen die größte außerafrikanische Touristengruppe sind und für das Land eine hohe wirtschaftliche Bedeutung einnehmen.
Verteidigung
Die Namibian Defence Force (NDF) wurde nach der Unabhängigkeit Namibias 1990 gegründet. Die Verfassung Namibias (Kapitel 15) legt die Grundzüge der NDF als „Verteidiger des Territoriums und der nationalen Interessen“ fest. Die Streitkräfte sind somit im In- und Ausland rechtlich einsetzbar. Die Hauptaufgabe ist die Sicherung der Souveränität und der territorialen Unabhängigkeit Namibias durch Schutz gegen ausländische Angreifer. Zudem kann die NDF zur Unterstützung von zivilen Aufgaben eingesetzt werden, zum Beispiel im Falle von Naturkatastrophen aber auch zum Schutz von Regierungsgebäuden.
Namibia gab 2017 knapp 3,4 Prozent seiner Wirtschaftsleistung oder 434 Millionen US-Dollar für seine Streitkräfte aus.
Verwaltungsgliederung
Namibia ist in vierzehn Regionen eingeteilt. Jede Region wird von einem Regionalrat (regional council) regiert, und je nach Größe der Region, weiter in sechs bis zwölf Wahlkreise (constituencies) unterteilt. Insgesamt gibt es 121 Wahlkreise.
Die Kommunen gliedern sich in Gemeinden (Stand Mai 2015: 17), Städte, Dörfer und Siedlungen. 2016 lebten 47,6 % der Bevölkerung in Städten oder städtischen Räumen. Windhoek, die Hauptstadt Namibias, ist die mit Abstand bevölkerungsreichste und wirtschaftlich wichtigste Stadt in Namibia. Die größten Städte sind (Stand Zensus 2011):
Windhoek: 325.858 Einwohner
Rundu: 63.431 Einwohner
Walvis Bay: 63.431 Einwohner
Swakopmund: 44.725 Einwohner
Oshakati: 36.541 Einwohner
Rehoboth: 28.843 Einwohner
Katima Mulilo: 28.362 Einwohner
Otjiwarongo: 28.249 Einwohner
Wirtschaft
Namibia besitzt eine größtenteils marktwirtschaftlich orientierte Wirtschaftsordnung. Die Hauptwirtschaftszweige sind Bergbau, Fischfang und -verarbeitung sowie Landwirtschaft und Tourismus.
Namibia ist Mitglied der Southern African Customs Union (SACU) (Namibia, Lesotho, Eswatini, Südafrika und Botswana), deren Verrechnungseinheiten faktisch auch eine Währungsunion bedingen.
Obwohl das Land zu den reicheren Staaten Afrikas zählt, ist die Arbeitslosigkeit in Namibia hoch (34,1 Prozent im Jahr 2018.) Aufgrund der niedrigen Löhne einerseits und der sehr unvollkommenen steuerlichen Erfassung des Einkommens andererseits zahlten 2007 nur knapp 134.000 Einwohner Namibias Steuern. Nach dem Gini-Koeffizienten belegt Namibia weltweit einen der letzten Plätze und weist demnach eine sehr ungleiche Einkommensverteilung auf. Korruption stellt vor allem in der öffentlichen Auftragsvergabe ein Hindernis für ausländische Investoren dar. Namibia ist 2011 der Aufstieg in die Gruppe der „upper middle income countries“ (Länder mit höherem mittleren Einkommen) der Vereinten Nationen gelungen.
Daneben spielen die Fischerei und der Tourismus eine immer größere Rolle. Dahingehend ist die verarbeitende Industrie in Namibia nur schwach ausgeprägt, so dass ein großer Teil der Konsumgüter und Maschinen eingeführt werden muss.
Im Global Competitiveness Index, der die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes misst, belegt Namibia Platz 89 von 137 Ländern (Stand 2017/18). Im Index für wirtschaftliche Freiheit belegt das Land 2017 Platz 78 von 180 Ländern.
Verteilung
Aufgrund der bewegten Geschichte Namibias ist es, neben Südafrika und Botswana, eines der Länder mit der ungerechtesten Einkommensverteilung.
Obwohl die Deutschnamibier nur 0,9 % (um die 20.000 Personen) der Gesamtbevölkerung ausmachen, tragen sie einen großen Teil zur Wirtschaft bei und besitzen große Farmen.
Landwirtschaft
Die Landwirtschaft spielt traditionell eine große Rolle. Neben Subsistenzwirtschaft exportiert Namibia auch große Mengen an Fleisch und tierischen Produkten. Die Landwirtschaft ist neben dem Staat der größte Arbeitgeber des Landes.
Für die Kultivierung sind unter anderem die Nutzpflanzen Perlhirse, Mais und der Anbau der Luzerne in der Kalahari von Bedeutung.
Bergbau und Industrie
Etwa 12 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP; Stand 2012) von Namibia wird vom Bergbau erwirtschaftet. Rohstoffe Namibias sind vor allem Uran und Diamanten, daneben werden auch große Mengen Kupfer, Gold, Blei und Zinn gefördert. Berühmt ist das Diamantensperrgebiet um Lüderitz. Die größte Uranmine der Welt ist die Rössing-Mine nordöstlich von Swakopmund. Ein bedeutendes Kupfervorkommen befindet sich bei Tsumeb, und die ehemals weltgrößte Zinnmine befand sich in Uis. 2021 wurde mit Hyphen Hydrogen Energy ein namibisches Unternehmen gegründet, das ein großes Wasserstoffprojekt in Namibia realisieren soll, um zukünftig Wasserstoff zu produzieren.
Das größte Privatunternehmen Namibias ist Ohlthaver & List, mit Sitz in der Landeshauptstadt Windhoek.
Tourismus
Die Größe des Landes, seine vielfältigen Landschaftsformen und sein Tierreichtum hatten bereits Südwest-Afrika in den 1950er Jahren zu einem interessanten Reisegebiet werden lassen – zunächst vor allem für die benachbarten südafrikanischen Touristen, die hier unberührte Natur und unendlich erscheinende Weite fanden. Zudem stand Namibia damals unter südafrikanischer Verwaltung, so dass es für die zu dieser Zeit isolierten Südafrikaner keinerlei Einreise- und Aufenthaltshürden gab.
2011 trug der Tourismus 11 % zum BIP bei und ist damit der zweitwichtigste Wirtschaftszweig des Landes. Es wurden mehr als 11 Milliarden Namibia-Dollar umgesetzt.
Sehenswürdigkeiten
Sehenswürdigkeiten sind unter anderem Sossusvlei-Deadvlei-Big Daddy Dune, der Etosha-Nationalpark, Swakopmund, Twyfelfontein, Brandberg, Waterberg, Spitzkoppe, Fingerklippe, Epupafälle, Ruacanafälle, Popafälle, die Altstadt von Windhoek und der Fish-River-Canyon.
Staatshaushalt
Der Staatshaushalt umfasst 2014/2015 Ausgaben von fast 58 Milliarden Namibia-Dollar, umgerechnet etwa 5,2 Milliarden US-Dollar. Das Haushaltsdefizit lag 2012/13 bei etwa 4,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP).
Die Staatsverschuldung betrug 2012 etwa 20 Prozent des BIP.
Infrastruktur
Zeitzone
Namibia verwendet seit dem 3. September 2017 – wie bereits zwischen 1990 und 1994 – ganzjährig dieselbe Uhrzeit wie Südafrika (UTC+2).
Kommunikation
Namibia verfügt über ein modernes Telekommunikationssystem. Im Dezember 2016 gab es laut der Kommunikationsregulierungsbehörde von Namibia 2,66 Millionen aktive SIM-Karten, d. h. mehr als eine pro Einwohner. Zudem gab es im Land knapp 188.000 Festnetzanschlüsse, was etwa dem Stand von Juni 2013 entsprach.
Schiene
Das Schienennetz des staatlichen Transportunternehmens TransNamib stammt in seiner Grundstruktur noch aus der deutschen Kolonialzeit und wurde zunächst vor allem durch militärische Bedürfnisse bestimmt. Es ist inzwischen auf 2.626 Kilometer Länge ausgebaut worden und verbindet wichtige wirtschaftliche Zentren Namibias. Der Bau neuer Strecken und die Sanierung bestehender wird seit 2011 weiter vorangetrieben. Der Schienenverkehr spielt vor allem in der Güterbeförderung eine Rolle; in der Personenbeförderung ist er dagegen fast ohne Bedeutung.
Straße
Das namibische Straßennetz ist gut ausgebaut und erschließt alle bewohnten Gebiete des Landes. Es ist etwa 45.000 Kilometer lang, davon sind rund 80 Prozent nicht asphaltierte Pisten, meist mit Kiestragschicht, die regelmäßig oder nach Bedarf mit dem Grader instand gehalten werden. Nur die Nationalstraßen, einige Hauptstraßen sowie die wichtigsten innerstädtischen Straßen (etwa 6.700 Kilometer) sind asphaltiert. In Namibia herrscht wie in allen Nachbarstaaten mit Ausnahme Angolas Linksverkehr. Mit bis zu 700 Verkehrstoten pro Jahr hat Namibia – bezogen auf die Einwohnerzahl – die weltweit höchste Todeszahl zu verzeichnen.
Flugverkehr
Namibia ist gut in das regionale Flugnetz eingebunden. Es gibt direkte Flugverbindungen nach Europa und Vorderasien. Internationale Flughäfen besitzen die Landeshauptstadt Windhoek mit dem Hosea Kutako International Airport, der etwa 45 Kilometer östlich der Stadt liegt sowie die Hafenstadt Walvis Bay (Flughafen Walvis Bay). Darüber hinaus verfügt jeder größere Ort in Namibia, sowie viele Farmen, über eigene Landeplätze. In Namibia gibt es zahlreiche Charterflug-Unternehmen.
Schifffahrt
Die beiden Tiefwasserhäfen Namibias befinden sich in Walvis Bay und in Lüderitz. Vier weitere Häfen sind im Bau beziehungsweise in Planung (Stand 2015).
Kultur
Kultur- und Naturdenkmäler
Die landesweite Aufnahme der Kultur- und Naturdenkmäler wurde 2003 abgeschlossen. Sie verzeichnet geologische Strukturen, paläontologische und archäologische Fundstätten (einschließlich der Petroglyphen und Felsmalereien von Twyfelfontein), Habitate und Pflanzenformationen wie die Affenbrotbäume von Tsandi und Ombalantu oder den Kameldornwald bei Rehoboth sowie historische Stätten, darunter die Padrões der portugiesischen Seefahrer an der Küste, Grabstätten (unter anderem das Grab des Jonker Afrikaner) und Friedhöfe, Profanbauten, Sakralbauten und Industriedenkmäler.
Feiertage
In Namibia existieren zwölf gesetzliche Feiertage. Fällt ein Feiertag auf einen Sonntag, ist der folgende Montag grundsätzlich ebenfalls ein Feiertag.
Der Hererotag ist ein am letzten Wochenende im August in der namibischen Stadt Okahandja stattfindender Tag zum Gedenken an die Schlacht am Waterberg. Er ist kein gesetzlicher Feiertag, wird jedoch von den Herero als solcher empfunden.
Medien
Namibia verfügt trotz der geringen Bevölkerungszahl und der Vielzahl an Sprachen über zahlreiche Zeitungen. Die größte Tageszeitung des Landes ist die englischsprachige The Namibian, die auch Texte auf Oshivambo enthält. Zweitgrößte Tageszeitung ist die Namibian Sun (ebenfalls in englischer Sprache), gefolgt von der afrikaanssprachigen Republikein. Staatlich getragen wird die englischsprachige New Era. Die Allgemeine Zeitung erscheint auf Deutsch und ist die älteste Zeitung des Landes. „Die Republikein“, „Allgemeine Zeitung“ und „Namibian Sun“ gehören zur Namibia Media Holdings (NMH).
Die Namibian Broadcasting Corporation (nbc) ist die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt in Namibia mit drei Fernsehprogrammen (Stand: Juli 2014) und zahlreichen Rundfunkprogrammen in neun Sprachen. 70 Prozent der Bevölkerung werden durch digitale Signale erreicht (Stand: Juni 2015). Zudem gibt es diverse private Hörfunksender und mit One Africa Television, TBN Namibia, THISTV und EDU TV vier private Fernsehsender. Satellitenfernsehen wird vor allem durch den südafrikanischen Dienst DStv und für deutschsprachige durch Deukom und Satelio ermöglicht.
Die Nichtregierungsorganisation Reporter ohne Grenzen sieht in Namibia eine zufriedenstellende Lage für die Pressefreiheit.
Im Jahr 2020 nutzten 41 Prozent der Einwohner Namibias das Internet.
Literatur
Der Namibier Helmut Kangulohi Angula verfasste einen auch ins Deutsche übersetzten autobiographischen Roman über die Zeit des Unabhängigkeitskampfes der SWAPO (Zweitausend Tage des Haimbodi ya Haufiku). Ähnliche Themen behandelt Joseph Diescho. In einem Flüchtlingslager in Angola geboren wurde die Autorin Rachel Valentina Nghiwete, die 2010 ihre Autobiographie Valentina: The exile child veröffentlichte.
Giselher Hoffmann, Nachkomme deutscher Siedler, und die in Dresden geborene Lisa Kuntze schrieben Romane und Erzählungen in deutscher Sprache.
Küche
Die namibische Küche als fester Begriff ist nicht klar definiert und basiert auf Einflüssen der verschiedenen Ethnien im Land und den Einflüssen der südafrikanischen und deutschen Küche. Beliebt ist ein Braai und das Bier der heimischen Brauerei.
Spezialitäten sind unter anderem !Naras, Termitenpilze und Kalaharitrüffel.
Nationalparks
In Namibia gibt es zahlreiche Nationalparks, wie Wildparks oder Naturreservate. 2013 standen 138.163,7 km² unter staatlichem Schutz. Teils zählen die Parks zum UNESCO-Welterbe, wie zum Beispiel der Sossusvlei-Nationalpark, in dem die orange Färbung des Sandes, der mehr als 5 Millionen Jahre alt ist, je nach Lichteinfall sich verändert. Unter anderem gehören zu den Nationalparks die Skelettküste, der Namib-Naukluft-Nationalpark sowie der Etosha-Nationalpark.
Sport
Die beliebtesten Sportarten in Namibia sind Rugby und Fußball sowie Cricket. Unter den deutschen Namibiern ist Inlinehockey und Faustball verbreitet, unter den Afrikaanssprechenden vor allem auch Jukskei. Als Nationalsportarten gelten seit August 2018 Rugby, Fußball und Netball.
Der nationale Rugbyverband Namibia Rugby Union wurde im März 1990, im Jahr der Unabhängigkeit, gegründet und trat im selben Jahr dem IRB, heute World Rugby, bei. Er ist außerdem Mitglied von Rugby Africa. Die Nationalmannschaft der Männer ist eine der besten Afrikas und qualifiziert sich häufig für die Weltmeisterschaft als eine von zwei afrikanischen Mannschaften, nach den südafrikanischen Springboks. Sie ist zudem neunfacher Afrikameister und zweimaliger Vizeafrikameister.
Der nationale Fußballverband Namibia Football Association wurde ebenfalls 1990 gegründet. 1992 trat die NFA der FIFA und der CAF bei. In der höchsten Spielklasse, der Namibia Premier League, treten 16 Mannschaften gegeneinander an. Die Nationalmannschaft gehört in Afrika zum Mittelfeld und konnte sich 1998 und 2008 für die Afrikameisterschaft qualifizieren. 2014 war Namibia Ausrichter der Fußball-Afrikameisterschaft der Frauen.
Der nationale Cricketverband Cricket Namibia wurde 1989 gegründet und 1990/92 erfolgte die Anerkennung seitens des International Cricket Council. Die Namibische Cricket-Nationalmannschaft gilt als eine der besten Afrikas und nahm erstmals an der Weltmeisterschaft 2003 teil, die in Südafrika, Kenia und Simbabwe ausgetragen wurde. Der nächste Erfolg war dann die erstmalige Qualifikation für den ICC Men’s T20 World Cup 2021 in Oman und den Vereinigten Arabischen Emiraten, bei dem man die direkte Qualifikation für den ICC Men’s T20 World Cup 2022 schaffte. 2027 soll Namibia, gemeinsam mit Südafrika und Simbabwe den Cricket World Cup austragen.
Einer der weltweit bekanntesten namibischen Sportler ist Frank Fredericks, ehemaliger Leichtathlet über 100- und 200-Meter-Distanzen und mehrfacher Medaillengewinner bei Olympischen Spielen. Zudem erlangte Collin Benjamin als langjähriger Spieler beim Hamburger SV in Deutschland größere Bekanntheit.
Die Icestocksport Association of Namibia wurde 2004 gegründet und nahm im selben Jahr und 2008 an der Weltmeisterschaft teil. Der Verband wurde 2005 und 2007 Afrikameister.
Außerdem hat Namibia eine Faustballnationalmannschaft und richtete 1995 die Faustball-Weltmeisterschaft sowie im Januar 2009 die Faustball-U18-Weltmeisterschaft aus. Zudem richtete Namibia 2008 die Weltmeisterschaften im Bogenschießen nach Richtlinien der IFAA aus.
Special Olympics Namibia wurde 1998 gegründet und nahm mehrmals an Special Olympics Weltspielen teil. Der Verband hat seine Teilnahme an den Special Olympics World Summer Games 2023 in Berlin angekündigt. Die Delegation wird vor den Spielen im Rahmen des Host Town Programs von Pfungstadt betreut.
Siehe auch
Literatur
Johannes Haape: Namibia (= Apa-Guide). Langenscheidt Fachverlag, München 1995, ISBN 3-8268-1398-7 (Reiseführer).
Rolf Hennig: Wildland Südwestafrika. Landbuch-Verlag, Hannover 1978, ISBN 3-7842-0187-3.
Klaus Hüser u. a.: Namibia. Eine Landschaftskunde in Bildern. Klaus Hess Verlag, Göttingen/Windhoek 2001, ISBN 3-933117-14-3 (= Edition Namibia; Bd. 5).
Thomas Keil: Die postkoloniale deutsche Literatur in Namibia (1920–2000). Dissertation, Universität Stuttgart, 2003 (Volltext).
Henning Melber: Understanding Namibia. The Trials of Independence. Hurst & Co., London 2014, ISBN 978-1-84904-411-0.
Henning Melber: Namibia. Gesellschaftspolitische Erkundungen seit der Unabhängigkeit. Brandes und Apsel, Frankfurt am Main 2015, ISBN 978-3-95558-109-1.
Beate Tito: Auf Farmen in Südwest. Landbuch-Verlag, Hannover 1980, ISBN 3-7842-0236-5.
Johannes Paul: Deutsch-Südwestafrika (PDF; 4,3 MB). In: Carl Petersen, Otto Scheel, Paul Hermann Ruth, Hans Schwalm (Hrsg.): Handwörterbuch des Grenz- und Auslandsdeutschtums. Ferdinand Hirt Verlag, Breslau 1936, Band II, S. 262–278.
Heinrich Vedder: Das alte Südwestafrika: Südwestafrikas Geschichte bis zum Tode Mahareros 1890. Berlin 1934 (Nachdruck: SWA Wissenschaftliche Gesellschaft, Windhoek 1985, ISBN 0-949995-33-9 und weitere Auflagen).
Marion Wallace: Geschichte Namibias. Von den Anfängen bis 1990. Brandes und Apsel, Frankfurt am Main 2015, ISBN 978-3-95558-063-6.
Namibia. Fakten und Daten. Konrad-Adenauer-Stiftung e. V., Windhoek 2015 (PDF).
Namibia. Themenheft der Zeitschrift: Die Erde. 133. Jg. 2002, Heft 2.
Weblinks
Regierung von Namibia (englisch)
Offizielle Internetpräsenz der Botschaft der Republik Namibia in Deutschland
Länderinformationen des Auswärtigen Amtes zu Namibia
Politikwissenschaftliche Literatur zu Namibia in der Annotierten Bibliografie der Politikwissenschaft
Historische Fotografien der Deutschen Kolonialgesellschaft, der Sam Cohen Library/Namibia und weitere historische Literatur
Namibia-Bibliothek von Dr. Klaus Dierks
Deutsch-Namibische-Entwicklungsgesellschaft e. V.
Website der Deutsch-Namibischen Gesellschaft
Vorherrschende Böden in Namibia (Universität Köln)
Einzelnachweise
Staat in Afrika
Mitgliedstaat der Vereinten Nationen
Eponym
Verwaltungseinheit als Namensgeber für einen Asteroiden
Mitgliedstaat der Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrika
Wikipedia:Artikel mit Video
Mitgliedstaat des Commonwealth of Nations
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Q1030
| 2,297.577851 |
59307
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https://de.wikipedia.org/wiki/Geopolitik
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Geopolitik
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Geopolitik wird häufig als Synonym für das raumbezogene, außenpolitische Agieren von Großmächten im Rahmen einer Geostrategie bezeichnet. Die engere wissenschaftliche Begriffsbedeutung von Geopolitik bezeichnet die politikwissenschaftliche Interpretation geographischer Gegebenheiten, die oftmals im Rahmen von Politikberatung erfolgt. Geopolitik wurde aus der Politischen Geographie abgeleitet und stand anfangs in Opposition zu ihr. Besondere Bedeutung hatte sie in Deutschland in den beiden Weltkriegen und der Zwischenkriegszeit. Eine einflussreiche angloamerikanische Geopolitik formierte sich erst ab dem Zweiten Weltkrieg.
Definitionen und Begriffsverwendung
Sowohl in den Medien als auch in weiten Teilen der Politikwissenschaft wird der Begriff Geopolitik als Synonym für gewaltträchtige und skrupellose Machtpolitik verwendet. Amerikanische und britische Wissenschaftler verstanden unter Geopolitik ursprünglich dagegen eine Analyse politischer (und wirtschaftlicher) Phänomene, die sich auf geographische Kausalfaktoren konzentriert. Geopolitik als akademische Disziplin ist eine Analysemethode im politikwissenschaftlichen Forschungsfeld Internationale Beziehungen mit besonderem Bezug zur Geographie. Die akademische Geopolitik untersucht mit analytisch-deskriptivem Anspruch die Einflüsse, die geographische Gegebenheiten und Dynamiken auf politische Entwicklungen haben, wobei das Hauptinteresse auf außen- und sicherheitspolitischen Entwicklungen liegt. Andererseits ist Geopolitik eine praktische Methode sicherheitspolitischer Entscheidungsfindung und Umsetzung. Es gibt eine lange Tradition von wissenschaftlichen Geopolitikern, die sich als Regierungsberater verstanden und mit ihrer Forschung stets politische Entscheidungsträger beeinflussen wollten. Der französische Geograph und Geopolitiker Yves Lacoste betont, Geopolitik sei ein Herrschaftsinstrument, geopolitisches Wissen sei strategisches Wissen.
Als Bezeichnung für eine akademische Disziplin nennt Egbert Jahn den Begriff „unglücklich“. Niemand käme auf die Idee unter Sozialpolitik, Familienpolitik, Umweltpolitik oder Außenpolitik eine Wissenschaft zu verstehen. Vielmehr handle es sich dabei um bestimmte Sektoren und Objekte der Politik, und zwar sowohl des politischen Geschehens oder des Prozesses (politics) als auch der politischen Inhalte, Aufgaben und Ziele (policies). In diesen Fällen werde deutlich zwischen Politik und Politikwissenschaft unterschieden. Der Grund, weshalb unter Geopolitik keine Politik, sondern eine Wissenschaft oder eine Lehre von der Politik verstanden wird, liege wohl darin begründet, „daß es sich bei Geopolitik nicht um einen bestimmten Gegenstand der Politik handelt, etwa die Geosphäre oder die Erde, sondern um einen bestimmten Aspekt von Politik, nämlich ihren Raumbezug. Geopolitik ist also nicht Erdpolitik, ein Wort, das neuerdings auch zur Bezeichnung von globaler Umweltpolitik benutzt wird.“
Charakteristisch für Geopolitik sind ihr Geodeterminismus und ihre Nähe zu den Denkschulen des Realismus und Neorealismus in den Internationalen Beziehungen. Der Geograph Benno Werlen betont in seiner Definition von Geopolitik deren Geodeterminismus, wonach menschliches Handeln durch Raum und Natur vorbestimmt sei. Dabei determiniere der Raum das politische Geschehen nicht unmittelbar, sondern vermittelt durch seinen Einfluss auf den Staat. Ähnlich ist die Definition im Lexikon der Raumphilosophie: Im Zentrum der Geopolitik stehe die Idee einer geodeterminierten Staatspolitik. Bei Karl Haushofer hieß es schon 1928: „Die Geopolitik ist die Lehre von der Erdgebundenheit der politischen Vorgänge. Sie fußt auf der breiten Grundlage der Geographie, insbesondere der Politischen Geographie als der Lehre von den politischen Raumorganismen und ihrer Struktur. Die von der Geographie erfaßte Wesenheit der Erdräume gibt für die Geopolitik den Rahmen ab, innerhalb dessen sich der Ablauf der politischen Vorgänge vollziehen muß, wenn ihnen Dauererfolg beschieden sein soll […].“
Nach Ulrich Menzel lässt sich Geopolitik als eine besondere Form der Machtpolitik definieren, wobei unter Macht die Kontrolle von politisch definierten Räumen verstanden werde. Die Verwandtschaft zu den Denkschulen des Realismus sei dabei augenscheinlich. Manche Autoren sind sogar der Auffassung, dass die gesamten Theorien des Realismus und des Neorealismus in der Wissenschaft von den internationalen Beziehungen nichts anderem als geopolitischem Denken entspringt. Und Sören Scholvin meint, insbesondere die Ideen des ehemaligen amerikanischen Außenministers Henry Kissinger und des früheren Nationalen Sicherheitsberaters Zbigniew Brzeziński verdeutlichten, dass Geopolitik zu einer vereinfachten Form der realistischen Theorie der internationalen Beziehungen geworden sei.
Maxim Trudoljubow vom Kennan Institute schrieb, dass die geopolitische Sicht auf die Welt die Sicht aus einem Bomber sei. Die Geopolitik ziehe zwingend jene politischen Führer an, die „historisches Ressentiment“ kultivierten – einer giftige Mischung aus historischen Mythen, der Kultivierung externer Bedrohungen und Feindbilder, der Leugnung von Wertesystemen und eigener wirtschaftlicher Misserfolge.
Von der Politischen Geographie zur Geopolitik
Die ideengeschichtlichen Wurzeln der Geopolitik reichen bis in das Denken der Aufklärung. So sah David Hume 1714 in On the Balance of Power im insularen Großbritannien den Garanten der Freiheit. Montesquieu verwies 1748 im Geist der Gesetze auf den Zusammenhang von Geographie und Geschichte. Den Seemächten schrieb er den Geist der Freiheit zu, die kontinentale Großmacht Russland hingegen verkörperte den Geist der Despotie.
Hinweise auf noch viel ältere Quellen sind laut Niels Werber „typisch für geopolitische Abhandlungen“, Adolf Grabowsky habe sich auf Polybios berufen, Otto Maull auf Herodot, Karl Haushofer auf Thukydides und Pytheas. Ihnen würden dann noch jüngere Autoren von Rang, wie Herder, Hegel und Carl Ritter an die Seite gestellt. Damit, so Sabine Feiner, werde „der Versuch unternommen, eine lange Tradition des geopolitischen Denkens in der internationalen Politik zu begründen. Da mit dieser überaus weit gefassten Interpretation alle politischen Denker und Akteure, die geographische Faktoren berücksichtigt haben, als Geopolitiker gelten können, erscheint sie wenig aussagekräftig.“ Auch Werber vermisst bei den antiken Geographen und Historikern wie auch den deutschen Philosophen jene Elemente und Verknüpfungen, die moderne Geopolitik ausmachen.
Unumstrittene Vorläufer und Wegbereiter der wissenschaftlichen Geopolitik waren der deutsche Zoologe und Geograph Friedrich Ratzel, der schwedische Staatswissenschaftler Rudolf Kjellén, der US-amerikanische Konteradmiral Alfred Thayer Mahan und der britische Geograph Halford Mackinder. Außer bei Kjellén kommt die Bezeichnung Geopolitik bei ihnen noch nicht vor, ihre Thesen fanden vor dem Ersten Weltkrieg kaum Fürsprecher in der universitären Geographie. Erst das geopolitische Schrifttum der Nachkriegszeit machte die vier Autoren zu Klassikern des neugeschaffenen Fachs.
Die Etablierung des Fachs Geopolitik schreibt Yves Lacoste jungen patriotischen deutschen Geographielehrern zu, die 1919 die universitäre Politische Geographie für ungeeignet hielten, „den Nachweis zu führen, daß die durch den Versailler Vertrag festgelegten Grenzen Deutschlands nicht nur ungerecht und absurd, sondern für die Zukunft Europas gefährlich waren.“ Die Geopolitik habe ihnen Argumentationsmöglichkeiten gegeben und sei damit zur Opposition der Politischen Geographie akademischen Typs geworden.
Der Staat als Organismus: Ratzel und Kjellén
Die Bezeichnung Geopolitik wurde 1899 von Rudolf Kjellén in einem Zeitschriftenaufsatz geprägt. In seinem wissenschaftlichen Hauptwerk Staten som lifsform definierte Kjellén dann 1916: „Geopolitik ist die Lehre über den Staat als geographischen Organismus oder als Erscheinung im Raum.“ Kjellén war vom deutschen Zoologen und Geographen Friedrich Ratzel beeinflusst, der die Politische Geographie 1897 reformiert hatte.
Politische Geographen betrieben vor Ratzel lediglich die Sammlung von statistischen Daten der Ökonomie, Demographie und Politik eines Staatsgebiets. Niels Werber verdeutlicht das an der Darstellung von Gibraltar in Gustav Adolf von Klödens Handbuch der Länder- und Staatenkunde von 1875. Darin fänden sich genaueste Angaben über den Felsen von Gibraltar, zur Flächengröße der Kronkolonie, zu durchschnittlichen Temperaturen und Niederschlägen, zur Flora und Fauna, zur Einwohnerzahl und zur ethnischen Zugehörigkeit der Bewohner sowie zu Import- und Exportgütern und der Handelsbilanz. Es gäbe aber kein einziges Wort über die Beherrschung der Meerenge durch Großbritannien und die Funktion der Befestigungsanlagen. Über Malta oder Singapur ließe sich das Gleiche sagen. Solche „Politische Geographie“ sei also „geradezu unpolitisch“ gewesen. Ratzel dagegen ordnete in seiner Politischen Geographie Gibraltar neben Malta, Zypern, Sues, Singapur, Hongkong und andere in eine Reihe von festen Plätzen, Flottenstationen, Kohlenstationen und Kabelklippen in britischem Besitz ein, die entsprechend ihrer meerbeherrschenden Lage eine politische Funktion erfüllen: Die Sicherung der Seemacht des Vereinigten Königreichs.
Diese Analyse ist bei Ratzel Konsequenz einer „biogeographischen Auffassung des Staates“, mit der der Staat als Organismus im biologischen Sinne betrachtet wird, der der Evolution unterworfen sei und wachsen wolle. Der Staatsorganismus Englands habe sich trotz unabänderlicher geographischer Beschränkung als Insel deshalb zu größten Macht der damaligen Zeit entwickelt, weil die Schranken des Raumes durch Beherrschung der Meere überwunden worden seien. Auf Basis des von Ratzel erdachten Konzepts setzte Kjellén voraus, dass Großmächte expandieren müssen, um sich zu entfalten. Der laut Nils Hoffmann „germanophile“ Schwede sah Deutschland als Zentrum eines nordisch-deutschen Staatenbundes, der sich von Hamburg bis Bagdad erstrecken sollte. Die deutsche Übersetzung seines Buchs Samtidens stormakter von 1914 erschien 1918 als Die Großmächte der Gegenwart bereits in der 19. Auflage. Übersetzungen anderer Schriften von ihm waren in Deutschland ähnlich verbreitet und hatten starken Einfluss auf die sich formierende Geopolitik. Dabei wurde Ratzels Lebensraum-Konzept besonders wirksam.
Landmacht und Seemacht: Mahan und Mackinder
Die Gründerväter der angloamerikanischen Geopolitik, der Amerikaner Alfred Thayer Mahan und der Brite Halford Mackinder, wurden bereits in der deutschen Hochphase des Fachs, die laut Werber 1915 begann und 1945 endete, zu Klassikern des Fach stilisiert. Von Ratzel und Kjellén unterschieden sie sich dadurch, dass sie Staaten nicht als Organismen betrachteten, also keine „politische Zoologie oder biopolitische Geographie“ betrieben. Beide entwarfen auf Basis historischer Analysen Geostrategien für eine Seemacht.
Mahan war weniger Wissenschaftler als Militärstratege, er widmete in den letzten zwei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts seine publizistischen Bemühungen dem Versuch, zu verdeutlichen, dass die Vereinigten Staaten eine Hochseekriegsflotte benötigen. Nach seiner Auffassung war die Monroe-Doktrin nur durch eine starke Marine zu sichern, nur durch eigene Seemacht ließen sich Blockaden amerikanischer Küsten und die Bedrohung amerikanischer Häfen unterbinden. Mahan sah die USA in Konkurrenz zur britischen Seemacht und entwickelte Strategien, deren Ausbau im karibischen und pazifischen Raum zu unterbinden. Er forderte die amerikanische Sicherung des geplanten Panamakanals und Stützpunkte auf Kuba, Puerto Rico, Hawaii, Samoa und den Philippinen. Seine Bemühungen um „Sea-Power“ waren erfolgreich, die amerikanische Politik folgte seinen Vorschlägen. Auch in Deutschland fand er aufmerksame Leser, wie Alfred von Tirpitz und später Carl Schmitt. In der deutschen Interpretation wurde dann aus Hawai Helgoland und aus dem Panama-Kanal der Kaiser-Wilhelm-Kanal. Georg Wislicenus forderte 1896 mit Mahans Argumenten eine deutsche Schlachtflotte, die zur Verteidigung und zum Angriff fähig sein müsse und die in der Lage sei, eine britische Seeblockade zu brechen.
Im Gegensatz zu Mahan hielt Mackinder die hohe Zeit der weltweiten Seemacht für überschritten, das Ende des „kolumbianischen Zeitalter“ hätte bereits begonnen und damit auch das der britischen Weltmacht. 1904 entwickelte er in einem Zeitschriftenaufsatz eine weltpolitische Theorie des „post-kolumbianischen Zeitalters“: Er prognostiziert eine Epoche der Landmacht. Die Macht, der es gelänge das eurasischen Herzland (pivot area) zu organisieren und bis an die Küsten auszudehnen, würde zur Weltmacht. Diese Prognose fasste er 1919 im Buch Democratic Ideals and Reality in den später vielzitierten Ausspruch zusammen: „Who rules East Europe commands the Heartland. Who rules the Heartland commands the World-Island. Who rules the World-Island commands the World.“ („Wer über Osteuropa herrscht, beherrscht das Herzland: Wer über das Herzland herrscht, beherrscht die Weltinsel (Eurasien). Wer über die Weltinsel herrscht, beherrscht die Welt.“)
In Großbritannien, dem Mackinders Überlegungen als Warnung vor Weltmacht-Verlust galten, wurde der Aufsatz nicht zur Kenntnis genommen. In Deutschland dagegen wurde die Arbeit begeistert rezipiert, Karl Haushofer lobte sie als „das größte geopolitische Meisterwerk aller Zeiten“. Auch aktuell gilt das Heartland-Konzept als „die wohl bedeutsamste Idee in der Geschichte der Geopolitik.“
Mit der einflussreichen Schrift des italienischen Generals Giulio Douhet über die Luftherrschaft (Il Dominio dell’Aria) kam 1921 ein neuer geopolitischer Aspekt hinzu.
Deutsche Geopolitik
Die Geschichte der klassischen deutschen Geopolitik beginnt laut Fachgeschichtsschreibung mit der Rezeption von Kjellén-Texten im Ersten Weltkrieg und gewinnt nach der Niederlage eine starke Entwicklungsdynamik. Ratzel, Kjellén und die von ihnen vorbereitete und bis dahin kaum beachtete Geopolitik erlebten, laut Klaus Kost, nach 1914 einen triumphalen Durchbruch. Nach 1918 gab es dann fast keine Geographen mehr, die nicht Geopolitik trieben.
Im Zentrum geopolitischer Publikationen standen während des Ersten Weltkrieges die Seeblockade der Mittelmächte durch das Vereinigte Königreich, die Interpretation der Mittellage Deutschlands als „Raumschicksal“ sowie die „Entdeckung des ‚Deutschen Ostens‘ als Okkupations- und Ergänzungsraums.“ Ihren Aufschwung erlebte die Disziplin aber erst danach als Reaktion auf den Friedensvertrag von Versailles. Laut Sprengel war die Geopolitik jener Jahre „Kampfmittel gegen Versailles“. Laut Franz L. Neumann und Nils Hoffmann lieferte die Geopolitik mit ihren Konzepten eine „pseudo-wissenschaftliche“ Rechtfertigung für die Expansion und den (notfalls gewaltsamen) (Wieder-)aufstieg Deutschlands.
Führender Vertreter dieser „Deutschen Wissenschaft“ war Karl Haushofer, für den das Lebensraum-Konzept Ratzels „Grundlage jeder Erörterung der Fragen auswärtiger Politik“ war. Daraus leitete Haushofer zwei konkrete Forderungen an die Politik ab: Den bestehenden Lebensraum zu schützen und ihn zu vergrößern. Er betonte, dass es künftig großer Räume bedürfe, um das Überleben von Staaten zu gewährleisten und entwickelte ein Konzept der „Pan-Ideen“, das er 1931 publizierte und 1940 konkretisierte. Er skizzierte vier künftige „Pan-Regionen“, die sich gemäß der Monroe-Doktrin organisieren würden: Eine amerikanische unter der Führung der USA, eine europäisch-afrikanische unter deutscher Führung, eine ostasiatische unter der Führung Japans und eine eurasische unter russischer Führung. Seemächte spielten in seinem Konzept keine Rolle.
Seine geopolitischen Konzepte übersetzte Haushofer in konkrete Politikempfehlungen. Er schuf sich gute Möglichkeiten, die Öffentlichkeit zu erreichen. Seit 1924 war er gemeinsam mit Erich Obst und Hermann Lautensach Herausgeber der Zeitschrift für Geopolitik. Außerdem hielt er viele Rundfunk-Vorträge, wie etwa den regelmäßigen Weltpolitischen Monatsbericht.
Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme hatte er durch seinen freundschaftlichen Kontakt zu Rudolf Heß, der sein akademischer Schüler gewesen war, Zugang zu nationalsozialistischen Regierungskreisen. Sein Einfluss auf NS-Ideologie und -Politik ist in der Fachgeschichtsschreibung umstritten. Lange hatte er als Geopolitiker hohes internationales Ansehen, man sah in ihm den Urheber des Deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts von 1939 als praktische Anwendung des Heartland-Konzepts von Mackinder. Den Überfall auf die Sowjetunion 1941 hielt er für einen Fehler und stellte seine Arbeit ein.
Nationalsozialistische Theoretiker entwickelten den Entwurf einer autarken Großraumwirtschaft, bei dem das hochindustrialisierte Kernland Deutschland und seiner angrenzenden Industriegebiete in Nordost-Frankreich, Belgien und Böhmen mit Rohstoffen und Lebensmitteln aus der Peripherie vor allem aus Südosteuropa und der Sowjetunion versorgt werden sollte.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Geopolitik in Deutschland weitestgehend stigmatisiert, was zur Folge hatte, dass auch eine kritische Auseinandersetzung mit ihr nicht erfolgte. Erst in den 1980er Jahren begann eine ideologiekritische Auseinandersetzung mit der Geopolitik, deren Protagonisten die Disziplin als räumliche Konfliktforschung betrachten. Praktisch erlebt der geopolitische Diskurs seit 1989 eine Renaissance in Wissenschaft, Publizistik und Politik.
Angloamerikanische Geopolitik
Politikberatende Geopolitik beginnt in den USA mit Nicholas J. Spykman. Basierend auf dem Konzept seines akademischen Lehrers Halford Mackinder entwickelte Spykman während des Zweiten Weltkriegs Strategieempfehlungen für die Nachkriegspolitik. Nicht das eurasische Heartland sei (wie Mackinder postuliert hatte) die sicherheitspolitisch kritische Zone, sondern dessen europäische und asiatische Randgebiete, das Rimland. Spykmans unmissverständliche geopolitische Empfehlung lautete: Die Vereinigten Staaten müssen international aktiv und engagiert sein, Einfluss auf die geographischen Schlüsselregionen nehmen und einen geopolitischen Pluralismus in Eurasien, besonders in dessen Randgebieten, herstellen und aufrechterhalten. Spykmans geopolitische Doktrin lautete in Abwandlung der Mackinder-Formel: „Who controls the Rimland rules Eurasia, who rules Eurasia controls the destiny of the world.“ Diese Strategieempfehlung ist laut Nils Hoffmann bis in die heutige Zeit wirkungsmächtig.
Auch für den seit den 1970er Jahren führenden amerikanischen Geostrategen Zbigniew Brzeziński hat die Weltinsel Eurasien wie schon für Mackinder und Spykman überragende Bedeutung: „Zum Glück für Amerika ist Eurasien zu groß, um eine politische Einheit zu bilden. Eurasien ist mithin das Schachbrett, auf dem der Kampf um globale Vorherrschaft auch in Zukunft ausgetragen wird.“ Auf diesem Schachbrett hätten die USA aktiv mitzuspielen und ihren Einfluss so einzusetzen, „dass ein stabiles kontinentales Gleichgewicht mit den Vereinigten Staaten als Schiedsrichter entsteht.“
Bei Brzeziński, aber auch schon bei Mackinder und Spykman wird deutlich, dass Geopolitik weniger als eine wissenschaftliche Disziplin verstanden wird, denn als unmittelbar handlungsorientierte Forschung, als Politikberatung. Sein Buch Democratic Ideals and Reality schrieb Mackinder 1919 als „Handreichung“ für die britischen Vertreter bei der Versailler Friedenskonferenz. Darin schlug er einen Cordon sanitaire zwischen Deutschland und Russland vor, um zu vermeiden, dass eine Macht Eurasien dominiere. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg fand Mackinders Heartland-Konzept „gleichsam komplementär“ zu Spykmans Rimland-Theorie ihren geostrategischen Niederschlag in der Containment-Politik sowie in der geopolitischen Blockstruktur, namentlich der NATO. Die Carter-Doktrin des Jahres 1980, mit der die südliche Flanke Eurasiens und insbesondere der Persische Golf ausdrücklich zur Einflusssphäre der USA erklärt wird, wurde maßgeblich von Brzeziński formuliert.
Kritische Geopolitik
Als akademische Reaktion auf die Renaissance der früheren Geopolitik und deren Zielsetzung, weltweite
amerikanische Ansprüche und Machtvorstellungen zu legitimieren, entstand in den USA der 1980er-Jahre die Konzeption der Critical Geopolitics, die eine paradigmatische Wende vom Positivismus zum Konstruktivismus darstellt. In dieser Sichtweise ist Geographie keine endgültige Wahrheit, sondern eine Form sozial produzierten Wissens. Traditionelle Raumkonzepte, die auf die Neutralität und Objektivität des Raumes Bezug nehmen, wurden anfechtbar. Raum und Territorium sind nach diesem Verständnis nicht mehr passive Bühne menschlichen Handelns, sondern werden für politische Zwecke instrumentalisiert. Weder Berge noch Meerengen sind per se strategisch, sie werden es erst durch menschliche Zuschreibung. Ziel kritischer Geopolitik ist es, „die ideologische Substanz der Rechtfertigungen von Weltpolitik aufzudecken und die Bindung an die Interessen bestimmter Akteure zu dokumentieren.“ Führende Vertreter kritischer Geopolitik sind John A. Agnew, Simon Dalby und Gerard Toal. In seiner Monografie Geopolitics widersprach 2009 der britische Historiker Jeremy Black ihrer konstruktivistischen Sichtweise und postulierte, es existierten objektive Faktoren wie Raum, Entfernung und Ressourcen, deren Auswirkungen nicht ignoriert werden könnten. Geopolitik definiert Black als Beziehung von machtorientierter Politik und Geographie, wobei Lage und Entfernung im Vordergrund stünden.
Siehe auch
Mit offenen Karten (Fernsehsendung)
Superstaat, Konzept
Literatur
Bücher
Zbigniew Brzeziński: Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-596-14358-6.
Heinz Brill: Geopolitische Analysen. Beiträge zur deutschen und internationalen Sicherheitspolitik (1974–2008). 2. Auflage. Biblio-Verlag, Bissendorf 2008, ISBN 3-7648-2386-0.
Karl Haushofer: Geopolitische Grundlagen. Industrieverlag Spaeth & Linde, Berlin/Wien 1935.
Nils Hoffmann: Renaissance der Geopolitik? Die deutsche Sicherheitspolitik nach dem Kalten Krieg. Springer VS, Wiesbaden 2012, ISBN 978-3-531-19433-2.
Robert D. Kaplan: The Revenge of Geography. What the Map Tells Us About Coming Conflicts and the Battle Against Fate. Random House, New York 2012, ISBN 978-1-4000-6983-5.
Rudolf Kjellén: Der Staat als Lebensform. 4. Auflage. K. Vowinckel, Berlin 1924 (Erste deutsche Übersetzung: Hirzel, Leipzig 1917).
Henry Kissinger: Weltordnung. Bertelsmann, München 2014, ISBN 978-3-570-10249-7.
Samuel P. Huntington: Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. Goldmann, München 2002, ISBN 3-442-15190-2.
Yves Lacoste: Geographie und politisches Handeln. Perspektiven einer neuen Geopolitik. Wagenbach, Berlin 1990, ISBN 3-8031-5126-0.
Halford John Mackinder: Britain and the British Seas. D. Appleton and company, New York 1902.
Alfred Thayer Mahan: Der Einfluß der Seemacht auf die Geschichte. 2 Bände. Mittler, Berlin 1898/99.
Tim Marshall: Prisoners of geography. Ten maps that tell you everything you need to know about global politics. Elliot and Thompson Limited, London 2015, ISBN 978-1-78396-141-2.
Die Macht der Geographie. Wie sich Weltpolitik anhand von 10 Karten erklären lässt. Aus dem Englischen von Birgit Brandau. dtv, München 2015, ISBN 978-3-423-28068-6 (Aktualisierte und erweiterte Neuausgabe: dtv, München 2017, ISBN 978-3-423-34917-8).
Otto Maull: Das Wesen der Geopolitik. 3. Auflage. Teubner, Berlin/Leipzig 1941.
Friedrich Ratzel: Politische Geographie oder die Geographie der Staaten, des Verkehres und des Krieges. 2. Auflage. Oldenbourg, München/Leipzig 1903 (Erste Auflage 1897).
Karl Schlögel: Im Raume lesen wir die Zeit. Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik. Hanser, München 2003, ISBN 3-446-20381-8.
Hans-Dietrich Schultz: Der Realraum als Problem. Eine Lektion aus der Disziplingeschichte (Kleine Reihe Geographie). Frankfurt a. M. 2018.
Tobias ten Brink: Geopolitik. Geschichte und Gegenwart kapitalistischer Staatenkonkurrenz. Westfälisches Dampfboot, Münster 2008, ISBN 978-3-89691-123-0.
Verein „Kritische Geographie“ (Hrsg.), Redaktion Reinhard Zeilinger: Geopolitik. Zur Ideologiekritik politischer Raumkonzepte. Promedia, Wien 2001, ISBN 978-3-85371-167-5.
Niels Werber: Geopolitik zur Einführung. Junius, Hamburg 2014, ISBN 978-3-88506-085-7 (Zweite, überarbeitete Auflage ebd. 2022).
Aufsätze
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Jan Helmig: Geopolitik – Annäherung an ein schwieriges Konzept. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. 20–21, 2007
Egbert Jahn: Geopolitik – was ist das? Vortrag beim 16. Schlangenbader Gespräch, 2013 (Online, PDF, abgerufen am 17. November 2015).
Halford John Mackinder: The Geographical Pivot of History. 1904; dt.: Der geographische Drehpunkt der Geschichte. In: Lettre International. Ausgabe 120, 2018, S. 124–129.
Jürgen Osterhammel: Die Wiederkehr des Raumes: Geopolitik, Geohistorie und historische Geographie. In: Neue Politische Literatur. 43, Heft 3, 1998, S. 374–397 (Online, PDF, abgerufen am 17. November 2015).
Hauke Ritz: Die Rückkehr der Geopolitik. Eine Ideologie und ihre fatalen Folgen. In: Blätter für deutsche und internationale Politik. März 2013 (Online, abgerufen am 17. November 2015).
Sören Scholvin: Geopolitik in den internationalen Beziehungen. In: GIGA Focus. Nr. 9. 2014 (Online, abgerufen am 26. Oktober 2016).
Hans-Dietrich Schultz: Die deutsche Geographie im 19. Jahrhundert und die Lehre Friedrich Ratzels. In: Irene Diekmann, Peter Krüger, Julius H. Schoeps (Hg.): Geopolitik. Grenzgänge im Zeitgeist (= Jahrbuch der Gesellschaft für Geistesgeschichte 2. Bde., hier Bd. 1) Potsdam 2000, 39-84.
Hans-Dietrich Schultz: Geopolitik „avant la lettre“ in der deutschsprachigen Geographie bis zum Ersten Weltkrieg. In: Geopolitik. Zur Kritik politischer Raumkonzepte (= Kritische Geographie 14) Wien 2001, 29-50.
Hans-Dietrich Schultz: Kulturklimatologie und Geopolitik. In: Stephan Günzel (Hrsg.): Raum. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart/Weimar 2010, S. 44–59.
Clemens Binder und Saskia Stachowitsch: Die Rückkehr der Geopolitik? Möglichkeiten und Limitation geopolitischer Analysen. Österreichisches Institut für Internationale Politik (OIIP), Arbeitspapier 105/August 2019 (Online, PDF, abgerufen am 3. Februar 2020).
Ludolf Baron von Löwenstern: Pivot to Asia. Der Bedeutungsverlust Europas aus geostrategischer Perspektive. MarineForum 12-2020, S. 27–29 (Online, PDF, abgerufen am 13. Dezember 2020).
Fachzeitschriften (Auswahl)
Deutschland: Zeitschrift für Geopolitik (ZfG), erschien von 1924 bis 1944 und 1951 bis 1968.
Frankreich: Hérodote. Revue de géographie et de géopolitique, .
Italien: liMes. Rivista Italiana di geopolitica, .
Polen: European Journal of Geopolitics. ., .
Vereinigte Staaten: Geopolitics, History, and International Relations. Addleton Academic Publishers, New York, .
Ukraine: Geopolitics under Globalization..
Russland: Journal of Eurasian Affairs. ISSN 2307 8286, erschien von 2013 bis 2018 in Moskau, Website: »eurasianaffairs.net«.
Weblinks
Literatur zum Thema Geopolitik im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
Geopolitik, Eintrag im Lexikon der Geographie, Spektrum.de.
International Geopolitics Reporters Association (I.G.R.A.)
Einzelnachweise
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Krimtataren
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Krimtataren () sind eine ursprünglich auf der Halbinsel Krim lebende turksprachige Ethnie. Ihre Sprache, das Krimtatarische, gehört zur Gruppe der nordwestlichen Turksprachen.
Krimtataren unterscheiden sich deutlich von den Wolga-Ural-Tataren, und so werden sie – vornehmlich von den Türken aus der Türkei (Türkeitürken) – als Krimtürken bezeichnet. Das trägt der Tatsache Rechnung, dass sich ihre Schriftsprache von einer regionalen Variante des Osmanischen ableitet und daher dem Türkischen sehr nahesteht.
Geschichte
Abstammung
Zur Herkunft gibt es verschiedene Theorien. Einer Theorie nach sind die Krimtataren Nachkommen vieler Bevölkerungen, die auf der Krim lebten oder sie eroberten (Mongolen, Chasaren, Griechen, Iraner, Hunnen, Bulgaren, Petschenegen, Kumanen, Krimgoten und später Krimarmenier, Venezianer und Genueser). Ihre Wurzeln werden also durch verschiedene Ethnien gebildet. So werden hauptsächlich Kiptschaken und Tataren (Zentralkrim), Nogaier-Tataren (nördliches Steppengebiet) und osmanische Türken (südlicher Küstenstreifen) zu ihren Vorfahren gezählt. Letztere assimilierten zahlreiche Venezianer und Genueser; ihre Sprache, eine regionale Variante des Osmanischen, war zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert die lingua franca der Krim und beeinflusste die tatarischen und nogaischen Umgangssprachen.
Einer anderen Theorie nach sind die Krimtataren Nachkommen der Kiptschaken, die im Zuge der mongolischen Eroberungen auf der Krim ansässig wurden und später nach dem Zerfall der Goldenen Horde ein eigenständiges Khanat gründeten.
Krim-Khanat
Die seit dem 13. Jahrhundert sunnitischen Krimtataren trugen wesentlich zur Verbreitung des Islam in der Ukraine bei.
Im 15. Jahrhundert geriet die mongolische Goldene Horde in innere Unruhen, durch die es zu mehreren Abspaltungen kam. Hacı I. Giray aus einem Adelsgeschlecht der Dschingisiden gründete etwa 1444 mit Unterstützung des Königreichs Polen, des Großfürstentums Litauen und des Großfürstentums Moskau ein eigenes Khanat mit der Krim als Zentrum – nachdem er zuvor erfolglos versucht hatte, die Macht in der Goldenen Horde an sich zu reißen. Das zunächst – bis 1478 – instabile Khanat beherrschte bis 1792 große Teile der modernen Ukraine und Südrusslands; unter anderem ab 1556 die Gebiete der Nogaier im nordkaukasischen Kuban. Hauptstadt wurde das um 1450 gegründete Bachtschyssaraj, von wo aus die meiste Zeit über ein Giray-(كرايلر)-Khan herrschte. Neben den Giray und den Nogaiern waren die Şirin, Barın, Arğın, Qıpçaq und später Mansuroğlu und Sicavut stets sehr einflussreich. Das Khanat der Krim war damit weniger mongolisch als die Goldene Horde und es war sogar maßgeblich an deren Untergang 1502 beteiligt. Bis zur Schlacht bei Molodi (1571) war es einer der bedeutendsten Staaten Osteuropas. Auch danach und bis ins 18. Jahrhundert war es ein Machtfaktor in der Region: Es ging Bündnisse mit anderen Nachfolgestaaten der Goldenen Horde, insbesondere mit den Khanaten von Kasan und Astrachan, ein. 1648 verhalf es dem Hetmanat der Ukraine zur Loslösung von Polen-Litauen, indem es eine Allianz mit den Saporoger Kosaken des Bohdan Chmelnyzkyj einging. Während des Zweiten Nordischen Krieges (1655–1660) verbündete es sich mit Polen und half, das Land vor einer Aufteilung durch Russen, Schweden, Siebenbürger und Brandenburger zu retten. Es betrieb regen Handel mit dem Osmanischen Reich, dessen Schutzherrschaft es unter Beibehaltung hoher Autonomie von 1478 bis 1774 genoss. Von 1758 bis 1787 stellten die mankitischen Nogaier den Khan. Im Frieden von Küçük Kaynarca (1774) mussten die Osmanen die Unabhängigkeit der Krim anerkennen. Ab 1783 war das Khanat unter zunächst mittelbarer und ab dem Vertrag von Iași (1792) unter unmittelbarer russischer Herrschaft.
Sklaverei und das Khanat der Krim
Die Krim war schon vor Bildung des Krimkhanats ein wichtiger Ausgangspunkt des Sklavenhandels. Aufbauend auf der nomadischen Lebensweise der Krimtataren machten diese Aktivitäten zeitweise den Hauptteil der krimtatarischen Wirtschaft aus. Die Raubzüge in die meist slawischen Nachbargebiete begannen im Jahr 1468 und endeten erst im ausgehenden 17. Jahrhundert.
Ihre reiche Beute an Menschen machten die Krimtataren mit Raubzügen in die Ukraine, nach Südrussland und 1656 bis nach Masuren. An diesen im Tatarischen „Ernte der Steppe“ genannten Raubzügen mussten sich die meisten Männer ab einem gewissen Alter beteiligen. Die Sklaven wurden anschließend auf die Krim gebracht, von meist christlichen Händlern (Griechen, Armeniern) in Kefe gekauft und von dort in das Osmanische Reich oder den Nahen Osten weiter verkauft. Zur bekanntesten Figur unter diesen Sklaven wurde Roxelane, die spätere Frau Süleymans des Prächtigen. Die genaue Zahl der Sklaven ist schwer zu ermitteln.
Große Gewinne erzielten die Krimtataren auch mit Lösegeldern aus den betroffenen Ländern bzw. aufgrund von Tributzahlungen solcher Länder mit dem Zweck, Raubzüge zu verhindern.
Die Raubzüge der Krimtataren lasteten lange Zeit als ein schweres Problem auf den christlichen Nachbarn des Khanats, sowohl auf dem Russischen Zarenreich als auch auf Polen-Litauen, zu dem damals die Ukraine und Weißrussland gehörten. Auch das Fürstentum Moldau war von den Raubzügen der Krimtataren betroffen. Ganze Landstriche wurden entvölkert und geplündert, was diese Staaten erheblich schwächte. Im 16. Jahrhundert musste Russland jedes Jahr bis zu 80.000 Mann rekrutieren, die an den südlichen Befestigungen (Russische Verhaulinie) gegen die blitzschnellen und durch die Tausende Kilometer lange Steppengrenze kaum berechenbaren Einfälle der Steppenreiter Dienst taten. Für den Abwehrkampf gegen die Krimtataren musste ein Drittel des Staatshaushalts aufgebracht werden.
Die Einfälle der Krimtataren waren ein häufiger Grund für Kriege und trugen außerdem zur Herausbildung der Kosaken als wehrhafter Bauern bei. Als Folge der Einfälle konnten die südlichen Steppengebiete erst im 18. Jahrhundert, als die Tatarengefahr beseitigt war, vollwertig besiedelt werden (Neurussland). Das unter Zar Peter dem Großen erstarkte Russland betrieb gegen die Krimtataren eine aktive Zurückdrängungspolitik.
Annexion des Krim-Khanats und russische Herrschaft
Nachdem Russland 1771 die Krim erobert hatte, ersetzte es das osmanische Protektorat durch ein eigenes und garantierte die Existenz des Khanats als „freies, von niemand abhängiges Gebiet“. Nach dem russischen Sieg 1774 über die Osmanen folgte mit dem Friede von Küçük Kaynarca eine neunjährige Zeit einer relativen Unabhängigkeit der Krimtataren. Mit dem Rückzug der Osmanen erfolgten in der krimtatarischen Oberschicht Debatten über eine neue Ausrichtung ihrer Außenpolitik. Es kam mehrfach zu Rebellionen der ausgesprochen antirussisch gesinnten tatarischen Bevölkerung gegen den erstarkenden russischen Einfluss. Katharina die Große duldete Sahin Giray als Khan auf dem Thron, der jedoch mit seiner prorussischen Annäherung und Reformpolitik in der Bevölkerung keine Sympathien gewann. Mehrfach intervenierte das Russische Kaiserreich militärisch, um dessen Gegner auszuschalten und Sahin wieder einzusetzen. Es kam zu größeren Zerstörungen. Mit der Umsiedlung der auf der Krim lebenden Griechen und Armenier auf russisches Territorium brach eine wichtige Handelsstütze in der krimtatarischen Gesellschaft zusammen.
Letzten Endes erfolgte die Annexion durch Russland auf Anraten und unter Kommando Grigori Alexandrowitsch Potjomkins im Jahre 1783. Der Khan wurde durch einen russischen Gouverneur ersetzt (Gouvernement Taurien), der krimtatarische Adel (mirza) in die Verwaltungsstruktur des Khanats integriert. Sein Landbesitz und seine Privilegien wurden garantiert. Auch die tatarischen Bauern behielten ihr Land. Aufgrund dieser Politik blieben große Erhebungen gegen die russische Herrschaft aus. Mit der geförderten Ansiedlung von russischen und ausländischen Siedlern auf der Krim, der damit verbundenen Enteignung, der Verdrängung des Adels aus der Administration und den Städten wurden Krimtataren in größeren Auswanderungswellen (größere in den 1790er und 1850er Jahren) in die Emigration getrieben. Sie siedelten sich in Teilen des heutigen Rumäniens und Bulgariens an, die damals zum Osmanischen Reich gehörten. Viele Badehäuser, Moscheen, Springbrunnen und Zeugnisse der Antike wurden zerstört. Nach der Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Krimtataren zu einer Minderheit auf der Krim geworden. Alle wichtigen Verwaltungsaufgaben wurden von Russen übernommen, die demographisch und wirtschaftlich geschwächte Bevölkerungsgruppe der Krimtataren auch politisch entmachtet.
Kurzzeitige Autonomie im Ersten Weltkrieg
Nach dem Sturz des Zaren waren die Krimtataren eine der zahlreichen nichtrussischen Ethnien in Russland, die sich politisch und sozial mobilisierten. Im Juni 1917 wurde eine nationale Partei gegründet, Milli Firka, die territoriale Autonomie für die Krimtataren forderte. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen der krimtatarischen und der russisch-ukrainischen Bevölkerung. Nach der Oktoberrevolution (1917) wurde im Dezember auf der Krim ein kurzlebiger Staat der Krimtataren mit Namen Volksrepublik Krim ausgerufen, der aber weniger als einen Monat existierte, bevor ihn die Bolschewiki zerschlugen. Unterstützung suchte die Führungsschicht der krimtatarischen Nationalbewegung unter den Kriegsgegnern Russlands im Ersten Weltkrieg. Das Osmanische Reich wünschte die Errichtung eines muslimischen Krimstaates unter osmanischem Protektorat. Erich Ludendorff dagegen bevorzugte die Gründung eines deutschen Kolonialstaates auf der Krim – eine Vorstellung, auf die Adolf Hitler wieder zurückgriff (Gotenland). Unter der deutschen Besatzung, vom Frühjahr bis Herbst 1918, wurde die von den Bolschewiki verbotene nichtrussische Presse wieder zugelassen, die Simferopoler Universität gegründet und eine eigene Krim-Staatsbürgerschaft eingeführt.
1921 entstand die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik Krim innerhalb der RSFSR. Während der Hungersnot von 1921 bis 1922, die ein staatlich erzwungener Getreideexport auslöste, starben etwa 15 % der Krimtataren. In der autonomen Sowjetrepublik war das Krimtatarische offizielle Sprache neben dem Russischen und krimtatarische Kultur und Sprache wurden gefördert. Ab 1927 mit dem Beginn des stalinistischen Terrors wendete sich das Blatt, kulturelle Einrichtungen der Krimtataren wurden wieder verboten und die traditionelle arabische Schreibweise des Krimtatarischen wurde kurz nacheinander durch die lateinische und dann durch die kyrillische Schreibweise ersetzt. Das bedeutete den Verlust des Zugangs zur geschriebenen Tradition für die nachfolgenden Generationen.
Die Bevölkerung der Krim bestand im Jahre 1936 den Angaben der ersten Ausgabe der Großen Sowjetischen Enzyklopädie zufolge aus: Russen 43,5 %; Ukrainer 10 %, Juden 7,4 %, Deutsche 5,7 %, Tataren 23,1 % (202.000 aus der Gesamtbevölkerung von 875.100).
Deutsche Besetzung, Kollaboration und Deportation im Zweiten Weltkrieg
Die deutschen Besatzungstruppen des Zweiten Weltkrieges wurden aufgrund der erlittenen Unterdrückung 1941 auf der Krim freundlicher empfangen als an anderen Orten der Sowjetunion. Etwa 20.000 Krimtataren, also etwa 7 Prozent der gesamten krimtatarischen Bevölkerung, stellten sich der Wehrmacht zur Verfügung, praktisch alle wehrfähigen Männer, doppelt so viele, wie zur Roten Armee eingezogen worden waren. Krimtatarische Einheiten wurden vom deutschen Sicherheitsdienst im rückwärtigen Gebiet und zur Partisanenbekämpfung eingesetzt, außerdem als Selbstschutz in den Dörfern. Als Verband aus krimtatarischen Freiwilligen wurde im Juli 1944 die tatarische SS-Waffen-Gebirgs-Brigade Nr. 1 gebildet. Auf Initiative des Führers der Einsatzgruppe D des Sicherheitsdienstes, SS-Oberführer Otto Ohlendorf, gelang es, viele der kollaborationswilligen Krimtataren, die schon in der Anfangsphase der Besetzung der Krim für Spitzelaufgaben herangezogen wurden, für diese Truppe zu gewinnen und damit die personell geschrumpfte deutsche 11. Armee zu ergänzen. Ende 1944 wurde die Brigade aufgelöst, ihre zuletzt 3.500 Kämpfer wurden der SS-Waffengruppe Krim zugeteilt.
Auch an der sowjetischen Partisanenbewegung beteiligten sich Krimtataren. Acht Krimtataren wurden mit dem Titel Held der Sowjetunion ausgezeichnet, einem krimtatarischen Piloten – Amet-Chan Sultan – wurde dieser Preis zweimal verliehen.
Am 9. April 1944 verlor die Wehrmacht Odessa. In der Schlacht um die Krim gelang der Roten Armee bis zum 12. Mai die vollständige Rückeroberung der Halbinsel.
Aus den südlichen Regionen der Sowjetunion wurden im Zweiten Weltkrieg mehrere Völker, von denen versucht worden war, den Krieg zu nutzen, um deren Unabhängigkeit durchzusetzen, in den asiatischen Teil der Sowjetunion deportiert. Die autonomen Republiken der Kalmücken, Tschetschenen und Inguschen wurden aufgelöst, auch die Autonome Sowjetrepublik Krim. Unter dem Vorwurf der kollektiven Kollaboration mit den Nazis wurden alle Krimtataren nach Zentralasien deportiert. Innerhalb weniger Tage (18. bis 20. Mai 1944) wurden etwa 189.000 Menschen unter fürchterlichen Bedingungen per Zug verfrachtet. Die Waggons der Deportierten wurden häufig tagelang nicht geöffnet, zwischen 22 % und 46 % bewegen sich die Schätzungen über die Prozentzahl der Todesopfer durch Verdursten, Verhungern und durch Krankheiten.
Die sowjetische Deportation von 1944 hatte den Charakter eines Völkermords im Allgemeinen und an den Krimtataren im Besonderen: Sie zielte darauf ab, die Krimtataren als eigenständige Nationalität vollständig von der Landkarte zu tilgen und ihre traditionelle Lebensweise, soziale Struktur und kulturellen Einrichtungen zu beseitigen.
Während der folgenden Jahre wurden weitere nichtslawische Minderheiten (zumeist Krimarmenier, Griechen, Krimdeutsche, Krimitaliener) in die Emigration getrieben; nur Russen, Weißrussen und Ukrainer wurden ermutigt, dort zu siedeln.
Durch Beschluss des Obersten Sowjets der UdSSR am 19. Februar 1954 aus Anlass des 300. Jahrestags des Vertrages von Perejaslaw wurde die Oblast Krim am 26. April 1954 an die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik (USSR) übertragen.
Rückkehr
Unter den nichtrussischen nationalen Bewegungen in der Sowjetunion seit den 1960er Jahren wurden die Krimtataren am frühesten und intensivsten politisch mobilisiert. Sie setzten sich für die Rückkehr in ihre Heimat und die Wiedererrichtung ihrer Republik ein. 1967 wurden die Krimtataren zwar vom Präsidium des Obersten Sowjets per Dekret vom Vorwurf des kollektiven Verrats freigesprochen, unter den politischen Häftlingen der 1970er Jahre waren sie aber weit überproportional vertreten.
1985 hatte Gorbatschows Glasnost und Perestroika begonnen. Seit 1989 durften sie schließlich trotz der Gegnerschaft der inzwischen dort lebenden Bevölkerung wieder zurückkehren, jedoch nicht in ihre ursprünglichen Siedlungsgebiete. Stattdessen wurden sie auf der Halbinsel verteilt.
1990 gab es wieder etwa 20.000 Krimtataren auf der Krim. Sie erhielten aber trotz Perestroika keine Unterstützung von den Behörden. Teilweise wurden sie erneut deportiert oder ihre provisorischen Häuser zerstört. Viele ließen sich ohne behördliche Erlaubnis nieder.
Im zweiten Halbjahr 1991 zerfiel die Sowjetunion; im Zuge dieses Prozesses erklärten am 24. September 1991 die Ukraine und tags darauf Belarus ihre Unabhängigkeit.
Im Juni 1991 wurde auf der Krim der Medschlis des Krimtatarischen Volkes organisiert, ein Rat der Krimtataren, der eine politische Vertretung der krimtatarischen Nationalbewegung darstellt. Derzeitiger Vorsitzender ist Refat Abdurachmanowitsch Tschubarow.
Minderheit in der zur Ukraine gehörenden Krim
Seit Ende der 1980er-Jahre sind (Stand ca. 2008) etwa 266.000 aus der Deportation zurückgekehrt. Inzwischen haben sie friedlich ihre politische Anerkennung erreicht, nicht jedoch die rechtliche. Da auf der Krim das Mehrheitswahlrecht gilt, sind alle Minderheiten im Krim-Parlament unterrepräsentiert.
1992 wurde Krimtatarisch zur dritten regionalen offiziellen Sprache der Halbinsel erklärt, da deren Sprecher zwischenzeitlich über 10 Prozent der Bevölkerung ausmachten.
Die Krimtataren verbündeten sich in der Regel mit der Zentralregierung der Ukraine gegen die an Russland orientierte Regierung der Krim. 1998 verloren sie die Garantie einer festen Zahl von Sitzen im Parlament von Kiew. Die Wiederherstellung dieser Quote, eine angemessene Vertretung in den Behörden sowie die Verbesserung ihrer wirtschaftlichen und sozialen Lage sind Ziele der krimtatarischen Bewegung. In den 1990er-Jahren hatten ihre Demonstrationen und Auseinandersetzung mit den Ordnungskräften ein erhebliches Gewaltpotential.
Seit der Orangefarbenen Revolution (2004), die von den Krimtataren unterstützt wurde, unterstützte die Regierung in Kiew fallweise Interessen der Krimtataren auf der Krim (bzw. in der dortigen Gebietskörperschaft), wo die Bevölkerungsmehrheit russischstämmig ist.
Die Mehrheit der Krimtataren ist sunnitisch. Heute sind vermutlich etwa 280.000 oder fast 12 Prozent der 2,5 Millionen Bewohner der Krim Krimtataren; 150.000 Krimtataren leben noch in Usbekistan, eine große Zahl auch im südrussischen Bezirk Krasnodar.
Wie der Hochkommissar für nationale Minderheiten der OSZE im August 2013 berichtete, führte die Rückwanderung der ehemals deportierten Minderheiten auf der Krim zu sozialen und wirtschaftlichen Spannungen. Es gab Fälle von Hasspredigten, Verwüstungen religiöser Stätten, gewaltsamen Zusammenstößen und weit verbreitete Besetzungen von Grund und Boden.
Annexion der Krim durch Russland
Während der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim durch Russland 2014 rief der Medschlis des Krimtatarischen Volkes, eine nationalpolitische Vereinigung von Krimtataren, als Gegner einer Sezession der Krim von der Ukraine zum Boykott des Referendums über den Status der Krim auf. Die von Russland eingesetzte Krim-Regierung bot dem Rat der Krimtataren einen Platz im Kabinett, wenn er die neue Regierung anerkenne. Milli Firka, die wiedergegründete krimtatarische Partei, erklärte dagegen, die Krimtataren würden dem Boykottaufruf des Medschlis nicht folgen.
Seit der Annexion der Krim im Frühjahr 2014 leben die Krimtataren wieder de facto, aber von der großen Mehrheit der Weltgemeinschaft nicht anerkannt, unter russischer Herrschaft.
Seit 2006 gab es mit ATR den privaten Fernsehsender eines krimtatarischen Geschäftsmanns. Nach der Annexion der Halbinsel durch Russland erhielt er keine Sendelizenz mehr. Seitdem sendet er aus Kiew.
Krimtataren, die aufgrund des russischen Kriegs im Osten der Ukraine bzw. wegen der Annexion der Krim als Internally displaced persons (IDPs) in die westlichen Landesteile geflüchtet sind, werden unter anderem von der Lemberger Nichtregierungsorganisation Crimea SOS in Zusammenarbeit mit dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen betreut.
Im April 2014 erließ Russlands Präsident Putin ein Gesetz über die „Rehabilitierung der Krimtataren“, die unter der Gewaltherrschaft von Stalin gelitten hatten. Man müsse alles tun, damit der „Anschluss an die Russische Föderation von der Wiederherstellung legitimer Rechte der krimtatarischen Nation flankiert werden könne“ – so Putin.
Tatsächlich jedoch stellten die Vereinten Nationen 2017 fest, dass die Menschenrechtslage auf der Krim sich seit der Annexion durch Russland signifikant verschlechtert hat.
Die Strafverfolgungsbehörden der Russischen Föderation führten Strafprozesse gegen mehrere Dutzend Krimtataren, die die ihnen zwangsweise verliehene russische Staatsbürgerschaft nicht akzeptieren wollten. Inhaftiert wurden auch Teilnehmer von Protestaktionen.
Tataren flohen in die übrigen Teile der Ukraine, versuchten zu fliehen nach dem Russischen Überfall auf die Ukraine 2022, und nochmals bei der Anordnung der russischen Mobilmachung im September 2022.
Nach 2014 lebten Krimtataren beispielsweise auf dem ukrainischen Festland in der Region Winnyzja. Isa Akajew ist Kommandant des von ihm in Kiew gegründeten Krim-Bataillons mit etwa 50 Kämpfern. Er war im Einsatz gegen den Überfall auf Kiew 2022. Im Untergrund operiert seit 2022 die Partisanengruppe Atesh gegen das russische Militär.
Gesellschaft
Diaspora
Der Großteil der Krimtataren und ihrer Nachfahren lebt in der Diaspora in der Türkei. Bis zu 5 Mio. werden angegeben, die vollständig integriert und über entsprechende Kulturvereine eng vernetzt sind. Darunter fallen auch die Nachfahren der schon im 19. Jahrhundert in das Osmanische Reich ausgewanderten Krimtataren. Schwerpunkt bildet die Stadt Eskişehir. Eine ähnliche Vorgeschichte haben die Krimtataren in Rumänien und Bulgarien. In Ostthrakien im heutigen europäischen Teil der Türkei leben Krimtataren schon seit der osmanischen Zeit, insbesondere Mitglieder der Giray in Edirne und Umgebung.
Die zweitgrößte Gruppe bilden die Nachfahren der von Stalin deportierten Bewohner in die zentralasiatischen Staaten, vor allem Usbekistan (100.000). Diese machen einen großen Teil der Rückkehrer aus.
Religion
Die heutigen Krimtataren sind sunnitische Muslime hanafitischer Rechtschule. Seit der vermehrten Rückkehr der Vertriebenen gibt es wieder einige repräsentative Gotteshäuser, die Imame werden jedoch aufgrund fehlender Ausbildungsmöglichkeiten meist im Ausland, vor allem in der Türkei ausgebildet.
Das religiöse Verständnis wird u. a. durch İsmail Gasprinski stark von einer säkularen, reformatorischen Lehrmeinung dominiert, die schon in der Volksrepublik Krim als erste säkulare Republik in der islamischen Welt kurzzeitig Ausdruck fand. Einfluss hatten hier auch die später erfolgte Säkularisierung der Türkei unter Kemal Atatürk.
In letzter Zeit soll es vermehrt inoffizielle Prediger aus dem arabischen Raum geben, die radikalere Lehren predigen, unter anderem die Hizb ut-Tahrir. Große islamistische-motivierte Vorkommnisse oder Organisationen gibt es allerdings nicht.
Kultur
Die Anfänge der krimtatarischen Literatur finden sich in der Dīwān-Literatur der Khans. So gelten die Khans Ğazı II Giray (1554–1608) und Halim Giray Han (1772–1824) als bekannte Dichter. Sie ist stark von der persischen Lyrik beeinflusst.
Nach der Russischen Revolution 1905 erlangt die Literatur eine neue Blüte. In der von İsmail Gasprinski herausgegebenen Zeitung Tercüman sammelte sich ein Kreis krimtatarischer Autoren und Politiker wie Hasan Sabri Ayvazov (–1936) und Ahmet Özenbaşlı (1867–1924). Gegen die „zu gemäßigt“ aufgefassten Positionen bildete sich in der Zeitung Vatan hâdimi eine literarische Gegenbewegung mit der Gruppe der „Genç Tatarlar“ („Jungtataren“).
1928 wurde auch von den Krimtataren das Neue Turksprachige Alphabet übernommen, das allerdings schon 1938 durch Anweisung Stalins zugunsten eines modifizierten kyrillischen abgelöst wurde.
Mit der vollständigen Deportation der Krimtataren kam der Literaturbetrieb abrupt zu Ende. Die Zeit der Deportation, des Exils und der Rückkehr wurden von dem im englischen Exil lebenden Cengiz Dağcı in Worte gefasst. Zu den zeitgenössischen Autoren gehören ferner Şakir Selim, Ablayaziz Veliyev, Rıza Fasil und Yunus Kandim. Die Zahl der Menschen, die die krimtatarische Sprache verwenden, wird heute auf 500.000 geschätzt, wovon etwa die Hälfte auf der Krim lebt.
Bekannte Krimtataren
İsmail Gasprinski (1851–1914), Intellektueller, Pädagoge, Verleger und Politiker
Ahatanhel Krymskyj (1871–1942), Schriftsteller
Edige Mustafa Kirimal (1911–1980), türkischer Politiker und Vertreter der Krimtataren in Deutschland
Noman Çelebicihan, Politiker, Präsident der kurzlebigen Republik der Krimtataren
Muazzez İlmiye Çığ (* 1914), türkische Sumerologin
Halil İnalcık (1916–2016), türkischer Historiker
Amet-Chan Sultan (1920–1971), Sowjetischer Kampfpilot
Cüneyt Arkin (1937–2022), türkischer Schauspieler und Regisseur
Mustafa Abduldschemil Dschemilew (Qırımoğlu) (* 1943), sowjetisch-ukrainischer Politiker
İlber Ortaylı (* 1947), türkischer Historiker
Enwer Ismailow (* 1955), ukrainischer Jazz-Gitarrist
Hasan Polatkan (1915–1961), türkischer Politiker
Orhan Gencebay (* 1944), türkischer Sänger, Saz-Virtuose und Schauspieler
Jamolidin Abdujaparov (* 1964), Radrennfahrer
Achtem Seitablajew (* 1972), Schauspieler und Regisseur
Emir-Ussejin Kuku (* 1976), Menschenrechtsaktivist
Rustem Umjerow (* 1982), seit September 2023 Verteidigungsminister der Ukraine
Ernes Sarykhalil (* 1983), Filmregisseur
Jamala (* 1983), Sängerin, Gewinnerin des Eurovision Song Contest 2016.
Tamila Taschewa (* 1985), Politikerin und Aktivistin
Sewhil Mussajewa (* 1987) Journalistin
Serwer Mustafajew (* 1986), Menschenrechtsaktivist
Galerie
Siehe auch
Tatarensturm
Literatur
Alim Alijew, Anastassija Lewkowa: Qirim іnciri. Кримський інжир. Чаїр. Wydawnyztwo Staroho Lewa, Lwiw 2021 ISBN 978-617-679-950-4
Anastassija Lewkowa: За Перекопом є земля. Кримський роман. Laboratorija, Kyjiw 2023, ISBN 978-617-8203-81-8
Ulrich Hofmeister, Kerstin S. Jobst (Hrsg.): Krimtataren. In: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften (ÖZG) / Austrian Journal of Historical Studies, 28, 2017. 1. Studienverlag, .
Weblinks
Verbannungsbefehl vom 11. Mai 1944 (englisch, russisch)
Tatar.Net
Vatan KIRIM, Krimtatar diaspora in der Türkei
Kapitel Krimtataren in Studienarbeit „Die Nationale Frage auf der Krim“ von Veit Kühne
Krim: Ausschreitungen zwischen Tataren und Russen (15. August 2006)
Einzelnachweise
Ethnische Minderheit in der Ukraine
Ethnische Minderheit in Litauen
Autonome Republik Krim
Geschichte der Krim
Tataren
Indigenes Volk in Europa
Indigenes Volk in Asien
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Q117458
| 160.364977 |
49277
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https://de.wikipedia.org/wiki/Seoul
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Seoul
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Seoul (; siehe auch Namen Seouls) ist die Hauptstadt Südkoreas. Der amtliche koreanische Name lautet „Besondere Stadt Seoul“ (). Diese Bezeichnung weist auf den Status als Hauptstadt und auf die verwaltungspolitische Gleichstellung gegenüber den Provinzen hin (siehe auch Verwaltungsgliederung Südkoreas).
Die Einwohnerzahl von Seoul beträgt etwa 9,8 Millionen (2019). Die Stadt ist das Zentrum der Metropolregion Sudogwon (, ), in der etwa 25,4 Millionen Menschen (2015) leben und damit etwa ein Drittel der gesamten Koreanischen Halbinsel. Sudogwon gilt als einer der sechs größten Ballungsräume der Welt und ist der viertgrößte Wirtschaftsraum der Welt.
Neben ihrem Status als Hauptstadt ist Seoul zudem das Finanz-, Kultur- und Bildungszentrum Südkoreas. 15 der Fortune-Global-500-Unternehmen haben ihren Hauptsitz in Seoul, darunter Samsung, LG und Hyundai. Weiterhin richtete die Stadt die Olympischen Sommerspiele 1988 aus und war einer der Austragungsorte der Fußball-Weltmeisterschaft 2002. Als historisches Zentrum Südkoreas und Ursprungsort der Koreanischen Welle und des K-Pop verzeichnete Seoul im Jahr 2018 über 9,5 Millionen Touristen und war damit die zehntmeist besuchte Stadt der Welt.
Bereits 18 v. Chr. bis 475 war Seoul die Hauptstadt des Königreichs Baekje. Von 1394 bis 1910 war sie die Hauptstadt der Reiche Joseon und des Koreanischen Kaiserreichs. Zur Hauptstadt der Republik Korea wurde sie im Jahr 1945 erhoben. Auch Nordkoreas Verfassung sah Seoul als rechtmäßige Hauptstadt vor, bis eine Verfassungsänderung von 1972 Pjöngjang zur Hauptstadt der Volksrepublik erhob, wo die nordkoreanische Führung seit Ende des Zweiten Weltkrieges einen provisorischen Regierungssitz eingerichtet hatte.
Geografie
Geografische Lage
Die Stadt liegt im nordwestlichen Teil des Landes in Grenznähe zu Nordkorea durchschnittlich 87 Meter über dem Meeresspiegel am Unterlauf des Flusses Hangang (, ), dessen Oberläufe Bukhangang ‚Nord-Han-Fluss‘ und Namhangang ‚Süd-Han-Fluss‘ östlich der Stadt bei Yangsu-ri zusammenfließen. Die Stadtmitte ist von zahlreichen Bergen umgeben. In der Stadtmitte erhebt sich der Namsan (, ) mit Fernsehturm und Seilbahn. Der Berg Bukhansan ‚Berg nördlich des Han[gang]‘ befindet sich im Norden der Stadt, die Festung Namhansanseong im Südosten. In den umliegenden Tälern liegen viele kleine Dörfer und alte buddhistische Klöster. Südlich Seouls befindet sich der Berg Gwanaksan als wichtiges Naherholungsgebiet.
56 Kilometer nördlich von Seoul liegt auf dem 38. Breitengrad, der seit dem Koreakrieg die innerkoreanische Grenze bildet, der Ort Panmunjeom. Dort wurde am 27. Juli 1953 das Waffenstillstandsabkommen zwischen Nord- und Südkorea unterzeichnet.
Im Stadtgebiet Seouls umfließt der Hangang einige Inseln, deren wichtigste Yeouido ist. Ein Arm des Flusses wurde zur Landgewinnung trockengelegt. Der historische Kern Seouls liegt in geomantisch günstiger Lage etwas nördlich des Flusses, der hier leicht w-förmig und nach seinem Austritt aus dem Stadtgebiet in nordwestlicher Richtung nach der Insel Ganghwado und dem Gelben Meer weiterfließt, während nach Südwesten Seoul nahtlos in seine Hafenstadt Incheon übergeht.
Die geografischen Koordinaten Seouls sind . Damit liegt es etwa auf der Breite Athens (37° 54′ N) und Lissabons (38° 43′ N).
Stadtgliederung
Obwohl Seoul als „Besondere Stadt“ in der Verwaltungsgliederung Südkoreas einer Provinz gleichgestellt ist, entspricht die Untergliederung derjenigen aller anderen Städte – in Stadtbezirke (, ) und Stadtviertel (, ).
Seoul gliedert sich in 25 Stadtbezirke, deren erste sieben im Jahr 1943 eingerichtet wurden. Die Bezirke sind in 522 Dong unterteilt, diese wiederum in 13.787 Tong und diese schließlich in 102.796 Ban. Letztere werden im Alltag aber kaum genutzt. Die Stadtbezirke Seouls sind:
Klima
Seoul befindet sich in der gemäßigten Zone, die Jahresdurchschnittstemperatur beträgt 12,5 °C. Das Klima ist von starken Gegensätzen geprägt, so beträgt die Jahreshöchsttemperatur im Durchschnitt 29,6 °C im August, die niedrigste Durchschnittstemperatur liegt im Januar bei −5,9 °C. In den Vorstädten Seouls ist es in der Regel kühler als in der Seouler Innenstadt aufgrund des Effekts der Städtischen Wärmeinsel ().
Die Sommer sind während der Monsun-Zeit (im Koreanischen genannt) von Juni bis September sehr warm und feucht, insbesondere im August. Die Tageshöchsttemperaturen liegen oft jenseits von 30 °C. Die höchste in Seoul gemessene Temperatur liegt bei 39,6 °C im August 2018. Der August ist durchschnittlich der heißeste Monat in Seoul; die Temperatur beträgt im Durchschnitt 25,7 °C. 70 % des jährlichen Niederschlags, der durchschnittlich 1450,6 Millimeter beträgt, fallen während der Monsun-Zeit, 394,7 Millimeter davon allein im regenreichsten Monat Juli. In Seoul herrscht Ostseitenklima.
Die Winter sind stark von kalten Winden aus Sibirien beeinflusst und daher sehr kalt, aber trocken. Üblicherweise wechseln sich durch eine bestimmte Hochdruckkonstellation drei sehr kalte Tage und vier wärmere Tage ab. Der kälteste Monat ist der Januar mit einer Durchschnittstemperatur von −2,4 °C, in dem mit durchschnittlich 20,8 Millimetern auch am wenigsten Niederschläge fallen. Die niedrigste Temperatur in Seoul wurde am 31. Dezember 1972 gemessen und betrug −23,1 °C. Auch wenn die kältesten Temperaturen aus den Anfangszeiten der Klimaaufzeichnungen stammen, sind Temperaturen von −10 °C keine Seltenheit.
Luftqualität
In den vergangenen Jahren sind Luftverschmutzung und Feinstaub ein immer größeres politisches Thema geworden. Nach Daten der Weltgesundheitsorganisation lag der Jahresdurchschnitt der Konzentration von PM2,5 in Seoul bei 24 Mikrogramm pro Kubikmeter im Jahr 2014 und damit 2,4-mal höher als der empfohlene Maximalwert der WHO-Luftqualitätsrichtlinien. Der „Yellow-Dust“-Wüstenstaub, Emissionen aus China sowie Emissionen aus Korea und Seoul tragen zur Luftverschmutzung Seouls bei.
Geschichte
Name
Seoul war in der Vergangenheit als Wiryeseong (Hangeul: ; Hanja: , zur Zeit des Reichs Baekje), Hanyang (; , zur Zeit Sillas), Namgyeong (; ) und Hanseong (; , zur Zeit Joseons) bekannt. Während der japanischen Besatzung hatte Seoul den Namen Keijō (; ; RR: Gyeongseong).
Seoul ist rein koreanisch und bedeutet „Hauptstadt“. Bis 2005 war der offizielle chinesische Name für Seoul , bedeutungsgleich mit dem offiziellen Namen der Stadt während der Joseon-Dynastie, Hanseong. Am 18. Januar 2005 änderte die chinesische Regierung den Namen allerdings zur chinesischen Aussprache für Seoul zu .
Ursprung
Archäologische Untersuchungen zeigen, dass sich bereits seit etwa 4000 v. Chr. Menschen am Han-Fluss ansiedelten, wo sich heute Seoul befindet. Die ersten historischen Aufzeichnungen über Seoul gehen zurück bis ins erste Jahrhundert vor Christus. Zur Zeit der Drei Reiche befand sich die Hauptstadt des Königreichs Baekje, Wiryeseong, im nordöstlichen Teil des heutigen Seouls. Aus dieser Zeit gibt es noch immer Überreste der Stadtmauer. 475 wurde die Hauptstadt nach Gongju verlegt und das Königreich Goguryeo übernahm die Kontrolle über das Gebiet. Weniger als hundert Jahre später erkämpfte sich das Silla-Reich die Kontrolle über das Gebiet. Während der Sillazeit war Seoul vermutlich nur ein kleines Dorf namens Hansanju.
Regierung der Goryeo-Dynastie
In der späteren Phase des vereinten koreanischen Reichs Goryeo wuchs die Bedeutung von Seoul. 1068 ließ König Munjong auf dem Gebiet des heutigen Seouls einen Sommerpalast errichten und die sich zur Stadt entwickelnde Siedlung wurde Verwaltungssitz für die umliegenden Gebiete. Die Stadt wurde Namgyeong („südliche Hauptstadt“) genannt. Die eigentliche Hauptstadt war aber, abgesehen von sehr kurzen Abschnitten, das ungefähr 60 km weiter nordwestlich liegende heutige Kaesŏng.
Herrschaft der Joseon-Dynastie
Yi Seong-gye beendete 1392 die Herrschaft Goryeos, gründete die Joseon-Dynastie und beschloss, die Hauptstadt zu verlegen. Einer Gründungsgeschichte nach galt unter Pungsu-Geomanten (Experten des Feng Shui) die Kraft der damaligen Hauptstadt Gaegyeong als aufgebraucht. Deshalb sollte am Fuße des Gyeryongsan eine neue Stadt gebaut werden. Dieser sei allerdings aus Sicht des Feng Shui nicht gut geeignet. Stattdessen sei der Ort Hanyang für die Hauptstadt einer zukünftigen Dynastie bestimmt. Der Stadt wurde im Norden durch einen Berg und im Süden durch einen Fluss Schutz geboten. Daher wurde 1394 Hanyang zur Hauptstadt Koreas ernannt und mit dem Bau eines neuen Palastes, des Gyeongbokgung, Tempeln und Stadtmauern begonnen. Die Mauer war 18 km lang und verband die vier Berge Bugaksan, Inwangsan, Namsan und Naksan, die die Stadt umgeben. Dort steht sie teilweise noch heute. Auch die wichtigsten Stadttore sind erhalten geblieben. Zwei der Tore, Sungnyemun (häufig Namdaemun genannt) und Dongdaemun, sind weitläufig bekannt. Die Tore wurden täglich geöffnet und geschlossen. Eine laute Glocke wurde geläutet, um dies zu signalisieren.
Weitere Palastbauten folgten. Von 1405 bis 1412 wurde der Changdeokgung errichtet, 1616 der Gyeonghuigung. Der Name der Stadt wurde später in Hanseong (, ) geändert. Obwohl die Stadt durch ihre Lage gut zu verteidigen war und durch starke Mauern geschützt war, wurde sie im Imjin-Krieg 1592 nach der Schlacht von Chungju von den Japanern erobert, 1635 wurde sie von den Mandschuren eingenommen. Erst unter der Herrschaft König Yeongjos (1724–1776) blühte die Stadt wieder auf, da sie ihre gute Position am Hangang ausspielen konnte. Sie wuchs zu dem wichtigsten Handelszentrum heran.
1872 zog der König zurück in den Gyeongbokgung. Dieser Palast war nach der Zerstörung im Imjin-Krieg lange verfallen und war erst 1865 wiederaufgebaut worden. In der Zwischenzeit hatte der ursprünglich nicht dafür gedachte Changdeokgung als Regierungssitz fungiert.
Einführung des Christentums in Seoul
1784 errichteten Yi Pyeok, Kweon Il-shin und Yi Seung-hun eine erste Kirche in Seoul in der Absicht, eine katholische Glaubensgemeinschaft zu gründen. Diese war von Anfang an schweren Verfolgungen ausgesetzt. Die Herrscher sahen in den Katholiken Verbündete der europäischen Kolonialmächte. Das Land sollte konfuzianisch bleiben. Als König Sunjo seinem Vorgänger Jeongjo auf den Thron folgte, setzte eine massive Verfolgung des Katholizismus ein. In den Jahren 1801, 1839–1846 und 1866–1876 kam es zu Christenverfolgungen in Seoul, die in Wellen das ganze Land erfassten. Trotzdem wuchs die Zahl der zum katholischen Glauben konvertierten Koreaner. An die Zeit der Verfolgung und die Märtyrer erinnert das Heiligtum der koreanischen Märtyrer auf dem Jeoldusan („Enthauptungsberg“) am Ufer des Hangang.
Von den Missionaren wurde das inzwischen fast vergessene koreanische Alphabet () benutzt und propagiert, das leichter zu erlernen war als die chinesischen Zeichen (Hanja). Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde das Hangeul zunehmend in der Volksbildung benutzt und setzte sich als nationale Schrift Koreas durch. Diese Entwicklung förderte die Verbreitung des christlichen Glaubens, dessen Schriften alle in Hangeul veröffentlicht waren.
Mit der 1882 durch die USA erzwungenen „Öffnung“ Koreas wurde Korea verpflichtet, missionarische Aktivitäten zu dulden. 1885 kamen die methodistischen Missionare Horace Underwood und Henry Appenzellar nach Seoul, die 1886 mit presbyterianischen Missionaren die noch heute existierende Seoul Union Church gründeten, im selben Jahr gab es auch die ersten geheimen Taufen von Einheimischen. Nach Korea waren schon vorher protestantische Missionare gekommen, beispielsweise Robert Jermain Thomas, der Bibeln nach Korea schmuggelte und 1866 in Pjöngjang hingerichtet wurde.
Als Korea 1910 Japans Kolonie wurde, forderten die Japaner die Verehrung des Tennō. Dies wurde von den koreanischen Christen (anders als von japanischen Christen) als Götzendienst abgelehnt. Dadurch kam es zu Christenverfolgungen durch die Japaner, aber auch dazu, dass viele Christen in der nationalen Unabhängigkeitsbewegung mitarbeiteten. Dies und die Standhaftigkeit der Christen in der Verfolgung führte zu zahlreichen Konversionen.
Japanische Kolonialzeit
Auf Druck Japans öffnete sich Korea am 24. Februar 1876 gegenüber dem Ausland. In der Folgezeit wurden Botschaften Japans und westlicher Staaten eröffnet, auch ein deutsch-koreanisches Freundschafts- und Handelsabkommen wurde im Juni 1882 beschlossen. Ausländische Firmen siedelten sich in Seoul an und der Handel blühte weiter auf. 1888 wurden Telegrafenleitungen nach Incheon, Ŭiju und Busan eröffnet, 1899 mit der Gyeongin-Strecke ins nahe Incheon die erste Eisenbahnverbindung Seouls. Im selben Jahr nahm die elektrische Straßenbahn Seoul den Betrieb auf. Am 1. Januar 1905 wurde die wichtige Gyeongbu-Strecke nach Busan eröffnet, im November 1905 auch für den allgemeinen Verkehr. Die Einwohnerzahl, die über zwei Jahrhunderte bei 200.000 gelegen hatte, begann stetig zu wachsen, 1936 lag sie bei 730.000, 1949 bei 1.418.000 Einwohnern.
1910 wurde Korea von Japan annektiert und in das Japanische Kaiserreich mit dem Provinznamen Chōsen eingegliedert. Hanseong wurde zur Kolonialhauptstadt ernannt; Der amtliche Name der Stadt lautete während dieser Zeit Keijō (; , „Hauptstadt“), Hauptstadt der gleichnamigen Präfektur (, Keijō-fu; Gyeongseong-bu). Die Japaner bauten die Stadt zum Zentrum der Provinz aus, vergrößerten das Stadtgebiet stark und sorgten mit großangelegten Strukturmaßnahmen für ein Aufblühen der Industrie und anderer Wirtschaftszweige. Der Baustil der Gebäude wurde gegenüber früher moderner. Gegenüber der Bevölkerung wurde aber insbesondere während des Zweiten Weltkriegs, ähnlich wie in anderen japanisch besetzten Ländern, eine repressive Kolonialpolitik betrieben: Die koreanische Kultur wurde unterdrückt, Männer wurden in die japanische Armee genötigt oder zwangsrekrutiert und Frauen in Kriegsgebiete verschleppt und dort als sogenannte Trostfrauen in Kriegsbordellen teilweise jahrelang festgehalten. Koreanische Bauern mussten ihr Land aufgeben und Koreaner wurden gezwungen, japanische Namen anzunehmen. In Schulen wurde in japanischer Sprache unterrichtet.
Nach der Kapitulation Japans am 15. August 1945 ging dieser Teil des japanischen Kolonialreichs in die amerikanische Besatzungszone über, und Seoul wurde Sitz der US-Militärregierung (USAMGIK). Genau ein Jahr nach der Unabhängigkeit von Japan wurde die Stadt zu Seoul umbenannt. Damit trug sie nun zum ersten Mal auch offiziell diesen Namen. Mit der Gründung der Republik Korea (Südkorea) am 15. August 1948 wurde Seoul zu deren Hauptstadt. Nachdem sie unter japanischer Herrschaft mit der sie umgebenden Provinz Gyeonggi-do zusammengelegt worden war, wurde sie nun administrativ wieder aus dieser herausgelöst und bekam den Status einer besonderen Stadt, der dem einer Provinz entspricht.
Koreakrieg
Am 25. Juni 1950 überschritten die Nordkoreaner die Demarkationslinie und eroberten bereits drei Tage später Seoul. Die Südkoreaner wurden bis auf einen schmalen Streifen um Busan zurückgedrängt. Erst durch die Landung von UN-Truppen (davon ca. 90 % US-Truppen) bei Incheon (28 km westlich von Seoul) wurden die Nordkoreaner empfindlich getroffen. Diese verschanzten sich in Seoul und mussten im Häuserkampf verlustreich aus der Stadt vertrieben werden. Nach dreitägigem Kampf erklärte der Befehlshaber der US-Truppen Seoul am 25. September – drei Monate nach Ausbruch des Krieges – als befreit, auch wenn in den nördlichen Vororten noch Schüsse und Artillerie zu hören waren.
Am 3. Januar 1951 mussten die Südkoreaner und Amerikaner die Stadt erneut räumen, da sie der Übermacht der mit einer chinesischen „Freiwilligen-Armee“ verbündeten Nordkoreaner nicht standhalten konnten. Am folgenden Tag wurde die Stadt von Nordkoreanern besetzt. Als Seoul am 14. März zurückerobert werden konnte, hatten die Nordkoreaner einen großen Teil der Bevölkerung entführt. Zudem war die Stadt fast vollständig zerstört. Augenzeugen berichten von einer schlimmeren Zerstörung als die von Berlin während des Zweiten Weltkrieges.
Vom Ausbruch des Krieges bis zum 1. August 1953 war Busan Regierungssitz. Seoul wurde der Status der Hauptstadt Südkoreas aber nie abgesprochen.
Neuere Entwicklung
Nach dem Ende des Koreakriegs begann man mit dem Wiederaufbau und Seoul wuchs sehr rasch. War die Bevölkerungszahl während des Koreakriegs wieder deutlich eingebrochen, stieg sie in den Folgejahren rasant an. 1963 wurde die 3-Millionen-Grenze überschritten. Zusammen mit den Fünf-Jahresplänen, mit denen die Militärregierung von Park Chung-hee den wirtschaftlichen Aufschwung Südkoreas begründete, wurde auch ein Plan für die Entwicklung und Modernisierung Seouls entworfen. Die Verwaltung der Stadt wurde direkt dem Premierminister unterstellt. Das Stadtbild änderte sich massiv und es wurde wenig Rücksicht auf Traditionelles genommen. Neben Baudenkmälern wie Palästen und Tempeln finden sich kaum noch ältere Bauten als aus den 1960er-Jahren. Aufgrund der Nähe zur nordkoreanischen Grenze konnte sich Seoul nicht in den Norden ausdehnen. Das Bevölkerungswachstum wurde zunächst auf Gebiete südlich des Hangangs konzentriert. Seoul wuchs zum politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum Südkoreas.
1968 wurde der Betrieb der Seouler Straßenbahn eingestellt, bevor am 15. August 1974 die erste U-Bahn-Linie eröffnet wurde. Das Streckennetz wird stetig erweitert, bedient auch die umliegenden Städte und ist im Westen mit der U-Bahn Incheons verbunden. Es ist eines der größten U-Bahnsysteme der Welt.
1986 war Seoul Gastgeber der 10. Asienspiele, bevor es zwei Jahre später Austragungsort der Olympischen Sommerspiele wurde. Bis 1991 wurde der Bürgermeister vom Präsidenten ernannt, seither werden er und der Stadtrat von der Bevölkerung direkt gewählt.
1994 feierte die Stadt ihren 600. Geburtstag, dabei wurde eine Zeitkapsel mit 600 Gegenständen, die das moderne Leben der Stadt repräsentieren, am Nordhang des Namsan vergraben. Das Jahr 1995 versetzte Einwohner in Besorgnis, weil verschiedene Baulichkeiten in der Stadt durch Baumängel und unwirksame behördliche Bauüberwachung zerstört wurden. Es begann mit dem Einsturz der Seongsu-Brücke über den Han-Fluss im Oktober 1994 (32 Todesopfer), setzte sich über zwei Gasexplosionen in Häusern (zusammen 113 Tote) fort und hatte einen tragischen Höhepunkt im Einsturz des Sampoong-Gebäudes. Diese schwerste, von Menschen zu verantwortende, Katastrophe in Südkorea kostete 501 Menschen das Leben, forderte 937 Verletzte und sorgte für sechs Vermisste.
Während der gemeinsam in Südkorea und Japan ausgetragenen Fußball-Weltmeisterschaft 2002 fanden in Seoul das Eröffnungsspiel, ein Vorrundenspiel sowie ein Halbfinalspiel statt.
Pläne des südkoreanischen Präsidenten Roh Moo-hyun, den Regierungssitz des Landes in die 120 Kilometer südlich von Seoul gelegene Provinz Chungcheongnam-do ins Gebiet der Stadt Gongju oder des benachbarten Landkreises Yeongi zu verlegen, sind nach massiven Protesten und der am 21. Oktober 2004 erfolgten negativen Entscheidung des koreanischen Verfassungsgerichts größtenteils gescheitert. Die Verlegung war ein Versprechen von Roh Moo-hyun während des Präsidentschaftswahlkampfes 2002, der damit eine Dezentralisierung der Verwaltung erreichen wollte. Die Stadt Sejong wurde 2007 gegründet und einige Ministerien und Behörden wurden dorthin verlegt, während viele Staatsorgane in Seoul verblieben.
2009 wurde vor dem Gyeongbokgung der Gwanghwamun-Platz eröffnet. Das Haupttor des Palastes ist das Gwanghwamun, wonach der Platz benannt ist. Auf dem Platz finden sich Statuen von König Sejong und Yi Sun-sin. König Sejong entwickelte das koreanische Alphabet und benannte das Sajeongmun in Gwanghwamun um. Der Ort entwickelte sich schnell zum zentralen Platz Seouls. 2016 versammelten sich entlang des Platzes Millionen von Menschen, um gegen die damalige Präsidentin Park Geun-hye zu demonstrieren. Direkt hinter dem Palast befinden sich das Präsidentenhaus und der Berg Bugak.
Massengedränge im Jahr 2022
Bei einem Massengedränge im Verlauf von Halloween-Feierlichkeiten im Ausgehviertel Itaewon-dong kamen in der Nacht vom 29. auf den 30. Oktober 2022 mindestens 156 Menschen ums Leben; mindestens 152 wurden verletzt.
Bevölkerung
Die Stadt Seoul hat eine sehr hohe Bevölkerungsdichte, die fast doppelt so hoch ist wie die von New York City. Die Metropolregion weist die höchste Bevölkerungsdichte der OECD in Asien auf und die zweithöchste weltweit, nach Paris.
Mit Stand 2016 lebten 404.037 ausländische Einwohner in Seoul. Knapp 60 % aller Ausländer in Südkorea leben in Seoul und der umliegenden Provinz Gyeonggi-do.
In einer Rangliste der Städte nach ihrer Lebensqualität belegte Seoul 2018 den 79. Platz unter 231 untersuchten Städten weltweit.
Einwohnerentwicklung
Durch seine politische, ökonomische und kulturelle Vorrangstellung erlebte Seoul nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Abzug der japanischen Kolonialmacht ein unkontrolliertes Bevölkerungswachstum. Der starke Zustrom vor allem ländlicher Bevölkerung, die großflächige Zerstörung im Koreakrieg (1950–1953) und chaotische politische und wirtschaftliche Verhältnisse führten zu einem Auseinanderklaffen zwischen Einwohnerzahl und städtischer Infrastruktur. Nachdem die Bevölkerungszahl während des Koreakrieges von 1,4 Millionen auf 650.000 zurückgegangen war, stieg sie 1953 wieder auf eine Million und bis Ende der 1980er-Jahre auf zehn Millionen. 2019 beträgt die Zahl der Einwohner rund 9,8 Millionen.
Seit Anfang der 1970er-Jahre wird versucht die Bevölkerung südlich des Hangangs anzusiedeln. Lebten 1975 nur 30 Prozent der Einwohner dort, sind es heute 60 Prozent. Auch die Anstrengungen, die Bevölkerung vermehrt in den Satellitenstädten anzusiedeln, waren erfolgreich. Seit den 1980ern stagniert das Bevölkerungswachstum im eigentlichen Stadtgebiet. Diese Städte sind mit Seoul durch ein dichtes Netz von Autobahnen, Buslinien und U-Bahnen verbunden. Die Agglomeration mit rund 20 Großstädten einschließlich Seoul beherbergt eine Bevölkerung von 25,4 Millionen und gehört damit zu den größten Metropolregionen der Erde.
Die folgende Übersicht zeigt die Einwohnerzahlen des eigentlichen Stadtgebiets nach dem jeweiligen Gebietsstand. Bis 1952 handelt es sich meist um Schätzungen, ab 1955 um Volkszählungsergebnisse.
Entwicklung der Wohnsituation
Die Verstädterung Seouls fand vor allem durch den Bau von Mehrfamilienhäusern statt. Die Bebauung grenzt oft dicht an das landwirtschaftlich geprägte beziehungsweise bewaldete Umland. In den 1960er- und 1970er-Jahren kamen zahlreiche Bauern vom Land nach Seoul, um in den Industriebetrieben der Hauptstadt nach besser bezahlten Arbeitsplätzen zu suchen. Die dichten, meistens ohne Genehmigung auf staatlichem Land errichteten Siedlungen der Landflüchtlinge wuchsen überwiegend in bereits existierenden Vierteln. Die dortigen Behausungen wurden teilweise in massiver Bauweise mit Ziegeldächern errichtet und unterschieden sich kaum von den mit offizieller Genehmigung errichteten Gebäuden in den regulären Bebauungsgebieten.
Dennoch wurden die Bewohner der inoffiziellen Siedlungen von der Stadtverwaltung ab Ende der 1970er-Jahre in Gebiete umgesiedelt, die weiter vom Stadtzentrum entfernt lagen. Diese Gebiete waren nur ungenügend an das städtische Wasser-, Abwasser- und Verkehrsnetz angeschlossen, was zu einer Verschlechterung des Lebensstandards der Umsiedler führte. Im Zentrum Seouls entstanden zahlreiche fünf- bis fünfzehn-, teilweise über zwanzigstöckige Apartmenthochhäuser für Familien mit mittlerem bis hohem Einkommen, deren Mieten für die früheren Bewohner mit niedrigem Einkommen nicht bezahlbar waren. Diese werden noch heute gebaut und prägen in vielen Stadtteilen das Ortsbild.
Seit den 1980er-Jahren fanden in Seoul umfassende Umbaumaßnahmen statt und die existierende öffentliche Infrastruktur wurde erheblich erweitert. In diesem Zusammenhang kam es beispielsweise zum Bau neuer U-Bahn-Linien und Autobahnen. In der weiteren Umgebung der Hauptstadt, in landschaftlich schöner Lage, wurden die Landhäuser der in Seoul arbeitenden Oberschicht, also überwiegend Künstler, Geschäftsleute in gehobenen Positionen, Hochschullehrer und hoher Militärs, errichtet. Dort besteht ein Bauverbot für Industriebetriebe und Siedlungen mit Mehrfamilienhäusern.
Seit den 1990er-Jahren werden in der Umgebung Seouls viele Planstädte neu gebaut, um das Problem des knappen Wohnraumes der überfüllten Hauptstadt zu lösen. Diese neuen Städte, die außerhalb von Seoul in der Provinz Gyeonggi-do gelegen sind, entwickeln sich zu großen Trabantenstädten und bilden mit Seoul und den anderen drei Millionenstädten Incheon, Suwon und Goyang zusammen die Metropolregion Sudogwon.
Politik
Stadtregierung
Seoul wird durch einen Stadtrat und das Seoul Metropolitan Government verwaltet. Der Stadtrat besteht aus 104 Mitgliedern, die für eine Amtszeit von vier Jahren gewählt werden. Ebenfalls direkt und für vier Jahre wird der Bürgermeister gewählt, der dem Seoul Metropolitan Government vorsteht. Ihm stehen drei Vizebürgermeister zur Seite, zwei für Verwaltungsaufgaben und einer für politische Angelegenheiten. Die 25 Bezirke sind weitgehend autonom, ihre Bürgermeister werden seit 1995 ebenfalls direkt von der Bevölkerung gewählt.
Der 33. Bürgermeister von Seoul war Oh Se-hoon von der Hannara-dang (Große Nationalpartei, kurz GNP). Er übernahm das Amt am 1. Juli 2006 von seinem Vorgänger Lee Myung-bak, der die Stadt seit 1. Juli 2002 regierte. Im August 2011 trat er ein Jahr nach seiner Wiederwahl wegen eines gescheiterten Referendums zur Abschaffung der kostenlosen Schulspeisung für alle Schüler zurück. Seit dem 27. Oktober 2011 war Park Won-soon Bürgermeister. Am 10. Juli 2020 kurz nach Mitternacht wurde er tot aufgefunden. Daraufhin übernahm Seo Jung-hyup interimsweise bis zur Wahl im April 2021 das Amt des Bürgermeisters. Bei dieser Wahl wurde Oh Se-hoon nach zehn Jahren ein weiteres Mal zum Bürgermeister gewählt.
Probleme bereiten die Luftverschmutzung und der Verkehrslärm. Seoul besitzt die schlechteste Luftqualität aller Hauptstädte in der OECD. So gehörte auch der Abriss einer Schnellstraße über den Cheonggyecheon (übersetzt „Klarwasserstrom“), einem Seitenarm des Han, und die Renaturierung des Flusses zu den größten Projekten der Stadtverwaltung. Der 3670 Meter lange Cheonggyecheon wurde 1961 zubetoniert und 1971 mit einer Hochstraße überdeckt. Am 1. Oktober 2005 wurden der wiederhergestellte Fluss und die dazugehörigen Grünanlagen im Zentrum Seouls offiziell der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Städtepartnerschaften
Mit dem Bundesstaat New South Wales in Australien hat Seoul eine Provinzpartnerschaft. Außerdem unterhält Seoul mit folgenden Städten Partnerschaften. Bis auf drei Ausnahmen sind alle Partnerstädte ebenfalls die Hauptstadt ihres Staates.
Kultur und Sehenswürdigkeiten
Bildung
Seoul ist das Bildungszentrum Südkoreas. Hier sind etwa 40 Hochschulen beheimatet. 2018 gehörten 18 dieser Universitäten zu den besten 1000 Universitäten der Welt im QS World University Ranking. Die Seoul National University rangierte in den vergangenen Jahren stets als höchstes. In Seoul befindet sich mit der Sungkyunkwan University zudem die älteste Universität Asiens. Des Weiteren ist die Dongguk University eine der wenigen Universitäten, die dem Buddhismus verbunden ist. Die drei besten Universitäten Südkoreas, die Seoul National University, Korea University und Yonsei University, werden gemeinsam als SKY bezeichnet. Die drei Universitäten des Viertels Sinchon – Yonsei University, Ewha Womans University und Sogang University – werden auch unter der Abkürzung YES zusammengefasst.
Alphabetisch sortierte Liste der Universitäten in Seoul:
Weiterhin gibt es 9 Vocational Colleges, 318 Oberschulen, 384 Mittelschulen und 601 Grundschulen sowie 879 Kindergärten (Stand: 2016). Darüber hinaus gibt es eine Reihe von Auslandsschulen, darunter auch die Deutsche Schule Seoul. Seit 1974 werden in den meisten Schulbezirken Seouls den Schülern die Oberschulen nach dem Zufallsprinzip zugeordnet. Das heißt, die Schulen lehnen keine Schüler ab, sondern das Los entscheidet, welcher Schüler welche Oberschule besuchen wird. Dadurch sollten Ungleichheiten zwischen Schulen aufgehoben werden und die Schüler entlastet werden. In den vergangenen Jahren haben einige Schulbezirke die Regelung jedoch angepasst und teilweise können Schüler Präferenzen bei der Schulwahl angeben.
Museen
Als kulturelles Zentrum des Landes beheimatet Seoul über 100 Museen, darunter das Koreanische Nationalmuseum. Die umfangreiche Sammlung mit über 100.000 Exponaten ist im Oktober 2005 in ein neues, deutlich größeres Gebäude im Yongsan-Familien-Park gezogen. Die Bestände an Baekje-Fliesen, Silla-Tonwaren, goldenen Buddhas, Goryeo-Blassgrün und Joseon-Kalligraphien sowie Malereien bieten ein Panorama der koreanischen Kultur. Im Nationalmuseum wird auch die berühmte Bosingak-Glocke, ein bedeutender Kulturschatz Koreas, aufbewahrt, die während der Joseon-Dynastie in Seoul die Zeit anzeigte. Sie wurde morgens um vier Uhr 33-mal geschlagen, und die Stadttore wurden geöffnet, am Abend um 19 Uhr dann 28-mal geschlagen, und die Tore wurden wieder verschlossen. Die erste Glocke wurde 1455 bei einem Feuer zerstört, die zweite Glocke entstand 1468 und wird bis heute im Museum aufbewahrt. Die in Jongno („Glockenstraße“) immer zum Jahreswechsel geschlagene Glocke wurde erst 1985 hergestellt, der Glocken-Pavillon 1979 von der Stadtverwaltung errichtet.
Auf dem Gelände des Gyeongbok-Palastes, im hinteren Teil der Anlage, befindet sich das National Folk Museum of Korea. Es zeigt religiöse Rituale (Schamanismus), verschiedene Wohnkulturen, Haushaltsgeräte, Werkzeuge und Gebrauchsgegenstände aus Korea. Insgesamt beherbergt das Museum über 10.000 Objekte. In der Nähe befindet sich zudem das National Palace Museum of Korea. Seit 2013 befindet sich zudem eine Außenstelle des Nationalmuseums für moderne und zeitgenössische Kunst im Seouler Stadtteil Sogyeok-dong, während sich der Hauptstandort in der Stadt Gwacheon befindet.
Die Koreanische Kriegsgedenkstätte, ein Monumentalbau in der Stadtmitte mit Museum, informiert über diverse Kriege, an denen Korea beteiligt war, insbesondere den Koreakrieg. Im großen Garten des Museums stehen neben Kriegsgerät Denkmäler, die an den Einsatz des US-Militärs im Koreakrieg und an die südkoreanischen Soldaten im Vietnamkrieg erinnern. Die Nachbildung eines Schildkrötenschiffs steht im Innern. Das Seodaemun-Gefängnis, in dem zur Zeit der japanischen Besetzung der koreanische Widerstand inhaftiert und gefoltert wurde, dient heute als historisches Museum dieser Zeit. Vor dem Gefängnis befindet sich der Unabhängigkeitspark und das Unabhängigkeitstor.
Das Leeum, Samsung Museum of Art gilt als eines der größten privaten Museen Seouls. Das Korean Film Archive betreibt das Korean Film Museum und die Cinematheque KOFA in Digital Media City (Sangam-dong).
Theater und Musik
In Seoul finden viele kulturelle Aufführungen statt. Es werden traditionelle Musik, Tanz- und Theateraufführungen in modernisierter oder moderner Form, klassische Musik und mehr geboten. Seoul verfügt über eine Vielzahl kleiner Bühnen, die über die ganze Stadt verstreut und oft experimentell sind. Auch große Bühnen sind in der Stadt angesiedelt. Drei Theater für das Stück Nanta befinden sich in Seoul. Daehangno ist für seine vielen Theater bekannt und wird häufig als Theaterbezirk gesehen. Weiterhin befindet sich in Seoul das New Seoul Philharmonic Orchestra.
Das Koreanische Nationaltheater () wurde 1973 gegründet und hat seinen Sitz am Namsan. Es ist Heimat des Staatsorchesters, der National Dance Company und der National Drama Company. Der größere der beiden Säle verfügt über 1500 Sitze; hier finden viele der wichtigen kulturellen Veranstaltungen des Landes statt. Weiterhin verfügt das Theater über eine Bühne für experimentelle Theateraufführungen sowie ein Amphitheater für weniger formelle Aufführungen.
Das nach König Sejong benannte Sejong Cultural Center () verfügt über die größte Bühne der Stadt mit 4000 Plätzen. Es ist Sitz der Korea National Opera. Hier findet man Konzerte, Opern und große Produktionen, auch ausländischer Herkunft. Im kleineren Saal treten meist Chöre auf. Auch Vorträge werden gehalten und teilweise finden kostenlose Aufführungen im Innenhof statt. Darüber hinaus gibt es häufig wechselnde Ausstellungen mit Kalligrafie, Malerei und ähnlicher Kunst.
Im 21. Jahrhundert entwickelte sich Südkorea zu einer Größe in der internationalen Popmusik. Die großen Unterhaltungsagenturen wie Big Hit Entertainment, JYP Entertainment, SM Entertainment und YG Entertainment haben ihren Sitz in Seoul. Diese Agenturen sind spezialisiert auf die Entwicklung neuer Girl- und Boygroups, aber auch von Solokünstlern. Die Musik der sogenannten Idols ist unter dem Begriff K-Pop bekannt.
Bauwerke
In Seoul befinden sich aufgrund der langen Geschichte der Stadt zahlreiche Kulturgüter, angefangen von Relikten aus der Steinzeit bis hin zu Gräbern, Tempeln, Palästen und Wehranlagen. Seoul vereint die Vergangenheit mit der Moderne. Historische Gebäude stehen zwischen Wolkenkratzern und in den kleinen Gassen sind viele Spuren der Geschichte zu entdecken. Hier werden einige hervorgehoben.
Paläste
Als Hauptstadt der Joseon-Dynastie verfügte Seoul über sechs Paläste, von denen heute noch fünf erhalten sind. Sehenswert sind vor allem der Gyeongbokgung, der Changdeokgung und der Deoksugung. Der Gyeongbokgung ( „Palast scheinender Glücklichkeit“) wurde 1394 mit Seouls Ernennung zur Hauptstadt gebaut. Beeindruckend ist vor allem die Thron- und Audienzhalle Geunjeonggung. Der Palast wurde während des Imjin-Kriegs 1592 niedergebrannt, jedoch nicht von den japanischen Truppen, sondern von Sklaven des Palastes, die so Belege ihrer Leibeigenschaft zerstören wollten. Erst 1865 wurde mit dem Wiederaufbau begonnen, was die damals schlechte wirtschaftliche Lage Koreas deutlich verschärfte. Bereits 23 Jahre nach dem Wiederbezug zog der König aber wieder in den im Botschaftsviertel gelegenen und daher vermeintlich sichereren Deoksugung, nachdem seine Frau Königin Min 1895 von Auftragsmördern der japanischen Regierung ermordet worden war.
Der Changdeokgung ( „Palast illustrer Rechtschaffenheit“) wurde von 1405 bis 1412 als Erweiterung des Gyeongbokgung erbaut. Er wurde ebenfalls während des Imjin-Krieges niedergebrannt, aber direkt danach wiederaufgebaut und diente, obwohl ursprünglich nicht als dazu erbaut, dem Land bis 1872 als Sitz der Regierung. 1907 wurde er erneut vom König Sunjong bezogen, dem letzten König, der auch nach seiner Abdankung 1910 bis zu seinem Tode 1926 hier lebte. Auch die letzten Mitglieder der königlichen Familie lebten hier, bis 1989 der letzte starb. Neben den Palastbauten ist besonders der geheime Garten Biwon sehenswert. Der Palast wurde 1997 dem UNESCO-Weltkulturerbe angefügt.
Der Deoksugung ( „Palast der rechtschaffenen Langlebigkeit“) wurde im 15. Jahrhundert als Residenz für den Enkel von König Sejo erbaut. Nachdem alle Paläste Seouls im Imjin-Krieg 1592 niedergebrannt worden waren, diente der Deoksugung bis 1623 als Palast und erneut 1897 nach der Ermordung von Königin Min bis 1907.
Erhaltene Paläste aus der Zeit der Goryeo-Dynastie sind der Changgyeonggung und der kleine Unhyeongung. An der Stelle, an der einmal der Gyeonghuigung stand, ist heute eine Parkanlage, das Seoul Historical Museum sowie das Seoul Metropolitan Museum of Art zu finden. 1988 wurde das Haupttor Heunghwamun, welches zwischenzeitlich an einer anderen Stelle in Seoul stand, zurückverlegt, in den 1990er-Jahren wurden Nachbauten einiger anderer Gebäude des Palastes errichtet. Dem Besucher werden traditionelle kulturelle Riten der koreanischen Kultur, wie die Einführungsveranstaltungen für Beamte der Joseon-Dynastie an königlichen Palästen, das Wechseln der Königlichen Wachsoldaten oder die Hochzeit zwischen König Gojeon und Königin Min dargeboten.
Tempel
Der Hauptsitz des buddhistischen Ordens Koreas Jogyejong ist der Jogyesa-Tempel. In der Hauptstraße vor dem Tempel befinden sich viele Geschäfte, die buddhistische Requisiten verkaufen. Einmal im Jahr im Mai (8. Tag des 4. Monats des chinesischen Kalenders) ist der Jogyesa-Tempel das Ziel der großen Laternenparade, mit der Buddhas Geburtstag gefeiert wird. Bis zu 100.000 Menschen in farbenprächtigen Kostümen und Abordnungen aus vielen buddhistisch geprägten Ländern nehmen daran teil.
Der Bongeunsa-Tempel (), im 15. Jahrhundert das Zentrum der Religion des Zen-Buddhismus, wurde 794 in der Silla-Periode neben dem Grab von König Seongjong () errichtet und 1562 nördlich des heutigen World Trade Centers umgesiedelt. Neben dem Haupttempel findet sich eine interessante Sammlung an Holzblockinschriften. Der Tempel brannte mehrmals ab und so sind die meisten Gebäude in der Anlage in neuerer Zeit erbaut worden.
Der Bongwonsa-Tempel () wurde im Jahre 889, im dritten Jahr der Herrschaft der Silla-Königin Jinseong unter der Anleitung des Mönches To-seon errichtet. Der ursprüngliche Standort des Tempels lag nahe der Yonsei-Universität. 1728 wurde er an den Hintereingang der heutigen Ewha-Frauen-Universität umgesiedelt. An jedem Wochenende findet dort das Yeongsanjae statt. Dabei handelt es sich um ein Ritual, mit dem die Art und Weise, wie Buddha das Lotos-Sutra des Mahayana-Buddhismus lehrte, zelebriert wird. Der Bongwonsa ist der Haupttempel der Taego-Sekte der Buddhisten in der Hauptstadt. Eine Besonderheit dieser Gruppe ist die Möglichkeit der Mönche zu heiraten.
Festungsanlagen
Die Festung Namhansanseong („Festung des Bergs südlich des Han“) ist eine Bergfestung, die etwa 30 Kilometer südöstlich von Seoul liegt und mit der U-Bahn gut zu erreichen ist. Diese großangelegte Zufluchtsstätte in den Bergen, mit einer etwa acht Kilometer langen und bis zu sieben Meter hohen Mauer entstand vor ungefähr 2000 Jahren unter der Baekje-Dynastie. Die meisten der noch stehenden Gebäudeteile gehen jedoch auf das 17. und 18. Jahrhundert zurück, als die Festung dem Schutz der Joseon-Könige vor den chinesischen Invasionsarmeen diente. 1637 kapitulierte in Namhansanseong König Injo mit 14.000 Soldaten vor einer riesigen Streitmacht der Mandschu, deren Verfügungsgewalt dann auf ganz Korea überging.
Die Festung Bukhansanseong, die „Festung des Bergs nördlich des Han“, ist zusammen mit der Feste Namhansanseong die zweite namhafte antike Befestigungsanlage im Umkreis von Seoul. Die Festung liegt im Norden der Stadt, auf dem Rücken des Bukhan-Gebirges gebaut. Auch diese Anlage wurde bereits in der frühen Baekje-Zeit errichtet und war mehrmals heftig umkämpft. Nachdem Armeen der chinesischen Ming-Kaiser im 16. Jahrhundert die Festung bedrohten, ließ der Joseon-König Sukjong (1674–1720) das Mauerwerk der Festung verstärken. Im Verlauf des Koreakriegs teilweise zerstört, wurden die Mauern inzwischen wegen der geschichtlichen Bedeutung der Festung wieder restauriert.
Grabstätten
In Seoul befinden sich einige Königsgräber der Joseon-Dynastie, die UNESCO-Weltkulturerbe sind. Im südlichen Stadtteil Gangnam befinden sich die Gräber Seolleung und Jeongneung. In Seocho befinden sich Heolleung und Illeung. Im nördlichen Nowon sind Taereung und Gangneung. Im Osten der Stadt liegen Jeongneung und Uireung. Die meisten anderen Gräber liegen in der umliegenden Provinz Gyeonggi-do.
Weiterhin befindet sich in Seoul der Schrein Jongmyo. Dieser diente der Ahnenverehrung der Herrscher Joseons. Die traditionellen Rituale in dem Schrein werden bis heute abgehalten. Am ersten Sonntag im Mai nach dem Mondkalender findet in Seoul am Jongmyo-Schrein das „Jongmyo Daeje“ statt. Die Prozession und das Ritual wird zur Verehrung der Königinnen und Könige der Joseon-Dynastie veranstaltet.
Höchste Gebäude
Die höchsten Gebäude in Südkorea befinden sich in Seoul, Busan und Incheon. 2017 wurde in Gangnam der Lotte World Tower eröffnet, mit 555 m eines der höchsten Gebäude der Welt. 2026 soll das Hyundai Global Business Center fertiggestellt werden, die neue Konzernzentrale von Hyundai. Mit 569 m Höhe würde es der höchste Wolkenkratzer Koreas werden.
Freizeit und Erholung
Wandern und Bergsteigen gehört zu den beliebtesten Freizeitaktivitäten in Südkorea und gilt als Volkssport. Durch die gesamte Halbinsel zieht sich die Gebirgskette Baekdu-daegan. In Seoul gibt es mehrere Berge deren höchster der Bukhansan (Bagundae-Bergspitze) ist. Weitere beliebte Ziele sind der Suraksan, Gwanaksan oder die Festung Namhansanseong.
Der 632 Meter hohe Berg Gwanaksan erhebt sich am südlichen Stadtrand. Wegen seiner Schönheit wird der Gwanaksan nach dem als schönster Berg Koreas geltenden Kŭmgangsan oft Sogeumgang (kleiner Kŭmgang-Berg) oder Seogeumgang (Kŭmgang-Berg des Westens) genannt. Zahlreiche Wanderwege führen durch das Bergmassiv mit seinem dichten und alten Baumbestand. Ausgangspunkt für die Ausflüge ist meist die Staatliche Universität Seoul am Fuß des Bergs. Auf dem felsigen Gipfel befinden sich eine Radarstation und mehrere Antennenanlagen. Am Gwanaksan liegen auch der Tempel Wongaksa und die Yeonjuam-Einsiedelei, die König Taejo der Joseon-Dynastie während der Verlegung der koreanischen Hauptstadt ins heutige Seoul im Jahr 1394 bauen ließ.
Des Weiteren befinden sich in Seoul mehrere Freizeitparks, wie Lotte World, Seoul Children’s Grand Park und Seoul Land. Beliebter Drehort für Filme, Serien und Musikvideos ist auch der stillgelegte Freizeitpark Yongma Land.
Im Mai 2011 wurde die zu diesem Zeitpunkt weltgrößte schwimmende Insel Floating Island (Sebitseom) eröffnet. Sie ist ein schwimmender Freizeitpark mit Restaurants, Tagungshallen und Möglichkeiten zum Wassersport. Rund 63 Millionen Euro wurden in die Floating Island investiert. Einige Szenen des Hollywoodfilms Avengers: Age of Ultron sowie der K-Dramen Athena und She Was Pretty () wurden dort gedreht. Die Deutsch-Koreanische Industrie- und Handelskammer veranstaltet dort ihre Preisverleihung der Innovation Awards.
Parks
In Seoul gibt es zahlreiche Parks und Naherholungsgebiete. Im Vergleich zu Europa verfügen diese über ein dichtes Netz an jeweils öffentlich zugänglichen sowie kostenlosen Toiletten, Trinkwasserspendern und Fitnessgeräten. Die Fußgängerwege haben teilweise weiche Matten als Untergrund.
Namsan ist öffentlicher Park einschließlich botanischem Garten, einem achteckigen Pavillon und einem Museumsdorf, in dem wiederhergestellte Hanok (traditionelle Häuser) zu sehen sind. Auf der höchsten Erhebung steht der N Seoul Tower mit sich drehendem Restaurant. Der Turm gilt als Wahrzeichen Seouls. Da sich der Berg im Zentrum Seouls befindet, ist der Turm von fast jedem Punkt der Stadt sichtbar.
Hinter dem Changdeok-Palast breitet sich der „Geheime Garten“ aus, der ehemalige Privatpark der Königsfamilie. Fußwege führen durch bewaldetes, hügeliges Gelände, vorbei an Teichen und Pavillons sowie über kleine Brücken. Malerisch angelegt wurde der Bandoji, dessen Umrisse die Koreanische Halbinsel nachzeichnen. Von dem fächerförmig gestalteten Pavillon aus ging im 16. Jahrhundert König Injo seiner großen Angelleidenschaft nach. Der Naksonjae-Komplex ist nur zweimal jährlich, anlässlich der Königszeremonie, der Öffentlichkeit zugänglich.
Ein weiterer Park in Seoul ist der Seonyudo. Er befindet sich auf einer kleinen Insel gleichen Namens im Hangang und beherbergt einen Spielplatz, Aussichtspunkte, Teiche und eine interessante Gartenanlage. Früher war diese Insel die zentrale Wasserversorgung von Seoul, die Pumpwerke sind erhalten und zu besichtigen. Der Seoul Forest in Ttukseom ist eine Parkanlage am Hangang. Neben mehreren Grünflächen, einem großen Spielplatz und einer Anzahl Fahrradwege gibt es dort eine Fotoausstellung zum Thema „Wald“ und auch einige Tiere. Ein 1983 eröffneter Park befindet sich um das 1639 errichtete Samjeondo-Denkmal. Der einzige Nationalpark innerhalb des Stadtgebietes von Seoul ist der Bukhansan-Nationalpark. Er ist mit zahlreichen buddhistischen Tempeln und seltenen Tieren, die das Berggebiet bewohnen, ausgestattet.
Bei der Daehangno („Universitätsstraße“) findet sich der Naksan-Park, der auch einen Teil der Seouler Stadtmauer beherbergt. Der Park bietet einen guten Blick auf die Stadt. Besonders zur Kirschblütenzeit beliebt ist der See Seokchon und dessen Parkanlage. Von historisch besonderer Bedeutung ist der Tapgol-Park (ehemals Pagoda-Park). In dem Park befindet sich die Wongaksa-Pagode. Am 1. März 1919 wurde in dem Park die Unabhängigkeitserklärung verlesen. Es war die Geburtsstunde des Koreanischen Widerstands gegen Japans Kolonialherrschaft.
Zwischen 2007 und 2014 kam es in Dongdaemun-gu zu einer Modernisierung und Restaurierung. Dabei wurde das Dongdaemun-Stadion abgerissen um Teile der historischen Festungsmauer auszugraben. Dadurch entstand der Dongdaemun History & Culture Park. Weiterhin wurde das Tor Dongdaemun restauriert. 2014 wurde zudem das Dongdaemun Design Plaza (DDP) eröffnet. Dieses Wahrzeichen im neufuturistischen Design ist Veranstaltungsort vieler Ausstellung und ist eines von Seouls Modezentren.
Ein Park der besonderen Art ist der im Mai 2017 eröffnete Seoullo 7017. Ein aus einer ehemaligen Hochstraße bestehender, rund 1 km langer Abschnitt wurde in Anlehnung eines ähnlichen Projekte in New York City, der High Line, zu einem Fußgängerüberweg und innerstädtischen Park umgebaut und gilt seither als eine Attraktion der Stadt.
Des Weiteren ist geplant, die US-Militärbasis im Bezirk Yongsan-gu, dessen Gebiet 2021 an Südkorea zurückgegeben werden soll, in einen Park umzuwandeln. 2004 entschieden die Verantwortlichen Südkoreas und USA, die US-Armee aus Seoul abzuziehen und in umliegende Gebiete zu verlagern. Das Hauptquartier der US-Armee in Südkorea ging dann nach Camp Humphreys in Pyeongtaek. Allerdings gibt es auch Kritik gegen die Planung, die das Land als Park vorsieht, da Seoul auch mehr Wohnraum brauche. Da das Land allerdings seit 1904 unter ausländischer Gewalt steht – bis 1945 als Basis der japanischen Armee als nach dem Zweiten Weltkrieg das US-Militär die Basis übernommen hatte – soll das Gebiet möglichst der Öffentlichkeit zugänglich sein und nicht privatisiert werden.
Sport
Seoul verfügt über 12.000 Sporteinrichtungen, von denen die meisten kommerziell betrieben werden. Etwa 700 der Einrichtungen sind in öffentlicher Hand oder sind firmeninterne Sportstätten. Es gibt 28 von der Stadt betriebene Sporteinrichtungen, inklusive vier Stadien für Fußball, Baseball und Leichtathletik. Weiterhin betreiben zehn der 25 Bezirke eigene Sportzentren, vier weitere Bezirke bauen derzeit solche Einrichtungen. Darüber hinaus gibt es in der Stadt ein dichtes Netz an öffentlich zugänglichen sowie kostenlosen Fitnessgeräten.
Am repräsentativsten sind die Sportanlagen des Jamsil Sports Complex im Bezirk Songpa-gu, die sich über eine Fläche von 0,59 Quadratkilometern ausbreiten. Hier wurden unter anderem die Asienspiele 1986, die Olympischen Sommerspiele 1988 sowie die Sommer-Paralympics 1988 abgehalten. Sie umfassen das Olympiastadion mit einer Kapazität für 100.000 Zuschauer, ein Baseballstadion, ein Hallenbad, eine Sporthalle, einen Sportplatz und einen Schülersportplatz. Daneben gibt es einen Komplex von Sportanlagen im Olympic Park Seoul.
Eines der größten Fußballstadien in Asien ist das für die Fußball-Weltmeisterschaft 2002 erbaute World-Cup-Stadion im Bezirk Mapo-gu. Es verfügt über 65.000 Sitzplätze, ist siebenstöckig und in der Grundform dem Soban, einem traditionellen koreanischen achteckigen Teetablett aus Holz nachempfunden worden. Im Stadiondach verbindet sich die Ausdrucksform des Bangpaeyeon, ein traditioneller schildförmiger Drachen, der die Hoffnungen der Menschen gen Himmel trägt, mit der Form des Hwangpodotbae, ein traditionelles Segelschiff auf dem Hangang. Die natürliche Linienführung des Stadions entspricht dem Dach sowie auch der Dachtraufe traditioneller Gebäude in Korea. Nach rund dreijährigen Bauarbeiten seit Oktober 1998 wurde das Stadion im November 2001 eröffnet.
Einheimische Sportvereine
Fußball
Männer
Frauen
Baseball
Seoul ist Heimat dreier Baseball-Vereine der KBO League.
eSports
Seoul gilt als „Mekka“ des eSports. Schon früh haben sich Spartenkanäle auf die Übertragung von eSports-Wettkämpfen fokussiert. Der Sport wurde professionalisiert und die Korean eSports Association ist Mitglied des nationalen Olympischen Komitees.
Regelmäßige Veranstaltungen
Ende März bis Anfang April blühen die Kirschblüten, die zahlreich am See Seokchon als auch in Yeouido zu finden sind. Am 8. April nach dem Mondkalender findet zu Buddhas Geburtstag das Fest der Lotus-Laternen statt. Dabei werden die buddhistischen Klöster mit Laternen geschmückt und eine Laternenparade vom Yeouido Plaza zum Jogyesa-Tempel veranstaltet. Im Oktober oder November findet seit 2000 jährlich das Seoul International Fireworks Festival am Hangang bei Yeouido statt. Veranstaltet wird es durch das Chemiekonglomerat Hanwha und das Seoul Broadcasting System.
Mit der „Comic World“ findet in Seoul zudem regelmäßig eine Veranstaltung hinsichtlich Manhwa, Manga und Anime statt.
Kulinarische Spezialitäten
Aufgrund seiner Größe verfügt die Stadt über eine sehr große Auswahl an Restaurants koreanischer und internationaler Küche in verschiedenen Preislagen. Es gibt sehr viele Restaurants, die Ähnlichkeiten mit Kantinen haben, aber 24 Stunden an 7 Tagen in der Woche geöffnet sind. Weiterhin finden sich in Seoul viele bekannte Fastfoodketten. Der Bezirk Myeongdong ist bekannt für das Gericht Kalguksu. Sehr beliebt sind Barbecue-Restaurants, in denen Speisen wie Bulgogi, Samgyeopsal und Galbi am Tisch gebraten werden. Dabei handelt es sich um dünne Fleischstreifen, die nach dem Braten in kleine Stücke geschnitten werden und mit Soßen und Gemüse verzehrt werden. In den vergangenen Jahren hat auch frittiertes Hühnchen koreanischer Art mit Bier (Chimaek) an Popularität gewonnen, gerade für Paare und Freunde.
Ein Kimchi-Gericht der Hauptstadtregion ist Chunggak. Hierbei wird Rettich zusammen mit den Blättern des Gewächses eingelegt oder in mehrere Würfel zerschnitten zubereitet. In Daerim-dong befindet sich ein Chinatown, wo man gut sino-koreanisch und chinesisch essen kann.
Wirtschaft und Infrastruktur
Laut einer Studie von 2014 erwirtschaftete der Großraum Seoul ein Bruttoinlandsprodukt von 846 Milliarden US-Dollar (KKB). In der Rangliste der wirtschaftsstärksten Metropolregionen weltweit belegte er damit den 4. Platz. Die technologische Infrastruktur ist hoch entwickelt. Seoul wird als „bestverdrahtete Stadt“ der Welt bezeichnet. Die Stadt landete auf Platz eins in der Kategorie Technologie-Geneigtheit in einer Studie von PwC. An den meisten öffentlichen Orten gibt es freies Wi-Fi. Seit April 2019 stellen SK Telecom und KT landesweit den Mobilfunkstandard 5G bereit. Im Vergleich zu Europa verfügt Seoul zudem über ein dichtes Netz an jeweils öffentlich zugänglichen sowie kostenlosen Toiletten, Trinkwasserspendern und Fitnessgeräten. Die Fußgängerwege haben teilweise weiche Matten als Untergrund.
Wirtschaft
Die Hauptstadt durchlebte nach dem Koreakrieg (1950–1953) bis in die Gegenwart einen raschen Modernisierungsprozess. Hierzu zählen der rasante Wandel von der vormodernen zur industriellen Gesellschaft und das schnelle Wirtschaftswachstum. Zwischen 1989 und 1998 wuchs die Wirtschaft Südkoreas jährlich um durchschnittlich 11,6 %. Die Arbeitslosenquote betrug 1997 nur 2,7 %. Wie allerdings ganz Korea wurde auch Seoul Ende 1997 von der Asienkrise durchgeschüttelt, die Arbeitslosigkeit sprang auf über 9 %, das BIP Südkoreas schrumpfte 1998 um 5,5 %. Seitdem hat sich die Lage aber rasch wieder gebessert.
Seoul beherbergt heute eine Vielzahl an Konglomeraten wie Samsung, LG, Hyundai, SK, Hanwha und Versorger wie Korea Electric Power Corporation. Wichtigste Industrieerzeugnisse der Stadt waren lange Zeit chemische Produkte, Textilien und Kleidung, sowie Maschinen und Druckerzeugnisse, wurden aber nach und nach durch IT und elektrische und elektronische Geräte an der Spitze abgelöst. Die meisten Leute sind im Dienstleistungssektor tätig. Wichtigstes Industriegebiet ist das Korea Export Industrial Complex, auch Guro Industrial Complex genannt, wo auf einer Fläche von 1,98 km² etwa 8000 Betriebe angesiedelt sind. Sie beschäftigen über 100.000 Mitarbeiter und sind vor allem in den Feldern Entwicklung, IT, Montage und Papierherstellung tätig. Die meisten Banken haben ihren Hauptsitz in Yeouido wo auch die Börse Korea Exchange ihren Sitz hat.
Der Fremdenverkehr ist ebenfalls von wirtschaftlicher Bedeutung. Mit 10,2 Millionen ausländischen Besuchern stand Seoul 2016 auf Platz 10 der meistbesuchten Städte weltweit. Touristen brachten im selben Jahr Einnahmen von 12,3 Milliarden US-Dollar. Die meisten ausländischen Besucher stammten aus der Volksrepublik China.
In der landwirtschaftlich genutzten Umgebung von Seoul werden Soja, aber auch Hirse und Weizen angepflanzt.
Die Stadt besitzt mit dem nahen Incheon am Gelben Meer einen großen Hafen für die Ein- und Ausfuhr industrieller Güter und einen wichtigen Personen- und Güterflughafen. Seoul profitiert zusehends von der zentralen Lage Südkoreas zwischen der Volksrepublik China und Japan. Diese und Taiwan sind in weniger als zwei Flugstunden zu erreichen, innerhalb von fünf Stunden erreicht man die ebenfalls stark wachsenden Märkte Indonesien, Thailand sowie die Philippinen.
Auf Grund erfolgreicher Dezentralisierungspolitik hat Seoul seine schon in japanischer Kolonialzeit herausgebildete Stellung als bedeutendster Industriestandort des Landes eingebüßt, im Dienstleistungssektor seine Vorrangstellung jedoch unverändert beibehalten. So befinden sich fast alle Institutionen mit den höchsten staatlichen und privatwirtschaftlichen Verwaltungs-, Planungs- und Kontrollbefugnissen sowie deren Beschäftigte in der Hauptstadt. Auch fast alle großen Konzerne, Banken, Handelsunternehmen und Versicherungsgesellschaften Südkoreas haben ihren Hauptsitz in Seoul.
Verkehr
Fernverkehr
Der 2001 eröffnete Incheon International Airport ist der bedeutendste internationale Flughafen der Hauptstadt. Die Mehrheit der südkoreanischen internationalen Flugverbindungen starten oder enden hier. Er liegt etwa 50 Kilometer westlich der Hauptstadt auf der Insel Yeongjongdo und ist an das Netz der Seoul Metro angebunden. Außerdem hat der Flughafen eine Autobahnanbindung, die auch von einer großen Anzahl an Shuttlebussen genutzt wird. Der Flughafen ersetzt den 18 Kilometer von Seoul entfernten Flughafen Gimpo als internationalen Knotenpunkt des Landes, welcher heute hauptsächlich nationale Strecken und Verbindungen zu anderen ostasiatischen Städten bedient.
Seoul verfügt über drei große Bahnstationen: Seoul Station, Yongsan Station und Cheongnyangni Station. Seoul Station wurde ursprünglich von den Japanern erbaut und 1989 bis 1990 erweitert. Trotzdem musste zur Entlastung die 2004 eröffnete Yongsan Station neu errichtet werden. Das südkoreanische Eisenbahnnetz verbindet Seoul mit fast allen größeren Städten, die meistens südlich der Hauptstadt liegen. Am 30. März 2004 fuhr der Korea Train Express (KTX) über die erste Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Seoul und Busan. Südkorea war damit das erste asiatische Land, das die französische Technologie des TGV (Hochgeschwindigkeitszug) einsetzte und inzwischen in Lizenz selbst produziert.
Seoul ist über ein ausgedehntes Autobahnnetz an Express- und Fernbussen an nahezu jede Stadt in Südkorea direkt angebunden. Wichtige Busbahnhöfe für Verbindungen zu anderen Städten sind das Gangnam Express Bus Terminal im Süden der Stadt, das Dong Seoul Bus Terminal im Osten an und das Seoul Sangbong Bus Terminal im Norden der Stadt. Von den etwa 70 Zielen, die mit Expressbussen von Seoul aus erreicht werden können, werden die meisten mindestens im Stundentakt, die wichtigsten im Takt von 10 bis 20 Minuten, angefahren. Neben den üblicherweise von circa 6 bis 21 Uhr verkehrenden Linien gibt es auch einige spezielle Nachtlinien, die bis 2 Uhr morgens betrieben werden. Intercity-Busse sind Linien, die kleinere und nähere Orte anfahren. Sie befahren nicht unbedingt Autobahnen, sondern auch andere Straßen und haben öfter Zwischenstationen. Dafür fahren sie deutlich mehr Ziele an und sind entsprechend günstiger als die Expressbusse.
Nahverkehr
Seoul besitzt ein dichtes und gut ausgebautes Straßennetz mit sechs Autobahnen. 19 große Stichstraßen führen in alle Richtungen vom Stadtzentrum weg, darüber hinaus gibt es drei Ringautobahnen um das Stadtzentrum. Die Gesamtlänge des Straßennetzes beträgt 7801 Kilometer (Stand 1999). Alle wichtigen Straßen sind mehrspurig ausgebaut, die breiteste ist die Sejongno mit 20 Spuren.
Die U-Bahn Seoul gehört zu den größten U-Bahnsystemen der Welt. Der erste Streckenabschnitt der U-Bahn Seoul wurde am 15. August 1974 eröffnet. Heute verkehrt sie auf einem Netz von neun Linien mit einer Länge 352 Kilometern, das ständig erweitert wird. Allerdings ist die Seouler U-Bahn auch an die Linie Incheons und den AREX etc. angebunden, die in die Streckenlänge hier nicht einbezogen sind. Die U-Bahn-Züge verkehren von 5:30 Uhr morgens bis 0:30 Uhr, auf einigen Strecken noch länger, üblicherweise im Abstand von vier bis sechs Minuten, zu Hauptverkehrszeiten alle drei bis vier Minuten. Die U-Bahn wird täglich von bis zu sieben Millionen Menschen benutzt. Einige neue Strecken haben drei Gleise, wobei auf dem mittleren Gleis Züge verkehren, die nur an Umsteigestationen halten, somit schneller sind. Ab dem 1. Mai 1899 gab es eine elektrische Straßenbahn in Seoul, deren Betrieb aber am 29. November 1968 eingestellt wurde.
Ebenfalls sehr gut ausgebaut ist das Stadtbussystem. Auf den über 400 Linien werden täglich über sieben Millionen Passagiere befördert. Es gibt vier Arten von Bussen: Hauptverkehrsbusse (blau), Nachbarschaftslinien (grün), Schnellbusse (rot) und Umlaufbusse (gelb). Hauptverkehrslinien werden üblicherweise von 5 Uhr bis Mitternacht bedient, die Busse fahren üblicherweise alle paar Minuten. Fahrzeiten werden meist elektronisch angezeigt. Heute benutzen viele Fahrgäste ihre Smartphone-Anwendungen, um nach den Zeiten oder Verbindungen zu sehen. Die Direktbuslinien werden von komfortabler eingerichteten Bussen bedient und halten seltener. Viele dieser Linien sind Pendlerlinien, die Seoul mit den Satellitenstädten verbinden. Nachbarschaftslinien verbinden ansonsten nicht angeschlossene Wohngebiete mit dem übrigen Busnetz.
Sowohl Einzelfahrten mit dem Bus als auch die entfernungsabhängig berechneten Fahrten mit der U-Bahn sind an mitteleuropäischen Preisen gemessen sehr günstig. In der Regel wird zur Bezahlung die Tmoney-Card oder ein Smartphone per NFC verwendet.
Das Fahrrad wird als Fortbewegungsmittel immer populärer. Der Hangang ist ein beliebter Ort für kleine Fahrradtouren. Außerhalb Seouls ist meist mehr Platz, so dass in dortigen Parks viele Fahrradfahrer zu finden sind. Das Fahrradverleihsystem Seouls nennt sich Ttareungi () und auf Englisch Seoul Bike.
Einkaufen
Der größte Markt in ganz Südkorea ist der Dongdaemun-Markt am alten Osttor, dem Dongdaemun (Dong = Ost; Dae = groß; Mun = Tür). Von Haushaltswaren oder Elektroartikel, Schuhen und Kleidung bis zu Möbeln, kann hier alles erstanden werden. Ein weiterer bedeutender Markt in Seoul ist der Namdaemun-Markt, der sich im Osten des Südtores erstreckt. Dort gibt es auch einen Spezialitätenmarkt. Beliebt ist auch das Viertel Myeongdong, wo es zahlreiche Einkaufs- und Unterhaltungsmöglichkeiten sowie Streetfood gibt. Neben den vielen Märkten bietet Seoul auch die Möglichkeit in den zahlreichen Kaufhäusern und Geschäftsstraßen einzukaufen. An der Namdaemun-ro findet man direkt gegenüber dem Eingang nach Myeongdong rechts AVENUEL und links Lotte Young Plaza.
Die Straße hinauf liegt Shinsegae, gegenüber der Bank von Korea. Mit dem Times Square befindet sich eines der größten Kaufhäuser Seouls in Yeongdeungpo. Dort befindet sich auch die zweitgrößte Kinoleinwand der Welt im CGV Starium. Im Times Square finden auch immer wieder Filmpremieren statt. In Yongsan-gu befindet sich der Yongsan Electronics Market, der größte IT-Markt in Asien.
Insadong ist ein Markt für Kunst und Kultur und vor allem auf Touristen ausgelegt. Dort können Antiquitäten und traditionelle Mitbringsel wie Bilder, Skulpturen und Kalligraphie erstanden werden. Außerdem befindet sich in Insadong die populäre Ssamzigil. Gangnam ist der reichste Stadtteil Seouls und beherbergt einige populäre Einkaufsstraßen und -häuser. Dazu zählen vor allem Apgujeong-dong, Cheongdam-dong und die dortige Modestraße Garosu-gil sowie die COEX Mall.
Ganze Einkaufsstraßen – wie beispielsweise unterhalb der Jongno und Euljiro – wurden in den Untergrund gebaut. Das Sogong Underground Shopping Center ist direkt an den Lotte Department Store, das Young Plaza und Avenuel in Myeongdong angeschlossen und war in den 1980er-Jahren populär; das Hoehyon Underground Shopping Center befindet sich zwischen Myeongdong und Namdaemun und war in den 1980er-Jahren für Langspielplatten ein beliebter Einkaufsort. In diesen und anderen zahlreichen Arkaden findet man ein breit gefächertes Angebot an Kleidung, Schmuck, Schreibwaren, Smartphones, Kameras, Souvenirs und Reproduktionen antiken Porzellans.
Persönlichkeiten
Söhne und Töchter der Stadt
Persönlichkeiten, die in Seoul gewirkt haben
Kim Jeon (1458–1523), koreanischer Politiker, neokonfuzianischer Philosoph und Dichter
Literatur
Robert Nilsen: South Korea Handbook. 3. Auflage. Moon, Emeryville Cal 2004, ISBN 1-56691-418-3, S. 157ff.
Dirk Bronger: Manila-Bangkok-Seoul. Regionalentwicklung und Raumwirtschaftspolitik in den Philippinen, Thailand und Südkorea. Institut für Asienkunde, Hamburg 1997, ISBN 3-88910-178-X.
Beom Chu: An der Tradition orientierter Wohnungs- und Städtebau: Entwicklung eines Konzeptes für die Neuordnung historischer Wohngebiete in Seoul. Vertrieb für Bau- und Planungsliteratur, Dortmund 1999, ISBN 3-929797-53-4.
Lothar Coenen (Hrsg.): Der Wind weht aus dem Süden. Zeugnisse aus Seoul. Calwer, Stuttgart 1990, ISBN 3-7668-3109-7.
Young-Jun Lee: Luftreinhaltepolitik im städtischen Ballungsraum Seoul. Verlag für Wissenschaft und Forschung, Berlin 1994, ISBN 3-930324-09-1.
In-Ju Song: Analyse des Stadtökosystems als ökologische Grundlage für die Stadtplanung. Am Beispiel von Seoul. Verlag Dr. Kovac, Hamburg 1998, ISBN 3-86064-800-4.
Martin Robinson: Seoul. Lonely Planet, Melbourne 2003, ISBN 1-74059-218-2. (Englischer Reiseführer)
Keith Pratt: Old Seoul. Oxford University Press, Oxford 2002, ISBN 0-19-593087-8.
Peter Messingfeld: Abenteuer Seoul Verlag Lydia Messingfeld, 2008, ISBN 978-3-00-024362-2 (Deutscher Kultur- und Reiseführer)
Weblinks
Offizielle Website Seouls auf koreanisch und englisch
Seouls Tourismuswebsite (englisch, koreanisch, chinesisch und japanisch)
Einzelnachweise
Ort in Südkorea
Hauptstadt in Asien
Millionenstadt
Verwaltungsgliederung Südkoreas
Hochschul- oder Universitätsstadt
Wikipedia:Artikel mit Video
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Q8684
| 1,502.796953 |
8834
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https://de.wikipedia.org/wiki/Malerei
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Malerei
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Malerei ist die Kunst, Bilder zu malen. Die Bilder werden Gemälde genannt. Die Maltechnik besteht darin, feuchte Farben mittels Pinsel, Spachtel oder anderer Werkzeuge auf einen Malgrund aufzubringen. Nicht zu den Maltechniken gerechnet werden in der Regel Drucktechniken, auch wenn dabei mit feuchter Farbe gearbeitet wird. Ausführende der Malerei werden als Maler oder Kunstmaler bezeichnet. Die Malerei zählt neben der Architektur, der Bildhauerei, der Grafik und der Zeichnung zu den klassischen Gattungen der bildenden Kunst.
Neben der Tafel- und Wandmalerei unterscheidet man ferner die Glas- und Buchmalerei sowie die Malerei auf Ton, Keramik (z. B. die griechische Vasenmalerei) oder sonstigen Untergründen (Papier, Kunststoff).
Die Malerei kann auf eine lange Geschichte zurückblicken. Älteste Zeugnisse der Malerei sind unter anderem Höhlen- und Felsmalereien in Europa, Amerika, Asien und Australien.
Maltechniken
Die bevorzugten Maltechniken im Altertum waren die Enkaustik und die Temperamalerei. Es wurde auf Holz, Ton (Vasenmalerei), Stein oder auf den frischen Putz gemalt (siehe Freskenmalerei). Aufgrund der geringen Menge von archäologischen Zeugnissen lässt sich das Farbenspektrum der Antike nur sehr unzureichend rekonstruieren. Es wurde jedoch beobachtet, dass sich die Farben Rot und Blau am besten erhalten haben.
Weitere Beispiele für Maltechniken, die im Laufe der Geschichte zum Einsatz kamen, sind die Freskomalerei, Temperamalerei, Ölmalerei, Aquarellmalerei und Gouachemalerei. In der modernen Malerei erweitern neuentwickelte Bindemittel ständig die Ausdrucksmöglichkeiten. Eine Alternative oder Ergänzung zur Ölfarbe ist die um 1960 für die künstlerische Verwendung in Europa eingeführte Acrylfarbe, die schnell trocknet und dabei ihre Leuchtkraft behält.
Normalerweise wird mit der Hand gemalt. Es gibt aber auch Künstler, die mit dem Mund oder dem Fuß malen (siehe Vereinigung der mund- und fussmalenden Künstler).
Geschichte
Vorgeschichte
Das älteste Zeugnis der Malerei sind die Höhlenmalereien mit Tierdarstellungen aus der letzten Eiszeit und dem Jungpaläolithikum. Diese Malereien und Zeichnungen, daneben aber auch Reliefs und Plastiken, sind als künstlerische Ausdrucksformen aus der Zeit von etwa 45.000 bis 10.000 v. Chr. bekannt. Die ältesten bekannten Höhlenmalereien wurden in den Höhlen im Maros-Pangkep Karst auf Sulawesi in Indonesien entdeckt, sie sind etwa 40.000 bis 45.500 Jahre alt. Europäische Höhlenmalereien wurden vor allem in Spanien und Frankreich entdeckt (frankokantabrische Höhlenkunst). Dazu zählen die im Jahr 1940 entdeckten Wandbilder in der Höhle von Lascaux in Südfrankreich, die meist Tiermotive zeigen: Rinder, Hirsche und Pferde wurden in beeindruckender Weise dargestellt und gehören damit zu den ältesten bekannten malerischen Motiven der Menschheit.
Auch aus Afrika, Asien und Australien sind frühe Fels- und Höhlenmalereien bekannt. Im Nahen Osten gibt es schon für das Neolithikum zahlreiche Belege für frühe Malereien. Hier ist vor allem das Aufkommen von bemalter Keramik und die Wandmalerei zu nennen. Zahlreiche Reste prähistorischer Wandmalereien fanden sich im kleinasiatischen Çatalhöyük und datieren um 6000 v. Chr.
Europa
Altertum
In den Kulturen des Alten Orients war die Malerei, und wohl besonders die Wandmalerei, ab 10.000 v. Chr. weit verbreitet, doch ist relativ wenig davon erhalten geblieben. Einige Beispiele stammen aus dem Palast von Mari, während aus den Palästen der Hethiter lediglich Fragmente existieren, die aber kaum ein Bild der einst vorhandenen Bemalung erlauben. Von den Assyrern sind schließlich weitere Beispiele, vor allem von Wandmalerei, bekannt. Späteren Datums sind die Wandmalereien des alten Ägyptens (ab 3000 v. Chr.) und die minoische Freskomalerei auf Kreta (ab 2000 v. Chr.). Die Malerei der alten Ägypter ist vor allem von Wandmalereien aus Grabkapellen, von Särgen und von der Bemalung von Totenbüchern bekannt.
Im dritten Jahrhundert n. Chr. bezeichnete der griechische Schriftsteller Philostratos die Malerei als eine Erfindung der Götter (Eikones 1). Durch diese und andere Aussagen antiker Autoren ist bezeugt, dass die Malerei besonders hoch angesehen war, höher sogar als die Bildhauerei. In dem antiken Griechenland wurde als Bildträger hauptsächlich Holz verwendet, außerdem Stein, Ton und Stuck. Die Verwendung von Elfenbein, Glas und Leinwand tritt kaum auf, jedoch sind nur wenige Reste der antiken griechischen Malerei erhalten. Nach dem Untergang der minoisch-mykenischen Kultur mit ihrer qualitätvollen Freskomalerei (zum Beispiel in Knossos) setzte die griechische Wandmalerei erst wieder im achten Jahrhundert v. Chr. ein.
Die Anzahl und die Art der archäologischen Zeugnisse der römischen Malerei unterscheiden sich wesentlich von der griechischen Malerei. Erhalten sind zahlreiche Zeugnisse römischer Wandmalerei, wobei es offensichtlich ein römisches Phänomen ist und nicht etwa nur Zufall der Überlieferungssituation. Plinius der Ältere beklagt in seiner Naturalis historia (35,118) den weitgehenden Wechsel von der Tafel- zur Wandmalerei. Viele dieser Fresken stammen aus den im Jahre 79 n. Chr. verschütteten Städten Pompeji und Herculaneum.
Mittelalter
Die Malerei der Antike überlebte vor allem in den Wandmalereien der Kirchen und Vignetten von Büchern. Eine erste Blütezeit erreichte die Malerei mit der byzantinischen Kunst, unter anderem mit der Ikonenmalerei, die auch in der russischen Kunst übernommen wurde. Im Mittelalter war ferner die Buchmalerei von überragender Bedeutung. Die Tafelmalerei als Malerei auf eigenständigem Maluntergrund – also auf der Holztafel, dann auf Leinwand – entwickelte sich erst allmählich neu.
In der Gotik ab dem 12. Jahrhundert entwickelte sich im Vergleich zur byzantinischen und romanischen Bildsprache ein zunehmender Naturalismus. Bedeutende Künstler aus der Malerei in der Gotik sind unter anderem Giotto, dessen Fresken wegweisend auch für die spätere Renaissance sind, Simone Martini, Robert Campin, Jan van Eyck, Hieronymus Bosch und Matthias Grünewald.
Bis in die Neuzeit hinein war die europäische Malerei, durch die kirchlichen Auftraggeber, fast ausschließlich religiös geprägt. Es kam zur Ausmalung von Kirchen und Klöstern und zur Ausschmückung von Kirchenchören und Andachtskapellen mit Altarbildern. Andere Sujets wie die Porträtmalerei, Genremalerei, Landschaftsmalerei oder das Stillleben kamen erst im späten Mittelalter und in der Malerei der Renaissance hinzu.
Renaissance
Eine bedeutende Entwicklung nahm die Malerei in der Renaissance mit der nachhaltigen Weiterentwicklung der Techniken der Ölmalerei, der Zentralperspektive, der Darstellung allegorischer Motive der Antike und bei der Betonung individueller Charaktere in der Menschendarstellung unter Zuhilfenahme der Kenntnisse der Anatomie.
Jan van Eyck (um 1390–1441) schuf erstmals selbständige Bildnisse und Porträts; Albrecht Dürer (1471–1528) malte 1493 das erste bekannte autonome Selbstbildnis in Europa; Albrecht Altdorfer (um 1480–1538) machte als erster Maler die Landschaft zum Hauptthema.
Vor allem die italienische Malerei der Hochrenaissance in den Städten Florenz, Venedig und Rom brachte bedeutende Werke der Maler Leonardo da Vinci (1452–1519), Michelangelo (1475–1564), Raffael (1483–1520) und Tizian (ca. 1488–1576) hervor, die in Perspektive, Form, Farbe, Ausdruckskraft und malerischer Brillanz beispielgebend sind und die Bildende Kunst Europas bis heute nachhaltig beeinflusst haben.
Barock
Die Malerei des Barock nahm ihren Anfang im Italien des ausgehenden 16. Jahrhunderts. Die Malerei wurde im Laufe des 17. Jahrhunderts verstärkt funktionalisiert: Sie wurde entweder von der Kirche in den Dienst der Gegenreformation gestellt oder von den absolutistischen Höfen zur Verherrlichung des Regenten eingesetzt. Das Tafelbild entwickelte sich zu einem begehrten Sammelobjekt für Adlige, Könige und das aufsteigende Bürgertum. Bedeutende Maler sind in Italien Michelangelo da Caravaggio, in Spanien Diego Velázquez und Bartolomé Esteban Murillo und in den Niederlanden Peter Paul Rubens und Rembrandt, der als Meister des Chiaroscuro (Helldunkel) gilt.
In den Niederlanden setzte sich zu dieser Zeit mit der Unabhängigkeit und mit der Reformation eine neue Gesellschaftsordnung durch, die durch geistige Strenge gekennzeichnet war. In der Malerei lag die Betonung auf Alltagsszenen. So ist diese Periode eine große Zeit der Stillleben, etwa von Pieter Claesz. Der Maler Jan Vermeer vermittelt in seinen Bildern ruhige, andächtige Stille. Die Zeit war jedoch auch die große Zeit von Rembrandt, der in seinen Bildern wie etwa die Die Blendung Simsons große Dramatik erzeugte.
In Frankreich dominierten Ideale aus der klassischen Antike, die besonders in der Landschaftsmalerei eine Rolle spielten. Die französischen Maler Nicolas Poussin und Claude Lorrain, die beide jahrelang in Italien lebten, ließen sich in ihren Landschaftsbildern davon inspirieren.
Rokoko
Der Rokokostil entwickelte sich als eine stark verspielte Variante des Barock, für die Muschelmuster und andere ornamentale Elemente typisch waren. Ein früher französischer Vertreter dieses Stils ist der Maler Antoine Watteau, dessen Hauptmotive unter anderem Szenen mit singenden und tanzenden Liebenden sowie Schauspieltruppen waren. François Boucher ist ein weiterer typischer Vertreter des Rokoko, auch seine Bilder zeichnen sich durch Verspieltheit aus, die ernste Themen möglichst meidet. Der größte Vertreter des italienischen Rokoko ist Giambattista Tiepolo, der vor allem für seine Fresken bekannt ist, wie etwa die Hochzeitsallegorie im Palazzo Rezzonico in Venedig. In Venedig hielt sich der Spätrokoko mit Francesco Guardi auch noch, als dieser Stil im Rest Europas bereits außer Mode war.
Klassizismus und Romantik
Um die Mitte des 18. Jahrhunderts entstand der Klassizismus als ablehnende Reaktion auf den Spätbarock und den Rokoko. Der Klassizismus strebte danach, Werte wie Gerechtigkeit, Ehre und Patriotismus künstlerisch zu vermitteln. Vorbild war für die Maler dabei die klassische Antike. Der Klassizismus endete im frühen 19. Jahrhundert bereits wieder. Beinahe zeitgleich entstand die Bewegung der Romantik, die ihre Ursprünge Ende des 18. Jahrhunderts hat, aber erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur dominanten Kunstrichtung wurde.
Klassizistische Maler in Frankreich griffen unter anderem Motive aus der Antike auf oder, wie Jacques-Louis David mit seinem Der ermordete Marat, malten Ereignisse der französischen Revolution. Einen Höhepunkt erreichte der Klassizismus mit den Werken von Jean-Auguste-Dominique Ingres. Eine weitere Malerin der Zeit, deren Malstil aber auch Elemente des Barock noch aufgriff, war Marie Elisabeth Louise Vigée-Lebrun.
Maler der britischen Schule im 18. Jahrhundert waren weder dem Klassizismus noch der Romantik eindeutig zuzuordnen. Ein bedeutender Vertreter dieser Zeit war Thomas Gainsborough, dessen Bilder sich durch eine gelungene Kombination von Porträt mit Landschaftselementen auszeichneten. Ein weiterer wichtiger Porträtist dieser Zeit war Joshua Reynolds. Eine Alleinstellung nimmt der spanische Maler Francisco Goya ein. Zählt er anfangs zu den Klassizisten, entwickelt er später doch einen ganz eigenen Stil.
Die Romantik bildete einen Gegenpol zum Klassizismus, indem sie ihren Schwerpunkt nicht auf die Antike, sondern auf die moderne Welt legte. Außerdem räumte die Romantik dem Wilden, dem Unkontrollierbaren in Mensch und Natur einen Platz ein, im Gegensatz zum Klassizismus, der strenge Ansichten zu Ästhetik und Themenwahl pflegte. Als wichtiger Vertreter der Romantik in Frankreich ist zunächst Théodore Géricault zu nennen, dessen Floß der Medusa als Symbol für die Romantiker sehr wichtig war. Weitere Vertreter der Romantik sind der Deutsche Caspar David Friedrich und der Engländer William Turner, beide bekannt für ihre Landschaftsmalerei.
Mit den Präraffaeliten und dem Mystizismus eines William Blake entsteht eine Art der Malerei, die das Gefühl in den Mittelpunkt stellt. Die symbolistische Malerei wendet sich von realistischen Darstellung ab und versucht eine Wirklichkeit zu schaffen, die nur in der Malerei existieren kann. In dieser Tradition stehen dann auch spätere Entwicklungen in der Geschichte der Malerei, wie Jugendstil, Expressionismus und Surrealismus.
Moderne
Mit dem Aufkommen der Fotografie musste sich die Malerei neuen Herausforderungen und Aufgaben stellen, die nicht ohne Einfluss auf ihre Entwicklung im 19. Jahrhundert blieben. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden die Bilder überwiegend in Künstlerateliers. Das Braith-Mali-Museum in Biberach an der Riß beherbergt solche Originalateliers.
Mit den französischen Malern des Impressionismus beginnt die Freilichtmalerei. Zu dieser Richtung gehören Camille Pissarro (1830–1903), Édouard Manet (1832–1883), Edgar Degas (1834–1917), Paul Cézanne (1839–1906), Alfred Sisley (1839–1899), Claude Monet (1840–1926), Berthe Morisot (1841–1895) und Pierre-Auguste Renoir (1841–1919). Paul Cézanne kann schon, wie in gewissem Maße auch Vincent van Gogh, Paul Gauguin und Edvard Munch, als Wegbereiter der Moderne bezeichnet werden. Gerade Cézannes Werke markieren den Übergang, löst er sich doch zunehmend von der Wiedergabe der Realität und wendet sich den Mitteln der Malerei, der reinen Form und Farbe, zu.
Wichtige Strömungen der Moderne sind in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der Fauvismus, der Kubismus, der Dadaismus, der Surrealismus und die Russische Avantgarde. Nationale Besonderheiten sind der Expressionismus und die Neue Sachlichkeit (Deutschland), der Futurismus (Italien), der Kubo-Futurismus, Konstruktivismus und der Suprematismus (Russland) sowie der Vortizismus (England). Eine weitere Entwicklung der Kunst der Moderne ist die Abstrakte Malerei, die sich wiederum in Form unterschiedlicher Stile darstellt. Weitere wichtige Stilrichtungen des 20. Jahrhunderts sind der Tachismus und weitgehend nach 1950 das Informel. Legendäre Maler wie Piet Mondrian (1872–1944), Kasimir Malewitsch (1879–1935) und Pablo Picasso (1881–1973) haben die Malerei des 20. Jahrhunderts künstlerisch entscheidend geprägt.
Amerika
Präkolumbische Kunst
Die ältesten Kunstzeugnisse in Südamerika sind Höhlenmalereien in der Caverna da Pedra Pintada in Brasilien aus dem 12. Jahrtausend v. Chr. In Nordamerika ist ein Bisonschädel mit aufgebrachter Zickzacklinie in roter Farbe aus dem 11. Jahrtausend v. Chr. von einem Jagdplatz der Folsom-Kultur in Oklahoma die älteste bekannte Malerei Nordamerikas.
Aus präkolumbischen Kulturen sind vornehmlich Architektur, Keramik und Plastiken, Goldschmiedekunst und weiteres Kunsthandwerk überliefert. Zu bedeutenden erhaltenen Malereien zählen die Wandgemälde aus der archäologischen Fundstätte Cacaxtla im Bundesstaat Tlaxcala in Mexiko. Die Ursprünge der Sandbilder der Navajo in den heutigen Vereinigten Staaten gehen weit in die Vergangenheit zurück.
Vereinigte Staaten und Kanada
Die ersten Zuwanderer aus Europa ignorierten die Kunst der Ureinwohner weitgehend. Die Ureinwohner wurden jedoch Motive der Malerei, so etwa in den Indianer- und Inuit-Porträts von John White (etwa 1540 bis etwa 1593). In Kanada entstand Anfang des 20. Jahrhunderts durch die Group of Seven eine eigene kanadische Malerei, die sich von ihren europäischen Vorbildern löste. Eine wichtige Vertreterin der kanadischen Malerei, die mit der Group of Seven verbunden war, ist Emily Carr.
Die erste bekannte Schule der Malerei auf US-amerikanischen Boden entstand 1820, die Hudson River School, eine Gruppe amerikanische Landschaftsmaler. Erst ab dem 20. Jahrhundert löste sich die Kunst in den Vereinigten Staaten von ihren europäischen Vorbildern. Zu den ersten eigenständigen Kunstrichtungen, die in den USA ihren Ursprung hatten, gehörte der Amerikanische Realismus, zu dessen Vertretern unter anderem Robert Henri, George Bellows, Edward Hopper und Diego Rivera gehören. Als führende Kunstrichtung abgelöst wurde der Amerikanische Realismus in den Vereinigten Staaten in den 1940er und 1950er Jahren durch den Abstrakten Expressionismus, zu deren führenden Persönlichkeiten Jackson Pollock, Willem de Kooning und Mark Rothko zählen. Nennenswert ist ferner die Pop-Art, die ihre Anfänge in den 1950er Jahren in Großbritannien hatte, aber ab den 1960er Jahren schufen auch junge amerikanische Künstler Pop-Art-Werke, darunter Andy Warhol und Roy Lichtenstein.
Die heutige amerikanische Malerei lässt sich nicht mehr auf einen Stil oder eine Schule festlegen, denn Kunst des 21. Jahrhunderts ist häufig ein Produkt einer globalisierten Welt.
Lateinamerika
In den 1920er- und 1930er-Jahren entwickelten einige intellektuelle Gruppierungen ein Interesse an den volkstümlichen Wurzeln der lateinamerikanischen Kultur. Neben den europäischen Einflüssen wurden nun auch die afrikanischen und amerikanisch-indianischen Anteile an der Kultur anerkannt. Dies mündete in vielen lateinamerikanischen Ländern in Avantgardebewegungen, die neue und eigene künstlerische Ausdrucksformen entwickelten.
In Mexiko z. B. entwickelte sich der Muralismo, der die Wandmalerei ins Zentrum stellte. Ein wichtiger Vertreter dieser Avantgarde der Maler Diego Rivera. In Brasilien suchte Tarsila do Amaral mit lebendigen Farben sowie der Verwendung von tropischer Fauna und Flora als Motive einen Beitrag zur Entwicklung einer eigenständigen brasilianischen Malerei. In Uruguay führte der Maler Joaquín Torres-García den Modernismus in die Malerei ein, indem er abstrakte Grundformen mit Motiven und Bildern aus präkolumbischer Zeit und aus dem Leben der industrialisierten Gegenwart kombinierte. Ab den späten 1930er Jahren setzten sich Künstler in Lateinamerika vorrangig mit gesellschaftlichen Problemen, auch als Reaktion auf den spanischen Bürgerkrieg, den Zweiten Weltkrieg und den Kalten Krieg.
Internationale Berühmtheit erlangte die mexikanische Malerin Frida Kahlo, deren Werke Inspirationen aus der alten mexikanischen Kultur mit Einsichten in ihre eigene Gefühlswelt verband. In Kuba kombinierte Wifredo Lam Surrealismus, seine Bewunderung für Pablo Picasso und afrokubanische Religiosität.
Heutige lateinamerikanische Künstler stehen unter anderem vor der Frage, ob sie Kunst für ein heimisches Publikum schaffen oder eher den internationalen Kunstmarkt bedienen.
Asien
Die Malerei in Asien hat ihre Ursprünge vor über 40.000 Jahren in Höhlen im Maros-Pangkep Karst in Sulawesi, Indonesien. Ein weiteres, bedeutendes Zeugnis der Malereien aus der Frühzeit der Menschheit sind die steinzeitlichen Felsmalereien von Bhimbetka, ein archäologischer Fundplatz im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh und UNESCO-Weltkulturerbe. Zu weiteren bedeutenden alten Zeugnissen asiatischer Malerei gehören die Fresken in den Ajanta-Höhlen auf dem indischen Subkontinent von ca. 450–500.
Die chinesische, koreanische und japanische Malerei können auf eine längere große Geschichte zurückblicken. In Japan sind vor allem die Tuschmalereien von Weltrang. Gleiches gilt für die Tuschmalerei in China und die chinesische Kalligrafie. Einen Höhepunkt erreichte die chinesische Malerei in der Song-Dynastie.
Weitere bedeutende Malstile vom asiatischen Kontinent sind die Mandalas aus der Tradition des Buddhismus, die Seidenmalerei aus Vietnam und die islamische Buchmalerei.
Afrika
Afrikanische Kunst umfasst die künstlerische Produktion vieler sehr verschiedener Ethnien auf dem afrikanischen Kontinent. Häufig wird eine Unterscheidung zwischen der Kunst Subsahara-Afrikas und der Kunst der berberisch und arabisch beeinflussten Staaten im Norden Afrikas gemacht.
In der traditionellen afrikanischen Kunst der Subsahara ist die Malerei unterrepräsentiert, da viele Ethnien traditionell eher Skulpturen, Metallguss, Schnitzarbeiten, Webarbeiten, Schmuck und Tonwaren herstellten. Aufgrund der klimatischen Gegebenheiten und aufgrund der Tatsache, dass viele Kunstgegenstände aus Holz und anderen Naturmaterielen hergestellt wurden, sind relativ wenige historische Objekte der traditionellen afrikanischen Kunst überliefert. Anders stellt sich die Situation im nördlichen Afrika dar. So ist die Malerei Teil der altägyptischen Kunst, die eine jahrtausendalte Tradition hat. Byzantinisch beeinflusst ist die Malerei im christlichen Nubien, die ab dem 18. Jahrhundert belegt ist.
Verschiedene Faktoren trugen zur Entstehung einer modernen Malerei in Afrika bei: Zum einen wurden noch zur Kolonialzeit Künstlerwerkstätten durch Europäer in Kolonialverwaltung, Bildung oder Mission eingerichtet, zum anderen entstanden Kunstschulen und Akademien, die jedoch dem Modell westlicher Kunsterziehung verpflichtet waren und die zunächst keine eigenständige afrikanische Kunst hervorbrachten. Ein weiterer, wesentlicher Faktor für die Entstehung moderner afrikanischer Kunst war eine Generation autodidaktisch arbeitender Künstler ab dem Anfang des 20. Jahrhunderts, die moderne Arbeitsweisen verwandten.
Der Durchbruch für moderne afrikanische Kunst erfolgte in den späten 1940er und 1950er Jahren, als afrikanische Künstler wie Ben Enwonwu (Nigeria), Ibrahim e-Salahi (Sudan), Farid Belkahia (Marokko) oder Papa Ibra Tall (Senegal) sich etablierten. Sie lösten sich aus den engen akademischen Vorgaben und erarbeiteten die Grundlagen für moderne Kunstbewegung in Afrika. Werke moderner afrikanischer Künstler reichen von der Umsetzung tradierter Motiven und Techniken über das Aufgreifen westlicher Stile und Trends bis zu einer Kombination westlicher und traditioneller Arbeitsweisen.
Zeitgenössische Künstler aus afrikanischen Ländern erhalten heutzutage mehr Aufmerksamkei: So sind Kunstmessen in Afrika wie die Biennalen in Kairo, Johannesburg oder Dakar zu international beachteten Ereignissen der Kunstwelt geworden. Die Globalisierung ermöglicht ferner, dass afrikanische Künstler sich leichter mit neuesten Trends in der Kunstszene auseinandersetzen können oder an diesen mitarbeiten. Auch das Interesse der Forschung und der Museen an zeitgenössischer afrikanischer Kunst ist in Europa stark gestiegen.
Australien und Neuseeland
Australien
Die Kunst der Aborigines kann auf eine mehrere tausend Jahre alte Tradition zurückblicken, von Felsmalereien bis zu heutiger Kunst. Bedeutende traditionelle Maltechniken und -stile sind die Körpermalerei, mit der Aborigines ihre Körper mit traditionellen Mustern z. B. für Zeremonien und Tänze bedecken, Baumrinden-Malerei und Sandmalerei.
Bedeutende Preise auf internationalen Kunstmärkten erzielen die Baumrinden-Malereien der Aborigines. Diese Malereien werden auf dem geglätteten Inneren von Baumrinde aufgetragen, die von Eukalyptus-Bäumen stammen. Aus den Wüstenregionen Australiens stammen die Ursprünge der Sandmalerei. Heutige Maler greifen auch auf Leinwand und Farbe zurück, so etwa im Dot-Painting, und ersetzen die vergänglichen Sandmalereien damit durch eine dauerhafte Form.
Die ersten Gemälde europäischer Siedler orientierten sich an europäischen Vorbildern, verwendeten meist Tiere oder Aborigines als Motive. Mit der Aneignung des französischen Impressionismus durch die Heidelberger Schule in Melbourne gegen Ende des 19. Jahrhunderts gelang australischer Kunst europäischer Siedler erstmals internationale Anerkennung.
Neuseeland
In der voreuropäischen Zeit bestand das Malhandwerk vor allem aus dem kunstvollen Verzieren von Holzgegenständen wie Paddeln oder Kanus, der Bemalung von Monumenten und den Dachbalken der Versammlungshäusern der sowie das kunstvolle Bemalen von Steinen und Steinfelsen in Höhlen oder Grotten.
Mit dem Eintreffen der Europäer wird die Malerei als Kunst und Kunsthandwerk zunehmend europäisch beeinflusst. Es gibt nur wenige Beispiele und Zeugnisse der traditionellen Malerei der maorischen Urbevölkerung. Man vermutet, dass die Malerei nicht den gleichen Stellenwert in der -Kultur besaß wie zum Beispiel die Schnitzereikunst, das Herstellen von Skulpturen oder Tā moko, die Kunst des Tätowierens.
Die Malerei der europäischen Siedler in Neuseeland wurde im 19. und 20. Jahrhundert durch einen konservativen englischen Stil dominiert. Viele Maler konzentrierten sich auf Landschaftsdarstellungen, aber einige Maler gewannen ihren Lebensunterhalt auch die Porträtierung von . Zwischen 1900 und 1930 reisten viele der ambitioniertesten Maler Neuseelands nach Europa, um dort die modernen Kunstrichtungen zu studieren. Die Künstlerin Francis Hodges ist eine der erfolgreichsten neuseeländischen Malerinnen dieser Zeit. Ab den 1930er und 1940er Jahren kann man von einer eigenständigen neuseeländischen Malerei sprechen, die vor allem lokale Themen und Landschaften verarbeitete.
Durch eine größere Mobilität und leichteren Zugang zu Kunstmagazinen, Büchern und Wanderausstellungen moderner Kunst hatten die Neuseeländer nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend besseren Zugang zu Kunst der Avantgarde. Dadurch erreichten neuere Kunstrichtungen wie Expressionismus, Kubismus oder Abstraktion verspätet auch Neuseeland und wurden dort auch spät akzeptiert. Heute ist neuseeländische Kunst durch die Globalisierung Teil der internationalen Kunst, die sich z. T. wenig von der in New York oder London produzierten Kunst unterscheidet.
In den 1960er und 1970er Jahren erlebte die -Community ein kulturelles und nationalistisches Revival. Als Konsequenz produzierten jüngere -Künstler Werke, die eine Synthese traditioneller Kunst und europäischer Techniken darstellt. So flossen in die Malerei einerseits symbolische Musterungen und geometrische Designs aus der -Tradition ein, andererseits Materialien und Techniken aus der westlichen Kunst. Mit der Ausstellung Te Maori im Metropolitan Museum of Art in New York 1984 erreichte -Kunst und Kultur auch in Neuseeland eine größere Anerkennung.
Internationale Tendenzen seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
In der bipolaren Welt des Kalten Krieges schlug auch die Kunst und mit ihr die Malerei zwei Wege ein. In der sowjetischen Einflusssphäre wurde sie vornehmlich zu staatstragender Propaganda verpflichtet (u. a. Sozialistischer Realismus). Bekannte Maler im Sozialismus waren Willi Sitte, Bernhard Heisig, Werner Tübke. Die westliche Welt spielte dagegen bis in die achtziger Jahre hinein die Gedanken der Moderne weiter. Es fand eine stetige Erweiterung des Kunstbegriffes statt (Konzeptkunst, Fluxus, Happening). Die klassischen Kategorien, von Malerei, Bildhauerei, Graphik verloren immer mehr an Gewicht.
Die fünfziger Jahre waren geprägt von größtenteils abstrakt expressiven oder konstruktiven Tendenzen, die unter den Begriffen Informel, Tachismus, amerikanischer „abstrakter Expressionismus“ und Konkrete Kunst zusammengefasst werden können, in denen die Malerei noch eine wesentliche Rolle spielt. Mit der wirtschaftlichen Konsolidierung der westlichen Hemisphäre und ihrem kulturellen Zentrum New York spaltete sich die Kunstwelt ab den sechziger Jahren in einen formalistischen Zweig, Minimal Art und letztendlich Konzeptkunst auf der einen Seite, in die Pop Art auf der anderen Seite auf. Letztere bezieht sich auf die bunte Werbe- und Mediensprache und baut somit auch auf das gemalte und repräsentative Bild.
(u. a. Andy Warhol, Robert Rauschenberg, Roy Lichtenstein, in Deutschland als „kapitalistischer Realismus“ mit Gerhard Richter, Sigmar Polke).
In frühen Versuchen, schon in den dreißiger Jahren und aktiv seit 1955 begann Edmund Kesting mit chemischer Malerei, wie er diese Technik nannte, zu experimentieren. Mit Masken und Schablonen belichtete Kesting, ohne Verwendung einer Kamera, ausschließlich durch Auftragen von chemischen Fotoprodukten, wie Entwickler oder Fixierer, schwarzweißes Fotopapier.
Parallel zu dieser Entwicklung wird später, in der Mitte des letzten Jahrhunderts, die Schnittstelle zwischen den zu diesem Zeitpunkt noch weitestgehend getrennten Medien Malerei und Fotografie kunsthistorisch relevant durch Arbeiten der Fotokünstler Pierre Cordier (1956) Chemigramm, Paolo Monti (1970) (Chimigramm) und Josef H. Neumann (1974) Chemogramm geschlossen. Die Chemogramme von Josef H. Neumann weisen in der Besonderheit, im Gegensatz zur kameralosen chemischen Malerei, erstmals die Trennung von malerischem Grund und fotografischer Schicht auf. Neumann vereint 1974, durch parallele Verwendung einer Kamera innerhalb seiner Chemogramme, gleichzeitig die Medien Malerei und reale fotografische Perspektive.
Der schnelle Wechsel der verschiedensten Stile (Action Painting, Op Art, Fotorealismus, Hard Edge etc.; s. a. Stilrichtungen in der Malerei) fand in den achtziger Jahren mit dem Einläuten der Postmoderne ein Ende, zugleich sorgten die „Neuen Wilden“ (u. a. Jörg Immendorff, Walter Dahn, Kurt Schulzke, Albert Oehlen, Markus Oehlen, Salomé; Georg Baselitz, A.R. Penck und Markus Lüpertz entstammen einer älteren Generationen, gewannen aber in jener Zeit sehr an Gewicht) und die „Transavantgarde“ (darunter Sandro Chia, Enzo Cucchi, Francesco Clemente) für eine Renaissance des expressiven gemalten Bildes.
Die Auseinandersetzung mit den neuen digitalen Medien prägten die Tendenzen der neunziger Jahre, während der Fall der Berliner Mauer, 1989, auch international den Boden für junge Maler und Malerinnen bereitete, die ihre Ausbildung an Hochschulen von Leipzig, Berlin und Dresden erfahren hatten und später ab der Jahrtausendwende zum Teil unter dem Begriff der „Neuen Leipziger Schule“ zusammengefasst wurden (insbesondere Neo Rauch). Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts beschäftigte sich malerisch vornehmlich mit einer teils mythologisierenden Aufarbeitung des vergangenen Jahrhunderts (z. B. Jonathan Meese oder Andy Hope 1930). Das gemalte Bild wurde immer mehr zu einem Stilmittel unter vielen, um die Aussage des Künstlers zu transportieren. Hier zählte auch keine Diskussion mehr, sei sie nun figurativ, expressiv, oder konstruktiv. Weitere bedeutende Maler nach 1945 waren Frank Stella, Barnett Newman, Jasper Johns, Asger Jorn, Martin Kippenberger, Jackson Pollock, Günther Förg, Wolf Vostell, Imi Knoebel und Anselm Kiefer.
Aus soziologischer Sicht gehört die breite Masse an Malern besonders oft zu den Working Poor, das heißt zu den Personen, die trotz Arbeit in Armut leben.
Basiselemente von Gemälden
Die Basiselemente von Gemälden sind die Intensität, die Farbe und der Farbton und der Rhythmus. Bei Gemälden der zeitgenössischen Kunst werden zusätzlich nicht-traditionelle Basiselemente beschrieben. Die Intensität eines Gemäldes wird durch Schattierung, Kontrastierung und den Einsatz von benachbarten Elementen mit unterschiedlichen Farbintensitäten definiert. Das Nebeneinanderstellen von Bildelementen mit der gleichen Farbintensität kann nur symbolische Differenzierung hervorrufen. Die Wahrnehmung der Farbe und des Farbtons ist subjektiv, kann aber kulturell unterschiedliche psychologische Effekte hervorrufen. So wird die Farbe Schwarz im Westen eher mit Trauer in Verbindung gebracht, während die Farbe der Trauer im Osten weiß ist. Es gibt zahlreiche Theorien der Farbenlehre von bekannten Künstlern, Wissenschaftlern und Autoren wie Goethe, Kandinsky und Newton. Der Rhythmus ist im Bild abstrakt definiert als eine Pause innerhalb einer Sequenz und beschreibt die Verteilung von Formen, Farben und Schattierungen. Die nicht-traditionellen Basiselemente wurden durch moderne Künstler eingeführt und umfassen Techniken, die durch die traditionellen Basiselemente nicht erfasst werden. Dies sind z. B. Collagen oder der Einsatz von Materialien wie Sand, Stroh oder Holz für die Verleihung von Texturen.
Schutzpatron
Der Evangelist Lukas ist der Schutzpatron der Kunstmaler.
Siehe auch
Liste von Malern
Trattato della Pittura, Traktat über die Malerei von Leonardo da Vinci
Harmonie (Malerei)
Digitales Malen
Deckenmalerei
Wandmalerei
Kategorien:
Techniken der Malerei
Stilrichtungen in der Malerei
Artikel über Maler
Artikel über Gemälde
Literatur
Allgemeines
Wendy Beckett: Die Geschichte der Malerei. 8 Jahrhunderte in 455 Meisterwerken. Verlag K. Müller, Köln 2004, ISBN 3-89893-387-3.
Ernst Gombrich: Die Geschichte der Kunst. Phaidon, Berlin, ISBN 978-0-7148-9137-8.
Egon von Vietinghoff: Handbuch zur Technik der Malerei. DuMont, Köln 1983, ISBN 3-7701-1519-8.
Geschichte der Malerei: Epochen, Stile, Künstler, Meisterwerke, Dorling Kindersley, 2015, ISBN 978-3-8310-2825-2
Altertum
Hugo Blümner: Technologie und Terminologie der Gewerbe und Künste bei Griechen und Römern. Olms, Hildesheim 1995, ISBN 3-487-02384-9 (4 Bde., Repr. d. Ausg. Leipzig 1884), siehe Bd. 3, S. 159–187.
Vinzenz Brinkmann (Hrsg.): Bunte Götter. Die Farbigkeit antiker Skulptur. Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek, München 2003, ISBN 3-933200-08-3. (Ausstellungskatalog)
Vinzenz Brinkmann: Die Polychromie der archaischen und frühklassischen Skulptur. Biering & Brinkmann, München 2003, ISBN 3-930609-19-3.
Valentina Manzelli: La policromia nella statuaria greca arcaica. L’Erma, Rom 1994, ISBN 88-7062-854-X.
Harald Mielsch: Römische Wandmalerei. Theiss, Stuttgart 2001, ISBN 3-8062-1632-0.
Ingeborg Scheibler: Griechische Malerei der Antike. Beck, München 1994, ISBN 3-406-38492-7.
Monika Trümper: Griechische Malerei. In: Tonio Hölscher: Klassische Archäologie. Grundwissen. Theiss, Stuttgart 2002, ISBN 3-8062-1653-3, S. 277–292.
Annegret Laabs, Uwe Gellner, (Hrsg.): Heute: Malerei. JOVIS Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-86859-247-4.
Werner Hirschfeld: Die Geschichte der römischen Fassadenmalerei im 16. und 17. Jahrhundert. Europäischer Hochschulverlag, Bremen 2011, ISBN 978-3-86741-642-9.
Weblinks
Einzelnachweise
Gattung der bildenden Kunst
Künstlerische Technik
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Q11629
| 1,307.714856 |
114890
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https://de.wikipedia.org/wiki/Ges%C3%A4%C3%9F
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Gesäß
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Das Gesäß (anatomisch Nates, Clunes, Regio glutea, Regio glutealis, Glutealregion) ist ein nur bei Menschen und ansatzweise bei Primaten ausgeprägter Körperteil am unteren Rumpfende. In der topographischen Anatomie wird das Gebiet des Gesäßes als Regio glutaea (Gesäßregion) bezeichnet. Bei Tieren nennt man diese Region Kruppe, beim Menschen auch Hintern oder Sterz.
Anatomie
Das Gesäß ist aus zwei halbkugelförmigen, spiegelsymmetrischen Gesäßhälften oder Gesäßbacken aufgebaut, die durch die Analrinne (Rima ani, Crena analis) voneinander getrennt werden. Das Gesäß besteht aus den beiden Sitzbeinen (Os ischii) des Beckens als knöcherner Grundlage, aus den Gesäßmuskeln Musculus gluteus maximus, medius und minimus und aus ausgeprägten Fettpolstern. Durch die Gesäßfurchen werden beide Gesäßbacken nach unten begrenzt.
Der Musculus gluteus maximus ist nach dem Kaumuskel (Musculus masseter) der zweitstärkste Skelettmuskel des menschlichen Körpers (es gibt jedoch unterschiedliche Definitionen für Muskelstärke, nach anderen ist der Musculus gluteus maximus der stärkste Muskel). Er verbindet Darmbeinschaufel und Kreuzbein mit dem Oberschenkel, ermöglicht als Strecker des Hüftgelenks das Gehen und Stehen und verhindert ein Überkippen des Beckens nach vorn. Die Musculus gluteus medius und Musculus gluteus minimus verhindern das Absinken des Beckens auf der Seite des Spielbeins beim Gehen und einbeinigen Stehen.
Außer der aufrechten Haltung erlaubt das Gesäß dank seiner Fettpolster auch längeres Sitzen. Es stellt nach dem Bauch das größte Fettdepot dar. Die Form und die Größe der Gesäßbacken werden daher weitgehend von der Masse des subkutanen Fetts bestimmt. Seine Menge (ca. ein Drittel bis weit über die Hälfte der Gesäßmasse) hängt in erster Linie vom Geschlecht und vom Ernährungszustand des Körpers ab. Das Fett konzentriert sich an den Hinterbacken als mehrere Zentimeter dicke Schicht unter der Haut, als Fetteinlagerung zwischen den einzelnen Muskelsträngen sowie als Fettkörper im unteren inneren Bereich der Gesäßbacken. Die Tendenz, im Lebensverlauf ein voluminöseres Gesäß zu entwickeln, wird als Steatopygie (umgangssprachlich auch als Fettsteiß) bezeichnet.
Soziale Bedeutung
Das Gesäß gilt als intimer Körperteil mit starkem erotischem Reiz für beide Geschlechter, aber wegen der Nähe zum Anus auch als unrein. Das Schamgefühl gebietet es in sehr vielen Kulturen, das Gesäß zu bedecken. Die Entblößung des eigenen Gesäßes ist in manchen Kulturen eine Geste, um Protest, Hohn oder Geringschätzung auszudrücken – wie beim Mooning.
Schläge auf das Gesäß sind in vielen Kulturen eine Methode der Körperstrafe. Dies tritt vor allem im Strafvollzug in Erscheinung, aber auch in sehr umstrittener Weise in der Kindererziehung. Im Englischen (und im Deutschen im BDSM-Bereich) wird die Züchtigung auf das Gesäß auch als Spanking bezeichnet.
Andere Bezeichnungen
Eine veraltende hochsprachliche Bezeichnung für das Gesäß ist Steiß. Sie findet sich heute noch im Steißbein, dem unteren Fortsatz der Wirbelsäule. Es gibt ferner überaus zahlreiche umgangs- und vulgärsprachliche Ausdrücke für das Gesäß. Das seit dem 17. Jahrhundert belegte Podex ist lateinischen Ursprungs (pōdex, das ablautend zu pēdere ‚furzen‘ gehört). Popo und Po sind vermutlich ammensprachliche Kürzungen aus dem 18. Jahrhundert, zuerst im Nordosten bezeugt. Popo ist auch der Ursprung für die Redewendung „Setz dich auf deine vier Buchstaben!“
Meist vulgär wird der Begriff Arsch verwendet, beispielsweise im Schwäbischen Gruß („Leck mich am Arsch“). Er geht auf indogermanisch *orso-s ‚Hinterer‘ zurück, im Hethitischen arraš, im Griechischen órros, bedeutet aber eigentlich Anus, steht also nur metonymisch, als pars pro toto, für das ganze Gesäß. Weitere Bezeichnungen sind Fott (vgl. dazu auch die Etymologie von Fotze), in der Schweiz Füdli, Füdle, Füdlech bzw. kindersprachlich Fudi (eine Zusammensetzung von Fud und Loch). In Norddeutschland ist teilweise die plattdeutsche Bezeichnung Mors geläufig.
Im Hochdeutschen ist der Hintern ein vergleichsweise neutraler Begriff für das Gesäß, ohne kindlichen oder vulgärsprachlichen Anklang. Eine etwas ironische Bezeichnung mit Anspruch auf feine Sprache ist der Allerwerteste. Der Begriff Sitzfleisch für das Gesäß wird auch als Metapher für Ausdauer und Beharrungsvermögen verwendet.
Im Hessischen wird der Begriff Bobbes verwendet, der aber auch eine feine Backware aus ausgerolltem Mürbeteig oder Hefefeinteig bezeichnet.
Kultur
Leck mich im Arsch ist ein sechsstimmiger Kanon von Wolfgang Amadeus Mozart.
Literatur
Jean-Luc Hennig: Der Hintern. Geschichte eines markanten Körperteils. vgs, Köln 1998, ISBN 3-8025-2572-8.
Christiane Blass: Der Po. DuMont, Köln 2001, ISBN 3-7701-8658-3.
Weblinks
Einzelnachweise
Untere Extremität
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Q42165
| 111.505165 |
57202
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https://de.wikipedia.org/wiki/Harfe
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Harfe
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Die Harfe ist ein Saiteninstrument und gemäß der Tonproduktion ein Zupfinstrument. Unter den drei Grundtypen der Saiteninstrumente, die in der Hornbostel-Sachs-Systematik nach der Anordnung der Saiten auf dem Saitenträger in Harfen, Zithern und Lauten eingeteilt werden, ist die Harfe als ein zusammengesetztes Saiteninstrument definiert, bei dem die Saitenebene senkrecht zur Resonanzdecke verläuft. Die Konzertharfe als größte Vertreterin ihrer Art ist mit 175–190 cm Höhe und meist 34–42 kg Gewicht eines der größten und schwersten Orchesterinstrumente.
Die Harfe ist seit etwa 3000 v. Chr. von Abbildungen aus Mesopotamien und Ägypten bekannt.
Aufbau und Technik
Die Harfensäule bildet quasi das Rückgrat des Instrumentes. Oben ist der Kopf, der kunstvoll verziert sein kann, unten der Fuß. Vom Kopf aus führt der Hals zum Knie als Verbindung zum schräg nach unten verlaufenden Korpus, dem Resonanzkörper, der wiederum im Fuß endet.
Den oberen Teil des Resonanzkörpers bildet die Resonanzdecke, auf der sich die Bohrungen für die Saiten befinden. Die Decke wird bei den Saitendurchführungen oft durch eine Leiste an der Innen- oder Außenseite verstärkt. Die Stimmwirbel der Harfe befinden sich im Hals, je nach Typ der Harfe auch eine Mechanik. Diese Mechanik ist bei Pedalharfen über Pedalstangen, die entweder in der Säule oder im Korpus verlaufen, mit den Pedalen im Fuß verbunden.
Bei den einfachsten Harfen ist jede Saite für nur einen Ton zuständig. Bei der Hakenharfe lässt sich jede Saite mittels eines Hakens, häufig auch Halbtonklappe genannt, je nach Bedarf um einen Halbton höherstimmen. Bei der Pedalharfe können mit einem Pedal alle gleichnamigen Töne des Instrumentes um einen Halbton erhöht werden, bei der Doppelpedalharfe um einen weiteren Halbton.
Der Ausdruck „Konzertharfe“ bezeichnet heute immer eine Doppelpedalharfe (Grundstimmung Ces-Dur), mit der in allen Tonarten gespielt werden kann; die im alpenländischen Raum gebräuchliche Bezeichnung „Volksharfe“ bzw. „Tiroler Volksharfe“ bezeichnet eine Einfachpedalharfe (Grundstimmung Es-Dur) für Tonarten bis zu drei B und vier Kreuzen einschließlich C-Dur.
Siehe auch: Spieltechnik der Harfe.
Harfentypen
Diatonisch gestimmte Harfen
Einfachpedalharfe
Im 18. Jahrhundert wurden zur Einstellung der Tonarten Pedalharfen konstruiert, die noch heute in Gebrauch sind. Bei der Pedalharfe wird die Saitenverkürzung durch eine aufwendige Mechanik mit bis zu 2500 Bauteilen mittels Pedalen, also auch während des Spielens, erreicht.
Ursprünglich war eine Pedalanordnung im Gebrauch, welche die Möglichkeit bot, den Ton einer Saite um einen Halbton höher zu stimmen. Entsprechend dem Aufwand beim Bau der Harfen waren es wenige, häufig fünf, später sieben Pedale. Die ursprünglich von Hand zu drehenden Haken wurden später mittels Zug-Seilen mit einem Pedal am unteren Teil des Resonanzkörpers der Harfe verbunden, um durch Treten dieses Pedals den Halbton zu erzeugen.
Mitte bis Ende des 18. Jahrhunderts waren „Zugkrückenmechaniken“ weit verbreitet: Dieses waren mechanisierte Haken, welche die Saiten auf einen am Hals angebrachten Steg quer zur Saitenebene drückten. (Konstruktion Fa. Naderman Paris). Seltener war eine Mechanik mit mehreren drehbaren Haken. (Fa. Cosineau Paris).
Ende des 18. Jahrhunderts wurde die bei den heutigen Konzertharfen gebräuchliche Gabelscheibenmechanik entwickelt (Fa. Nadermann Paris und Fa. Erard London). Funktion: Eine drehbare Scheibe, deren Achse quer zum Hals angeordnet ist, war mit zwei kleinen Stiften versehen, zwischen denen die Saite verläuft. Tritt man das Pedal, so dreht sich die Scheibe und die zwei Stifte drücken die Saite so ab, dass sie verkürzt einen Halbton höher klingt.
Die von den Pedalen betätigten Zugstangen wurden ausschließlich durch die Säule mit einer Umlenkung im Kopf der Verbindung zwischen Säule und Hals geführt. Exotische Konstruktionen wie die Umstimmung der Saiten durch Dehnen mit drehbaren Wirbeln der Fa. Cosineau zur Jahrhundertwende zum 19. Jahrhundert konnten sich nicht durchsetzen. Die Einfach-Pedalharfen erreichen im Gegensatz zur Hakenharfe eine maßgebliche Erweiterung der innerhalb eines Musikstückes erreichbaren Tonarten.
Eine besondere Art der Einfachpedalharfe ist die im späten 19. Jahrhundert auftretende Tiroler Volksharfe oder Tiroler Liederharfe, die das erforderliche Umstimmen für den typischen Tonartenwechsel der Alpenländischen Volksmusik einfach durch Treten der Pedale ermöglicht. Sie wird mit nicht betätigten Pedalen in Es-Dur gestimmt und erreicht damit die Tonarten Es- bis E-Dur.
Vermutlich handelt es sich wegen der gebogenen Decke um eine Weiterentwicklung der böhmischen Harfe. Die Namensgebung leitet sich aus dem Verbreitungsgebiet des heutigen Tirol und Südtirol ab. Es handelt sich dabei um eine recht einfache Konstruktion. Die statischen Teile des Halses inklusive der Lager für die Umstimmvorrichtungen sind in Holz ausgeführt. Die Anordnung der Pedale war je nach Instrumentenmacher verschieden.
Die Instrumente des Harfenbauers Franz Bradl (1882–1963) aus Brixlegg verhalfen der noch heute gültigen Konstruktion zum Durchbruch. Beteiligt war maßgeblich die Volksharfenspielerin Berta Höller (1923–2014) aus Vöcklabruck in Oberösterreich (Sinngemäßes Zitat: Da habe ich den Holzköpfen erst einmal klarmachen müssen, dass die Pedale wie bei der Konzertharfe angeordnet werden müssen, damit sich die Harfe durchsetzt).
Die von Franz Bradl nun nicht mehr verwendeten Drahthaken wurden noch lange vom Harfenbauer Kammel (Schneizlreuth, Oberbayern) weiterverwendet. Die von den bekannten Volksharfenbauern (Mürnseer, Kitzbühel, Petutschnigg, Lienz, Kröll, Zangerle, beide Tirol und Fischer, Traunstein in Oberbayern) noch gebauten Instrumente sind mit Gabelscheibenmechaniken ausgerüstet. Das Konstruktionsmerkmal mit den Zugstangen im Resonanzboden und Umlenkung im Knie hat sich bei den Volksharfen erhalten. Diese Harfen zeichnen sich durch einen klaren Klang und ein kräftiges Knie aus.
Doppelpedalharfe
Am 2. Mai 1810 erhielt Sébastien Érard das Patent für eine Harfe mit Drehscheibenmechanik und doppelter Auflösung, so dass man jedes Pedal um zwei statt nur einer Stufe treten konnte (kleines Bild). Dadurch wurde die Erhöhung um je zwei Halbtöne und somit einen Ganzton möglich. 3500 verkaufte Exemplare führten zur Standardisierung der Harfe, die mit 45, 46 oder 47 Saiten bespannt ist und in dieser Form bis heute fast unverändert von den Konzertharfenbauern verwendet wird.
Die Doppelpedalharfe wurde so zur heute gebräuchlichen Konzertharfe. Sie hat 45 bis 47 Saiten unterschiedlicher Länge (7 bis 150 cm), die diatonisch gestimmt sind, und umfasst einen Umfang von sechseinhalb Oktaven. Sie besitzt in der Regel sieben Pedale, eines für jeden Stammton. Die Pedale sind durch Metallstangen oder -seile in der Säule der Harfe mit einem Zugmechanismus verbunden, der es mit Hilfe kleiner Gabeln erlaubt, während des Spielens die Länge des vibrierenden Teils der Saiten zu verkürzen und ihre Stimmung um einen halben oder ganzen Ton zu erhöhen. In der obersten der drei möglichen Positionen (Anfangsposition) hat jeder Ton ein -Vorzeichen.
In den 1970er Jahren gelangten Modelle mit verbreiterten Resonanzdecken im Bassbereich auf den Markt. Die Decke erscheint in der Vorderansicht in der Birnenform (großes Bild). Die Doppelpedalharfe erweiterte die Spielmöglichkeiten sehr, zum Beispiel das Spielen eines Glissandos über einen verminderten Septakkord. Nach der Arpa Tripla (Arpa Doppia) des 17. Jahrhunderts wurde die Harfe im 19. Jahrhundert als Doppelpedalharfe erneut fester Bestandteil „Klassischer Orchester“.
Doppelpedalharfen erreichen aufgrund der Standardisierung relativ einheitlich eine Höhe von bis 1,80 Meter und ein Gewicht bis zu 50 Kilogramm, das je nach Ausführung und verwendeten Materialien auch deutlich geringer sein kann. Die Saitenspannung erhöhte sich mit der Weiterentwicklung der Konzertharfe bedeutend und erfordert von Harfenisten ausgeprägtes Training zur Kraftbildung, dem Hornhautaufbau und spezielle Techniken zur Entspannung der Hand (nach unten zeigende Finger zupfen die Saiten und werden zum Entspannen der Hand in die Handfläche artikuliert).
Hakenharfe
Eine Hakenharfe ist ein nach ihren Umstimmvorrichtungen bezeichneter Harfentyp. Die Harfe ist traditionell ein diatonisches Instrument, das auf eine Tonart eingestimmt ist (in der Regel Es-Dur). Vermutlich mit der Verbreitung der temperierten Stimmung und um schnell die Tonart wechseln zu können, wurden ab dem 18. Jahrhundert unterhalb der Stimmwirbel, am oberen Ende der Saite, Haken angebracht, mit denen die einzelnen Saiten verkürzt und so um jeweils einen Halbton erhöht werden konnten. Es müssen nicht alle Saiten mit Haken versehen sein. Meistens wird die Tonart vor jedem Stück eingestellt. Es ist jedoch auch möglich, während des Spiels üblicherweise mit der linken Hand die Umstimmer zu bedienen.
Hakenharfen sind seit dem 17. Jahrhundert bekannt, Anfang des 18. Jahrhunderts wurden Pedalmechaniken zur Steuerung der Haken entwickelt. In der Kunstmusik waren Hakenharfen neben den Pedalharfen noch bis weit ins 19. Jahrhundert hinein verbreitet. Am bekanntesten sind jedoch jene Instrumente, die häufig von böhmischen und thüringischen Wandermusikern bis in die 1950er Jahre hinein gespielt wurden. Diese werden darum als Böhmische Hakenharfen bezeichnet und sind heute wieder in Franken und Süddeutschland beliebt. Außerdem sind viele der so genannten irischen oder keltischen Harfen Hakenharfen. Bei heute üblichen Hakenharfen sind die ursprünglichen einfachen Haken durch Halbtonklappen (im Englischen „Levers“) ersetzt, der Name ist jedoch geblieben. Die heute gebräuchlichen Typen sind die Keltische Harfe und die Böhmische Harfe.
Lateinamerikanische Harfen
Die in Spanien weit verbreitete Arpa Dos Ordenes wurde im 16. Jahrhundert durch die Spanier in Lateinamerika eingeführt – sie war damals in Europa ein Modeinstrument. Das Instrument verlor im Lauf seiner Entwicklung die pentatonische Saitenreihe und ist heute ein diatonisches Instrument ohne Umstimmvorrichtungen und mit Nylonsaiten bespannt. Die Harfe ist heute in Südamerika weit verbreitet und Harfenmusik ist Teil der Folklore in verschiedenen Ländern Lateinamerikas.
Besondere Beliebtheit genießt dieses Instrument in Paraguay und in Venezuela. Die typische Paraguay-Harfe hat 36 Saiten und ist etwa 150 cm hoch, der Abstand zwischen den Saiten beträgt etwa einen Zentimeter. Die Schallöffnungen befinden sich auf der Rückseite des Instrumentes. Die venezolanische Arpa llanera ist größer, durchschnittlich etwa 160 cm, hat 32 Saiten, die Saitenabstände betragen 1,4 cm und die Schallöffnungen befinden sich auf der Vorderseite des Instrumentes, auf dem Resonanzboden. Die Arpa llanera wird ebenso in Kolumbien gespielt. Die in den Anden, den Bergen Südamerikas, verbreitete Harfe besitzt einen sehr breiten Resonanzkörper und hat 34 Saiten. Seit mehr als 150 Jahren ist die Andenharfe zu einem traditionellen Instrument von Quechuasprachigen geworden. Die peruanische Harfe ist besonders populär in der Region Ayacucho. In Chile, Ecuador und Bolivien ist die Harfe nicht unbekannt, verliert aber mehr und mehr an Bedeutung. In Mexiko ist die Harfe im Bundesstaat Veracruz populär, sie wird dort aber mehr zur Begleitung und nicht als Soloinstrument benutzt. Das berühmte Lied La Bamba ist ursprünglich ein Harfenlied.
Entsprechend der weiten Verbreitung dieses Instruments in Südamerika gibt es viele Musikstile, die mit der Harfe gespielt werden können (z. B. der Joropo). Venezolanisch-kolumbianische Harfenmusik ist sehr rhythmisch und vom heißen Klima der tropischen Tiefebenen beeinflusst. Traditionell wird dazu auch gesungen (zum Teil Sprechgesang) und die Harfe wird vom Cuatro, den Maracas (Rumbakugeln) und von einem Bass begleitet. Paraguayische Harfenmusik ist melodiös und melancholisch. Sie wird mit Gitarre, Requinto (Kleine Gitarre) und manchmal mit Akkordeon begleitet. Andenmusik fußt auf der Pentatonik der Inkas, ist oft schwermütig und wird von Europäern mit ihrem ständigen Wechsel von Moll- zu Dur-Klängen als leicht traurig empfunden.
Südamerikanische Harfen werden mit den Fingernägeln gezupft.
Chromatisch gestimmte Harfen
Im 15. oder 16. Jahrhundert entstanden in Spanien und Italien chromatische Harfen, insbesondere die Doppelharfen. Es sind heute folgende Typen der chromatischen Harfe bekannt:
Arpa Dos Ordenes (spanische Harfe mit gekreuzten Saiten)
Arpa doppia (italienische Doppel- oder Tripelharfe)
Pleyel-Harfe
Weigel-Harfe
Walisische Tripelharfe
Moderne Sonderfälle
Die Experimentierkunst im Harfenbau ist nicht erloschen, so waren 1999 auf dem Harfenkongress in Prag moderne Formen der Pleyelharfe und kleinere chromatische Harfen mit zwölf Saiten in einer Reihe zu sehen. Diese Modelle waren in der Renaissance und im Barock in kleinerem Umfang bereits vorhanden, ohne jemals weitere Verbreitung zu finden.
Um 1900 erfuhr die chromatische Harfe eine kurze Wiederbelebung. Aufgrund der immer chromatischer werdenden Kunstmusik hielten manche die diatonische Pedalharfe für unbefriedigend bzw. nicht geeignet für die moderne Musik. Der bekannteste Komponist, der für dieses Instrument komponiert hat, war Claude Debussy.
Ausgehend von einer im 19. Jahrhundert bereits vorhandenen Konstruktion einer chromatischen Harfe unternahm der Harfenist Christoph Pampuch Ende des 20. Jahrhunderts einen neuen Anlauf. Auf Basis der böhmischen Harfe entwickelte er ein doppelreihig überkreuztes, dazu handliches Modell, das mit eigener Spieltechnik und ohne fehleranfällige Mechanik das gesamte chromatische Spektrum bietet. Das Besondere ist die Stimmung des Instruments, dabei werden die Saiten einer Saitenreihe immer in großen Sekunden (analog dem Salzburger Hackbrett) gestimmt, also in zwei parallelen Ganztonleitern. Damit gehört diese Harfe zu den 6-plus-6-Instrumenten. Der Musiker oder die Musikerin greift für einen Dreiklang zwei Saiten aus einer Ebene und eine Saite aus der zweiten Ebene. Seit 2005 gibt es jährlich ein Treffen der chromatischen Harfenspieler.
Geschichte
Etymologie
Das Wort Harfe (ahd. harpha, harpfa, harfa, harf, mhd. harpfe, härpfe, herpfe) ist gemeingermanisches Wortgut (germ. *harpō) und findet sich ähnlich in allen west- und nordgermanischen Sprachen (aengl. hearpe, asächs. harpa, nl. und engl. harp; anord. und schwed. harpa, dän. und norw. harpe); im Gotischen ist es nicht bezeugt. Zur Zeit der Völkerwanderung gelangte das Wort ins Spätlateinische (arpa, auch harpa), insbesondere wohl auch in die vulgärlateinische Soldatensprache und findet sich so von jeher auch in allen romanischen Sprachen (span., kat., prov. und it. arpa, port. harpa, frz. harpe, rum. harpă), was Adelung noch zu der irrigen Vermutung verleitete, dass das Instrument samt seinem Namen aus dem romanischen Raum nach Deutschland gelangt sei. Dass das Gegenteil der Fall ist, zeigt sich bei Venantius Fortunatus, der die harpa in einem der ältesten schriftlichen Nachweise überhaupt (um 580) als „barbarisches“ Instrument glossiert und sie der römischen Lyra und der britannischen, also keltischen, Chrotta gegenüberstellt. Die slawischen Sprachen entlehnten das Wort sehr viel später aus dem Deutschen. Im Polnischen etwa ist harfa erst 1532 nachgewiesen, russisch арфа sogar erst 1698.
Die weitere Herleitung ist umstritten. Die Annahme, dass es sich bei dem germanischen Wort um eine sehr alte Entlehnung oder einen Urverwandten von griechisch ἅρπη (árpē) „Sichel, Harpe“ handelt und sich folglich der Name des Instruments seiner Form verdankt, findet nur noch wenige Unterstützer. Eine andere Hypothese, die ausführlich von Rudolf Meringer und Hans Sperber ausgearbeitet wurde und derzeit in der von Elmar Seebold verantworteten aktuellen Auflage des Etymologischen Wörterbuchs der deutschen Sprache als einzige in Erwägung gezogen wird, führt die Bezeichnung auf die Art der Klangerzeugung zurück und deutet sie als Substantivierung eines germ. Verbs *harpon „zupfen“, das in dieser Bedeutung zwar in keiner Sprache nachgewiesen ist, sich aber mit isländisch harpa „kneifen“ sowie mit dem aus dem Altfränkischen stammenden altfranzösischen harper „greifen, packen“ sowie harpe „Kralle, Klaue“ (vgl. Harpune) vergleichen lässt, ferner vielleicht auch mit lateinisch carpere „pflücken“, das seinerseits wohl mit englisch harvest „Erntezeit“ und deutsch Herbst urverwandt ist.
Julius Pokorny wiederum ordnete die Harfe (nicht aber die griechische ἅρπη) ob ihrer „hakigen Krümmung“ einer indogermanischen Wurzel *(s)kerb, *(s)kreb „(sich) krümmen, drehen“ zu, die demnach auch so unterschiedlichen Wörtern wie schrumpfen, shrimp, Krampf und Korb zugrunde liegt. Wolfgang Pfeifer griff in seinem Etymologischen Wörterbuch des Deutschen diese Herleitung wieder auf, ergänzte sie aber um das Benennungsmotiv der „beim Zupfen gekrümmten Finger“.
Ferner wurde verschiedentlich über einen vor- oder außerindogermanischen Ursprung spekuliert. So griff in jüngerer Zeit Theo Vennemann die 1907/1911 von Hermann Möller angestellte (und in der Zwischenzeit universell ignorierte) Vermutung auf, dass das Wort semitischen Ursprungs sei, und mutmaßte ferner, dass „das Wort mit der Sache“, also dem Instrument, in der Kupfer- oder Bronzezeit aus dem Alten Orient nach Westeuropa gelangte. Vennemans Theorien über die für diesen Kulturtransfer angeblich verantwortlichen „atlantischen Semitiden“ sind in der Fachwelt allerdings ebenso wie seine Überlegungen zu einer einst in ganz Europa verbreiteten „vaskonischen“ Sprachfamilie höchst umstritten, seine Herleitung der Harfe hält aber etwa das Etymologisch woordenboek van het Nederlands für wahrscheinlich.
Altertum
Es gibt Hinweise auf Harfen im Alten Ägypten und in Mesopotamien seit etwa 3000 v. Chr. Die ersten Abbildungen von Harfen erscheinen in Mesopotamien und im Alten Ägypten etwa 2400 v. Chr. zeitgleich mit Leiern. Die älteste, mit Namen und auf einer Abbildung aus dieser Zeit bekannte ägyptische Harfenspielerin hieß Hekenu. Sie begleitete die damals offensichtlich berühmteste Sängerin Iti. Aus der Kykladenkultur haben sich zehn Marmorstatuetten mit sitzenden Harfenspielern erhalten, die von ca. 2600 bis 2200 v. Chr. entstanden sind.
Diese ältesten Harfen waren Bogenharfen, denen um 1900 v. Chr. ein neuer Harfentyp nachfolgte, dessen Hals in einem rechten oder spitzen Winkel vom Resonanzkörper abging. Die Zahl der Saiten konnte bei den Winkelharfen deutlich erhöht werden. Unterschieden werden nach der Spielposition des Resonanzkörpers große vertikale Winkelharfen mit teilweise mehr als 20 Saiten von kleineren horizontalen Winkelharfen mit weniger als zehn Saiten. Letztere haben sich im 1. Jahrtausend v. Chr. von den Assyrern nach Zentralasien verbreitet. Ein gut erhaltenes Fundstück aus dem Altai ist die in das 4. Jahrhundert v. Chr. datierte Pasyryk-Harfe. Die vertikalen Winkelharfen Tschang wurden im Iran bis zum 17. Jahrhundert und in der osmanischen Türkei bis Anfang 18. Jahrhundert gespielt. Den Nachteil der Winkelharfe, ihre geringe Stabilität und schlechte Stimmbarkeit, überwand die Erfindung der dreiseitig geschlossenen Rahmenharfe, die in Europa um 800 n. Chr. erfolgte. Hiervon sind alle modernen Konzertharfen abgeleitet.
Archäologen aus Innsbruck haben eine 2000 Jahre alte, geschnitzte Winkelharfe rekonstruiert. Der aus Hirschgeweih geschnitzte Arm der Harfe ist reich verziert und trägt eine rhätische Inschrift. Im nördlichen Europa (im Gegensatz zum Mittelmeerraum) erscheinen die ersten Abbildungen von Harfen in Irland um etwa 800 n. Chr. Diese Harfen bilden mit ihren Charakteristika (geschwungener Hals, abgeschrägte Saitenanordnung) den Grundtypus aller heute weltweit gebräuchlichen Harfen.
Das „biblische Harfe“ oder „Davidsharfe“ und im Alten Testament kinnor genannte Saiteninstrument, mit dem der hebräische König David die bösen Geister seines Vorgängers Saul austrieb, war wahrscheinlich eine Leier. Mit den Bezeichnungen hearpan in der mittelalterlichen angelsächsischen Dichtung Beowulf (8. Jahrhundert) und harpha in der deutschen Literatur des 9. Jahrhunderts war eine Harfe, eine Leier oder allgemein ein Saiteninstrument gemeint.
Mittelalter und Neuzeit
Vier der ältesten Harfen haben sich in Europa erhalten: Es sind dies drei keltische Harfen aus dem 15. oder 16. Jahrhundert. Bei der nach dem legendären irischen Hochkönig Brian Boru benannten Harfe mit einem aus einem einzigen Stamm gebeitelten Korpus kam als Resonanzholz Weidenholz zum Einsatz. Diese Harfe kann in der Bibliothek des Trinity College in Dublin besichtigt werden. Die Brian-Boru-Harfe ist im Wappen der Republik Irland sowie auf der Flagge der irischen Provinz Leinster zu sehen, auch ist sie auf den irischen Euromünzen abgebildet, und war davor lange auf allen Münzen des irischen Pfundes zu sehen. Zwei sehr ähnliche Exemplare, die Queen Mary Harp und die Lamont Harp befinden sich im Museum of Scotland in Edinburgh. Eine vierte Harfe, die sogenannte „Wolkenstein-Harfe“ oder „Eisenach-Harfe“ vom Ende des 14./Anfang des 15. Jahrhunderts, kann man heute auf der Wartburg in Eisenach besichtigen.
In Mitteleuropa tritt die Harfe als einfache Schoßharfe auf (oft auch als Bogenharfe). Schnarrer waren weit verbreitet, das Instrument klingt dadurch kräftiger. Der schnarrende Klang deutet auf die Verwendung als Begleit- und Rhythmusinstrument hin. Die Pedalharfe mit am Harfenfuß angebrachten Pedalen wurde 1720 von Jacob Hochbrucker erfunden.
Die drei folgenden Bilder zeigen Details einer „Gotischen“ Harfe frei nach der Harfe MI59 im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg.
Spieler (Auswahl)
Christian Hochbrucker (1733 bis nach 1800)
Maria Theresia Löw (1809–1885)
Ada Lovelace (1815–1852)
Jonny Teupen (1921–1991)
Xavier de Maistre (* 1973)
Joanna Newsom (* 1982)
Tori Handsley (* 1993)
Hersteller (Auswahl)
Hersteller von Konzertharfen sind unter anderem:
Aoyama (Fukui, Japan)
Camac (Mouzeil, Frankreich)
David (Sainte Croix, Schweiz)
Horngacher (Starnberg, Deutschland)
Lyon & Healy (Chicago, USA)
Salvi (Piasco, Italien)
Riedel (Pöhla, Deutschland)
Thurau (Wiesbaden, Deutschland).
Speziell für Einfachpedalharfen (Tiroler Volksharfen) sind erwähnenswert:
Finess-Harfen Johannes Fischer (Frasdorf, Deutschland)
Fischer (Traunstein, Deutschland)
Kröll (Münster, Tirol, Österreich)
Mürnseer (Kitzbühel, Österreich)
Petutschnigg (Lienz, Österreich)
Schroll (Traunstein, Deutschland)
Zangerle (Ebbs, Tirol, Österreich)
Festivals
USA International Harp Competition; Bloomington (Indiana)
World Harp Congress (WHC) an wechselnden Orten weltweit
Europäisches Harfen Symposium an ebenfalls wechselnden Orten
Internationales Harfenfestival, Weil am Rhein
Süddeutsches Harfenfestival
Keltische Tage am Bodensee
Harfentreffen (in Lauterbach/Hessen seit 2006, Mosenberg 1985–2005, in Josbach 1981–84)
Harfensommer (in Bad Homburg/Hessen seit 2021, Lauterbach/Hessen 2010–2019)
International Edinburgh Harp Festival
Somerset Folk Harp Festival, New Jersey, USA
Weitere Formen der Harfe
Antike griechische Harfen: Pektis, Sambyke (Hackbrett oder Harfe), Trigonon, Psalterium (Leier oder Harfe), Magadis und Nablium
Adungu, Bogenharfe im Norden Ugandas
Ardin, mauretanische Winkelharfe
Bin-baja, seltene Bogenharfe in Zentralindien
Bolon, frühe Form einer westafrikanischen Stegharfe
Ennanga, Bogenharfe im Süden Ugandas
Konghou, historische chinesische Winkelharfe
Kora, westafrikanische Stegharfe
Kugo, historische japanische Winkelharfe
Kundi, Bogenharfe in Zentralafrika
Saung gauk, burmesische Bogenharfe
Seperewa, westafrikanische Stegharfe
Tschangi, georgische Winkelharfe
Waji, afghanische Bogenharfe
Yazh, historische Bogenharfe der Tamilen in Südindien
Nach der Klassifikation der Hornbostel-Sachs-Systematik ist eine Harfe jedes Saiteninstrument, dessen Saitenebene rechtwinklig von der Decke des Resonanzkörpers bis zu einem entfernten Saitenträger verläuft. Demnach gehört auch der am Beginn der Entwicklung der Saiteninstrumente stehende afrikanische Erdbogen in diese Gruppe.
Instrumentenkundlich keine Harfen sind die „Harfe“ genannte Äolsharfe (Windharfe), Laserharfe und Kinderharfe.
Literatur
Zur Baugeschichte der Harfe vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Michaelsteiner Konferenzberichte 47, Michaelstein 1995, ISBN 3-89512-113-4.
Lucia Bova: L'arpa moderna. La scrittura e la notazione, lo strumento e il repertorio dal '500 alla contemporaneità. Suvini Zerboni, Milano 2008, ISBN 978-88-900691-4-7. (italienisch)
Dagmar Droysen-Reber und Beate Wolf (Hrsg.): Harfen des Berliner Musikinstrumenten-Museums. Bestandskatalog. SIMPK, Berlin 1999, ISBN 3-922378-18-8.
Vita Mirella: Kleines Harfen-Wörterbuch. Pizzicato Verlag. (viersprachig)
Heidrun Rosenzweig (Hrsg.): Historische Harfen. Odilia Verlag, Basel 1991, ISBN 3-9521367-4-3.
Hans-Joachim Zingel: Verzeichnis der Harfenmusik. Hofmeister Verlag, Hofheim am Ts. 1965.
Hans-Joachim Zingel: Harfe und Harfenspiel. Laaber-Verlag, Laaber 1979, ISBN 3-921518-08-3.
Weblinks
Geschichte der Early Gaelic Harp (englisch)
Information über die Harfe Latina (spanisch und französisch)
HarfenWiki des Harfenforum.de
Weltharfenkongress in Amsterdam (englisch)
USA International Harp Competition
Nicht-kommerzielles deutsches Harfentreffen in Lauterbach/Hessen (ehem. Mosenberg)
Verband der Harfenisten in Deutschland e. V.
Harfensommer in Lauterbach/Hessen
Lieder der Goethezeit für Gesang und Harfe
Einzelnachweise
Zupfinstrument
Nationales Symbol (Irland)
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Q47369
| 177.404898 |
10984
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https://de.wikipedia.org/wiki/Peptid
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Peptid
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Ein Peptid ist eine organische Verbindung, die Peptidbindungen zwischen Aminosäuren enthält. Nach deren Anzahl werden Oligopeptide mit wenigen von Polypeptiden mit vielen Aminosäuren unterschieden. Lange Polypeptidketten werden auch als Proteine bezeichnet, insbesondere die durch Proteinbiosynthese gebildeten.
Eigenschaften
Peptide, bei denen einzelne Aminosäuren in einer definierten Reihenfolge (Sequenz) linear zu einer Kette verbunden sind, können als ein kleines Protein betrachtet werden. Peptide mit zirkulär gebundenen Aminosäuren werden Cyclopeptide genannt. Peptide unterscheiden sich daneben vor allem durch ihre molaren Massen. Die Abgrenzung zu Proteinen nach Anzahl der verknüpften Aminosäuren ist fließend; bei einer Kette von mehr als ungefähr 100 verknüpften Aminosäuren, die sich zu einer bestimmten Form auffaltet, wird das Molekül gemeinhin als Protein bezeichnet. Peptide mit Glykosylierungen werden als Glykopeptide bezeichnet bzw. als Glykoproteine, Peptide mit Lipiden als Lipopeptide bzw. als Lipoproteine.
Organismen können Peptide durch Translation ausschließlich aus α-Aminosäuren der L-Form bilden, denn für diesen Prozess stehen allein die genetisch codierten Aminosäuren zur Verfügung, die an eine tRNA gebunden werden. Vereinzelt finden sich bei Lebewesen verschiedener Reiche auch D-Aminosäuren in Peptiden, diese sind jedoch Produkte spezieller Stoffwechselwege einer nichtribosomalen Peptidsynthese und nicht der Proteinbiosynthese. Peptide erfüllen eine große Anzahl physiologischer Funktionen und können beispielsweise als Hormone wirken, andere zeigen entzündungshemmende oder entzündungsfördernde Wirkungen; es gibt auch antimikrobielle Peptide mit antibiotischen oder antiviralen Wirkungen. In einigen Fällen ist ihre Wirkungsweise gut erforscht.
Die Bezeichnung Peptid wurde erstmals 1902 von Emil Fischer verwendet für die Ausgangsstoffe der Proteinabbauprodukte durch Pepsin im Pepton (zu griech. πεπτικός peptikos ‚verdauungsfähig‘ bzw. πεπτός peptos ‚gekocht‘), begriffen als aus Monomeren aufgebaut, analog einem Polysaccharid.
Struktur
Bei der Kondensation von Aminosäuren reagiert die Carboxygruppe der einen Aminosäure formal unter Wasserabspaltung mit der Aminogruppe der anderen Aminosäure zur Säureamidgruppierung -CO-NH-, die neu geknüpfte Amidbindung zwischen dem Kohlenstoffatom der Carbonylgruppe und dem Stickstoffatom wird eine Peptidbindung. Die freie Aminogruppe an einem Ende des Peptids nennt man N-Terminus, die freie Carboxygruppe am anderen Ende wird C-Terminus genannt.
Das N-terminale Ende wird konventionell links geschrieben, das C-terminale Ende rechts. Bis auf die C-terminale Aminosäure erhalten alle linksstehenden Aminosäuren die Endung -yl an ihren Trivialnamen, lediglich der Name der rechtsstehenden Aminosäure ändert sich nicht (Beispiel: Ein Dipeptid, das sich aus zwei Alanin-Aminosäuren zusammensetzt, heißt demnach Alanyl-Alanin).
Die Peptidbindung ist nicht frei drehbar, da es zwei Resonanzstrukturen gibt. Dies spielt eine wichtige Rolle bei der Struktur von Proteinen.
Einteilung
Allgemein werden Peptide unterschieden nach Anzahl der Aminosäuren, aus denen ein Peptidmolekül besteht. Die Zahl an jeweils möglichen Kombinationen nimmt exponentiell zu, zur Basis 20 bei Beschränkung auf die 20 kanonischen Aminosäuren der Proteinbiosynthese.
Bei den meisten Peptiden bilden die miteinander verbundenen Aminosäuren Ketten; deren Enden werden als N- und C-Terminus bezeichnet, die Zahl an Aminosäuren als Kettenlänge. Bei Cyclopeptiden sind zwei oder mehr Aminosäuren ringförmig miteinander verbunden.
Proteine bestehen zumeist aus Polypeptidketten von über hundert Aminosäuren. Sie haben durch Proteinfaltung eine bestimmte räumliche Struktur, die für ihre biologische Funktion wesentlich ist und mittels Disulfidbrücken stabilisiert werden kann. Proteine können sich darüber hinaus zusammenlagern und einen Proteinkomplex bilden, so beispielsweise Hämoglobine.
Oligopeptide
Als Oligopeptide werden chemische Verbindungen bezeichnet, die aus bis zu zehn Aminosäuren bestehen, die untereinander über Peptidbindungen verknüpft sind.
Gebildet wird ein Oligopeptid, indem unter Wasserabspaltung die Aminogruppe einer ersten Aminosäure mit der Carboxygruppe einer zweiten Aminosäure reagiert. Daraufhin reagiert die freie Aminogruppe des entstandenen Dipeptids mit der Carboxygruppe einer weiteren Aminosäure. Nach diesem Muster können weitere Aminosäuren angeknüpft werden, sodass eine kurze Kette von Aminosäuren entsteht, die über Peptidbindungen miteinander verbunden sind. Werden auch die beiden Kettenenden miteinander verknüpft, entsteht ein zyklisches Peptid (siehe unten).
Oligopeptide spielen z. B. als Bestandteile von Enzymen bei Entgiftungs-, Transport- und Stoffwechselprozessen eine Rolle.
Polypeptide
Ein Polypeptid ist ein Peptid, das aus mindestens zehn durch Peptidbindungen verbundenen Aminosäuren besteht. Polypeptide, über die Emil Fischer von 1899 bis 1906 Studien durchführte, können sowohl natürlichen als auch synthetischen Ursprungs sein. Polypeptidketten mit mehr als 100 Aminosäuren werden in der Regel als Proteine bezeichnet; allerdings sind für ein Protein weitere Voraussetzungen notwendig, so etwa eine bestimmte Proteinfaltung.
Makropeptide sind hochmolekulare Peptide. Sind diese durch Wasserstoff- oder Disulfidbrücken verbunden, spricht man oft von Proteinen. Doch werden manche Aminosäurenketten mit mehr als 100 Aminosäuren nur als Peptide bezeichnet.
Cyclopeptide
Zyklische Peptide bestehen aus zwei oder mehr Aminosäuren, die ringförmig angeordnet sind. Daher besitzen Cyclopeptide keine C-terminale und keine N-terminale Aminosäure. Alle zyklischen Peptide sind somit zugleich Lactame. In den ringförmigen Peptiden liegen cis-Peptidbindungen vor, während in den meisten nativen (kettenförmigen) Proteinen trans-Peptidbindungen dominieren. 2,5-Diketopiperazine sind die einfachsten zyklischen Dipeptide. Einige Antibiotika sind Cyclopeptide, z. B. Ciclosporin.
Peptide mit α-Peptidbindungen und ω-Peptidbindungen sowie Isopeptide
Genau genommen entstehen Peptide durch die Verknüpfung α-ständiger Amino- und Carboxygruppen von α-Aminosäuren, die dann über α-Peptidbindungen verknüpft sind.
Es gibt jedoch auch α-Aminosäuren, die neben der α-Aminogruppe eine zweite Aminogruppe enthalten, z. B. L-Lysin. Ebenso gibt es α-Aminosäuren, die neben der α-Carboxygruppe eine zweite Carboxygruppe enthalten, z. B. L-Asparaginsäure und L-Glutaminsäure.
Wenn nun die Verknüpfung der Aminosäuren nicht ausschließlich durch die α-ständigen Amino- und Carboxygruppen erfolgt, sondern unter Beteiligung einer end- oder seitenständigen Diaminocarbonsäuren (wie L-Lysin) und Aminodicarbonsäuren (wie L-Asparaginsäure und L-Glutaminsäure) so entstehen Peptide mit einer ω-Peptidbindung.
In der Natur kommen auch Mischformen vor, so enthält das Tripeptid Glutathion (γ-L-Glutamyl-L-cysteinglycin) je eine α-Peptidbindung und eine ω-Peptidbindung.
Die Peptidbindung zwischen der seitenständigen ε-Aminogruppe von L-Lysin und der seitenständigen Carboxygruppe von Asparaginsäure oder Glutaminsäure wird auch Isopeptidbindung genannt.
Peptidsynthese
Ribosomale Peptidsynthese
In den Zellen von Lebewesen werden an den Ribosomen einzelne Polypeptidketten aufgebaut, die anschließend zum Protein auffalten. Diese ribomosomale Peptidsynthese wird auch Proteinbiosynthese genannt.
Nichtribosomale Peptidsynthese
Daneben gibt es bei manchen Organismen auch eine nichtribosomale Peptidsynthese auf rein enzymatischem Weg mittels Nichtribosomaler Peptidsynthetasen (NRPS). Durch NRPS können auch D-Aminosäuren eingebaut werden oder Cyclopeptide entstehen als nichtribosomales Peptid (NRP). Solche NRPS kommen nicht nur in verschiedenen Mikroorganismen der drei Domänen von Bakterien, Archaeen und Eukaryoten vor, sondern beispielsweise auch bei mehrzelligen Organismen vieler Pilze und bei einigen Weichtieren.
Technisch-chemische Peptidsynthese
Die technisch-chemische Synthesemethode der Wahl für ein Peptid bestimmter Sequenz unterscheidet sich je nach dessen Länge:
Kurze Peptide werden schrittweise aus der Verknüpfung von Aminosäuren aufgebaut
Längere Peptide werden aus der Verknüpfung kürzerer Peptide aufgebaut
Wird versucht ein bestimmtes Dipeptid (z. B. Gly-Val) aus zwei verschiedenen Aminosäuren (Gly + Val) durch thermische Dehydratisierung herzustellen, entstehen eine Reihe von unerwünschten Produkten in beachtlicher Menge:
Um die Selektivität zu erhöhen, werden die Carboxy- und Aminogruppen, die nicht verknüpft werden sollen, mit einer Schutzgruppe
versehen (z. B. Ester, Boc, Fmoc).
Verschiedene Kopplungsreagenzien werden verwendet, welche die ungeschützte Carboxygruppe der einen Aminosäure aktivieren und so die Verknüpfung mit der Aminofunktion der zweiten Aminosäure bei milden Bedingungen ermöglichen. Es gibt verschiedene Klassen solcher Kopplungsreagenzien:
Phosphonium-Reagenzien (z. B. BOP, PyBOP)
Uronium-Reagenzien (z. B. HBTU, HATU, TBTU)
Immonium-Reagenzien
Carbodiimid-Reagenzien (z. B. DCC, EDC)
Imidazolium-Reagenzien (z. B. CDI)
Organophosphorige Reagenzien
Saure halogenierende Reagenzien
Chloroformate und andere
Nachdem so die Peptidbindung geknüpft wurde, wird eine der beiden Schutzgruppen selektiv entfernt. Dann kann mit einer weiteren entsprechend geschützten Aminosäure erneut gekuppelt werden usw. Am Ende werden alle Schutzgruppen entfernt und man isoliert das gewünschte Peptid.
Die Synthese kann in flüssiger Phase oder als Festphasensynthese geschehen. Zudem können auch Enzyme zur Peptidsynthese eingesetzt werden.
Siehe auch
Pepzym
Peptid-Nukleinsäure (PNA)
Literatur
S. Donadio, P. Monciardini, M. Sosio: Polyketide synthases and nonribosomal peptide synthetases: the emerging view from bacterial genomics. In: Natural Product Reports Band 24, Nummer 5, Oktober 2007, S. 1073–1109. doi:10.1039/b514050c. PMID 17898898.
Weblinks
Peptides Guide
Einzelnachweise
Proteingruppe
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Q172847
| 181.869842 |
21918
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https://de.wikipedia.org/wiki/Wolkenkratzer
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Wolkenkratzer
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Als Wolkenkratzer bezeichnet man besonders hohe Hochhäuser. Üblicherweise wird die Bezeichnung ab 150 Metern Höhe verwendet, wobei diese Höhenmarke je nach Zusammenhang und Region abweichen kann.
Sie werden oft als Symbole für wirtschaftliche Macht und das Streben nach Wachstum angesehen, für ihre Erbauer und Besitzer können sie repräsentative Zwecke erfüllen. In vielen dicht bebauten Städten sind sie auch schlicht ein Ausdruck von Platzmangel und hoher Nachfrage. Der deutsche Begriff ist eine Lehnübersetzung des englischen skyscraper, das wiederum aus der Fachsprache der Seefahrer stammt, wo es den höchsten Mast eines Segelschiffs bezeichnet.
Abgrenzung
In erster Linie zeichnet sich ein Gebäude dadurch aus, dass es von Menschen zum Wohnen und Arbeiten genutzt wird. Wolkenkratzer sind in der Regel bauliche Solitäre mit turmartigem Charakter und hoher städtebaulicher Eigenständigkeit. Diese Merkmale und die große Höhe machen sie zu einer Sonderform des Hochhauses – eine Bezeichnung, die allgemein für alle Gebäude mit einer Höhe von mehr als 22 Metern (Fußbodenhöhe des höchsten nutzbaren Geschosses) oder mehr als ca. 6–7 Stockwerken gilt. Dabei wird noch zusätzlich zwischen tall, super- und megatall (bis, ab 300 m und ab 600 m Höhe) unterschieden.
Nicht zu den Wolkenkratzern zählt man Sende- bzw. Fernsehtürme wie den CN Tower in Toronto oder Aussichtstürme wie den Eiffelturm, da deren wenigste Ebenen zum Wohnen oder Arbeiten genutzt werden. Solche Türme werden daher auch nicht als Gebäude, sondern als (freistehende) Bauwerke bezeichnet.
Das aktuell höchste Gebäude wie auch Bauwerk der Welt ist der Burj Khalifa (während der Bauphase Burj Dubai) in Dubai mit einer strukturellen Höhe von 828 Metern, einer Gesamthöhe von 830 Metern und 163 nutzbaren Stockwerken (mindestens 189 gesamt). Er erreichte im Januar 2009 seine Endhöhe und wurde im Januar 2010 eröffnet.
Geschichte
Vorläufer
Pyramiden
Die ägyptischen Pyramiden, im Speziellen die Pyramiden von Gizeh, können als erste Wolkenkratzer (ca. 2500 v. Chr.) betrachtet werden. Die höchste der drei Pyramiden, die Cheops-Pyramide, ursprünglich 146 Meter hoch, misst noch heute 137 Meter.
Das mesopotamische Gegenstück zu den Pyramiden waren die Zikkurats im heutigen Irak. Die rekonstruierte Zikkurat des Mondgottes Nanna war rund 25 Meter hoch. Die bekannteste Zikkurat ist der schon in der Bibel erwähnte Turm zu Babel, eine Zikkurat in Babylon, von der Fundamente erhalten sind.
Aus Mittelamerika sind die Pyramiden der Tolteken, Azteken und Mayas bekannt. Die Hauptpyramide von Teotihuacán im heutigen Mexiko war 63 Meter hoch. Die Hauptpyramide von Tikal im heutigen Guatemala erreichte eine Höhe von 47 Metern.
Der Nataraja-Tempel in Chidambaram im Süden Indiens wurde mit 45 Meter hohen, steil gestuften Pyramiden im 13. Jahrhundert gebaut.
Antike Hochhäuser
Auf dem Schiffsfresko in Akrotiri auf Santorin, das eine Prozession von Schiffen auf der Fahrt von Thira nach Kreta zeigt, sind mehrstöckige Häuser zu sehen, die auch bei den Ausgrabungen in Akrotiri nachgewiesen wurden.
Im Römischen Reich gab es zumindest in Rom und seinem Hafen Ostia vier- bis fünfstöckige Hochhäuser, lateinisch insulae genannt. Papyri aus Oxyrhynchus weisen auf siebenstöckige Hochhäuser um 300 n. Chr. in Hermopolis Magna im heutigen Ägypten hin.
Mittelalterliche Wohntürme
Im Mittelalter gab es in vielen italienischen Städten Wohntürme, die von einflussreichen städtischen Familien aus Prestigegründen in die Höhe gebaut wurden (Geschlechterturm). Besonders bekannt sind die Türme von Bologna aus dem 12. und 13. Jahrhundert, von denen noch knapp 20 erhalten sind. Mehrere der erhaltenen Türme sind um die 60 Meter hoch, der Turm Asinelli hat sogar eine Höhe von 97 Metern.
Die Stadt San Gimignano in der Toskana weist noch eine mittelalterliche Stadtansicht mit einigen Wohntürmen auf. Von den einst 72 Geschlechtertürmen existieren heute noch 15. Die beiden höchsten, der Torre Grossa aus dem Jahr 1311 und der Torre della Rognosa, weisen eine Höhe von 54 bzw. 51 Metern auf.
Sechs- bis siebenstöckige Wohnhäuser aus dem 16. Jahrhundert sind auch aus der Stadt Schibam im Hadramaut in Jemen bekannt.
19. Jahrhundert
Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts taten sich die US-amerikanischen Großstädte mit dem Bau immer höherer Gebäude hervor, besonders Chicago – das als Geburtsstätte der Wolkenkratzer gilt – und New York.
1871 kam es zum Großen Brand von Chicago, der 17.450 Gebäude im Herzen des Geschäftsviertels der Stadt vernichtete. Innerhalb von sechs Wochen begannen die Bauarbeiten an 300 neuen Gebäuden, was der Architektur ganz neue Horizonte eröffnete. Zwischen 1880 und 1890 verdoppelte sich die Einwohnerzahl von Chicago auf über eine Million, was zu einer Explosion der Grundstückspreise in der Innenstadt führte. Kostete ein Quadratmeter im Jahr 1880 noch 130 US-Dollar, versiebenfachte er sich bis zum Jahr 1890 fast bis auf 900 US-Dollar.
Um rentabel zu wirtschaften, begannen Grundstückseigner, ihre Grundstücksflächen maximal zu nutzen – was bedeutete, höher zu bauen. Dank neuer Erfindungen wie elektrischer Aufzugsanlagen, feuerfesterer Baustoffe, aber vor allem durch die Entwicklung des Skelettbaus und Stahlskelettbaus im Gebäudebau wurde dies möglich. Am 22. Mai 1888 erhielt der Architekt Leroy S. Buffington aus Minneapolis das US-Patent (Nummer 383.170) auf eine Bauweise für Stahlbaukonstruktionen. Das Home Insurance Building von 1885 (1931 abgerissen) war das erste Bauwerk, das die neuen technischen Errungenschaften vereinte, und gilt mit seinen zehn Etagen als das erste Hochhaus der Welt. Das 1889 von Dankmar Adler und Louis Sullivan errichtete Auditorium Building wies zudem – neben seiner fast perfekten Akustik – als Neuheit eine Klimaanlage auf. Rund um die ersten Stahlskelettbauten in Chicago entstand eine Gruppe von Architekten, William Le Baron Jenney, Louis Sullivan, Daniel Burnham, William Holabird und Martin Roche, die man heute als die Chicagoer Schule bezeichnet. Diese Gruppe prägte die Wirtschaftsarchitektur Chicagos bzw. des Ostens der USA maßgeblich.
Zwischen 1890 und 1894 wurde das Reliance Building erbaut, welches als Vorläufer der gläsernen Vorhangwandkonstruktion gilt, die später den „internationalen Stil“ bestimmen sollte. Es gilt als Meisterwerk der Chicagoer Schule.
1892 stieg New York City erstmals in den Wettlauf um das höchste Gebäude ein. Das New York World Building, auch Pulitzer Building genannt, wurde jedoch noch im gleichen Jahr vom 22-stöckigen Chicagoer Masonic and Women’s Temple wieder überholt. Allerdings ist das World Building einschließlich der Antenne rund zwei Meter höher gewesen als der Masonic Temple, wodurch der Höhenrekord fragwürdig war. Für einige war das World Building das höchste Gebäude, für andere der Masonic Temple. Beide Gebäude wurden im Laufe der Zeit abgerissen.
1894 übertraf das Manhattan Life Building mit 106 Metern erstmals die 100-Metermarke. 1899 wurde in New York das Park Row Building fertiggestellt, welches mit einer Höhe von 119 Metern bis 1908 das höchste Gebäude der Welt war. Entgegen vielfach anderer Behauptungen war das weltberühmte 87 Meter hohe Fuller Building (oder Flatiron Building) niemals das höchste Gebäude der Welt.
Erste Hälfte des 20. Jahrhunderts
Das Rathaus von Philadelphia (Philadelphia City Hall) ist eigentlich kein Hochhaus, der Rathausturm wird deshalb meistens auch als Turm und nicht als Hochhaus angesehen. Dennoch war es von 1901 bis 1908 mit 167 Metern höher als das offiziell höchste Hochhaus, das 119 Meter hohe Park Row Building.
Der erste Wolkenkratzer mit einer Höhe von über 150 Metern wurde 1908 in New York fertiggestellt: das Singer Building mit einer Höhe von 187 Metern und einer äußerst kunstvollen, bunten und palastartigen Fassade. Das Singer Building wurde trotz seiner historischen Bedeutung 1968 abgerissen, um Platz für den One Liberty Plaza, auch bekannt als U.S. Steel Building, zu schaffen. Bis zum Abriss des JP Morgan World Headquarters im Jahre 2020 war das Singer Building das höchste jemals kontrolliert abgerissene Gebäude der Welt.
1909 wurde ebenfalls in New York der 213 Meter hohe Metropolitan Life Tower (Met Life Tower) errichtet. Auch die nächsten Wolkenkratzer, die zur Zeit ihrer Erbauung die höchsten der Welt waren, wurden in New York erbaut: 241 Meter hoch und deutlich massiger als alle Vorgänger ist das 1913 erbaute Woolworth Building, das wegen seiner Form, seines Aussehens und seiner Funktion den Spitznamen „Kathedrale des Kommerzes“ erhielt.
Das 1915 gebaute Equitable Building läutete zwangsweise einen neuen Baustil ein: Aufgrund der massiven Bauweise nahm es den vielen kleineren Gebäuden der Umgebung das Sonnenlicht. Nach der 1916 festgelegten Zoning Resolution für New York City mussten Gebäude nach oben hin dünner werden. Obwohl dieses Gesetz nur in New York galt, wurde dieser Baustil auch in anderen Städten angewandt, auch wenn es dort keine Vorschrift war.
1924 floss mit dem American Radiator Building erstmals der Stil des Art déco in die Architektur der Hochhäuser ein, welcher besonders in New York bis heute einen maßgebenden Einfluss auf das Stadtbild hat. Ungefähr zur selben Zeit, mit etwa zwei Jahre längerer Bauzeit, entstand ebenfalls in New York das Barclay-Vesey Building. Das Barclay-Vesey Building gilt als das erste begonnene und das American Radiator Building als das erste fertiggestellte Hochhaus im Art-déco-Stil.
Im Jahr 1929 kam es in New York zu einem interessanten Wettlauf um das höchste Gebäude. In Downtown wurde der Turm der Bank of Manhattan, heute als 40 Wall Street bekannt, in Midtown das Chrysler Building gebaut. Für eine kurze Zeit glaubten die Erbauer von 40 Wall Street mit 283 Metern den Wettlauf gewonnen zu haben, jedoch ließ William Van Alen, der Architekt des Chrysler Building, die Spitze im Gebäudeinneren verborgen montieren und am 23. Oktober 1929 in ihre endgültige Position versetzen. Damit war schlussendlich das Chrysler Building mit 319 Metern deutlich höher und übertraf auch erstmals die 300-Meter-Marke. Das Chrysler Building genießt bis heute eine gewisse Reputation als „schönster Wolkenkratzer aller Zeiten“, welche insbesondere auf seiner eleganten, geschwungenen Dachkonstruktion beruht.
Schon 1931 folgte das Empire State Building mit einer Höhe von 381 Metern (mit der im Jahr 1950 aufgesetzten Antenne 449 Meter, nach Antennentausch im Jahr 1984 noch 443 Meter), berühmt geworden durch den Kinofilm King Kong und die weiße Frau. Das Empire State Building blieb bis zum Jahr 1972 das höchste Gebäude der Erde. Damit konnte es von allen Hochhausbauten den Weltrekord am längsten halten. Dies war einerseits auf wirtschaftliche Gründe zurückzuführen, andererseits waren mit dem klassischen Stahlrahmen allmählich die technischen Möglichkeiten ausgeschöpft.
Das 1932 in Philadelphia fertiggestellte und 150 Meter hohe PSFS Building gilt als der erste Wolkenkratzer im Internationalen Stil. Es gab zwar schon andere Gebäude wie das Grant Building (1928) in Pittsburgh, wo bereits weniger Wert auf Ornamente und mehr Wert auf Glas gesetzt wurde, oder das McGraw-Hill Building (1931) in New York, welches sogar noch mehr auf dem Konzept des Internationalen Stil basiert, jedoch waren bei diesen Gebäuden noch andere Stilrichtungen beteiligt, und beide wurden stufenförmig nach der Zoning Resolution gebaut. Das PSFS Building wurde ganz ohne Ornamente und ohne Abstufungen gebaut.
Im Jahr 1932 wurde der Bau des Metropolitan Life North Towers, heute auch Metropolitan Life North Building (Met Life North Building) genannt, begonnen. Es sollte ursprünglich 100 Stockwerke besitzen und rund 400 Meter hoch sein. Wegen Problemen der Finanzierung durch die Weltwirtschaftskrise wurde der Bau 1933 in Höhe des 29. Stockwerks gestoppt. Erst 1950 hat man es bei einer Höhe von 137,5 Metern und 30 Stockwerken fertiggestellt. Technisch gesehen könnte man den Bau jederzeit bis zur damals geplanten Höhe ausbauen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde hauptsächlich im Internationalen Stil gebaut. Beton, Steine und Ornamente traten in den Hintergrund, die Fassaden bestanden hauptsächlich aus Stahl bzw. Aluminium und Glas. Das Lever House und das Seagram Building gehörten zu den ersten dieser Generation.
Zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts
Im Jahr 1969 begann durch die Fertigstellung des John Hancock Centers erneut ein Wettstreit um das höchste Gebäude der Welt, das mit 344 Meter bereits alle Gebäude der Welt, außer das Empire State Building, überragte.
1972 wurde mit 417 Metern der erste der zwei Türme des World Trade Centers fertiggestellt. Mit der im Jahr 1978 errichteten Antenne auf dem Nordturm (WTC 1) erreichte das World Trade Center sogar 527 Meter. Der südliche Turm maß 415 Meter.
1974 wurde in Chicago der Sears Tower, seit Juli 2009 Willis Tower, eröffnet. Mit einer Höhe von 442 Metern übernahm er den Titel des höchsten Gebäudes der Welt. Erst 1998 wurde ihm dieser Titel von den Petronas Towers in Kuala Lumpur mit 452 Metern Höhe abgenommen. Der Rekord der Petronas Towers ist jedoch umstritten, da der Willis Tower bis zum Dach bzw. bis zum höchsten Stockwerk deutlich höher ist, über eine weitaus höhere Gesamthöhe bis zur Mastspitze und dazu noch viel mehr Stockwerke besitzt (zum Höhenstreit siehe unten, Höhenmessung bei Wolkenkratzern). Das 2001 zerstörte World Trade Center war in allen genannten Kategorien höher als die Petronas Towers.
21. Jahrhundert
Im Jahre 2004 wurde der Taipei 101 in Taipei eröffnet. Er ist 508 Meter hoch und löste die Petronas Towers als höchstes Gebäude der Welt ab. Weiterhin blieb jedoch der Willis Tower mit seiner Antennenspitze auf 527 Meter höchstes Gebäude nach dem Kriterium Höhe bis zur Spitze.
Am 17. Januar 2009 erreichte der Burj Khalifa seine strukturelle und offizielle Endhöhe von 828 Meter und ist mit seinen 830 Metern Höhe bis zur Spitze nicht nur der höchste Wolkenkratzer, sondern auch das weltweit höchste jemals errichtete Bauwerk. Damit war es seit der Errichtung des Empire State Building das erste Mal, dass der Titel des höchsten Bauwerks (was auch Sendemasten und Türme miteinschließt) wieder an einen Wolkenkratzer ging. Das Gebäude wurde am 4. Januar 2010 eröffnet.
In Europa löste im Dezember 2003 der Triumph-Palace in Moskau mit 264 Metern und 54 Etagen den mit 56 Etagen 259 Meter hohen Commerzbank Tower in Frankfurt am Main auf dem ersten Platz der Rangliste des höchsten Gebäudes in Europa ab. Der Titel ging im Jahr 2007 an den mit seinen 268 Metern geringfügig höheren Naberezhnaya Tower C. 2010 erreichte der Capital City Moscow Tower erstmals die 300-Metermarke und war somit der erste „Supertall-Wolkenkratzer“ Europas. Mit Ausnahme des 2012 gebauten 310 Meter hohen The Shard in London kamen bis 2018 alle darauffolgenden Titelträger aus Moskau. Seit 2018 ist das Lachta-Zentrum in St. Petersburg wieder der höchste Wolkenkratzer.
In Peking entstand 2009 mit dem 234 Meter hohen Gebäude der China Central Television Headquarters (CCTV) des Architekten Rem Koolhaas eine neue Form von Wolkenkratzer in Form eines Bügels oder einer Schleife. Dieser Entwurf galt ebenso als bedeutend, wenngleich dieses Gebäude mit seiner vergleichsweise geringen Höhe zu keinem Rekord beitrug.
Zukünftige Entwicklung
Seit den 1990er Jahren werden wieder mehr Wolkenkratzer gebaut. Während es nach der Fertigstellung des Empire State Building (1931) und dem Sears Tower (1974; heutiger Name Willis Tower) bis zu dem nächsten Höhenrekord jeweils Jahrzehnte dauerte, hat sich diese Zeitspanne seit 1998 auf wenige Jahre verkürzt.
Insgesamt sind zurzeit etwa 27 Gebäude mit mehr als 400 Metern Höhe im Bau. Die Finanzkrise ab 2007 führte zu einigen Baustopps oder Totalstreichungen. Der Trend zum Hochhaus bleibt aber grundsätzlich ungebrochen, zu viele wirtschaftliche, siedlungsökonomische und (dies ist aber umstritten) ökologische Gründe sprechen dafür.
Bis 2015 wurden viele superhohe Wolkenkratzer gebaut, sodass sich die Liste der höchsten Wolkenkratzer im oberen Bereich verändert hat. Viele der neuen Rekord-Wolkenkratzer entstehen bzw. sind in Asien geplant, einige aber auch in den USA.
Die maximal erreichbare Höhe von Wolkenkratzern beträgt aus technischer Sicht etwa 1,5 bis 2 km – höhere Bauwerke wären zwar konstruierbar, aber kaum noch als Gebäude nutzbar, da der Wolkenkratzer fast nur noch seine eigene Konstruktion tragen könnte. Allerdings ist es möglich, dass diese Grenze zukünftig durch den Einsatz neuer künstlicher Materialien weiter nach oben verschoben wird. Abgesehen von der technischen Realisierbarkeit ist allerdings die Frage der Finanzierung eines solchen Bauprojekts und seine spätere Wirtschaftlichkeit zu bedenken, die als weitere Faktoren die Bauentscheidung für ein solches Gebäude beeinflussen dürften.
Für Dubai war der Nakheel Tower mit über 1000 Metern Höhe angekündigt, der den Burj Khalifa als höchstes Gebäude und Bauwerk der Welt hätte ablösen sollen. Dieses auf zehn Jahre Bauzeit berechnete Bauprojekt wurde im Dezember 2009 aufgegeben.
Der seit 2013 im Bau befindliche Jeddah Tower in Saudi-Arabien soll über 1000 Meter hoch werden, die Eröffnung verschob sich immer weiter nach hinten und wird nun deutlich nach 2020 sein.
Höhenmessung bei Wolkenkratzern
Die internationale Kommission Council on Tall Buildings and Urban Habitat (CTBUH) ist die „Hüterin“ der Rekorde von hohen Gebäuden, die anhand der ihr vorliegenden Höhenangaben die offiziellen Höhenrekorde der höchsten Gebäude der Welt feststellt. Ursprünglich wurden für das Ranking der Gebäude vier Kategorien festgelegt, aktuell gelten davon nurmehr drei.
Gemessen wird jeweils von der Ebene des untersten, im freien gelegenen Hauptzugangs für Fußgänger zum Gebäude (‚Height is measured from the level of the lowest, significant, open-air, pedestrian entrance to …‘):
Höhe bis zur architektonischen Spitze („Konstruktionsspitze“; Height to Architectural Top);
Höhe bis zum höchsten nutzbaren Stockwerk (Highest Occupied Floor);
Höhe bis zur höchsten Gebäudespitze inklusive Antenne bzw. anderer Aufbauten (Height to Tip).
Die vierte Kategorie, Höhe bis zum Dach, wurde im Jahr 2009 abgeschafft, da bei vielen neueren Gebäuden architekturbedingt nicht mehr eindeutig das Dach zu definieren ist.
Die Höhe bis zur absoluten Spitze wird bei Höhenvergleichen nur herangezogen, wenn von einem Bauwerk generell die Rede ist. Deshalb kann es beim Vergleich zweier Gebäude immer wieder vorkommen, dass das eine zwar das höhere Gebäude, das andere jedoch das höhere Bauwerk ist. Der Jin Mao Tower in Shanghai zum Beispiel hat eine architektonische Höhe von 421 Metern, hat aber keine Antenne. Das Empire State Building hat zwar eine Gesamthöhe bis zur Antennenspitze von 443 Metern, jedoch eine architektonische Höhe von nur 381 Metern. Somit wird der Jin Mao Tower zwar als das höhere Gebäude, nicht aber als das höhere Bauwerk bezeichnet.
Gerade wenn es um den Weltrekord geht, kommt es daher immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten. Die Petronas Towers in Kuala Lumpur haben eine Dachhöhe von 378 Meter, die höchste Etage liegt auf 375 Meter. Auf dem Dach ist noch eine Metallspitze, wodurch 452 Meter erreicht werden. Da die Metallspitzen zur Bauwerkskonstruktion gewertet werden, erhielten die Türme 1998 den offiziellen Weltrekord um das höchste Gebäude. Daraufhin kam es zu einer heftigen Diskussion. Der Willis Tower in Chicago (bis 2009 Sears Tower) hat eine Dach- und Konstruktionshöhe von 442 Meter, die höchste Etage liegt auf 412 Meter. Damit wäre der Willis Tower mindestens in zwei der drei Kategorien deutlich höher als die Petronas Towers. Heftig umstritten ist auch, ob die Metallspitzen der Petronas Towers überhaupt zur architektonischen Gebäudehöhe gewertet werden dürfen, andernfalls für den Vergleich der offiziellen Höhe man ebenso die Antenne des Willis Tower mit berücksichtigen müsste und er mit dieser somit 527 Meter bis zur Spitze hoch ist.
Die in jüngster Zeit immer zahlreicher gebauten und immer höher strebenden Wolkenkratzer haben es mit sich gebracht, dass weitere Untergruppen nach der strukturellen Höhe eingeführt wurden:
Wolkenkratzer (engl. skyscraper): 150–299,99 Meter, Bauzeit etwa 2–4 Jahre.
Superhoher Wolkenkratzer (engl. super tall skyscraper): 300–499,99 Meter, Bauzeit etwa 3–5 Jahre.
Hyperhoher Wolkenkratzer (engl. hyper tall skyscraper): 500+ Meter, Bauzeit etwa 5+ Jahre.
Rezeption
Die Bedeutung der Gebäude führte u. a. dazu, dass es seit 2004 am Battery Park in Manhattan, New York City, ein 1996 gegründetes Skyscraper Museum als ein Architekturmuseum gibt.
Historische Entwicklung der einzelnen Rekorde seit 1930
Erdkratzer
Im Gegensatz zum Wolkenkratzer wurde das weltweit erste in den Boden hinunter gebaute Hochhaus von den Medien als „Erdkratzer“ tituliert. Das als Hotel genutzte Gebäude (InterContinental Shanghai Wonderland) wurde in einem stillgelegten Steinbruch in der Volksrepublik China im Bezirk Songjiang rund 30 Kilometer südwestlich von Shanghai errichtet. Es hat 18 Stockwerke, von denen nur die beiden obersten über die Erdoberfläche ragen. Die restlichen Stockwerke ragen 88 Meter in die Tiefe, die zwei untersten sogar unter Wasser. Nach rund fünf Jahren Bauzeit wurde das Hotel Ende 2018 eröffnet.
Ein völlig unter der Erdoberfläche gebautes Hochhaus wurde bereits 2011 in Mexiko-Stadt geplant, bisher aber nicht realisiert.
Siehe auch
Skyline
Liste der Städte nach Anzahl an Wolkenkratzern
Literatur
Matthias Alexander, Gerd Kittel: Hochhäuser in Frankfurt. Societäts-Verlag, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-7973-1000-5.
Leonello Calvetti, Christ Oxlade: Aufdecken – Durchblicken. Wolkenkratzer. Tessloff, 2004, ISBN 3-7886-1403-X.
Andres Lepik: Wolkenkratzer. Prestel Verlag, München 2005, ISBN 3-7913-3454-9.
Lewis Mumford: Vom Blockhaus zum Wolkenkratzer. Gebr. Mann, Berlin 1997, ISBN 3-7861-1943-0.
Antonino Terranova: Wolkenkratzer. Karl Müller, Köln 2000, ISBN 3-89893-084-X.
Carol Willis: Form Follows Finance: Skyscrapers and Skylines in New York and Chicago. Princeton Architectural Press, 1995, ISBN 1-56898-044-2, 224 S. (Leiterin des Skyscraper Museums in NYC).
Weblinks
Deutschlandfunk.de Wissenschaft im Brennpunkt 19. April 2020, Maximilian Schönherr: Neue Wolkenkratzer im Stadtbild
Website des CTBUH (englisch)
Skyscraper Forum (englisch) mit deutschsprachigem Unterforum
Infos und Diagramme von Wolkenkratzern auf SkyscraperPage (englisch)
Infos über Wolkenkratzer (englisch)
Wolkenkratzer Bilder (englisch)
Visueller und interaktiver Vergleich von Wolkenkratzer auf Size-Explorer (deutsch, mehrsprachig)
Einzelnachweise
Hochhäuser
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Q11303
| 293.804156 |
127375
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https://de.wikipedia.org/wiki/Uvular
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Uvular
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In der Phonetik beschreibt uvular den (beweglichen) Artikulationsort eines Lautes. Ein uvularer Laut (deutsch auch Zäpfchenlaut) wird unter Beteiligung des Gaumenzäpfchens () gebildet.
Das Internationale Phonetische Alphabet kennt folgende uvulare Konsonanten:
Stimmhafter uvularer Plosiv
Stimmloser uvularer Plosiv
Stimmhafter uvularer Nasal
Stimmhafter uvularer Vibrant
Stimmhafter uvularer Frikativ
Stimmloser uvularer Frikativ
Stimmhafter uvularer Implosiv
Literatur
Weblinks
Phonetik und Phonologie. Kapitel 1–9. Universität Bremen
International Phonetic Association
Einzelnachweise
Artikulationsort
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Q623772
| 281.511996 |
12078
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https://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkermord
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Völkermord
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Ein Völkermord oder Genozid ist seit der Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes von 1948 ein Straftatbestand im Völkerstrafrecht, der durch die Absicht gekennzeichnet ist, auf direkte oder indirekte Weise ; er unterliegt nicht der Verjährung. Die auf Raphael Lemkin zurückgehende rechtliche Definition dient auch in der Wissenschaft als Definition des Begriffs Völkermord.
Völkermord wird oft als besonders negativ bewertet und etwa als „Verbrechen der Verbrechen“ (englisch „crime of crimes“) oder „das schlimmste Verbrechen im Völkerstrafrecht“ umschrieben. Seit dem Beschluss durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen 1948 wurde die Bestrafung für Völkermord in verschiedenen nationalen Rechtsordnungen ausdrücklich verankert.
UN-Konvention gegen Völkermord
Am 9. Dezember 1948 beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen in der Resolution 260 die „Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes“ (Convention pour la prévention et la répression du crime de génocide, Convention on the Prevention and Punishment of the Crime of Genocide), die am 12. Januar 1951 in Kraft trat. Die Bundesrepublik Deutschland ratifizierte die Konvention im Februar 1955, Österreich hinterlegte die Beitrittsurkunde am 19. März 1958 und die Schweiz am 7. September 2000. Nach der Konvention ist Völkermord ein Verbrechen gemäß internationalem Recht, .
Grundlage war die Resolution 180 der UN-Vollversammlung vom 21. November 1947, in der festgestellt wurde, dass „Völkermord ein internationales Verbrechen [ist], das nationale und internationale Verantwortung von Menschen und Staaten erfordert“, um der völkerrechtlichen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg zu gedenken.
Die Konvention definiert Völkermord in Artikel II als
In des deutschen Völkerstrafgesetzbuches wie auch im schweizerischen Strafgesetzbuch ist die Tat entsprechend der Konvention definiert.
Entstehungsgeschichte
Der Begriff „Genozid“ (Völkermord) wurde um 1944 von dem Juristen Raphael Lemkin geprägt. Lemkin befürwortete eine erweiterte Definition des Genozid-Begriffs, die auch Verbrechen gegen soziale, ökonomische und politische Gruppen einschließt. In den frühen Entwürfen der UN-Völkermordkonvention wurde eine solche weitere Definition eingearbeitet, die auch Verbrechen gegen soziale und politische Gruppen mit einschloss. Allerdings sorgten die damals stalinistische Sowjetunion und ihre Verbündeten dafür, dass die Endfassung der UN-Völkermordkonvention so eng gefasst wurde, dass stalinistische Verbrechen nicht mehr darunter fielen. Vorangegangen war die Auseinandersetzung Lemkins mit der Vernichtung und Verfolgung der Armenier im Osmanischen Reich von 1915 bis 1923, für welche er einen juristischen Begriff suchte, um die Verbrechen rechtlich zu definieren und anklagen zu können. Der Armenische Völkermord war somit der erste Genozid, der als solcher benannt wurde.
Abgrenzung
„Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, „Kriegsverbrechen“, „Völkermord“ und „Holocaust“ werden häufig fälschlicherweise als Synonyme verwendet. Bei den ersten drei Begriffen handelt es sich um Rechtsbegriffe, die zugleich wissenschaftliche Kategorien sind.
Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind breit angelegte oder systematische Übergriffe auf die Zivilbevölkerung. Im Völkerrecht stellen sie einen Oberbegriff dar, unter den sowohl „Kriegsverbrechen“, „Verbrechen gegen den Frieden“, als auch „Völkermord“ fallen.
Kriegsverbrechen sind kriminelle Handlungen, die während eines bewaffneten Konflikts begangen werden und die vor allem gegen die Genfer Konventionen verstoßen.
Als Holocaust wird das Vorhaben der Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg bezeichnet, alle europäischen Juden zu ermorden. Beim Holocaust handelt es sich um einen Völkermord.
Kennzeichnende Merkmale der Straftatbestände
Zu beachten ist, dass nur die Absicht zur Vernichtung der Gruppe erforderlich ist, nicht aber auch die vollständige Ausführung der Absicht. Es muss eine über den Tatvorsatz hinausgehende Absicht vorliegen, eine nationale, ethnische, rassische, religiöse oder soziale Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören.
Die Handlungen nach Artikel II Buchstaben a) bis e) der Konvention (in Deutschland umgesetzt durch Abs. 1 Nr. 1 bis 5 VStGB) hingegen müssen tatsächlich (und willentlich) begangen werden. Dies bedeutet insbesondere, dass es nicht vieler Opfer bedarf, damit die Täter sich des Völkermordes schuldig machen. Bloß ihre Vernichtungsabsicht muss sich auf die ganze Gruppe oder einen maßgeblichen Teil von ihr richten. Die Täter erfüllen den Straftatbestand beispielsweise, wenn sie – in dieser besonderen Absicht – einzelnen Gruppenmitgliedern ernsthafte körperliche oder geistige Schäden zufügen oder den Fortbestand der Gruppe verhindern wollen, etwa durch Zwangskastration. Eine Anklage wegen Völkermordes bedarf daher nicht der Ermordung auch nur eines Menschen.
Umgekehrt gilt: Handlungen nach Artikel II Buchstaben a) bis e) der Konvention sind kein Völkermord, wenn ihr Ziel nicht darin besteht, eine Gruppe ganz oder teilweise zu vernichten, egal wie viele Mitglieder getötet oder sonst wie beeinträchtigt werden. Solche Maßnahmen sind ebenfalls kein Völkermord, wenn ihr Ziel darin besteht, eine Gruppe auszurotten, die nicht durch nationale, ethnische, rassische oder religiöse Eigenschaften definiert ist.
Ob auch die tatsächliche Gefahr der Zerstörung einer geschützten (Teil-)Gruppe bestehen muss, ist rechtlich umstritten. Von der Beantwortung dieser Frage hängt ab, ob auf einen isoliert handelnden Einzeltäter, der in der Hoffnung auf eine teilweise oder vollständige Zerstörung der Gruppe handelt, Völkerstrafrecht anzuwenden ist.
Strafverfolgung
Die praktische Bedeutung der Konvention war bis zu den Jugoslawienkriegen sehr gering. Bis dahin gab es nur sehr wenige Anklagen wegen Völkermords. Die erste Verurteilung durch ein internationales Gericht auf der Basis der Konvention erfolgte im September 1998 durch das Akayesu-Urteil des Internationalen Strafgerichtshofs für Ruanda.
Artikel 6 der Konvention geht grundsätzlich vom Territorialitätsprinzip aus, wonach Völkermord vor den Gerichten in den Ländern verfolgt wird, in denen die Tat begangen worden ist. Darüber ist die Zuständigkeit von internationalen Gerichtshöfen vorgesehen, soweit die Vertragsstaaten sich dieser Gerichtsbarkeit unterworfen haben.
Im Recht Deutschlands ist der Straftatbestand des Völkermordes in des Völkerstrafgesetzbuches niedergelegt. Gemäß VStGB gilt für Völkermord das Weltrechtsprinzip, d. h. Taten können auch dann in Deutschland verfolgt werden, wenn sie weder in Deutschland begangen sind noch ein Deutscher beteiligt ist.
Im Recht der Schweiz ist die Strafbarkeit des Völkermordes in StGB normiert. Auch nach Schweizer Strafgesetzbuch gilt das Weltrechtsprinzip ( StGB). Eine parlamentarische Immunität oder ähnliche Schutzklauseln sind nicht anwendbar und schützen vor einer Verurteilung nicht (). Selbst die normalerweise angewendete Regel, dass in der Schweiz nicht mehr verfolgt wird, wessen Tat im Ausland verjährt ist oder der dort freigesprochen wurde, ist nur insofern anwendbar, als nicht offensichtlich die ausländischen Gerichte die Tat bewusst verharmlosen. Einen „Freispruch“ durch ein Regime, das Völkermord und ähnliche Verbrechen offensichtlich billigt oder selber begeht, soll damit nicht als abschließendes Urteil anerkannt werden ( Abs. 3).
Im Recht Österreichs ist Völkermord nach StGB strafbar. Ob Taten im Ausland auch in Österreich verfolgt werden, richtet sich nach Abs. 1 Nr. 4c StGB (für Völkermord als eine der „strafbare[n] Handlungen nach dem fünfundzwanzigsten Abschnitt“).
2011 wurde Pauline Nyiramasuhuko, ehemalige Familien- und Frauenministerin Ruandas, als erste Frau wegen Völkermord und Vergewaltigung als Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt.
Im Mai 2013 wurde Efraín Ríos Montt, Präsident Guatemalas von 1982 bis 1983, wegen Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit von einem Gericht in Guatemala zu 80 Jahren Gefängnis verurteilt. Zwar würde er damit als erstes Staatsoberhaupt gelten, das wegen eines Völkermords im eigenen Land von einem einheimischen Gericht verurteilt worden wäre, jedoch wurde das Urteil wenige Tage später vom obersten Gerichtshof Guatemalas aufgrund von Formfehlern aufgehoben. Der neuerliche Prozess wurde im April 2018 eingestellt, da Montt verstorben war.
Laufende Verfahren vor dem Internationalen Strafgerichtshof
Nur der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen kann den Internationalen Strafgerichtshof beauftragen, Ermittlungen und Verfahren wegen Verstößen gegen die Genozid-Konvention aufzunehmen.
Aktuell (2018) ist seit 2005 beim Internationalen Strafgerichtshof lediglich ein Verfahren wegen Völkermord (Genozid) im Darfur-Konflikt (Darfur Sudan) hängig. Haftbefehle zur Festnahme von Omar Hassan Ahmad Al-Bashir, dem Präsidenten der Republik Sudan, wurden 2009 und 2010 verhängt. Die Verhandlung ist ausgesetzt, da der Verdächtige weiterhin flüchtig ist. 2020 gab die sudanesische Übergangsregierung bekannt, Al-Bashir an den IStGH ausliefern zu wollen.
Begriffsgeschichte
19. Jahrhundert
Der Ausdruck Völkermord taucht zum ersten Mal bei dem deutschen Lyriker August Graf von Platen (1796–1835) in seinen „Polenliedern“ auf, und zwar in der 1831 entstandenen Ode Der künftige Held. Er wendet sich gegen die Auflösung des polnischen Staates, den Österreich, Preußen und Russland sich untereinander aufgeteilt haben, und wirbt mit anderen westdeutschen Demokraten, die beim „Hambacher Fest“ 1832 die polnische Nationalfahne neben der deutschen aufgezogen haben, für das Wiedererstehen des polnischen Staates. Im Besonderen geißelt er die Unterdrückungspolitik Russlands, indem er nach der Bestrafung der Dschingiskhane ruft, Für den liberalen ostpreußischen Abgeordneten Carl Friedrich Wilhelm Jordan ist der Ausdruck in Bezug auf die Polen so geläufig, dass er ihn in der Frankfurter Paulskirche am 24. Juli 1848 bei der Diskussion der Polenfrage verwendet, und zwar steigert er ihn noch:
Der Historiker Heinrich von Treitschke äußert sich in „Politik. Vorlesungen, 1897–1898“ zum Untergang der Prußen als Urbevölkerung Preußens und sagt:
20. Jahrhundert
Die Bezeichnung Genozid (Neubildung zu „Geschlecht, Stamm, Nachkomme, Volksstamm, Volk“ und lateinisch caedere in der Bedeutung „töten, morden“) hatte bereits eine durch die imperialistische Diskussion des 19. Jahrhunderts geprägte Geschichte, als der polnisch-jüdische Anwalt Raphael Lemkin sie 1943 in einem Gesetzentwurf für die polnische Exilregierung zur Bestrafung der deutschen Vernichtungsaktionen in Polen verwendete als Übersetzung des polnischen ludobójstwo (von lud „Volk“ und zabójstwo „Mord“).
Lemkin suchte spätestens seit 1941 nach einem Wort, das Untaten wie die des Osmanischen Reiches gegen die Armenier und des NS-Regimes treffend umschreibt. Dass er 1933 mit seinem Entwurf das Völkerbund-Gremium auf der Madrider Tagung nicht hatte überzeugen können, führte er auch darauf zurück, dass Worte wie Barbarei und Vandalismus, die er damals gebraucht hatte, solche Taten letztlich beschönigten. Es sollte ein Wort sein, das alle Aspekte gezielter Angriffe auf eine Bevölkerungsgruppe greifbar machen sollte, darunter Maßnahmen wie Massendeportationen, die erzwungene Senkung der Geburtenrate, wirtschaftliche Ausbeutung und die gezielte Unterdrückung der Intelligenzija. Ein Begriff wie „Massenmord“ umfasste all diese Aspekte nicht. Es sollte auch keine Bezeichnung sein, die wie Barbarei und Vandalismus bereits in anderen Zusammenhängen benutzt wurde. Lemkin entwickelte den Begriff „Genozid“, wobei für ihn eine Rolle spielte, dass er sich in zahlreichen Sprachen in leicht abgewandelter Form unübersetzt verwenden ließ. In seinem Buch Axis Rule in Occupied Europe gab er auch eine erste Definition des Begriffes (hier übersetzt): Genozid sei
Die Bezeichnung genocide wurde im englischen Sprachraum schnell gebräuchlich, nachdem mehrere US-amerikanische Zeitungen ihn verwendet hatten, als sie gegen Ende des Jahres 1944 begannen, ausführlich über die nationalsozialistischen Massenverbrechen in Europa zu berichten. Das ist zum Teil auf das direkte Einwirken von Lemkin zurückzuführen. So überzeugte er Eugene Meyer, den Herausgeber der Washington Post, dass allein diese Bezeichnung passend für diese Untaten sei. Tatsächlich erschien im Dezember 1944 in der Washington Post ein Leitartikel, in dem genocide als einziges passende Wort bezeichnet wurde, mit dem beschrieben werden könne, dass zwischen April 1942 und April 1944 insgesamt 1.765.000 Juden in Auschwitz-Birkenau durch Gas getötet und verbrannt worden waren. Es wäre falsch, führte der Artikel weiter aus, dafür die Bezeichnung atrocity („Gräueltat“) zu verwenden, denn darin schwinge auch immer ein Unterton von Ungerichtetheit und Zufälligkeit mit. Der entscheidende Punkt aber sei, dass diese Taten systematisch und gezielt gewesen seien. Gaskammer und Krematorien seien keine Improvisationen, sondern gezielt entwickelte Instrumente für die Auslöschung einer ethnischen Gruppe.
Das Webster’s New International Dictionary nahm vergleichsweise schnell die Bezeichnung auf. Die französische Encyclopédie Larousse verwendete sie in ihrer Ausgabe von 1953, und im Oxford English Dictionary wurde sie als 1955er-Update zur dritten Edition gelistet.
Eine Vielzahl von Autoren hat versucht, den Begriff zu definieren, wie Vahakn N. Dadrian, Irving Louis Horowitz, Yehuda Bauer, Isidor Wallimann, Michael N. Dobkowski oder Steven T. Katz.
Kritik am Begriff
Die rechtliche Definition des Genozids ist häufig als unzureichend kritisiert worden. Der amerikanische Politikwissenschaftler Rudolph Joseph Rummel entwickelte daher das weitergespannte Konzept des Demozids, das in seiner Definition alle tödlichen Genozide einschließt. In seiner Tabelle Demozide des 20. Jahrhunderts kommt er auf 262 Millionen Tote.
Nicht-tödliche Handlungen einer Regierung, die auf die Vernichtung einer Kultur abzielen, werden hingegen häufig als Ethnozid bezeichnet.
Völkermorde in der Geschichte
Es ist nicht bekannt, wann die ersten Völkermorde stattfanden. Die Genozidforschung geht davon aus, dass Genozide in allen Epochen in nahezu allen von Menschen besiedelten Regionen vorkamen. Überliefert sind Völkermorde aus der Antike.
Völkermorde durch Kolonialmächte
Die Völkermorde in der Neuzeit fanden vor allem in Kolonien statt: zunächst bei der Kolonisierung durch europäische Mächte (z. B. an Indianern während der Indianerkriege); dann teilweise erneut bei der Entkolonisation. Dabei prallten nach Abzug einer Kolonialmacht gelegentlich verschiedene ethnische Gruppen aufeinander, welche durch die Grenzziehungen ihrer Kolonialmacht nun in einem Staat lebten (wie etwa in Biafra und Bangladesch).
Ab dem 20. Jahrhundert, Auswahl allgemein anerkannter Völkermorde
Völkermord an den Herero und Nama (1904–1908): Kolonialkrieg zwischen deutschen Truppen und den Völkern der Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika, der in einen Völkermord durch die deutsche Kolonialmacht mündete.
Völkermord an den Armeniern mit geschätzten Opferzahlen zwischen 300.000 und mehr als 1,5 Millionen Toten und Völkermord an den syrischen Christen (Assyrer) ab 1915 im Osmanischen Reich unter Verantwortung des jungtürkischen Regimes sowie mit der Unterstützung von kurdischen Freischärlern.
Völkermord in der Cyrenaika (1929–1934): Völkermord durch das faschistische Italien während des Zweiten Italienisch-Libyschen Krieges an den arabischen Stämmen der Cyrenaika, ca. 50.000 bis 70.000 Tote
Porajmos (1939–1945): Völkermord an den Sinti und Roma in der Zeit des Nationalsozialismus.
Holocaust (1941–1945): Völkermord an den Juden in der Zeit des Nationalsozialismus mit 5,6 bis 6,3 Millionen Toten, insbesondere seit dem Angriff auf die Sowjetunion.
Völkermord der Ustascha (1941–1945): Beim Völkermord ab dem 22. Juni 1941 durch die kroatische Ustascha starben während der Ereignisse vorwiegend Serben, aber auch Juden und Roma, ca. 200.000 Tote.
Völkermord in Bangladesch (1971–1972): Völkermord der pakistanischen Armee und ihrer lokalen Kollaborateure in Ost-Pakistan (heute Bangladesch) vorwiegend an den dortigen Hindus, ca. 3 Millionen Tote.
Völkermord in Burundi (1965 und 1972): Völkermord durch Tutsi an Hutu, ca. 100.000 bis 300.000 Tote.
Völkermord in Ruanda (1994): In annähernd 100 Tagen ermordeten Angehörige der Hutu-Mehrheit 800.000, also etwa 75 Prozent, der in Ruanda lebenden Tutsi-Minderheit sowie moderate Hutu, die sich am Völkermord nicht beteiligten oder sich aktiv dagegen einsetzten.
Massaker von Srebrenica (Juli 1995): In der Gegend von Srebrenica wurden während des postjugoslawischen Bosnienkriegs bis zu 8000 muslimische Bosniaken – vor allem Männer und Jungen zwischen 13 und 77 Jahren – von der Armee der bosnischen Serben und serbischen Paramilitärs ermordet.
Völkermord an den Jesiden (August 2014–mindestens 2017): Völkermord durch den Islamischen Staat an den Jesiden, ca. 5000 Tote, 7000 entführte Frauen und Kinder, und weitere tausend werden vermisst.
Völkermord an den Rohingya (2016–2017): Völkermord an der muslimischen Minderheit der Rohingya in Myanmar, mehrere Tausend ermordete Menschen und bis zu 2 Millionen Flüchtlinge.
Sonderfälle
Die Kongogräuel in den Jahren 1888 bis 1908 waren Taten unter Verantwortung des belgischen Königs Leopold II., die zur Dezimierung der Bevölkerung des Kongo-Freistaats durch Sklaverei, Zwangsarbeit und massenhafte Geiselnahmen und Tötungen führten und schätzungsweise acht bis zehn Millionen Tote (etwa die Hälfte der damaligen Bevölkerung) forderten. Ob der Massenmord im Kongo, trotz seiner genozidalen Ausmaße, ein Völkermord war, ist umstritten. Denn es wurde nicht planmäßig versucht, eine bestimmte ethnische Gruppe zu vernichten, sondern der Massenmord war die Folge extremer Ausbeutung.
Ähnlich zu betrachten sind die Völkermorde an Ureinwohnern, beispielsweise die Indianerkriege Nordamerikas, der Genozid an der Urbevölkerung in Australien (siehe History Wars#Genozid-Debatte), Tasmanien (siehe Tasmanien#Genozid an der Urbevölkerung und Tasmanier), Brasilien (siehe Transamazônica#Folgen des Straßenbaus), Argentinien (siehe Julio Popper#Genozid an den Selk’nam) oder bei der Besiedlung karibischer Inseln (siehe Kalinago-Genozid 1626).
Der Große Terror (1936–1938) in der Sowjetunion richtete sich gegen politisch „unzuverlässige“ und oppositionelle Personen in Kadern und Eliten, gegen „sozial schädliche“ und „sozial gefährliche Elemente“ wie die Kulaken, gegen so genannte Volksfeinde und gegen ethnische Minderheiten wie Wolgadeutsche, Krimtataren, oder einige Völker der Kaukasusregion. Die in der Forschung angegebenen Opferzahlen variieren zwischen 400.000 und 22 Millionen Toten. Wissenschaftler wie Robert Conquest, Norman Naimark und andere bezeichnen den Terror und namentlich die Aktionen gegen die ethnischen Minderheiten als Völkermord. Andere Genozidforscher und Osteuropa-Historiker lehnen die Anwendung des Begriffs auf den Großen Terror ausdrücklich ab. Der amerikanische Politikwissenschaftler Rudolph Joseph Rummel bezeichnet die Geschehnisse als Demozid.
Auch der Massenmord an den Kommunisten Indonesiens 1965 und 1966 stellt einen Sonderfall dar, bei dem je nach Schätzung zwischen 500.000 und 3 Mio. Menschen ermordet wurden. Zwar wurde hier keine religiöse, ethnische oder nationale Gruppe gezielt ermordet, aber es war dennoch das Ziel, eine klar definierte (nämlich politische) Bevölkerungsgruppe gesamthaft zu ermorden. Deswegen und weil die chinesische Bevölkerungsminderheit Opfer dieser Massenmorde wurde, sprechen sich einigen Autoren, darunter Yves Ternon, dafür aus, ihn als Völkermord zu betrachten. Der Begriff eines Autogenozids ließe sich in diesem Fall auch anwenden.
Die Ereignisse während der Herrschaft der Roten Khmer in Kambodscha von 1975 bis 1979 stellen einen Sonderfall dar. Da sich der Genozid in Kambodscha gegen die Bevölkerung des eigenen Landes richtete, ist hier auch der Begriff „Autogenozid“ (wörtlich „Völkerselbstmord“) angewandt worden. Beim Vorgehen der Roten Khmer gegenüber abgrenzbaren Gruppen wie den muslimischen Cham jedoch greift die Definition des Völkermordes.
Die Masseninternierung, Folter und kulturelle Verfolgung der muslimischen Uiguren in der chinesischen Provinz Xinjiang ordneten verschiedene westliche Staaten im Jahr 2021 offiziell als „Genozid“ ein, so durch die US-amerikanische Regierung unter Donald Trump und unter Joe Biden sowie durch das kanadische, das niederländische, das britische, das litauische und das tschechische Parlament. 2022 folgte dem auch das französische Parlament.
Demgegenüber ist die deutsche Bundesregierung der Auffassung, dass die Maßnahmen der chinesischen Politik auf die „Sinisierung“ der religiösen und kulturellen Identitäten der Minderheiten in Xinjiang und Tibet abziele.
Siehe auch
Demozid
Literatur
Jörg Baberowski, Mihran Dabag, Christian Gerlach, Birthe Kundrus, Eric D. Weitz: Debatte: NS-Forschung und Genozidforschung. In: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 5 (2008), S. 413–437.
Boris Barth: Genozid. Völkermord im 20. Jahrhundert. Geschichte, Theorien, Kontroversen. Beck, München 2006 (Beck’sche Reihe, Bd. 1672), ISBN 3-406-52865-1.
Wolfgang Benz: Ausgrenzung Vertreibung Völkermord. Genozid im 20. Jahrhundert. dtv, München 2006, ISBN 978-3-423-34370-1.
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Weblinks
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Einzelnachweise
Besondere Strafrechtslehre (Deutschland)
Völkerrecht
Kriegsvölkerrecht
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Q41397
| 320.768769 |
5357
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https://de.wikipedia.org/wiki/Kloakentiere
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Kloakentiere
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Die Kloakentiere (Monotremata, von gr. monos „einzeln“, „einzig“ und trema „Loch“, „Öffnung“), früher auch Gabeltiere genannt, sind eine Ordnung der Säugetiere (Mammalia). Kloakentiere sind die einzigen Vertreter der Unterklasse der Ursäuger (Protheria). Der Name Kloakentiere weist darauf hin, dass Enddarm, Harn- und Geschlechtswege in einen gemeinsamen Ausführgang, die Kloake, münden. Sie unterscheiden sich von allen anderen Säugetieren dadurch, dass sie keinen lebenden Nachwuchs zur Welt bringen, sondern Eier legen. Dieses Taxon wird in zwei Familien unterteilt: die Ameisenigel (Tachyglossidae) und das Schnabeltier (Ornithorhynchidae) – insgesamt umfasst es fünf rezente Arten, die nur in Australien und Neuguinea leben.
Körperbau
Kloakentiere werden trotz ihrer oviparen Fortpflanzungsweise zu den Säugetieren gerechnet, da sich diese Gruppe über andere Merkmale definiert, die diese Tiere alle aufweisen. Dazu gehören das Fell, das Säugen des Nachwuchses mit Milch sowie eine Reihe anatomischer Details, zu denen unter anderem der Bau des Kiefergelenks und die drei Gehörknöchelchen zählen. In anderen Merkmalen, darunter dem Bau des Schädels und des Bewegungsapparates sowie im Ausscheidungs- und Geschlechtstrakt, unterscheiden sie sich deutlich von den anderen Säugern.
Im äußeren Körperbau zeigen die beiden Familien unterschiedliche Anpassungen an den jeweiligen Lebensraum und die Lebensweise. Das aquatische (im Wasser lebende) Schnabeltier weist ein wasserabweisendes Fell, einen stromlinienförmigen Körper mit abgeflachtem Ruderschwanz und Schwimmhäute an den Füßen auf, während die an Land lebenden Ameisenigel mit Grabkrallen versehene Pfoten besitzen und durch Stacheln an Rücken und Flanken gegen Fressfeinde geschützt sind. Kloakentiere erreichen eine Kopfrumpflänge von 30 bis 77 Zentimetern. Ihr Gewicht variiert von 1 bis 3 Kilogramm beim Schnabeltier und bis zu 16 Kilogramm beim Langschnabeligel.
Kloakentiere sind homoiotherm, haben also eine gleichwarme Körpertemperatur. Sie liegt allerdings mit 30 bis 32 °C deutlich unter der Temperatur anderer Säuger. Die Fähigkeiten der Kloakentiere zur Thermoregulation sind eingeschränkter als bei anderen Säugetieren.
Schädel und Zähne
Ihr Schädel ist langgestreckt, die Schnauze ist mit einer lederartigen Hülle umgeben und erinnert so an einen Vogelschnabel. Schnurrhaare (Vibrissen) fehlen den Kloakentieren, allerdings ist ihr Schnabel mit äußerst sensiblen Elektrorezeptoren ausgestattet. Mit deren Hilfe können diese Tiere die schwachen elektrischen Felder wahrnehmen, die durch die Muskelbewegungen ihrer Beutetiere entstehen, und sie so orten und erbeuten. Die Augen sind klein, Ohrmuscheln sind nur bei den Langschnabel-Ameisenigeln vorhanden, sie fehlen beim Kurzschnabel-Ameisenigel, und auch beim Schnabeltier sind sie als Anpassung an die aquatische Lebensweise rückgebildet.
Im Bau des Schädels weisen Kloakentiere eine Reihe spezifischer anatomischer Details auf. Das betrifft unter anderem den Bau der Schädelseitenwand, die im Gegensatz zu den übrigen Säugern zum größten Teil vom Felsenbein gebildet wird, was sich auch in einer unterschiedlichen Anordnung der Kaumuskulatur und der Hirnnerven niederschlägt. Im Gesichtsschädel fehlen Deckknochen wie das Tränenbein und das Zwischenscheitelbein. Das (sekundäre) Kiefergelenk entspricht dem der übrigen Säugetiere, auch besteht der Unterkiefer aus einem einzigen Knochen; allerdings ist dieser sehr schlank und der Muskelansatz am aufsteigenden Ast (Processus coronoideus) ist rückgebildet.
Erwachsene Kloakentiere haben keine Zähne mehr, die Schlüpflinge weisen jedoch noch einen Eizahn auf, mit dessen Hilfe sie die Eischale durchbrechen. Diese Zahnlosigkeit ist allerdings kein ursprüngliches Merkmal, da die fossilen Vorfahren aus der Kreidezeit und dem frühen Känozoikum noch Zähne aufwiesen. Ameisenigel sind gänzlich zahnlos, was typisch für ameisenfressende Säugetiere ist und sich in konvergenter Form beispielsweise bei den Ameisenbären und Schuppentieren wiederfindet. Im Gegensatz dazu treten während der Entwicklung des Schnabeltiers Zahnanlagen auf, wobei zwei Molaren durchbrechen. Sie sind aber bereits abgenutzt, bevor die Tiere ausgewachsen sind, und werden durch hornige Kauplatten ersetzt.
Übriges Skelett und Fortbewegungstrakt
Wie die meisten Säugetiere haben sie sieben Halswirbel, im Gegensatz zu den übrigen Säugern sind bei ihnen allerdings Halsrippen vorhanden. Der Schultergürtel der Kloakentiere ist massiv und stellt eine stabile Verbindung zwischen den Vorderbeinen und dem Rumpf her. Neben dem für die Säugetiere üblichen Schulterblatt und Schlüsselbein weist er auch einige Elemente auf, die sich ansonsten nur bei Reptilien und Vögeln finden. Dazu zählen das Coracoid (Rabenbein) und die Interclavicula („Zwischenschlüsselbein“), die das Schlüsselbein fest mit dem Brustbein (Sternum) verbindet.
Ein Merkmal, das die Kloakentiere mit den Beutelsäugern teilen, sind die Beutelknochen (Ossa epubica), zwei vom Schambein des Beckens nach vorne ragende Knochen. Diese Knochen dürften ursprünglich nichts mit der Fortpflanzung zu tun gehabt haben, da sie bei beiden Geschlechtern vorkommen, sondern eher dem Muskelansatz für die Bewegung der hinteren Gliedmaßen gedient haben.
Eine weitere Besonderheit ist die Stellung der Gliedmaßen, da Oberarm und Oberschenkel nahezu parallel zum Boden gehalten werden, was eine reptilienartige Fortbewegung bedingt. Allerdings schleift der Bauch nicht am Boden, wodurch ein schnelles Laufen möglich ist. Die Gliedmaßen der Tiere sind kurz und kräftig und enden jeweils in fünf Zehen, die beim Schnabeltier mit Schwimmhäuten, bei den Ameisenigeln mit Grabkrallen versehen sind. Ein Charakteristikum ist der Giftapparat, der nur bei männlichen Tieren vorkommt. Dieser besteht aus einer Drüse im Oberschenkel, einem Ausführgang und einem rund 1,5 Zentimeter langen Hornstachel, der am Fersenbein fixiert ist. Die Effektivität des Giftes ist nicht genau bekannt, es gibt Berichte, wonach ein Haushund, der ein geschossenes Schnabeltier apportieren sollte, daran gestorben ist. Vermutlich wird es auch bei Rivalenkämpfen um das Paarungsvorrecht eingesetzt, allerdings ist das Gift für Artgenossen in den seltensten Fällen tödlich. Bei Ameisenigeln ist es generell weniger wirkungsvoll; bei weiblichen Kloakentieren ist der Giftapparat rückgebildet.
Innere Organe und Fortpflanzungstrakt
Bei den Kloakentieren münden die weiblichen Geschlechtsorgane, Harnleiter und Darm in eine einzige Öffnung, die Kloake, eine Dammregion (Perineum) fehlt. Diesem Merkmal verdanken die Kloakentiere ihren deutschen und wissenschaftlichen Namen (Monotremata bedeutet „Einlochtiere“), auch wenn es bei anderen Säugetieren – etwa den Tenreks – sekundär ebenfalls zur Bildung einer Kloake gekommen ist. In Bau und Funktion der inneren Organe (Herz und Blutkreislauf, Atmung und Verdauung) unterscheiden sich die Kloakentiere nur wenig von den übrigen Säugetieren. Besonderheiten finden sich unter anderem im Bau des Kehlkopfes, bei dem der Schildknorpel aus zwei getrennten Bogenpaaren aufgebaut wird, und im Magen. Dieser besitzt keine Drüsen, sodass die chemische Verdauung auf den Dünndarm beschränkt ist.
Männchen haben einen an der Spitze gespaltenen Penis, der ausschließlich samenführend ist; das Harnlassen geschieht über die Kloake. Im nicht erigierten Zustand ruht der Penis in einem vor der Kloake liegenden Beutel. Ein Skrotum (Hodensack) fehlt, die Hoden liegen innerhalb der Bauchhöhle nahe den Nieren. Weibchen haben paarig angelegte Eierstöcke, allerdings ist beim Schnabeltier wie bei den Vögeln nur der linke Eierstock funktional, der rechte ist rückgebildet. Die Eierstöcke sind über einen Eileiter mit jeweils einem Uterus verbunden, diese münden in den Urogenitalkanal, der zur Kloake führt.
Weibliche Kloakentiere haben wie alle Säugetiere Milchdrüsen, im Gegensatz zu den übrigen Säugern fehlen jedoch die Zitzen, stattdessen wird die Milch über zahlreiche Öffnungen auf das Milchdrüsenfeld (Areola) des Bauches abgesondert, von dem die Jungtiere sie aufnehmen. Bei Ameisenigeln, nicht jedoch beim Schnabeltier, bildet sich während der Tragzeit ein Brutbeutel (Incubatorium) am Bauch, in welchem die gelegten Eier bebrütet und die Schlüpflinge nach ihrer Geburt aufbewahrt werden. Der Brutbeutel steht in keiner Verbindung mit den Beutelknochen und unterscheidet sich in seinem Bau auch deutlich von dem der Beutelsäuger.
Genetische Besonderheiten
Eine Besonderheit der Kloakentiere ist der Satz der Geschlechtschromosomen, der aus fünf und nicht aus einem Chromosomenpaar besteht: Beim Schnabeltier wurde 2004 entdeckt, dass die Weibchen zehn X-Chromosomen besitzen und die Männchen fünf X- und fünf Y-Chromosomen, während die meisten anderen Säugetierarten (einschließlich des Menschen) nur zwei Geschlechtschromosomen haben (XX bei Weibchen und XY bei Männchen). Für die Ameisenigel sind die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen, es ist aber festzustellen, dass das Chromosomensystem dieser Tiere in manchen Aspekten dem der Vögel ähnelt, von dem man annimmt, dass es sich unabhängig von dem der Säuger entwickelte.
Bisher wurde in Kloakentiergenomen keinerlei Imprinting entdeckt.
Lebensweise
Die beiden Familien der Kloakentiere, Schnabeltiere und Ameisenigel, haben sich an verschiedene Lebensräume angepasst und zeigen damit auch erhebliche Unterschiede in ihrer Lebensweise. Hier wird nur ein grober Überblick gegeben, für detailliertere Angaben siehe die jeweiligen Artikel.
Schnabeltiere führen eine aquatische (auf das Wasser bezogene) Lebensweise, ihr Lebensraum sind stehende oder fließende Süßwassersysteme im östlichen und südöstlichen Australien. Mit ihren Schwimmhäuten und dem Paddelschwanz sind sie gut an diesen Lebensraum angepasst, zur Ruhe ziehen sie sich in Erdbaue, die meist an Uferböschungen liegen, zurück. Ameisenigel sind im Gegensatz dazu terrestrisch (landbewohnend). Sie stellen keine besonderen Ansprüche an ihren Lebensraum und finden sich sowohl in Wüstenregionen und tropischen Regenwäldern als auch im Gebirge von über 4000 Metern Seehöhe. Generell sind Kloakentiere eher dämmerungs- oder nachtaktiv, bei den Ameisenigeln ist die Aktivitätszeit jedoch auch klima- und nahrungsabhängig. Von beiden Familien ist bekannt, dass sie bei kühlem Wetter und entsprechend geringem Nahrungsangebot in einen Torpor (Kältestarre) fallen. Alle Kloakentiere leben außerhalb der Paarungszeit einzelgängerisch; sie sind standorttreu, ein ausgeprägtes Territorialverhalten ist nicht bekannt.
Diese Tiere sind Fleischfresser. Das Schnabeltier verzehrt Krebstiere, Insektenlarven und Würmer, die es unter Wasser erbeutet. Ameisenigel ernähren sich vorrangig von Ameisen, Termiten und Regenwürmern. Wie oben erwähnt, dienen ihnen Elektrorezeptoren am Schnabel dazu, die schwachen elektrischen Felder, die durch die Muskelbewegungen ihrer Beutetiere entstehen, zu orten.
Zu den Fressfeinden der Kloakentiere zählen unter anderem Buntwarane, Teppichpythons und eingeschleppte Räuber wie der Dingo und der Rotfuchs. Ameisenigel können sich im Angriffsfall im Boden verkeilen oder sich ähnlich den Igeln zu einer Stachelkugel zusammenrollen; ob sich das Schnabeltier gegen Fressfeinde mit seinem Giftstachel verteidigt oder ob dieser vorrangig zu Kämpfen um das Paarungsvorrecht eingesetzt wird, ist nicht genau bekannt.
Fortpflanzung
Balz- und Paarungsverhalten
Entsprechend ihrer einzelgängerischen Lebensweise betreiben die Kloakentiere ein kompliziertes Balz- und Paarungsverhalten. Von den Ameisenigeln sind sogenannte „Freier-Marsch-Kolonnen“ bekannt, dabei folgen mehrere Männchen oft wochenlang einem Weibchen und verlieren dabei bis zu 25 % ihres Körpergewichtes. Wenn das Weibchen seine Paarungsbereitschaft signalisiert, graben die männlichen Tiere einen regelrechten „Paarungsgraben“ um das Weibchen und versuchen anschließend, sich gegenseitig daraus zu verdrängen, bis schließlich das kräftigste Tier zum Zug kommt. „Die Paarung wird – abweichend von den meisten anderen Säugetieren – Bauch gegen Bauch vollzogen.“
Das Balzverhalten der Schnabeltiere ist weniger aufwändig; es besteht unter anderem darin, dass das Männchen mit seinem Schnabel den Schwanz des Weibchens packt und sie manchmal tagelang im Kreis schwimmen. Die Begattung selbst findet bei den Kloakentieren ähnlich der bei anderen Säugetieren üblichen Weise statt: Das Männchen führt seinen Penis in die Kloake des Weibchens ein.
Keimentwicklung und Bebrütung
Die Follikel unterscheiden sich von denen der übrigen Säugetiere durch das Fehlen der Sekundär- und Tertiärfollikel, die Eizelle wird von einem einschichtigen Follikelepithel umhüllt. Die Befruchtung findet im Eileiter statt, von da wandert die Zygote in den Uterus weiter. Dort wächst das Ei weiter heran, auch die äußere, pergamentartige Eischale wird von Uterusdrüsen abgegeben. Zwischen Begattung und Eiablage liegen beim Schnabeltier 12 bis 14 Tage, bei den Ameisenigeln drei bis vier Wochen. Die Eier der Kloakentiere sind klein, sie haben rund 10 bis 15 Millimeter Durchmesser, eine weißliche oder cremefarbene Schale und einen großen Dotter. Während Ameisenigel meist nur ein Ei legen, sind es beim Schnabeltier bis zu drei.
Nach dem Legen bebrütet das Weibchen die Eier rund zehn Tage lang. Die Schnabeltiermutter verwendet zur Bebrütung einen mit Pflanzenmaterial gepolsterten Erdbau.
Weibliche Ameisenigel entwickeln zum Zwecke des Bebrütens einen Brutbeutel im Bauchbereich, in welchem die Temperatur 2 °C über der Körpertemperatur der Mutter liegt und in dem das Jungtier erbrütet wird. „Die Kloake tritt so weit vor, dass die meist ein oder zwei Eier direkt in den nur zur Brutzeit von der Bauchdeckenmitte abklaffenden Brutbeutel, das Inkubatorium, abgelegt werden können.“
Schlüpfen und Jungenaufzucht
Der Reifegrad neugeschlüpfter Kloakentiere entspricht etwa dem der Beutelsäuger. Schlüpflinge sind unbehaart, rund 15 Millimeter lang und wiegen 300 bis 400 Milligramm. Die vorderen Gliedmaßen sind beim Schlüpfen bereits kräftig, die hinteren nur schwach entwickelt. Nach dem Schlüpfen werden die Jungtiere wie alle Säugetiere mit Milch ernährt; diese entspricht in ihrer Zusammensetzung weitgehend der der übrigen Säuger. Da die Weibchen keine Zitzen haben, lecken oder schlürfen die Jungen die Milch aus dem Milchdrüsenfeld am Bauch der Mutter.
Junge Ameisenigel bleiben nach dem Schlüpfen rund sieben bis acht Wochen im Brutbeutel. Sobald ihre Stacheln wachsen, müssen sie diesen verlassen. Die Mutter legt sie daraufhin in einem Nest ab und kehrt alle fünf bis zehn Tage zurück, um sie zu säugen. Junge Schnabeltiere bleiben für rund fünf Monate im Bau der Mutter. Die Männchen der Kloakentiere beteiligen sich nicht an der Jungenaufzucht. Das Absetzen erfolgt beim Schnabeltier mit rund dreieinhalb Monaten, bei den Ameisenigeln mit rund sieben Monaten. Die Geschlechtsreife tritt mit einem bis zwei Jahren ein.
Lebenserwartung
Während Ameisenigel relativ langlebig sind und in menschlicher Obhut ein Alter von 50 Jahren erreichen können, wird die durchschnittliche Lebenserwartung von Schnabeltieren in freier Wildbahn auf fünf bis acht Jahre geschätzt, in Gefangenschaft betrug das Höchstalter 17 Jahre.
Systematik
Interne Systematik
Die heutigen Arten der Kloakentiere werden in zwei Familien mit drei Gattungen und fünf Arten geteilt:
Das Schnabeltier (Ornithorhynchus anaticus) ist der einzige rezente Vertreter der Familie der Schnabeltiere (Ornithorhynchidae).
Die Familie der Ameisenigel (Tachyglossidae) setzt sich aus zwei Gattungen zusammen, dem Kurzschnabeligel (Tachyglossus aculeatus) und den drei Arten der Langschnabeligel (Zaglossus).
Fossile Vorfahren der Kloakentiere sind seit der Kreidezeit, seit rund 126 Millionen Jahren belegt. Als basaler Vertreter dieser Gruppe gilt Teinolophos, der in einer eigenen Familie, Teinolophidae, eingeordnet wird. Schnabeltiervorfahren sind ebenfalls seit der Kreide belegt, dazu zählen die Gattungen Steropodon und Kollikodon. Diese hatten allerdings noch Zähne, ebenso die aus dem Miozän bekannte Gattung Obdurodon.
Der Fund eines einzelnen Zahnes von einem Schnabeltierverwandten namens Patagorhynchus pascuali aus dem Maastrichtium, der in Argentinien entdeckt wurde, ist der älteste Beleg für eine Verbreitung dieser Tiere außerhalb des australischen Raumes. Etwas jünger ist Monotrematum sudamericanum aus dem Paläozän, das ebenfalls mit einem Zahn aus Argentinien stammt. Paläobiogeographisch dürfte die Besiedlung Südamerikas über den antarktischen Kontinent erfolgt sein, der bis zum Eozän mit Australien verbunden war und damals noch ein weit wärmeres Klima aufwies. Vermutlich gab es auch auf diesem Kontinent Kloakentiere, auch wenn bislang keine Fossilien gefunden wurden.
Fossile Ameisenigel sind seit dem Pliozän belegt. Zum Teil erreichten die Tiere größere Ausmaße als heute, Murrayglossus hacketti war der bislang größte gefundene Ameisenigel. Er wurde rund einen Meter lang und 30 Kilogramm schwer und lebte im Pleistozän in West-Australien bis vor etwa 15.000 Jahren.
Externe Systematik
Die stammesgeschichtliche Herkunft der Kloakentiere ist umstritten. Früher wurde vermutet, sie hätten sich aus einem anderen Zweig der Therapsiden („säugerähnlichen Reptilien“) entwickelt als die übrigen Säuger, dies wird heute kaum mehr vertreten. Nach Meinung der meisten Forscher haben sie mit den übrigen Säugern einen gemeinsamen Vorfahren, sodass diese eine monophyletische Gruppe bilden.
Wo sich die Kloakentiere im Stammbaum der Säuger trennten und mit welchen ausgestorbenen Taxa sie näher verwandt sind, ist aber umstritten. Es gibt dazu mehrere Theorien, siehe dazu auch Evolution der Säugetiere.
Ein heute veraltetes Konzept teilte die Säuger in zwei Taxa, die Theria (Beutelsäuger und Höhere Säugetiere), und die Ursäuger im weiteren Sinn (Prototheria), zu denen neben den Kloakentieren eine Reihe urtümlicher Gruppen wie die Morganucodonta, die Docodonta, die Triconodonta und andere gehören. Diese Theorie ist kaum mehr verbreitet, die Kloakentiere gelten heute als näher verwandt mit den übrigen Säugern als viele urtümliche Säugergruppen, was die „Prototheria“ zu einer hochgradig paraphyletischen Gruppe macht.
Eine andere Hypothese stellte die Kloakentiere in ein nahes Verwandtschaftsverhältnis zu den Multituberculata, einer einst artenreichen, vom Jura bis zum Oligozän verbreiteten Säugertiergruppe, die äußerliche Ähnlichkeiten mit den Nagetieren aufwies. Die meisten Wissenschaftler vertreten allerdings heute die Ansicht, dass die Multituberculata einen von den Kloakentieren fremden Zweig der Säuger darstellen.
Im Jahr 2001 wurde von Luo und anderen das Taxon der Australosphenida eingeführt. Nach dieser Hypothese hätten sich diese als eine eigenständige Säugetiergruppe im Mesozoikum im damaligen Südkontinent Gondwana entwickelt. Diese Theorie stützt sich auf einige neuentdeckte Fossilienfunde, deren Zähne Ähnlichkeiten mit den Zähnen der Schnabeltiervorfahren aufweisen sollen. Von anderen Wissenschaftlern wird diese Theorie hingegen vehement bestritten, sie sehen in den Kloakentieren einen isolierten Seitenzweig.
Alle oben genannten Hypothesen setzen die Kloakentiere in Kontrast zu den Theria, einem Taxon aus Beutel- und Höheren Säugern. Es gibt aber auch Hypothesen, die von einem gemeinsamen Vorfahren der Kloakentiere und Beutelsäuger ausgehen. Dieses Taxon wird Marsupionta genannt und bildet somit das Schwestertaxon der Höheren Säuger (Eutheria). Die Marsupionta-These ist allerdings eine Minderheitenmeinung, die meisten Forscher sehen in den Kloakentieren das Schwestertaxon der Theria.
Eine allgemein akzeptierte These über die Entwicklungsgeschichte und der Verwandtschaftsbeziehungen der Kloakentiere zu den übrigen Säugetieren gibt es nicht. Die Meinungsverschiedenheiten erklären sich auch dadurch, dass von vielen fossilen Arten lediglich Zähne oder Kieferteile gefunden wurden, was eine Interpretation erschwert. Möglicherweise können neue Fossilienfunde mehr Klarheit in dieser Frage bringen.
Kloakentiere und Menschen
Mit Erstaunen und Skepsis reagierten die Europäer zunächst auf Berichte über diese Tiere, die scheinbar Merkmale verschiedener Taxa in sich vereinen. Das Schnabeltier wurde für eine Fälschung, für das Werk eines geschickten Tierpräparators gehalten. Und der englische Name der Ameisenigel, Echidnas, leitet sich ab von der griechischen Sagenfigur Echidna, die halb Mensch und halb Schlange war. Der englische Zoologe George Shaw lieferte Ende des 18. Jahrhunderts die wissenschaftlichen Erstbeschreibungen beider Tiere, die erstaunlich zutreffend waren. Dennoch wurde bis in das 19. Jahrhundert ihre wahre Fortpflanzungsweise nicht erkannt. Noch der bekannte deutsche Zoologe Alfred Brehm ging in seinem Werk Brehms Tierleben davon aus, dass Kloakentiere lebendgebärend seien; er tat alles andere als „Fabeln, welche zum Theile den Berichten der Eingebornen ihre Entstehung verdankten“, ab und kam in Anlehnung an den australischen Zoologen George Bennett zum Schluss: „Nirgends fand man etwas auf, was auf die Vermuthung hätte führen können, daß die Jungen aus Eiern gekommen, und die Eier von den Alten weggetragen worden wären. Man konnte nicht mehr im Zweifel sein, daß das Schnabelthier lebendige Jungen gebiert. Bennett glaubt nicht, daß die Eingebornen die Mutter jemals säugend gesehen, und entschuldigt sie deshalb wegen ihrer lügenhaften Erzählung hinsichtlich des Eierlegens.“
Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts bestätigte sich, dass Kloakentiere tatsächlich eierlegend sind. Bis heute gelten sie unter Laien als Inbegriff des biologischen Kuriosums und werden oft zu den sogenannten „lebenden Fossilien“ gezählt.
Friedrich Engels bekannte 1895 in einem Brief an Conrad Schmidt, er „habe die Eier des Schnabeltiers 1843 in Manchester gesehn und in hochmütiger Borniertheit die Dummheit verspottet, als ob ein Säugetier Eier legen könnte, und jetzt ist’s bewiesen!“, nachdem er Schmidt bezüglich der Werttheorie von Karl Marx fragte, ob denn „die in der Naturwissenschaft herrschenden Begriffe Fiktionen [seien], weil sie sich keineswegs immer mit der Realität decken? Von dem Augenblick, wo wir die Evolutionstheorie akzeptieren, entsprechen alle unsre Begriffe vom organischen Leben nur annähernd der Wirklichkeit. Sonst gäbe es keine Veränderung; an dem Tag, wo Begriff und Wirklichkeit in der organischen Welt sich absolut decken, ist es am Ende mit der Entwicklung. Der Begriff Fisch schließt ein Leben im Wasser und Atmen mit Kiemen; wie wollen Sie vom Fisch zum Amphibium kommen ohne Durchbrechen dieses Begriffs? Und er ist durchbrochen worden, und wir kennen eine ganze Reihe von Fischen, die ihre Luftblase zur Lunge weiterentwickelt haben und Luft atmen können. Wie wollen Sie vom eierlegenden Reptil zum Säugetier kommen, das lebendige Junge austrägt, ohne einen oder beide Begriffe mit der Realität in Konflikt zu bringen? Und in Wirklichkeit haben wir in den Monotremen eine ganze Unterklasse eierlegender Säugetiere“, weshalb sein Leser „nicht dem Wertbegriff dasselbe [antun solle], weswegen [er, Friedrich Engels] nachträglich das Schnabeltier um Verzeihung bitten mußte!“
Die Bedrohungssituation der einzelnen Arten ist unterschiedlich. Während der Kurzschnabeligel über weite Teile Australiens verbreitet ist und als häufig gilt, sind die in Neuguinea lebenden Langschnabeligel bedroht, da ihr Fleisch als Delikatesse gilt und sie häufig mit Hunden gejagt werden. Das Schnabeltier, das früher wegen seines Felles gejagt wurde, ist heute vollständig geschützt; es gilt wegen seiner hohen Ansprüche an den Lebensraum in Australien als „häufig, aber gefährdet“ (“common but vulnerable”).
Literatur
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Weblinks
Einzelnachweise
Lebendes Fossil
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Q21790
| 120.792421 |
4663
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https://de.wikipedia.org/wiki/Saarland
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Saarland
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Das Saarland [] , (, Abkürzung SL) ist ein Land im Südwesten der Bundesrepublik Deutschland. Das kleinste der Flächenländer und hinsichtlich der Einwohnerzahl mit knapp einer Million das zweitkleinste Land (nach Bremen) grenzt im Norden und Osten an das Land Rheinland-Pfalz, im Süden an die französische Region Grand Est mit deren Département Moselle und im Westen an das Großherzogtum Luxemburg. Gemeinsam mit diesen Nachbarn und der belgischen Region Wallonien bildet das Saarland die europäische Großregion Saar-Lor-Lux, in der etwa 11,6 Millionen Menschen leben.
Das Saarland ist geprägt von einem hohen Industrialisierungsgrad und einer stark ausgebauten Infrastruktur. Die Region verzeichnet die höchste grenzüberschreitende Mobilität von Arbeitnehmern der Europäischen Union. Landeshauptstadt, größte Stadt und Oberzentrum des Saarlands ist Saarbrücken.
Nach verwaltungs- und staatsrechtlichen Vorformen seit dem 7. Jahrhundert (fränkische Gaugrafschaft Saargau) und dem 17. Jahrhundert (Herzogtum Saarland, Saarprovinz und Saardepartement) entstand das Saarland am 10. Januar 1920 als politische Einheit Saar(becken)gebiet (Territoire du Bassin de la Sarre) infolge des Versailler Vertrages. Es wurde aus der Staatsgewalt der Weimarer Republik ausgegliedert und bestand unter erstmaliger Zusicherung eines staatsrechtlichen Eigenlebens 15 Jahre mit eigener Verfassung und mit der vom Völkerbundsrat ernannten internationalen Regierungskommission als Völkerbundsmandat. Auf Drängen der Bevölkerung wurde 1922 ein Landesrat als beratende Volksvertretung eingerichtet. 1935 wurde das Saargebiet nach der im Vertrag vorgesehenen Saarabstimmung aufgrund von rund 90-prozentiger Zustimmung als Reichsland Saarland wieder ins Deutsche Reich, damals unter nationalsozialistischer Regierung, zurückgegliedert.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Saarland nach der Schaffung des Regierungspräsidiums Saar Teil der französischen Besatzungszone. Frankreich gliederte es anschließend daraus aus und entzog es der Zuständigkeit des Alliierten Kontrollrates. Eine vollständige Annexion des Gebietes an der Saar durch Frankreich nach den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts verhinderten insbesondere die Regierungen der Vereinigten Staaten von Amerika sowie des Vereinigten Königreiches Großbritannien und Nordirland – in letzterem Fall zusätzlich die Regierung der Sowjetunion.
So kam es zur Bildung einer eigenen saarländischen Staatsregierung und der Inkraftsetzung der Verfassung des Saarlandes am 15. Dezember 1947, die auf die Schaffung eines formell autonomen Saarstaates zielten. Verfassungsautonomie, Selbstregierung sowie Selbstverwaltung waren aber durch die französische Oberherrschaft beschränkt. Das Saarland war ab 1950 assoziiertes und ab 1951 ordentliches Mitglied des Europarats. Im Folgejahr 1951 trat es als Teil der saarländisch-französischen Wirtschaftsgemeinschaft der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (Montanunion) bei. Nach der Ablehnung des Europäischen Statutes für das Saarland bei der Volksbefragung am 23. Oktober 1955 kam es zu einer partiellen Verfassungsrevision sowie zu neuen Verhandlungen, nach denen das Saarland am 1. Januar 1957 als 10. Land der Bundesrepublik Deutschland politisch beitrat. Der vollständige wirtschaftliche Beitritt erfolgte am 6. Juli 1959 (im Volksmund „Tag X“).
Geographie
Lage
Das Saarland liegt mit einer Ausdehnung von 2.569,69 Quadratkilometern links des Rheins im äußersten Südwesten Deutschlands und erstreckt sich über Teile des Hunsrücks mit dem Schwarzwälder Hochwald, des Lothringischen Schichtstufenlandes und des Saar-Nahe-Berglandes. Weitere wichtige Gebiete sind mit ihren fruchtbaren Kalksteinböden Saar- und Bliesgau.
Das Saarland grenzt in Norden und Osten an ein einziges Bundesland, Rheinland-Pfalz, und im Süden und Westen an Frankreich und Luxemburg.
Geologie
Das Saarland weist geologisch wie geomorphologisch eine hohe Heterogenität auf. Der Saarbrücker Sattel, der von Nordost nach Südwest gelagert ist und in dem karbonische Gesteine an die Oberfläche treten, schließt sich nach Norden und Nordosten an sedimentäre und magmatische Gesteine des Perm an. An diese permischen Gesteine grenzt im Norden der Hunsrück, der die südliche Randzone des Rheinischen Schiefergebirges bildet. Im Nordosten grenzen die permischen Gesteine an das Mainzer Becken, eine seitliche Erweiterung der tektonisch entstandenen Oberrheinischen Tiefebene. Der Saarbrücker Sattel wird im Süden, Südosten und Westen von ungleichförmig zueinander gelagertem Triasgestein eingefasst. Ablagerungen aus der Trias füllen im Südosten des Saarlandes die Saargemünd-Zweibrücker Mulde aus. Sie gehen nach Südosten in das Buntsandsteingebirge der Vogesen und im Osten in den Pfälzerwald über. Im Westen und Südwesten der Triasgebiete des Saarlandes befinden sich Ablagerungen des Pariser Beckens aus dem jüngeren Mesozoikum.
Erhebungen
Höchste Erhebung ist der Dollberg (695,4 m) nördlich von Nonnweiler, zweithöchste der Schimmelkopf (694,8 m) nördlich von Weiskirchen. Bedeutendste Erhebung ist jedoch der – wohl auch aus seiner Tradition als höchster Berg des ehemaligen Saargebietes heraus – als der Hausberg des Saarlandes geltende Schaumberg in Tholey mit seinem Aussichtsturm. Er ist mit seinen 569 Metern relativ niedrig, ragt aber alleinstehend aus einer eher flachen Umgebung heraus.
Vegetation
Ein Drittel der Fläche des Saarlandes ist mit sommergrünem Mischwald bedeckt. Damit hat das Saarland gemeinsam mit Hessen und Rheinland-Pfalz die prozentual größte Waldfläche Deutschlands. Darüber hinaus nimmt hier der Laubwald im Vergleich zu allen anderen Bundesländern den größten Anteil der Gesamtwaldfläche ein.
Gewässer
Der längste saarländische Fluss ist die Blies, von deren 99,5 km Flusslauf etwa 93 km im Bundesland liegen, vom Lauf der namensgebenden Saar dagegen nur 68 km. Die Blies entspringt im nördlichen Saarland bei Selbach und mündet im Süden als Grenzfluss bei Saargemünd (Frankreich) in die Saar. Weitere wichtige Flüsse sind die Saarzuflüsse Prims, Rossel und Nied, der Rhein-Zufluss Nahe mit dem Glan sowie die Mosel bei Perl. Im Norden befinden sich außerdem der Bostalsee, die Primstalsperre und der Stausee Losheim.
Nahezu 95 % der Fläche des Saarlandes sind dem Einzugsgebiet des Saar-Mosel-Flusssystems zugehörig. Die restlichen 5 % des Landesgebietes im Nordosten gehören zum Glan-Nahe-Entwässerungsgebiet.
Klima und Niederschlag
Das Klima ist gemäßigt ozeanisch. Die jährliche Niederschlagsmenge liegt im Durchschnitt bei 800 Millimetern. Das Saarland gehört zu den wärmsten Regionen Deutschlands.
Landschaften
Neben der politischen Gliederung in Gemeinden und in die saarländischen Landkreise können folgende Landschaften und Gebiete beschrieben werden. Sie zeichnen sich durch ein relativ einheitliches Erscheinungsbild in Abgrenzung zu benachbarten Landschaften und Gebieten aus, das oft durch gemeinsame politisch-historische oder wirtschaftliche Zusammenhänge (besonders Landwirtschaft, Industrialisierung) entstanden ist:
Bliesgau
Köllertal
Ostertal
Saargau
Saarkohlenwald
Schwarzwälder Hochwald
Sankt Ingbert-Kirkeler Waldgebiet
St. Ingberter Senke
Sankt Wendeler Land
Warndt
Geschichte
Das heutige Saarland wurde nach verwaltungs- und staatsrechtlichen Vorformen im Frühmittelalter und der Frühen Neuzeit als politische Einheit am 10. Januar 1920 aus Gebieten gebildet, die seit dem Wiener Kongress zum preußischen beziehungsweise bayerischen Staatsgebiet gehört hatten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg und noch vor der Gründung des Landes Rheinland-Pfalz am 30. August 1946 wurden am 1. August 1946 142 Gemeinden mit knapp 900 Quadratkilometern und rund 100.000 Einwohnern vom Regierungsbezirk Trier abgetrennt und dem Saarland angegliedert, wodurch sich das saarländische Staatsgebiet bis in den Hunsrück und an die Mosel erstreckte. Nur knapp ein Jahr später, am 8. Juni 1947, musste die Regierung Frankreichs jedoch dem Widerstand der Regierungen der USA und Großbritanniens gegen diese einseitig vollzogene Gebietsveränderung Rechnung tragen und 61 Gemeinden des Landkreises Saarburg und des Landkreises Trier zurückgeben. Beim Saarland verblieben aber Gebiete der Erweiterung vom 1. August 1946 im Nordosten, die im 19. Jahrhundert Teil des Großherzogtums Oldenburg (Exklave Fürstentum Birkenfeld) und des Herzogtums Sachsen-Coburg und Gotha (Fürstentum Lichtenberg) gewesen waren, sowie das Grenzgebiet zum Großherzogtum Luxemburg im Nordwesten. Zusätzlich erweiterte man das saarländische Staatsgebiet am 8. Juni 1947 im Nordosten um 13 rheinland-pfälzische Gemeinden. Im Osten des Saarlandes kamen am 23. April 1949 kleine Gebietsteile von Rheinland-Pfalz hinzu.
In der Zeit vor der Französischen Revolution waren die vier bedeutendsten Herrschaften im Gebiet des heutigen Saarlandes das Kurfürstentum Trier, das Herzogtum Lothringen, das wittelsbachische Herzogtum Pfalz-Zweibrücken sowie die Grafschaft Saarbrücken. Diese vier Herrschaften spiegeln sich auch im heutigen Landeswappen wider.
Die vor der Französischen Revolution selbständigen Territorien auf dem Gebiet des heutigen Saarlandes waren seit dem frühen Mittelalter stets deutschsprachig, standen aber immer wieder zeitweise unter französischem Einfluss, insbesondere im späten 17. Jahrhundert während der französischen Reunionen sowie im Zeitraum zwischen den Koalitionskriegen und dem Zweiten Pariser Frieden.
Auch nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zweiten Weltkrieg befand sich das Land unter französischem Einfluss. Von 1920 bis 1935 stand das „Saargebiet“ (so der damalige Name) unter der Verwaltung des Völkerbundes, gehörte aber zum französischen Wirtschaftsraum. Am 1. März 1935 wurde das Saargebiet nach einer Volksabstimmung, zunächst unter dem Namen Saarland, wieder Teil des Deutschen Reiches.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte das Saarland zunächst zur Französischen Besatzungszone, bevor es im Januar 1946 aus dem Zuständigkeitsbereich des Alliierten Kontrollrates herausgelöst wurde. Im Jahr 1947 wurden eine eigene Verfassung und eine eigene Staatsbürgerschaft geschaffen. Das Saarland erhielt am 16. Juni 1947 aus währungspolitischen Gründen kurzzeitig eine eigene Währung, die Saar-Mark. Sie wurde am 20. November 1947 durch den französischen Franc ersetzt. Es wurden auch eigene Münzen mit deutscher Aufschrift und saarlandbezogenen Motiven geprägt, die aber auf französische Franken lauteten (siehe Abbildung). Erneut hatten die Saarländer über ein Jahrzehnt lang eine Sonderstellung inne. Diesmal nahmen sie auch mit eigenen Mannschaften an den Olympischen Sommerspielen 1952 sowie an der Qualifikation zur Fußball-WM 1954 teil.
Am 23. Oktober 1955 wurde eine Volksbefragung über eine Europäisierung des Saarlandes durchgeführt, in der 67,7 Prozent der abstimmenden Saarländer „Nein“ sagten und sich damit gegen das von der Adenauer-Regierung mit der französischen Regierung ausgehandelte (zweite) Saarstatut aussprachen. Das Ergebnis der Abstimmung wurde als Wille der saarländischen Bevölkerung interpretiert, sich der Bundesrepublik Deutschland anzuschließen. Die Regierung Frankreichs lenkte ein, und am 27. Oktober 1956 wurde in Luxemburg der Saarvertrag abgeschlossen, worauf das Saarland am 1. Januar 1957 das zehnte Bundesland der Bundesrepublik Deutschland wurde. Die wirtschaftliche Angliederung samt Übernahme der D-Mark wurde am 6. Juli 1959, dem sogenannten „Tag X“, vollzogen.
Im Jahre 2012 bewarb sich das Saarland im Rahmen des Bewerbungsverfahrens für neue generische Top Level Domains (gTLD) um die eigene Top-Level-Domain .saarland, die im September 2014 der dotSaarland GmbH zugesprochen wurde. Das Projekt wird von der Regierung des Saarlandes unterstützt, die gratis Domainnamen reservieren konnte. Daneben unterstützt der gemeinnützige Verein dotSaarland e. V. die TLD. Neben dem Saarland verfügen die Bundesländer Bayern, Berlin, Hamburg und NRW über eigene TLDs.
Bevölkerung
Während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert bildete sich ein Verdichtungsraum an den Standorten der Kohlegewinnung und der Stahlproduktion entlang der Schiene Dillingen–Saarbrücken–Neunkirchen. Die ländlich geprägten Randgebiete des Landes weisen eine geringere Bevölkerungsdichte auf.
Sprache
Dialekte
Im Saarland werden rhein- und moselfränkische Mundarten gesprochen, die von den Sprechern meist Platt genannt werden. Charakteristische Merkmale beider Dialektfamilien (untereinander und mit der Luxemburgischen Sprache eng verwandt) sind Diphthongarmut, systematische Monophthongisierung, binnendeutsche Konsonantenschwächung sowie Vereinfachung der Wortsuffixe. Die Grenze zwischen den mosel- und rheinfränkischen Dialekten bildet die dat-das-Linie, die quer durch das Saarland verläuft. Nicht selten kommt es vor, dass die Saarländer mehrere Dialekte ineinander vermischen.
Deutsch und Französisch
Amtssprache ist Deutsch. Das Französische ist im Saarland wegen der Grenznähe gelegentlich zu hören und soll als eine Art Verkehrssprache dienen, um die Mehrsprachigkeit in der Region zu fördern. Die Städte Saarlouis und Saarbrücken erreichen mit kulturellen oder kommerziellen Angeboten auch grenznahe Gebiete in Frankreich. Die Haltestellenansagen in der die Grenze überquerenden Saarbahn erfolgen auf Deutsch und Französisch. Das Saarland ist das einzige deutsche Bundesland, das an Gymnasien Französisch als Pflichtfremdsprache vorschreibt. Die saarländische Landesregierung plant Maßnahmen, um Französisch bis 2043 zur zweiten Verkehrssprache zu machen.
Bevölkerungsentwicklung
Historisch
Die Bevölkerung der Region erlebte in der Neuzeit zwei wesentliche Wachstums- und Einwanderungsschübe. Der erste betrifft die Zeit des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts. Während des Dreißigjährigen Krieges, der sich in Lothringen bis 1661 hinzog (Friede von Vincennes) und fast nahtlos durch die Kriege Ludwigs XIV. fortgesetzt wurde, verödeten im zweiten Drittel des 17. Jahrhunderts weite Landstriche. Der Bevölkerungsverlust wird für manche Territorien auf ca. 80 Prozent geschätzt. Durch eine gezielte Einwanderungs- und Siedlungspolitik wurden Neubürger angeworben, darunter auch Hugenotten, Wallonen, Picarden, Tiroler und Schweizer.
Den zweiten Schub erlebte die Region im 19. Jahrhundert. Während die Industrialisierung im frühen 19. Jahrhundert nur zögernd einsetzte, nahm die Bevölkerung nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 sehr stark zu: Die Einwohnerzahl der Großregion Saarbrücken vervierfachte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Hauptzuzugsraum waren dabei die nördlich der industrialisierten Gebiete gelegenen, stark ländlich geprägten Regionen des Hochwaldes und des Hunsrücks. Dies führte dazu, dass auch in den ehemals evangelischen Gebieten der Grafschaft Saarbrücken heute die Mehrheit der Bevölkerung katholisch ist, das Saarland hat somit prozentual den größten katholischen Bevölkerungsanteil in Deutschland. Gleichzeitig sorgten die saarländischen Stahl- und Hüttenbarone und die preußische Grubenverwaltung dafür, dass die Arbeiter und Bergleute zu günstigen Konditionen Grundeigentum und Häuser erwerben konnten, das Saarland hat deswegen bis heute bundesweit die höchste Eigentumsrate beim Grundbesitz.
Die Bevölkerungsentwicklung auf dem Gebiet des heutigen Saarland seit 1802/03:
Aktuell
Seit einiger Zeit hat das Saarland mit einem signifikanten Bevölkerungsrückgang zu kämpfen. So sank die Bevölkerungszahl 2006 um 0,68 %. Hauptursache ist ein ungünstiger natürlicher Bevölkerungssaldo von −0,48 % (Geburtenrate je 1000: 6,9; Sterberate: 11,7). Das Saarland erreichte 2006 eine Fertilitätsrate von 1,233. Dies ist unter den Flächenländern der letzte Platz, nur die Fertilität Hamburgs ist noch geringer. 2017 lag sie bei 1,51 Kindern und war die dritt-niedrigste unter den Bundesländern und der letzte unter den Flächenländern. Die Bevölkerungsdichte des Saarlandes ist allerdings noch immer wesentlich höher als im Bundesdurchschnitt. Im Verlaufe des Jahres 2011 sank die Bevölkerung des Saarlandes erstmals seit 1955 wieder unter die Marke von 1 Million Einwohnern.
Prognose
Quelle: Bertelsmann Stiftung
Gesundheit
Die durchschnittliche Lebenserwartung lag im Zeitraum 2015/17 bei 77,5 Jahren für Männer und bei 82,2 Jahren für Frauen. Die Männer belegen damit unter den deutschen Bundesländern Rang 12, während Frauen Rang 16 belegen. Beide Werte liegen damit unter dem Bundesdurchschnitt. Regional hatte 2013/15 der Saarpfalz-Kreis (Erwartung der Gesamtbevölkerung: 80,75 Jahre) die höchste und Neunkirchen (79,21) die niedrigste Lebenserwartung.
Krankenhäuser/Kliniken
Stadt Saarbrücken
Klinikum Saarbrücken am Winterberg, Saarbrücken, Träger: Stadt Saarbrücken
CaritasKlinikum Saarbrücken, Saarbrücken (Standorte St. Theresia Rastpfuhl und St. Josef Dudweiler), Träger: Caritas Trägergesellschaft Saarbrücken
SHG-Kliniken Sonnenberg, Saarbrücken, Träger: Saarland-Heilstätten
Regionalverband Saarbrücken
SHG-Kliniken Völklingen, Völklingen, Träger: Saarland-Heilstätten
Knappschaftskrankenhaus Sulzbach, Sulzbach, Träger: Knappschaftsklinikum Saar
Knappschaftskrankenhaus Püttlingen, Püttlingen, Träger: Knappschaftsklinikum Saar
Saarpfalz-Kreis
Universitätsklinikum des Saarlandes, Homburg, Träger: Universität des Saarlandes
Kreiskrankenhaus, St. Ingbert, Träger: Saarpfalz-Kreis
Landkreis Neunkirchen
Marienhausklinik St. Josef Kohlhof, Neunkirchen, Träger: Marienhaus-Gruppe
Diakonie Klinikum, Neunkirchen, Träger: Kreuznacher Diakonie
Fliedner Krankenhaus, Neunkirchen, Träger: Kreuznacher Diakonie
Marienhaus Klinik, Ottweiler, Träger: Marienhaus-Gruppe
Landkreis St. Wendel
Marienkrankenhaus, St. Wendel, Träger: Marienhaus-Gruppe
Landkreis Saarlouis
Caritas-Krankenhaus, Lebach, Träger: cusanus trägergesellschaft trier
Marienhaus Klinik Saarlouis-Dillingen, Saarlouis, Träger: Marienhaus-Gruppe
Krankenhaus Saarlouis vom DRK, Saarlouis, Träger: Deutsches Rotes Kreuz
St. Nikolaus Hospital, Wallerfangen, Träger: Adolf von Galhausche Sophienstiftung
Median-Klinik, Berus, Träger: Median Kliniken
Landkreis Merzig-Wadern
Klinikum Merzig, Merzig, Träger: Saarland-Heilstätten
Saarländische Klinik für Forensische Psychiatrie, Merzig, Träger: Land Saarland
Marienhaus-Klinik St. Josef, Losheim, Träger: Marienhaus-Gruppe
Reha-Kliniken
Hochwald-Kliniken, Weiskirchen, Träger: cusanus trägergesellschaft trier
Johannesbad Fachklinik, Gesundheits- & Rehazentrum Saarschleife, Orscholz, Träger: Johannesbad Unternehmensgruppe
MediClin Bliestal Kliniken, Blieskastel, Träger: Mediclin
MediClin Bosenberg Kliniken, St. Wendel, Träger: Mediclin
Kurorte
Im Saarland gibt es zwei Kurorte: Merzig-Bietzen im Norden des Landes und Rilchingen-Hanweiler im Süden. Dort steht auch die Saarland-Therme.
Konfessionsstatistik
Laut der Volkszählung 2011 waren 62,0 % römisch-katholisch, 19,1 % der Einwohner evangelisch und 18,9 % waren konfessionslos, gehörten einer anderen Glaubensgemeinschaft an oder machten keine Angabe. Die Zahl der Protestanten und Katholiken ist seitdem gesunken. Ende 2021 waren von den Einwohnern 53,2 % Katholiken, 16,4 % Protestanten und 30,3 % gehörten entweder einer anderen Glaubensgemeinschaft an oder machten keine Angabe. Das Saarland ist mit 53 % das einzige Bundesland mit einer katholischen Bevölkerungsmehrheit.
Politik
Vor dem Beitritt des Saarlandes zur Bundesrepublik war das Parlament stets mit einer Mehrheit der CVP besetzt.
Seit der Wahl zum Landtag des Saarlandes am 5. September 1999 war die CDU die stärkste Regierungsfraktion, welche die bis dahin allein regierende SPD ablöste und bis zur konstituierenden Sitzung des Landtages nach der Landtagswahl am 30. August 2009 allein regierte. Bei dieser Wahl erreichten fünf Parteien den Sprung in den Landtag, wobei die CDU trotz starker Verluste stärkste Kraft blieb, gefolgt von SPD, Linke, FDP/DPS und Bündnis 90/Die Grünen.
Anschließend regierte die CDU zusammen mit FDP/DPS und Bündnis 90/Die Grünen in der deutschlandweit ersten Jamaika-Koalition auf Landesebene. Diese zerbrach allerdings im Januar 2012 wieder und es folgte eine Große Koalition aus CDU und SPD. Auf kommunaler Ebene konnten die Freien Wähler in Kreis- und Gemeinderäte einziehen.
Seit 2022 verfügt die SPD über eine absolute Mehrheit.
Staatsaufbau
Die Verfassung des Saarlandes wurde am 8. November 1947 verabschiedet und trat am 15. Dezember 1947 in Kraft. In Vorbereitung auf die Angliederung an die Bundesrepublik Deutschland wurde sie am 20. Dezember 1956 geändert. Laut dieser Verfassungsänderung ist das Saarland eine freiheitliche Demokratie und ein sozialer Rechtsstaat in der Bundesrepublik. Wie in allen westlichen Verfassungen üblich, sind die staatlichen Gewalten getrennt in Legislative, Exekutive und Judikative. Alle Macht geht vom Volke aus.
Landesregierung
Die saarländische Landesregierung besteht nach Artikel 86 der Verfassung des Saarlandes aus dem Ministerpräsidenten, Ministern und Staatssekretären als weiteren Mitgliedern.
Der Ministerpräsident wird mit der Mehrheit der gesetzlichen Mitgliederzahl vom Landtag in geheimer Abstimmung gewählt. Die Wahl ist gültig für die gesamte Legislaturperiode. Er ernennt und entlässt mit Zustimmung des Landtages die Minister. Die Zahl der weiteren Mitglieder der Landesregierung darf jedoch ein Drittel der Zahl der Minister nicht übersteigen. Der Ministerpräsident sitzt der Landesregierung vor und leitet ihre Geschäfte. Das Land wird beim Bund durch die Vertretung des Saarlandes beim Bund vertreten.
Der derzeitigen Landesregierung gehören folgende Mitglieder an:
Ministerpräsidentin: Anke Rehlinger, SPD
Stellvertreter der Ministerpräsidentin, Minister für Wirtschaft, Innovation, Digitales und Energie: Jürgen Barke, SPD
Minister der Finanzen und für Wissenschaft: Jakob von Weizsäcker, SPD
Minister für Inneres, Bauen und Sport: Reinhold Jost, SPD
Ministerin für Bildung und Kultur: Christine Streichert-Clivot, SPD
Ministerin für Umwelt, Klima, Mobilität, Agrar und Verbraucherschutz und Ministerin der Justiz: Petra Berg, SPD
Minister für Arbeit, Soziales, Frauen und Gesundheit: Magnus Jung, SPD
Staatssekretäre der Regierung:
Inneres, Bauen und Sport: Torsten Lang, SPD
Wirtschaft, Innovation, Digitales und Energie: Elena Yorgova-Ramanauskas, parteilos
Umwelt, Klimaschutz, Mobilität, Agrar und Verbraucherschutz: Sebastian Thul, SPD
Bildung und Kultur: Jan Benedyczuk, SPD
Gesundheit, Frauen, Soziales und Familien: Bettina Altesleben, SPD
Justiz: Jens Diener, SPD
Finanzen: Wolfgang Förster, SPD
Medienpolitik, Bevollmächtigter des Saarlandes beim Bund: Thorsten Bischoff, SPD
Chef der Staatskanzlei und Bevollmächtigter für Europa: David Lindemann, SPD
Landtagswahlen
Die Wahlen zum Landtag des Saarlandes finden alle fünf Jahre statt. In jeder Wahlperiode sind 51 Sitze zu besetzen. Bei der Landtagswahl am 30. August 2009 hatte die CDU ihre absolute Mehrheit verloren, blieb jedoch mit 19 Mandaten stärkste Fraktion. Nach dem Scheitern der Jamaika-Koalition löste sich der Landtag am 26. Januar 2012 auf. Die Wahl zum 15. Saarländischen Landtag fand am 25. März 2012 statt.
Regierungsparteien fett gedruckt; Parteien außerhalb des Landtags kursiv gesetzt.
Ministerpräsidenten
Die Ministerpräsidenten des autonomen Gebietes, später des Bundeslandes Saarland sind:
Legislative
Die Legislative (die gesetzgebende Gewalt) ist maßgeblich dem Landtag des Saarlandes vorbehalten. Über Volksbegehren und Volksentscheide kann aber auch das Wahlvolk an der Legislative beteiligt werden. Am Gesetzgebungsprozess wirkt durch Gesetzesvorlagen die Landesregierung mit.
Gesetzgebung
Gesetzesvorlagen werden vom Ministerpräsidenten namens der Landesregierung, von einem Mitglied des Landtages oder einer Fraktion in den Landtag eingebracht. Verfassungsändernde Gesetze bedürfen der Zustimmung von zwei Dritteln der Mitglieder des Landtages. Die Verfassung kann nur durch ein Gesetz geändert werden, das ihren Wortlaut ausdrücklich ändert oder ergänzt. Die Änderung darf den Grundsätzen des demokratischen und sozialen Rechtsstaates nicht widersprechen. Bei Unstimmigkeiten entscheidet der Verfassungsgerichtshof.
Volksbegehren
Volksbegehren können darauf gerichtet werden, den Landtag zu veranlassen, Gesetze zu erlassen, zu ändern oder aufzuheben. Ein Volksbegehren ist nur auf Gebieten zulässig, die der Gesetzgebung des Saarlandes unterliegen. Über finanzwirksame Gesetze, insbesondere Gesetze über Abgaben, Besoldung, Staatsleistungen und den Staatshaushalt, finden Volksbegehren generell nicht statt.
Einem Volksbegehren muss ein ausgearbeiteter und mit Gründen versehener Gesetzentwurf zugrunde liegen. Ein Volksbegehren ist einzuleiten, wenn fünftausend Stimmberechtigte dies beantragen. Ein Volksbegehren ist zustande gekommen, wenn es von mindestens einem Fünftel der Stimmberechtigten unterstützt wird. Über Zulässigkeit und Zustandekommen eines Volksbegehrens entscheidet die Landesregierung. Gegen ihre Entscheidungen kann der Verfassungsgerichtshof angerufen werden. Ein Volksbegehren muss dann unverzüglich dem Landtag unterbreitet werden.
Entspricht der Landtag binnen drei Monaten dem Volksbegehren nicht, so ist innerhalb von weiteren drei Monaten ein Volksentscheid herbeizuführen. Der dem Volk zur Entscheidung vorgelegte Gesetzentwurf ist mit einer Stellungnahme der Landesregierung zu versehen, die bündig und sachlich sowohl die Begründung der Antragsteller wie die Auffassung der Landesregierung über den Gegenstand darlegt. Der Landtag kann einen eigenen Gesetzentwurf dem Volk zur Entscheidung mit vorlegen. Ein solches Gesetz ist durch Volksentscheid beschlossen, wenn ihm mehr als die Hälfte der Stimmberechtigten zustimmt. Über ein Volksbegehren, das auf Änderung der Verfassung gerichtet ist, findet ein Volksentscheid nicht statt.
Exekutive
Die Landesregierung, die Staatskanzlei, die Ministerien und die nachgeordneten Landesbehörden bilden die Exekutive (ausführende Gewalt).
Judikative
Die Judikative (die Rechtsprechung) besteht aus den Gerichten der verschiedenen Gerichtswege. Oberstes Gericht ist der saarländische Verfassungsgerichtshof, der aus acht Mitgliedern, die mit Zweidrittelmehrheit vom Landtag gewählt werden, besteht.
Hoheitszeichen
Die Hoheitszeichen des Saarlandes sind geregelt durch das Saarländische Hoheitszeichengesetz (SHzG) vom 7. November 2001 (Gesetz Nr. 1483, Amtsblatt des Saarlandes, 18. März 2002, S. 566–576). Sie existieren in dieser Form jedoch bereits seit den Gesetzen über das Wappen und die Flagge des Saarlandes (Gesetze Nr. 508 und 509) vom 9. Juli 1956 (Amtsblatt, S. 1213).
Landeswappen
Das Landeswappen des Saarlandes besteht aus einem geviertelten Halbrundschild, der die Schildbilder der vier größten Landesherren zur Zeit des Alten Reiches zeigt (Richtungsangaben vom Standpunkt des Schildhalters aus gesehen): im rechten Obereck in blauem von neun silbernen Fußspitzkreuzen bestreuten Feld einen goldgekrönten, goldbewehrten und rotgezungten silbernen doppelschwänzigen Löwen (der Nassauer Löwe wegen der Grafschaft Saarbrücken), im linken Obereck in silbernem Feld ein rotes geschliffenes Kreuz (Kurfürstentum Trier), im rechten Untereck in goldenem Feld einen roten Schrägbalken, belegt mit drei silbernen gestümmelten Adlern (Alérion des Herzogtums Lothringen), und im linken Untereck in schwarzem Feld einen rotgekrönten, rotbewehrten und rotgezungten goldenen Löwen (der Pfälzer Löwe wegen des Wittelsbacher Herzogtums Pfalz-Zweibrücken).
Das Landeswappen darf nur von Landesbehörden und berechtigten Personen geführt werden. Privatpersonen können ihre Verbundenheit mit dem Saarland durch das Saarland-Symbol (stilisiertes abgewandeltes Landeswappen eingebettet in die stilisierte Saarschleife) zum Ausdruck bringen.
Gelegentlich ist (insbesondere als Autoaufkleber) auch ein ganz anderes Wappen anzutreffen: das frühere Landeswappen aus der Zeit von 1948 bis 1956, das an die damalige Saarland-Flagge angelehnt war (vgl. Abschnitt „Geschichte“). Der Namenszug Sarre, der auf den Aufklebern von heute über dem Wappen zu sehen ist, wurde damals allerdings nie zusammen mit dem Wappen verwendet.
Landesflagge
Die Landesflagge des Saarlandes besteht aus der Flagge Deutschlands, darauf in der Mitte, in den schwarzen und den goldfarbenen Streifen übergreifend, das Landeswappen, die heraldisch rechte Seite (aus Sicht des Betrachters die linke Seite) zum Mast gewendet (Hissflagge). Sie kann auch als Bannerflagge ausgeführt sein, dann sind die Streifen senkrecht angeordnet, das Wappen steht aufrecht, die rechte Seite (aus Sicht des Betrachters die linke Seite) zum schwarzen Streifen hin gewendet.
Nach dem Beitritt des Saarlandes zur Bundesrepublik Deutschland wurde diese Kombination als Landesflagge gewählt, um demonstrativ auf die Zugehörigkeit des Saarlandes zu Deutschland hinzuweisen.
Obwohl die Flagge das Landeswappen enthält, darf die Landesflagge von jedem Landesbürger verwendet werden (im Gegensatz zu anderen Landesflaggen mit Wappen wie etwa die Flagge Berlins oder die Baden-Württembergs).
Saargebiet
Nach der Abtrennung des Saargebietes vom Deutschen Reich durch die Bestimmungen des Versailler Vertrages im Jahr 1920 bestand die Landesflagge aus einer blau-weiß-schwarzen Trikolore. Dies sind sowohl die Farben der beiden ehemaligen Staaten Preußen (schwarz-weiß) und Bayern (weiß-blau), aus Teilen deren Gebiete das Saargebiet gebildet wurde, als auch die Grundfarben der einzelnen Wappenfelder des Wappens des Saargebietes.
Saarstaat
Zu Zeiten des teilautonomen Saarlandes nach dem Zweiten Weltkrieg bestand die Flagge des Saarlandes aus einem silbernen (weißen) skandinavischen Kreuz, der Untergrund zum Mast hin blau, zur anderen Seite hin rot. Die Farbzusammenstellung konnte als Anlehnung an die französische Tricolore oder an die Wappenfarben der beiden bedeutendsten historischen Territorien im Saarraum, nämlich weiß-rot für Kurtrier und weiß-blau für die wittelsbachische bzw. bayerische Kurpfalz, gedeutet werden. Das Kreuz selbst sollte die christliche Prägung des gesamten gesellschaftlichen Lebens im Saarland nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus symbolisieren.
Hymne
Das Saarlandlied ist die Hymne des Saarlandes.
Verwaltungsgliederung
Landkreise
Fußnoten
1 Bis zum 1. Januar 2008 hieß der Verband Stadtverband Saarbrücken.
2 Bis zum 9. Juli 1989 hieß der Landkreis Saar-Pfalz-Kreis.
Städte und Gemeinden in den Landkreisen
Die 17 Städte sind fett gedruckt. Siehe dazu: Liste der Städte im Saarland.
Kommunalpolitik
Die Verteilung der Bürgermeister und Landräte stellt sich in den 52 Städten und Gemeinden, sowie den sechs Landkreisen wie folgt dar:
Kfz-Kennzeichen
Die Verteilung der Kfz-Kennzeichen weicht etwas von der in Deutschland sonst üblichen ab, da im Saarland nicht nur jedem Landkreis ein Kfz-Kennzeichen zugeordnet ist, sondern auch den Mittelstädten. Daher haben nur die Landkreise Merzig-Wadern (MZG), Sankt Wendel (WND) und Saarlouis (SLS) ein einheitliches Kennzeichen; im Regionalverband Saarbrücken hingegen gibt es das Kennzeichen VK für die Stadt Völklingen und SB für den übrigen Regionalverband, im Saarpfalz-Kreis gibt es IGB für die Stadt St. Ingbert und HOM (nach der Kreisstadt Homburg) für den übrigen Landkreis.
Außerdem gibt es das Kennzeichen SAL für offizielle Stellen des Landes.
Verwaltungsgliederung vor der Kreisreform von 1974
kreisfreie Stadt Saarbrücken (SB)
Landkreis Homburg (HOM)
Landkreis Merzig-Wadern (MZG)
Landkreis Ottweiler (OTW) mit Mittelstadt Neunkirchen (NK)
Landkreis Saarbrücken (SB) mit Mittelstadt Völklingen (VK)
Landkreis Saarlouis (SLS)
Landkreis Sankt Ingbert (IGB)
Landkreis Sankt Wendel (WND)
Neunkirchen besitzt seit 1968 ein eigenes Kfz-Kennzeichen (NK, vorher OTW), ebenso Völklingen (VK, vorher SB).
Städte über 20.000 Einwohner
Wirtschaft und Infrastruktur
Energieversorgung
Im Juni 2012 wurde mit dem Bergwerk Saar der letzte Kohleförderbetrieb stillgelegt. In der (nunmehr ehemaligen) Kohlebergbauregion gibt bzw. gab es 4 größere Kohlekraftwerke: das Kraftwerk Bexbach, das Kraftwerk Ensdorf, das Kraftwerk Fenne und das Kraftwerk Weiher.
1995 begann mit dem Windpark Freisener Höhe die Entwicklung der Erneuerbaren Energien. Bis 2013 wurden Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von 138 MW angeschlossen.
Im Jahr 2014 setzte sich der Strom-Mix im Saarland wie folgt zusammen: 60,2 % Steinkohle, 19,5 % Erdgas, 10 % Erneuerbare Energien, 10,3 % Sonstige.
Wirtschaft
Die wirtschaftliche Entwicklung des Saarlandes steht im engen Zusammenhang mit dem regionalen Strukturwandel, der mit der Einstellung des Steinkohlebergbaus einherging. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts waren der Bergbau und die daran angegliederte Stahlindustrie die Hauptarbeitgeber der Region und prägten die wirtschaftliche Infrastruktur des Landes. Ab den 1960er Jahren setzte mit einer schrittweisen Rückentwicklung des Bergbaus ein umfassender Wandel ein, der in den 1980er Jahren durch eine drastische Reduzierung der Fördermengen verstärkt wurde. Durch die Ansiedlung von Automobilindustrie konnten jedoch auch wieder neue Arbeitsplätze geschaffen werden.
2005 hatte das Saarland die höchsten wirtschaftlichen Zuwachsraten beim Bruttoinlandsprodukt. Es lag im ersten Halbjahr 2005 real um 2,8 Prozent über dem Vorjahreszeitraum, während im Bundesdurchschnitt nur 0,6 Prozent Wachstum erreicht wurden.
Des Weiteren gewann das Saarland mehrmals das Dynamikranking der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, das die Veränderungen in den Bundesländern bewertet. Ministerpräsident Peter Müller bewertete dies als Erfolg seiner Reformpolitik, die zur Ansiedlung neuer Industrie- und Dienstleistungszweige führe.
Im Vergleich mit dem Bruttoinlandsprodukt der Europäischen Union, ausgedrückt in Kaufkraftstandards, erreicht das Saarland einen Index von 119 (EU-28: 100, Deutschland: 126) (2014).
2019 betrug die Wirtschaftsleistung im Bundesland Saarland gemessen am BIP rund 36,25 Milliarden Euro. Belief sich der Schuldenstand des Landes im Dezember 2007 noch auf rund 9,1 Milliarden Euro, legte er bis März 2020 auf 13,9 Milliarden Euro zu.
Seit 2014 präsentiert sich das Land mit einer neuen Imagekampagne. Das Motto „Großes entsteht immer im Kleinen“ und daran gekoppelte Maßnahmen werben für das Land als Lebens- und Wirtschaftsstandort.
Unternehmen
Bedeutendster wirtschaftlicher Bereich an der Saar ist heute die Automobilindustrie mit Ford in Saarlouis, zusammen mit der dazugehörigen Zuliefererindustrie mit Bosch, INA und Michelin in Homburg, ZF Friedrichshafen in Saarbrücken und Eberspächer in Neunkirchen. Dabei ist ZF mit knapp 9000 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber in der Industrie im Saarland.
Mit der Saarstahl AG und der AG der Dillinger Hüttenwerke sind noch zwei große Stahlunternehmen im Saarland beheimatet.
Größere Arbeitgeber aus der Elektrotechnikbranche sind die Hager Group in Blieskastel und Festo in Rohrbach.
Auch die Keramikindustrie (Villeroy & Boch) hat eine bedeutende Rolle in der Wirtschaft des Saarlandes.
Stark gefördert und im Wachstum begriffen ist der Bereich der Informatik und der Informationsindustrie, Scheer in Saarbrücken und SAP in St. Ingbert.
Ein wichtiger Wirtschaftszweig war der Steinkohlenbergbau. Dieser hatte auch für die Bevölkerungsentwicklung große Bedeutung.
Arbeitsmarkt
Nur die Stadtstaaten Bremen, Hamburg und Berlin weisen eine höhere Pendlerquote auf als das Saarland. 52.000 Menschen pendeln zum Arbeiten ins Saarland, umgekehrt pendeln knapp 28.000 Saarländer, vor allem nach Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen.
Die zehn wichtigsten Standorte sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung sind (Arbeitsortangaben):
Verkehr
Verkehrsstruktur
Durch seine frühe und intensive Industrialisierung besteht im Saarland eine sehr gute Verkehrs-Infrastruktur. Nirgendwo in Deutschland fand sich ein so dichtes Schienennetz für den Personenverkehr wie im Saarland, bis die Deutsche Bundesbahn in den 1960er Jahren begann, viele Strecken nicht mehr zu bedienen. Die in weiten Teilen des Landes kleinräumige Gliederung hat dazu geführt, dass heute im Saarland mit durchschnittlich 704 Kraftfahrzeugen pro 1000 Einwohner die meisten Pkw im Verhältnis zur Bevölkerungszahl in einem deutschen Flächenland zugelassen sind.
Öffentlicher Personenverkehr
Am 1. August 2005 wurde mit dem Saarländischen Verkehrsverbund (SaarVV) ein Verbundtarif eingeführt. Zuvor gab es nur die Verkehrsgemeinschaft Saar, die für einige Tarifkooperationen sorgte und die Freifahrt für Schwerbehinderte sicherstellte.
Schienenverkehr
Die wichtigste Schienenfernverbindung ist die Strecke Mannheim–Paris. Dafür wurde von 2006 bis Dezember 2007 der Saarbrücker Hauptbahnhof zum „Europabahnhof“ umgebaut. Von Juni bis Dezember 2007 fuhr zuerst nur ein ICE-Paar Paris–Frankfurt (Main) über Saarbrücken, welches in Frankreich eine neue Schnellfahrstrecke benutzte; zwei weitere ICE-Paare endeten vorerst in Saarbrücken. Seit Dezember 2007 verkehren fünf ICE-Paare zwischen Deutschland und Frankreich, die im Saarland nur in Saarbrücken halten. Saarbrücken ist an das französische Hochgeschwindigkeitsnetz LGV Est européenne angebunden (Fahrtzeit Saarbrücken–Paris: eine Stunde, 50 Minuten).
Der weitere Fernverkehr auf der Linie Saarbrücken-Kaiserslautern–Mannheim–Frankfurt (Main) wird täglich mit mehreren IC- und ICE-Zügen bedient, davon ein Zugpaar nach Dresden, einmal täglich nach Stuttgart und zurück sowie ein Zugpaar bis/ab Graz über München. Auf allen anderen Strecken im Saarland fahren inzwischen nur noch Regionalzüge, nachdem im Dezember 2002 die InterRegio-Züge, die über der Saarstrecke Richtung Koblenz–Köln–Norddeutschland fuhren, aus den Fahrplänen gestrichen wurden. Auf der Nahetalbahn und der Bahnstrecke Landau–Rohrbach verkehren seit 1991 keine D-Züge mehr.
In Saarbrücken ist 1997 mit der Saarbahn die 1965 abgeschaffte Straßenbahn Saarbrücken wieder zurückgekehrt.
Betriebene Bahnstrecken
Dieser Verkehrszweig bildete bis 1956 eine eigene Staatsbahn, die Eisenbahnen des Saarlandes (EdS).
Straßenverkehr
Das Saarland wird von folgenden Autobahnen durchquert:
Darüber hinaus gibt es noch eine Reihe wichtiger Bundesstraßen:
B 10, B 41, B 51, B 268, B 269, B 405, B 406, B 407, B 420, B 423.
Da das Saarland keine Kreisstraßen hat, ist das Netz der Landesstraßen besonders dicht.
Die Kreisstraßen sind im Saarland die Landesstraßen zweiter Ordnung, da sie für den Landkreis zuständig sind, während die Landesstraßen erster Ordnung dem Land zuständig sind.
Wasserverkehr
Der Unterlauf der Saar ist von Konz bis oberhalb von Saarbrücken für die Großschifffahrt ausgebaut. Ab Saarbrücken bis Saargemünd ist der Fluss für kleinere Schiffe (Penischen) befahrbar. Ab Saargemünd ist die Saar über den Saarkanal (früher auch Saar-Kohlen-Kanal genannt) mit dem Rhein-Marne-Kanal verbunden.
Luftverkehr
Der Flughafen Saarbrücken ist ein internationaler Verkehrsflughafen mit ca. 12.000 Starts und Landungen jährlich. Weitere internationale Flugplätze befinden sich in der unmittelbaren Nachbarschaft des Saarlandes: Luxemburg und Frankfurt-Hahn.
Bildung und Forschung
Die Universität des Saarlandes, die 1948 gegründet wurde, hat ihre Standorte in Saarbrücken und Homburg. Saarbrücken ist Sitz der Verwaltung. Dort sind auch die meisten Studiengänge angesiedelt. Das Institut der Informatik ist eingebunden in das Kaiserslautern-Saarbrücken Computer Science Cluster, in dem etwa 800 Forscher zusammenarbeiten. In Saarbrücken wird außerdem das Krebsregister Saarland geführt. Der Campus in Homburg ist Sitz der medizinischen Fakultät.
Die Deutsch-Französische Hochschule, gegründet 1999, bietet Studiengänge an, die mit einem Doppel- oder Dreifachdiplom (deutsch, französisch, luxemburgisch) abschließen. Die Lehrveranstaltungen finden dabei an Hochschulen in Deutschland, Frankreich und ggf. einem Drittland statt. Die Außenminister der Bundesrepublik Deutschland und der Französischen Republik unterschrieben am 15. September 1978 die Konvention, mit der das Deutsch-Französische Hochschulinstitut für Technik und Wirtschaft/L'Institut supérieur franco-allemand de techniques, d'économie et de sciences (DFHI/ISFATES) mit Sitz in Saarbrücken bzw. in Metz gegründet wurde. Das DFHI bietet einen drei- bzw. fünfjährigen deutsch-französischen Studienzyklus mit alternierenden Studienorten (Metz, Saarbrücken, Luxemburg) an.
Die Hochschule für Musik Saar – University of Music wurde 1947 als Staatliches Konservatorium gegründet. Nach Einrichtung eines Instituts für Katholische Kirchenmusik und eines Instituts für Schulmusik wurde es 1957 in eine Staatliche Hochschule für Musik umgewandelt und 1971 in die Trägerschaft des Saarlandes überführt.
Die Hochschule der Bildenden Künste Saar wurde 1989 in ihrer heutigen Form als Kunsthochschule mit universitärem Status gegründet und geht aus der 1924 gegründeten Staatlichen Schule für Kunst und Kunstgewerbe und der ab 1946 bestehenden Schule für Kunst und Handwerk hervor.
Im Saarland gibt es folgende Fachhochschulen
Die Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes (HTW), gegründet 1971 durch Zusammenschluss der Höheren Wirtschaftsschule, der Staatlichen Ingenieurschule und der Staatlichen Werkkunstschule, erhielt 1991 ihren heutigen Namen. Weiterhin übernahm die HTW ab 2005 die sozialwissenschaftliche Fakultät der Katholischen Hochschule für Soziale Arbeit, die drei Jahre später gänzlich geschlossen wurde. Auch hier gibt es deutsch-französische Kooperationen (besonders mit der Grenoble École de Management).
Die Fachhochschule für Verwaltung des Saarlandes bildet in Göttelborn die Anwärter für die Beamtenlaufbahn des gehobenen Dienstes aus.
Auf dem Campus der Universität des Saarlandes sind folgende privatrechtliche Forschungsinstitute angesiedelt:
das Max-Planck-Institut für Informatik (gegründet 1988);
das Max-Planck-Institut für Softwaresysteme (gegründet 2004);
der Max-Planck-Gesellschaft;
das CISPA – Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit (gegründet 2017)
das Helmholtz-Institut für Pharmazeutische Forschung Saarland (gegründet 2009);
der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren;
das Fraunhofer-Institut für Zerstörungsfreie Prüfverfahren (IZFP) (in Saarbrücken) sowie
das Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik (IBMT) (in St. Ingbert)
der Fraunhofer-Gesellschaft;
das Leibniz-Institut für Neue Materialien (INM);
das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI);
das Korean Institute of Science and Technology (KIST) Europe, der 1996 gegründete europäische Ableger eines der größten koreanischen Forschungsinstitute;
das Intel Visual Computing Institute;
der Cluster of Excellence Multimodal Computing & Interaction (MMCI);
die Saarbrücken Graduate School of Computer Science;
das Zentrum für Bioinformatik (CBI);
das Informatik Kompetenzzentrum an der Universität des Saarlandes;
Internationales Konferenz- und Begegnungszentrum für Informatik auf Schloss Dagstuhl;
die Arbeitsstelle für Österreichische Literatur und Kultur (AfÖLK)/Robert-Musil-Forschung innerhalb der Germanistik;
das SaarLernNetz als zentrale Anlaufstelle für alles rund um das Thema Bildung.
Historische Hochschulen
Die Katholische Hochschule für Soziale Arbeit bestand von 1971 bis 2008. Sie stand in der Trägerschaft des Bistums Trier.
Ausbildungsplätze
Bei dem jährlichen Dynamikranking der Bundesländer der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft belegt das Saarland im Bereich Ausbildungsplatzvermittlung den ersten Platz. Das Angebot an Ausbildungsplätzen ist von 2004 bis 2006 überdurchschnittlich stark angestiegen. Mit einem Plus von 4,0 Prozentpunkten liegt das Saarland deutlich vor allen anderen Bundesländern.
Medien
Das Saarland ist neben der Freien Hansestadt Bremen das kleinste Bundesland mit einer eigenen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt, dem Saarländischen Rundfunk. Der SR ist Mitglied der ARD und hat seinen Sitz in Saarbrücken. Er betreibt unter anderem das SR Fernsehen und fünf Hörfunkprogramme.
Die Landesmedienanstalt Saarland (LMS) ist eine Anstalt des öffentlichen Rechts und hat ihren Sitz in Saarbrücken. Sie ist eine staatliche Kontrollbehörde und verantwortlich für die Lizenzierung und Kontrolle privater Radio- und Fernsehsender sowie deren Koordination mit den öffentlich-rechtlichen Sendern. Die LMS betreibt weiterhin im Auftrag des Landes Filmförderung und Vermittlung von Medienkompetenz. Radio Salü ist ein privater Radiosender mit Sitz in Saarbrücken, dessen Reichweite das gesamte Saarland umfasst. Seit dem 5. Juni 2008 verfügt die Landeshauptstadt Saarbrücken mit Radio Saarbrücken 99,6 über ihren eigenen lokalen Radiosender.
Die einzige Tageszeitung des Saarlands ist die Saarbrücker Zeitung, die einerseits als Regionalzeitung das gesamte Saarland abdeckt, mit elf Lokalredaktionen aber auch als Lokalzeitung örtliche Berichterstattung betreibt. Der Wochenspiegel ergänzt als wöchentlich erscheinendes Anzeigenblatt mit einem umfangreichen redaktionellen Anteil die saarländische Medienlandschaft. Auch der Wochenspiegel hält neun Lokalredaktionen vor. Die rheinland-pfälzischen regionalen Tageszeitungen Die Rheinpfalz und Pfälzischer Merkur decken in ihrer Berichterstattung den Saarpfalz-Kreis und das saarländische Landesgeschehen ab. Seit einigen Jahren werden im Saarland zwei Online-Magazine betrieben: Saar Report und Saar-Zeitung (Verbreitungsgebiet: Landkreis Saarlouis, Regionalverband Saarbrücken).
Im Saarland werden einige Lifestyle-Magazine mit Regionalen Bezügen publiziert (TOP-Magazin, L!VE, Eurosaar, Background, Saar-Revue). Seit dem 31. März 2005 erscheint die Zeitung Bild als Bild Saarland mit einem Regionalteil.
.saarland-Domains
Seit dem 30. Oktober 2014 können Domains mit der Endung .saarland registriert werden. Die Verwaltung der Domains wird durch die dotSaarland GmbH übernommen.
Die Sunrise-Phase begann am 18. Juli 2014 und endete am 15. September 2014. Die erste Domain (abgesehen von der Registrierungsstelle) ist seit dem 23. September 2014 abrufbar.
Kunst und Kultur
Saarländische Spezialitäten
Die traditionelle saarländische Küche setzt sich aus einfachen regionalen Produkten zusammen: Kartoffeln, Gemüse, Sauerkraut, Getreidemehl, Wurst und Fleisch. Als typisch saarländisch Speisen und Getränke gelten:
Dibbelabbes und Schaales (ähnlicher Teig wie Reibekuchen)
Lyoner (Fleischwurst) im Ring
Hoorische (Kartoffelklöße aus rohen Kartoffeln)
Gefillde (gefüllte Kartoffelklöße)
Geheirade („Verheiratete“, Kombination aus Mehlklößen und Kartoffeln mit heller Specksoße)
Doppelweck (Brötchen)
Schneebällchen (sehr lockere, luftige Kartoffelknödel)
Schwenker (typisches Schwenksteak)
Bettseichersalat (Löwenzahnsalat; seichen = urinieren, wegen der harntreibenden Wirkung; in der französischen Sprache heißt der Löwenzahn offiziell pissenlit = pinkle ins Bett)
Bekannte saarländische Biere kommen und kamen zum Beispiel von den Brauereien Becker (St. Ingbert), Bruch (Saarbrücken), Donner (Saarlouis), Großwald (Heusweiler-Eiweiler), Gross (Riegelsberg), Karlsberg (Homburg), Neufang (Saarbrücken), Ottweiler Brauerei, Paqué (St. Wendel), Saarfürst (Merzig), Schäfer (Dirmingen), Schloss (Neunkirchen) und Walsheim (Walsheim). Karlsberg dominiert heute (2012) den Getränkemarkt im Saarland, die meisten ehemaligen saarländischen Biermarken gehören heute zur Karlsberg-Gruppe, nicht jedoch die beiden Brauereien Bruch und Grosswald, welche sich im Gegensatz zu Karlsberg auch heute noch zu 100 Prozent in Privatbesitz befinden.
Die Saar-Weine (Anbaugebiet Mosel-Saar-Ruwer) stammen nicht aus dem Saarland, sondern vom Unterlauf der Saar in Rheinland-Pfalz. Saarländische Weine werden an dem kurzen Moselabschnitt namens Obermosel (zur Weinvermarktung auch: „Südliche Weinmosel“) angebaut, der Grenze zwischen dem Saarland und Luxemburg.
Hauptsächlich im Merziger Raum und auf dem Saargau wird der Viez (Apfelwein) hergestellt. Zwischen Merzig und Trier verläuft die Viezstraße.
Obstschnäpse werden in nahezu allen Teilen des Landes, insbesondere aber im Bliesgau und im Saargau produziert. Gebrannt wird quer durch den Obstgarten: Kirsch, Apfel, Wildbirne, Quetsch (Zwetschge), Mirabelle, Trester, Schlehe oder auch die seltene Spezialität Hundsärsch, ein Mispel-Brand.
Künstlerliste
Sehenswürdigkeiten
Im Saarland gibt es, teilweise auf engstem Raum, eine Fülle von Sehenswürdigkeiten aus den Bereichen Natur und Technik und jede Menge Baudenkmäler und Kunstwerke zu entdecken.
Baudenkmäler
Das Saarland beherbergt einige Boden- und Baudenkmäler von europäischem Rang, wie die keltischen und römischen Ausgrabungen an der Obermosel (Gemeinde Perl mit den Ortsteilen Nennig und Borg) und im Bliesgau (Bliesbrück-Reinheim und Schwarzenacker), sowie den so genannten Hunnenring in Otzenhausen. Aus der Neuzeit stammen der barocke Ludwigsplatz mit der Ludwigskirche in Saarbrücken. In der Weltkulturerbe-Liste der UNESCO ist die historische Völklinger Hütte zu finden.
Jüdische Friedhöfe
Im Saarland gibt es 16 Jüdische Friedhöfe: in Blieskastel, Dillingen, Homburg, Illingen, Merzig, Neunkirchen, Nohfelden-Gonnesweiler, Nohfelden-Sötern, Ottweiler, Saarbrücken (alt), Saarbrücken (neu), Saarlouis, Saarwellingen, St. Ingbert, St. Wendel und in Tholey.
Kunstsammlungen
Die bedeutendste Kunstsammlung des Saarlandes beherbergt die Moderne Galerie des Saarlandmuseums in Saarbrücken mit Gemälden des deutschen Expressionismus, allen voran das berühmte Kleine blaue Pferd von Franz Marc. Ein besonderer Sammelschwerpunkt des Museums liegt auf Alexander Archipenko; die Sammlung besitzt 107 Gipsmodelle und zahlreiche Bronzegüsse des Künstlers.
Das Museum St. Ingbert wurde 1987 in der Trägerschaft der Albert-Weisgerber-Stiftung eröffnet. Es wurde im Juli 2007 auf Vorschlag der St. Ingberter Stadtverwaltung und Beschluss des St. Ingberter Stadtrates geschlossen.
Museen
Das Historische Museum Saar am Schlossplatz in Saarbrücken zeigt die Landesgeschichte und weist auf kultur-, sozial-, wirtschafts-, industrie- und technikgeschichtliche Aspekte des Saarlands hin. Die Dauerausstellung präsentiert auf 1700 m² die wechselvolle Geschichte des Saargebiets und des heutigen Saarlandes von 1870 bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts anhand von Kunst- und Designobjekten, aber auch vielen Alltagsgegenständen.
Die besondere Bedeutung des Bergbaus für die Region können Besucher im Saarländischen Bergbaumuseum in Bexbach erfahren. Es beschäftigt sich ausschließlich mit dem Steinkohlenbergbau von den frühen Anfängen im 15. Jahrhundert bis in die Mitte der 1980er Jahre.
Musik
Das Saarland besitzt mit der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern einen Klangkörper von europäischem Rang. Das Orchester entstand 2007 durch Fusion des Rundfunk-Sinfonie-Orchesters Saarbrücken mit dem Rundfunkorchester Kaiserslautern. Bekannte Dirigenten waren Hans Zender und Christoph Poppen.
In der populären Musik sind Sandra, Ingrid Peters, der Produzent Frank Farian und die erste deutsche ESC-Siegerin Nicole von Bedeutung. Bekannte Bands sind Powerwolf und Blackeyed Blonde. In der Rapmusik sind Genetikk und DCVDNS bekannt.
Als Jazz-Musiker sind Oliver Strauch (Schlagzeug), Christof Thewes (Posaune), Georg Ruby (Klavier) oder Nicole Johänntgen (Saxophon) zu nennen.
Die bedeutendsten Festivals sind das Rocco del Schlacko (Rock/Pop), das SR Ferien Open Air St. Wendel (Pop) sowie die Musikfestspiele Saar (Klassik).
Saarländische Literatur
Aus der jüngeren Vergangenheit sind vor allem zwei Literaten aus dem Saarland bekannt geworden: Der Romancier Ludwig Harig und der Lyriker Johannes Kühn. Weitere bekannte Schriftsteller mit Bezug zum Saarland sind u. a. Gustav Regler, Kerstin Rech, Alfred Gulden, Arnfrid Astel, Johannes Kirschweng und Florian Russi (Rudolf Dadder).
Erwähnenswerte Beschreibungen der Saarregion finden sich in Dichtung und Wahrheit (2. Teil, 10. Buch) von Johann Wolfgang von Goethe und in Soldatenleben von Johann Michael Moscherosch. In der zeitgenössischen Literatur sind Die saarländische Freude und Das Saarland von Ludwig Harig hervorzuheben.
Theater und Film
Jährlich im Januar findet in Saarbrücken das international bedeutendste Festival des deutschsprachigen Nachwuchsfilms statt, der nach dem in Saarbrücken geborenen Regisseur Max Ophüls benannte Max-Ophüls-Preis.
In Saarbrücken besteht mit dem Saarländischen Staatstheater auch ein großes, dreispartiges Theater. In den letzten Jahren errangen vor allem die Ballett-Compagnie von Marguerite Donlon und die in Zusammenarbeit mit Frank Nimsgern durchgeführten Musical-Produktionen internationale Beachtung.
Schließlich bereichert das deutsch-französische Festival Perspectives als einziges Theaterfestival seiner Art seit 1977 die deutsche Kulturszene.
Auf der Naturbühne Gräfinthal und der Freilichtbühne Hülzweiler kann man im Sommer Theater im Freien erleben. Die Freilichtbühne in Gräfinthal spielt jedes Jahr zwei Stücke, in Hülzweiler wird ein Stück aufgeführt. Beide Theater blicken auf eine lange Tradition zurück.
Persönlichkeiten
Erich Honecker (* 25. August 1912 in Neunkirchen (Saar); † 29. Mai 1994 in Santiago de Chile), deutscher kommunistischer Politiker und Generalsekretär des ZK der SED
Frank Farian (* 18. Juli 1941 als Franz Reuther in Kirn, aufgewachsen in Saarbrücken-Altenkessel), Musikproduzent, Komponist und Sänger
Nicole Seibert (* 25. Oktober 1964 als Nicole Hohloch in Saarbrücken), Sängerin, 1982 erste deutsche Siegerin des Eurovision Song Contest
Heiko Maas (* 19. September 1966 in Saarlouis), deutscher Politiker (SPD) & ehemalige Bundesminister des Auswärtigen im Kabinett Merkel IV
Matthias Maurer (* 18. März 1970), ESA-Astronaut und deutscher Werkstoffkundler
Thomas Schmitt (* 1. Oktober 1979 in Homburg), Creative Producer, Podcaster und Grimmepreisträger
Daniel Sträßer (* 18. Juli 1987 in Völklingen), deutscher Schauspieler
Sonstiges
Das Saarland stellte bei den Olympischen Sommerspielen 1952 in Helsinki durch das saarländische NOK (SAA) das erste und einzige Mal eine eigenständige, zu dem Zeitpunkt zweite deutsche Olympiamannschaft. Bis 1956 nahm das Saarland (SFB) als eigenständiges FIFA-Mitglied mit der Saarländischen Fußballauswahl an internationalen Wettbewerben teil, u. a. an der Qualifikation für die Fußball-Weltmeisterschaft 1954.
Seit 2004 ist es den einzelnen Euro-Staaten erlaubt, jährlich eine 2-Euro-Gedenkmünze herauszugeben. Um in den übrigen Ländern der Europäischen Union über den Föderalismus in Deutschland zu informieren, präsentiert sich die Bundesrepublik jedes Jahr auf der Rückseite der Geldstücke mit dem Bundesland, das den Bundesratsvorsitz innehat. Im Jahr 2009 wurde für das Saarland die Saarbrücker Ludwigskirche aufgeprägt.
In deutschen Medien wird das Saarland überproportional oft als Maßeinheit genutzt, um Größen von Ländern oder das Ausmaß von Naturkatastrophen zu verdeutlichen (zum Beispiel: „Die Schweiz ist fast 16 mal so groß wie das Saarland“ oder „[…] mehr als 1000 Quadratkilometer unter Wasser – eine Fläche fast halb so groß wie das Saarland“). Der Grund dafür ist nicht bekannt. Laut der ZEIT wurde von den deutschen Bundesländern zwischen 2001 und 2011 das Saarland als Maßeinheit am meisten genutzt (in 209 Presseartikeln), gefolgt von Bayern (in 178 Presseartikeln). In den Vereinigten Staaten gibt es ein vergleichbares Phänomen, dort wird Rhode Island (der kleinste US-Bundesstaat) überproportional oft als Größenvergleich in US-Medien erwähnt.
Saarländischer Verdienstorden: Der Saarländische Verdienstorden ist die höchste Auszeichnung des Saarlandes. Er wird in einer Klasse verliehen (internationale Klasse: Offizier). Bekanntgemacht werden die Auszeichnungen im Amtsblatt des Saarlandes. In der Regel überreicht ein Landesminister die Insignien und die Verleihungsurkunde.
Bekannte Träger des Ordens sind (Auswahl):
Tomi Ungerer, Gerd Dudenhöffer, Dieter Thomas Heck.
Siehe auch
Kunstpreis des Saarlandes
Saarland-Rundwanderweg, Saarland-Radweg
Saarländische Sagen und Legenden
(6099) Saarland (Asteroid)
Literatur
Marianne Albrecht-Bott: Saarbrücken und das Saarland. Ein kultur- und kunsthistorischer Führer. Petersberg 2013
Wolfgang Behringer, Gabriele Clemens: Geschichte des Saarlandes, München 2009.
Gerhard Bungert: Saarländisch. So schwätze unn so schreiwe mir. Wortschatz – Sprachgeschichte – Grammatik – Schreibweise, Geistkirch Verlag 2016, ISBN 978-3-946036-51-7.
Paul Burgard, Ludwig Linsmayer: Der Saarstaat – Bilder einer vergangenen Welt. [L’Etat Sarrois – Images d’un monde passé]. Texte in deutscher und französischer Sprache (= Echolot. Historische Beiträge des Landesarchivs Saarbrücken. Band 2). Selbstverlag des Landesarchivs, Saarbrücken 2005, ISBN 3-9808556-2-7.
Paul Burgard, Ludwig Linsmayer: 50 Jahre Saarland. Von der Eingliederung in die Bundesrepublik bis zum Landesjubiläum (= Echolot, Bd. 5). Vereinigung zur Förderung des Landesarchivs Saarbrücken, Saarbrücken 2007, ISBN 978-3-9808556-7-9
Paul Burgard: Kleine Geschichte des Saarlands. G. Braun Buchverlag, Leinfelden-Echterdingen 2010, ISBN 978-3-7650-8394-5
Gabriele B. Clemens und Eva Kell (Hrsg.): Preußen an der Saar. Eine konfliktreiche Beziehung (1815–1914). Kommission für Saarländische Landesgeschichte und Volksforschung e. V., Saarbrücken 2018, ISBN 978-3-939150-11-4.
Joachim Conrad, Stefan Flesch (Hrsg.): Burgen und Schlösser an der Saar. 3. Auflage. Minerva, Saarbrücken 1995.
H. P. Dörrenbächer, O. Kühne, J. M. Wagner (Hrsg.): 50 Jahre Saarland im Wandel (= Veröffentlichungen des Instituts für Landeskunde im Saarland. Band 44). Saarbrücken 2007, ISBN 978-3-923877-44-7.
Nikolaus Fox: Saarländische Volkskunde, Saarbrücken 1927. Vereinigung zur Förderung des Landesarchivs Saarbrücken,
Jürgen Hartmann (Hrsg.): Handbuch der deutschen Bundesländer. Bundeszentrale für Politische Bildung, Bonn 1997, ISBN 3-89331-083-5
Hans-Walter Herrmann (Hrsg.): Geschichtliche Landeskunde des Saarlandes, 3 Bände, 1960–1994.
Hans-Walter Herrmann u. Georg Wilhelm Sante: Geschichte des Saarlandes, Würzburg 1972.
Felix Hörisch (Hrsg.): Politik und Regieren im Saarland. Springer VS, Wiesbaden 2023. ISBN 978-3-658-40962-3.
Martin Klewitz: Saarland (Deutsche Lande Deutsche Kunst). 3., veränderte und erweiterte Auflage, München / Berlin 1982
Bernd Kissel: SaarlandAlbum (Comic) Geistkirch-Verlag, Saarbrücken 2011, ISBN 978-3-938889-33-6.
Jörg Koch: Das Saarland. 55 Highlights aus der Geschichte: Menschen, Orte und Ereignisse, die unsere Region bis heute prägen. Sutton-Verlag, Erfurt 2021, ISBN 978-3-96303-349-0.
Ludwig Linsmayer (Hrsg.): Der 13. Januar. Die Saar im Brennpunkt der Geschichte (= Echolot. Historische Beiträge des Landesarchivs Saarbrücken Band 1). Selbstverlag des Landesarchivs, Saarbrücken 2005, ISBN 3-938415-00-2.
Ludwig Linsmayer (Hrsg.): Die Geburt des Saarlandes. Zur Dramaturgie eines Sonderweges (= Echolot. Historische Beiträge des Landesarchivs Saarbrücken. Band 3). Selbstverlag des Landesarchivs, Saarbrücken 2007, ISBN 3-9808556-3-5.
Peter Neumann (Hrsg.): Saarländische Lebensbilder. 4 Bände. Saarbrücker Druckerei und Verlag, Saarbrücken 1982–1989.
Fred Oberhauser: Das Saarland. Kunst, Kultur und Geschichte im Dreiländereck zwischen Blies, Saar und Mosel (DuMont Kunst-Reiseführer). Köln 1999
Hermann Overbeck u. Georg Wilhelm Sante (Hrsg.): Saar-Atlas, Gotha 1934.
Heinz Quasten u. Hans Walter Herrmann (Hrsg.): Geschichtlicher Atlas für das Land an der Saar, Saarbrücken 1971.
Kerstin Rech: Der Schlager, das Saarland und die Siebziger Geistkirch Verlag, Saarbrücken 2017, ISBN 978-3-946036-68-5.
Dietrich Soyez (Hrsg.): Beharrung und Wandel in einem peripheren Grenzraum. Geographisches Institut, Saarbrücken 1989, ISBN 3-924525-36-6 (Das Saarland. Band 1).
Dietrich Soyez (Hrsg.): Die Saar – eine Flusslandschaft verändert ihr Gesicht. Geographisches Institut, Saarbrücken 1989, ISBN 3-924525-37-4 (Das Saarland. Band 2).
Dieter Staerk (Hrsg.): Das Saarlandbuch. Minerva, Saarbrücken 1981, ISBN 3-477-00066-8.
Andreas Stinsky: Saarland – Entdeckungsreise zu 60 spannenden Orten der Geschichte, Mainz 2019, ISBN 978-3-96176-016-9.
Weblinks
Offizielle Website des Saarlandes
Saarland Biografien
Saarländische Bibliographie
Landtag des Saarlandes
Tourismus-Zentrale Saarland
saar-nostalgie.de – Erinnerungen an das teilautonome Saarland von 1945 bis 1959 mit zahlreichen Fotos, Dokumenten usw.
Einzelnachweise
Bundesland (Deutschland)
Saar
Verwaltungseinheit als Namensgeber für einen Asteroiden
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Q1201
| 370.948289 |
290438
|
https://de.wikipedia.org/wiki/Samkhya
|
Samkhya
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Das Samkhya (Sanskrit: n., सांख्य; IAST: ; auch Sāṅkhya) gilt als eines der ältesten philosophischen Systeme indischen Ursprungs. Wegen seines großen Einflusses auf spätere Entwicklungen innerhalb der indischen Philosophie zählt es zusammen mit dem Vedanta, der dem Samkhya einige seiner Theorien verdankt, zu den richtungsweisendsten Strömungen vedisch orientierten Denkens. Der Sanskrit-Begriff „samkhya“ bedeutet wörtlich „Zahl“, „Aufzählung“ oder „das, was etwas in allen Einzelheiten beschreibt“, und bezieht sich auf die im Samkhya postulierten wirklichkeitsbestimmenden Elemente, die dort einer umfassenden Analyse unterzogen werden. Allein das Wissen um diese Elemente soll bereits zur Befreiung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten führen, was die primär soteriologische Rolle unterstreicht, die diese Tradition der Erkenntnis zukommen lässt.
Samkhya befasst sich mit der Aufzählung und Beschreibung der Existenz, in der westlichen Philosophie würde man diesen Aspekt Ontologie mit der Wissenschaft vom Sein übersetzen.
Entstehung und Entwicklung
Die Überlieferung nennt Kapila, Autor des verlorengegangenen Samkhya-Sutra, als Begründer des Systems. Ob es sich hierbei um eine historische oder um eine rein legendäre Person handelt, ist in der Forschung umstritten. Als wichtigste Textquelle gilt das älteste erhaltene Werk der Tradition, die Samkhya-Karika von Ishvarakrishna, eine Sammlung von insgesamt 72 Lehrstrophen, die etwa zwischen 350 und 450 n. Chr. verfasst wurde. Aus diesem Text ist die Lehre in der vorliegenden Form bekannt. Als Kernzeit des Samkhya ist die klassische Epoche anzusehen (um 400 v. Chr. bis um 700 n. Chr.). Das Mahabharata, das große indische Epos (300 v. Chr. – 500 n. Chr.) wurde deutlich vom Samkhya beeinflusst. Das Samkhya war schon früh mit dem Yoga eine enge Verbindung eingegangen. Das Samkhya lieferte die Theorie, das Yoga bildete die Praxis.
Aufgrund dieses ergänzenden Aspekts werden die beiden Systeme auch unter der Wortkombination „Samkhya-Yoga“ paarweise zusammengefasst. Gegen Mitte des ersten Jahrtausends ging das System des Samkhya vollständig im Yoga auf und zählt daher heute vielfach zu den erloschenen Traditionen indischer Philosophie, auch wenn viele ihrer Grundideen durch Aufnahme in die Lehrgebäude zahlreicher nachfolgender Strömungen weiterhin am Leben erhalten wurden. So beruft sich die Theorie des hinduistischen Medizinsystems, des Ayurveda, ganz wesentlich auf das philosophische System des Samkhya.
Feuerstein (2009) widerspricht dieser Auffassung, insofern beide Traditionen ihre eigenen, klar charakterisierten Theorien und praktischen Methoden haben.
Theismus versus Atheismus
Anhand einer langen Liste von Indizien stellt Helmuth von Glasenapp dar, dass der genannte Autor des Samkhya-Sutra, der Rishi Kapila, als Theist oder Panentheist zu bezeichnen sei. So behaupten viele indische Schriftsteller der späteren Zeit, wie Madhva, Vallabha und andere, Kapila hätte ein Samkhya gelehrt, das den Upanishaden entsprach. Auch im Mahabharata treten Kapila und seine Schüler als Vertreter des Panentheismus und Streiter für die Sache Gottes auf. In den Puranas wird Kapila mit der Lehre vom All-Geist in Verbindung gebracht. Alle älteren Texte lassen nur den Schluss zu, dass mit Samkhya eine Lehre bezeichnet wurde, die einen Universalen Geist als Urgrund der Vielheit annahm und sich im Aufzählen der Weltelemente von den älteren Upanishaden unterschied. Dieser Umstand gibt eine Erklärung dafür, dass in den Upanishaden, in der Bhagavad-Gita und in den Puranas Vedanta und Samkhya nicht als Gegensätze erscheinen.
In der Samkhya-Karika von Ishvarakrishna greift der Autor die Lehre vom Dasein eines Weltenherrn Ishvara nicht an, vielmehr wird das Gottesproblem überhaupt nicht behandelt. Erst die Kommentatoren zur Karika führen Gründe gegen das Dasein eines Ishvara an, so dass von 500 nach Christus an das klassische Samkhya eine ausgesprochen anti-theistische Haltung vertrat. Dennoch versuchte Vijnanabhikshu (16. Jh.), dessen Kommentar Sāṃkhyapravacanabhāṣya als sehr wichtiges Werk eingeschätzt wird, den Samkhya mit dem theistischen Yoga und dem Vedanta zu einem theistischen „nichtunterscheidbaren Nichtdualismus“ (avibhagādvaita) zu vereinen.
Philosophie
Im Zentrum der Philosophie des Samkhya steht die Darstellung der „25 Wirklichkeiten“ (tattvas) und die damit verbundene Lehre von Evolution und Involution. Sie stellt in der indischen Philosophie eines der sechs orthodoxen Shaddarshanas (Sanskrit दर्शन darśana) (klassischen indischen Philosophiesysteme) dar. Die Sankhya-Philosophie handelt von der kosmischen und der spirituellen Befreiungslehre. Weil in der Sankhya die Tattvas (Grundregeln, 25 Wirklichkeiten) aufgezählt werden, spricht man von Sankhya auch als Zahl bzw. Aufzählung. Sie steht exemplarisch für die Auffassung, dass bereits ein Verständnis der im Samkhya artikulierten kausal aufeinanderfolgenden Weltentstehungs-Stufen dazu ausreicht, die vollständige Erlösung aus dem Wiedergeburtenkreislauf zu erlangen, welche auch hier – wie bei den meisten philosophischen und religiösen Traditionen indischen Ursprungs – im Vordergrund steht. Jene Erlösung geht im Samkhya einher mit der Beendigung von drei Arten des Leidens (duhkha):
adhyatmika (Leiden unter physischen oder psychischen Krankheiten),
adhibhautika (von Außen zugefügtes Leid durch Umwelteinflüsse oder Gewalt anderer), und
adhidaivika (Leid durch Naturgewalt, Umweltkatastrophen oder übernatürliche Phänomene).
Metaphysik und Ontologie
Das Samkhya vertritt im Rahmen seiner Metaphysik grundsätzlich einen Dualismus. Das Weltgeschehen wird auf zwei fundamentale Prinzipien zurückgeführt:
passiven, bewussten Geist (Purusha) und
aktive, unbewusste „Urmaterie“ oder „Natur“ (Prakriti).
Purusha ist das Selbst, das allen fühlenden Wesen innewohnt. Es verleiht Menschen, Tieren, Pflanzen sowie Göttern Empfindungsfähigkeit und Bewusstsein. Prakriti ist die schöpferische Kraft hinter allen psychophysischen wie materiellen Gegebenheiten des Seins, zu denen auch Körperlichkeit, Denkprozesse und Wahrnehmung gehören. Da der Mensch, dessen wahre und ursprüngliche Identität einzig und allein Purusha ist, die zur Sphäre der Prakriti gehörigen Aspekte irrtümlicherweise für Bestandteile seiner selbst hält, wird er aufgrund dieser Verwechslung in Leiden verstrickt. Es ist daher in der Lehre des Samkhya von entscheidender Bedeutung für den nach Erlösung Strebenden, die beiden Substanzen und ihre Merkmale streng voneinander unterscheiden zu lernen.
Der Urmaterie Prakriti werden im Samkhya drei Gunas (Eigenschaften) zugeordnet:
Sattva (das Seiende, Reinheit, Klarheit),
Rajas (Bewegung, Energie, Leidenschaft) und
Tamas (Trägheit, Finsternis, Schwere).
Das Verhältnis zwischen Prakriti und dieser ihr innewohnenden drei Kräfte wird in diversen Analogien illustriert und darin mit der Beziehung zwischen Lampe, Flamme und Docht oder mit einem aus drei Fäden bestehenden Zwirn verglichen. Wenn sich die Gunas im Gleichgewicht befinden, verbleibt die Prakriti in ihrem unmanifestierten Zustand (avyakta) als reine, undifferenzierte Potentialität. Sie wird in diesem Stadium als „Mulaprakriti“ (Wurzel der Urmaterie) bezeichnet, da in ihr die gesamte Welt verborgen liegt, wie ein Baum im Samenkorn. Aufgrund der bloßen Nähe der Prakriti zu einem Purusha wird diese Balance jedoch gestört, und es kommt zu einem universellen Entfaltungsprozess, in dem die latente, verborgene Schöpfungskraft der Prakriti die gesamten Phänomene der Welt hervorbringt:
Aus der Urmaterie (mulaprakriti) entspringt die kosmische Intelligenz oder höhere Vernunft (mahat oder buddhi), und daraus das Ichbewusstsein (Ahamkara). Das Ichbewusstsein ist seinerseits der Ursprung des Denkvermögens (manas), aus dem die zehn Sinnesorgane (indriyani) entstehen. Diese Sinnesorgane umfassen die fünf Erkenntnisvermögen (buddhindriyani) und die fünf Tatvermögen (karmendriyani). Aus den Sinnesorganen gehen die fünf feinstofflichen Elemente Ton, Berührung, Gestalt, Geschmack, Geruch (tanmatras) und die fünf grobstofflichen Elemente Raum, Luft, Feuer, Wasser, Erde (mahabhutani) hervor. Insgesamt sind dies, zusammen mit Purusha, die „25 Tattvas“.
Diese Manifestation (vyakta) vollzieht sich ohne aktive Einwirkung des Purusha, der in seinem Wesen stets unbeteiligter Zuschauer oder „Zeuge“ (sakshin) ist. Er löst inaktiv, durch seine bloße Gegenwart, die Evolution aus, und die Rolle der „causa materialis“ kommt allein Prakriti zu, die daher auch „Pradhana“ (die erste [Ursache]) genannt wird. Anhand dieser Auffassung lässt sich auch das vom Samkhya vertretene Kausalitätsmodell des satkaryavada (Sanskrit, etwa: „Lehre vom Sein der Wirkung“) erklären, nach dem die Ursache bereits der Wirkung immanent ist: die Wirkung bringt laut dieser Betrachtungsweise nichts wirklich Neues hervor, sondern das Entstehen ist lediglich die Wiederkehr der ewig gleichen Substanz, die ständig neu modifiziert und transformiert wird (parinama). Ursache und Wirkung sind identisch. Die Samkhya begründen dies damit, dass, wenn die Ursache von der Wirkung verschieden wäre, es keine gemeinsame Verbindung zwischen den beiden gäbe, und daher alles ganz willkürlich entstehen könnte (z. B. Milch aus einem Stein). Wäre die Ursache nicht bereits der Wirkung immanent, müsste die Wirkung aus dem Nichts gekommen sein, da sie vor ihrer Manifestation nicht existierte, und dies ist nicht möglich, so das Samkhya, da es nichts gibt, das aus dem Nichts entstehen kann. So wie Käse eine andere Form von Milch ist, beide jedoch die gleiche Beschaffenheit haben, so ist die Wirkung nur eine andere Form der Ursache.
Obwohl der Purusha im Samkhya als „jenseits von Raum, Zeit und Kausalität“, als „ewig rein und frei“ beschrieben wird, stellt er in dieser Philosophie keinen einzigartigen, ungeteilten, alldurchdringenden Urgrund dar wie das Brahman der Upanischaden, sondern es existiert eine unendliche Anzahl von individuellen Purushas. Das hängt sowohl mit der Soteriologie als auch mit der Realitätsauffassung des Samkhya zusammen. Im Gegensatz zu monistischen Systemen, insbesondere dem Advaita Vedanta, werden hier die Abläufe von Entstehen und Vergehen sowie die Trennung zwischen den einzelnen Dingen nicht als etwas Relatives angesehen, dessen Für-wirklich-Halten auf Unwissenheit und Verblendung beruht. Die strikte Dichotomie zwischen Subjekt und Objekt – zwischen Wissendem und Gewusstem, Wahrnehmendem und Wahrgenommenem – soll im letzten Schritt nicht als illusorisch erkannt werden wie im Advaita, sondern macht gerade umgekehrt die wahre Realität aus. Subjekt und Objekt müssen nur richtig voneinander unterschieden werden.
Purusha und Prakriti sind im Samkhya beide als fundamentale Instanzen ebenso wirklich wie die Vielheit der Objekte in der empirischen Welt. Um nun diesen ontologischen und metaphysischen Realismus aufrechterhalten zu können, und eine Befreiung aus dem leidvollen Kreislauf der Wiedergeburten vor diesem Hintergrund plausibel zu machen, bedarf es einer Art von „Seelenpluralismus“, der sehr starke Ähnlichkeit mit dem jainistischen Konzept des Jiva aufweist. Da jeder Mensch einen Purusha beherbergt und auch nur einzeln erlöst werden kann, muss es notwendigerweise viele Purushas geben, da ansonsten durch die Erlösung des Einzelnen gleichzeitig alle anderen ebenso erlöst würden, was der universellen Wirklichkeitsauffassung des Samkhya widerspräche. Eine Herabstufung der Prakriti zu einer Realität zweiten Grades, wie sie im Advaita durch die Gleichsetzung von Prakriti mit Maya vorgenommen wird, kommt daher für die Vertreter des Samkhya nicht in Frage.
Darüber hinaus wird mit dem Argument, dass die Präsenz des Purusha den Grund für das Ungleichgewicht der Guna innerhalb der Prakriti darstellt und daher zwei Instanzen für eine Weltentstehung notwendig sind, ein Monismus zurückgewiesen. Ein alldurchdringendes Wesen in der Gestalt einer „letzten Wirklichkeit“, eines „Einen ohne Zweites“ (Ishvara, Brahman) wird in dem klassischen anti-theistischen Sankhya kategorisch ausgeschlossen (dies ändert sich in der späteren, theistischen Ausprägung des Samkhya, die sich dem Schwestersystem des Yoga angleicht und Ishvara als Schöpferinstanz mit in ihr Lehrgebäude aufnimmt). Das Gesetz des Karma vollzieht sich im klassischen Samkhya noch ohne Einwirkung eines höchsten Gottes. Auch diese Auffassung teilt dieses System mit dem Jainismus sowie auch mit dem Buddhismus, die beide ungefähr zeitgleich mit Samkhya entstanden.
Epistemologie und Soteriologie
Im Samkhya werden drei Erkenntnismittel (pramanas) als gültig anerkannt:
Wahrnehmung (pratyaksha),
Schlussfolgerung (anumana), und
die Überlieferung durch einen Meister oder heilige Schriften (apta vakya).
Der Erkenntnis wird im Samkhya ein übermäßig hoher Stellenwert beigemessen. Das Erlernen der Vorgänge des kosmischen Entstehungsprozesses und das Bewusstwerden des Sachverhaltes, dass Purusha und Prakriti völlig verschieden sind, keine wirkliche Verbindung miteinander eingehen, und der Purusha von jeher gänzlich frei und unabhängig ist, führt laut Samkhya bereits zu einer Umkehr des Manifestationsprozesses. Ein Wissen um die Rolle des Purusha als „wahres Ich“ des Menschen und als von jeglichem Leiden unberührter Zuschauer des schöpferischen Geschehens von Prakriti – nur in deren Sphäre existiert Leiden – ist bereits Moksha (hier kaivalya – Unabhängigkeit – genannt), das nach dem physischen Tod das Ende aller Wiedergeburten und jeglicher Karma-Bindung mit sich bringt. Das Universum löst sich daraufhin wieder vollständig in die Mulaprakriti auf und verbleibt dort im Zustand des wiederhergestellten Gleichgewichts der Guna.
Es gibt im Zusammenhang mit der Erlösungslehre des Samkhya mehrere Gleichnisse, die den Ablauf der Befreiung versinnbildlichen sollen. Eines davon ist das Gleichnis vom Blinden und vom Lahmen. Der Blinde entspricht der aktiven Prakriti, und der Lahme dem inaktiven Purusha. Sie tun sich zusammen und helfen einander, um gemeinsam sicher an ihr jeweiliges Reiseziel zu gelangen. Dabei nimmt der Blinde den Lahmen huckepack und trägt ihn, der Lahme weist dafür dem Blinden die Richtung. Am Ziel ihrer Reise angelangt, trennen sich ihre Wege wieder. Beide haben die ihnen jeweils zukommende Aufgabe zur Gänze erfüllt. In einem anderen Gleichnis wird Prakriti mit einer Tänzerin verglichen, die sich unbeobachtet fühlt, bis sie erkennt, dass ihr die ganze Zeit zugesehen wurde. Verschämt bricht sie ihren Tanz ab – so wie Prakriti ihren Schöpfungsprozess abbricht, nachdem der Purusha zur Erkenntnis gelangte, bloßer unbeteiligter „Zuschauer“ des Weltgeschehens zu sein.
Rituale, Opfer werden vom Samkhya abgelehnt. Yoga wird als Methode für den physischen Bereich gesehen: das Abziehen der Sinnesorgane von den Sinnesobjekten. Überwiegt die Reinheit (Sattva) beim Menschen, welche Helligkeit und Klarheit und somit Erkenntnisfähigkeit verkörpert, so hat dies direkten Einfluss auf die Sinnesorgane (Indriyani) und ist einer Erkenntnis zuträglich.
Siehe auch
Tattvas
Literatur
Richard Garbe: Die Samkhya-Philosophie. Leipzig 1917. (zeno.org)
H. v. Glasenapp: Die Philosophie der Inder. (1948) Stuttgart 1985, ISBN 3-520-19504-6.
Hellmuth Kiowsky: Evolution und Erlösung. Das indische Samkhya. Frankfurt 2005.
Sarvepalli Radhakrishnan: Indische Philosophie. Von den Veden bis zum Buddhismus. Darmstadt 1956.
Oscar Marcel Hinze: Der Lichtweg des Samkhya. 1996.
Weblinks
Dan Lusthaus: Sāṃkhya. (englisch)
Einzelnachweise und Anmerkungen
Hinduistische Philosophie
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Q164828
| 99.37893 |
5346602
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https://de.wikipedia.org/wiki/Literaturpreis
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Literaturpreis
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Ein Literaturpreis ist eine Auszeichnung, die meist an Schriftsteller für besondere Leistungen auf dem Gebiet der Literatur vergeben wird. In der Regel wird ein Literaturpreis für ein einzelnes Werk oder für das Lebenswerk eines Schriftstellers verliehen. Literaturpreise sind ein wichtiger Bestandteil des Literaturbetriebs.
Literaturpreise werden in regelmäßigen Abständen von staatlichen Institutionen, Verbänden, Akademien, Stiftungen, Verlagen, Vereinen oder Einzelpersonen vergeben. Meist ist die Vergabe mit einem Geldbetrag, einer Medaille oder einem Stipendium verbunden.
Nach dem Kreis der Empfänger wird zwischen internationalen und nationalen (einschließlich regionalen) Literaturpreisen unterschieden. Im deutschsprachigen Raum hat die Vergabe von Literaturpreisen seit den 1970er Jahren stark zugenommen. Während Angelika Mechtel 1972 von ungefähr 200 Preisen pro Jahr ausging, schätzte Uwe Wittstock im Jahr 2007 die Zahl auf mehr als 700. Das Goethe-Institut nannte für das Jahr 2000 allein für Deutschland 1331 Einzelvergaben, was einen europäischen Spitzenwert darstellte.
Bei einigen der bedeutenden internationalen Preise, aber etwa auch beim Deutschen Buchpreis führt die Auswahl der Preisträger über die Erstellung einer Longlist der Kandidaten zu einer Shortlist, aus der schließlich der Gewinner des Preises ermittelt wird.
Zu den international bekanntesten Literaturpreisen gehören der Nobelpreis für Literatur, der Pulitzer-Preis, der Booker Prize, der Prix Goncourt, der Cervantespreis und der Preis des Europäischen Buches. Aus dem deutschsprachigen Raum sind zum Beispiel der Georg-Büchner-Preis und der Ingeborg-Bachmann-Preis bekannt.
Siehe auch
Liste von Literaturpreisen
Liste deutscher Literaturpreise
Stadtschreiber (Literaturpreis)
Literatur
Ingo Irsigler: Der Deutsche Buchpreis: Konzept, Ziel und Vergabepraxis. In: Literatur für Leser. 38, 2/2015, (Literaturbetriebspraktiken.), S. 131–143.
Doris Moser: Der Ingeborg-Bachmann-Preis. Börse, Show, Event. (= Literaturgeschichte in Studien und Quellen. 9). Böhlau, Wien u. a. 2004.
Judith S. Ulmer: Geschichte des Georg-Büchner-Preises. Soziologie eines Rituals. de Gruyter, Berlin/ New York 2006, ISBN 3-11-019069-9.
Sonja Vandenrath: Literaturpreise. In: Erhard Schütz, Silke Bittkow, David Oels, Stephan Porombka, Thomas Wegmann (Hrsg.): Das BuchMarktBuch. Der Literaturbetrieb in Grundbegriffen. (= rowohlts enzyklopädie. 55672). Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2005, S. 236–240.
Weblinks
Burckhard Dücker, Verena Neumann: Literaturpreise. Register mit einer Einführung: Literaturpreise als literaturgeschichtlicher Forschungsgegenstand. (PDF-Datei; 1,21 MB)
Steffen Richter: Die Preisheiligen. Vor dem Deutschen Buchpreis: eine Orientierungshilfe im Dickicht der Literatur-Auszeichnungen. In: Der Tagesspiegel. 16. Oktober 2005.
Oliver Jungen: Autorenförderung? Hungert sie aus! In: FAZ. 30. April 2008.
Ausgezeichnet! – Liste von Literaturpreisen und -preisträgern
Thomas Stachelhaus: Dichterisches Erntefest: Literaturpreise und Preislandschaft im deutschsprachigen Raum – eine kleine Einführung. Literaturkritik.de, November 2014.
Belege
eo:Literaturpremioj
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Q378427
| 100.197036 |
11038
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https://de.wikipedia.org/wiki/Sprachphilosophie
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Sprachphilosophie
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Die Sprachphilosophie ist die Disziplin der Philosophie, die sich mit Sprache und Bedeutung beschäftigt, vor allem mit dem Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit und dem Verhältnis von Sprache und Bewusstsein (bzw. Denken).
Sie ist auch eine Teildisziplin der allgemeinen Linguistik. Sie kann weiter auch als ein Teilbereich der Semiotik angesehen werden, d. h. der allgemeinen Zeichenlehre. Die Sprachphilosophie ist eng verwandt mit der Logik, indem zur Sprachphilosophie auch die Analyse der logischen Struktur von Sprache gehört. Zur Sprachphilosophie wird manchmal auch die sprachphilosophisch orientierte Philosophie gezählt, zu der anthropologische Überlegungen zur Stellung des Menschen als sprachfähiges Wesen gehören. Zur Sprachphilosophie wird manchmal auch die Sprachkritik gezählt.
Zu unterscheiden ist die Sprachanalyse als eine philosophische Methode von der Sprachphilosophie als Untersuchung des Gegenstands Sprache. Sprachphilosophische Untersuchungen gibt es seit der Antike, aber erst seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts werden sie als ‚Sprachphilosophie’ bezeichnet (wobei der Begriff schon vorher im Umlauf war, 1748 bei Pierre Louis Moreau de Maupertuis).
Sprachanalyse als philosophische Methode
Die Sprachanalyse als philosophische Methode gibt es bereits seit der Antike. Ihr kommt jedoch eine zentrale Stellung in der analytischen Philosophie des 20. Jahrhunderts zu, deren verschiedene Strömungen etwa in der Tradition des späten Ludwig Wittgenstein oder Willard van Orman Quine philosophische Probleme zum Beispiel in der Erkenntnistheorie oder der Philosophie des Geistes primär unter Bezug auf sprachphilosophische Methoden diskutierten. Die Sprachphilosophie wurde als Fundamentaldisziplin innerhalb der Philosophie angesehen. Peter Bieri bemerkt dazu kritisch:
„Sprachanalyse als ein Mittel des Philosophierens gab es natürlich schon früher, angefangen mit Platon und Aristoteles, exemplarisch bei Abälard und Ockham, beim frühen Husserl, bei Bolzano und Meinong. Und was noch entscheidender ist: Die sprachanalytische Wendung könnte nur dann als Abgrenzungskriterium für die analytische Philosophie dienen, wenn sich das Dogma halten ließe, dass sich alle interessanten Fragen der Philosophie als Fragen über Wörter und deren logische Struktur von Sätzen darstellen ließen. Doch dieses Dogma ist längst gefallen, auch bei den analytischen Philosophen selbst. Wie man mentale Verursachung zu verstehen hat, oder unseren Willen zur moralischen Einschränkung unserer Handlungsfreiheit, oder Rationalität, oder Gerechtigkeit – das sind Fragen, bei denen Sprachanalyse nicht weit führt.“
Die Ansicht, dass die Sprachphilosophie Fundamentaldisziplin ist, bezeichnet man auch als Linguistic turn. Richard Rorty beschreibt es präziser als „die Ansicht, dass philosophische Probleme gelöst oder aufgelöst werden können, indem man entweder die Sprache reformiert oder besser die Sprache versteht, welche wir gegenwärtig verwenden.“ Damit benennt Rorty zwei verschiedene Zugänge, die so genannte Philosophie der idealen Sprache und die Philosophie der normalen Sprache.
Philosophie der idealen Sprache
Die Philosophie der idealen Sprache betrachtet die natürlichen Sprachen als defizitär, da diese aufgrund verschiedener Ungenauigkeiten nicht den strengen Ansprüchen der Logik genügten. Ziel dieses Zugangs ist die Revidierung oder gar Ersetzung der natürlichen Sprachen für Zwecke der Wissenschaften durch eine ideale, formale Sprache.
Das Projekt hat sich als schwierig in der Umsetzung erwiesen. Das grundsätzliche Problem ist, dass jede Sprache, auch eine formale Sprache, interpretiert werden muss und die Sprache der Interpretation in der Regel unsere natürliche Sprache ist. Dennoch hat sich diese Zugangsweise als sehr fruchtbar erwiesen, denn dank der Erforschung von logischen und begrifflichen Zusammenhängen wurden wichtige Erkenntnisse über den Aufbau einer formalen Sprache gemacht.
Als Begründer der Philosophie der idealen Sprache gilt der Mathematiker, Logiker und Sprachphilosoph Gottlob Frege, der dieses Projekt in seiner Begriffsschrift verwirklichen wollte. Weitere wichtige Vertreter sind Bertrand Russell, der zusammen mit Alfred North Whitehead die Principia Mathematica verfasste, Ludwig Wittgenstein in seinen frühen Jahren, d. h. als Verfasser des Tractatus Logico-Philosophicus, Rudolf Carnap und weitere Vertreter der frühen analytischen Philosophie sowie Wilhelm Kamlah und Paul Lorenzen, die Begründer des Erlanger Konstruktivismus.
Philosophie der normalen Sprache
Die Philosophie der normalen Sprache betrachtet die natürlichen Sprachen nicht als defizitär, sondern als völlig brauchbar für den Zweck, für den sie eingesetzt werden, nämlich zur Verständigung im sozialen Umfeld. Die Aufgabe der Sprachphilosophie sei es nicht, die Sprache zu revidieren oder zu ersetzen, sondern beispielsweise durch das Ausweisen von begrifflichen oder regulativen Zusammenhängen zu beschreiben bzw. – wie einige Vertreter hinzusetzen würden – zu erklären.
Als Begründer der Philosophie der normalen Sprache gilt Ludwig Wittgenstein in seinen späten Jahren, d. h. als der Verfasser der Philosophischen Untersuchungen. Weitere wichtige Vertreter sind Gilbert Ryle, John Langshaw Austin und Peter Strawson.
Der Ansatz hat zur Entwicklung der Sprechakttheorie beigetragen, die zu einem wichtigen Bestandteil der linguistischen Pragmatik geworden ist. Die Fruchtbarkeit normalsprachlicher Methodik zeigt sich auch in zahlreichen philosophischen Debatten, darunter etwa in Debatten um die Beziehung von Geist und Materie (deren traditionelle Behandlung nach Ryle zu Scheinproblemen führe).
Einigen Kritikern scheint der damit einhergehende konservative Zug, also das Festhalten am bestehenden Sprachgebrauch, aus verschiedenen Motiven problematisch. Es wird moniert, im Rahmen normalsprachlicher Ansätze würden Erklärungen und Rechtfertigungen zirkulär oder hätten nur im Geltungsbereich bestimmter Sprachsysteme Gültigkeit. Hin und wieder wird behauptet, bei normativen Problemen führe die Philosophie der normalen Sprache zu naturalistischen Fehlschlüssen.
Zugänge zur Sprache
Man kann verschiedene Zugänge zur Sprache unterscheiden: die analytische Philosophie, die philosophische Anthropologie, die Sprachkritik und den Strukturalismus.
Analytische Philosophie
In der analytischen Philosophie wird der Gegenstand Sprache mithilfe sprachanalytischer Methoden untersucht. Als Gründerväter der analytischen Sprachphilosophie gelten unter anderen Gottlob Frege, Bertrand Russell und Ludwig Wittgenstein.
Philosophische Anthropologie
In der philosophischen Anthropologie wird das Wesen des Menschen untersucht. Die Sprachfähigkeit des Menschen bietet sich als wesentliches Unterscheidungsmerkmal zum Tier an. Dies ist Untersuchungsgegenstand bei Johann Gottfried Herder und Wilhelm von Humboldt. Humboldt stellt die These auf, dass begriffsbildende Sprachunterschiede zwischen den Völkern nicht auf eine gemeinsame Vernunft zurückführbar sind, sondern stattdessen durch das Studium der Sprachen erklärbar seien. Weitergeführt wurden diese Überlegungen namentlich von Ernst Cassirer in seinem Werk Versuch über den Menschen.
Sprachkritik
Sprache wird als ein gesellschaftliches Mittel zur Machtausübung untersucht und kritisiert. Gemäß der Diskurstheorie von Michel Foucault gibt es keinen Diskurs, der nicht von Machtbeziehungen bestimmt sei. Die Regeln des Diskurses definieren für einen bestimmten Zusammenhang, was gesagt werden soll und was nicht gesagt werden darf und welcher Sprecher was wann sagen darf.
Jürgen Habermas schlägt demgegenüber das Ideal eines machtfreien Diskurses vor. Er verbindet Kommunikation mit den normativen Grundlagen der Gesellschaft und liefert in seinem Hauptwerk Theorie des kommunikativen Handelns eine soziologisch fundierte Auseinandersetzung der Rolle der Kommunikation für das soziale Leben in demokratischen Gesellschaften.
Die sexistische Diskriminierung und Unterdrückung der Frauen durch Sprache – zum Beispiel durch Stereotypisierung und abfällige Bemerkungen – wird in der feministischen Linguistik untersucht. Die feministische Philosophie interessiert sich unter anderem für die Unterscheidung von Sex und Gender und die (auch sprachliche) Konstruktion des Geschlechts (Doing Gender).
Strukturalismus und Semiotik
Die Sprache wird im Strukturalismus als ein System von Zeichen untersucht. Als Begründer des Strukturalismus gilt Ferdinand de Saussure. Wichtige Beiträge lieferten Roman Jakobson und Claude Lévi-Strauss. In Auseinandersetzung mit dem Strukturalismus entwickelte sich der Poststrukturalismus. Wichtige Poststrukturalisten sind Michel Foucault, Jacques Derrida, Gilles Deleuze, Roland Barthes, Jacques Lacan und Judith Butler. Jacques Derrida entwickelte die Dekonstruktion. Inzwischen untersucht die Biosemiotik, ein Teilgebiet der Semiotik, die Verwendung von Zeichen in der nicht von Menschen belebten Natur.
Sprache und Realität
Referenz (Bezugnahme)
Dass es referierende (d. h. Bezug nehmende) Ausdrücke gibt, scheint unbezweifelbar: Der Name „Sokrates“ bezeichnet den griechischen Philosophen. Wenn man nun eine referenzielle Bedeutungstheorie vertritt, d. h. wenn man behauptet, dass die Bedeutung eines Ausdrucks in seiner Referenz besteht, dann stellt sich folgendes Problem: Zwei Ausdrücke, welche dieselbe Referenz haben, d. h. die koextensional sind, haben nicht unbedingt denselben Erkenntniswert. Das berühmte Beispiel von Gottlob Frege ist:
„Der Abendstern ist der Morgenstern“.
Der Ausdruck „Abendstern“ und der Ausdruck „Morgenstern“ haben dieselbe Referenz, nämlich den Planeten Venus, aber der erste Ausdruck bezeichnet den hellsten Stern am Abend, der zweite den hellsten Stern am Morgen. Der Satz lässt sich also mit Hilfe von Kennzeichnungen, d. h. von Ausdrücken der Art „der/die/das A“ so formulieren:
„Der hellste Stern am Abend ist der hellste Stern am Morgen.“
Doch damit ist das Problem noch nicht gelöst, denn die erste Kennzeichnung hat dieselbe Referenz wie die zweite und müsste, wenn die referentielle Bedeutungstheorie wahr ist, dieselbe Bedeutung haben. Das ist jedoch nicht der Fall, denn jemand kann wissen, dass der hellste Stern am Abend die Venus ist, ohne zu wissen, dass der hellste Stern am Morgen auch die Venus ist. Wie ist das Problem zu lösen? Es bestehen grundsätzlich zwei Lösungsansätze, der Ansatz von Gottlob Frege und der Ansatz von Bertrand Russell.
Frege schlägt vor, dass man Kennzeichnungen als Ausdrücke versteht, welche eine Extension (Bedeutung in Freges Terminologie) und eine Intension (Sinn in Freges Terminologie) aufweisen.
Russell schlägt vor, dass man Kennzeichnungen gar nicht als referierende Ausdrücke ansieht, sondern dass man Sätze, in denen Kennzeichnungen vorkommen, als eine Konjunktion von drei quantifizierenden Sätzen versteht. Zum Beispiel würde der Satz „Der hellste Stern am Abend ist der hellste Stern am Morgen“ so analysiert: Es gibt mindestens einen hellsten Stern am Abend und höchstens einen hellsten Stern am Abend und dieser Stern ist der hellste Stern am Morgen. Damit würde erklärt, weshalb jemand wissen kann, dass der hellste Stern am Abend die Venus ist, ohne zu wissen, dass der hellste Stern am Morgen auch die Venus ist.
Peter Strawson hat beide Ansätze kritisiert, ebenso Keith Donnellan, der das Problem durch eine Unterscheidung zwischen attributivem und referentiellem Gebrauch zu lösen versucht.
Ein weiteres Problem sind Eigennamen. Wie sind Eigennamen zu analysieren? Auch hierzu gibt es zwei Lösungsansätze, erstens den von Russell und Frege vertretenen Ansatz, zweitens den von Saul Kripke und Hilary Putnam vertretenen Ansatz.
Frege und Russell – die sich im Unterschied zur Analyse von Kennzeichnungen bei der Analyse von Eigennamen einig sind – schlagen vor, dass Eigennamen im Grunde gar keine Eigennamen sind, sondern als Kennzeichnungen zu analysieren sind. Kripke hat diesen Ansatz folgender Kritik ausgesetzt: Wenn es so wäre, dass Eigennamen im Grunde Kennzeichnungen sind, dann wäre es nicht möglich, dass eine Person die mit der Kennzeichnung zugeschriebene Eigenschaft nicht hätte; dies widerspricht jedoch unserer Intuition. Wenn man zum Beispiel den Namen „Sokrates“ als „der weiseste Philosoph Griechenlands“ interpretiert, dann wäre es nicht möglich, dass Sokrates nicht der weiseste Philosoph Griechenlands gewesen ist; aber das scheint uns sehr wohl möglich: Sokrates wäre immer noch Sokrates, auch wenn er nicht der weiseste Philosoph Griechenlands wäre.
Kripke schlägt vor, Eigennamen als direkt referierende Ausdrücke zu verstehen, welche ihre Bedeutung in einem ursprünglichen Taufakt erhalten. Putnam überträgt diesen Ansatz auf Namen für natürliche Arten wie zum Beispiel „Gold“ und „Wasser“.
Bedeutung
Traditionelle Bedeutungstheorien gehen davon aus, dass mit der Bedeutung ein Gegenstand bezeichnet ist. Diese Theorien haben jedoch das Problem, dass Sätze, in denen Ausdrücke vorkommen, die auf nichts referieren – zum Beispiel: „Pegasus ist ein geflügeltes Pferd“ –, ihnen gemäß keine Bedeutung hätten. (Führt man zur Behebung dieses Problems fiktive Gegenstände ein, so ergeben sich andere Probleme.) Zudem gibt es viele Ausdrücke wie zum Beispiel Konjunktionen und Präpositionen, welche auf nichts zu referieren scheinen.
Moderne Bedeutungstheorien im Geist der Philosophie der normalen Sprache stellen die Frage, wie es überhaupt dazu kommt, dass ein Zeichen Bedeutung hat. Damit gelangen sie zur Ansicht, dass die Bedeutung eines Ausdrucks kein Gegenstand ist, sondern durch den Gebrauch des Zeichens gebildet ist. In der Folge haben sich verschiedene Bedeutungstheorien entwickelt.
Der von Ludwig Wittgenstein verfolgte Ansatz will lediglich eine Beschreibung der Sprache liefern, keine Erklärung. In dieser Beschreibung spielen die Begriffe Sprachspiel, Grammatik und Regel eine wesentliche Rolle.
Der von Willard Van Orman Quine entwickelte Ansatz ersetzt den Begriff der Bedeutung durch den der Verifikation: Was ein Satz bedeutet, ist dadurch bestimmt, wie er hinsichtlich seiner Wahrheit überprüft (verifiziert) wird (siehe Verifikationismus). Quine geht dabei von einer ursprünglichen Situation der Verständigung aus: Wie kann man eine Äußerung eines Sprechers verstehen, wenn einem dessen Sprache völlig fremd ist? Quine meint, dass man in dieser Situation eine radikale Übersetzung machen müsse, wobei die genaue Bedeutung der Äußerung unbestimmt bleibe (These der Unterdeterminierung der Bedeutung).
Der von Donald Davidson entwickelte Ansatz versucht die Frage zu beantworten, wie es möglich ist, dass kompetente Sprecher einer Sprache neue Sätze auf Anhieb verstehen können. Die naheliegende Antwort ist die, dass die Sprache kompositional aufgebaut ist, dass die Bedeutung eines Satzes von der Bedeutung seiner Bestandteile und ihrer Zusammensetzung bestimmt ist. Davidson versucht, eine kompositionale Bedeutungstheorie als Wahrheitstheorie in der Form der Theorie von Alfred Tarski zu formulieren. Davidsons Bedeutungstheorie ist im Grunde eine Interpretationstheorie. Dabei geht er wie sein Lehrer Quine von einer ursprünglichen Situation der Verständigung aus. Davidson meint, dass es dabei nicht um radikale Übersetzung ginge, sondern um radikale Interpretation. Entscheidend für die Konstruktion der Theorie ist das sogenannte Prinzip der wohlwollenden Interpretation (principle of charity). Michael Dummett hält der Theorie von Davidson entgegen, dass Wahrheitsbedingungen für die Bedeutung nur insofern relevant sind, als die Sprecher die Fähigkeit haben, sie zu erkennen.
Der von Paul Grice entwickelte Ansatz versucht den Begriff der Bedeutung mit dem der Absicht zu analysieren: Das, was ein Zeichen bedeutet, ist das, was ein Sprecher damit meint, d. h. was er damit in einem ganz bestimmten Sinn beabsichtigt (siehe Sprecherbedeutung).
Sprache und Handlung
Sprechakte
Wer spricht, stellt nicht nur etwas dar, sondern tut auch etwas. Diese Erkenntnis hat John Langshaw Austin in einer Vorlesungsreihe im Jahre 1955 formuliert (1962 als How To Do Things With Words publiziert). Austin unterscheidet zwischen drei gleichzeitig ablaufenden Akten, dem lokutionären, dem illokutionären und dem perlokutionären. Vereinfachend gesagt soll mit einer Äußerung etwas gesagt, getan bzw. bewirkt werden. Wenn zum Beispiel jemand äußert „Schiess dieses Tier nieder!“, dann hat er damit gesagt, dass die angesprochene Person das Tier niederschießen soll (Lokution), er hat ihr geraten oder befohlen, das Tier niederzuschießen (Illokution) und er hat sie (unter Umständen) überzeugt, dass sie das Tier niederschießen soll (Perlokution).
Einige Äußerungen sind sogenannte explizit performative Äußerungen; der Sprecher gibt dabei die illokutionäre Rolle seiner Aussagen explizit an, zum Beispiel: „Hiermit warne ich Dich!“ Eine performative Äußerung ist weder wahr noch falsch; sie kann gelingen oder nicht gelingen. Als Kriterium in der Analyse von Äußerungen gelten dabei die sogenannten Gelingensbedingungen von performativen Äußerungen.
John Searle versucht, Austins Ansätze zu einer Sprechakttheorie zu systematisieren. Er unternimmt unter anderem eine Klassifikation von Sprechakten. Er unterscheidet fünf Typen von Sprechakten: Repräsentivum/Assertivum (z. B. etwas behaupten), Direktivum (z. B. jemanden um etwas bitten), Kommissivum (z. B. jemandem etwas versprechen), Expressivum (z. B. jemandem danken) und Deklarativum (z. B. jemanden taufen). Es ist umstritten, wie hilfreich diese Einteilung ist.
Implikatur
Manchmal meinen wir das, was wir sagen; öfters meinen wir jedoch etwas anderes oder etwas mehr als das, was wir sagen; wir deuten es lediglich an. Zum Beispiel sagt jemand als Antwort auf die Frage, wo man Benzin tanken könne, dass es eine Tankstelle um die Ecke gebe. Damit hat die Person nicht gesagt, dass man dort Benzin tanken könne, sie hat es lediglich angedeutet.
Paul Grice hat versucht, diesen Aspekt der Bedeutung als Implikatur zu verstehen. Der Ausdruck „Implikatur“ ist ein Kunstwort, das nur innerhalb von Grice Theorie – und Weiterentwicklungen davon – eine klar umrissene Bedeutung hat. Die Grundidee von Grice ist, die sprachliche Verständigung als ein rationales Handeln anzusehen, das auf dem sogenannten Kooperationsprinzip beruht. Diesem Prinzip sind verschiedene Konversationsmaximen untergeordnet, beispielsweise dass ein Sprecher seinen Beitrag so informativ wie möglich gestalten soll. Wenn wir mehr oder etwas anderes sagen, als wir meinen, aber dennoch kooperativ sind, dann ist dies darauf zurückzuführen, dass eine dieser Maximen nicht eingehalten oder verletzt wird.
Metapher
Wird ein Wort nicht in seiner wörtlichen, sondern in einer übertragenen Bedeutung gebraucht, so spricht man von einer Metapher (griechisch μεταφορά „Übertragung“, von metà phérein „anderswohin tragen“). Gemäß Aristoteles besteht zwischen der wörtlich bezeichneten Sache und der übertragen gemeinten eine Beziehung der Ähnlichkeit. Zum Beispiel ist mit der metaphorischen Redeweise „Du bist meine Sonne“ nicht gemeint, dass die angesprochene Person tatsächlich eine Sonne ist, sondern dass sie ihr in einer näher zu bestimmenden Hinsicht ähnlich ist. Inwiefern ist nun aber eine Person einer Sonne ähnlich? Man könnte sagen, dass eine Person wie eine Sonne „strahlt“ oder „glänzt“. Dann würde man aber wiederum eine Metapher brauchen. Versucht man diese Frage zu beantworten, scheint man immer wieder auf Metaphern zurückgreifen zu müssen.
Gemäß Donald Davidson ist es irreführend, von einer metaphorischen Bedeutung zu reden. Wörter haben wörtliche Bedeutung und können metaphorisch gebraucht werden. John Searle schlägt in Anlehnung an Paul Grice vor, diesen Gebrauch als Implikatur zu erklären: Sagt ein Sprecher „Du bist meine Sonne“, so impliziert er damit, dass die Person in einer noch näher zu bestimmenden Hinsicht wie eine Sonne ist. Doch damit ist immer noch nicht geklärt, wie das „wie“ zu verstehen ist.
Sprache und Bewusstsein
Sprachliche Relativität
Die Linguisten Edward Sapir und Benjamin Whorf vertreten wie vor ihnen Wilhelm von Humboldt die These der sprachlichen Relativität: Sie behaupten, dass die Gedanken insofern relativ zu einer Sprache sind, als sich gewisse Gedanken nur in bestimmten Sprachen formulieren und verstehen lassen. Sie glauben, dies unter anderem mit empirischen Studien der Sprache von Indianern und Eskimos belegen zu können. Donald Davidson vertritt dagegen die These, dass alle Menschen, insofern sie miteinander kommunizieren, über dasselbe Begriffsschema verfügen, weil ein grundsätzlich anderes Begriffsschema für uns gar nicht verständlich wäre.
Hermeneutik
Die Sprache ist auch Mittel des Verstehens. Die Hermeneutik ist die Untersuchung des Verstehens und somit auch der Sprache als Mittel des Verstehens. Begründer der Hermeneutik ist Friedrich Schleiermacher. Wesentliche Impulse zu einer Erneuerung der Hermeneutik im zwanzigsten Jahrhundert lieferten Wilhelm Dilthey, Martin Heidegger und Hans-Georg Gadamer.
Kommunikation
Die Sprache ist auch ein Mittel der Kommunikation. Ein besonders bekanntes Kommunikationsmodell ist das Organonmodell (1933) von Karl Bühler. Bühler unterscheidet zwischen einer Darstellungs-, Ausdrucks- und Appellfunktion des Zeichens. Roman Jakobson erweiterte 1960 das Modell auf sechs Funktionen.
Als Standardmodell der Nachrichtenübermittlung gilt das in der Informationstheorie von Claude Shannon und Warren Weaver entwickelte Sender-Empfänger-Modell (1949). Dan Sperber und Deirdre Wilson haben gezeigt, dass dieses Modell zur Erklärung der menschlichen Kommunikation zu kurz greift und durch ein inferentialistisches Modell erweitert werden muss.
Die von Sperber und Wilson im Buch Relevance (1986) entwickelte Relevanztheorie verbindet Fodors modulare Theorie des Geistes mit Gedanken von Grice. Die Theorie besteht grundsätzlich aus zwei Prinzipien der Relevanz. Das erste besagt, dass der menschliche Geist dazu tendiert, die Relevanz des Inputs zu maximieren. Die zweite besagt, dass jede kommunikative Äußerung eine Vermutung der optimalen Relevanz mit sich trägt. Damit lasse sich sprachliche Kommunikation erklären.
Spracherwerb und Sprachkompetenz
Wie können wir erklären, dass Menschen ihre Muttersprache so schnell erlernen können? In der Spracherwerbsforschung gibt es zwei klassische Ansichten, die von Noam Chomsky und von Jean Piaget erstmals formuliert wurden.
Der von Chomsky vertretene Nativismus geht davon aus, dass Menschen über eine sogenannte Universalgrammatik verfügen. Unter einer Universalgrammatik stellen sich Nativisten wie Chomsky, Jerry Fodor und Steven Pinker ein angeborenes syntaktisches Wissen vor. Nur bei der Annahme von einem solchen Wissen könne man den Spracherwerb von Kindern erklären.
Der klassische Kontrahent des Nativismus ist der Kognitivismus, der erstmals in Piagets Theorie der Entwicklung kindlicher Kognition ausgearbeitet wurde. Kognitivistische Theorien gehen davon aus, dass sich der Spracherwerb durch die Denkfähigkeiten des Menschen erklären lasse und man nicht auf eine angeborene Universalgrammatik zurückgreifen müsse. In den letzten Jahren wurde der klassische Kognitivismus zunehmend durch einen Interaktionismus ergänzt, der ein stärkeres Gewicht auf die soziale Interaktion von Menschen legt. In diese Richtung geht auch der Vorschlag des Anthropologen Michael Tomasello. Tomasello schlägt vor, dass Menschen über allgemeine kognitive Fähigkeiten verfügen, die sie zur Kommunikation einsetzen.
Geschichte der Sprachphilosophie
Die Anfänge der Sprachphilosophie gehen bis in die Antike zurück. Die Ideenlehre von Platon führt zum Problem der Prädikation: Wie verhalten sich die Einzeldinge zu den Universalien? Aristoteles fährt mit den sprachphilosophischen Untersuchungen fort und entwickelt die Aussagenlogik. Im Mittelalter werden von Philosophen wie Abaelardus und Duns Scotus logische und sprachphilosophische Untersuchungen unternommen. William von Ockham entwickelt den Nominalismus (siehe Universalienstreit). Zur Abgrenzung gegenüber anderen Philosophien wurden verschiedene Aspekte erwogen und verworfen, so etwa der methodologische Nominalismus und eine Gegnerschaft zum Psychologismus, aber kein Kriterium gilt hierbei als vollständig etabliert.
Die moderne Sprachphilosophie hat sich als eigenständige Disziplin mit der Entwicklung der modernen Logik durch Gottlob Frege in seinem epochalen Werk der Begriffsschrift etabliert; dieses Werk ist kennzeichnend für die Philosophie der idealen Sprache. Mit den Philosophischen Untersuchungen von Ludwig Wittgenstein beginnt die Philosophie der normalen Sprache. Beide Traditionen haben zur Entwicklung neuer Erkenntnisse und der Erforschung neuer Gebiete geführt.
Literatur
Einführungen
Einführungen in deutschsprachigen Enzyklopädien
Kuno Lorenz: Sprachphilosophie. In: Jürgen Mittelstraß (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 3. Metzler, Stuttgart 1995.
Allgemeine Einführungen in deutscher Sprache
Albert Newen, Markus Schrenk: Einführung in die Sprachphilosophie. WBG, Darmstadt (2019; erweiterte und verbesserte dritte Auflage), ISBN 978-3-534-27113-9.
Georg W. Bertram: Sprachphilosophie zur Einführung. Junius, Hamburg 2010, ISBN 978-3-88506-681-1.
Friedrich Kambartel, Pirmin Stekeler-Weithofer: Sprachphilosophie. Probleme und Methoden. Stuttgart 2005, ISBN 3-15-018380-4.
Nikola Kompa (Hrsg.): Handbuch Sprachphilosophie. Metzler, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-476-02509-8.
Gerald Posselt / Matthias Flatscher: Sprachphilosophie: Eine Einführung. UTB/facultas, Wien 2016, ISBN 978-3-8252-4126-1.
Peter Prechtl: Sprachphilosophie. Metzler, 1998. ISBN 3-476-01644-7 (eine der umfassendsten deutschsprachigen Einführungen).
Pirmin Stekeler-Weithofer: Sprachphilosophie. Eine Einführung. München 2014 (C. H. Beck Wissen).
Einführungen in deutscher Sprache in spezielle Themen
Sybille Krämer: Sprache, Sprechakt, Kommunikation: Sprachtheoretische Positionen des 20. Jahrhunderts. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-518-29121-1.
Elisabeth Leiss: Sprachphilosophie. W. de Gruyter, Berlin / New York 2009, ISBN 978-3-11-020547-3.
Eike von Savigny: Die Philosophie der normalen Sprache. Eine kritische Einführung in die »ordinary language philosophy«. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1993 (1969), ISBN 3-518-28671-4.
Dieter Teichert, Christiane Schildknecht: Philosophie in Literatur. Suhrkamp, 1995, ISBN 978-3-518-28825-2.
Dieter Teichert: Die Unendlichkeit der Sprache und die Grenzen des Verstehens; in: U. Arnswald u. a. (eds.): Hermeneutik und die Grenzen der Sprache. Mautius, Heidelberg 2012, 57–74.
Einführungen in englischer Sprache
Simon Blackburn: Spreading the Word: Groundings in the Philosophy of Language. Clarendon Press, Oxford 1984.
Michael Devitt, Kim Sterelny: Language and Reality. 2. Auflage. Blackwell, Oxford 1999, ISBN 0-262-54099-1 (gute Einführung von einem naturalistischen Standpunkt aus).
Richard Larson and Gabriel Segal, Knowledge of Meaning: an Introduction to Semantic Theory. MIT Press, Cambridge 1995 (Einführung in die philosophische Semantik für Philosophen und Linguisten).
William G. Lycan: Philosophy of Language. A Contemporary Introduction. Third Edition. Routledge, London, New York 2019, ISBN 978-I-138-50458-5 (sehr einfach und klar).
M. Platts: Ways of Meaning: an Introduction to Philosophy of Language. 2. Auflage. MIT Press, Cambridge 1997, ISBN 0-262-66107-1 (eine Einführung in die Sprachphilosophische mit Davidsons Theorie als Hintergrund).
Kenneth Taylor: Truth and Meaning. An Introduction to the Philosophy of Language. Blackwell, Oxford 1998, ISBN 1-57718-049-6 (eine Einführung, welche auch in die intensionale Semantik einführt).
Textsammlungen
Textsammlungen in deutscher Sprache
Christian Bermes (Hrsg.): Sprachphilosophie. Alber, Freiburg 1997.
Tilman Borsche (Hrsg.): Klassiker der Sprachphilosophie. Von Platon bis Noam Chomsky. C. H. Beck, München 1996.
Günther Grewendorf und Georg Meggle (Hrsg.): Linguistik und Philosophie. Athenäum, Frankfurt am Main 1974.
Ludger Hoffmann (Hrsg.): Sprachwissenschaft. Ein Reader. 3. Auflage. de Gruyter, Berlin 2010.
Jonas Pfister (Hrsg.): Texte zur Sprachphilosophie. Reclam, Stuttgart 2011.
Georg Meggle (Hrsg.): Handlung, Kommunikation, Bedeutung. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1993.
Ursula Wolf (Hrsg.): Eigennamen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1983.
Textsammlungen in englischer Sprache
Robert M. Harnish (Hrsg.): Basic Topics in the Philosophy of Language. Harvester Wheatsheaf, New York 1993.
Jennifer Hornsby and Guy Longworth (Hrsg.): Reading Philosophy of Language. Selected texts with interactive commentary. Blackwell, London 2006.
Peter Ludlow (Hrsg.): Readings in the Philosophy of Language. MIT Press, Cambridge, Mass. 1997.
A.P. Martinich, The Philosophy of Language. 3. Auflage. Oxford University Press, Oxford 1997.
P. Yourgrau (Hrsg.): Demonstratives. Oxford University Press, Oxford 1993.
Aufsatzsammlungen
Georg W. Bertram, David Lauer, Jasper Liptow, Martin Seel: In der Welt der Sprache. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008.
Michael Devitt, Richard Hanley (Hrsg.): The Blackwell Guide to the Philosophy of Language. Blackwell, Oxford 2006.
Gareth Evans, John McDowell (Hrsg.): Truth & Meaning: Essays in Semantics. Clarendon Press, Oxford 1976.
Bob Hale, Crispin Wright (Hrsg.), A Companion to the Philosophy of Language. Blackwell, Oxford 1996.
John Hawthorne, Dean Zimmermann (Hrsg.): Language and Philosophical Linguistics. Philosophical Perspectives. Band 17. Ridgeview, Atascadero, Kalifornien 2004.
Philip Hogh, Stefan Deines (Hrsg.): Sprache und Kritische Theorie. Campus, Frankfurt am Main 2016.
Jerold Katz (Hrsg.): The Philosophy of Linguistics. Oxford University Press, Oxford 1985.
Ernest Lepore, Barry C. Smith (Hrsg.): The Oxford Handbook of Philosophy of Language. Oxford University Press, 2005.
Ernest Lepore, Truth & Interpretation: Perspectives on the Philosophy of Donald Davidson. Blackwell, Oxford 1986.
A. W. Moore (Hrsg.): Meaning & Reference. Oxford University Press, Oxford 1993.
Nathan Salmon, Scott Soames (Hrsg.): Propositions & Attitudes. Oxford University Press, Oxford 1988.
J. Tomberlin (Hrsg.): Language and Logic. Philosophical Perspectives. Band 7. Ridgeview, Atascadero, Kalifornien 1993.
J. Tomberlin (Hrsg.): Logic and Language. Philosophical Perspectives. Band 8. Ridgeview, Atascadero, Kalifornien 1994.
J. Tomberlin (Hrsg.): Language and Mind. Philosophical Perspectives. Band 16. Ridgeview, Atascadero, Kalifornien 2002.
Weblinks
Enzyklopädien
Mark Crimmins: Language, philosophy of. In: E. Craig (Hrsg.): Routledge Encyclopedia of Philosophy, London 1998.
Ressourcen
The LINGUIST List – Ressourcen zur Linguistik (in englischer Sprache)
meaning.ch – Forschungsgruppe an der Universität Bern mit Ressourcen für die sprachphilosophische Forschung
Abstracta Sammlung von online verfügbaren Aufsätzen von Abstracta – Linguagem, Mente e Ação ()
Sammelpunkt.philo.at (Aufsatzsammlung mit diversen klassischen Aufsätzen)
Weitere Links
London Philosophy Study Guide zur Sprachphilosophie
John Collins: sorites.org
Einzelnachweise
Philosophische Disziplin
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Q484761
| 201.368562 |
2087926
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https://de.wikipedia.org/wiki/Schlaganfall
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Schlaganfall
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Ein Schlaganfall (umgangssprachlich auch Apoplex, kurz für lateinisch Apoplexia cerebri; ) ist eine plötzlich einsetzende, von einem Herd ausgehende Ausfallerscheinung einer neurologischen Funktion infolge einer Durchblutungsstörung im Gehirn (ischämischer Schlaganfall) oder einer Gehirnblutung (hämorrhagischer Schlaganfall). Die Symptome sind abhängig vom betroffenen Gehirnareal und variieren stark. Beispiele sind: Ausfall oder Störung von Sinneseindrücken, Sprachstörungen, Verwirrtheit, Schwindel, Kopfschmerzen oder halbseitige Muskellähmungen. Der Schlaganfall ist ein medizinischer Notfall und sollte ohne jeden Zeitverlust in einem geeigneten Krankenhaus behandelt werden. Typische Therapieverfahren des ischämischen Schlaganfalls sind Thrombolyse oder eine kathetergeführte mechanische Rekanalisation der betroffenen Gehirngefäße. Eine Gehirnblutung wird neurochirurgisch behandelt.
Der Schlaganfall ist weltweit die zweithäufigste Todesursache und der zweithäufigste Grund für Behinderung.
Begriff
Die Terminologie des Schlaganfalls wurde und wird nicht einheitlich benutzt. Gleichbedeutend zum Begriff Schlaganfall sind auch die englischen Termini Stroke, Cerebrovascular accident (CVA) und Cerebrovascular Insult (CVI). Diese Bezeichnungen werden häufig als Oberbegriff für unterschiedliche neurologische Krankheitsbilder benutzt, deren wichtigste Gemeinsamkeit plötzliche Symptome nach einer auf das Gehirn begrenzten Durchblutungsstörung sind, wobei der Funktionsverlust definitionsgemäß nicht auf primäre Störungen der Erregbarkeit von Nervenzellen zurückzuführen sein darf (konvulsive Störung, siehe Epilepsie).
Synonyme
Es existieren viele veraltete Synonyme. Die Begriffe Apoplex, Apoplexia cerebri und apoplextischer Insult sind veraltet. Gelegentlich und vor allem in der Schweiz wird das Synonym Hirnschlag verwendet.
Epidemiologie
Geschätzt gibt es in Deutschland jährlich etwa 270.000 Schlaganfallneuerkrankungen.
Jährliche Häufigkeiten in Deutschland:
durch Minderdurchblutung primär ischämische Hirninfarkte (Inzidenz 160–240 Ereignisse/100.000 Einwohner)
Hirnblutungen (24/100.000)
Einblutungen in den das Gehirn umgebenden Liquorraum, sogenannte Subarachnoidalblutungen (6/100.000)
Schlaganfälle ungeklärter Ursache (8/100.000)
Der Schlaganfall gehört zu den häufigsten schweren Erkrankungen in Deutschland, hat eine 1-Jahres-Mortalität von 20 bis 30 % und ist auch eine häufige Todesursache in Deutschland: 2015 stellte das Statistische Bundesamt 56.982 Todesfälle durch zerebrovaskuläre Krankheiten fest, was einem Anteil von 6,2 % entspricht.
Darüber hinaus ist der Schlaganfall mit einer Invaliditätsrate von 30 bis 35 % die häufigste Ursache für mittlere und schwere Behinderung.
51 % aller Schlaganfälle betrafen bis 2010 die Altersgruppe der über 75-Jährigen. Mit zunehmendem Alter steigt das Schlaganfallrisiko überproportional.
In den USA sind Schlaganfälle die fünfthäufigste Todesursache. Weltweit ist der Schlaganfall eine der häufigsten Ursachen für eine Behinderung. In der GBD 2016 (Global Burden of Disease 2016 Lifetime Risk of Stroke) wurde weltweit ein Lebenszeitrisiko für Schlaganfall von 24,9 % ermittelt. Männer hatten mit 24,9 % ein geringfügig geringeres Risiko als Frauen mit 25,1 %. Das Risiko eines ischämischen Schlaganfalls betrug weltweit 18,3 %, das eines hämorrhagischen Apoplex 8,2 %. Das höchste Lebenszeitrisiko bestand in Ostasien (38,8 %), Zentraleuropa (31,7 %) und Osteuropa (31,6 %). Das geringste Risiko bestand im östlichen Subsahara-Afrika (11,8 %).
Formen eines Schlaganfalls – Minderdurchblutung oder Blutung
Dem Schlaganfall liegt ein plötzlicher Mangel an Sauerstoff und anderen Substraten für die Nervenzellen zugrunde. Grob unterscheiden lassen sich die plötzlich auftretende Minderdurchblutung (Ischämischer Schlaganfall oder Hirninfarkt, früher auch „malacischer Insult“, entstehend durch Thrombosen, Embolie oder Spasmus) und die akute Hirnblutung (hämorrhagischer Infarkt oder Insult), die sekundär aufgrund ihrer raumfordernden Wirkung bzw. aufgrund des Fehlens des Bluts in nachgeordneten Regionen ebenfalls zu einer Ischämie führt. Bei primär ischämischen Infarkten kann es ebenfalls zu sekundären Blutungen im Infarktgebiet (hämorrhagische Infarzierung) kommen.
Die Unterscheidung zwischen Minderdurchblutung und Blutung ist erst durch bildgebende Verfahren wie die Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT, englisch MRI) sicher möglich, wobei in den ersten Stunden beide Bildgebungsmethoden noch unauffällig sein können, dies insbesondere beim primär ischämischen Hirninfarkt. Die Verdachtsdiagnose einer Subarachnoidalblutung, welche infolge einer geplatzten Arterie (zum Beispiel aufgrund eines Aneurysmas) entsteht, kann – insbesondere bei nur milder Symptomatik (zum Beispiel alleinige Kopfschmerzen) – durch den Nachweis von Blutbestandteilen im Nervenwasser bei der Lumbalpunktion bestätigt werden.
Minderdurchblutungen, die kürzer als 24 Stunden andauern und von bloßem Auge ohne sichtbare Folgen bleiben, wurden früher als transitorische ischämische Attacke (TIA) bezeichnet. In den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie von 2005 wird darauf hingewiesen, dass die klassische Differenzierung von transitorisch ischämischen Attacken (TIA) und vollendeten ischämischen Schlaganfällen als überholt gilt. Gleichwohl wird der Unterschied in manchen Lehrbüchern noch erwähnt. Zwei Gründe dafür sind, dass bei vielen Patienten mit einer sogenannten TIA morphologische Hirnverletzungen nachweisbar sind und dass das Risiko für einen Re-Infarkt nach TIA und vollendetem Schlaganfall etwa gleichermaßen erhöht ist. Abgesehen von der Frage der Lyse sollen sowohl vollendete Schlaganfälle als auch früher als TIA bezeichnete Zustände gleich behandelt werden. Der Begriff (prolongiertes) reversibles ischämisches neurologisches Defizit (RIND/PRIND) für länger als 24 Stunden, aber kürzer als drei Wochen anhaltende Befunde soll ebenfalls nicht mehr angewendet werden, da dies bereits einem manifesten Schlaganfall entspricht. Gleiches gilt für die Beschreibung eines partiell reversiblen ischämischen neurologischen Syndroms (PRINS).
Symptome
Als Zeichen eines Schlaganfalls können zum Beispiel folgende neurologische Symptome einzeln oder gleichzeitig auftreten:
Bewusstseinsstörungen (Bewusstseinstrübung, Somnolenz, Koma)
Verwirrtheit
Missempfindungen (z.B. Parästhesie, Hypästhesie) an Körperteilen oder einer ganzen Körperhälfte
Lähmung oder Schwäche im Gesicht, in einem Arm, Bein oder einer ganzen Körperhälfte
Aphasie, Dysarthrie
Schluckstörungen (Dysphagie, vier Grade der NOD = neurogene oropharyngeale Dysphagie)
schmerzlose Sehstörung auf einem oder beiden Augen, einseitige Pupillenerweiterung, Gesichtsfeldausfall, Doppelbilder, Blickdeviation
Schwindel, Gangstörung, Gleichgewichts- oder Koordinationsstörung (Ataxie)
stärkster Kopfschmerz ohne erkennbare Ursache bei evtl. entgleistem (überhöhtem) Blutdruck, Übelkeit, Erbrechen
Fehlende Wahrnehmung eines Teils der Umwelt oder des eigenen Körpers (Neglect)
Ursachen
arterielle Embolien durch Blutgerinnsel
Thrombosen der venösen Abflussgefäße
Gefäßverengung durch Gefäßverkrampfungen
Gefäßrisse: entweder spontan oder z. B. infolge hohen Blutdrucks oder vorbestehender Gefäßerkrankung
Spontanblutungen bei gestörter Blutgerinnung
Subarachnoidalblutung, sub- oder epidurale Hämatome
Risikofaktoren
Eine Ernährung reich an tierischen Fetten erhöht das Schlaganfallrisiko. 2021 wertete eine Studie 27 Jahre Daten von 117.000 Probanden aus. Die Studie kam zu dem Schluss, dass Fette aus tierischen Lebensmitteln das Schlaganfallrisiko erhöhen, während solche aus pflanzlichen Lebensmitteln es senken.
Früherkennung eines erhöhten Schlaganfallrisikos
Als Früherkennung wird ein Ultraschall der Halsschlagadern angeboten, der Ablagerungen erkennen und so dazu beitragen soll, das Schlaganfallrisiko zu senken. Der IGeL-Monitor des MDS (Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen) hat diese Untersuchung mit „tendenziell negativ“ bewertet. Denn bei der systematischen Literaturrecherche fanden die Wissenschaftler des IGeL-Monitor keine Studien zu der Frage, ob der Ultraschall die Häufigkeit von Krankheit und Tod durch einen Schlaganfall vermindern kann. Zwar könne die Ultraschalluntersuchung viele Verengungen der Halsschlagader früh erkennen, aber ob die Behandlung dann wirklich dazu führe, dass weniger Menschen einen Schlaganfall bekommen, sei unklar. Schäden seien dagegen möglich durch unnötige weitere Untersuchungen und unnötige Behandlungen. Wichtigste Quelle ist eine Übersichtsarbeit von 2014. In der „Leitlinie zur Diagnostik, Therapie und Nachsorge der extracraniellen Carotisstenose“ raten mehrere deutsche Fachgesellschaften aufgrund der Studienlage ebenfalls von einer Reihenuntersuchung ab: „Ein routinemäßiges Screening auf das Vorliegen einer Carotisstenose soll nicht durchgeführt werden.“ Auch vier internationale Leitlinien empfehlen keine Reihenuntersuchung von Menschen ohne Beschwerden und ohne besondere Risikofaktoren. Bei einem Verdacht oder bei Beschwerden, die auf eine verengte Ader zurückgehen können, ist der Ultraschall Kassenleistung.
Diagnostik
Die Diagnose des Schlaganfalls wird klinisch gestellt, in der Regel durch einen Neurologen. Dieser bedient sich hierfür unterschiedlicher Untersuchungsmethoden, um die zahlreichen unterschiedlichen Funktionen des Gehirns zu überprüfen. Häufig orientieren sich diese Untersuchungen an Scoringsystemen wie der National Institutes of Health Stroke Scale (NIHSS), die eine quantitative Einschätzung der Schwere des Schlaganfalls ermöglicht. Je nach vermuteter Lokalisation des Schlaganfalls im Gehirn können jedoch auch speziellere Untersuchungen, z. B. des Kleinhirns oder der Hirnnerven, indiziert sein. Bei sich erhärtendem oder zumindest nicht mit Sicherheit ausgeschlossenem Verdacht auf Schlaganfall folgt in jedem Fall eine bildgebende Diagnostik.
Bildgebende Verfahren wie die Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT, englisch MRI) ermöglichen die sofortige Diagnose einer Hirnblutung. Beim ischämischen Schlaganfall hingegen kann eine native (d. h. ohne Kontrastmittel) CT- bzw. MRT-Untersuchung während der ersten Stunden unauffällige Bilder liefern. Je nach Ursache, Lokalisation und Schwere des Schlaganfalls können sich eine CT-Angiographie (CTA) und eine CT-Perfusion anschließen. Diffusionsgewichtete Aufnahmen (DW-MRI) ermöglichen in der MRT-Untersuchung schon wenige Minuten nach Beginn des Schlaganfalls eine Darstellung des Infarktgebiets.
Eine feine Subarachnoidalblutung kann unter Umständen in den bildgebenden Verfahren unsichtbar sein. Sie kann dann sensitiver durch den Nachweis von Blutbestandteilen im Nervenwasser durch eine Lumbalpunktion festgestellt werden.
Eine Blutabnahme bei Verdacht auf Schlaganfall ist obligatorisch. Hierbei wird neben einem Blutbild insbesondere der Gerinnungsstatus bestimmt, zudem die Elektrolyte, Harnstoff, Kreatinin, Blutzucker, Leberwerte, CRP, TSH und andere Laborwerte. Blut-Biomarker (z. B. S-100B, NSE, GFAP), die auf Schäden des Gehirns hinweisen können, können die Diagnostik ergänzen, sind jedoch nicht spezifisch für einen Schlaganfall und in der Frühphase bisweilen unauffällig.
Speziell für Rettungsdienstpersonal wurde 1997 die Cincinnati Prehospital Stroke Scale (CPSS) entwickelt. Diese wird aus drei Kriterien der NIHSS gebildet und soll als ein einfaches Instrument zur Diagnose eines Schlaganfalls dienen. Auch in der Laien-Ausbildung für Erste Hilfe werden die Kriterien der CPSS oft mit dem englischen Akronym FAST vermittelt (Face, Arms, Speech, Time). Dieser Test besteht aus vier Schritten:
Face (Gesicht): Die Person auffordern, z. B. breit zu lächeln oder die Zähne zu zeigen, da eine gelähmte Gesichtshälfte ein Symptom eines Schlaganfalls sein kann. Eine andere Methode ist, die betroffene Person die Backen aufblasen zu lassen und darauf leichten Widerstand auszuüben; betroffene Personen können eine Seite nicht aufblasen oder nicht gegen den Widerstand aufgeblasen halten.
Arms (Arme): Die Person wird aufgefordert, beide Arme mit nach oben geöffneten Handflächen nach vorne zu strecken, sodass die Arme ohne Unterstützung im 90°-Winkel zur Körperachse gehalten werden. Bei einer Lähmung kann ein Arm nicht in die verlangte Position gebracht oder in ihr gehalten werden, sinkt oder dreht sich nach innen.
Speech (Sprache): Man achtet auf die Aussprache der Person. Sie kann undeutlich oder verlangsamt sein, sich „verwaschen“ anhören, oder die Person scheint Schwierigkeiten zu haben, ihre Gedanken in Worte zu fassen.
Time (Zeit): Besteht der Verdacht eines Schlaganfalls, muss die betroffene Person so schnell wie möglich mit dem Rettungsdienst in eine geeignete Klinik – vorzugsweise in eine Stroke Unit – transportiert werden. Langwierige Behandlungen vor Ort („stay and play“) sollten nur dann erfolgen, wenn vor Ort eine Mobile Stroke Unit zum Einsatz kommt – ansonsten gilt der Grundsatz „Load and Go“. Generell muss die Behandlung binnen kürzester Zeit erfolgen, um Hirnschädigungen so gering wie möglich zu halten. Wichtig ist ein Festhalten des zeitlichen Beginns der Symptome und der zeitliche Verlauf (Verschlechterung bzw. Besserung).
Einschränkungen erfährt die CPSS insbesondere durch ihre Fokussierung auf Symptome eines kortikalen Infarkts. Sie ist damit zwar in der Lage, eine Vielzahl von schweren Schlaganfällen mit relativ hoher Sensitivität zu erkennen, verpasst aber unter Umständen seltenere Schlaganfälle in anderen Bereichen. Deshalb wurde vorgeschlagen, das Akronym auf BE FAST zu erweitern, mit den zusätzlichen Kriterien:
Balance (Gleichgewicht): Plötzlich aufgetretene Gleichgewichts- oder Gangstörungen können Symptome eines Schlaganfalls sein.
Eyes (Augen): Die Person klagt über den plötzlichen Verlust oder Einschränkung der Sehfähigkeit auf einem oder beiden Augen, Doppelbilder, unscharfes Sehen.
Eine 2021 veröffentlichte Studie, die mit Patienten in den Niederlanden durchgeführt wurde, zeigte, dass bei der präklinischen Schlaganfallerkennung ein Vorgehen nach dem RACE- (Rapid Arterial oCclusion Evaluation), G-FAST- (Gaze, Face, Arms, Speech, Time), oder CG-FAST-Schema (Conveniently-Grasped Field Assessment Stroke Triage) gut geeignet ist, um Schlaganfälle früh zu erkennen.
Prävention
Der persönliche Lebensstil beeinflusst das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden. Vor allem ein normaler Blutdruck, gute Blutzuckerwerte und Tabak-Abstinenz können das Schlaganfallrisiko reduzieren. Allein ein Blutdruck im Normbereich vermindert das Schlaganfallrisiko um 60 Prozent. Weitere Aspekte eines gesunden Lebensstils sind die körperliche Aktivität, die Vermeidung von Übergewicht, normale Cholesterin-Werte und eine gesunde Ernährung. Studien zufolge stellt ein hoher Konsum von Salz einen Risikofaktor dar, der Konsum von Kalium hingegen einen Schutzfaktor.
Im Rahmen der Ursachensuche und damit im Sinne der Sekundärprävention nach einem Schlaganfall sollte auch nach einem intermittierenden (paroxysmalen) Vorhofflimmern gesucht werden. Hierbei wird ein Untersuchungszeitraum von 24 bis 72 Stunden empfohlen. Bei Nachweis von auch nur zeitweisem Vorhofflimmern sollte eine Gerinnungshemmung mit Phenprocoumon oder direkten oralen Antikoagulanzien (DOAK) erfolgen.
Therapie
Schlaganfallpatienten, auch Verdachtsfälle, sollten unverzüglich ärztlich untersucht werden. Die sogenannte „time-to-needle“ (Zeitspanne, innerhalb derer eine etwaige Lyse-Behandlung [s. u.] begonnen sein muss) liegt bei maximal viereinhalb Stunden nach Eintritt des Schlaganfalls. Nach dem unverzüglichen Absetzen eines Notrufs sollte der Patient beobachtet und mit erhöhtem Oberkörper gelagert werden. Zudem sollte er nicht körperlich belastet werden sowie nichts essen und trinken, da Aspirationsgefahr besteht. Gemeinhin erfolgt ein Notfalltransport mit Rettungswagen – eventuell mit Notarzt – in eine Stroke Unit zwecks genauer Diagnostik und entsprechender Behandlung, häufig mittels Lysetherapie. Allerdings ist die Bezeichnung Stroke Unit oder auch Schlaganfall-Station in Deutschland gesetzlich nicht geschützt.
Auf dem Land – mit einer entsprechend geringen Dichte an Stroke Units – kommt häufig auch ein Rettungshubschrauber zum Einsatz, da mit diesem ein schnellerer Transport in ein weiter entferntes, dafür geeignetes Krankenhaus durchgeführt werden kann. Zum Teil sind die zurückzulegenden Entfernungen so groß, dass selbst nachts der Einsatz eines Intensivtransporthubschraubers, der eine wesentlich höhere Vorlaufzeit als ein Rettungshubschrauber hat, in Erwägung gezogen werden kann. Auch Mobile Stroke Units (speziell ausgerüstete Rettungswagen) kommen hier zum Teil zum Einsatz.
Bei hämorrhagischen Schlaganfällen, also Hirnblutungen, ist die Lyse-Behandlung nicht angezeigt. In vielen Ischämie-Fällen hingegen gelingt es durch die intravenöse Verabreichung von Medikamenten (Thrombolyse), das Blutgerinnsel aufzulösen und das Gehirn vor einem dauerhaften Schaden zu bewahren. Eine frühe Thrombolyse verbessert nachweislich die Prognose der Patienten.
Ein recht neues Verfahren, die Neurothrombektomie, entfernt mechanisch mit einem Katheter (neuro thrombectomy catheter) das Blutgerinnsel im Gehirn. „Mehr als 60 Prozent der Patienten mit großen Schlaganfällen können nach der Katheterbehandlung bereits nach drei Monaten wieder ein eigenständiges Leben führen. Bei der medikamentösen Therapie liegt diese Quote bei nur etwa 15 Prozent“. Insbesondere für Patienten, bei denen das Blutgerinnsel ein großes Gefäß im Gehirn verschließt, ist die Thrombektomie wirkungsvoll. In rund 90 Prozent der Fälle kann das Gefäß wieder eröffnet werden. Die Neurothrombektomie kann allerdings bei nur etwa 10 bis 15 Prozent der ischämischen Schlaganfälle eingesetzt werden. Bislang wird dieses Verfahren in Deutschland in etwa 140 Krankenhäusern angeboten und stetig auf neue Kliniken ausgeweitet (Stand Oktober 2017). Im Lauf des Jahres 2015 zeigten fünf Studien eine Überlegenheit des Katheters gegenüber der medikamentösen Therapie.
Rehabilitation
Die medizinische Rehabilitation von Patienten mit zerebrovaskulärer Insuffizienz beginnt idealerweise postakut in einer Stroke Unit. Rehabilitative Ansätze wie das des Bobath-Konzepts erfordern ein hohes Maß an interdisziplinärer Zusammenarbeit und sind bei konsequenter Ausführung für den Rehabilitationsverlauf maßgeblich mitverantwortlich. Ein neuer und wissenschaftlich mehrfach validierter Ansatz ist die „Constraint-Induced Movement Therapy“ (CIMT), bei der durch Immobilisation des gesunden Arms für den Großteil der Wachperiode der Patient zum Gebrauch der erkrankten Hand „gezwungen“ wird, wodurch krankhafte Anpassungsphänomene wie der „erlernte Nichtgebrauch“ verhindert werden können. Diese Therapiemethode ist auch bei schwer betroffenen Patienten und im chronischen Stadium einsetzbar. Die Methode ist im deutschsprachigen Raum auch als „Taubsche Bewegungsinduktion“ bekannt.
Im Zentrum der neurologischen Rehabilitation stehen vor allem Maßnahmen, welche die Körperwahrnehmung des Betroffenen fördern und im besten Falle zur vollständigen Kompensation verlorener Fähigkeiten führen. So werden beispielsweise zur Wiederherstellung der Gehfähigkeit Gangmuster mit Physiotherapeuten eingeübt.
Therapiebegleitend kann eine Hilfsmittelversorgung mit Orthesen erfolgen. Klinische Studien belegen den hohen Stellenwert von Orthesen in der Schlaganfallrehabilitation. Mit Hilfe einer Orthese soll physiologisches Stehen und Gehen wieder erlernt werden, zudem können Folgeerscheinungen durch ein falsches Gangbild verhindert werden. Im Fall einer Hemiparese mit einer Bewegungsstörung, die auf einem reduzierten sensorischen Input beruht, kann eine Bewegungskorrektur durch Biofeedback unterstützt werden, das zusätzliche Informationen für die Propriozeption liefert.
Ergotherapeuten arbeiten gezielt mit den Patienten an der (teilweisen) Wiederherstellung der sensomotorischen, kognitiven und emotionalen Fähigkeiten.
Die Bedeutung einer gezielten Logopädie bereits in der Frühphase und über einen langen Zeitraum wird häufig unterschätzt und nur laienhaft angegangen. Für bestimmte Therapiebereiche gibt es bisher kein ausreichendes Angebot im ambulanten Bereich, wie in der Sprachtherapie v. a. bei Aphasie und Dysarthrie. In der rehabilitativen Therapie ist ein hochfrequentes, repetitives Üben bestimmter Aufgaben sinnvoll, die Telerehabilitation oder die Teletherapie ermöglicht eine supervidierte Versorgung von Patienten. Eine intensive Behandlung ist im niedergelassenen Setting nicht zu erbringen. Nur durch Nutzung computergestützter Verfahren kann die Intensität so erhöht werden, dass die sich aus den Vorgaben der Metastudie ergebenden Zielgrößen erreicht werden. Machbarkeitsstudien belegen, dass für etwa 50–60 % der aphasischen Patienten Teletherapie sinnvoll ist. Tatsächlich konnte durch die Teletherapiestudie erstmals gezeigt werden, dass die Therapiefrequenz durch supervidierte Teletherapie ohne Qualitätsverlust so angehoben wird, dass Patienten nachweislich davon profitieren.
Moderne Ansätze der Neurorehabilitation versuchen krankhafte Hirnaktivität zu beeinflussen. So findet sich bei einigen Patienten eine enthemmte Aktivität der nicht-geschädigten Hemisphäre, welche die motorischen Funktionen der vom Schlaganfall betroffenen Hirnhälfte stört. Eine Reduktion der Überaktivität, zum Beispiel mit Hilfe der transkraniellen Magnetstimulation (TMS), kann bei einem Teil der Patienten zu einer besseren Funktion der gelähmten Hand führen. Derzeit läuft an den National Institutes of Health (NIH) eine Multicenter-Studie zur Wirksamkeit der Magnetstimulationstherapie in Kombination mit einer pharmakologischen Stimulation mit dem Dopamin-Präparat „Levo-DOPA“. Durch Letzteres sollen die TMS-Effekte verstärkt werden. Auch andere Medikamente aus der Gruppe der monoaminergen Substanzen wie Paroxetin (serotonerg), Fluoxetin (serotonerg) oder Reboxetin (adrenerg) können Schlaganfall-Defizite transient verbessern, wie in Placebo-kontrollierten Studien gezeigt werden konnte. Ein neuer technischer Ansatz zur Verbesserung von Ausfällen besteht in der transkraniellen Gleichstrom-Behandlung (transcranial direct current stimulation, tDCS), was derzeit in mehreren Kliniken, unter anderem in Deutschland, überprüft wird.
Langzeitfolgen
Schlaganfälle erhöhen wahrscheinlich das Risiko, an einer Demenz zu erkranken.
Gesundheitsökonomische Aspekte
2017 sollen Schlaganfälle in Europa (32 untersuchte Länder) Kosten von etwa 60 Milliarden Euro verursacht haben. Die Studienautoren ermittelten, dass die reine medizinische Versorgung rund 27 Milliarden Euro (45 %) der Kosten ausmachte. Der Produktivitätsverlust habe sich auf 12 Milliarden Euro belaufen, hälftig verursacht durch vorzeitigen Tod und verpasste Arbeitstage. Familienangehörige leisteten rund 1,3 Milliarden Stunden Pflege für ihre erkrankten Verwandten, was etwa 16 Milliarden Euro gekostet haben soll.
Deutschland habe rund neun Milliarden Euro – und damit 2,6 Prozent der gesamten Gesundheitskosten – für die medizinische Behandlung von Schlaganfallpatienten ausgegeben. Der Produktivitätsverlust lag bei rund 1,5 Milliarden Euro auf Seiten der Erkrankten und knapp 5 Milliarden Euro bei den pflegenden Angehörigen.
Im Rahmen einer bevölkerungsbasierten Gesamtkostenanalyse des Schlaganfalls in 32 europäischen Ländern im Jahr 2017, inklusive der damit verbundenen Einkommensverluste durch Behinderung oder frühen Tod, liegt Deutschland mit 113 Euro pro Einwohner an zweithöchster Stelle. Die Bandbreite der Kosten in den untersuchten Ländern geht von elf Euro in Bulgarien bis zu 140 Euro in Finnland. Mit einbezogen wurden Kosten im Gesundheitssystem, dem Sozialsystem und auch die verursachten Kosten außerhalb dieser Systeme, wie nicht-professionelle Pflege durch Freunde oder Angehörige.
Siehe auch
Weitere Informationen zu den Symptomen, der Diagnostik und der Therapie finden sich unter:
Primär ischämischer Hirninfarkt
Hirnblutung
Subarachnoidalblutung
Transitorische ischämische Attacke
Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe
Modifizierte Rankin-Skala als Maß der bleibenden Behinderung nach einem Schlaganfall
European Stroke Conference
Weitere Informationen zu Aktionen und Veranstaltungen finden sich unter:
Tag gegen den Schlaganfall
Die Special-Interest-Zeitschrift not berichtet seit 1992 über Themen aus den Bereichen Schädel-Hirn-Traumata und Schlaganfall-Behandlung.
Literatur
K.-F. Gruber-Gerardy, W. Merz, H. Sonnenberg: Meilensteine aus der Geschichte des Schlaganfalls. Von Apoplexis, Blutegeln und moderner Sekundärprävention. Boehringer Ingelheim, Ingelheim 2005, .
Jörg Braun, Roland Preuss, Klaus Dalhoff: Klinikleitfaden Intensivmedizin. 6. Auflage. Urban & Fischer, München/ Jena 2005, ISBN 3-437-23760-8 (medizinisches Lehrbuch).
Manio von Maravic: Neurologische Notfälle. In: Jörg Braun, Roland Preuss (Hrsg.): Klinikleitfaden Intensivmedizin. 9. Auflage. Elsevier, München 2016, ISBN 978-3-437-23763-8, S. 311–356, hier: S. 312–324 (Schlaganfall und Stroke Unit).
Klaus Poeck, Werner Hacke: Neurologie. Mit 85 Tabellen [neue Approbationsordnung], 12. Auflage, Springer, Heidelberg 2006, ISBN 3-540-29997-1 (medizinisches Lehrbuch).
Patricia M. Davies: Hemiplegie. Ein umfassendes Behandlungskonzept für Patienten nach Schlaganfall und anderen Hirnschädigungen. In: Rehabilitation und Prävention. 2., vollständig überarbeitete Auflage. Springer, Berlin u. a. 2002, ISBN 3-540-41794-X (Lehrbuch zur krankengymnastischen Rehabilitation nach Schlaganfall).
Weblinks
NIHSS Score - Online Rechner
S3-Leitlinie: Schlaganfall, der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), AWMF-Registernummer 053/011 (Volltext. Stand: 31. Oktober 2012, gültig bis 29. Februar 2016).
Einzelnachweise
Zerebrovaskuläre Störung
Krankheitsbild in der Neurochirurgie
Krankheitsbild in der Notfallmedizin
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Q12202
| 278.894978 |
20267
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https://de.wikipedia.org/wiki/Kurland
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Kurland
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Kurland (lettisch Kurzeme) ist neben Semgallen (Zemgale), Zentral-Livland (Vidzeme) und Lettgallen (Latgale) eine der vier historischen Landschaften von Lettland.
Kurland liegt südwestlich des Flusses Düna und bezeichnet den von Ostsee und Rigaischem Meerbusen umfassten Westteil des Landes um die Städte Liepāja (Libau) und Ventspils (Windau). Die Hauptstadt Kurlands war bis 1919 Jelgava (Mitau). Nördlichster Punkt Kurlands ist Kap Kolka. Kurland umfasst eine Fläche von 13.628,28 km². Das Gebiet ist mit Ausnahme der hügeligen Gegend um Talsi (Talsen) in der Kurländischen Schweiz relativ flach. Hauptfluss ist die Venta (Windau).
Geschichte
Kurland ist nach dem baltischen Volk der Kuren benannt. Der Eigenname Kurš geht auf das indogermanische Wort krs zurück und bedeutet „schnell beweglich (auf See)“.
Frühmittelalter
Die Geschichte der Kuren lässt sich etwa bis in das 7. Jahrhundert zurückverfolgen. Gemeinsam mit den Prußen hatten sie zu dieser Zeit eine führende Rolle unter den baltischen Stämmen inne.
Bereits Mitte des 7. Jahrhunderts war Kurland von einer protowikingerischen Dynamik betroffen. Nordische Sagas, die jedoch erst im 13. Jahrhundert aufgezeichnet wurden, schildern die Taten der schwedischen Sagenkönige Ivar Vidfamne (Ívarr inn víðfaðmi, 655–695) und Harald Hildetand aus dem Geschlecht der Skjödungar. Ivar Vidfamne soll das Baltikum und die Gegend um Gardarike in Karelien erobert haben. Von dauerhafter Landnahme ist jedoch keine Rede, denn sein Reich zerfiel nach seinem Tod. Harald Hildetand, vermutlich sein Enkel, soll die Gebiete erneut unter schwedische Herrschaft gebracht haben. Ausgrabungen des schwedischen Forschers Birger Nerman und der Bildstein von Priediens bestätigen eine nordische Präsenz in Grobiņa (Seeburg) zwischen 650 und 850. Auf drei Brandgräberfeldern skandinavischen Typs deuten die Waffen- und Schmuckfunde zweimal auf Gotland als Herkunftsgebiet und einmal auf das mittelschwedische Mälartal, das im Gebiet der Svear lag.
In der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts wurden in Suaslaukas in Lettland, Apuole in Litauen, Wiskiauten im Samland und Truso bei Elbing nordische Handelsniederlassungen gegründet. Skandinavische Funde aus der Zeit nach 800 sind dagegen im Baltikum selten. Grobin hielt sich bis etwa 850. Die Siedlung im Gebiet der Prußen erbrachte hingegen spätere Funde, Truso aus der Zeit um 900 und Wiskiauten sogar bis ins 11. Jahrhundert. Der Angelsachse Wulfstan von Haithabu, der das Gebiet der Prußen zwischen 880 und 890 besuchte, sah „viele Städte, in denen jeweils ein König gebot“.
In seiner Vita sancti Anscharii von 876 erwähnt Rimbert, ein Schüler des Bischofs Ansgar von Bremen, Kämpfe zwischen dänischen und schwedischen Wikingern und den Kuren im Jahre 855. Als Ansgar Schweden (nach 850) zum zweiten Mal besuchte, erlitten die Dänen in Kurland eine vernichtende Niederlage. Rimbert erwähnt die Seeburg (Grobiņa) und Apulia (Apuole) und schreibt über die Kuren (die er Chori nennt), dass sie von den Schweden unterworfen waren, aber das Joch bereits lange abgeschüttelt hatten. Der Sveakönig Olof setzte mit einem Heer nach Kurland über. Sein Angriff richtete sich gegen die Seeburg, die geplündert und niedergebrannt wurde. Beim Angriff auf Apulia stieß er jedoch auf erheblichen Widerstand. Die Kuren unterwarfen sich letztlich dennoch und verpflichteten sich, Tribut zu entrichten und Geiseln zu stellen. Auf dem Schlachtfeld fanden die Archäologen eiserne Pfeilspitzen, die im 9. und 10. Jahrhundert in Skandinavien üblich waren. Saxo Grammaticus berichtet von Angriffen auf Kurland, die zwischen 866 und 894 erfolgten. Die nordischen Beutezüge in Kurland stießen jedoch auf zu starken Widerstand und die Wikinger wandten sich in der Folgezeit anderen Landstrichen zu. Dass später die dänische Küste von Kuren, wie auch von Slawen, angegriffen und von schwedischen Wikingern geschützt werden musste, beschreibt Snorri Sturluson in der Heimskringla. Er lebte in der Regierungszeit des dänischen Königs Waldemar II. (König 1202–1241). In Chroniken des 13. Jahrhunderts wird berichtet, dass die Kuren mehrmals Gebiete in Dänemark und Schweden plünderten. Adam von Bremen riet den Christen, die kurländische Küste zu meiden.
Dass kurische Waffen und Schmuckstücke nach Dänemark und Gotland gelangten, belegen Ziernadeln, Fibeln und Schwerter aus dem 10. Jahrhundert. An der gotländischen Küste fand man Utensilien, wie sie in der Umgebung von Klaipėda und Kretinga vorkamen. Das Grab in Hugleifs belegt die Anwesenheit von Kuren auf der Insel. Diese Funde deuten Handelsbeziehungen zu den Balten im 10. und 11. Jahrhundert an. Ein Bruchstück eines silbernen Halsrings mit sattelförmigem Ende, eine Schmuckart, die im mittleren und östlichen Landesteil von Litauen und Lettland verbreitet war, wurde auf Gotland bei Boters nahe Gerum – zusammen mit arabischen, byzantinischen, angelsächsischen und aus dem deutschen Raum stammenden Münzen – gefunden. Ein weiterer Halsring desselben Typs wurde auf Öland entdeckt. Die isländische Egilssaga enthält eine Schilderung über den Lebensstandard der Kuren zu Beginn des 10. Jahrhunderts als die Wikinger Thorolf und Egil um 925 Kurland verheerten. Im 10. und 11. Jahrhundert wurden die Handelsbeziehungen beibehalten, sofern sie nicht durch Kaperfahrten skandinavischer Wikinger unterbrochen wurden.
Eine Feste mit der benachbarten Ortschaft wurde Zentrum des Stammesgebiets. In den Aufzeichnungen des 9. Jahrhunderts sind in Kurland fünf Gaue angegeben, zu Beginn des 13. Jahrhunderts gab es acht. Die Einteilung in Gaue galt für das gesamte Baltikum. Mächtige Feudalherren dehnten im Lauf der Zeit ihren Machtbereich auf mehrere Gaue aus. Diese feudalistische Gesellschaftsstruktur konnte beibehalten werden, solange die Balten von Nachbarn umgeben waren, die eine ähnliche Sozialstruktur hatten. Die Situation änderte sich, als zwischen 1226 und 1230 an der Westgrenze die Ordensritter erschienen, ein vom christlichen Europa unterstützter mächtiger Gegner.
Kurland im Ordensstaat
Gegen Ende des 12. Jahrhunderts hatten niederdeutsche Kaufleute und Missionare an der Düna Handels- und Missionsstationen errichtet. Anfang des 13. Jahrhunderts wurde Kurland vom Schwertbrüderorden unterworfen; es wurden deutsche Städte gegründet, auf dem Lande lebten jedoch weiterhin Kuren, nun unter deutscher Adelsherrschaft.
Parallel dazu begann 1231 der Deutschritterorden von Kulm aus mit der Eroberung des Gebietes der Prußen, beauftragt durch den polnischen Seniorherzog Konrad von Masowien 1230 im Vertrag von Kruschwitz, zu dessen Anbahnung Kaiser Friedrich II. 1226 mit der Goldenen Bulle von Rimini beigetragen hatte. Mit der Bulle von Rieti wurde das Ordensland 1234 als Lehen allein dem Papst unterstellt. 1237 ging der geschwächte Schwertbrüderorden im Deutschritterorden auf. Der Deutsche Orden eroberte 1309 Pommerellen von Polen und erhielt damit im Südwesten seines Territoriums eine gemeinsame Grenze mit dem Römisch-Deutschen Reich (Heiliges Römisches Reich).
Nach der Unterwerfung der Region durch den Schwertbrüder- und den Deutschritterorden gingen die südlichen Kuren großenteils in den Nachbarvölkern der Žemaiten und der Prußen auf, die nördlichen Kuren in den Letten. Das Volk der Kuren besiedelte ursprünglich die gesamte Kurische Nehrung, Teile des Festlandes am Kurischen Haff, das Memelland nördlich der Minija (Minge) mit den Landschaften Lamotina und Pilsaten, sowie weite Teile des heutigen Nord-Žemaiten mit der Landschaft Ceclis. An der Küste liegen die kurischen Landschaften Pilsaten (Rajongemeinde Klaipėda), Megowen (Palanga und Rajongemeinde Kretinga), Duvzare und Piemare, heute Landgemeinde Dienvidkurzeme (Südkurland) um Liepāja (Libau), sowie das Gebiet der heutigen Landgemeinde Ventspils um die gleichnamige Stadt Ventspils (Windau).
Neben Kuren, Letten und den heute nahezu ausgestorbenen Liven (ein finnisches Volk) an der Nordspitze um Domesnäs/Kap Kolka wohnten in Kurland seit dem Mittelalter Deutsche und Schweden, später kamen Russen hinzu. Großgrundbesitzer und Stadtbürger, Pastoren, Ärzte, also die gebildeten Schichten, ebenso Handwerksmeister waren vom Mittelalter bis weit in das 20. Jahrhundert größtenteils Deutsch-Balten. Die deutsche Sprache war die Sprache der Oberschicht, die lettische Sprache die der Landbevölkerung. Die kurische Sprache, wie Prußisch (Altpreußisch) und Lettisch zur baltischen Sprachfamilie gehörend, starb um das 16. Jahrhundert aus.
Durch die polnisch-litauische Union 1386 erhielt der Deutsche Orden erstmals einen übermächtigen Gegner. Nach dem Zweiten Frieden von Thorn (1466) wurde der Ordensstaat geteilt. Der östliche Teil des Ordenslandes blieb in der Hand des Ordens, doch wurde der Ordensstaat gegenüber Polen lehnspflichtig. Pommerellen, das Kulmerland und weitere Teile des ehemals prußischen Gebietes wurden zu einem weltlichen „Preußen Königlichen Anteils“ zusammengefasst, das in Personalunion mit Polen verbunden wurde (später größtenteils Provinz Westpreußen). Danzig, Thorn und Elbing wurden so genannte Freie Städte unter der Herrschaft des Königs von Polen („Polnische Krone“). Die nördlichen Gebiete von Kurland und Livland mit der Hauptstadt Riga blieben zunächst unabhängig unter Leitung eines Landmeisters des Ordens, erweckten jedoch Begehrlichkeiten Schwedens und Russlands (Großfürstentum Moskau).
Der erste russische Vorstoß wurde 1502 durch Landmeister Wolter von Plettenberg abgewehrt. Der zweite Vorstoß 1558 durch Iwan den Schrecklichen eröffnete den Livländischen Krieg (1558–1582). 1561 unterstellten sich, vertreten durch ihre Ritterschaften, Kurland und Livland polnischer Oberhoheit, um sich gegen die russische Bedrohung abzusichern. Polen geriet dadurch in Konflikt mit Russland und Schweden und wurde in den Krieg hineingezogen.
Das Herzogtum Kurland und Semgallen in der zweiten Hälfte des 16. und im 17. Jahrhundert
Unter dem Einfluss des Krieges konnte Gotthard Kettler, der letzte Landmeister von Livland, ein eigenes weltliches Herzogtum unter polnisch-litauischer Oberhoheit in Kurland und Semgallen gründen, allerdings ohne die Gebiete des Bistums Kurland, die an den polnisch-litauischen Teil Livlands fielen. Nach seinem Tod teilten sich seine Söhne Wilhelm Kettler und Friedrich Kettler 1596 das Herzogtum in das westliche Kurland und das östliche Semgallen. Wilhelm überwarf sich mit dem Landadel, der durch die polnischen Oberherren unterstützt wurde und musste schließlich das Land verlassen. Friedrich konnte 1616 daher beide Landesteile unter sich vereinen. Durch den Polnisch-Schwedischen Krieg 1600–1629 um die Vorherrschaft im Baltikum war Kurland im Ergebnis weniger betroffen. 1629 eroberte Schweden Livland, Kurland blieb ein selbständiges Herzogtum unter polnischer Oberhoheit. Auch der südöstlichste Teil Livlands um Dünaburg blieb polnisch.
Unter Herzog Jakob Kettler erreichte Kurland seine höchste wirtschaftliche Blüte. Der Herzog war ein Anhänger merkantiler Ideen und suchte Handelsbeziehungen nicht nur zu den direkten Nachbarn, sondern auch nach England, Frankreich, Portugal und anderen. Schiffbau und Metallverarbeitung wurden gefördert. Die kurländischen Hafenstädte Windau (heute Ventspils) und Libau (heute Liepāja) wurden Heimathäfen einer der größten europäischen Handelsflotten. Mehrfach versuchte Kettler, Kolonien in Tobago und der Region Gambia aufzubauen. Dies führte zu Konflikten mit anderen Kolonialmächten und Einheimischen, die das kleine Kurland nur mit Schwierigkeiten bewältigte. Das Ende des kurländischen Kolonialismus kam mit dem Zweiten Schwedisch-Polnischen Krieg: 1655 fiel die schwedische Armee in das reiche Kurland ein, 1658 geriet der Herzog in schwedische Gefangenschaft. Die Kolonien fielen an die Niederlande und England, die Handelsflotte wurde weitgehend vernichtet. Nach dem Friedensschluss konnte Tobago zwar zurückgewonnen werden, aber die Wirtschaftskraft Kurlands war zerstört.
Der Sohn von Herzog Jakob, Friedrich Kasimir Kettler, betrieb eine kostspielige Hofhaltung, während die Wirtschaft weiter darnieder ging. Zur Finanzierung verkaufte er Tobago an britische Kolonisten. (Weitere Informationen zur Geschichte der kleinsten Kolonialmacht Europas unter Kurländische Kolonialgeschichte und James Island.) Unter Friedrich Kasimirs Sohn Friedrich Wilhelm Kettler (Regierungszeit 1698–1711), der minderjährig unter der Vormundschaft seines Onkels Ferdinand und seiner Mutter regierte, hatte das Land während des Nordischen Kriegs infolge der Invasion der Schweden (1700–1703 und 1704–1709) stark zu leiden und wurde von einem schwedischen Statthalter verwaltet.
Zwischen Polen und Russland
Der junge Herzog, der inzwischen in Deutschland erzogen wurde, hatte kaum sein Land zurückerhalten, als er 1711 unmittelbar nach seiner Vermählung mit der russischen Prinzessin Anna Iwanowna starb. Die verwitwete Herzogin Anna nahm unter dem Schutz von Peter dem Großen, ihrem Onkel, ihren Witwensitz zu Mitau.
Nun trat der Onkel ihres Gemahls, Herzog Ferdinand Kettler, die Regierung an, lebte aber fortwährend im Ausland. Als die herzogliche Kammer ein verpfändetes Gut einziehen wollte und dabei der Pfandinhaber erschossen wurde, beschwerte sich der Adel in Warschau, und der polnische Oberlehnshof ordnete eine Landesverwaltung an, deren Endzweck es war, Kurland nach dem Tode des kinderlosen Ferdinand als ein eröffnetes Lehen förmlich mit Polen zu vereinigen. Um dies zu verhindern, wählten die kurländischen Stände 1726 den Sohn des Königs von Polen, Moritz Graf von Sachsen, zum Herzog. Durch russischen Einfluss verdrängt, ging Moritz aber 1729 wieder außer Landes.
Im Jahr 1731 ließ sich August II. von Polen dazu herbei, Ferdinand Kettler mit Kurland zu belehnen. Als dieser 1737 starb und mit ihm das herzogliche Haus Kettler erlosch, setzte Anna, die inzwischen den russischen Thron bestiegen hatte, die Wahl ihres Günstlings, Graf Ernst Johann von Biron, seitens der kurländischen Stände zum Herzog durch. Dieser wurde jedoch nach dem Tod seiner Beschützerin (1740) während der Regierung des minderjährigen Kaisers Iwan, für welchen er die Regentschaft führte, von Münnich verhaftet und nach Sibirien verbannt.
Die kurländischen Stände wählten darauf 1758 den Prinzen Karl von Sachsen zum Herzog, zu dessen Gunsten die Kaiserin allen Forderungen an Kurland entsagte. Nach der Thronbesteigung Peters III. erhielt indessen Biron seine Freiheit wieder, und als Katharina die Große an die Macht gekommen war, wurde Biron von dieser 1763 – im Schutz von 15.000 russischen Soldaten – wieder als Herzog von Kurland eingesetzt. Biron starb 1772, nachdem er schon 1769 die Regierung an seinen Sohn Peter abgetreten hatte.
Russische Herrschaft
1795 kam Kurland im Zug der Dritten Polnischen Teilung zum Russischen Reich. Der Form nach wurde vom kurländischen Landtag beschlossen, das Land dem russischen Zepter zu unterwerfen. Dieser Beschluss wurde Herzog Peter mitgeteilt und von diesem per Abtretungsurkunde bestätigt. 1795 stand das Baltikum somit insgesamt unter russischer Herrschaft. Das Gouvernement Kurland wurde neben den damals bereits bestehenden Gouvernements Estland (dem heutigen Nordteil der Republik Estland) und Livland das dritte der russischen Ostseegouvernements, die vom deutsch-baltischen Adel jeweils autonom verwaltet wurden. Die durch Peter den Großen nach dem Erwerb des nördlichen Baltikums im Frieden von Nystad 1721 den baltischen Städten und Ritterschaften zugesicherten Privilegien kamen zunächst auch in Kurland zur Anwendung und ermöglichten eine autonome Selbstverwaltung. So konnte z. B. durch Beschluss der baltischen Ritterschaften 1816–1819 die Leibeigenschaft in Kurland, Estland und Livland aufgehoben werden, obwohl sie in Russland noch ca. weitere 40 Jahre bestand.
Kurland in und nach den beiden Weltkriegen
Im Ersten Weltkrieg wurde Kurland 1915 von der deutschen Armee besetzt. Im Friedensvertrag von Brest-Litowsk wurden Kurland und Litauen aus dem russischen Staatsverband gelöst. Wie die künftige staatliche Organisation dieser Regionen aussehen sollte, wollten die Mittelmächte im Benehmen mit der Bevölkerung bestimmen. Darüber hinaus musste Russland zugestehen, dass auch Estland und Livland von einer deutschen Polizeimacht besetzt bliebe, bis dort eine eigene staatliche Ordnung und eigene Landeseinrichtungen, die für Sicherheit sorgen könnten, aufgebaut sein würde.
Als im November 1918 der Lettische Volksrat die unabhängige Republik Lettland ausrief, war auch Kurland gemeint. Nach Ausrufung einer Lettischen Räterepublik im Dezember 1918 stießen im Januar 1919 bolschewistisch-lettische Truppen und Einheiten der Roten Armee bis zum Fluss Venta in Kurland vor. Im März 1919 erfolgte eine Gegenoffensive von deutschen und national-lettischen Truppen. Bis 1940 existierte dann die erste Republik Lettland.
Nach der bereits 1939 erfolgten Einrichtung mehrerer Stützpunkte in Kurland wurde ganz Lettland am 17. Juni 1940 nach Gewaltandrohung von der Roten Armee okkupiert. Gegen den Protest der Botschafter der Westmächte proklamierte die sowjetische Regierung am 21. Juli 1940 die Errichtung der Lettischen Sozialistischen Sowjetrepublik und ließ diese um Beitritt zur UdSSR bitten, der am 5. August 1940 erfolgte. Nach dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt und dem folgenden Umsiedelungsvertrag zwischen dem Deutschen Reich und Lettland waren die Deutsch-Balten bereits im November/Dezember 1939 in den sogenannten „Reichsgau Wartheland“ umgesiedelt worden, von wo sie nach Kriegsende 1945 wieder vertrieben wurden.
Nach Beginn des Deutsch-Sowjetischen Krieges (1941) war das lettische Territorium bis zur schrittweisen Rückeroberung durch die Rote Armee ab Sommer 1944 von deutschen Truppen besetzt und dem Reichskommissariat Ostland zugeordnet. Der General d. R. Oskars Dankers bildete 1942 eine kollaborierende Marionettenverwaltung, während der Kommunist Arturs Sprogis lettische Partisaneneinheiten gegen Lettische SS-Einheiten führte. Noch im Februar 1945 bildete die eingeschlossene frühere deutsche Heeresgruppe Nord, jetzt Heeresgruppe Kurland, eine Marionettenrepublik Kurland. In den sechs verlustreichen „Kurlandschlachten“ von Oktober 1944 bis März 1945 wehrten die im Kurland-Kessel eingeschlossenen Wehrmachtverbände, unterstützt von lettischen Einheiten, alle sowjetischen Offensiven ab. Über die Häfen Windau und Libau liefen bis zum 9. Mai 1945 Evakuierungen von Flüchtlingen, Verwundeten und Heereseinheiten. Etwa 200.000 Deutsche und Letten gingen am 10. Mai 1945 nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Krieg und Kriegsfolgen (Flucht und Deportationen) führten zu erheblichen Bevölkerungsverlusten auch in Kurland.
Kurland gehörte bis 1991 zur Lettischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Besonders eine forcierte Industrialisierung war mit der Ansiedlung vieler Angehöriger anderer Volksgruppen aus der UdSSR verbunden, unter denen die Russen dominierten. Am 4. Mai 1990 erklärte Lettland seine Unabhängigkeit, was seitens der Sowjetunion am 21. August 1991 und nach dem Ende der UdSSR auch von Russland anerkannt wurde.
Städte
Siehe auch
Kurische Nehrung
Kurisches Haff
Kurländische Kolonialgeschichte
Bistum Kurland
Weblinks
Kurzemes Tourism Association (englisch)
Datenbank Kurländische Güterurkunden beim Herder-Institut Marburg
Einzelnachweise
Historische Landschaft oder Region in Europa
Litauische Geschichte
Region in Lettland
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Q185072
| 84.300325 |
50062
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https://de.wikipedia.org/wiki/Zarathustra
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Zarathustra
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Zarathustra (avestisch ; Zarathuschtra, auch Zarathushtra) bzw. Zoroaster (griechisch Ζωροάστρης Zōroástrēs) und (persisch) Zardoscht, genannt auch Zarathustra Spitama, war ein iranischer Priester (Zaotar) und Philosoph. Er lehrte im 1. oder 2. Jahrtausend v. Chr. in einer nordostiranischen Sprache, die später nach dem Avesta als Avestisch bekannt wurde, und verhalf dem nach ihm benannten Zoroastrismus zum späteren Durchbruch als persisch-medische beziehungsweise iranische Religion, weshalb er beispielsweise auch „Gründer des Zoroastrismus“, „Religionsstifter“ oder „Reformator“ genannt wird. Die heutigen Anhänger des Zoroastrismus werden Zoroastrier oder Zarathustrier genannt. Die Anhängerschaft in Indien und Pakistan umfasst insbesondere die ethnisch-religiösen Gruppen der Parsen und zum Teil der Irani.
Der Name bedeutet vermutlich „Besitzer wertvoller Kamele“ (die Deutung des Vordergliedes zarat- als „alt, kostbar, goldfarben“ ist umstritten, das Hinterglied dieser Zusammensetzung wird allgemein mit avestisch -uštra- „Kamel“ identifiziert). Weitere Namensformen sind beispielsweise: mittelpersisch , , auch , paschtunisch Zardaxt, kurdisch , / .
Die Griechen der Antike sahen in ihm einen „bei den Arianoi“ (Diodor, I, 94, 2, über Zathraustēs) angesiedelten Weisen; in den Augen der französischen Philosophen, unter anderem Voltaires, war er Vermittler in religiösen Glaubensfragen. Ähnlich vielfältig sind die Aussagen in der Orientalistik, die eine endgültige Klärung über das Wirken Zarathustras bisher nicht möglich machen. Es bleibt unklar, in welchem sozialen und geografischen Umfeld er wirkte, wessen Ideen er aufnahm oder auf welchen Grundlagen er seine Lehre aufbaute. Er gilt manchen als Begründer der ersten, auf dem Glauben an Ahura Mazda als einzigen Schöpfergott und Weltordner beruhenden Religion.
Die bisher von den Historikern vorgenommenen zeitlichen Einordnungen beruhen auf diversen Quellen, aus deren Interpretation teilweise Theorien und Thesen über das Wirken Zarathustras entwickelt wurden, die die wenigen archäologischen Hinweise ignorieren. So wurde beispielsweise erstmals bei Ammianus Marcellinus über Wischtaspa (Vater von Dareios I.) eine Verbindung zu den Achämeniden hergestellt, die heute als überholt gilt.
Quellen
Im Avesta, der „heiligen Schrift“ der Religion Zarathustras, wird die Figur Zarathustra erstmals erwähnt. In den Gathas wird er 15 Mal aufgeführt und in den jüngeren Texten ausführlich in seinen Funktionen beschrieben. Die Textpassagen sind überall verstreut; eine systematische Präsentation der Figur fehlt. Als historische Person ist Zarathustra im Avesta nicht fassbar, da biographische Angaben fehlen.
Die ältesten Texte, die eine Biographie von Zarathustra enthalten, werden in das 9. Jahrhundert n. Chr. datiert. Sie sind in mittelpersischer Sprache verfasst und stammen aus dem 5. und 7. Buch des Denkard und der Anthologie des Zadspram. Das Alter der in diesen Texten gesammelten Quellen lässt sich nicht mit Sicherheit bestimmen. Im 8. Buch des Denkard gibt es Hinweise auf ältere Ansätze von Lebensdaten, die aber nicht überliefert werden.
Die erste durchkomponierte biographische Erzählung liegt in neupersischer Sprache vor. Der poetische Text Zaratošt-nāme („Das Zarathustra-Buch“) stammt von einem Kai Ka’us, über den keine biographischen und zeitlichen Angaben vorliegen. Es ist möglich, dass das Buch bereits im 10. oder 11. Jahrhundert n. Chr. entstanden ist oder auch erst im 13. Jahrhundert n. Chr. Die Abschrift durch Zartosht Behram Pazdu ist die heute überlieferte Form des Texts.
Herkunft
Die moderne Forschung konnte bisher Zarathustras Herkunft nicht klären. Forschungsgeschichtlich ist in den letzten Jahrzehnten „eine Tendenz zur Genese immer neuer Hypothesen und Spekulationen zu beobachten“, ohne dass sich ein Konsens abzeichnet. Eine gewisse Einigkeit herrscht darin, dass die Ursprünge der Religion Zarathustras vermutlich nicht auf dem iranischen Plateau und schon gar nicht innerhalb der Landesgrenzen des heutigen Irans zu suchen sind.
Bereits in der Antike wurde von mehreren Ländern oder Regionen der Anspruch erhoben, die Heimat von Zarathustra zu sein. Solche Traditionen waren zum Teil langlebig. Die geographischen Angaben späterer Quellen sind größtenteils patriotisch-ideologisch gefärbt. Damit verbunden ist auch die Diskussion über die Heimat und die Ausbreitung der indoiranischen Sprachgemeinschaft, im Besonderen der Arier.
In der älteren Forschung wurden vor allem drei Regionen als Heimat des Zarathustra betrachtet: Sistan, Choresmien und Baktrien. Eine einflussreiche These wurde von Mary Boyce aufgestellt, die die Heimat des Zarathustra in der Andronowo-Kultur ortet. Aber diese Theorie konnte sich ebenso wenig durchsetzen wie auch der Vorschlag von Manfred Hutter, das Heimatland Zarathustras an der Grenze der nordostiranischen Länder zu lokalisieren.
Lebenszeit
Neben unterschiedlichen wissenschaftlichen Methoden und Argumenten spielen ideologische Motive eine starke Rolle in der Auseinandersetzung um die Datierung und die Lokalisierung Zarathustras, weil diese von zentraler Bedeutung für die Geschichtsschreibung der Religion wie auch für das Verständnis der iranischen, zentralasiatischen und altorientalischen Religionsgeschichte sind. Zur Datierung der Lebenszeit Zarathustras gibt es zwei Hauptansätze in der Forschung: eine Spätdatierung und eine Frühdatierung. Zarathustrier feiern seinen Geburtstag am 26. März.
Spätdatierung
Die Spätdatierung kann sich auf eine längere literarische Tradition berufen. Zarathustra lebte dementsprechend um 600 v. Chr. Diese Bestimmung basiert auf der Überlieferung des islamischen Gelehrten Biruni, der nach sassanidischer Tradition den Zeitpunkt der Berufung Zarathustras auf 258 Jahre vor Alexander den Großen legte. In der Forschung haben sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts der Spätdatierung Walter Bruno Henning und Walther Hinz angeschlossen. Walther Hinz gibt ein präzises Datum für die Geburt (22. März 622 v. Chr.) und seinen Todestag (1. Mai 553 v. Chr.) an. Mit der Spätdatierung wäre Zarathustra ein Zeitgenosse von Kyros II. als auch einiger israelitischer Propheten wie zum Beispiel Deutero-Jesaja. Die Spätdatierung wird in der jüngeren Forschung nur noch gelegentlich vertreten. Die Mehrzahl der Forscher tendiert zur Frühdatierung.
Frühdatierung
Der Grundkonsens gegen eine Spätdatierung hat in der Forschung einen weiten Spielraum für genauere Datierungen zugelassen. Im Allgemeinen wird die Lebenszeit von Zarathustra um die Wende des 2. zum 1. Jahrtausend v. Chr. angenommen. Zarathustra soll vor seinem „Berufungserlebnis“ schon als Priester bzw. Magier tätig gewesen sein. Aus diesen Gründen bestimmte Richard Frye das Wirken Zarathustras für die Zeit um 1800 v. Chr. Zarathustra habe um 1800 v. Chr. gelebt, genauer: er sei 1768 v. Chr. geboren worden. Diese Ansicht vertreten insbesondere iranische Wissenschaftler und Mary Boyce. Im Kontext der Besiedlung Persiens sei Zarathustras Auftreten bereits mit der ersten Einwanderungswelle anzusetzen.
Die Lehren Zarathustras
Grundzüge
Im Mittelpunkt der Lehre steht das Ringen des Guten gegen das Böse. Bis zum Tag des Gerichts haben die Menschen die freie Wahl, sich für den rechten Weg zu entscheiden. Der rechte Weg ist der Weg der Wahrhaftigkeit. Die Lehre Zarathustras hat drei wichtige Grundsätze:
Gutes Denken ()
Gutes Sprechen ()
Gutes Tun ()
Ahura Mazda, der weise Herr, erschuf die Welt auf dem Fundament der Wahrhaftigkeit. Der gute Geist (Spenta Mainyu) und der böse Geist (Angra Mainyu) sind Zwillinge, durch deren Zusammenwirken die Welt besteht. Damit das Gute über das Böse siegt, muss der Mensch sich entscheiden, denn der Mensch ist das einzige Lebewesen, welches die Möglichkeit bekommen hat, zu führen und zu ändern. Der Mensch kann vergeben oder hassen, der Mensch ist ein Mensch, weil er sich nicht von seinen Instinkten leiten lässt. Jedem ist es überlassen, sich für das Gute zu entscheiden und so den Kampf Ahura Mazdas gegen das Böse zu unterstützen. Wichtig ist hierbei, dass der Zarathustrismus bzw. Ahura Mazda den Menschen zu nichts zwingt. Der Mensch wird als vernünftiges Wesen frei geboren und kann allein durch freie Entscheidung und persönliche Einsicht zu Gott gelangen.
Es bestehen sechs Aspekte Gottes (Amescha Spenta), oder auch sieben – siehe auch Haft Sin (sieben Dekorationsschalen), Sieben Speisen, Haft Mewa (Sieben-Früchte-Getränk) und Samanak (Keimlinge aus sieben Sorten Getreide) im Nouruz, die die sieben Tugenden des Zoroastrismus symbolisieren. Diese werden in dem Avesta, dem heiligen Buch des Zarathustrismus, zum Teil als engelhafte Wesen personifiziert:
Der gute Sinn.
Die beste Wahrheit/Wahrhaftigkeit.
Das wünschenswerte Reich.
Die segenbringende Frömmigkeit.
Wohlfahrt.
Nicht-Sterben.
Der segenbringende Geist wird von manchen dazugezählt.
Zarathustra wandte sich nicht gegen Tieropfer, aber er verurteilte die grausame Behandlung von Tieren, die geopfert wurden. Für ihn war die Kuh ein heiliges Tier und in seiner Religion war die Seele der Kuh die Grundform der gesamten ahurischen Tierschöpfung.
Der Mensch hat im diesseitigen Leben die Wahl zwischen Gut und Böse. Sofern das Gute im Menschen überwiegt, gelangt der Mensch nach seinem Tode über die Činvat-Brücke ins Paradies, aus dem Zarathustra einer iranischen Legende nach das Avesta und das „Heilige Feuer“ (Atar) erhalten haben soll. Für den rechtschaffenen Menschen ist die Brücke ein breiter Weg, für den anderen schmal wie eine Messerschneide.
Fortschreibung der Lehre
In einer späteren Umformung wird, insbesondere unter den Sassaniden, die Religion des Zarathustra durch einen Zeitgott, genannt Zurvan, ergänzt. Dieser viergestaltige Gott (Ahūra Mazda, Güte, Religion und Zeit) steht über Gott und Teufel, die seine Söhne sind. Zurvan ist der unendliche Raum und die unendliche Zeit. Durch die Entstehung von Gott und dem Bösen wird das Licht von der Finsternis geschieden.
Rezeption in Europa
Philosophie und Literatur
Plinius der Ältere behauptete, Zarathustra sei der erste Mensch gewesen, der bei seiner Geburt gelacht habe – was sowohl als Ausweis seiner Klarsichtigkeit wie auch als Anzeichen eines diabolischen Charakters gedeutet werden kann.
Zarathustra wurde lange Zeit in Europa als Prototyp des Weisheitslehrers gesehen. Die Renaissance huldigte ihm als Hüter vorchristlicher Weisheit. Die Aufklärung entdeckte in ihm den Weisen aus dem Morgenland und Verkünder einer Sonnenreligion. Guillaume Alexandre de Méhégan widmete 1751 Friedrich dem Großen seine französische Schrift Zoroastre: Histoire traduite du Chaladéen.
In der gelehrten Welt des 18. Jahrhunderts war es eine der großen Streitfragen, ob Zarathustra Monotheist (Thomas Hyde) oder radikaler Dualist (Pierre Bayle, Gottfried Wilhelm Leibniz) gewesen ist. Immanuel Kant hob in seiner „Philosophischen Religionslehre“ (1793) als wesentliche Besonderheit der „Parsis, Anhänger der Religion des Zoroasters“, hervor, dass sie „eine geschriebene Religion (heilige Bücher)“ und „ihren Glauben bis jetzt erhalten“ haben, „ungeachtet ihrer Zerstreuung“. Kant konnte zu seinen Vorlesungen und Publikationen bereits die von Johann Friedrich Kleuker 1776–1778 herausgebrachte deutsche Übersetzung des 1771 in Paris erschienenen Werkes von Abraham Hyacinthe Anquetil-Duperron, dem Begründer des Studiums der Zendreligion in Europa, Zend-Avesta, ouvrage de Zoroastre heranziehen, wie nach ihm ebenso u. a. Johann Gottfried Herder in seinen „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ sowie Georg Wilhelm Friedrich Hegel in seinen Vorlesungen „über die Philosophie der Religion“ und „über die Philosophie der Geschichte“. Wie für Herder, der in Zoroasters Staatsreligion eine Art philosophischer Theodizee erkannte, so hieß für Hegel Zarathustra Zerduscht, und in dessen Lehre trat Hegel ein reiner Atem entgegen, ein Hauch des Geistes. Der Geist erhebt sich in ihr aus der substanziellen Einheit der Natur. Gotthold Ephraim Lessing widmete in seinem Drama Nathan der Weise dem Zoroastrismus die oft wenig beachtete Figur Al-Hafi, der er ursprünglich eine Nachschrift unter dem Titel Derwisch widmen wollte.
In jüngster Zeit verband sich der Name Zarathustra in der westlichen Welt mit Friedrich Nietzsches philosophisch-dichterischem Werk Also sprach Zarathustra, das von 1883 bis 1885 entstand. Da der historische Zarathustra für Nietzsche der Erste war, der Gut und Böse unterschied, gab er seiner Gestalt, die für ihn die Überwindung aller im jüdisch-christlich beherrschten Abendland gelehrten Moral darstellte und damit seiner Auffassung nach über das Ende der vom historischen Zarathustra begonnenen Geschichtsepoche hinauswies, im Buch denselben Namen.
Auch in Karl Mays Orient-Erzählungen kommt Zarathustra vor.
Musik
Von Jean-Philippe Rameau stammt eine Tragédie lyrique mit dem Titel Zoroastre, benannt nach der Hauptfigur. Das Werk wurde 1749 „par l’Academie Royale de Musique“ in Paris uraufgeführt. Als Libretto diente die Tragedie Zoroastre von Louis de Cahusac, die alsbald von Giacomo Casanova ins Deutsche übersetzt worden ist.
In zwei weiteren Opern spielt jeweils eine Figur auf Zarathustra an. In Georg Friedrich Händels 1733 uraufgeführtem Dramma per musica Orlando (die Handlung beruht auf dem Epos Orlando furioso von Ariost) tritt ein weiser Magier namens Zoroastro auf. Und in Wolfgang Amadeus Mozarts 1791 uraufgeführter Oper Die Zauberflöte vertritt der weise Fürst Sarastro mit seinem Priesterrat humanistisches Gedankengut. Dabei ist zumindest eine Wortverwandtschaft von Händels Zoroastro und von Mozarts Sarastro mit dem persischen Religionsstifter Zarathustra durchaus festzustellen.
Zeitlich zwischen diesen Opern gelegen wurde im Juni 1754 im Bayreuther Markgräflichen Opernhaus die Oper L’Huomo nach einem Libretto von Markgräfin Wilhelmine (1709–1758) uraufgeführt, das, laut Argomento, vom System der Philosophie Zarathustras angeregt war. Die Festa teatrale wurde zum Besuch von Wilhelmines Bruder Friedrich dem Großen uraufgeführt, Komponist war Andrea Bernasconi. Die Protagonisten dieses einaktigen allegorischen Musiktheaters sind Animia und Anemone (Anagramme für die weibliche und die männliche Seele), die sich im Zwiespalt zwischen dem bon Genie („das Gute“) und dem mauvais Genie („das Böse“) befinden und von den personifizierten Mächten wie beispielsweise der „Vernunft“, „Unbeständigkeit“ oder „Wollust“ beeinflusst werden.
Im 20. Jahrhundert erlangte Zarathustra einen gewissen Bekanntheitsgrad durch die 1895 entstandene symphonische Dichtung Also sprach Zarathustra von Richard Strauss, die sich in ihrem Titel explizit auf Nietzsches Also sprach Zarathustra bezog, sowie durch Frederick Delius A Mass of Life (Eine Messe des Lebens), einem großangelegten Oratorium nach Texten aus demselben Werk Nietzsches.
Sonstiges
Der Jesuit Giovanni Riccioli benannte in seinem Neuen Almagest (1651) einen Mondkrater nach Zoroaster.
Siehe auch
Iranische Mythologie
Literatur
Primärliteratur
Ulrich Hannemann (Hrsg.): Das Zend-Avesta. Weißensee-Verlag, Berlin 2011, ISBN 3-89998-199-5; Neuauflage: Zarathustra. Fünf Texte des Zend-Avesta: Bun-Dehesch – Vendidad – Izeschne – Vispered – Si-Ruze. Anthea Verlag, Berlin 2022, ISBN 978-3-89998-389-0.
Monographien
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mit Frantz Genet Zoroastrianism under Macedonian and Roman Rule. 1991, ISBN 90-04-09271-4.
Mary Boyce (Hrsg.): Textual sources for the study of Zoroastrianism. Chicago University Press, Chicago 2006, ISBN 0-226-06930-3.
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Aufsätze
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Gustav Mensching: Zarathustra. In: Gustav Mensching: Die Söhne Gottes. Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 1959, S. 191–198.
Zartusht Bahram Pazhdu: The Book of Zoroaster, or The Zartusht-Nāmah. A Zoroastrian Poem. Translated from Persian by Edward Backhouse Eastwick. Lulu, London 2010 .
Martin Schwartz: The religion of Achaemenian Iran. In: Ilya Gershevitch (Hrsg.): The Median and Achaemenian Periods. (= The Cambridge History of Iran. Bd. 2). University Press, Cambridge 1985, ISBN 978-0-521-20091-2, S. 664–667.
Günter C. Vieten, Fotos: George Shelley: Parsen – Die Arier Gottes. In: Geo-Magazin. Hamburg 1978, Nr. 9, S. 86–108. (Informativer [insbesondere u. a. der Totenkult der Zoroastrier] Erlebnisbericht).
Eugen Rosenstock-Huessy: Zarathustras Stimmhaftwerden. In: derselbe: Die Sprache des Menschengeschlechts. Band 2. 1964, S. 737–772.
Weblinks
zoroastrische Original-Texte (englisch)
Übersicht zu den möglichen Lebenszeiten (englisch)
Sartosht – Iranisch-Deutscher Kulturverein
Einzelnachweise
Religionsstifter
Prophet
Religion (Iran)
Zoroastrischer Priester
Iranistik
Medien (Land)
Geboren im 2. oder 1. Jahrtausend v. Chr.
Gestorben im 2. oder 1. Jahrtausend v. Chr.
Mann
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Q35811
| 98.923922 |
299863
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https://de.wikipedia.org/wiki/Sankt-Lorenz-Golf
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Sankt-Lorenz-Golf
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Der Sankt-Lorenz-Golf (, ) liegt am Ausfluss des Sankt-Lorenz-Stroms in den Atlantik und ist das größte Ästuar der Erde.
Er wird begrenzt von der Labrador-Halbinsel im Norden, Neufundland im Nordosten, im Südwesten von der Halbinsel Gaspé und im Süden von New Brunswick und Nova Scotia (mit der Nova-Scotia-Halbinsel und der Kap-Breton-Insel).
Im Westen könnte man den Sankt-Lorenz-Golf vom Mündungstrichter des Sankt-Lorenz-Stromes an dessen Verengung östlich von Matane abgrenzen.
Meeresstraßen
Mit dem Atlantik ist der Golf heute noch über zwei Meeresstraßen verbunden:
Belle-Isle-Straße – zwischen Labrador-Halbinsel und Neufundland
Cabotstraße – zwischen Neufundland und Cape Breton Island
Straße von Canso – zwischen Cape Breton Island und Nova Scotia, 1 km breit. Nach Fertigstellung des Canso Causeway im Jahre 1955 findet kein freier Wasseraustausch mehr zwischen dem Golf und dem Atlantik an dieser Stelle statt.
Inseln
Québec
Magdalenen-Inseln mit Rochers aux Oiseaux
Anticosti
Neufundland und Labrador
Neufundland
Nova Scotia (Provinz)
Kap-Breton-Insel
Prince Edward Island (Provinz)
Prince Edward Island
Buchten
Chaleur-Bucht
Siehe auch
Sankt-Lorenz-Seeweg für die gesamte schiffbare Wasserstraße
Weblinks
Bucht in Kanada
Bucht in Nordamerika
Bucht (Atlantischer Ozean)
Laurentius von Rom
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Q169523
| 209.198218 |
19321
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https://de.wikipedia.org/wiki/Rheinland
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Rheinland
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Das Rheinland (ripuarisch: Rhingland; ; abgekürzt Rhld.) ist eine administrativ und staatlich nicht exakt abgrenzbare Kulturlandschaft am deutschen Mittel- und Niederrhein. Geographisch zählen dazu auch weiter vom Rhein entfernt gelegene Gebiete der Kölner Bucht und des Rheinischen Schiefergebirges.
Der Begriff Rheinland für die seit dem Frühmittelalter fränkisch besiedelten Gebiete zwischen Ober- und Niederrhein kam erst um 1800 auf, nachdem Frankreich die linksrheinischen Teile der Kurpfalz annektiert hatte. Er bezeichnete im Wesentlichen die am Rhein liegenden Territorien der geistlichen Kurfürstentümer Köln, Mainz und Trier, einiger weltlicher Herrschaften sowie der Reichsstädte Aachen und Köln. Die Gebiete, deren Bewohner sich heute als Rheinländer betrachten, liegen im Wesentlichen im Westen Nordrhein-Westfalens und im Norden von Rheinland-Pfalz sowie in einem kleinen, südwestlichen Teil Hessens.
Mit der Neuordnung Europas 1815 wurden die linksrheinischen Gebiete auf das Königreich Preußen, das Großherzogtum Hessen und das Königreich Bayern aufgeteilt. Bayern nannte die ihm zugefallenen, ehemaligen Besitzungen der Wittelsbacher Rheinkreis, Pfalz oder Rheinpfalz, während Hessen-Darmstadt seine neue Provinz als Rheinhessen bezeichnete. Preußen wiederum fasste die Provinzen Großherzogtum Niederrhein und Jülich-Kleve-Berg 1822 zur Rheinprovinz zusammen. Deren heute zu den Bundesländern Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz gehörigen Gebiete, der südwestliche, an den Rhein grenzende Teil der ebenfalls preußischen Provinz Hessen-Nassau, die zum Großherzogtum Oldenburg gehörige Exklave Birkenfeld im Hunsrück und Teile Rheinhessens sind im heutigen Sprachgebrauch in der Regel gemeint, wenn vom Rheinland die Rede ist.
Der Begriff „Rheinland“
Vom Rheinland als einer umfassenden Bezeichnung für die Gebiete am Mittel- und Niederrhein mit einer einheitlichen politischen und gesellschaftlichen Struktur kann erst ab 1797 mit der staatlichen Integration des linken Rheinufers in das revolutionäre Frankreich gesprochen werden. Die zuerst vorübergehend als Cisrhenanische Republik geplante Vereinigung aller von den Franzosen besetzten linksrheinischen Länder von der Kurpfalz bis zum Herzogtum Kleve wurde nicht durchgeführt. Stattdessen wurde das gesamte linke Gebiet ab der Kurpfalz von Frankreich annektiert. Die dabei gebildeten vier neuen französischen Départements waren Roer, Rhein-Mosel, Saar und Donnersberg.
Davor war dieses Gebiet im Wesentlichen aufgeteilt auf diverse Herzogtümer und die katholischen „Territorialgebiete“ der drei Kurfürstentümer Köln, Mainz und Trier, in denen die Erzbischöfe auch die weltliche Macht als Kurfürsten innehatten. Daneben gab es in diesem gesamten Bereich noch diverse Grafschaften, kleinere Enklaven, Herrschaften, Abteien und die beiden alten Reichsstädte Aachen und Köln. Auch die Bewohner der verschiedenen Herzogtümer, Grafschaften, Erzbistümer und freien Reichsstädte wurden daher bis 1797 und über viele Jahrhunderte nicht als Rheinländer benannt, sondern als Berger, Geldener, Jülicher, Klever, Kölner und Kurkölner und so weiter. Alle diese Territorien hatten ihre eigene Obrigkeit mit den unterschiedlichsten Gesetzen und Vorschriften und einer rechtlich bevorzugten Oberschicht, den Angehörigen des Adels. Selbst der geographische Begriff „Rheinland“ wurde bis Ende des 18. Jahrhunderts nicht angewendet, entsprechend konnten die Bewohner dieser Gebiete auch keine „Rheinländer“ sein.
Nach dem Wiener Kongress wurden 1815 die auf dem linken Rheinufer liegenden Gebiete auf Preußen, Hessen und Bayern verteilt. Bayern nannte sein linksrheinisches Gebiet, das weitgehend der ehemaligen Kurpfalz mit den Gebieten der pfälzischen Nebenlinien der Wittelsbacher entsprach, Rheinkreis (später Pfalz oder Rheinpfalz), während das Großherzogtum Hessen seine linksrheinische Provinz als Rheinhessen bezeichnete. Die preußischen Gebiete umfassten den größten Teil des vormals französisch annektierten linken Rheinufers, das rechtsrheinisch im Wesentlichen um das Gebiet des von Napoleon Bonaparte hinterlassenen Großherzogtums Berg ergänzt wurde. Die von Frankreich eingeführte moderne Rechts- und Kommunalordnung wurde in diesen Gebieten weitgehend übernommen. Der napoleonische Code civil als bürgerliche Rechtsordnung blieb bis zum Inkrafttreten des BGB am 1. Januar 1900 in allen linksrheinischen Territorien weiterhin erhalten.
Die gesamten preußischen Gebiete wurden zunächst zu zwei Provinzen Großherzogtum Niederrhein und Provinz Jülich-Kleve-Berg zusammengefasst, ab 1822 dann zu einer einheitlichen Rheinprovinz vereinigt. Die Provinz bestand aus den Regierungsbezirken Aachen, Düsseldorf, Köln, Koblenz und Trier. Speziell für diese Provinz bürgerte sich der Name Rheinland ein, auch in seiner latinisierten Form Rhenania. Da vor dem 19. Jahrhundert bis zur Vereinigung zur Rheinprovinz nur die nördlichen Gebiete bis etwa in Höhe der Ruhrmündung zu Preußen gehört hatten, und die neuen Erwerbungen zudem überwiegend katholisch waren, bestanden gegen die Integration in die neue Herrschaft unter den protestantischen Preußen auch Widerstände. Es bildeten sich separatistische Gegenbewegungen, die man auch durch den historisierenden Begriff Rheinlande mit der Bildung von Forschungseinrichtungen zur regionalhistorischen gemeinsamen Geschichte des Rheinlands unterlaufen wollte. Diese separatistischen Tendenzen, die noch 1923 zum Versuch der Bildung einer Rheinischen Republik führten, konnten sich am Ende nicht durchsetzten.
Nach dem Ersten Weltkrieg erfuhr der Begriff Rheinland zeitweilig eine neue Bedeutungsebene durch die Alliierte Rheinlandbesetzung 1918/19. Wenn vom besetzten Rheinland gesprochen wurde, so meinte man nicht nur das gesamte linksrheinische Deutschland, sondern auch die rechtsrheinisch besetzten „Brückenköpfe“ (30-km-Zone) um Köln, Koblenz und Mainz.
Das Rheinland in diesem Sinne verteilt sich in der deutschen Nachkriegsordnung als Folge der nach dem Zweiten Weltkrieg von den Alliierten eingerichteten Besatzungszonen auf Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und das Saarland. Durch neue Gebietsaufteilungen wurde das Rheinland in den nordrhein-westfälischen Niederrhein und den rheinland-pfälzischen Mittelrhein aufgeteilt; nur ein kleiner Teil des nördlichen Mittelrheins gehört heute ebenfalls zum Land Nordrhein-Westfalen. Zu Rheinland-Pfalz gehören der größere Teil der Gebiete am Mittelrhein einschließlich der rechtsrheinischen Gebiete unterhalb der Höhe von Bonn bis zum Rheingau-Taunus-Kreis sowie Rheinhessen und die ehemalige bayrische Rheinpfalz, während Hessen kein linksrheinisches Gebiet mehr hat. Einen Sonderstatus, wie bereits zeitweise nach dem Ersten Weltkrieg, hatte kurzzeitig bis zum 1. Januar 1957 das Saarland.
Im engeren Sinne sind mit Rheinland heute oft nur noch die nordrhein-westfälischen und rheinland-pfälzischen Teile der ehemaligen Rheinprovinz gemeint und in Nordrhein-Westfalen noch weiter eingrenzend der Landschaftsverband Rheinland. Für die Evangelische Kirche im Rheinland hat sich über alle geschichtlichen Umwälzungen hinweg nichts an der ursprünglichen Ausdehnung der Kirchenprovinz geändert, die mit dem Gebietsstand der preußischen Rheinprovinz deckungsgleich ist.
Geschichte
Die Integration der preußischen Rheinprovinz in den Staat Preußen gestaltete sich schwierig. Um sich von Preußen abzugrenzen, verstärkte sich in der linksrheinischen Kernregion der Rheinprovinz der Wunsch, die historischen Wurzeln als Basis für die gemeinsame Entwicklung zu untersuchen. Forschungseinrichtungen und regionalhistorische Vereinigungen wurden gegründet, die den historisierenden Begriff Rheinlande für ihre gemeinschaftliche Tradition verwendeten. Beispiele hierfür sind die Gründungen des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen 1829 in Düsseldorf, des Naturhistorischen Vereins der Rheinlande und Westfalens 1833 in Koblenz und der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde 1881 in Köln.
Das 1920 von Hermann Aubin gegründete „Institut für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande“ an der Universität Bonn, das ab 1925 von der preußischen Rheinprovinz mitfinanziert wurde, hatte ursprünglich den politischen Hintergrund, zur Abwehr französischer Ansprüche die landes- und kirchengeschichtlichen, alltagsgeschichtlichen, sozialen und linguistischen Gemeinschaftsstrukturen dieser übergreifenden Gebiete am Rhein zu erforschen. Das ehemalige Institut wird heute als „Abteilung der Rheinischen Landesgeschichte“ des Instituts für Geschichtswissenschaft an der Universität Bonn weitergeführt und arbeitet eng mit dem 1925 gegründeten „Verein für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande“ zusammen.
Die Forschungsthemen auf diesem Gebiet haben sich bis heute wenig geändert, konzentrieren sich jedoch heute frei von diesen politischen Bestrebungen auf eine Kernregion des Rheins von Koblenz bis Düsseldorf unter Einbeziehung der Eifel. Verschiedene heimatkundliche Vereine, die ebenfalls in der Zeit der Weimarer Republik gegründet wurden, wirken eng mit diesem Institut auf dieser Verständnisbasis der Kernregion zusammen.
Eine gängige aktuelle Auslegung des „Rheinischen“ vom siedlungs- und kunsthistorischen Standpunkt bezieht sich auf ein Kerngebiet zwischen der Maas als Westgrenze, der Mosel als Süd- und dem Rhein als Ostgrenze. Etwas erweitert wird dieses Kerngebiet noch um die Areale südlich der Nahe bis zum Pfälzerwald und dem schmalen rechtsrheinischen Streifen zwischen Emmerich und dem Rheingau.
Der „Geschichtsforschungen Rheinlande Verlag“ gibt Einzelpublikationen zu speziellen Kulturdenkmälern des Gebiets heraus.
Im Zuge der nationalen Begeisterung nach dem von Frankreich erklärten Deutsch-Französischen Krieg 1870/71, der mit der Wiedereroberung linksrheinischer Oberrhein-Gebiete (Elsass und Lothringen) endete, kam die Tendenz auf, den Rheinlande-Begriff weiter auszulegen als es nach der altfränkisch-karolingischen Tradition sinnvoll wäre.
Der erste Reiseführer über die „Rheinlande“ von Karl Baedeker hatte in seiner Erstausgabe von 1854 den Oberrhein beiderseits bis Basel mit einbezogen. Dies wurde auch in den Folgeauflagen bis zum Ersten Weltkrieg beibehalten. In dieser gesamtrheinischen Tradition, die den Begriff auf den Fluss von der Quelle bis zur Mündung bezieht und das Elsass sowie Lothringen integriert, verstand sich auch die von Wilhelm Schäfer von 1900 bis 1922 herausgegebene Zeitschrift Die Rheinlande. „Das Rheinische“ war für Schäfer schlichtweg „das Deutsche“. Nach 1918, als das Elsass und Lothringen wieder an Frankreich zurückfielen, wurden aus dem Ressentiment über den Versailler Vertrag heraus von großdeutsch denkenden Geografen wie Friedrich Metz die Oberrheinlande (Gebiete beiderseits des Oberrheins) als einheitlicher deutscher Kulturraum postuliert. Kritiker haben in diesem Verständnis eine Vorstufe zum nationalsozialistischen Ansatz gesehen, der mit dem „rheinischen Deutschland“ bzw. der „rheinischen Zone“ den ganzen Rhein als deutschen Kulturraum zwischen der Schweiz und den Niederlanden meinte (z. B. Gustav Braun, 1936). Diese Kritik ist aber wohl schon deshalb überzogen, weil sich im Elsass bis heute der spezifische, deutsche Dialekt erhalten hat und die über Jahrhunderte entwickelte Kultur mit Straßburg als eine der glänzendsten Reichsstädte ihre Wurzeln im alten deutschen Reich hat. Badener und Elsässer sind geografische Nachbarn und als Alemannen auch ethnisch-kulturell Verwandte. Insofern gibt es mehr ursprüngliche, gemeinsame kulturelle Verflechtungen und Identitäten als zu den französischen Kernlanden. Ähnliches trifft für das Gebiet des ehemaligen fürstbischoflichen Basel zu.
Nach 1945 spielen von Deutschland ausgehende völkische Konzepte keine Rolle mehr. Allerdings hat Frankreich nach dem Krieg erneut versucht, die seit dem 17. Jahrhundert stets und nachhaltig verfolgte „natürliche“ Ostgrenze am Rhein „endlich“ zu etablieren (so die Forderung General de Gaulles im Herbst 1945 vor Offizieren, ähnlich wiederholt 1959). So hatten 1840 massive Forderungen mit Kriegsdrohungen Frankreichs in den deutschen Staaten zu Abwehr- und Verteidigungshaltungen geführt, verkörpert in dem Lied Die Wacht am Rhein. Seitens Deutschland waren territoriale Erweiterungen nach Westen nie beabsichtigt – ausgenommen der Sonderfall des im 17. Jahrhundert von Frankreich militärisch aus dem Reichsverband herausgebrochene Elsass-Lothringen. Vom kunst- und kulturhistorischen Standpunkt hat sich jedoch, auch wenn der Oberrhein außen vor bleibt, eine großzügige Auslegung des Rheinlande-Begriffs gehalten. Der Geschichtliche Atlas der Rheinlande, dessen Vorläufer Geschichtlicher Atlas der Rheinprovinz unter Wilhelm Fabricius 1897 bereits die Preußischen Rheinlande zum räumlichen Inhalt hatte, unterstützte in den von 1981 bis 2008 herausgegebenen Kartenblättern einen erweiterten Kulturraum beiderseits des Rheins zwischen der niederländischen Grenze und Mainz südlich bis in die Pfalz (Bayern) hinein. Untersucht wurden die verschiedensten kulturhistorischen Aspekte.
Auch Reclams Kunstführer „Rheinlande – Westfalen“ (Ausgabe von 1959) ist – unter Einbeziehung Rheinhessens – um eine ganzheitliche Erfassung der Baudenkmäler beiderseits des Rheins bis Mainz bemüht. Auch einige zeitgenössische Kunstreiseführer sehen das Gebiet um Mainz als Grenze zwischen zwei architekturgeschichtlich und ikonografisch unterschiedlichen Kunstregionen am Rhein.
Gängige geografische Definition
Der Begriff Rheinland ist zwar geowissenschaftlich nicht genau definierbar, wird aber seit der Nachkriegsordnung im Sprachgebrauch fast einheitlich verwendet:
Der rheinische Anteil Nordrhein-Westfalens grenzt im Norden und Westen an die Niederlande sowie im Südwesten an Belgien und im Osten an Westfalen. Der rheinland-pfälzische Teil grenzt im Westen an Belgien und Luxemburg, im Südwesten an das (früher ebenfalls zum Rheinland gezählte) Saarland und im Süden an das Nordpfälzer Bergland und die Rheinhessische Schweiz. Östlich stößt er an Hessen, nordöstlich an Westfalen. Die höchste Erhebung des nordrhein-westfälischen Landesteils ist der in der Eifel gelegene Berg Weißer Stein mit 689 m. Der Erbeskopf im Hunsrück ist mit 816 m die höchste Erhebung des rheinland-pfälzischen Landesteils und damit des Rheinlandes insgesamt und auch der höchste deutsche Berg links des Rheins, der das Land von Südosten nach Nordwesten durchfließt. Zwischen Bingen und Bonn zerschneidet jener das Rheinische Schiefergebirge. Die die Norddeutsche Tiefebene begrenzende Mittelgebirgsschwelle verläuft östlich des Rheins am Unterlauf der Ruhr entlang, dann in südlicher Richtung ungefähr auf der Linie Mülheim an der Ruhr–Solingen–Bergisch Gladbach–Bonn, dann westlich bis nordwestlich in einem Bogen über Düren nach Aachen.
Landschaften
Bevölkerung und Religion
Die Bevölkerung des Rheinlandes setzte sich bis in die Spätantike aus Angehörigen keltischer und germanischer Stämme zusammen sowie aus Romanen und anderen Menschen, die ihre Wurzeln im gesamten Römischen Reich hatten. Beispielsweise gab es bereits im Jahr 321 eine jüdische Gemeinde in Köln. In der Zeit der Völkerwanderung kam es zur Landnahme der germanischen Franken. Sie wurden zur gesellschaftlichen Führungsschicht verdrängten die alteingesessene Bevölkerung jedoch nicht, sondern verschmolzen allmählich mit ihnen. Am Niederrhein ließen sich die Salfranken nieder. Weiter südlich, um Köln, siedelten die Ripuarischen oder Rheinfranken, und entlang der Mosel, am Mittelrhein um Koblenz und entlang der Lahn die Moselfranken. Im nördlichen Rheinland hinterließen auch die niedersächsischen Westfalen ihre Spuren.
Orts- und Familiennamen spiegeln diese ethnische Vielfalt bis heute wider. So deuten Orte, die auf „-heim“ enden, auf fränkische Gründungen hin, während die linksrheinischen, von den Römern gegründeten Städte meist ihre lateinische Namen in germanisierter Form beibehielten. Es überdauerten aber auch noch ältere, keltische Ortsbezeichnungen, die beispielsweise auf „-acum“ (im neuhochdeutschen „-ach“) endeten, wie etwa Andernach oder Bacharach.
Auf die Römerzeit gehen sowohl z. B. der Weinbau an Rhein, Mosel und anderen Nebenflüssen zurück als auch die Verbreitung des Christentums. Bereits in Römerzeit waren Köln, Trier und Mainz Bischofssitze. Ab dem Ende des 5. Jahrhunderts, nach der Taufe ihres Königs Chlodwig I., bekannten sich auch die Franken nach und nach zum Katholizismus. Er ist der bis heute das dominierende religiöse Bekenntnis im Rheinland, was auf den jahrhundertelangen Einfluss der drei geistlichen Kurfürstentümer zurückzuführen ist. Seit der Reformation im 16. Jahrhundert konvertierten einige weltliche Landesherren und wegen des Grundsatzes „Cuius regio, eius religio“ in der Foge auch ihre Untertanen zum Protestantismus. Daher leben im Bergischen Land, am nördlichen Niederrhein oder in den zur Kurpfalz gehörigen Gebieten mitunter auch mehrheitlich Lutheraner oder Calvinisten. Aufgrund der Einwanderung vor allem türkischer Arbeitsmigranten seit den 1960er Jahren leben heute auch zahlreiche Muslime im Rheinland, hauptsächlich in den Ballungsräumen.
Gemeinwesen
Kreisfreie Städte
Nordrhein-Westfalen:
Aachen, Bonn, Düsseldorf, Duisburg, Essen, Köln, Krefeld, Leverkusen, Mönchengladbach, Mülheim an der Ruhr, Oberhausen, Remscheid, Solingen, Wuppertal
Rheinland-Pfalz:
Koblenz, Trier, Mainz
Kreise/Landkreise
Nordrhein-Westfalen:
Kleve, Wesel, Viersen, Heinsberg, Rhein-Kreis Neuss, Mettmann, Rhein-Erft-Kreis, Rheinisch-Bergischer Kreis, Oberbergischer Kreis, Rhein-Sieg-Kreis, Euskirchen, Düren, Städteregion Aachen; der Kreis Borken zählt zu Westfalen, die kreisangehörige Stadt Isselburg lag indes bis zur Auflösung des Kreises Rees 1975 im Gebiet des LVR.
Rheinland-Pfalz:
Altenkirchen (Westerwald), Westerwaldkreis, Neuwied, Ahrweiler, Mayen-Koblenz, Rhein-Hunsrück-Kreis, Cochem-Zell, Bernkastel-Wittlich, Vulkaneifel, Bitburg-Prüm, Trier-Saarburg, Birkenfeld, Bad Kreuznach, Rhein-Lahn-Kreis, Mainz-Bingen
Hessen:
Rheingau-Taunus
Kultur
So ungebräuchlich der Begriff „Rheinlande“ für die historischen Gebiete im 21. Jahrhundert geworden ist, umso mehr besteht dennoch unverändert ein großes Interesse an der historischen und aktuellen Region Rheinland. Neben der Erforschung der historischen Fakten werden auch die Zusammenhänge für die Veränderungen bis zu den aktuellen Verhältnisse in Politik, Kultur, Bevölkerungsentwicklung und Wirtschaft untersucht. In einer von Gunter E. Grimm und Bernd Kortländer 2005 herausgegebenen Aufsatzsammlung „Rheinisch. Zum Selbstverständnis einer Region“ werden dazu – abgesehen von den bekannten geografischen, historischen und politischen Zusammenhängen – aus unterschiedlichen Blickwinkeln auch noch die im Folgenden beschriebenen Themenkreise ausführlicher untersucht.
Sprache
Auf dem Gebiet der ehemaligen preußischen Rheinprovinz werden kleverländische, südniederfränkische, ripuarische, moselfränkische und rheinfränkische Dialekte gesprochen, die sich so sehr voneinander unterscheiden, dass von einem homogenen rheinischen Dialektraum keine Rede sein kann. Sprachliche Übergänge markiert der Rheinische Fächer, wobei zu beachten ist, dass die Grenzen der einzelnen Dialekte ineinander übergehen und keine starren Begrenzungslinien vorhanden sind.
Im nördlichen Rheinland, am Niederrhein bzw. partiell im Bergischen, nördlich der Benrather Linie (Maken/Machen-Isoglosse), herrschen die niederfränkischen, vom Standarddeutschen beeinflussten, aber gleichwohl als Dialekte des Niederländischen klassifizierten Dialekte vor: Kleverländisch und Limburgisch (Südniederfränkisch) beiderseits der den Niederrhein teilenden Uerdinger Linie (Ick/Ich-Isoglosse). Südniederfränkisch kann als Übergangsmundart zwischen niederfränkischem und hochdeutschem Sprachgebiet betrachtet werden.
Die Gebiete südlich davon liegen im westmitteldeutschen Teil des hochdeutschen Sprachgebiets: Bis in etwa der Landesgrenze zwischen Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, genauer gesagt bis zur Vinxtbach-Linie (Dorp/Dorf-Isoglosse) wird der nördliche mittelfränkische Dialekt des Ripuarischen, auch als „kölsche Mundart“ bekannt, gesprochen, während es sich südlich dieser Linie um ebenfalls mittelfränkisches Moselfränkisch handelt. Östlich bzw. südlich der Sankt Goarer Linie (Dat/Das-Isoglosse) beginnen die rheinfränkischen Mundarten, zu denen auch Rheinhessisch zählt.
Im aktuellen Kreis Kleve und Teile des Kreises Wesel lässt sich streiten, ob der ursprüngliche Dialekt ein deutscher mit starkem niederländischen Einfluss oder ein niederländischer mit starkem deutschen Einfluss war. Als die Preußen im Vertrag von Utrecht 1713 weitgehend den nördlichen Teil der Oberquartiers vom ehemaligen Herzogtum Geldern übernahmen, wurde in diesem Gebiet weitgehend ein niederländischer Dialekt gesprochen.
Diese Sprachverteilung, Verwendung von kleverländischen Dialekten, änderten sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts in diesen Gebieten nicht. Es folgte von 1794 bis 1814 die Zeit unter französischer Oberhoheit, in der zusätzlich noch französisch teilweise gesprochen wurde. Erst als 1815 die Preußen für dieses Gebiet wieder zuständig wurden änderte sich dies. Die Preußen führten nun im 19. Jahrhundert als alleinige Schulsprache Deutsch ein, wodurch der Gebrauch des Holländischen immer stärker verdrängt wurde.
Übergreifende Untersuchungen phonetischer Besonderheiten der gesprochenen Hochsprache sowie regionaler Einfärbungen der historischen Schriftsprache beispielsweise in Gerichtsurkunden haben jedoch ergeben, dass, unter Berücksichtigung mehrerer sprachhistorischer Überlagerungsschübe, durchaus gemeinsame Merkmale der rheinischen Regiolekte auf einem großflächigen Terrain zwischen Nieder- und Mittelrhein vorliegen.
Dokumentiert werden die Dialekte der Rheinlande im Rheinischen Wörterbuch.
Küche
Eine einheitliche Rheinische Küche, die alle Gebiete zwischen Nahe im Süden und Niederlande im Norden abdeckt, gibt es nicht. In ländlichen Gebieten insbesondere am Niederrhein, in der Eifel und im Großraum Mosel bis zur Nahe waren viele Menschen bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts Selbstversorger. Kartoffeln, Kohl, Möhren, Lauch, Sellerie, Spinat, Salat, Gurken und Äpfel waren die autark erzeugten Grundnahrungsmittel, die im Sommer reichlich vorhanden waren und für den Winter konserviert wurden. Als Alltagsküche dienten vornehmlich Suppen und Eintöpfe, Speisen wurden gelegentlich mit deftigen Wurstresten angereichert (z. B. Himmel und Erde). Katholischer Tradition entspringend gab es Fleisch meist nur sonntags, häufig aus eigener Schlachtung. Der Freitag war besonders in den Gebieten, die im Bereich von Gewässern lagen, ein Fisch-Tag. Dieser wurde sowohl von Fischern gefangen und auf Märkten angeboten wie auch selbst geangelt: Aal, Forelle, Barsch, Lachs, zur Saison auch Muscheln rheinische Art. Traditionelle Festtagsgerichte im Gegensatz zur einfachen Alltagsküche (z. B. Rheinischer Sauerbraten, Martins- und Weihnachtsgans, Karpfen blau zu Silvester) wurden im gesamten Rheinland bewusst gepflegt.
Ab ca. 1970 gingen wie überall in Westdeutschland die regionalen Traditionen zunächst in den urbanen Zentren, später aber auch im „Vüürjebersch“ zu Gunsten internationaler Einflüsse zurück. Auch kleine Orte hatten alsbald ihren eigenen „Italiener“ bzw. „Griechen“. Im 21. Jahrhundert bemühen sich einige Gastronomen, die überlieferten ländlichen Rezepturen verfeinert wieder auf den Tisch zu bringen. Im Vergleich zu anderen deutschen Regionalküchen hat eine „rheinische Küche“ jedoch noch keine außerhalb der Rheinlande wahrgenommene Beachtung erfahren.
Die Weinkultur an Mittelrhein, Ahr und Mosel-Saar-Ruwer ist von dieser regionalen Einschränkung nicht betroffen.
Literatur und Malerei
Der Rhein als mythologische Landschaft wurde durch die deutsche Romantik zu Beginn des 19. Jahrhunderts teils entdeckt, teils überhaupt erst geschaffen. Unter der Sammelbezeichnung Rheinromantik fand das künstlerische Schaffen vor allem in der Landschafts-, Genre- und Historienmalerei, etwa in den Werken der Düsseldorfer Malerschule, und in der Literatur seinen Ausdruck. Malerei und Literatur spielten sich die rheinischen Sujets wechselseitig zu.
Die Erfahrung der französischen Okkupation, die den Rhein als deutschen Kulturraum zu einem zentralen Thema gemacht hatte, wurde von unterschiedlichen Autoren ebenso unterschiedlich bewertet. Während der Düsseldorfer Heinrich Heine, der sich selbst als „des freien Rheins noch weit freierer Sohn“ bezeichnete, der napoléonischen Zeit positive Aspekte abgewinnen konnte, vereinnahmte der aus Rügen stammende Ernst Moritz Arndt den Rhein im Sinne des entstehenden Nationalismus als „Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze“. Wie Arndt waren nicht alle Schriftsteller der Rheinromantik selbst Rheinländer. So kam zwar Clemens Brentano aus Koblenz-Ehrenbreitstein, Friedrich Schlegel dagegen aus Hannover.
Vermehrt wurden in der Zeit nach 1800 auch rheinischen Sagen und Mythen gesammelt. Diese beziehen sich schwerpunktmäßig auf das etwa 130 Kilometer lange Engtal des Mittelrheins zwischen Bingen und Bonn mit seinen alten Städten, Dörfern und Burgen. Das bekannteste Thema der Rheinromantik ist der Lorelei-Mythos, der aber nicht auf eine alte Volkssage zurückgeht, sondern auf Brentanos Ballade „Lore Lay“ von 1800. Er selbst griff das Sujet in seinen Rheinmärchen 1846 wieder auf, während es seinen populärsten Ausdruck 1824 in Heines Gedicht „Die Lore-Ley“ fand, das später von Friedrich Silcher vertont wurde (Ich weiß nicht, was soll es bedeuten). Sowohl alte Märchen und Legenden, als auch neuere Kunstsagen und literarische Werke des 19. Jahrhunderts trugen zu einem rheinischen Regionalbewusstsein bei, das damals gerade erst im Entstehen begriffen war.
Als ausgebildeter geografischer Siedlungs- und Kulturraum erscheint die Region erstmals in der von Wilhelm Schäfer herausgegebenen Zeitschrift Die Rheinlande. Schäfer propagierte das „Volkstümliche“ als Dreh- und Angelpunkt literarischer Kunst, interessierte sich vor diesem Hintergrund für rheinische Stoffe (Anekdoten, Sagen, Märchen) und gab auch eigene Texte heraus („Die unterbrochene Rheinfahrt“, 1913). Er bezeichnete sich selbst als erster „Rheinischer Dichter“.
Zum Bund rheinischer Dichter schlossen sich 1926 in Koblenz über 100 Autoren zusammen, die den Rhein in ihren Werken thematisierten. Dabei ist die gesamte deutschsprachige Rheinlandschaft gemeint. Zur Kerngruppe gehörten z. B. Adolf von Hatzfeld, Jakob Kneip, Alfons Paquet, Dettmar Heinrich Sarnetzki, Josef Winckler, Herbert Eulenberg, Kasimir Edschmid, Reinhard Goering, Josef Ponten, René Schickele, Walter Kordt, Heinrich Lersch, Alfred Mombert, Rudolf G. Binding, Leo Sternberg und Willi Schäferdiek. Sie trafen sich regelmäßig zu Arbeitstagungen und gaben Manifeste heraus. Das „rheinische“ Selbstverständnis, das diese Autoren verband, wurzelt in den literarischen Stoffen, die ihre Kreativität inspirierten, und ist konkret nur sehr schwer zu fassen. Im Nationalsozialismus musste der Bund seine Aktivitäten einstellen.
Als zeitgenössische Ausprägung rheinischer Literatur hat Helge Drafz die seit ca. 1980 aufgekommenen Regional-Krimis aus den Rheinlanden beschrieben. Bekannt sind die Eifel-Krimis von Jacques Berndorf, die Niederrhein-Krimis von Artur Leenders, Michael Bay und Hiltrud Leenders (auch Trio Criminale genannt), sowie die Köln-Krimis von Christoph Gottwald. Auch die im Rheinland angesiedelten Tatort-Folgen werden als Beispiele für Lokalkolorit in diesem Zusammenhang genannt.
Musik
An Versuchen, das Konzept einer „rheinischen Musik“ zu entwerfen, hat es in der Weimarer Republik nicht gefehlt. Die Musikhistoriker Willi Kahl und Ludwig Schiedermair postulierten in Ludwig van Beethovens Musik den Inbegriff des Rheinischen als pars pro toto für das genuin Deutsche: das Temperamentvolle, Lebensbejahende, Volkstümliche und Melodische dieser Musik wird herauskristallisiert, bleibt aber ein vages Konstrukt.
Rheinische Musik bedeutet nach dem Verständnis der Musikhistoriker nicht die schiere Beschäftigung mit rheinischen Stoffen. So kommt niemand auf die Idee, Richard Wagner mit seiner im Siebengebirge angesiedelten Sage des Ring des Nibelungen damit zu assoziieren. Ebenso wenig spielt Robert Schumanns Rheinische Sinfonie (1850) für ein rheinisches musikalisches Selbstverständnis eine Rolle, denn diesen Beinamen erhielt das Werk lediglich von seinem Düsseldorfer Konzertmeister; der Zwickauer Komponist kam erst im Alter von 40 Jahren an den Rhein, in dem er sich drei Jahre später umzubringen versuchte.
Jene Musikhistoriker, die Beethoven als Quintessenz des Rheinischen favorisierten, sahen in der Volksmusik des rheinischen Karnevals eine „artfremde“ Degeneration des „Berliner Schlagers“ (Willi Kahl). Landläufig werden jedoch heute die Wein, Weib und Gesang thematisierenden Lieder aus dem Karneval häufig als charakteristische „rheinische Musik“ verstanden und auch mit einer dementsprechenden „rheinischen Mentalität“ (Frohnatur, kontaktfreudig, feinsinnig-humorvoll) assoziiert.
Im 21. Jahrhundert ist Köln erneut ein Zentrum zeitgenössischer Musikkultur. Die Provenienz von Bläck Fööss, Höhner, Brings ist im Karneval angesiedelt, die Performance jedoch schon lange nicht mehr auf diesen beschränkt.
Insgesamt ist alles das, was „Rheinische Musik“ genannt werden könnte, so vielschichtig, dass ein solcher Begriff per definitionem problematisch wäre. Es handelt sich deshalb auch nicht um einen wissenschaftlich etablierten Begriff. Mit dem rheinischen Volkslied hat sich der Musikwissenschaftler Professor Ernst Klusen, zeitweise Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für rheinische Musikgeschichte, in zahlreichen Arbeiten beschäftigt.
Brauchtum
Besonders bekannt ist im Rheinland der Karneval. Besonders der Karneval in Köln, Bonn und Düsseldorf ist auch überregional bekannt, ebenso wie die traditionelle Rivalität zwischen Köln und Düsseldorf, die sich unter anderem in ihren verschiedenen Karnevalsrufen („Alaaf“ für Köln, „Helau“ für Düsseldorf) sowie in Meinungsverschiedenheiten über den Geschmack der jeweiligen regionalen Biersorten (Alt in Düsseldorf, Kölsch in Köln) ausdrückt. In kleineren Städten und auf dem Lande wird der Karneval auch gefeiert, hier ist oft die ganze Bevölkerung an den traditionellen Umzügen beteiligt. (Siehe Aachener Karneval, Bonner Karneval, Düsseldorfer Karneval, Eschweiler Karneval, Kölner Karneval, Koblenzer Karneval, Herschbacher Karneval, Neusser Karneval.)
Ebenfalls traditionelles Brauchtum stellen die Schützenfeste am Niederrhein und darüber hinaus dar. Besonders das Neusser Bürger-Schützenfest ist aufgrund seiner hohen Teilnehmerzahl (über 6000 Aktive) bekannt. Die alljährlich für die Dauer von neun Tagen stattfindende Annakirmes in Düren gilt mit rund einer Million Besucher als eines der größten Volksfeste im Rheinland.
UNESCO-Welterbe
Bislang wurden eine Reihe von Sehenswürdigkeiten bzw. Ensembles aus dem Rheinland in die UNESCO-Liste des Welterbes aufgenommen:
1978: Der Aachener Dom in Aachen
1984: Die Schlösser Augustusburg und Falkenlust in Brühl
1986: Römische Baudenkmäler, Dom und Liebfrauenkirche in Trier
1996: Der Kölner Dom in Köln
2001: Die Zeche Zollverein in Essen
2002: Die Kulturlandschaft Oberes Mittelrheintal zwischen Bingen und Koblenz
2005: Der 550 km lange Obergermanisch-Rätische Limes zwischen Rheinbrohl und Eining (länderübergreifend)
Bekannte Rheinländer
Konrad Adenauer (1876–1967), Oberbürgermeister von Köln, erster Bundeskanzler der Bundesrepublik
Franz-Josef Antwerpes (* 1934), Politiker, 1979–1999 Regierungspräsident des Regierungsbezirks Köln
August Bebel (1840–1913), Arbeiterführer, Mitbegründer der SPD
Ludwig van Beethoven (1770–1827), Musiker und Komponist
Joseph Beuys (1921–1986), bildender Künstler und Aktionskünstler
Hildegard von Bingen (um 1098–1179), Mystikerin und Medizinerin
Heinrich Böll (1917–1985), Schriftsteller, Nobel-Preisträger
Wolfgang Bosbach (* 1952), Politiker
Carl Bosch (1874–1940), Chemiker, Techniker und Industrieller
Clemens Brentano (1778–1842), Schriftsteller der Romantik
Max Bruch (1838–1920), Komponist und Dirigent
Johannes Bückler (1779–1803), Räuber, bekannt als Schinderhannes
Theo Burauen (1906–1987), Politiker, Oberbürgermeister von Köln
Jupp Derwall (1927–2007), Bundestrainer der deutschen Fußballnationalmannschaft
Friedrich Engels (1820–1895), Politiker, Unternehmer, Philosoph und Historiker
Tommy Engel (* 1949), Kölner Musiker
Max Ernst (1891–1976), Maler, Grafiker und Bildhauer
Campino (Andreas Frege) (* 1962), Düsseldorfer Punkmusiker
Joseph Frings (1887–1978), Kardinal und Erzbischof von Köln
Valéry Giscard d’Estaing (1926–2020), Politiker, französischer Staatspräsident
Stefan George (1868–1933), Lyriker
Joseph Goebbels (1897–1945), NS-Propagandaminister
Joseph Görres (1776–1848), katholischer Publizist
Gustaf Gründgens (1899–1963), Schauspieler, Theaterregisseur und Intendant
Heinrich Heine (1797–1856), Dichter und Schriftsteller
Paul Henckels (1885–1967), Schauspieler
Trude Herr (1927–1991), Schauspielerin und Sängerin
Karl der Große (747/748–814), König des fränkischen Reiches, später römischer Kaiser
Heidi Klum (* 1973), Fotomodell und Schauspielerin
Adolph Kolping (1813–1865), Priester, „Gesellenvater“, Gründer des Kolpingwerks
Heino (Heinz-Georg Kramm) (* 1938), Schlagersänger
Jürgen von Manger (1923–1994), Komiker und Kabarettist
Karl Marx (1818–1883), Philosoph und Begründer des Kommunismus
Wilhelm Marx (1863–1946), Reichskanzler
Gerhard Mercator (1512–1594), Kartograf und Mathematiker
Klemens Wenzel Fürst von Metternich (1773–1859), österreichischer Staatskanzler und Außenminister
Franz Meurer (* 1951), Priester, erster Kölner alternativer Ehrenbürger
Willy Millowitsch (1909–1999), Volksschauspieler und Theaterleiter
Marius Müller-Westernhagen (* 1948), Musiker und Schauspieler
Günter Netzer (* 1944), Fußballer und Unternehmer
Oswald von Nell-Breuning (1890–1991), katholischer Theologe, Jesuit, Nationalökonom und Sozialphilosoph
Wolfgang Niedecken (* 1951), Begründer der Kölner Band BAP
Jacques Offenbach (1819–1880), Komponist
Willi Ostermann (1876–1936), Kölner Liedermacher und Karnevalsurgestein
Volker Pispers (* 1958), Kabarettist
Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818–1888), Sozialreformer
Johannes Rau (1931–2006), Politiker (u. a. Bundespräsident, Ministerpräsident von NRW)
Ferdinand Ries (1784–1838), Komponist, Pianist und Orchesterleiter
Wilhelm Conrad Röntgen (1845–1923), Physiker
Ferdinand Sauerbruch (1875–1951), Chirurg
Adam Schall von Bell (1592–1666), Jesuit, Wissenschaftler und Chinamissionar
Elsa Scholten (1902–1981), Volksschauspielerin
Michael Schumacher (* 1969), Autorennfahrer
Carl Schurz (1829–1906), Revolutionär der 1848er Revolution, Innenminister der USA
Alice Schwarzer (* 1942), Frauenrechtlerin, Schriftstellerin und Herausgeberin der Zeitschrift Emma
Hella von Sinnen, eigentlich Hella Kemper (* 1959), Fernsehunterhalterin und Komikerin
Karlheinz Stockhausen (1928–2007), Komponist
August Thyssen (1842–1926), Industrieller
Wolf Vostell (1932–1998), Künstler
Heinrich Welsch (1848–1935), Lehrer, Vorbild für den „Lehrer Welsch“ im Kölner Karnevalslied En dr Kayjass Nummer Null
Wim Wenders (* 1945), Regisseur
Rheinhandel
Der bereits von den Römern betriebene Fernhandel auf dem Rhein mit Schiffen wurde sowohl während des Mittelalters wie auch in der Neuzeit fortgeführt. Ab dem Mittelalter war der Zoll, der für den Transport der Güter auf dem Rhein erhoben wurde, eine wichtige Geldquelle sowohl für die „rheinischen Kurfürsten“ (Kurtrier, Kurköln, Kurmainz und Kurpfalz) wie auch die anderen Herrscher am Rhein. Das Zollprivileg war begehrt und es wurde häufig darum gestritten. Durch die Einnahmen konnte das umlaufende Gold, Silber oder auch Kupfer aufgekauft und ausgemünzt werden, wenn dazu auch das Münzrecht erteilt worden war. Dieses Münzrecht ließen sich 1356 die Kurfürsten in der Goldenen Bulle verbriefen. In Gestalt des so entstandenen Rheinischen Münzvereins und seiner gemeinsamen Währung, des Rheinischen Guldens, schuf dieser Interessenverbund einen Währungsraum, der den Handel erleichterte und das Raumbewusstsein mitprägte. Die Treffen, die die Kurfürsten von Trier, Köln, Mainz und der Pfalz seit dem Spätmittelalter abhielten, wurden „rheinische Kurfürstentage“ genannt. Erst 1831 wurden die Rheinzölle im Bereich des deutschen Rheins abgeschafft und 1868 mit der „Revidierten Rheinschifffahrtsakte“ die letzten Behinderungen des Handels für den gesamten Rhein aufgehoben.
Bedeutendes Zentrum für den Rheinhandel war seit der Römerzeit die Stadt Köln. Durch verbriefte Rechte wie das Stapel- und das Umschlagsrecht beherrschten die Kölner Händler weitgehend den Handel über den Rhein bis zum 19. Jahrhundert. Basis des Handels war der Transport der Güter mit kleinen Schiffen. Dies war rheinabwärts mit der Strömung einfach, während rheinaufwärts über Jahrhunderte nur mit Wind über Schiffssegel oder durch Treideln von Menschen oder Zugvieh (Pferde oder Ochsen) mit einem Seil die Schiffsbewegung möglich war. Mit der Entwicklung der Dampfmaschinen wurden ab etwa Mitte des 19. Jahrhunderts durch dampfbetriebene Schiffe der Transport besonders rheinaufwärts deutlich einfacher und das Volumen des Handels wuchs stark an. Der besonders auf Elbe und Main von etwa 1850 bis Mitte der 1880er Jahre durchgeführte Transport mittels Tauerei wurde auf dem Rhein dagegen nicht angewandt.
IHK-Initiative Rheinland
Seit 2010 wird von den IHK-Kammerbezirken Aachen, Mittlerer Niederrhein, Düsseldorf, Köln und Bonn/Rhein-Sieg die Idee einer Metropolregion Rheinland, die sich über die Kammerbezirke erstreckt, pressewirksam kommuniziert. Die seit Oktober 2010 auf der Expo Real in München kommunizierte Gründung einer Metropolregion Rheinland ist aber eher als Marketingoffensive zu verstehen denn als tatsächlich strukturpolitisch tätige Metropolregion, wie sie durch die Ministerkonferenz für Raumordnung definiert wurde. Die IHK-Initiative ist ein erster Schritt, die Region Rheinland auf sich selber aufmerksam zu machen, muss sich aber eher über Themen als über räumliche Zuschnitte (Kammerbezirkszuschnitt) finden. Eine Metropolregion Rheinland braucht neben dem rein wirtschaftlichen Motor der IHK auch die gesellschaftliche und soziale Entwicklung des Verdichtungsraumes.
Sonstiges
Kurrheinischer Reichskreis und Niederrheinisch-Westfälischer Reichskreis waren Reichskreise im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation.
Die Soziale Marktwirtschaft, die unter Bundeskanzler Konrad Adenauer und seinem Wirtschaftsminister Ludwig Erhard entwickelt wurde, wird auch Rheinischer Kapitalismus genannt – als mildere Form des Kapitalismus in Abgrenzung zum Manchesterkapitalismus.
Das Gebiet des Fußballverbandes Rheinland deckt das nördliche Rheinland-Pfalz ab.
Die Städte Aachen, Bonn, Köln und Düsseldorf bilden das geographische Kerngebiet der ChemCologne-Region.
Die Koordinierungs-, Kontakt- und Beratungsstelle für Menschen mit Behinderungen ist ein Unterstützungsangebot im Rheinland.
Literatur
Karl Joseph Simrock: Das malerische und romantische Rheinland, 1851.
Paul Wentzcke, Hans Arthur Lux: Rheinland. Geschichte und Landschaft, Kultur. Deutsche Kunst- und Verlagsanstalt, 1925.
Robert Sieger: Über die Rheinlande. In: Deutsche Rundschau, November 1926.
Walter Marsden: The Rhineland. Hastingshouse Daytrips Publ., 1973, ISBN 0-8038-2070-4. (engl.)(vollständige Online-Version auf Google Books).
Franz Petri und Georg Droege (Hrsg.): Rheinische Geschichte in drei Bänden. Düsseldorf 1978–1979.
Falk Wiesemann u. a.: Zur Geschichte und Kultur der Juden im Rheinland. Schwann, Düsseldorf 1985.
Bernd Kortländer/Gunter E. Grimm (Hrsg.): Rheinisch. Zum Selbstverständnis einer Region, J. B. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar 2001.
Jörg Engelbrecht: Das Rheinland. In: Werner Buchholz (Hrsg.): Das Ende der Frühen Neuzeit im „Dritten Deutschland“. Bayern, Hannover, Mecklenburg, Pommern, das Rheinland und Sachsen im Vergleich (= Historische Zeitschrift, Beihefte, Bd. 37), München 2003, S. 121–133 ().
Fritz Dross: Von der Erfindung des Rheinlandes durch die rheinische Landesgeschichte. In: Jahrbuch für Regionalgeschichte 23 (2005), S. 13–34.
Helmut Rönz, Thomas Becker, Dominik Geppert (2019): Das Rheinland auf dem Weg nach Preußen 1815–1822
Weblinks
Rheinsemantik: Vom Ende des Rheins und dem Anfang des Rheinlands. Der Begriff „Rheinland“ in der Frühen Neuzeit, Webseite im Portal histrhen.landesgeschichte.eu
Das Rheinland unter den Franzosen beim Landschaftsverband Rheinland – Geschichte des Rheinlands mit mehreren Unterseiten
Das Rheinland in NRW, Wissensarchiv WDR
Anmerkungen
Einzelnachweise
Namensgeber für einen Asteroiden
Kulturraum in Europa
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Q152243
| 144.32263 |
39659
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https://de.wikipedia.org/wiki/Schlagwortnormdatei
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Schlagwortnormdatei
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Die Schlagwortnormdatei (SWD) war ein kontrolliertes Schlagwortsystem (Normdatei), das vor allem zur Sacherschließung in Bibliotheken eingesetzt wurde. Die SWD wurde von der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) in Kooperation mit verschiedenen Bibliotheksverbünden verwaltet. Die Aufnahme von Schlagwörtern in die SWD ist in den Regeln für den Schlagwortkatalog (RSWK) festgelegt. Vergleichbare Systeme in anderen Sprachen sind die Library of Congress Subject Headings (LCSH) und das Répertoire d’autorité-matière encyclopédique et alphabétique unifié (RAMEAU).
Ende April 2012 ist die SWD in der Gemeinsamen Normdatei (GND) aufgegangen.
Umfang
Die SWD enthielt Mitte 2003 etwa 600.000 Deskriptoren und rund 700.000 Nichtvorzugsbenennungen (synonyme und quasisynonyme Bezeichnungen sowie gleichbedeutende Schlagwortketten mit Verweisen auf einen Deskriptor). Die Zuwachsrate betrug etwa 5,5 % pro Jahr. Ungefähr drei Viertel der Deskriptoren beziehen sich auf Individualbegriffe (Sprachbezeichnungen, Personen, Körperschaften, Titel, Ethnographika …) und ein Viertel auf abstrakte Begriffe. Die Verknüpfung mittels hierarchischer (etwa 115.000) und assoziativer Relationen (etwa 26.000) ist nicht sehr dicht, weshalb man bei der SWD auch nicht von einem Thesaurus sprechen kann.
Die Begriffe der SWD sind zusätzlich in einer eigenen Klassifikation mit knapp 500 Klassen in 36 Hauptgruppen eingeordnet.
Struktur
Die einzelnen Begriffe sind in eine Systematik eingeordnet und enthalten zusätzlich Verweise auf Quellen, verwandte Begriffe, Vorzugsbenennung und in geringerem Umfang hierarchische Verknüpfungen. Ein vollständiger Thesaurus ist die SWD jedoch aufgrund des geringen Verknüpfungsgrades eher nicht. Die SWD stand bis Ende April 2012 online im Rahmen der Katalogdatenbank ILTIS und kostenpflichtig als BIBLIODATA zusammen mit der Personennamendatei (PND) und der Gemeinsamen Körperschaftsdatei (GKD) auf der Normdaten-CD-ROM und der Normdatei TITAN zur Verfügung.
In beiden Fällen war die Benutzeroberfläche der SWD verbesserungswürdig. Statt die SWD als Navigationsinstrument benutzerfreundlich zugänglich zu machen, wurde darauf vertraut, dass Benutzer mit der SWD und ihrer Systematik vertraut sind und das passende Schlagwort in der korrekten Ansetzungsform vor einer Recherche mitbringen. Ein Navigieren in der Systematik oder über die Verweisungen von einem Begriff zum anderen mittels Hyperlinks war nicht möglich. Die Strategie der Deutschen Nationalbibliothek, Normdatensätze kommerziell zu vertreiben, erschwerte außerdem die Weiternutzung der SWD, z. B. in anderen Begriffssystemen.
Zum Austausch von Normdatensätzen existiert ein eigenes MAB-Format. Die Verbundzentrale des Südwestdeutschen Bibliotheksverbundes (SWB) bot einen Onlinezugang (OSWD), der seit Mai 2012 für die GND (OGND) genutzt wird.
Weblinks
Hausarbeit zur SWD (Proseminar Bestandserschließung, WS 2002/2003)
Normdatei
Thesaurus
Deutsche Nationalbibliothek
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Q897080
| 87.546362 |
8250
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https://de.wikipedia.org/wiki/Schelfeis
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Schelfeis
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Als Schelfeis oder Eisschelf bezeichnet man eine große Eisplatte, die auf dem Meer schwimmt und von Gletschern, Eisströmen oder Eiskappen gespeist wird und noch mit diesen verbunden ist. Von Schelfeis spricht man, wenn die Platte mindestens zwei Meter über den Meeresspiegel ragt. In der Regel ist Schelfeis zwischen 200 und 1000 Metern dick. Kennzeichnend für Schelfeis ist, dass am äußersten Rand immer wieder Eisberge abbrechen. Dieser Prozess wird als Kalben bezeichnet.
Beschreibung und Eigenschaften
Wenn das Eis von Gletschern oder Eisströmen die Küste erreicht, schwimmt es ab einer gewissen Wassertiefe auf dem Meer auf. Die Stelle, ab der die Eismassen nicht mehr auf dem Meeresgrund stehen, sondern aufzuschwimmen beginnen, wird Aufsetzlinie (engl. Grounding Line) genannt. Dort, wo sich das Schelfeis im Wasser über felsige Untiefen schiebt, werfen sich im Eis Hügel oder Faltungen auf. Solche Eiskuppeln wirken der Bewegung des nachdrängenden Eises entgegen, so dass Spannungen entstehen. Ansonsten ist Schelfeis flach und eben, daher entstehen durch das Kalben so genannte Tafeleisberge. Dies ist die typische Form der Eisberge in der Antarktis.
Die Stabilität und der Massenhaushalt des Schelfeises sind bedeutsam für den Anstieg des Meeresspiegels. Einerseits erhöht das Schmelzen von schwimmendem (Süßwasser-)Eis geringfügig den Meeresspiegel, andererseits fließt das plastische Eis der Inlandsgletscher schneller ins Meer, wenn sich Eisschelfe vom Festland lösen. Derzeit ist noch unklar, ob der Rückzug der Schelfeiskante seit 1957 ein normaler Prozess ist oder bereits eine Auswirkung der Klimaerwärmung.
Die größten Schelfeisgebiete liegen in der Antarktis:
Ross-Schelfeis (487.000 km²)
Filchner-Ronne-Schelfeis (449.000 km²)
In der Westantarktis und der Antarktischen Halbinsel ist seit 1995 ein verstärktes Aufbrechen und Abschmelzen der Schelfeistafeln zu beobachten, was zumindest zum Teil auf den lokalen Temperaturanstieg im Zusammenhang mit der globalen Erwärmung zurückzuführen ist.
1995 löste sich das Larsen-A-Schelfeis auf, 2002 folgte das Larsen-B-Eisschelf. 2008 und 2009 brachen Teile des Wilkins-Schelfeises auf, welche bisher die Verbindung zur Charcot-Insel darstellten.
Aktuelle Aufnahmen des Wilkins-Schelfeises finden sich auf der von der ESA angebotenen ‘Webcam’ from Space.
Weblinks
www.esa.int: ‘Webcam’ from Space, Envisat Advanced Synthetic Aperture Radar (ASAR)
FAZ: Auflösungstendenzen am Südpol, 12. Juli 2017
AWI: So greift die Wärme des Ozeans das antarktische Schelfeis an (Infografik), 12. Februar 2018
AWI: E-Mails aus dem Filchner-Schelfeis, 28. Februar 2018
www.wissenschaft.de: Schmelzwasserseen verbiegen Schelfeis
Einzelnachweise
Vergletscherung
Wikipedia:Artikel mit Video
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Q46966
| 87.346258 |
64146
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https://de.wikipedia.org/wiki/Flie%C3%9Fgew%C3%A4sser
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Fließgewässer
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Fließgewässer ist in der Hydrologie ein Sammelbegriff für alle oberirdisch fließenden Gewässer und bezeichnet einen Wasserlauf des Binnenlandes mit ständig oder zeitweilig fließendem Wasser. Fließgewässer sind Oberflächengewässer. Unterirdisch bewegtes (fließendes) Grundwasser ist kein Fließgewässer. Im Untergrund verlaufende oder in Ponoren im Untergrund verschwindende Höhlenflüsse (Karstgewässer) sind in der Zuordnung unklar, sie werden aber meist zu den Fließgewässern gerechnet.
In der Regel transportieren Fließgewässer das Wasser aus ihrem Einzugsgebiet gemäß der Schwerkraft bis zu ihrer Mündung in ein übergeordnetes Fließgewässer, einen See oder ein Meer. Im Gegensatz zu Fließgewässern enthalten Stillgewässer stehendes Wasser oder Wasser, das nur sehr langsam abfließt. Ein Wassergraben kann entweder ein Fließgewässer oder ein Stillgewässer sein.
Dieser Artikel behandelt natürliche Fließgewässer (Bäche und Flüsse). Zu künstlich angelegten Fließgewässern siehe Kanal (Wasserbau). Zu Landschaftsnamen siehe
Landschaftsschutzgebiet Fließgewässer und Trockentäler.
Entstehung
Natürliche Fließgewässer können durch direkten, oberflächlichen oder oberflächennahen Abfluss von Niederschlagswasser, dem Gefälle folgend, entstehen. Zumindest in humiden und semihumiden Gebieten versickert das Niederschlagswasser aber regelmäßig überwiegend vorher im Boden und bildet Grundwasser-Horizonte, deren Abfluss als Quellen zutage tritt. Der Abfluss wird dadurch verstetigt. Natürliche Fließgewässer sind, von Ausnahmefällen abgesehen, dann auf ganzer Länge natürlicher Grundwasser-Vorfluter; das bedeutet, dass auch abseits definierter Quellen auf ganzer Länge seitlich Grundwasser dem Gewässer zuströmen kann.
Seltener entstehen Fließgewässer durch den abfließenden Wasserüberschuss von Seen und Mooren oder das Schmelzwasser von Gletschern. Dadurch gebildete Fließgewässer weisen einen eigenen Charakter mit Besonderheiten von Gewässerchemie, Abflussdynamik und Lebensgemeinschaft auf.
Kategorien von Fließgewässern
Einteilung nach Größe und weiteren Kriterien
Allgemeinsprachlich werden bei natürlichen Fließgewässern vier Größenordnungen unterschieden: Rinnsal, Bach, Fluss und Strom. Dialektal gibt es zusätzlich den Begriff Ache (in Norddeutschland auch Au), der eine Größenordnung zwischen Bach und Fluss bezeichnet.
In der Fachsprache wird der Begriff Rinnsal nur selten verwendet. Bei der Betrachtung der verschiedenen Abschnitte von Flüssen von der Quelle bis zur Mündung (siehe unten) werden in der Regel nur die Bezeichnungen Bach, Fluss und gegebenenfalls Strom angewendet. So wird etwa der Mittel- und Unterlauf der Weser als Strom eingestuft, ihre Quellflüsse Werra und Fulda jeweils als Fluss und die Quellverläufe von beiden als Bäche.
Die Zuordnung von Fließgewässern zu den Kategorien Bach, Fluss und Strom richtet sich vage nach den Größen Breite, Länge (Fließstrecke), Einzugsgebiet und Abfluss, die jedoch nicht eindeutig festgelegt sind. Kriterien wie zum Beispiel die Schiffbarkeit (Tiefe) und historische Aspekte spielen ebenfalls eine Rolle.
Zur Definition von Strom wird oft, der DIN-Norm 4049 folgend, das Mündungsgewässer herangezogen. Dieser Begriffsbestimmung gemäß wäre ein Strom ein Fließgewässer, das ins Meer mündet. Danach wäre die in die Nordsee mündende Ems ein Strom, die deutlich mehr Wasser führenden Donau-Nebenflüsse Inn und Theiß jedoch nicht.
Fließgewässerordnungen
Ein weit verbreitetes fachsprachliches System zur Klassifizierung von Fließgewässern nach Größe ist die Flussordnungszahl. In diesem System bilden die kleinsten Fließgewässer (in der Regel Quellabflüsse) die erste Ordnung. Vereinigen sich zwei Gewässer erster Ordnung, entsteht ein Fließgewässer zweiter Ordnung. Mit der Einmündung eines weiteren Gewässers zweiter Ordnung wird ein Gewässer dritter Ordnung erreicht usw. Zu beachten ist dabei, dass die Einmündung kleinerer Fließgewässer in ein Gewässer höherer Ordnung deren Ordnung nicht erhöht.
Verwirrenderweise ist von den so definierten Fließgewässerordnungen eine weitere Einteilung von Fließgewässern erster, zweiter, manchmal auch dritter Ordnung zu unterscheiden, die sich aus der deutschen Gesetzgebung ergibt; diese hat mit den Flussordnungszahlen nichts zu tun. Dabei geht es im Wesentlichen darum, wer die Verpflichtung zur Gewässerunterhaltung hat. Vergleiche dazu Ordnung (Gewässer).
Fließgewässertypen
Heute werden in Deutschland insgesamt fünfundzwanzig Fließgewässertypen unterschieden. Wichtige Parameter hierbei sind neben der Größe der Gewässer und dem Gefälle (vgl. Flusslängsprofil) auch die Ökoregion (z. B. Alpen, Mittelgebirge, Norddeutsches Tiefland), die Höhenlage und die Geologie des Einzugsgebiets (karbonatisch oder silikatisch).
Einteilung von Flüssen in Abschnitte
Oberlauf, Mittellauf, Unterlauf
Die Einteilung von Flüssen in die Abschnitte Oberlauf, Mittellauf und Unterlauf richtet sich vor allem nach dem Gefälle, das im Oberlauf am größten ist und im Unterlauf am geringsten.
Längszonierung nach Fischregionen
Zusätzlich, und ergänzend zur hydrologischen Klassifizierung, werden Gewässer nach ihrer Lebensgemeinschaft (Fachausdruck: Biozönose) in Zonen eingeteilt. Das älteste gebräuchliche System teilt diese nach sogenannten Leitfischen in Fischregionen ein. Dabei unterscheidet man, von der Quelle an: Forellen-, Äschen-, Barben-, Brachsen- (oder Blei-) und Flunder-Region.
Limnologische Längszonierung
In der Limnologie werden Fließgewässer im Flusslängsprofil in das Krenal (Quellregion), das Rhithral (Bachregion) und das Potamal (Flussregion) aufgeteilt. Dabei entspricht das Rhithral grob in etwa der Forellenregion, das Potamal den anderen Fischregionen (im Krenal leben keine Fische). Diese Zonierung geht auf den Limnologen Joachim Illies zurück, sie wird bis heute angewandt und verfeinert.
Fließgewässersysteme
Fließgewässer werden zu Fließgewässersystemen geordnet, die jeweils nach dem größten Fluss bzw. Strom benannt werden, in den die anderen einmünden. Diese werden durch Fließgewässerkennziffern, die jeweils alle Informationen über die Mündungsgewässer in sich tragen, hierarchisch geordnet. Die Benennung folgt nicht ausschließlich hydrologischen, sondern auch z. T. historischen Einteilungen. Hiernach wird z. B. die Eder als Nebenfluss der Fulda geführt und der Inn als Nebenfluss der Donau, obwohl es sich je um einen gleichberechtigten Zusammenfluss handelt. Die Regnitz wird gar als Nebenfluss des Mains eingeordnet, obwohl sie bei ihrer Mündung deutlich mehr Wasser führt als der Main selbst. Dieses ist der historischen Namensgebung geschuldet.
Ökologischer Zustand
In der Europäischen Union (EU) wird der ökologische Zustand von Fließ- bzw. Oberflächengewässern (wie von Grundwasser) nach der Richtlinie 2000/60/EG (EU-Wasserrahmenrichtlinie, WRRL) nach verschiedenen Kriterien analysiert und nach fünf Graden eingeteilt: „sehr gut“, „gut“, „mäßig“, „unbefriedigend“, „schlecht“.
Nach einer Anfang April 2018 veröffentlichten Antwort der deutschen Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage von Bündnis 90/Die Grünen seien die meisten deutschen Flüsse und Bäche in einem ökologisch schlechten Zustand: In 93 % lebten nicht mehr die eigentlich dort vorzufindenden Gemeinschaften aus Fischen, Pflanzen und Kleintieren, 79 % seien durch menschlichen Ausbau „in ihrer Struktur deutlich bis vollständig verändert.“ Lediglich 6,6 % der bewerteten Fließgewässerabschnitte seien nach den EU-Kriterien in „gutem“, 0,1 % in „sehr gutem“ Zustand. Gewässer und Flussauen gehörten in Deutschland lt. Umweltbundesamt weiter zu den bedrohten Lebensräumen. Als häufigste Gründe für einen mäßigen, unbefriedigenden oder schlechten Zustand der untersuchten Gewässer werden landwirtschaftliche Belastungen (z. B. aus Düngung oder der Verwendung von Spritzmitteln) sowie Begradigungen, Verbauungen oder Unterbrechungen durch Wehre genannt. Aber auch Arzneimittelwirkstoffe und -metaboliten können ein Risiko für aquatische Lebewesen sein. Auch Rückstände von Kosmetikprodukten gelangen über Kläranlagen in die Gewässer.
Um die Situation in Fließgewässern zu verbessern, fordert der WWF Österreich eine Verhinderung von gewässer- und artenschädigender Subventionen in Zusammenhang mit Ökostrom-, land- und forstwirtschaftlichen Förderungen etc.
Temporäre Kenngrößen
Die Kenngrößen Einzugsgebiet und Länge stehen weitgehend fest; bei den Größen Breite, Tiefe, Abfluss und Fließgeschwindigkeit können relativ konstante Mittelwerte angegeben werden. Daneben gibt es noch einige weitere Parameter von Fließgewässern, die deutlichen Schwankungen unterliegen. Ihre Beobachtung gehört ebenfalls zu den Aufgaben von Hydrologie und Limnologie.
Biologische Qualität: Die biologische Qualität von Fließgewässern wird anhand des Saprobiensystems in Gewässergüteklassen eingeteilt. Eine aktuell weitgehend akzeptierte ökologische Klassifikation bietet das River Continuum Concept.
Wasserstand: In Abhängigkeit vom Wasserangebot (z. B. Niederschlag) kann der Wasserpegel erheblich schwanken, es kann zu Hochwasserereignissen oder Niedrigwasserständen kommen. Aus Wasserstands-Aufzeichnungen kann ein mittlerer Wasserstand bestimmt werden.
Geschiebetransport
Je nach Fließgeschwindigkeit haben Fließgewässer die Fähigkeit, Geschiebe mitzutransportieren:
Fließgeschwindigkeit bis 0,3 m/s: Bewegung von Grobsand bis 1,7 mm Durchmesser
Fließgeschwindigkeit bis 0,7 m/s: Bewegung von Grobkies bis 9,2 mm Durchmesser
Fließgeschwindigkeit bis 1,7 m/s: Bewegung von Geröll bis 1,5 kg Gewicht
Fließgeschwindigkeit bis 2,0 m/s: Bewegung von Blöcken bis 20 cm Durchmesser
Fließgeschwindigkeit ab 3,0 m/s (etwa 10 km/h): Bewegung auch größerer Objekte
Grenzfälle
Trockenfallende Fließgewässer
Kleine, aber auch größere Gewässer können entweder ganzjährig Wasser führen oder vorübergehend trockenfallen, sogar Flüsse (beispielsweise im Karst). Speziell bei Karstgewässersystemen werden Bereiche, in denen der oberirdische Abfluss regelmäßig versiegt, Bachschwinde oder Ponor genannt.
Trockenfallende (temporäre) Fließgewässer können periodisch wasserführend sein (z. B. regelmäßig im Hochsommer austrocknen) oder episodisch, d. h. nur kurzzeitig überhaupt Wasser führen (z. B. nach starken Niederschlägen wie etwa Wadis oder zur Schneeschmelze).
Natürlicherweise periodisch trockenfallende Bäche weisen eine eigenständige Lebensgemeinschaft mit spezialisierten Arten auf.
Übergang zu stehenden Gewässern
Die Abgrenzung zwischen Fließgewässern und stehenden Gewässern (oder Standgewässern) ist normalerweise trivial und unmittelbar einsichtig. Zahlreiche Seen – sogenannte Flussseen – und andere Standgewässer werden aber von Fließgewässern durchflossen. Zusätzlich hat der Mensch sehr viele Fließgewässer, darunter fast alle größeren Flüsse Mitteleuropas, durch Dämme zur Wasserkraftgewinnung, zur Verbesserung der Schiffbarkeit oder zum Hochwasserschutz aufgestaut und die Fließgewässer so in eine Kette von Stauhaltungen umgewandelt oder sogar regelrechte Stauseen eingefügt. Dadurch ist es in vielen Fällen nicht einfach zu sagen, ob ein bestimmtes Gewässer als ein aufgestauter Fließgewässer-Abschnitt oder ein durchflossenes Standgewässer zu charakterisieren ist.
Zur Abgrenzung wird die Verweilzeit des Wassers im Standgewässer herangezogen, also die Zeit, bei der Zu- und Abfluss theoretisch das gesamte Wasservolumen des Sees einmal ausgetauscht haben. Bei Verweilzeiten bis zu drei Tagen handelt es sich um ein Fließgewässer. Verweilzeiten über dreißig Tage charakterisieren einen See. Der Wertebereich dazwischen bildet einen Übergangsbereich und ist nicht eindeutig zuzuordnen. Solche Gewässer weisen einige Eigenschaften von Standgewässern, andere von Fließgewässern auf. Auch ihre Biozönose besitzt Übergangscharakter.
Siehe auch
Strömungsretter (Fließwasserretter, ein für die Wildwasserrettung ausgebildeter Rettungsschwimmer)
Übereinkommen zum Schutz und zur Nutzung grenzüberschreitender Wasserläufe und internationaler Seen
Potamologie
Literatur
Weblinks
fliessgewaesserbewertung.de Informations- und Diskussionsportal zur Bewertung von Fließgewässern anhand des Makrozoobenthos
WasserBLIcK Bund-Länder-Informations- und Kommunikationsplattform
Bundesamt für Umwelt (CH): Zustand der Fliessgewässer
Literatur zu Fließgewässern im Hydraulic Engineering Repository
Einzelnachweise
Limnologie
Biotoptyp
Geographischer Begriff
|
Q355304
| 488.470956 |
6552
|
https://de.wikipedia.org/wiki/1526
|
1526
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Ereignisse
Politik und Weltgeschehen
Italienische Kriege
14. Januar: König Karl V. und der gefangene französische König Franz I. schließen nach der Schlacht bei Pavia den Frieden von Madrid. Der französische König verzichtet darin auf Neapel und Mailand und sichert die Rückgabe Burgunds zu. Nach seiner Freilassung bricht er den Vertrag.
22. Mai: Die Liga von Cognac gegen Kaiser Karl V. ist gebildet, deren Hauptbeteiligte der französische König Franz I. und Papst Clemens VII. sind.
Deutscher Bauernkrieg
9. Mai: In seinem Entwurf einer neuen Tiroler Landesordnung konzipiert der Bauernführer Michael Gaismair einen egalitären, christlich-demokratischen Knappen- und Bauernstaat. Er sammelt im Anschluss Getreue um sich und unterstützt den Bauernaufstand in Salzburg.
Mai/Juni: Während er Radstadt belagert, schlägt Michael Gaismair erfolgreiche Gefechte gegen heranrückende Heere.
1. Juli: Die Pinzgauer Aufständischen erleiden im Bauernkrieg bei Zell am See eine Niederlage gegen die Truppen des Schwäbischen Bundes.
2. Juli: Michael Gaismair und sein Bauernheer erleiden in der Schlacht bei Radstadt eine vernichtende Niederlage. Damit endet der Bauernkrieg in Tirol. Gaismair entkommt über die Alpen nach Venetien.
Weitere Ereignisse im Reich/Iberische Halbinsel
27. Februar: Als Reaktion auf den Dessauer Bund mehrerer katholischer Fürsten schließen Kurfürst Johann der Beständige von Sachsen und Landgraf Philipp von Hessen in Gotha ein Verteidigungsbündnis, dem sich im Sommer eine Reihe weiterer Fürsten anschließen, darunter die Herzöge von Preußen, Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Güstrow sowie Braunschweig-Lüneburg und Braunschweig-Grubenhagen (Torgauer Bund).
10. März: Kaiser Karl V., zugleich als Carlos I. König von Spanien, heiratet in Sevilla Isabella von Portugal, die Schwester des portugiesischen Königs Johann III. Der Hochzeit sind jahrelange Verhandlungen über kolonialpolitische Streitigkeiten und über die Höhe der Mitgift vorausgegangen. Wegen des engen Verwandtschaftsverhältnisses der beiden benötigen sie einen Dispens, den Papst Clemens VII. erteilt. Obwohl die Heirat des Kaiserpaars rein politisch motiviert ist, verlieben sich die Eheleute rasch ineinander und führen eine äußerst glückliche Ehe. Im Sommer übersiedelt das Paar nach Granada und logiert bis Jahresende in der Alhambra. Der Kaiser wird deshalb sogar von Mitgliedern des Staatsrates gerügt, seine Flitterwochen nicht zu lange auszudehnen.
12. Juni: Dem Torgauer Bund treten mit dem Magdeburger Vertrag weitere norddeutsche Fürsten protestantischen Glaubens bei, was den politischen Einfluss der Vereinigung in der Zeit der Reformation stärkt.
25. Juni: Der Bundstag der Drei Bünde beschließt die zweiten Ilanzer Artikel
27. August: Der Reichstag zu Speyer beschließt in der Religionsfrage den Reichsständen zu erlauben, für sich also zu leben, zu regieren und zu halten, wie ein jeder solches gegen Gott, und Käyserl. Majestät hoffet und vertraut zu verantworten. Damit ist das Wormser Edikt faktisch aufgehoben; eine endgültige Entscheidung wird einem noch einzuberufenden Nationalkonzil vorbehalten.
Ungarn / Osmanisches Reich
April: Nachdem das Königreich Ungarn Tributzahlungen verweigert hat, marschiert ein osmanisches Heer von angeblich 50.000 bis 60.000 Mann unter Sultan Süleyman I. von Belgrad aus Richtung Buda.
12. Juli: Eine Vorhut unter Makbul Ibrahim Pascha erobert Peterwardein.
22. August: Die osmanische Armee überquert die Drau bei Mohács.
29. August: Die Türken unter Süleyman dem Prächtigen siegen in der Schlacht bei Mohács über die Ungarn. Ludwig II., König von Ungarn und Böhmen, ertrinkt auf der Flucht.
10. September: Die Osmanen erobern Buda. Am 25. September wird Pest in Brand gesteckt. Danach rückt das osmanische Heer über Belgrad wieder ab. Nur in den Grenzfestungen liegen noch osmanische Truppen.
16. Oktober: Ludwigs Onkel Johann Zápolya wird in Tokaj von einer Mehrheitsvertretung des niederen und mittleren weltlichen Adels und der hohen Geistlichkeit zum König von Ungarn gewählt. Seine Wahl wird von einer weiteren Versammlung in Stuhlweißenburg am 10. November bestätigt und er wird am folgenden Tag als Johann I. mit der Stephanskrone gekrönt.
16. Dezember: Ludwigs Schwager Ferdinand I. aus dem Haus Habsburg wird von den Ständen in Preßburg zum König von Ungarn gewählt. Zu den wenigen ungarischen Unterstützern Ferdinands zählen prominente hohe Adelige, vor allem aus Westungarn. Im folgenden Jahr kommt es zum Bürgerkrieg in Ungarn.
Asien
20. April: In der Ersten Schlacht von Panipat besiegt Babur, ein Nachkomme Dschingis Khans und Timur Langs, Ibrahim Lodi, den letzten Sultan von Delhi und begründet auf dessen Boden das nordindische Mogulreich.
9. Juni: Nach dem Tod von Go-Kashiwabara am 19. Mai wird sein jüngerer Bruder Go-Nara Tennō von Japan. Aufgrund finanzieller Probleme kann seine Krönungszeremonie allerdings erst im Jahre 1536 abgehalten werden.
Europäische Entdeckungsreisen
Januar: Die Expedition von García Jofre de Loaísa erreicht unter großen Schwierigkeiten Patagonien.
21. August: Der spanische Forscher und Entdecker Alonso de Salazar entdeckt die Marshallinseln.
Wirtschaft
31. Mai: Cord Broyhan erfindet in Hannover das Broyhan-Bier. Dieses hellbraune, obergärige Bier wird rasch zu einem Exportschlager der Stadt, der ihr eine wirtschaftliche Blüte beschert.
Wissenschaft und Technik
Philipp Melanchthon gründet in Nürnberg das erste Gymnasium, das später nach ihm benannte Melanchthon-Gymnasium Nürnberg.
Kultur
Albrecht Dürer vollendet die beiden zusammenhängenden Gemälde Die vier Apostel, sein letztes großes malerisches Werk.
Albrecht Altdorfer malt in Öl auf Holz das Bild Susanna und die beiden Alten.
Der nicht fertiggestellte Triumphzug Kaiser Maximilians wird erstmals gedruckt.
Religion
8. Juni: Die am 19. Mai begonnene Badener Disputation in der Schweiz geht zu Ende. Die katholische Seite mit ihrem Wortführer Johannes Eck setzt sich gegenüber reformatorischen Argumenten, die Johannes Oekolampad und Berchtold Haller als Vertreter Ulrich Zwinglis vorbringen, durch. Neun Stände der Tagsatzung entscheiden sich für den alten, vier für den neuen Glauben.
Juni: In Oldersum findet das Oldersumer Religionsgespräch statt, ein von Ulrich von Dornum initiiertes öffentliches Streitgespräch des Emder Predigers Georg Aportanus mit dem katholischen Dominikanerprior Laurens Laurensen. Die im Anschluss von Ulrich verfasste Schrift über das Streitgespräch findet weite Verbreitung und trägt auf diese Weise zur schnellen Durchsetzung des Protestantismus in Ostfriesland bei.
21. Oktober: Beginn der von Landgraf Philipp von Hessen einberufenen Homberger Synode; sie beschließt die Einführung einer evangelischen Landeskirchenordnung für die Landgrafschaft. Die hessischen Klöster werden säkularisiert, die Predigt nach lutherischer Lehre vorgeschrieben; erstmals werden auch Kirchenbücher angelegt.
Geboren
Geburtsdatum gesichert
1. Januar: Luis Beltrán, spanischer Dominikaner, Heiliger der katholischen Kirche, Verteidiger der Indianerrechte († 1581)
5. Januar: Christian Schütz, deutscher evangelischer Theologe († 1592)
25. Januar: Adolf I., Herzog von Schleswig-Holstein-Gottorf († 1586)
21. Februar: Abraham Ulrich, deutscher evangelischer Theologe († 1577)
4. März: Henry Carey, 1. Baron Hunsdon, englischer Adeliger († 1596)
11. März: Heinrich Rantzau, dänischer Statthalter des königlichen Anteils an den Herzogtümer Schleswig und Holstein († 1598)
23. März: Joachim vom Berge, deutscher Diplomat und Staatsmann († 1602)
31. März: Benedikt der Mohr, äthiopischstämmiger befreiter Sklave und Ordensmann auf Sizilien, Heiliger der katholischen Kirche († 1589)
8. April: Elisabeth von Braunschweig-Calenberg, Gräfin von Henneberg-Schleusingen († 1566)
12. April: Marcus Antonius Muretus, französischer Humanist († 1585)
20. April: Ulrich Fugger, deutscher Humanist († 1584)
26. April: Nikolaus Jagenteufel, deutscher lutherischer Theologe und Pädagoge († 1583)
26. April: Matthias Stoius, deutscher Mathematiker und Mediziner († 1583)
9. Juni: Elisabeth von Österreich, Titularkönigin von Polen († 1545)
10. Juli: Philippe III. de Croÿ, Führer des römisch-katholischen Adels in den Spanischen Niederlanden († 1595)
14. Juli: Joachim von Neuhaus, Burggraf von Karlstein und Oberstkanzler von Böhmen († 1565)
22. Juli: Johann Stromer, deutscher Rechtswissenschaftler († 1607)
31. Juli: August I., Kurfürst von Sachsen († 1586)
18. August: Claude de Lorraine, Herzog von Aumale († 1573)
19. September: Martin Crusius, deutscher Altphilologe und Historiker († 1607)
26. September: Wolfgang, Pfalzgraf und Herzog von Pfalz-Zweibrücken sowie Herzog von Pfalz-Neuburg († 1569)
1. Oktober: Dorothy Stafford, englische Adelige († 1604)
1. November: Katharina Jagiellonica, polnisch-litauische Prinzessin, Königin von Schweden († 1583)
30. November: Philipp III., Graf von Hanau-Münzenberg († 1561)
12. Dezember: Alvaro de Bazán, spanischer Flottenkommandant († 1588)
28. Dezember: Anna Maria, Prinzessin von Brandenburg-Ansbach und Herzogin von Württemberg († 1589)
Genaues Geburtsdatum unbekannt
Aman Isa Khan, uigurische Mukam-Meisterin, Dichterin und Musikerin († 1560)
Gabriel de Lorges, Graf Montgomery († 1574)
Johannes Matthaeus, deutscher evangelischer Theologe († 1588)
Andreas Ellinger, deutscher Mediziner und neulateinischer Dichter († 1582)
Gestorben
Todesdatum gesichert
16. Januar: Katharina von der Pfalz, Äbtissin des Klosters Neuburg (* 1499)
21. Januar: Apollonia von Wiedebach, sächsische Adlige und Stifterin (* 1470)
31. Januar: Elisabetta Gonzaga, Herzogin von Urbino (* 1471)
10. Februar: Johann V., Graf von Oldenburg (* 1460)
4. März: Hans Judenkönig, österreichischer Lautenspieler (* um 1450)
10. März: Janusz III., Herzog von Masowien (* 1502)
24. März: Adolf von Anhalt-Zerbst, katholischer Bischof von Merseburg (* 1458)
30. März: Mutianus Rufus, deutscher Humanist (* 1470)
20. April: Ibrahim Lodi, letzter Herrscher des Sultanats von Delhi (* unbekannt)
19. Mai: Go-Kashiwabara, 104. Kaiser von Japan (* 1464)
30. Juli: García Jofre de Loaísa, spanischer Seefahrer (* um 1490)
4. August: Juan Sebastián Elcano, spanischer Seefahrer und Weltumsegler (* 1486/87)
6. August: Johannes Xylotectus, Schweizer Reformator und Kirchenlieddichter (* 1490)
18. August: Heinrich VII. von Rosenberg, böhmischer Adeliger (* 1496)
29. August: Ludwig II., König von Böhmen, Ungarn und Kroatien (* 1506)
29. August: Thomas Stoltzer, deutscher Komponist (* um 1480)
4. September: John Stewart, 3. Earl of Lennox, schottischer Adeliger (* um 1490)
5. November: Scipione del Ferro, italienischer Mathematiker (* 1465)
30. November: Giovanni dalle Bande Nere, italienischer Condottiere (* 1498)
2. Dezember: Thomas Fuchs von Wallburg, Reichshauptmann in Regensburg
6. Dezember: Heinrich IV., Fürst von Braunschweig-Grubenhagen (* 1460)
22. Dezember: Antonius, Graf von Holstein-Pinneberg und Schauenburg (* 1439)
24. Dezember: Veit Hirschvogel, deutscher Glasmaler (* 1461)
Genaues Todesdatum unbekannt
Petrus Martyr von Anghiera, spanischer Geschichtsschreiber und Kartograf (* 1457)
Johannes Dörig, Schweizer katholischer Pfarrer und Reformator (* um 1490)
Konrad Grebel, Zürcher Kaufmannssohn, Mitbegründer der Täuferbewegung (* um 1498)
Guo Xu, chinesischer Dichter (* 1456)
Diego Kolumbus, spanischer Vizekönig von Hispaniola, Sohn des Christoph Kolumbus (* 1478/79)
Jakob Salzmann, Schweizer Pädagoge und Reformator (* 1484)
Jakob Schurtanner, Schweizer katholischer Priester, evangelisch-reformierter Pfarrer in Teufen und Reformator im Appenzellerland (* um 1450)
Gestorben um 1526
Pedro Álvares Cabral: portugiesischer Seefahrer, einer der ersten Europäer in Brasilien (* um 1467)
Garci Sánchez de Badajoz, spanischer Lieddichter und Musiker (* um 1450–60)
Weblinks
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Q6325
| 178.241262 |
50509
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https://de.wikipedia.org/wiki/Territorium
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Territorium
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Territorium ist ein Lehnwort und bezeichnet in der lateinischen Sprache – abgeleitet von lat. terra – die Erde, den Erdboden, eine Landfläche oder ein Gebiet. Der Begriff wird mit unterschiedlicher Bedeutung in der Politischen Geographie u. a. im Zusammenhang mit der geopolitischen Untergliederung einiger Staaten, zur Bezeichnung bestimmter ehemaliger Kolonialgebiete, in der Biologie synonym zum Begriff Revier und metaphorisch auch als Eigentumskennzeichnung verwendet.
Anwendungsbereiche
In der Politischen Geographie ist ein Territorium, der von einer Person, Gruppe oder Organisation (z. B. Staat) erfolgreich angeeignete und durch Machtausübung kontrollierte Raum. Als Konsequenz von Territorialität sind diese Räume immer begrenzt. In diesem Sinne werden die Begriffe Hoheitsgebiet oder Staatsgebiet synonym verwendet.
Darüber hinaus wird der Begriff im Zusammenhang mit geopolitischen Untergliederung einiger Staaten verwendet – z. B. USA, Kanada, Australien. In diesem Kontext sind Territorien Gebiete, die direkt der Staatsgewalt unterstellt sind und die keinen Status als Gliedstaat mit eigener (beschränkter) Souveränität besitzen – z. B. Washington, D.C. Oftmals haben solche Territorien völkerrechtliche Bedeutung als autonome Gebiete indigener Bevölkerungsgruppen – z. B. Nunavut.
Der Begriff wird auch zur Bezeichnung ehemaliger Kolonialgebiete mit einem gewissen Grad an Autonomie, aber eingeschränkter politischer und wirtschaftlicher Macht verwendet, die von einem externen Staat regiert werden – z. B. Grönland.
In der Biologie wird der Begriff Territorium synonym zum Begriff Revier verwendet und bezeichnet den Lebensraum eines Tieres oder einer Tiergruppe, der gegen Eindringlinge und Konkurrenten verteidigt wird.
Metaphorisch wird der Begriff auch als Eigentumskennzeichnung verwendet – z. B. als gedankliches Territorium. Er bezeichnet, in diesem Fall etwas, über das selbst verfügt werden kann.
Bedeutungsentwicklung
Im Frühmittelalter kommen vor allem folgende Bedeutungen vor:
Gebiet einer Civitas
Diözese
Gau
Gerichtsbezirk
weltlicher Herrschaftsbereich eines Bischofs
kultiviertes Land
Gutshof
Im hohen Mittelalter wird die Herrschaft über ein Territorium zum entscheidenden Kriterium der Staatlichkeit; im Prozess der Territorialisierung entwickelt sich daraus der Territorialstaat.
Seit dem 16. Jahrhundert aus dem Lateinischen entlehnt, wurde das Wort seitdem auf immer mehr Bereiche der Erdoberfläche angewandt, die durch Grenzen eingefasst sind und auf die ein Herrschaftsanspruch oder Gebietsanspruch erhoben wird.
Im 19. Jahrhundert wird bereits die besondere Bedeutung als Staatsgebiet hervorgehoben. Daneben soll der Begriff Grund und Boden und das Gebiet eines Gutes bezeichnen.
Siehe auch
Allgemein
Geistliches Territorium
Herrschaft (Territorium)
Liste der Territorialstreitigkeiten
Region
Territorialprälatur
Territorialprinzip
Territorialsprache
Besondere Territorien (Auswahl)
Australische Territorien
Französische Überseeterritorien
Kanadische Territorien und Nordwest-Territorien Kanadas
Territorien der Vereinigten Staaten
Historische Territorien auf dem Boden der Vereinigten Staaten
Freies Territorium Triest (1947–1954)
Territorium Bremen (11.–17. Jahrhundert) bzw. Reichsterritorium Bremen-Verden (1648–1866)
Territorium Papua und Neuguinea (1949–1975)
New Territories in Hongkong
Unionsterritorium in Indien
Literatur
David Kaller: Territorien und Grenzen. Zu Begriff und Ästhetik territorialer Ordnungen in zeitgenössischen Werken. transcript Verlag, Bielefeld 2020.
Stuart Elden: The Birth of Territory. Chicago 2013.
Weblinks
territory. In: Merriam-Webster’s Collegiate Dictionary (englisch); abgerufen am 11. Februar 2017
Territorium. In: Lexikon der Geographie auf Spektrum.de, Heidelberg 2001; abgerufen am 11. Februar 2017
Territorium. In: Kompaktlexikon der Biologie auf Spektrum.de, Heidelberg 2001; abgerufen am 11. Februar 2017.
Einzelnachweise
Verwaltungseinheit
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Q183366
| 759.535898 |
18982
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https://de.wikipedia.org/wiki/Netzwerksicherheit
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Netzwerksicherheit
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Unter Netzwerksicherheit (oder Netzsicherheit; ) wird in der Informationstechnologie die Sicherheit von Rechnernetzwerken verstanden.
Allgemeines
In seiner allgemeinen Form betrifft der Begriffsinhalt der Netzwerksicherheit auch andere Netzwerke wie beispielsweise das Verkehrsnetz, bei dem von Verkehrssicherheit gesprochen wird, oder das Energienetz, bei dem es um Energiesicherheit geht. In Stromnetzen wird davon ausgegangen, dass der Ausfall eines beliebigen Netzwerkelements nicht zu einer Versorgungsunterbrechung führt. Fallen mindestens zwei Elemente aus, ist ein Stromausfall möglich. Für Redundanz können Notstromaggregate sorgen.
Rechnernetzwerke
Sicherheit an sich ist dabei stets nur relativ zu verstehen und kein unverändert bleibender Zustand. Einerseits muss überlegt werden, wie wertvoll die Daten sind, die im Netzwerk kursieren, und andererseits ist das Netzwerk durch Ausbau und technische Weiterentwicklung permanenten Veränderungen unterworfen, die sich auch in geänderter Sicherheitsarchitektur widerspiegeln müssen. Steigerungen im Bereich der Sicherheit sind oft mit größer werdenden Hürden bei der Benutzung einhergehend.
Bei Rechnernetzwerken zielt die Netzwerksicherheit darauf ab, die durch das Internet auf Computer einwirkenden Bedrohungen durch eine geeignete Kombination des Schutzes der Endgeräte, Peripheriegeräte, Wiedergabegeräte, von Teilnetzen und der Daten auszugleichen oder zu vermeiden. Netzwerksicherheit ist in Netzwerken die Gewährleistung des Netzbetreibers, Netzstörungen zu vermeiden und die Verfügbarkeit des Netzes dauerhaft aufrechtzuerhalten. Netzwerksicherheit soll insbesondere vor jeder Art von Computerkriminalität und Internetkriminalität schützen.
Betroffene Netzwerkarten
Zu unterscheiden sind nach
Art der Übertragungstechnik: Direktverbindung oder Broadcast,
Art des Übertragungsmediums: kabelgebunden oder Funk,
Ausdehnung:
LAN: Local Area Network,
MAN: Metropolitan Area Network,
PAN: Personal Area Network,
WAN: Wide Area Network.
Diese Arten sind allesamt sicherheitsrelevant. So besitzt beispielsweise ein Broadcast-Funk-LAN mehr Angriffsrisiken als eine drahtgebundene Direktverbindung.
Aspekte: Systemsoftware härtet gegen Sicherheitslücken, Passwortschutz, Verschlüsselung, Einsatz von Firewalls/DMZ, Verwendung von VPN, Einsatz drahtloser Netze oder Einbruchserkennung.
Maßnahmen
Netzwerkelemente wie Proxy-Server oder Firewalls können insbesondere auch für Netzwerksicherheit sorgen. Ein Datenschutz vor Spam oder Malware kann durch Virenscanner erreicht werden, die auch fremde externe Datenträger untersuchen. Für Datensicherheit sorgt die Datensicherung, Netzstörungen interner Netzwerke sind zu vermeiden. Redundanzen wie Sicherungsdateien oder ausgelagerte Computeranlagen sind ebenfalls eine Möglichkeit der Netzwerksicherheit. Diese kann durch eine Netzwerkanalyse ermittelt werden, wobei der gesamte Datenverkehr zu überprüfen ist (vgl. Sniffer). Anwender können die Ressourcen des Netzwerks erst nach einer Identifizierung und einer anschließenden Authentifizierung und Autorisierung nutzen. Damit eine Kompromittierung eines Rechners im Netzwerk erkannt werden kann, werden Rechner oft überwacht. Dies kann intern (sind die Daten noch konsistent?, sind Veränderungen aufgetreten?) oder auch extern (sind die Dienste des Rechners noch erreichbar und funktional?) geschehen.
Unternehmen und Behörden
Die Wirtschaftsspionage hat vor allem Unternehmen und Behörden im Visier, wobei unter anderem das Know-how, Patente, Produktionstechnik, Produktionsverfahren oder sonstige Unternehmensdaten und Wissen durch die Konkurrenz oder durch Geheimdienste ausgeforscht werden (Informationskrieg).
Geht es in Unternehmen oder Behörden darum, durch den Internetfilter sicherzustellen, dass Arbeitnehmer oder Mitarbeiter nicht auf Webseiten zugreifen, die sie von der Erfüllung der Arbeitspflicht abhalten, ist dies eine arbeitsrechtliche Netzwerksicherheit. Proxy Server sind in Unternehmen zwischen den Personal Computer und das Internet geschaltet und dienen dem Caching und zur Netzwerksicherheit.
Im Rahmen der Arbeitssicherheit muss die Netzwerkorganisation insbesondere sicherstellen, dass die Platzierung von Computerviren durch Hackerangriffe oder Spionage vermieden wird.
Potentieller Datenverlust durch fehlerhafte Software, Fehlbedienung, Fahrlässigkeit oder Altersverschleiß der Hardware wird durch eine Datensicherung verhindert, die dann an einem anderen Ort gelagert werden soll. Sicherheitslücken in der Software kann durch das rechtzeitige Einspielen von Softwareaktualisierungen entgegengewirkt werden. Zusätzliche Sicherheit kann noch durch den Einsatz bestimmter Software erhöht werden, die als sicher gilt, weil sie z. B. einer Open-Source-Lizenz unterliegt. Auch der entgegengesetzte Fall kann vorkommen: Software, die als unsicher gilt, kann verboten werden. Durch Schulung der Anwender kann ein Sicherheitsbedürfnis oder Problembewusstsein entstehen, indem man vermittelt, dass die Daten eines Netzwerkes sehr wertvoll sind. Dadurch soll der Anwender Verständnis für die Maßnahmen aufbringen und sie nicht unterlaufen, indem er komplizierte Passwörter auf Zettel schreibt und diese an seinen Monitor klebt. Schließlich kann der physische Zugang zum Netzwerk selbst noch mit Hilfe von Zugangskontrollen beschränkt werden.
Privatpersonen
Privatpersonen können ihre Personal Computer, Laptops oder Smartphones durch Antivirenprogramme, Sicherheitssoftware, Jugendschutz, Kindersicherung oder Werbeblocker sichern. Eine wichtige Sicherungsmaßnahme ist nach der Internetnutzung die Löschung des Verlaufs der Daten des Webbrowsers, auch um Spyware zu verhindern. Der Webbrowser legt in einem temporären Ordner (Cache) heruntergeladene Dateien auf der Festplatte ab und speichert dort von Webseiten vergebene Cookies automatisch, die sich durch Dritte ausspionieren und auswerten lassen. Der Browser führt in der Verlaufsliste penibel Buch, welche Webseiten in der jüngeren Vergangenheit besucht wurden.
Schwachstellen
Die Netzwerkarchitektur befasst sich insbesondere mit Fragen zur Netzwerksicherheit gegen den Ausfall von einzelnen Netzwerkelelementen, gegen Krisen oder gegen Cyberangriffe. Schwachstellen sind Betriebssysteme (Programmfehler in Betriebssystemen und Anwendungsprogrammen). Die ISO/IEC-27033 stellt Unternehmen Richtlinien zur Verfügung, um Netzwerksicherheit zu planen, entwerfen, implementieren und dokumentieren, wobei auch Netzwerkelemente einbezogen sind.
Mögliche Angriffe
So vielfältig wie Netze sind, so vielfältig sind auch die Angriffsmöglichkeiten auf ein Netz. In vielen Fällen werden mehrere Angriffe kombiniert, um ein Ziel zu erreichen.
Angriffe auf Software(-implementierungen)
Da Kommunikationsnetze stets aus einer (großen) Menge von Systemen bestehen, werden sehr oft genau diese Systeme über das Kommunikationsnetz angegriffen. Hierbei zielen viele Angriffe auf Schwächen in Software(-implementierungen):
Pufferüberlauf: vor allem in Programmen in der Programmiersprache C findet man häufig den Fehler, dass über einen Puffer hinausgeschrieben wird und hierbei andere Daten oder Kontrollinformationen überschrieben werden;
Stack Smashing: hierbei überschreibt z. B. ein Pufferüberlauf den Stack eines Programmes, hierdurch können Schadroutinen eingeschleust und ausgeführt werden (Exploit);
Formatstring-Angriffe: Ausgaberoutinen, wie printf, nutzen einen Format-String um eine Ausgabe zu modifizieren. Durch die Nutzung sehr spezieller Formatierungsanweisung können hierbei Speicherbereiche überschrieben werden.
Angriffe auf Netzwerkprotokolle
Man-In-The-Middle-Angriff: falls keine gegenseitige Authentifizierung durchgeführt wird, täuscht ein Angreifer den Kommunikationspartnern jeweils den anderen vor (z. B. telnet, rlogin, SSH, GSM, Ciscos XAUTH).
Unerlaubte Ressourcennutzung: falls keine sichere Authentifizierung bzw. sichere Autorisierung vorhanden (z. B. rlogin) ist.
Mitlesen von Daten und Kontrollinformationen: alle unverschlüsselten Protokolle, wie POP3, IMAP, SMTP, Telnet, rlogin, http sind betroffen.
Einschleusen von Daten oder Informationen: alle Protokolle ohne ausreichende Nachrichtenauthentifizierung wie POP3, SMTP, Telnet, rlogin, http.
Tunnel können verwendet werden, um Datenverkehr in zugelassene Protokolle (z. B. Http) einzubetten. Dadurch können Firewallregeln unterlaufen werden.
Beispiel: Der SSH-Client baut über HTTPS und den Proxy eine Verbindung zu einem Server außerhalb des internen Netzes auf. Dadurch umgeht er die Regeln, die den SSH-Verkehr nach außen kontrollieren. Diese Verbindung kann auch umgedreht werden, wodurch eine Verbindung von außen in das interne Netz geschaltet wird.
Die Bekämpfung erfordert entsprechende Regeln im Proxy, die eine Einschränkung der Methoden CONNECT bzw. POST bewirken. Der Url-Filter UfdbGuard ermöglicht es, Https-Tunnel zu erkennen und zu blockieren.
Angriffe auf die Netzstruktur
Die Überlastung von Diensten wird als Denial-of-Service-Angriff (DoS) bezeichnet. Besonders verteilte DoS-Angriffe werden auch als Distributed-Denial-of-Service-Angriffe (DDoS) bezeichnet. Sehr effektiv sind Angriffe, die mit nur einem Datenpaket auskommen, wie z. B. der TCP-SYN-Angriff, da hierbei die Absenderadresse und somit die Herkunft gefälscht werden kann.
Tarnung von Angriffen
Die Fragmentierung von Datenpaketen, vor allem bei überlappenden Fragmenten, kann genutzt werden, um Angriffe vor Angriffserkennern zu verstecken,
Spoofing: das Fälschen von meist Absendeadressen zum Verschleiern der Herkunft von Datenpaketen (siehe auch Firewall).
Verwandte Angriffe (werden durch die verteilte Struktur eher begünstigt)
Social Engineering wird die Vorgehensweise genannt, soziale Aspekte auszunutzen, um bestimmte Ziele, z. B. das Umgehen einer Passwortabfrage, zu erreichen.
Passwörter können erlangt werden, um Zugang zu Diensten zu erhalten. Geschieht dies durch Ausprobieren aller Möglichkeiten, spricht man von einer Brute-Force-Attacke.
Mangelhafte Installationen können einen Angriff mit Standard-Passwörtern erfolgreich machen.
Aus der Außenwelt kommende Daten werden nicht auf ihre Validität überprüft, sondern als „korrekt“ hingenommen (Tainted Data oder Cross-Site Scripting und SQL Injection).
Überflutung mit sinnlosen oder nicht angeforderten E-Mails wird als UBE () und insbesondere, wenn es sich um Werbung handelt, als UCE () bezeichnet.
Würmer, Trojanische Pferde, Dialer oder Viren.
Leichtgläubigkeit und die leichte technische Möglichkeit zum Vorspiegeln falscher Webseiten können durch Phishing ausgenutzt werden.
Leichtgläubigkeit lässt Anwender auch unbekannte Programme ausführen, die per Mail versandt wurden.
Vorsorge
Die Vorsorge-Maßnahmen sind ebenso vielfältig und veränderlich wie die Angriffsmöglichkeiten. Mit Hilfe einer Authentifizierung wird der Benutzer erkannt, und es werden die ihm zustehenden Rechte zugewiesen (Autorisierung). Man spricht von einem Single-Sign-On, hierbei sollte nur eine einmalige Anmeldung notwendig sein, um alle erlaubten Ressourcen zu nutzen. Sehr verbreitet ist hierbei Kerberos, welches mittlerweile die Basis für die Windows-Netze bildet. Ursprünglich wurde es vom MIT entwickelt.
Die Sicherheit von Computernetzen ist Gegenstand internationaler Normen zur Qualitätssicherung. Wichtige Normen in diesem Zusammenhang sind vor allem die amerikanische TCSEC und die europäische ITSEC-Standards sowie der neuere Common Criteria Standard. Die Zertifizierung der Sicherheit erfolgt in Deutschland in der Regel durch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik.
Zuständigkeit
Weite Teile der öffentlichen Verwaltung, Krankenhäuser, ganze kritische Infrastrukturen und kleine und mittlere Unternehmen sind in Deutschland nicht ausreichend gegen Cyberangriffe und Spionage geschützt.
Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik ist für die Informationssicherheit auf der Grundlage des BSI-Gesetzes zuständig. Danach sind gemäß Abs. 2 BSIG „Informationen sowie informationsverarbeitende Systeme, Komponenten und Prozesse besonders schützenswert. Der Zugriff auf diese darf ausschließlich durch autorisierte Personen oder Programme erfolgen. Die Sicherheit in der Informationstechnik und der damit verbundene Schutz von Informationen und informationsverarbeitenden Systemen vor Angriffen und unautorisierten Zugriffen im Sinne dieses Gesetzes erfordert die Einhaltung bestimmter Sicherheitsstandards zur Gewährleistung der informationstechnischen Grundwerte und Schutzziele. Sicherheit in der Informationstechnik im Sinne dieses Gesetzes bedeutet die Einhaltung bestimmter Sicherheitsstandards“. Die Aufgaben des Bundesamtes sind abschließend in Abs. 1 BSIG geregelt.
Protokolle, Architekturen und Komponenten
Kerberos – für Authentifizierung, Autorisierung und Abrechnung
X.509 – Standard für Zertifikate und deren Infrastruktur
IPsec – mächtigstes (und komplexes) Protokoll zum Schutz von Verbindungen
SSL/TLS – das am meisten verbreitete Sicherheitsprotokoll. Schützt beispielsweise http, welches dann mit https bezeichnet wird.
S/MIME, PGP – Standards für den Schutz von E-Mails
EAP – eine modulares Protokoll zur Authentifizierung in z. B. WPA, TLS und IPsec.
Firewalls – zum Filtern von Paketen. Hierbei können gezielt gefälschte Pakete verworfen werden.
IDSe erkennen Angriffe.
Honeypots – zur schnellen Auffindung von bekannten Sicherheitslücken und Angriffsvektoren.
Zahlungsverkehrsnetze
Am Beispiel der Zahlungsverkehrsnetze (insbesondere Echtzeit-Bruttoabwicklungssystem, Gironetz, SWIFT, TARGET2) kann deren Vulnerabilität erklärt werden. Gerät ein Netzteilnehmer (etwa ein Zahlungspflichtiger als Netzwerkelement) wegen einer allgemeinen Finanzkrise in Zahlungsunfähigkeit, so erleidet der Zahlungsempfänger einen Forderungsausfall (Gegenparteiausfallrisiko) und wird möglicherweise selbst zahlungsunfähig. Dadurch kann sich über den Contagion-Effekt die Zahlungsunfähigkeit eines Einzelnen auf den gesamten Zahlungsverkehr erstrecken; das Zahlungsnetz kann zusammenbrechen.
Gegen eine derartige Netzstörung wird im Interbankenhandel und Zahlungsverkehr beim Clearing das Prinzip des Zug-um-Zug-Verfahrens () eingesetzt, wobei ein Clearinghaus eine Zahlung nur dann an den Zahlungsempfänger weiterleitet, wenn dieser seine Gegenleistung an den Zahlungspflichtigen über das Clearinghaus erbracht hat. Der Zahlungsverkehr zwischen Nichtbanken kann von dieser Netzwerksicherheit jedoch nicht profitieren, weil die Zahlung meist eine Gegenleistung für den Kauf von Gütern und Dienstleistungen auf dem Gütermarkt darstellt und auf diesem der Schutz vor einem Ausfallrisiko vom Gläubiger selbst übernommen werden muss. Das kann geschehen insbesondere durch Verminderung oder Ausschaltung des Zahlungsrisikos beim Lieferanten und durch Verminderung oder Ausschaltung des Erfüllungsrisikos beim Kunden.
Abgrenzung
Die Netzwerksicherheit ist Teil der umfassenderen Informationssicherheit, welche bei technischen oder nicht-technischen Systemen zur Informationsverarbeitung, -speicherung und -lagerung, die Schutzziele Vertraulichkeit, Verfügbarkeit und Integrität sicherstellen soll.
Siehe auch
Datensicherheit
K-Fall
X.800
Cyberspace
Mitarbeiterplattform
Literatur
Roland Bless u. a.: Sichere Netzwerkkommunikation. Grundlagen, Protokolle und Architekturen. Springer Verlag, Berlin u. a. 2005, ISBN 3-540-21845-9 (X.systems.press).
Hacker's Guide. Sicherheit im Internet und im lokalen Netz. Limitierte Sonderausgabe. Markt-und-Technik-Verlag, München 2001, ISBN 3-8272-6136-8 (New technology).
Günter Schäfer: Netzsicherheit. Algorithmische Grundlagen und Protokolle. dpunkt-Verlag, Heidelberg 2003, ISBN 3-89864-212-7 (dpunkt.lehrbuch).
Markus Schumacher, Utz Rödig, Marie-Luise Moschgath: Hacker Contest. Sicherheitsprobleme, Lösungen, Beispiele. Springer, Berlin u. a. 2003, ISBN 3-540-41164-X (Xpert.press).
Christoph Sorge, Nils Gruschka, Luigi Lo Iacono: Sicherheit in Kommunikationsnetzen. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2013, ISBN 978-3-486-72016-7.
Clifford Stoll: Kuckucksei. Die Jagd auf die deutschen Hacker, die das Pentagon knackten. Aktualisierte Neuausgabe. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-596-13984-8 (Fischer 13984).
Steffen Wendzel, Johannes Plötner: Praxisbuch Netzwerk-Sicherheit: Risikoanalyse, Methoden und Umsetzung. (Optimale Netzwerk- und Serverabsicherung, für Unix, Linux- und Windows-Systeme. VPN, OpenVPN, IT-Grundschutz, Penetration Testing, Viren, Würmer und Trojaner). 2. aktualisierte und erweiterte Auflage. Galileo Press, Bonn 2007, ISBN 978-3-89842-828-6 (Galileo Computing). Verfügbar als Download von ResearchGate.net.
Weblinks
http://www.opensecurityarchitecture.org Offene Community für die Entwicklung einer standard-basierten Sicherheitsarchitektur
http://www.securityfocus.com/
IT-Grundschutz (Bundesamt für Informationstechnik)
http://www.sans.org/
Vorlesung Netzsicherheit an dem Karlsruher institut für Technologie (KIT)
Einzelnachweise
IT-Sicherheit
Netzwerktechnik
Rechnernetze
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Q989632
| 88.800421 |
27220
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https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialisation
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Sozialisation
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Sozialisation () wird im Handbuch der Sozialisationsforschung von Klaus Hurrelmann u. a. definiert als „Prozess, durch den in wechselseitiger Interdependenz zwischen der biopsychischen Grundstruktur individueller Akteure und ihrer sozialen und physischen Umwelt relativ dauerhafte Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Handlungsdispositionen entstehen“. Sozialisation ist demnach die Anpassung an gesellschaftliche Denk- und Gefühlsmuster durch Internalisation (Verinnerlichung) von sozialen Normen. Sozialisation ist ein sozialwissenschaftlicher Begriff. Er bezeichnet zum einen die Entwicklung der Persönlichkeit aufgrund ihrer Interaktion mit einer spezifischen, materiellen und sozialen Umwelt, zum anderen die sozialen Bindungen von Individuen, die sich im Zuge sozialisatorischer Beziehungen konstituieren. Sie umfasst sowohl die absichtsvollen und planvollen Maßnahmen (Erziehung), als auch die unabsichtlichen Einwirkungen auf die Persönlichkeit. Außerdem gehören Schulen (siehe auch: Schulische Sozialisation), Ausbildungen wie auch Sport- und Kulturaktivitäten dazu.
Sozialisationsprozesse bewirken demnach, dass im sozialen Zusammenleben Handlungsbezüge (Vergemeinschaftung) und Handlungsorientierungen (soziale Identität) entstehen, auf die sich Individuen in ihrem sozialen Handeln beziehen. Daraus ergibt sich auch die Tendenz von Individuen, sich entsprechend den jeweils geltenden Normen, Werten und Werturteilen der Gesellschaft zu verhalten.
Wenn die Sozialisation erfolgreich im Sinne des jeweiligen Umfeldes verläuft, verinnerlicht das Individuum die sozialen Normen, Wertvorstellungen, Repräsentationen, aber auch zum Beispiel die sozialen Rollen seiner gesellschaftlichen und kulturellen Umgebung. Als „erfolgreiche Sozialisation“ sehen wir ein hohes Maß an Symmetrie von objektiver und subjektiver Wirklichkeit (und natürlich Identität) an. Umgekehrt muss demnach „erfolglose Sozialisation“ als Asymmetrie zwischen objektiver und subjektiver Wirklichkeit verstanden werden.
Im Laufe der 1970er-Jahre entwickelte sich eine interdisziplinäre, bewusst auf die Integration verschiedener disziplinärer Ansätze ausgerichtete Sozialisationstheorie. Diese Konzeption wurde in Deutschland zum ersten Mal 1980 im Handbuch der Sozialisationsforschung (Hurrelmann und Ulich 1980) einem größeren Fachpublikum präsentiert. Unter den 34 Wissenschaftlern, die Beiträge für das Handbuch schrieben, waren Soziologen, Psychologen und Pädagogen zu gleichen Anteilen vertreten.
Definition von Sozialisation
Sozialisation bezeichnet die Gesamtheit all jener durch die Gesellschaft vermittelten Lernprozesse (u. a. das Benehmen), in denen das Individuum in einer bestimmten Gesellschaft (Übertragung von Bräuchen usw.) und ihrer Kultur sozial handlungsfähig wird – also am sozialen Leben teilhaben und an dessen Entwicklung mitwirken kann. Sozialisation ist somit ein lebenslanger Prozess. Gruppen, Personen und Institutionen, welche die sozialen Lernprozesse des Individuums steuern und beeinflussen, bezeichnet man als Sozialisationsinstanzen. Diese Definition berücksichtigt, dass sich Sozialisation aus dem Zusammenleben von Menschen (Generationenbeziehungen) konstituiert und sich in spezifischen Befähigungen individueller Akteure, aber auch in der Art und Weise ihrer Beziehungsgestaltung äußert.
Inzwischen haben Klaus Hurrelmann und Ullrich Bauer diese Diskussion weitergeführt. Sie bezeichnen als Sozialisation „die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen, die sich aus der produktiven Verarbeitung der inneren und äußeren Realität ergibt. Die körperlichen und psychischen Dispositionen und Eigenschaften bilden für einen Menschen die innere Realität, die Gegebenheiten der sozialen und physischen Umwelt die äußere Realität. Die Realitätsverarbeitung ist produktiv, weil ein Mensch sich stets aktiv mit seinem Leben auseinandersetzt und die damit einhergehenden Entwicklungsaufgaben zu bewältigen versucht. Ob die Bewältigung gelingt oder nicht, hängt von den zur Verfügung stehenden personalen und sozialen Ressourcen ab. Durch alle Lebens- und Entwicklungsphasen zieht sich die Anforderung, die persönliche Individuation mit der gesellschaftlichen Integration in Einklang zu bringen, um die Ich-Identität zu sichern.“
Klaus Hurrelmann hat aus diesen Überlegungen heraus den Begriff so definiert, dass er die Annahme des Wechselspiels von gesellschaftlichen Umwelt- und angeborenen Individualfaktoren als festen Bestandteil enthält. In der Einführung in die Sozialisationstheorie wird folgende Definition vorgenommen: „Sozialisation bezeichnet […] den Prozess, in dessen Verlauf sich der mit einer biologischen Ausstattung versehene menschliche Organismus zu einer sozial handlungsfähigen Persönlichkeit bildet, die sich über den Lebenslauf hinweg in Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen weiterentwickelt. Sozialisation ist die lebenslange Aneignung von und Auseinandersetzung mit den natürlichen Anlagen, insbesondere den körperlichen und psychischen Grundlagen, die für den Menschen die innere Realität bilden, und der sozialen und physikalischen Umwelt, die für den Menschen die äußere Realität bilden.“
Die aktive Rolle jedes einzelnen Menschen hierbei, verstanden als die „lebenslange Aneignung und Auseinandersetzung“ ist für Hurrelmann ein wichtiger Bestandteil der Definition, denn sie schließt die Vorstellung aus, Sozialisation sei anpassungsmechanistisch der Erwerb eines gesellschaftlich erwünschten Repertoires von vorgegebenen Verhaltensweisen und Orientierungen. Die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen wird vielmehr als eine in ihren Grundmerkmalen aktive und prozesshafte Form der Auseinandersetzung mit den inneren Anforderungen von Körper und Psyche und den äußeren Anforderungen von sozialer und dinglicher Umwelt konzipiert. Um diesen Charakter in einem Wort zum Ausdruck zu bringen, hat Hurrelmann sie als „produktiv“ bezeichnet. Das Wort produktiv wird nicht als ein wertender, sondern beschreibender Begriff verwandt. Der Begriff soll ausdrücken, dass es sich bei der individuell je spezifischen Verarbeitung der inneren und der äußeren Realität um aktive und agentische Prozesse handelt, bei denen ein Individuum eine individuelle, den eigenen Voraussetzungen und Bedürfnissen angemessene Form wählt. Die Verarbeitung ist produktiv, weil sie sich aus der jeweils flexiblen und individuell kreativen Anpassung der inneren und der äußeren Bedingungen ergibt.
Zusammengefasst bezeichnet Klaus Hurrelmann Sozialisation als „produktive Realitätsverarbeitung“, und zwar als Verarbeitung sowohl der inneren Realität von Körper und Psyche als auch der äußeren Realität von sozialer und physischer Umwelt.
Sozialisationstheorien
Sozialisationstheorien bilden die Grundlage für das Sozialisationsverständnis. Im Sozialisationsverständnis lassen sich zwei Traditionen unterscheiden, die heute noch sehr populär und verbreitet sind, aber vor allem wegen ihrer Einseitigkeit heute in der Wissenschaft abgelehnt werden.
Die erste Tradition (Psychologische Theorien) „erklärt die menschliche Entwicklung aus dem Organismus des Menschen heraus und misst der Umwelt einen geringen Stellenwert bei“ (Nestvogel). Dazu zählen „reifungstheoretische, organistische, anlagenorientierte, essentialistische, biologistisch-rassistische Ansätze“. (Nestvogel)
Die zweite Tradition (Soziologische Theorien) sieht Sozialisation als einen vorrangig durch die Gesellschaft gesteuerten normativen Prozess „als Mittel zur Integration“. Hierzu zählen „sozialdeterministische, strukturfunktionalistische, mechanische, prägungstheoretische Ansätze“ (Nestvogel). Grundlage sind hier die Menschenbilder, nach denen die ungeformte „rohe“ menschliche Natur sich den Bedürfnissen der jeweiligen Gesellschaften anpassen müsse. Hobbes spricht hier von „zähmen“, Spencer und Darwin meinten anpassen, und Durkheim spricht davon, „dem eben geborenen egoistischen und asozialen Wesen ein anderes Wesen hinzuzufügen, das imstande ist, ein soziales und moralisches Leben zu führen“. Parsons ging es bei seinem Sozialisationsverständnis darum, „Verhaltensmaßstäbe und Ideale der Gruppe in sich aufzunehmen“ und „die Bereitschaft zur Erfüllung eines spezifischen Rollentyps innerhalb der Struktur der Gesellschaft“ zu entwickeln.
Dagegen betrachten neuere und zurzeit wissenschaftlich relevante Traditionslinien die Sozialisation „als 'Entwicklung im Kontext' (systemtheoretisch-ökologische und reflexiv-handlungstheoretische Ansätze)“.
Sozialisationstheorien unterscheiden sich in ihrer Funktion zwischen affirmativen oder deskriptiven Theorien und kritischen Theorien sowie dekonstruktivistischen Theorien. Affirmative Theorien fragen danach, welcher Sozialisationstyp gebraucht wird. Deskriptive Theorien fragen und forschen danach, welchen Sozialisationstyp eine bestehende Gesellschaft erzeugt und beziehen im Gegensatz zu kritischen Theorien Kategorien wie Macht, Ungleichheit, Herrschaft und Gewalt nicht mit ein. Dekonstruktivistische Theorien verwerfen die Möglichkeit neutraler oder objektiver Wissenschaft und beziehen daher die Perspektive, aus der heraus geforscht wird, kritisch mit ein.
Die Bedeutung eines sozialen Umfeldes für den Menschen
Pflanzliche und tierische Organismen sind auf geradezu perfekte Weise in ihre jeweiligen natürlichen Umgebungen eingepasst. Demgegenüber erscheint der Mensch höchst unzulänglich darauf vorbereitet, sich in einer natürlichen Umgebung zu behaupten. Morphogenetisch unfertig, organisch unspezialisiert, weitgehend ohne funktionsfähige Instinkte und eine lebensdienliche Bewegungsarchitektur, benötigt er besondere Rahmenbedingungen, um überlebensfähig zu werden. Zu den wichtigsten dieser Rahmenbedingungen gehört ein besonderes soziales Umfeld, aus dem heraus er seine Lebensfähigkeit entfalten und entwickeln kann.Für den neu geborenen Menschen besteht sein soziales Umfeld anfangs aus einem kleinen Kreis von Personen, die sich um ihn kümmern sowie aus deren Lebensumständen. Die um ihn gruppierten Personen bilden – von ihm zunächst ganz unabhängig – bereits miteinander ein vielschichtiges Beziehungsgeflecht aus abgeglichenen Lebensanschauungen und erprobten Umgangsformen. Dieses Geflecht ist seinerseits eingewoben in andere, zum Teil umfassendere soziale Netzwerke. Jede der Personen hat zudem ihr eigenes Leben aus einem solchen sozialen Umfeld heraus begonnen, wie nun das Neugeborene.Diese sozialen Netzwerke sind nicht zu trennen von den jeweiligen Lebensumständen, in die sie eingebettet sind. Sie gründen zwar, wie bei allen anderen Lebewesen, auf natürlichen Gegebenheiten, bestehen indessen größtenteils aus Techniken und Einrichtungen der Lebensbewältigung, die die Menschen erst aus jenen Gegebenheiten und in fortdauernder Auseinandersetzung mit ihnen über viele Generationen hinweg herausgearbeitet, tradiert und weiter entwickelt haben. Sie prägen einerseits nachhaltig das Leben des Einzelnen und seine sozialen Beziehungen; auf der anderen Seite bleiben sie Gegenstand menschlicher Gestaltung und Veränderung.
Institutionalisierung menschlicher Lebensweisen
Die fortwährende Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Umgebung stabilisiert sich institutionell zu artspezifischen Lebensformen und -anschauungen durch Gewöhnung. Jedes Tun, das häufig wiederholt wird, verfestigt sich zu einem Muster, das unter Einsparung von besonderer psychischer Anspannung und physischer Kraft reproduziert werden kann und dabei vom Handelnden als zweckmäßiges Handlungsmuster aufgefasst wird. In diesem Prozess kristallisieren sich zugleich aus dem an sich übergangslosen Kontinuum der Welt bestimmte Erscheinungen heraus und gewinnen Kontur und Bedeutung als Gegenstände und Geschehnisse, auf die das Tun sich richtet. Der Vorteil selektierender Wahrnehmung und gewohnheitsmäßigen Tuns liegt in einer Begrenzung zahlloser möglicher Sicht- und Reaktionsweisen auf wenige – oder gar nur eine einzige – in der Regel bewährte, d. h. lebensdienliche Verhaltensweisen. Gewöhnung sorgt damit für eben die Richtung und Spezialisierung, Lebenssachverhalte zu erfassen und auf sie gezielt zu reagieren, die der biologischen Ausstattung des Menschen fehlen. Indem sie ihn davon entlastet, jede Situation von neuem Schritt für Schritt analysieren und durch Entscheidungen bestimmen zu müssen, und so etwas wie eine Basis schafft, auf der sich menschliches Handeln vollzieht, spart sie das Freisetzen von Energien für Gelegenheiten auf, die einer richtungsbestimmenden Entscheidung bedürfen.
Der Übergang von individuell durch Gewöhnung verfestigten Betrachtungsweisen und entlastetem Handeln zur Institutionalisierung von menschlichen Lebensformen beginnt, wenn sich Menschen in ihrem Verhalten gegenseitig aufeinander einstellen. Zur Basis der Verständigung werden dabei Übereinkünfte über Andeutungen, Zeichen, die schließlich in Sprache einmünden und die von allen Beteiligten in gleicher Weise verwendet und aufgefasst werden. „Die einzelne Handlung des einen ist für den anderen nicht mehr Quelle der Verwunderung oder drohender Gefahr. Stattdessen nimmt vieles, was vor sich geht, für beide die Trivialität dessen an, was beider Alltagsleben sein wird. […] Sie sparen Zeit und Kraft nicht nur für beliebige äußere Aufgaben, die sie getrennt oder gemeinsam haben, sondern für ihre gesamte seelische Ökonomie. Ihr Zusammenleben hat nun in einer ständig sich erweiternden Welt der Routinegewissheit seine Form gefunden.“ Dieser Vorgang vollzieht sich ähnlich beim Umgang zwischen Einzelnen und Gruppen sowie zwischen Gruppen oder größeren Personengesamtheiten. Kennzeichnend ist dann, dass die jeweiligen Personengesamtheiten bestimmte gruppenspezifische Anschauungen und Routinen des Verhaltens teilen; die diesen Anschauungen und Verhaltensweisen zugrunde liegenden Typisierungen sind Allgemeingut der jeweiligen Gruppe.
Über eine gewisse Zeit hinweg etablierte gemeinsame Anschauungen und Routinen des Handelns wirken selbstbestätigend und haben die Tendenz zu Dauer und Bestand. Sie erreichen damit mehr und mehr eine überindividuelle, unabhängig vom einzelnen Subjekt bestehende Gegenständlichkeit, Objektivität. Das gilt vor allen Dingen für die Anschauungen und Routinen, die bereits, als von vorangegangenen Generationen übernommen, selbstverständlich geworden sind und damit schon längst als Institutionen den Charakter historischer und objektiver Wirklichkeit haben.
Dem gegenüber bleiben Betrachtungsweisen und Routinen, die innerhalb einer Generation oder auch individuell entwickelt worden sind, für diejenigen, die ihnen Gestalt gegeben haben, leichter veränderbar. Auch diese Möglichkeit schwindet jedoch, wenn eine neue Generation hinzukommt, die deren Zustandekommen nicht mehr selbst erlebt und gestaltet hat. Für sie sind diese anfänglich auch gar nicht als Konvention reflektierbaren Routinen Teil einer ihnen objektiv gegenübertretenden Wirklichkeit. Das wirkt gleichsam wie ein Spiegelreflex auf die Elterngeneration zurück: Zur Wirklichkeit der 'natürlichen' Gegebenheiten der Welt treten so – und dies an die Stelle artspezifischer Umwelten anderer Lebewesen – die zu Institutionen verdichteten Anschauungs- und Handlungsroutinen einer ‚sozialen‘, einer ‚gesellschaftlichen‘ Wirklichkeit. Die institutionalisierten Anschauungs- und Handlungsroutinen schlagen sich zudem in Techniken des Umganges mit den Gegebenheiten der natürlichen Umgebung des Menschen nieder. Sie ersetzen die ihm weitestgehend fehlenden Instinkte, die alle anderen Lebewesen in ihre jeweilige Umwelt einpassen. Sie sind für ihn die Instrumente, mit denen er sich die für ihn an sich unwirtliche Umgebung für sich erst passend macht.
Sozialisationsprozess
Sozialisation ist ein Prozess, der nie abgeschlossen ist. Im Zentrum steht die Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit sowie der sozialen Beziehungen einer Person. Zur Persönlichkeit gehört einerseits die Individualität, die den Einzelnen von allen Anderen unterscheidet, andererseits die Intersubjektivität, die die Mitglieder einer Gesellschaft oder Gemeinschaft miteinander teilen (z. B. Werte, Normen, soziale Rollen).
Über sein soziales Umfeld wird der unfertige Mensch in eine Welt eingepasst, in der und aus der heraus er leben kann. Es ist ein aus natürlichen Gegebenheiten jeweiliger Umgebungen von Menschen bereits herausgearbeitetes Gebilde aus Anschauungen, Einrichtungen und Lebensformen. Sie bilden die Werkzeuge, mit denen sie ihre jeweilige Umgebung gedeutet und für sich passend gemacht haben. Um selbst lebensfähig zu werden, muss der neugeborene Mensch lernen, mit diesen Werkzeugen umzugehen, sie zu gebrauchen. Die Einpassung des unfertigen Menschen in diese Welt vollzieht sich in einem Prozess des Verinnerlichens von Anschauungsweisen und Formen der Lebensbewältigung, die ihm durch die Menschen geboten werden, welche ihn – das zunächst noch ganz hilflose Geschöpf – unmittelbar umgeben. Verinnerlichen bedeutet, seine Umgebung Schritt für Schritt so zu erfassen, zu deuten und zunehmend auch zu handhaben, wie sie von den Menschen seiner unmittelbaren Umgebung aufgefasst, gedeutet und gehandhabt wird. Der junge Mensch lernt, die Welt mit Augen seiner Mitmenschen zu sehen, mit ihren Begriffen zu ordnen und zu gliedern, mit ihren Emotionen und Bewertungen auf ihre Erscheinungen zu reagieren und sich ihre Techniken des Umganges mit den Gegebenheiten dieser Welt anzueignen. Mit einem Wort, er übernimmt sukzessive eine Welt, in der die ihn unmittelbar umgebenden anderen Menschen schon leben. Dass diese Welt nur eine von unzähligen anderen menschlichen Lebenswelten ist, bleibt ihm zunächst verborgen. In ein bestimmtes soziales Umfeld hineingeboren, gibt es für ihn vorerst nur dieses. Es ist der Ort, um den herum sich für ihn die übrige Welt entfaltet und von dem aus sie ihm erschlossen wird. Es ist für ihn die Welt schlechthin. Erst in einer späteren Lebensphase wird für ihn erkennbar, dass es auch ganz andere Lebenswelten gibt, dass die eigene nur das Ergebnis eines Bündels von Zufälligkeiten ist und dass es sogar – wenn auch immer von einer nicht mehr reversiblen, schicksalhaften Ausgangsbasis aus – unterschiedliche Optionen für die Gestaltung der eigenen Lebenswelt gibt.
Es wird vor allem die primäre und die sekundäre Sozialisation unterschieden.
Primäre Sozialisation
Mit der primären Sozialisation werden die Fundamente für die noch ausstehende Einpassung des Menschen in die Welt gelegt, in der und aus der heraus er zu leben hat. Mit ihr wird eine Grundausstattung an Lebens- und Weltwissen vermittelt, die ein Mensch braucht, um in seiner Umgebung Fuß zu fassen. Die mit der primären Sozialisation zu leistende schrittweise Verinnerlichung der Anschauungsweisen und Lebensformen seines sozialen Umfeldes durch den neuen Erdenbürger ist an Voraussetzungen gebunden, die anfangs nur ganz wenige Personen erfüllen können.Erste und wichtigste Bedingung ist eine vertrauensvolle Bindung (Urvertrauen) des Neugeborenen an Menschen, die ihren Zugang zur Welt bereits gefunden haben. Dem sensorischen Entwicklungsstand des Neugeborenen entsprechend ist diese Bindung noch nahezu ausschließlich auf emotionales Wohlbefinden gegründet. Sie bildet sich deshalb am leichtesten zwischen ihm und der Mutter aus, der Person, die ihm ihrerseits schon durch die Schwangerschaft gefühlsmäßig am engsten verbunden ist. In und bei ihr kann es sich mit seinen elementaren vitalen Bedürfnissen nach Wärme, Nahrung, Zuwendung und Pflege am geborgensten fühlen. Die Bindung an weitere Menschen hängt dann gleichermaßen davon ab, inwieweit sie zum Wohlbefinden des Neugeborenen beizutragen vermögen.Eine weitere wichtige Voraussetzung für den Verinnerlichungsprozess sind Dauer und Beständigkeit der Bindung. Da der neue Erdenbürger anfangs noch über keinerlei abstrahierende Begrifflichkeiten verfügt, mit denen er die auf ihn eindringende Fülle der Erscheinungen für sich ordnen und gliedern könnte, muss sich das, was offenbar für ihn Bedeutung haben soll, erst aus dem wiederholten Umgang seiner Bezugspersonen mit diesen Erscheinungen allmählich herauskristallisieren. Dieses Begreifen braucht Zeit und es gelingt auch nur, wenn das Verhalten der Bezugspersonen gegenüber gleichen Erscheinungen auch einigermaßen gleich bleibt.Die innere Bereitschaft, institutionalisierte Anschauungsweisen und Lebensformen zu verinnerlichen, erwächst aus einer Identifizierung des Kleinkindes mit seinen nächsten Bezugspersonen. Das ermöglicht es ihm, regt es aber auch dazu an, die Welt in einer Weise aufzufassen, zu deuten, sich zu ihr zu stellen und sie schließlich so zu handhaben, wie seine Bezugspersonen dies tun.Dies führt dann zu einem weiteren sehr wichtigen Schritt der primären Sozialisation des Kindes. Indem es die Formen der Anschauungen seiner Bezugspersonen über und deren Umgangsweisen mit der Welt übernimmt, findet es nicht nur seinen Zugang zur Welt, in der es zu leben hat, sondern darüber hinaus auch einen neuen Zugang zu sich selbst. Wenn es also die Welt mit ihren Augen zu sehen lernt, wird es durch sie auch seiner selbst als Gegenstand ihrer emotionalen wie tätigen Zuwendung gewahr. Zu den Eindrücken, Empfindungen und Bedürfnissen, die es unmittelbar in sich selbst verspürt, erfährt es sich dabei als das, was die Menschen, die es umgeben, in ihm sehen. Und während es auch dies verinnerlicht, wird es unversehens auch zu dem, was diese in es hineinlegen.
Mit diesen Zuschreibungen erhält das Kind im Rahmen seiner primären Sozialisation von seinen Bezugspersonen schließlich einen ganz bestimmten Platz und eine spezifische Rolle in dem sozialen Umfeld zugewiesen, aus dem heraus es die Welt erfährt. Es lernt sich dabei als eine Person kennen, die in unterschiedlichen Beziehungen zu anderen Personen seines sozialen Umfeldes steht und an das Rollenerwartungen geknüpft werden, die es erfüllen soll (Herausbildung einer eigenen Identität).
Sekundäre Sozialisation
Sind mit der primären Sozialisation die Fundamente für die Einpassung des Menschen in seine Welt gelegt, steht er vor der Aufgabe, aus seinem Leben etwas zu machen, es konkret zu gestalten. Diese Aufgabe muss er in Auseinandersetzung mit einer Welt aufnehmen, die außerhalb des Rahmens des primären Sozialisationsumfeldes liegt. Den in dieser Auseinandersetzung sich vollziehenden Prozess bezeichnet man als sekundäre Sozialisation.
In komplexen, arbeitsteiligen Gesellschaften ist die Welt, mit der der Einzelne sich auseinanderzusetzen hat, in eine Vielzahl von miteinander verzahnten und verschachtelten Lebens- und Arbeitswelten aufgefächert, deren jede durch ganz spezifische Anforderungen sowie spezielles Wissen und Können geprägt ist: Lehrer kümmern sich um Bildung, Ärzte und Fachpflegepersonal um die Gesundheit, Bauern und ihnen nachgelagerte Industrien um die Herstellung von Nahrungsmitteln, Händler um deren Verteilung, Handwerker um den Bau von Häusern und die Reparatur von Wasserleitungen, Soldaten um die Verteidigung des Landes, Richter um die Befriedung von Rechtsstreitigkeiten, Müllwerker um die Beseitigung des täglichen Abfalls – und so weiter. Sekundäre Sozialisation ist demzufolge die Verinnerlichung solcher, durch Arbeits- oder Funktionsteiligkeit bedingter institutionaler „Subwelten“. Sie besteht im Erwerb von rollenspezifischem Wissen und Können und „erfordert das Sich-zu-eigen-Machen eines jeweils rollenspezifischen Vokabulars. Die ‚Subwelten‘, die mit der sekundären Sozialisation internalisiert werden, sind partielle Wirklichkeiten im Kontrast zur 'Grundwelt', die man in der primären Sozialisation erfasst“.
Über die primäre und die sekundäre Sozialisation wird der in die Welt noch weitestgehend einpassungsbedürftige Mensch zunehmend in Routinegewissheiten der Anschauung und der Bewertung der Welt sowie seines Verhaltens ihr gegenüber stabilisiert. Anders als bei den instinktiv fixierten Adaptionsmechanismen anderer Lebewesen bleiben diese Routinegewissheiten aber modifizierbar. Dies gilt nicht so sehr für die mit der primären Sozialisation erworbenen Routinegewissheiten, die in besonderem Maße emotional verankert und intellektueller Reflexion schwerer zugänglich sind, weil sie zumeist als alternativlos verinnerlicht werden. Aus dieser Haut kommt der Mensch deshalb nur noch sehr schwer heraus. Umso mehr indessen gilt das für die mit der sekundären Sozialisation aufgenommenen Anschauungs-, Bewertungs- und Verhaltensweisen, die vielfach mit der Erkenntnis verinnerlicht werden, dass es auch andere Lebensmöglichkeiten gibt, auch wenn sie für den Einzelnen nicht unbedingt erreichbar sind oder sonst in Betracht kommen. Menschen können ihr Verhältnis zur Welt also verändern; sie bleiben in der Lage, neue Rollen zu übernehmen und in ihnen andere Anschauungen, Bewertungen und Verhaltensmuster zu verinnerlichen als die, die sie bis dahin geleitet haben. Je länger der Einzelne in eine der Subwelten eingebunden ist, je anhaltender die wiederkehrenden Erfahrungen sind, die er dort macht, desto stärker lagern sich diese adaptiven Präferenzen als nicht mehr angezweifelte Gewissheiten ab, die seine Weltsicht bestimmen. Diese Sedimentierung erklärt zu einem guten Teil, warum Menschen in vorgerücktem Alter in ihren Anschauungen, Bewertungen und Verhaltensweisen immer starrer werden und ihre Sensibilität für andere Sichtweisen abnimmt.
Weitere Sozialisation
Die Tertiäre Sozialisation findet im Erwachsenenalter statt und bezeichnet die Anpassung, die ein Individuum in Interaktion mit seiner sozialen Umwelt ständig vornimmt, d. h. der Mensch lernt Verhaltensweisen neu oder er verlernt Verhaltensweisen und Denkmuster, die er in früheren Jahren angenommen hat, da sie jetzt ihre Bedeutung verloren haben. Im Beruf und mit der Gründung einer Familie übernimmt er Verpflichtungen und erbringt Leistungen, die dem Funktionieren und Überleben der Gesellschaft dienen.
Die Quartäre Sozialisation findet im höheren Lebensalter statt. Die Gesellschaft hat spezielle Erwartungen an ältere Menschen. Das Individuum muss sich in neue Lebenssituationen und Lebenszusammenhänge einfinden, die typisch für diese Lebensphase sind, wie der Umzug ins Heim oder pflegebedürftig zu werden.
Sozialisation als Beziehungsgestaltung
Die Sozialisation in einer Beziehung äußert sich in zwei Ausdrucksmodalitäten:
in den Persönlichkeitseigenschaften und
in den Prozessen des Zusammenlebens
Seit den 1960er Jahren liegt der Schwerpunkt der Sozialisationsforschung in der Bezugnahme auf die Entwicklungspotenziale und Handlungsoptionen einzelner Akteure (vgl. Klaus Hurrelmann u. a. 1998). Die starke Fokussierung auf das Subjekt mündete jedoch in einer Engführung, die eine Ausblendung von sozialen Gestaltungsprozessen zur Folge hatte, die durch das Zusammenleben selbst entstehen.
Indem die Sozialisationsforschung die Prozesse des Zusammenlebens als zweite Dimension mit einschließt, ist es ihre Aufgabe, sich nicht nur auf die zentralen Aspekte der Persönlichkeitsentwicklung zu konzentrieren, sondern zudem einen Schwerpunkt auf die Analyse der konkreten zwischenmenschlichen Beziehungsgestaltung zu setzen. Diese äußert sich in Prozessen der Entstehung von individuellem Handlungswissen und einer allgemeinen Handlungsorientierung. Als grundlegend für die Annahme dieser Perspektive von Sozialisation ist die Tatsache zu betrachten, dass Sozialisation Interaktion voraussetzt und auf anthropologische, bio-psycho-soziale Dispositionen des Menschen zur Reflexion, zur Koordination und zur Verständigung baut.
Sozialisation ist in Bezug der hier beschriebenen Erweiterung durch die Dimension der gemeinsamen Handlungspraxis und der hier entstehenden Wissensgenese demnach als „eine soziale Praxis zu bestimmen, die sich durch das Zusammenleben von Menschen etabliert, wobei Erfahrungen, Fertigkeiten und Wissen zwischen den Menschen ausgetauscht und kultiviert werden“ (vgl. Matthias Grundmann 2006).
Humanisation
Der Sozialanthropologe Dieter Claessens stellt in Familie und Wertsystem heraus, dass eine 'gelingende' „Sozialisation“ einer vorausgehenden gelungenen Humanisation bedürfe, in der das Neugeborene im ersten Lebensjahr (post-uterinen Frühjahr) ein Urvertrauen gewinne (oder eben nicht gewinne), soziale Lehren für sich zu akzeptieren (Siehe auch: Geburt).
Mittlerweile ist auch durch aktuelle anthropologische und entwicklungsgenetische Studien belegt, dass Sozialisation als eine gattungsspezifische Form der Lebensbewältigung anzusehen ist. Diese beschränkt sich allerdings nicht allein auf die Fähigkeit zur „Humanisation“, sondern viel grundlegender auf die Erkenntnisfähigkeit, wie sie zum Beispiel in der Wahrnehmung und Deutung reziproker Handlungsdisposition begründet ist.
Sozialisation und Erziehung
Sozialisation gilt in der Erziehungslehre als ein Didaktisches Prinzip, das im Verbund mit seinem Pendant, der Individuation, das unterrichtliche Geschehen als längerfristige Zielvorgabe maßgeblich bestimmen sollte:
Ausgehend von dem Doppelverständnis des Menschen als Individualwesen und Sozialwesen, hat Erziehung auftragsmäßig einerseits zur Entwicklung einer unverwechselbaren Persönlichkeit des Heranwachsenden beizutragen, der in die Lage versetzt werden soll, nach Maßgabe der mitgebrachten Anlagen, Bedürfnisse und Möglichkeiten die eigene Bestimmung zu finden und entsprechend ein selbstbestimmtes eigenständiges Leben zu führen. Andererseits ist von Bedeutung, dass die Einzelpersönlichkeit in einer und mit einer Gemeinschaft anderer Individuen aufwächst, die ihr mit teilweise widersprechenden Interessen und Forderungen begegnen und mit denen es gilt, einen Interessenausgleich zu suchen, um ein friedfertiges gemeinsames Leben gestalten zu können. Beide Forderungen müssen didaktisch miteinander in Einklang gebracht werden.
Historisches
In den 1970er Jahren entbrannte ein heftiger Streit darüber, welcher Erziehungsstil die Sozialisation als Bildungsaufgabe am besten gewährleisten könne. So entstanden, inzwischen im wissenschaftlichen Diskurs überlebte, z. T. ideologisch getönte Vorschläge und Experimentalformen wie der autoritäre und sein Gegenpol, der antiautoritäre oder der politisch orientierte sogenannte demokratische Führungsstil, aber auch lehrtechnisch alternative Unterrichtsformen wie der lehrerzentrierte oder der schülerzentrierte Unterricht.
Eine verbindende und sich im modernen Unterricht weithin durchgesetzte Vermittlungsform, mit der das didaktische Prinzip der Sozialisation ideologiefrei gefördert werden sollte, ist der von Reinhard und Anne-Marie Tausch 1979 in die Unterrichtslehre eingeführte sogenannte Sozialintegrative Unterrichtsstil. Mit diesem Führungsstil werden die Lernenden aus ihrer Vereinzelung geholt, wird das Miteinander der Lehrenden und Lernenden, werden ihre Kommunikations- und Kooperationspotenziale ins Zentrum der Lernprozesse gerückt.
Beispiel Verkehrspädagogik
Die Verkehrspädagogik von heute ist kein Unfallverhütungsfach mehr. Sie versteht sich vielmehr entsprechend ihrem Kernbegriff („Verkehren“ als „Miteinander umgehen“, „Aufeinander achten“, „Miteinander kommunizieren und kooperieren“) in einem weiteren Sinn als fächerübergreifende Persönlichkeits- und Sozialerziehung. Ihr Aufgabenfeld der Sozialisation setzt daher vor der eigentlichen Befassung mit dem realen Straßenverkehr bereits im Schonraumlernen an. Erklärtes Bildungsziel ist der mündige, eigenverantwortlich, sicherheitsbezogen und partnerschaftlich denkende und handelnde Mensch, der sich in jeglicher Form des menschlichen Umgangs bewährt. Das sozialpädagogische Leitziel der Verkehrserziehung ist: „die Entwicklung von entsprechender Selbstkompetenz, Sozialkompetenz, Sachkompetenz und Handlungskompetenz“ Die erzieherische Aufgabe besteht darin, die beiden Komponenten Selbstverwirklichung und Sozialkompetenz miteinander zu verbinden und in Einklang zu bringen: „Verkehrserziehung soll beide Seiten der kindlichen Persönlichkeit fördern: Das Kind muss in die Lage versetzt werden, sich selbstständig und selbstbewusst im Verkehr zu bewegen und dabei konsequent seine Verkehrsabsichten zu verfolgen. Es muss aber auch lernen, auf die anderen und ihre Absichten zu achten, Rücksicht zu nehmen und Verantwortung für sich und die anderen mitzutragen.“
Beispiel Sportpädagogik
Auch die Sporterziehung, die einmal unter den Bezeichnungen Leibeserziehung (BRD) beziehungsweise Körpererziehung (DDR) den Schulsport bestimmte, ist längst kein reines „Bewegungsfach“ mehr, das als Ausgleich zu den „Sitzfächern“ dem Bewegungsmangel entgegenwirken, für emotionale Entspannung im ansonsten strengen Unterrichtsgeschehen sorgen, sportliche Techniken vermitteln und allgemein der körperlich-seelischen Gesunderhaltung dienen soll. Sporterziehung hat darüber hinaus in einem mehrperspektivischen Unterricht über anspruchsvolle mehrdimensionale Methoden ein komplexes Aufgabenfeld zu bedienen, zu dem neben der Entwicklung von Körpergefühl, sportlichen Techniken und Gesundheitsbewusstsein auch kognitive Lernziele und die Aufgabenstellung der Sozialisation in Form des sozialen Lernens gehören.
Kritik
Sozialisation ist im erziehungswissenschaftlichen Sinn kritisch zu betrachten:
Die Klassiker der Pädagogik gehen von einer nicht-affirmativen Erziehung, also nicht von einer Erziehung im Sinne von Anpassung an die gesellschaftlichen Normen aus. (Vgl. dazu Jean-Jacques Rousseau, Friedrich Schleiermacher, Wilhelm von Humboldt, Johann Friedrich Herbart, Dietrich Benner). Gelungene Sozialisation versetzt das Individuum einerseits in die Lage, bestehende Werte und Normen zu erkennen und zu akzeptieren – andererseits die Normen und Werte auch reflektierend in Frage zu stellen (siehe auch: Internalisierung (Sozialwissenschaften)).
Sozialisation betont häufig die Abhängigkeit unterschiedlicher Generationen voneinander (z. B. Eltern und Kinder). Manchmal wird vergessen, dass sich bestimmte Lernprozesse gerade innerhalb derselben Generation, der Peergroup, abspielen bzw. entscheiden: So ist die Übernahme der Geschlechterrolle nach neueren Untersuchungen relativ früh und eindeutig ein Lernprodukt, das sich aus der Identifikation mit der eigenen Generation entwickelt und wahrscheinlich nicht aus der Auseinandersetzung mit der Eltern-Generation.
Verwendung in der Biologie
siehe Kulturbegriff in der Biologie und Sozialverhalten aus Sicht der Verhaltensbiologie
Siehe auch
Assimilation (Soziologie) und Assimilationspolitik
Körpersozialisation
Mediensozialisation
Musikalische Sozialisation
Politische Sozialisation
Resozialisierung
Sozialisation durch Massenkommunikation
Soziabilisierung
Sozialintegrativer Unterricht
Selbstbestimmungstheorie
Unterrichtsprinzipien
Vergesellschaftung (Soziologie)
Literatur
Peter L. Berger, Thomas Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Frankfurt am Main 1969.
Dieter Claessens: Familie und Wertsystem. Eine Studie zur zweiten sozio-kulturellen Geburt des Menschen. 4. Auflage 1979, ISBN 3-428-02699-3.
Dieter Geulen: Das vergesellschaftete Subjekt. Zur Grundlegung der Sozialisationstheorie. Frankfurt am Main 1977, ISBN 3-518-07454-7.
Wilfried Gottschalch u. a.: Sozialisationsforschung. Frankfurt am Main 1971.
Matthias Grundmann: Sozialisation. Skizze einer allgemeinen Theorie. UTB, Konstanz: UVK 2006, ISBN 978-3-8385-2783-3.
Jochen Grell: Techniken des Lehrerverhaltens. 2. Auflage. Verlag Beltz, Weinheim 2001.
Bruno Heilig: Perspektiven der Verkehrspädagogik. Kongressbericht 11.–13. Mai 1988 Schwäbisch Gmünd.
Klaus Hurrelmann, Ullrich Bauer: Einführung in die Sozialisationstheorie. Beltz Verlag, 11. Auflage, Weinheim und Basel 2015, ISBN 978-3-407-25740-6.
Klaus Hurrelmann, Ullrich Bauer, Matthias Grundmann, Sabine Walper (Hrsg.): Handbuch der Sozialisationsforschung. Beltz Verlag, 8. Auflage, Weinheim 2015, ISBN 978-3-407-83183-5.
Klaus Hurrelmann, Dieter Ulich (Hrsg.): Handbuch Sozialisationsforschung. Beltz Verlag, Weinheim 1980.
Edmund Kösel: Didaktische Prinzipien und Postulate. In: Die Modellierung von Lernwelten. Band I: Die Theorie der Subjektiven Didaktik. 4. Auflage. Balingen 2002, ISBN 3-8311-3224-0.
Arnd Krüger: La pluridisciplinarité dans l'éducation physique et sportive: un chemin difficile - Multiperspectivity as a basis of current German physical education. in: Movement & Sport Sciences – Science & Motricité 78, 2012, 11–23.
Manfred von Lewinski: Wie einsam bleibt der Mensch? – Grundlagen, Eigenarten und Grenzen menschlicher Kommunikation. 2006, Verlag Pro Business, Berlin, ISBN 3-939000-70-1.
Peter Neumann, Eckard Balz (Hrsg.): Mehrperspektivischer Sportunterricht. Orientierungen und Beispiele. Verlag Hofmann, Schorndorf 2004.
Klaus-Jürgen Tillmann: Sozialisationstheorien. Eine Einführung in den Zusammenhang von Gesellschaft, Institution und Subjektwerdung. 13. Auflage, Rowohlts Enzyklopädie, Reinbek bei Hamburg 2004, ISBN 3-499-55476-3.
Siegbert A. Warwitz: Didaktische Prinzipien. In: Ders.: Verkehrserziehung vom Kinde aus. Wahrnehmen–Spielen–Denken–Handeln. 6. Auflage. Schneider, Baltmannsweiler 2009, S. 69–72. ISBN 978-3-8340-0563-2.
Weblinks
Hermann Veith: Sozialisationstheorie (PDF; 242 kB) in: Familienhandbuch-online
Erich H. Witte: Sozialisationstheorien, Hamburger Forschungsberichte zur Sozialpsychologie 56/2005
Andreas Kreuziger: Sozialisation in der heutigen Gesellschaft in: Was ist, ist – was nicht ist, ist möglich! – Kinder und Jugendliche als partizipierende Subjekte in unserer Gesellschaft.
Einzelnachweise
Pädagogische Psychologie
Entwicklungspsychologie
Sozialpsychologie
Philosophische Anthropologie
Didaktik
Pädagogische Methode/Lehre
Unterricht
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Q185467
| 106.212006 |
21138
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https://de.wikipedia.org/wiki/Alberta
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Alberta
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Alberta ist die westlichste der Prärieprovinzen Kanadas. Die Hauptstadt ist Edmonton, die größte Stadt Calgary. Benannt ist die Provinz nach Louise Caroline Alberta, Duchess of Argyll, der vierten Tochter von Königin Victoria.
Albertas Landschaft wird von der Prärie geprägt, die sich im Osten bis nach Saskatchewan ausdehnt. An der Westgrenze der Provinz dominieren hingegen die Ausläufer der Rocky Mountains. Alberta besitzt umfangreiche Ölvorkommen und ist die reichste Provinz Kanadas. Weitere Wirtschaftsfaktoren sind der Getreideanbau und die Rinderzucht.
Geographie
Alberta bedeckt eine Fläche von 634.658,27 km², davon sind 19.531 km² Wasseroberfläche.
Lage
Im Süden grenzt Alberta an den US-Bundesstaat Montana, im Osten an die Provinz Saskatchewan, im Norden an die Nordwest-Territorien und im Westen an British Columbia.
Gewässer
Mit Ausnahme des südwestlichen Teils ist Alberta sehr wasserreich. Es gibt zahlreiche Flüsse und Seen. Die drei größten Seen sind der Athabascasee (7.898 km2), dessen östlicher größerer Teil in der Provinz Saskatchewan liegt, der Lake Claire (1.436 km2) unmittelbar westlich des Lake Athabasca im Wood-Buffalo-Nationalpark und der Lesser Slave Lake (1.168 km2) nordwestlich von Edmonton.
Landschaften
Albertas Hauptstadt, Edmonton, liegt beinahe im geographischen Zentrum der Provinz. Der Großteil von Albertas Öl wird hier raffiniert. Das südliche Alberta, wo Calgary liegt, ist bekannt für sein Ranching. Ein Großteil des unbewaldeten Albertas wird zum Getreideanbau oder zur Milchwirtschaft verwendet, wobei Ranching und Grünland im Süden dominieren. Das Ödland Albertas liegt im Südosten, wo der Red Deer River die flache Prärie und das Farmland kreuzt und tiefe Schluchten und beeindruckende Landschaften zu sehen sind. Der Dinosaur Provincial Park, nahe Brooks, ist Schauplatz für das Terrain des Ödlands, der Flora der Wüste und Überbleibsel von Albertas Vergangenheit, als Dinosaurier die Landschaft durchstreiften.
Ökologie
Die Verödung des Gebiets des Ölschieferabbaus schreitet wegen des hohen Wasserverbrauchs weiter voran. Im Januar 2015 wurde in Alberta durch Fracking nach vielen kleineren Beben ein mittleres Erdbeben mit der Stärke von 4,4 auf der Richterskala in einem dünn besiedelten Gebiet mit dem Epizentrum nahe der Stadt Fox Creek ausgelöst. Hier war der Fels mit großen Mengen Wasser und Lösungsmitteln bis auf 3000 Meter Tiefe gespalten und der Schiefersand bis zu 2000 Meter horizontal durchbohrt worden. Es ist vermutlich das bislang stärkste Erdbeben, das je von Menschenhand verursacht wurde. Der United States Geological Survey bestätigte die Ursache, die von den die Bohrungen betreibenden Unternehmen bestritten wird. Gail Atkinson, Spezialist für künstlich induzierte Erdbeben der Western University in London (Ontario) geht davon aus, dass industriell induzierte Beben gefährlicher sein können als natürliche.
Während in British Columbia Bohrungen nach Erdbeben mit einer Magnitude > 4,0 eingestellt werden müssen, gibt es in Alberta kein entsprechendes Gesetz.
Gliederung
Geographisch wird Alberta in sechs Regionen aufgeteilt:
Alberta’s Rockies
Calgary Region
Central Alberta
Edmonton Capital Region
Northern Alberta
Southern Alberta
Gelegentlich wird der Calgary-Edmonton Corridor als weitere Region gezählt. Teilweise wird der Region Zentral-Alberta zugerechnet.
Zu Verwaltungszwecken gibt es die Einteilung in Municipal Districts (siehe: Liste der Municipal Districts in Alberta), die wiederum zu statistischen Zwecken zu Census Divisions zusammengefasst werden.
Klima
Da sich Alberta 1.200 km in Nord-Süd-Richtung (und etwa 600 km in Ost-West-Richtung) ausdehnt, unterscheidet sich das Klima zwischen dem 49. und 60. Breitengrad beträchtlich. Es wird auch durch die Höhe ü. NN beeinflusst: Sie reicht von etwa 1.000 Meter im Süden (Calgary liegt etwa 1.000–1.200 Meter hoch und Red Deer etwa 850 m) bis zu 650 Meter im Norden. Die Präsenz der Rocky Mountains im Westen und offener Prärie im Osten beeinflusst das Wetter ebenfalls.
Der Norden Albertas ist meistens von Taiga bedeckt und hat weniger frostfreie Tage als der Süden, der ein semiarides Klima aufweist. Der Westen Albertas wird durch die Berge geschützt und erfreut sich im Winter aufgrund der Chinook-Winde milder Temperaturen. Das südöstliche Alberta hingegen besteht allgemein aus flacher, trockener Prärie mit einigen Hügeln und extremen Temperaturen. Diese liegen im Bereich von sehr kalt (−35 °C oder tiefer im Winter) bis sehr heiß (38 °C oder mehr im Sommer). Das zentrale und Teile des nordwestlichen Alberta im Bereich des Peace River sind zum großen Teil Aspen Parklands, ein Übergangs-Biom zwischen der Prärie im Süden und der Taiga im Norden. Nach dem südlichen Ontario ist das zentrale Alberta diejenige Region Kanadas mit der größten Wahrscheinlichkeit für Tornados. Gewitter treten häufig im Sommer speziell im zentralen und südlichen Alberta auf. Die Region um den Calgary-Edmonton Corridor ist für die höchste Häufigkeit an Hagel in Kanada berüchtigt.
Generell hat Alberta kalte Winter mit Durchschnittstemperaturen zwischen −10 °C im Süden bis zu −24 °C im Norden. Im Süden entlang den Ausläufern der Rocky Mountains wird der Winter manchmal durch den Chinook-Wind unterbrochen, der die Temperaturen in kurzer Zeit auf bis zu 20 °C und mehr steigen lässt. Dies geschieht meist im Februar oder März. Im Sommer reicht die durchschnittliche Tagestemperatur in den Tälern der Rocky Mountains und im hohen Norden bis etwa 21 °C, in der trockenen Prärie des Südwestens bis zu 30 °C. In den nördlichen und westlichen Teilen der Provinz fällt mehr Regen und die Verdampfungsraten sind wegen der kühleren Sommertemperaturen niedriger. Südliche und östlich-zentrale Gebiete sind für dürreähnliche Bedingungen anfällig, dies zum Teil über Jahre hinweg, obwohl es auch in diesen Gebieten heftige Niederschläge geben kann. Die nördlichen Teile Albertas erhalten wegen des recht trockenen Klimas ziemlich viel Sonnenschein; der östlich-zentrale, an Saskatchewan grenzende Teil der Provinz ist der sonnigste Platz Kanadas mit einem Durchschnitt von über 2.500 Sonnenstunden jährlich.
Fauna
Die drei klimatischen Regionen Albertas (alpines Gebirge, Wald und Prärie) beheimaten viele verschiedene Tierarten. Die südliche und zentrale Prärie war das Land der Prärie-Bisons. Das Gras lieferte Futter für schätzungsweise 40 Millionen Büffel im 17. Jahrhundert. Seit der Besiedlung durch Weiße wurde die Büffel-Population – sowohl der Prärie- als auch der Wald-Bisons – bis fast zur Ausrottung dezimiert. Nur durch strenge Schutzmaßnahmen (in ganz Nordamerika) konnte die Art bis heute erhalten werden. In Alberta lebten 2013 über 57.000 Tiere als Nutztiere auf Farmen. In freier Wildbahn (vorwiegend in Großschutzgebieten, zum Teil von indigenen Gemeinschaften – etwa Dene Tha' in den borealen Wäldern oder Blackfoot in den Plains – gemanagt) lebten in ganz Kanada etwa 1200 bis 1500 Prärie-Bisons und 5000 bis über 7000 Wald-Bisons. Aufgrund der vergleichsweise kleinen Population gelten beide Arten nach wie vor als stark gefährdet. Die größte Gefahr geht heute von Seuchen wie der Rinderbrucellose, Tuberkulose oder Milzbrand aus.
Alberta ist die Heimat vieler großer Carnivoren. Darunter sind der Grizzly und der Schwarzbär, die man in den Berg- und Waldregionen findet. Kleinere Vertreter der Fleischfresser der Hunde- und Katzen-Familien sind der Kojote, der Wolf, der Rotfuchs und Swiftfuchs, der Kanadische Luchs, der Rotluchs und der Puma. Der Kojote ist auch in manchen Teilen der großen urbanen Zentren zu finden.
Herbivoren findet man überall in der Provinz. Elch und Hirsch (sowohl Maultierhirsch als auch Weißwedelhirsch) findet man in bewaldeten Regionen, und den Gabelbock in den Prärien des südlichen Alberta. Dickhornschafe und Schneeziegen leben in den Rocky Mountains. Kaninchen, Baumstachler, Skunks, Grauhörnchen, und viele Arten von Nagetieren und Reptilien leben in jeder Region der Provinz. In Alberta ist nur eine einzige Giftschlangenart, die Prärieklapperschlange, beheimatet.
Bevölkerung
Bei der Volkszählung 2021 wurden für Alberta 4.262.635 Einwohner ermittelt, was gegenüber dem Zensus von 2016 einer Zunahme um 4,8 % entspricht. Somit liegt Alberta hinsichtlich der Bevölkerungsentwicklung leicht unter dem landesweiten Durchschnitt mit einer Zunahme von 5,2 %. Die Bevölkerungsdichte in Alberta lag 2021 bei 6,7 Einwohnern pro Quadratkilometer, während der Landesdurchschnitt 4,2 Einwohnern pro Quadratkilometer beträgt. Der Anteil Albertas an der Gesamtbevölkerung Kanadas beträgt 11,52 %. Das Bevölkerungswachstum in der Provinz ist dabei hauptsächlich der anhaltenden Einwanderung zuzuschreiben.
Ca. 77 % der Bevölkerung gaben im Rahmen des Zensus 2011 Englisch als Muttersprache an, der Anteil der Bevölkerung mit Französisch als Muttersprache beträgt ca. 2 %. Rund 2,2 % der Bevölkerung gaben bei der Befragung Deutsch als Muttersprache an.
Etwa 70.000 Bürger Albertas sind Indianer. Mehrheitlich sind dies Cree und Blackfoot (Siksika). Dazu kommt eine größere Anzahl Métis. Ihnen wurde 1990 vom obersten Gerichtshof Kanadas ein in acht Siedlungen aufgeteiltes Schutzgebiet von 500.000 Hektar Land zugesprochen. Die Provinz ist eines der Zentren der Hutterer in Kanada.
Laut der Volkszählung 2006 setzt sich die Bevölkerung aus 27,2 % Englischstämmigen, 20,9 % Deutschstämmigen, 20,5 % „Kanadischstämmigen“, 20,3 % Schottischstämmigen, 16,6 % Irischstämmigen, 11,9 % Französischstämmigen sowie 10,2 % Ukrainischstämmigen zusammen (Mehrfachnennungen waren möglich).
Größte Städte
Die größten Ballungszentren sind Calgary (mit Airdrie), Edmonton (mit Sherwood Park, Spruce Grove und St. Albert), Red Deer, Lethbridge und Medicine Hat.
Geschichte
Alberta wurde nach Prinzessin Louise Caroline Alberta benannt.
Der südliche Teil der Provinz Alberta war seit Gründung der Hudson’s Bay Company (HBC) 1670 ein Teil von Ruperts Land und unterstand damit der Verwaltung der HBC. Der nördliche Teil des Gebiets wurde erst noch von der North West Company administriert, die aber 1821 in der HBC aufging (siehe Pemmikan-Krieg).
Um 1731 erreichten die Franzosen das Gebiet der westlichen kanadischen Prärie. Sie gründeten später Gemeinden wie Lac La Biche und Bonnyville. Fort La Jonquière wurde 1752 in der Nähe des heutigen Calgary erbaut. Der erste Erforscher der Region Athabasca war Peter Pond, der im Namen der North West Company 1778 das Fort Athabasca am Lac La Biche baute. 1788 gründete Roderick Mackenzie Fort Chipewyan, die älteste europäische Siedlung in Alberta, an der Nordwestspitze des Athabascasees.
Alexander Mackenzie, der Cousin Roderick Mackenzies, folgte dem North Saskatchewan River zu seinem nördlichsten Punkt in der Nähe von Edmonton, setzte dann zu Fuß nach Norden und folgte dann dem Fluss Athabasca zum Athabascasee. Dort entdeckte er einen Ausfluss, den Mackenzie River, diesem folgte er bis zur Mündung in den Arktischen Ozean. Er kam zum Athabascasee zurück und folgte dem Peace River stromaufwärts und erreichte den Pazifik. Mackenzie ist somit der erste Europäer, der den amerikanischen Doppelkontinent nördlich Mexikos durchquerte.
1882 wurde Alberta ein separater Distrikt der Nordwest-Territorien, 1905 wurde sein Gebiet nach einer langen Kampagne für Autonomie vergrößert und zu einer Provinz. Alexander Cameron Rutherford wurde der erste Premierminister.
Politik
Das politische System Albertas basiert auf dem Westminster-System mit einem Einkammernparlament. Die Legislativversammlung besteht aus 87 Mitgliedern, die in ebenso vielen Wahlkreisen nach dem Mehrheitswahlsystem gewählt werden. Der Vizegouverneur, der das Staatsoberhaupt vertritt, kann in Absprache mit dem Premierminister innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens (spätestens nach fünf Jahren) das Parlament vorzeitig auflösen und Neuwahlen ansetzen, der britischen Parlamentstradition entsprechend. Premierminister ist stets der Vorsitzende jener Partei, welche die meisten Sitze errungen hat. Premierministerin ist seit 2022 Danielle Smith, Vizegouverneurin ist seit 2020 Salma Lakhani.
Politisch gilt Alberta als eine der konservativsten Provinzen Kanadas. 33 von 34 Repräsentanten Albertas im kanadischen Unterhaus gehören der Konservativen Partei Kanadas an. Auf Provinzebene stellte die Progressive Conservative Association of Alberta seit 1971 ununterbrochen die Regierung, bis sie 2015 eine empfindliche Wahlniederlage erlitt und von der sozialdemokratischen Alberta New Democratic Party abgelöst wurde. 2019 errang die aus einer Fusion der PCA und der Wildrose Party entstandene United Conservative Party die absolute Mehrheit und stellt seitdem die Provinzregierung. Alberta wurde aus diesem Grund gelegentlich als „Texas North“ bezeichnet. Gemäß der kanadischen Verfassung stehen Alberta sechs Sitze im Senat zu, die derzeit allesamt von unabhängigen Senatoren gehalten werden.
Kultur und Sehenswürdigkeiten
Alberta entwickelte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einem beliebten Touristenziel mit mehreren Sehenswürdigkeiten und sportlichen Attraktionen wie Skifahren, Bergwandern und Camping sowie auch zu einer beliebten Einkaufsmetropole durch das größte Einkaufszentrum in ganz Nordamerika, die West Edmonton Mall. Neben der Shopping Mall ist auch die Stephen Avenue in Calgary eine beliebte Einkaufsstraße mit mehreren Geschäften, Restaurants und Cafés. Sehr beliebt sind diverse Outdoor Festivitäten und Veranstaltungen, wie unter anderen das Professionelle Athletik Event, die International Sporting Competitions sowie die Commonwealth Games, die Olympic Games und andere Events. Alberta wird auch das Land der Cowboys genannt. Nirgends in Kanada gibt es so viele Working und Guest Ranches wie hier. Jährlich findet auch die Calgary Stampede statt, sie ist das größte Rodeo seiner Art weltweit, an dem jährlich ca. 1,2 Millionen Menschen teilnehmen.
Albertas Rocky Mountains sind bei den Touristen sehr bekannt, unter anderem durch den Banff National Park und den Jasper National Park. Die zwei Parks sind durch eine der schönsten Fernstraßen verbunden, den Icefields Parkway. Banff befindet sich ca. 128 km westlich von Calgary und ist mit dem Highway 1 verbunden. Jasper befindet sich 366 km westlich von Edmonton am Yellowhead Highway.
Naturdenkmäler
Alberta besitzt eine Reihe von Nationalparks und Provinzparks. Im Westen liegen der Jasper-Nationalpark und der Banff-Nationalpark, im Norden der Wood-Buffalo-Nationalpark, im Osten der Elk-Island-Nationalpark, im Südosten der Dinosaur Provincial Park und im Süden der Waterton-Lakes-Nationalpark. Dabei sind folgende Parks von der UNESCO mit dem Titel einer Welterbestätte ausgezeichnet worden: Die Canadian Rocky Mountain Parks, der Waterton-Glacier International Peace Park, der Wood-Buffalo-Nationalpark, der Dinosaur Provincial Park und der Head-Smashed-In Buffalo Jump. Seit 2019 ist außerdem der Writing-on-Stone Provincial Park, unter anderem wegen seiner Petroglyphen, eine Welterbestätte. Somit befinden sich sechs von Kanadas Welterbestätten in der Provinz Alberta.
Einer der größten Findlinge der Welt, der etwa 16.000 Tonnen schwere und 18 Meter hohe Big Rock, liegt nahe Calgary. Er wurde vor etwa 18.000 Jahren durch einen wandernden Eisgletscher zu seinem heutigen Standort transportiert.
Wirtschaft und Infrastruktur
Ölvorkommen (Athabasca-Ölsande)
Mit 1,7 Billionen Barrel (≈ 2,70 km³) lagert hier in den sogenannten Athabasca-Ölsanden nahe Fort McMurray etwa ein Drittel der weltweiten Ölsandvorkommen. Sie machen Kanada nach Venezuela und Saudi-Arabien zum Land mit der weltweit drittgrößten Ölreserve und begründen den Reichtum der Provinz. Der Abbau ist jedoch mit großen Umweltproblemen und einem hohen CO2-Ausstoß verbunden. Die Gewinnung von Öl aus Ölsand wurde erst in jüngerer Zeit durch neue Technologien und einen anhaltend hohen Ölpreis rentabel. Mindestens 65 Prozent des hier gewonnenen Erdöls gehen aufgrund einer Klausel des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (Nafta) in die Vereinigten Staaten; hierfür wurde eine der weltgrößten Öl-Pipelines gebaut, die sogenannte Keystone-Pipeline. Im Jahr 2010 lagen die Pro-Kopf-Investitionen in Alberta bei 18.930 CAD und waren damit mehr als doppelt so hoch wie der kanadische Durchschnitt. Da der Abbau sehr energieintensiv ist, birgt er die Gefahr, dass Kanada seine Verpflichtungen aus dem Kyoto-Protokoll nicht erfüllen kann (Stand: 2006).
Im Zuge des Ölpreisverfalls seit Herbst 2014 wurde der im Vergleich zur konventionellen Ölförderung teure Abbau von Ölsanden stark zurückgefahren; die Prognosen eines weiteren steilen Anstiegs der Förderung haben sich nicht erfüllt. Dadurch droht der Provinz eine Rezession. Im Februar 2015 betrug die Arbeitslosigkeit in der Region 12,6 % (2010: 6,5 %), lag allerdings saisonbereinigt immer noch weit unter dem kanadischen Durchschnitt.
Agrarwirtschaft
Nach der Ölindustrie ist die Agrarwirtschaft der wichtigste Wirtschaftszweig; sie besteht hauptsächlich aus Getreideanbau und Rinderzucht für den Export in die USA. Der Rinderexport wurde 2003 empfindlich beeinträchtigt, als Fälle von BSE auftraten und die USA vorübergehend ihre Grenzen für den Import schlossen.
Tourismus
Die zuständige Tourismusbehörde, Alberta Economic Development, registrierte im Jahresdurchschnitt etwa vier Millionen Touristen in Edmonton und Calgary, weitere drei Millionen in Banff, Jasper und in den Rocky Mountains.
Weitere wichtige Wirtschaftssektoren
Luft-, Raumfahrt- und Rüstungsindustrie: In der Provinz haben sich rund 170 Unternehmen angesiedelt und beschäftigen mehr als 6000 Arbeitnehmer. Der Wirtschaftssektor trägt jährlich 1,3 Milliarden kanadische Dollar zur Wertschöpfung der Provinz bei. 40 Prozent der produzierten Güter dieses Bereichs werden in andere Länder exportiert.
Die Branche der Informations- und Kommunikations-Technologie zählt zu den größeren und stabilen Industriesektoren der Provinz. Hierzu gehören ca. 4300 Unternehmen mit rund 54.500 Angestellten, die rund 10,2 Milliarden kanadische Dollar erwirtschafteten. Albertas IT-Sektor hat vor allem durch Forschung und Entwicklung einen hervorragenden internationalen Ruf. Hinzu kommen viele Medienunternehmen. Calgary hat die höchste Start-up-Rate pro Einwohner in ganz Kanada.
Bildung und Forschung
Die Provinz umfasst 42 Schulbezirke, in denen rund 589.000 Schüler an Grund- und Sekundarschulen angemeldet sind. Dazu kommen sechs öffentliche Universitäten und 15 Colleges sowie weitere private Bildungsträger. Die University of Alberta in Edmonton ist die größte und älteste staatliche Universität in der Provinz, an der im Jahr 2009 rund 37.588 Studenten eingeschrieben waren. Die zweitgrößte Universität ist die University of Calgary mit rund 28.000 Studenten. Eine weitere Universität ist die Athabasca University, die als Fernuniversität operiert, mit rund 30.000 Studenten. Weitere kleinere Universitäten sind die University of Lethbridge in Lethbridge, die Mount Royal University in Calgary und die Grant MacEwan University in Edmonton. Zu den Colleges zählen vor allem das Northern Alberta Institute of Technology und Southern Alberta Institute of Technology. Das Alberta Research Council ist ein Forschungsinstitut, das sich vor allem auf den Energiesektor konzentriert.
Verkehr
Highways
Alberta verfügt über ein 180.000 km langes Autobahn- und Straßennetz. Die wichtige Nord-Süd-Verbindung wird durch den Alberta Highway 2 bedient. Der Highway 2 beginnt südlich von Cardston, führt an der Carway Border vorbei und ist ein Teil des CANAMEX-Korridors, der Kanada mit Mexiko verbindet und durch die Vereinigten Staaten führt. Der Highway 4, der sich an die Interstate 15 anschließt, ist zugleich die wichtigste und meistbefahrene Hauptverbindung, die die USA mit der Provinz verbindet. Die wichtigste Ost-West-Verbindung ist der Trans-Canada Highway. Er verbindet alle Provinzen von Küste zu Küste und durchquert die Provinz in Ost-West-Richtung mit einer nördlichen und einer südlichen Streckenführung, wobei die südliche Streckenführung dem Highway 1 folgt und die nördliche dem Highway 16.
Weitere wichtige Autobahnen in der Provinz sind:
Der Highway 2 verbindet unter anderem Calgary mit Edmonton.
Der Highway 11 verbindet Saskatchewan River Crossing und endet bei Red Deer. Auf dem Weg dorthin kreuzt er den Highway 2.
Der Highway 12 verbindet Compeer und Bentley.
Der Highway 43 verbindet Athabasca mit Grande Prairie.
Flugverbindungen
Alberta verfügt über zwei große internationale Flughäfen, von denen mehrere nationale als auch internationale Verbindungen angeboten werden. Diese Flughäfen werden von jeder größeren internationalen Fluggesellschaft bedient. Der Calgary International Airport ist der drittgrößte und der Edmonton International Airport der fünftgrößte Flughafen in Kanada. Der Flughafen in Calgary ist ein Drehkreuz für WestJet Airlines sowie für Air Canada. Vom Flughafen Calgary gibt es Flugverbindungen zu mehreren kanadischen Provinzen sowie zu 15 größeren US-Flughäfen, neun europäischen Flugzielen, eine Flugverbindung nach Asien sowie vier nach Mexiko und in die Karibik. Vom Flughafen in Edmonton werden Verbindungen zu allen größeren kanadischen Flughäfen angeboten. Ebenso werden zehn US-Flughäfen, drei europäische Flughäfen und sechs mexikanische und karibische Flughäfen angeflogen.
Schienenverbindung
Durch die Provinz führt ein 9500 km langes Schienennetz, das von mehreren Eisenbahnunternehmen bedient wird. Die Unternehmen VIA Rail Canada, Rocky Mountaineer sowie die Canadian Pacific Railway und die Canadian National Railway bieten eine große Anzahl von Verbindungen in der Provinz an und verbinden mehrere größere Städte innerhalb und außerhalb der Provinz.
Literatur
Darryl Raymaker: Trudeau's Tango. Alberta Meets Pierre Elliott Trudeau, 1968–1972. University of Alberta Press, 2017
Weblinks
Regierung von Alberta (englisch)
Alberta Tourismus (deutsch/englisch)
Statistics Canada (englisch)
Der deutsche Kriegsgefangene in Alberta – Alberta and the keeping of german prisoners of war, 1939–1947, mehrere Sites in Englisch. Von John Joseph Kelly. Dies ist ein Kapitel aus: Provincial Museum of Alberta: For King and Country: Alberta in the Second World War. Hg. Ken Tingley ISBN 1-895073-81-2.
Einzelnachweise
Provinz oder Territorium in Kanada
Louise, Duchess of Argyll
Gegründet 1905
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Q1951
| 759.899285 |
134303
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https://de.wikipedia.org/wiki/Frachtgut
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Frachtgut
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Frachtgut (auch Ladung, Cargo oder, im allgemeinen Sprachgebrauch, Fracht genannt) ist im Transportwesen die Bezeichnung für Transportgut, das von einem Frachtführer gegen Entgelt befördert wird.
Allgemeines
Das Entgelt für den Transport von Frachtgut wird als Fracht oder genauer Frachtrate bezeichnet. Fuhre ist ein Begriff für den eigentlichen Transport zwischen Verladen und Entladen. Generell ist beim Frachtgut zu unterscheiden zwischen Binnenfracht (innerhalb eines Staates) und Seefracht.
Transportmittel
Den Transport von Frachtgut organisieren Speditionen, die entweder für die Besorgung der Transportmittel oder für die Durchführung des Transports sorgen. Speditionen dürfen den Transport selbst im Wege des Selbsteintritts durchführen, müssen dies aber nicht; es genügt, wenn sie das Transportmittel besorgen. Je nach Güterart, Entfernung und Dringlichkeit kommen verschiedene Transportmittel zum Einsatz:
Frachtflugzeuge (Frachtfluggesellschaften; siehe auch Luftfracht),
Güterzüge (Stückgut oder Schüttgut),
Frachtschiffe,
Lastkraftwagen,
Lastkraftwagen auf Autozügen (→ Rollende Landstraße) oder
intermodaler oder auch multimodaler Verkehr als Kombination mehrerer Verkehrsmittel.
Rechtsfragen
Die Transporteure des Frachtguts werden Frachtführer (in Österreich Frächter) genannt. Sie organisieren nicht den Transport, sondern führen diesen aus, meistens im Auftrag eines Spediteurs. Die Höhe der Fracht wird im Frachtvertrag vereinbart und in der Regel im Frachtbrief festgehalten. Seit mit der Transportrechtsreform 1998 in Deutschland die Erstellung eines Frachtbriefes für Binnentransporte nicht mehr zwingend erforderlich ist, sondern auch Lieferscheine, Ladelisten oder vergleichbare Papiere als Warenbegleitpapiere verwendet werden können, wird zunehmend kein Frachtbrief mehr ausgestellt. Beim Frachtbrief gibt es drei Originalausfertigungen. Eine Ausfertigung verbleibt beim Absender, nachdem ihm darauf der Frachtführer die Übernahme des Frachtguts bestätigt hat. Die zweite verbleibt nach Ablieferung des Frachtguts als Ablieferbestätigung beim Frachtführer und die dritte erhält der Empfänger.
Für die Verladung des Frachtguts ist der Absender zuständig. Er ist dabei gemäß HGB für eine beförderungssichere Verladung des Frachtguts verantwortlich, wohingegen der Frachtführer für die verkehrssichere Verladung (z. B. Gewichtsverteilung, Einhaltung der zulässigen Achslasten), als auch für die Ladungssicherung zu sorgen hat.
Bei Kontrollen muss der Frachtbrief den Zoll- und Polizeibehörden, sowie dem Bundesamt für Güterverkehr (BAG) ausgehändigt werden.
Es gibt anmeldepflichtige Frachtgüter, für deren Transport es einer ausdrücklichen behördlichen Genehmigung bedarf. Schwertransporte erfordern eine behördliche Ausnahmegenehmigung und bei Überschreiten bestimmter Abmessungen sind gemäß Absatz. 3 StVO (Übermäßige Straßennutzung) definitiv Begleitfahrzeuge und/oder eine Begleitung durch die Polizei vorgeschrieben, um Sicherungsmaßnahmen einzuleiten und für einen reibungslosen Ablauf zu sorgen. Fällt das zu befördernde Frachtgut unter die Gefahrgutverordnung, muss das Transportfahrzeug neben der Einhaltung gefahrgutrelevanter Vorschriften auch mit entsprechenden Warntafeln gekennzeichnet sein. Darüber hinaus benötigt dann der Fahrzeugführer und ein eventueller Beifahrer auch eine ADR-Bescheinigung.
Die Aufteilung der Frachtkosten zwischen Absender und Empfänger wird über die im Kaufvertrag festgehaltenen Lieferbedingungen geregelt, im internationalen Warenverkehr durch die Incoterms.
Weblinks
Einzelnachweise
Transport
Transportgut
Transportrecht
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Q319224
| 91.742903 |
10063
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https://de.wikipedia.org/wiki/Lunge
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Lunge
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Die Lunge () ist ein paariges Organ der Atmung; sie erfüllt den Zweck, eine große Oberfläche für den Gasaustausch zwischen Luft und Blut herzustellen. Echte Lungen kommen bei vielen luftatmenden Wirbeltieren vor, so bei den meisten landlebenden Wirbeltieren und manchen Fischen wie z. B. den Lungenfischen. Der Mensch hat zwei Lungen (Pulmo dexter für die rechte Lunge und Pulmo sinister für die linke), die im Deutschen auch als Lungenflügel oder Lungenhälften bezeichnet werden. Die linke ist in zwei und die rechte in drei Lungenlappen unterteilt. Der Gasaustausch geschieht auf Ebene der Lungenbläschen, die als Endstrukturen verästelter Luftwege mit der Luftröhre verbunden sind.
Durch Ein- und Ausatmen wird frische Luft an die Blut-Luft-Schranke herangeführt; dies ist keine Leistung der Lunge selbst (die Säugetierlunge besitzt keine Muskulatur), sondern des Zwerchfells und der Zwischenrippenmuskulatur. Der Pleuraspalt, dessen Flüssigkeitsfilm Kräfte über Ad- und Kohäsion überträgt, vermittelt die verschiebliche Lagerung der Lungen im Brustkorb; da sie bei dessen Ausdehnung die Tendenz haben, sich zusammenzuziehen, herrscht im Pleuraspalt ein Unterdruck.
Die Lungen entstehen embryonal als Ausstülpungen des Vorderdarms (siehe Kiemendarm) und gleichen zunächst Drüsen. Die Amphibien besitzen einfache Lungen; sie sind sackförmig und glattwandig oder nur schwach gekammert. Viel stärker gekammert sind sie bei den Reptilien. Bei Vögeln sind sie relativ klein, aber wegen der zusätzlich vorhandenen Luftsäcke auch viel komplizierter gebaut. Die Lungen der Säugetiere ähneln denen der Reptilien.
Sprachliches
Etymologie
Das deutsche Wort Lunge stammt über seine althochdeutsche Form letztlich von der indogermanischen Wurzel *lengu̯h ‚leicht (in Bewegung und Gewicht)‘ ab, sodass von der ursprünglichen Bedeutung als ‚die Leichte‘ ausgegangen werden kann. Sprachwissenschaftler erklären die Benennung mit dem bereits vor langer Zeit festgestellten Phänomen, dass die Lunge eines geschlachteten Tieres als einziges Organ auf dem Wasser oben schwimmt. Der medizinisch-lateinische Fachbegriff pulmo geht auf eine alternative Schreibweise des griechischen Wortes für Lunge zurück: , dessen standardsprachliche Schreibweise u. a. dem Wort Pneumonie (= Lungenentzündung) zugrunde liegt.
Die Lunge der Säugetiere
Beide Lungen der Säugetiere, auch als Lungenflügel bezeichnet, sind beweglich im Brustraum (Thorax) eingebettet. Mehr oder weniger tiefe Einschnitte teilen die Lunge in Lungenlappen (Lobi). Die Oberfläche der Lungen ist von einer glatten Auskleidung (Tunica serosa) überzogen, die in der Brusthöhle als Brustfell (Pleura) bezeichnet wird und unterteilt wird in Lungenfell (Lungenpleura) und Rippenfell (Thoraxpleura). Zwischen dem Brustfellüberzug der Lunge und der Brustfellauskleidung der Brusthöhle liegt der Pleuraspalt, ein mit wenig Flüssigkeit ausgefüllter Spaltraum, in dem ein Unterdruck herrscht.
Aufbau der menschlichen Lunge
Die menschliche Lunge, als typische Säugetierlunge, besteht aus zwei vom Mediastinum getrennten Lungenflügeln. Dabei entspricht der rechte Lungenflügel der rechten Lunge (Pulmo dexter), der linke Lungenflügel der linken Lunge (Pulmo sinister). Jeder Lungenflügel wird durch tiefe, von Pleura ausgekleideten Furchen in so genannte Lungenlappen (Lobi pulmonales) unterteilt. Der rechte Lungenflügel teilt sich in drei Lappen (Oberlappen oder Lobus superior, Mittellappen oder Lobus medius und Unterlappen oder Lobus inferior), der linke Lungenflügel in lediglich zwei Lappen (Oberlappen und Unterlappen) auf. Die Lungenlappen wiederum werden in Lungensegmente (Segmenta bronchopulmonalia) unterteilt. Dabei handelt es sich um durch Bindegewebsstraßen abgegrenzte und von eigenen Bronchien und Arterien versorgte Lungenabschnitte. Die Bezeichnung der Segmente erfolgt entsprechend der Zuordnung zum versorgenden Bronchialast. 10 Segmente finden sich in der rechten Lunge. Im linken Flügel gibt es nur 9 Segmente, da das 7. Segment fehlt. Der linke Lungenflügel ist etwas kleiner als der rechte, da auf der linken Seite das Herz einigen Raum einnimmt. Dabei bestehen der rechte Lungenoberlappen aus dem apikalen, dem posterioren und dem anterioren Oberlappensegment sowie der Mittellappen (nur rechts) aus dem lateralen und dem medialen Mittellappensegment (Segmente 4 und 5). Es folgen das apikale Unterlappensegment (6er Segment) sowie die vier basalen Unterlappensegmente rechts (mediobasal, anterobasal, laterobasal, posterobasal). Auf der linken Seite besteht der Oberlappen aus den Segmenten 1 bis 3, Namensgebung wie im rechten Oberlappen, sowie aus den beiden Lingulasegmenten (4, 5) (superiores und inferiores Lingulasegment). Es folgen das apikale Unterlappensegment (6er Segment) sowie die drei basalen Unterlappensegmente: anterobasal, laterobasal und posterobasal (Segmente 8 bis 10). Das mediobasale Segment fehlt.
Dass die funktionelle Lungeneinheit nicht der Lungenlappen, sondern das Lungensegment ist, hatte der amerikanische Chirurg Richard H. Overholt in Boston erkannt.
Die Lungenflügel liegen in der Brusthöhle. Oben überragt die Lungenspitze um etwa 1–2 cm das Schlüsselbein, unten liegt die Lunge dem Zwerchfell auf, dessen Lage sehr variabel ist und vorrangig von der Atemstellung und der Körperlage (im Liegen höher als im Sitzen) abhängt. Grob kann man sagen, dass in der Atemruhestellung die Lungenränder auf der Bauchseite in Höhe der 6. Rippe, seitlich in Höhe der 8. Rippe und auf der Rückenseite in Höhe der 10. Rippe zu liegen kommen. Dieser Unterschied ergibt sich aus der schrägen Zwerchfellansatzlinie.
Die linke Lunge ist allgemein kleiner, weil ihr das Herz zum größten Teil aufliegt. Dadurch und bedingt durch die Aufspaltung der Luftröhre in die Hauptbronchien, sodass der linke Luftröhren-Bronchien-Winkel kleiner ist als der rechte, wird die rechte Lunge in der Regel besser belüftet. Der Winkel, der von der Trachea und dem rechten Hauptbronchus eingeschlossen wird, ist größer als jener zwischen Trachea und linkem Hauptbronchus. Dies hat Konsequenzen bei der Aspiration von Fremdkörpern: Diese gelangen meistens in den rechten Hauptbronchus. Das Lungenvolumen eines erwachsenen Menschen beträgt durchschnittlich 5 bis 6 Liter.
Feinbau
Das Gewebe der Lungen kann in einen luftführenden Teil und einen Teil, in dem der tatsächliche Gasaustausch stattfindet, unterteilt werden. Die luftführenden Bronchien enden in blind endenden Säckchen, den Lungenbläschen (Alveolen). In diesen findet der Gasaustausch statt.
Die Gesamtheit des luftleitenden Systems wird als Bronchialsystem (Bronchialbaum) bezeichnet. Von innen nach außen finden sich verschiedene Schichten. Das Epithel (Deckgewebe) besteht zu Beginn noch, wie in der Luftröhre, aus mehrreihigem, hochprismatischem Flimmerepithel, doch näher an den Alveolen vereinfacht sich die Struktur, und in den Bronchiolen überwiegt einschichtiges iso- oder hochprismatisches Flimmerepithel. In der darunter liegenden Lamina propria findet sich glatte Muskulatur, deren Anteil zu den Alveolen hin zunimmt. Weiterhin enthält sie eine Vielzahl elastischer Fasern sowie muköse und seröse Drüsen, deren Ausgänge in den Bronchus öffnen und die die Schleimhautoberfläche mit einem Schutzfilm überziehen. Ganz außen findet sich in den großen Bronchien hyaliner Knorpel, der gewährleistet, dass die Luftwege offen bleiben. Je kleiner der Durchmesser der Bronchien wird, umso geringer wird der Anteil der Knorpelmasse, bis sich nur noch kleine Inseln finden.
Zusammen mit den Bronchien verlaufen auch die Arterien und Venen des Lungenkreislaufs sowie die Nervenfasern des Plexus pulmonalis.
Gasaustausch
Die Oxygenierung des Blutes und die CO2-Abgabe erfolgt in den Alveolen. Diese etwa 300 Millionen sackartigen Erweiterungen (beim erwachsenen Menschen) haben einen Durchmesser von ca. 200 μm. Die von ihnen gebildete Fläche wird als Respiratorische Fläche bezeichnet. Die Alveolen bestehen aus den kleinen Alveolarzellen oder Pneumozyten Typ I, die weniger als 0,1 Mikrometer dick sein können und das Epithel der Alveolen bilden, und den großen Alveolarzellen oder Pneumozyten Typ II, die Surfactant produzieren. Der Anti-Atelektase-Faktor reduziert die Oberflächenspannung gegen ein in sich Zusammenfallen. Weiterhin finden sich noch Alveolarmakrophagen (Fresszellen), die aus dem Blut stammen und Staub phagozytieren (Staubzellen) oder nach Blutungen Hämosiderin, ein Abbauprodukt des Blutfarbstoffes Hämoglobin, aufnehmen (Herzfehlerzellen).
Zwischen Luft und Blut befindet sich eine dreischichtige Trennwand, die Blut-Luft-Schranke. Sie wird vom Epithel der Alveolen, der epithelialen und der endothelialen Basalmembran sowie dem Endothel der Kapillaren gebildet und ist zwischen 0,1 und 1,5 μm dick.
Da die Interzellularkontakte des Kapillarendothels für Flüssigkeit durchlässiger sind als die der Alveolarzellen, kann bei Herzschwäche Flüssigkeit in das Bindegewebe austreten und zu einem interstitiellen Ödem (Lungenödem) führen.
Das Bindegewebe zwischen den Bronchien und Alveolen enthält die Aufzweigungen der Lungenarterien und -venen. Die Aufzweigungen der Lungenarterie führen das Blut zu den Alveolen. Der Lymphabfluss erfolgt über die Lungenlymphknoten (Nll. pulmonales) und dann in die Tracheobronchiallymphknoten (Nll. tracheobronchiales).
Blutgefäße
Die Durchblutung der Wand der Lungenbläschen erfolgt über die Kapillaren des Lungenkreislaufes (Vasa publica, ‚öffentliche Gefäße‘). Das übrige Gewebe, also die Umgebung der Bronchien und die Bindegewebssepten, versorgen Bronchialgefäße (Rami bronchiales, Vasa privata, ‚Eigengefäße‘) aus dem Körperkreislauf. Die Rami bronchiales für die linke Lunge (meist zwei) entspringen direkt aus der Brustaorta. Die Bronchialäste der rechten Lunge entspringen aus einem Stamm der dritten oder vierten hinteren Zwischenrippenarterie. Beide Gefäßsysteme bilden in der Peripherie häufig Anastomosen.
Die meisten Bronchialvenen münden in die Lungenvenen, die hilumnahen Venae bronchiales dagegen rechts in die Vena azygos, links in die Vena hemiazygos. Blut, das aus den Bronchialarterien in die Pulmonalvenen gelangt, bewirkt zusammen mit Blut aus Koronargefäßen, die ins linke Herz münden (Vv. cardiacae minimae), einen kleinen, physiologischen Rechts-links-Shunt. Zusammen mit funktionellen Kurzschlüssen im Lungenkreislauf (Durchblutung nicht belüfteter Lungenanteile) erklärt dies den gegenüber den Alveolen kleineren Sauerstoffpartialdruck in den Arterien des Körperkreislaufs.
Ontogenetische Entwicklung
Die Lunge ist das einzige Organ, dessen Funktionsfähigkeit, solange der Fötus noch in der Gebärmutter ist, nicht überlebensnotwendig ist. Erst nach der Geburt (dann allerdings innerhalb von Sekunden) übernimmt sie ihre hauptsächliche Funktion. Trotzdem kommt ihr vor der Geburt eine wichtige Rolle zu: Die Lunge produziert täglich bis zu 15 ml Amnionflüssigkeit je kg Körpergewicht.
Die Entwicklung der Lunge beginnt etwa am 30. Tag mit der Ausbildung der Lungenknospe aus dem ventralen (bauchseitigen) Teil des Vorderdarms. Wie bei diesem ist das Epithel, das die Lunge und ihren luftleitenden Apparat (Kehlkopf, Luftröhre, Bronchien) auskleidet, entodermalen Ursprungs. Im Gegensatz dazu entstammt das Muskel- und Knorpelgewebe dem Mesoderm, das das Darmrohr umgibt.
Die Lungenknospe teilt sich dann weiter in eine rechte und eine linke Aufzweigung (die späteren Hauptbronchien). Weiter teilt sich die rechte Aufzweigung in drei weitere Aufzweigungen, die linke in zwei. Jede dieser fünf weiteren Aufzweigungen bildet später einen Lungenlappen (Lobus pulmonis). Von der 5. bis zur etwa 17. Woche wird der gesamte später luftleitende Teil der Lungen angelegt, also die weiteren Verzweigungen der Bronchien bis hin zu den Bronchioli terminales. Vorerst ist dieser nur von hochprismatischem Epithel ausgekleidet, ab der 13. Schwangerschaftswoche finden sich jedoch erste Flimmerepithelzellen. Zellen des Epithels beginnen Amnionflüssigkeit zu produzieren.
In der 16. bis zur 26. Woche bilden sich aus den Enden der Bronchioli terminales die Canaliculi, aus denen das Lungenparenchym hervorgeht. Letzteres ist das Funktionsgewebe der Lunge, in dem nach der Geburt der Gasaustausch vonstattengeht. Eine für das Lungenparenchym typische Zellsorte sind Pneumozyten Typ II, die Surfactant ausscheiden. Einige Pneumozyten Typ II differenzieren sich zu Pneumozyten Typ I, und Kapillaren dringen in das entstehende Lungenparenchym ein. Die Wand der Kapillaren und die Membran der Pneumozyten Typ I bilden später die Blut-Luft-Schranke, wenn ab der 28. SSW Surfactant (→ Lungenreifung) gebildet wird.
Im letzten Trimester der Schwangerschaft bilden sich die Canaliculi zu weiteren Aufzweigungen um, die letztlich als Sacculi blind enden. Alle diese Aufzweigungen des Lungenparenchyms sind mit Pneumozyten vom Typ I und Typ II ausgekleidet. Die Wände der Sacculi und teilweise der vorgeschalteten Aufzweigungen stülpen sich zu halbkugeligen Alveoli aus. Wie die vorherigen Vorgänge vergrößert dies die von Parenchym bedeckte Oberfläche erheblich. Störungen dieser Entwicklung können zu einer Lungenfehlbildung führen. Ein Neugeborenes hat weit weniger Alveoli als ein Erwachsener. Die Bildung der Alveoli wird erst im Kindesalter abgeschlossen.
Bis kurz nach der Geburt enthalten die Lungen Fruchtwasser; dann vergrößert der Muskelapparat an den Rippen und des Zwerchfells das Volumens des Brustkorbs und infolge des größeren Luftdrucks außen strömt Luft in die Bronchien und dringt in die Lungenbläschen ein. Das Surfactant reduziert die Oberflächenspannung des Wassers und verhindert so das Atemnotsyndrom des Neugeborenen. Die vorhandene Flüssigkeit wird eher absorbiert und via Blut abtransportiert als ausgestoßen oder abgehustet. Ein erster Schrei bestätigt die Luftfüllung der Lunge des Neugeborenen. Die Umgehungskreisläufe schließen sich.
Physiologie der Ein- und Ausatmung
Das Atmen beginnt beim Einatmen (Inspiration) in der Regel mit der Interkostalmuskulatur bzw. dem Zwerchfell. Das Zwerchfell ist der stärkste Inspirationsmuskel, bei seiner Kontraktion flacht es sich ab und drückt die Bauch- und Beckeneingeweide nach kaudal (steißbeinwärts), wodurch sich das Thoraxvolumen vergrößert. Bei der Brustatmung kontrahieren sich die Musculi intercostales externi (äußere Zwischenrippenmuskeln). Dabei wird der Brustkorb angehoben und erweitert, wodurch die Lunge, die, selbst von der Pleura visceralis (oder pulmonalis) überzogen, über den Pleuraspalt (Cavitas pleuralis) mit der Pleura parietalis des Brustkorbs in Verbindung steht, mitgedehnt wird. Dadurch sinkt der Druck in der Lunge. Nach größeren Anstrengungen können zur erleichterten Atmung weitere Atemhilfsmuskeln beigezogen werden, z. B. der kleine und große Brustmuskel. Dies machen sich Sportler nach einem intensiven Rennen zu Nutze, indem sie sich mit den Armen zum Beispiel an einer Mauer aufstützen: ihre Arme sind dann fixiert (Punctum fixum), und somit ziehen die Brustmuskeln nicht die Arme zum Brustkorb, sondern umgekehrt den Brustkorb zu den Armen, die Rippen werden angehoben, und die Lunge füllt sich mit Luft. Nach der Druck-Volumen-Beziehung (Boyle-Mariottesches Gesetz) muss aber nun bei Änderungen des Drucks – sofern die Nasenlöcher bzw. der Mund offen sind und mit der Außenwelt in Verbindung stehen – das Volumen isobar (d. h. bei gleichem Druck) zunehmen. Die Lunge füllt sich, die Inspiration ist beendet.
Bei der Zwerchfellatmung senkt sich das Zwerchfell lediglich durch Kontraktion (das Zwerchfell besteht aus Muskulatur) und bewirkt somit eine Dehnung der Lungenflügel nach unten.
Die Ausatmung (Exspiration) geht zumeist passiv vonstatten, denn nach der Inspiration ist die Lunge samt Brustkorb so weit gedehnt, dass darin elastische Verformungsarbeit gespeichert ist (ähnlich einer Feder, die zunächst gespannt und dann losgelassen wird), die der Lunge die „verbrauchte“ Luft austreibt. Erfolgt die Exspiration mit Beteiligung der exspiratorischen Atemhilfsmuskulatur, so spricht man von forcierter Exspiration. Dabei kontrahieren sich zunächst die Mm. intercostales interni, es können aber auch diverse andere Atemhilfsmuskeln zum Zuge kommen. Eine besondere Rolle im Zusammenhang mit der forcierten Exspiration spielt vor allem der Musculus latissimus dorsi („Hustenmuskel“).
Erkrankungen
Lungenembolie. Bei der Lungenembolie verstopft ein Embolus eine der zuführenden Lungenarterien und bewirkt dadurch, dass ein Lungenabschnitt nicht mehr durchblutet wird. Folglich kann in diesem Abschnitt kein Blut oxygeniert werden.
Obstruktive Lungenerkrankungen. Bei den chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen (von , COPD) behindert eine Einengung der Atemwege den Luftstrom. Dies führt häufig zu Atemnot (Dyspnoe). Wichtigster Risikofaktor ist das Rauchen, aber auch Umweltverschmutzung, ein geringes Geburtsgewicht und genetische Faktoren werden dafür verantwortlich gemacht. Zu den COPD gehören die Chronische Bronchitis und das Lungenemphysem. Ein Lungenemphysem kann sich auch aus einer erblich bedingten Stoffwechselstörung, dem Alpha-1-Antitrypsin-Mangel, entwickeln.
Restriktive Lungenerkrankung. Im Gegensatz dazu ist bei den restriktiven Lungenerkrankungen die Flexibilität der Lunge eingeschränkt (im Sinne von: Einschränkung der Lungenbeweglichkeit). Dadurch verringern sich das Lungenvolumen und die Compliance, also die Dehnbarkeit relativ zum Druck. Hierzu gehören Sarkoidose, Pneumokoniose (Staublunge) und andere Erkrankungen, die eine Fibrose des Lungengewebes zur Folge haben, aber auch äußere Einflüsse wie Missbildungen des Brustkorbs (Kyphose, Skoliose).
Lungenödem. Lungenödem bezeichnet die Ansammlung von Flüssigkeit im Lungengewebe. Dabei wird zwischen Permeabilitätsödemen (ARDS, toxisches Lungenödem), bei denen die Durchlässigkeit der Kapillaren erhöht ist, und hydrostatischen Lungenödemen (kardiales Ödem, Höhenödem), bei dem der Druck in den Kapillaren den Druck in den Alveoli so sehr übersteigt, dass die Flüssigkeit aus den Kapillaren hinaus „gepresst“ wird, unterschieden.
Atelektase. Bei der Atelektase ist ein Lungenabschnitt kollabiert, und die Alveoli enthalten keine oder nur noch sehr wenig Luft.
Pneumothorax. Gewinnt der Pleuraspalt von innen oder außen Anschluss an die Luft, bricht der Unterdruck im Pleuraspalt zusammen und der entsprechende Lungenflügel kollabiert. Anders als ein gänzlich fehlender Lungenflügel bedeutet ein Pneumothorax einen funktionellen Rechts-links-Shunt, da über den betroffenen Lungenflügel Blut aus dem Körperkreislauf ohne wesentliche Oxygenierung wieder in den Körperkreislauf gelangt, sodass die volle Sättigung nicht erreicht werden kann.
Tuberkulose. Tuberkulose, eine Infektionskrankheit, deren Erreger Mycobacterium tuberculosis ist, wird durch Tröpfcheninfektion übertragen und manifestiert sich zuerst in der Lunge. Auf dem Röntgenbild zeigen sich charakteristische mottenfraßartige Läsionen, welche der Erkrankung auch den Beinamen „die Motten“ einbrachten.
Entzündungen. Entzündungen in der Lunge werden unterschieden in Pneumonien (Lungenentzündungen), bei denen das Lungengewebe betroffen ist, Bronchitis als Entzündung der Bronchien und Bronchiolitis, die Entzündung der kleinen Bronchien.
Neubildungen. Krebserkrankungen der Lunge werden als Bronchialkarzinom bezeichnet, da sie als bösartige Neubildungen entarteter Zellen der Bronchien oder Bronchiolen entstehen. Es ist eine der häufigsten bösartigen Erkrankungen des Menschen. Laut Weltgesundheitsorganisation werden anhand der Histologie verschiedene Subtypen unterschieden: Plattenepithelkarzinome, Adenokarzinome, klein- und großzellige Karzinome und weitere, selten auftretende Typen. Außerdem finden sich in der Lunge durch ihre Filterfunktion häufig Metastasen anderer Neubildungen. Zudem können (primäre) Lungensarkome auftreten.
Bei Atemstillstand kann die Lunge – pulsierend – durch Füllen mittels gering dosiertem Luftüberdruck via Bronchien beatmet werden, was im Notfall oder bei Narkose der Lebenserhaltung dient.
Vogellunge
Im Gegensatz zur Säugetierlunge sind die Lungen der Vögel unbeweglich im Brustraum. Sie liegen dorsal einer Bindegewebsmembran (Septum horizontale). Das Brustfell wird zwar embryonal angelegt, bildet sich aber wieder zurück. Die Vogellunge ist nicht gelappt und vollzieht während der Atmung keine Volumenänderungen, sondern wird durch Luftsäcke belüftet.
An der Gabelung der Luftröhre (Trachea) teilt sich das luftleitende System in die beiden Stammbronchien. Hier liegt auch das Stimmorgan der Vögel, die Syrinx. Von den Stammbronchien gehen vier Gruppen von Sekundärbronchien (medioventrale, mediodorsale, lateroventrale und laterodorsale). Die weiteren Aufzweigungen der laterodorsalen Bronchien bezeichnet man als Neopulmo.
Von den Sekundärbronchien gehen Parabronchien (Lungenpfeifen) aus. Sie sind 0,5–2 mm dick. In ihrer Wand gibt es kleine trichterförmige Öffnungen, die in die Luftkapillaren (Pneumocapillares) führen. Die Luftkapillaren bilden ein Netzwerk meist untereinander kommunizierender Röhren und sind das eigentliche Austauschgewebe, um das dichte Blutkapillarnetze ausgebildet sind. Im Gegensatz zu den Säugetieren handelt es sich nicht um ein blind endendes System, sondern um ein offenes Röhrensystem. Nach Durchströmen der Lunge gelangt die Luft in die Luftsäcke, die wie Blasebälge für die Ventilation (den Luftstrom) sorgen.
Siehe auch
Buchlunge (Spinnen)
Herz-Lungen-Maschine
Kieme
Lunge (Lebensmittel)
Lungensimulator
Pneumologie
Pneumokoniose – Staublunge, eine (meldepflichtige) Berufskrankheit
Thoraxchirurgie
Literatur
Friedrich Wilhelm Gierhake, Julius Muasya Kyambi: Lunge und Pleurahöhle. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Mit einem Geleitwort von Rudolf Nissen. Dustri-Verlag Dr. Karl Feistle, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 153–163.
G. M. Hughes, E. R. Weibel: Morphometry of fish lungs. In: Respiration of Amphibious Vertebrates. Academic Press, London 1976, ISBN 0-12-360750-7.
Leo Mohr, Rudolf Staehelin und andere (Hrsg.): Handbuch der inneren Medizin. 5. Auflage, Springer-Verlag, 4. Band: Erkrankungen der Atmungsorgane.
Teil 1: Pneumokoniosen (Hrsg. Wolfgang T. Ulmer, G. Reichel), 1976
Teil 2: Bronchitis, Asthma, Emphysem (Hrsg. Wolfgang T. Ulmer), 1979
Teil 3: Lungentuberkulose (Heinrich Jentgens), 1981
Teil 4: Tumore der Atmungsorgane und des Mediastinums (Friedrich Trendelenburg u. a.), 1985: A: Allgemeiner Teil, XVI, 429 Seiten, ISBN 978-3-540-15018-3; B: Spezieller Teil, XVIII, 678 Seiten, ISBN 978-3-540-15099-2.
Franz-Viktor Salomon: Atmungsapparat. In: Salomon u. a. (Hrsg.): Anatomie für die Tiermedizin. 2., erw. Auflage. Enke, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-8304-1075-1, S. 324–367.
Theodor Heinrich Schiebler, W. Schmidt (Hrsg.): Lehrbuch der gesamten Anatomie des Menschen. Cytologie, Histologie, Entwicklungsgeschichte, Makroskopische und Mikroskopische Anatomie. 3. Auflage. Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg/New York/Tokyo 1983, ISBN 3-540-12400-4, S. 423–429.
Gerhard Thews: Anatomie, Physiologie, Pathophysiologie des Menschen. Wissenschaftliche Verlags-Gesellschaft, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-8047-2342-9.
Weblinks
Elektronenmikroskopische Originalabbildungen
Einzelnachweise
Atmungsapparat
Wikipedia:Artikel mit Video
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Q7886
| 526.655382 |
6811
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https://de.wikipedia.org/wiki/1831
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1831
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Ereignisse
Politik und Weltgeschehen
Polnischer Novemberaufstand
25. Februar: Im polnischen Novemberaufstand wird die Schlacht bei Grochów geführt. Eine Armee des Kaiserreichs Russland liefert sich mit aufständischen polnischen Truppen Kampfhandlungen mit unentschiedenem Ausgang am Ende der Schlacht.
26. Mai: Russische Truppen schlagen die polnische Armee in der Schlacht von Ostroleka und schleppen die Cholera ein.
8. September: Russische Truppen schlagen den Novemberaufstand in Polen nieder, die Stadt Warschau kapituliert.
Kongress-Polen wird russische Provinz, Verlust der Autonomie
Brasilien/Portugal
7. April: Peter I. dankt als Kaiser von Brasilien ab, er begibt sich nach Europa um den Kampf gegen seinen Bruder Michael I. von Portugal um die Durchsetzung der Ansprüche seiner Tochter Maria II. auf den portugiesischen Thron aufzunehmen. Damit beginnt der Miguelistenkrieg. In Brasilien besteigt sein Sohn Peter II. den Thron.
Belgische Revolution
7. Februar: Die Verfassung des Königreichs Belgien wird vom Nationalkongress angenommen. Die Provisorische Regierung wird am 25. Februar entbunden.
4. Juni: Der Nationalkongress von Belgien wählt den in England lebenden deutschen Prinzen Leopold von Sachsen-Coburg und Gotha zum ersten König der Belgier. Am Strand von De Panne betritt Leopold am 17. Juli erstmals sein künftiges Königreich. Am 21. Juli legt er den Eid auf die Verfassung ab.
2. August: König Wilhelm I. der Niederlande lässt, das Ergebnis der Belgischen Revolution nicht anerkennend, Truppen in Belgien einmarschieren. Am 3. August nehmen sie Turnhout ein. In den nächsten Tagen verliert die belgische Bürgerwehr auf der ganzen Linie, Antwerpen wird erobert, die niederländische Armee steht vor Löwen. Leopold I. öffnet daraufhin am 8. August die Grenzen für die französische Armee. Am 12. August wird ein Waffenstillstand geschlossen.
20. August: Die letzten niederländischen Truppen verlassen Belgien. Nur in der Zitadelle von Antwerpen verbleibt eine niederländische Besatzung.
Weitere Ereignisse in Europa
10. März: Frankreichs König Louis-Philippe ruft die Fremdenlegion ins Leben.
14. März: Im britischen House of Commons findet die erste Lesung zum Reform Act statt, einer durch die sogenannten Rotten boroughs notwendig gewordenen Reform der Wahlkreise.
5. April: Papst Gregor XVI. äußert sich in der Enzyklika Quel Dio zufrieden über die Niederschlagung von Unruhen im Kirchenstaat durch österreichische Truppen und lobt Österreichs Kaiser Franz I. als Befreier und Retter.
8. September: Wilhelm IV. wird offiziell zum König von Großbritannien und Hannover gekrönt.
9. Oktober: Das erste griechische Staatsoberhaupt Ioannis Kapodistrias wird beim Kirchgang in Nauplia von zwei Attentätern erschossen.
5. Dezember: Der Aufstand der Seidenweber in Lyon wird blutig niedergeschlagen.
28. Dezember: Im Großherzogtum Baden wird entgegen den Karlsbader Beschlüssen die Pressezensur im Preßgesetz aufgehoben. Im Folgejahr wird dieses Gesetz für nichtig erklärt.
Naher Osten
Türkischer Krieg gegen Muhammad Ali Pascha, der von Ägypten nach Syrien vordringt
Amerika
21. Juli: Die Kronkolonie Britisch-Guyana wird aus mehreren erlangten Besitzungen in Südamerika gebildet, unter anderem aus der ehemals niederländischen Kolonie Essequibo.
21. August: In den USA bricht ein Sklavenaufstand unter Führung von Nat Turner aus. In einem Teil Virginias ermorden die Sklaven zunächst ihre Besitzer und ziehen dann von Siedlung zu Siedlung. Beim Aufstand töten die Schwarzen insgesamt 55 Weiße, ehe eine Miliz die Aufrührer stoppt.
Gründung der New-England Anti-Slavery Society
William Lloyd Garrison gründet die Zeitschrift The Liberator, die kompromisslos gegen die Sklaverei kämpft.
Wirtschaft
31. März: Die Mainzer Akte regelt als internationales Abkommen die Schifffahrt auf dem Rhein. Im Jahr 1868 wird die Vereinbarung in der Mannheimer Akte revidiert.
20. Oktober: Die vom spanischen König Ferdinand VII. gegründete Madrider Börse erlebt ihren ersten Handelstag.
21. November: In Lyon beginnt der Aufstand der Seidenweber. Sie protestieren gegen die Nichtanwendung erst im Oktober zwischen den Tarifpartnern verabredeter Mindestlöhne seitens der Unternehmer. Schüsse der Ordnungskräfte in die Demonstration führen zu offenem Aufruhr.
Wissenschaft und Technik
Archäologie
Auf der schottischen Isle of Lewis werden die aus dem 12. Jahrhundert stammenden Lewis-Schachfiguren aus Elfenbein entdeckt.
Naturwissenschaften
12. April: Der Einsturz der Broughton Suspension Bridge gilt als erste Resonanzkatastrophe einer Hängebrücke.
1. Juni: James Clark Ross entdeckt den magnetischen Nordpol auf einer Forschungsfahrt nahe Kap Adelaide bei der Boothia-Halbinsel in Kanada.
29. August: Michael Faraday entdeckt die elektromagnetische Induktion.
27. Dezember: Die HMS Beagle sticht zu einer zweiten Vermessungsreise an die Küste Südamerikas in See. An Bord befindet sich der unbezahlte Naturforscher Charles Darwin.
Jöns Jakob Berzelius führt in der Chemie den Begriff Isomerie ein.
Paul Erman macht erstmals exakte Temperaturbeobachtungen in einem Bohrloch und stellt eine Temperaturzunahme von etwa 3 Grad Celsius je 100 Meter Tiefe fest.
William Henry erklärt die Desinfektion durch Hitze.
Justus von Liebig und Eugène Soubeiran entdecken gleichzeitig das Chloroform.
Lehre und Forschung
18. April: Die University of Alabama nimmt gleich nach der Eröffnungsfeier ihren Lehrbetrieb auf.
In New York gründet der US-Finanzminister Albert Gallatin mit anderen prominenten New Yorkern die New York University.
Verkehr
20. September: Eröffnung der Prinz-Wilhelm-Eisenbahn durch Prinz Wilhelm, Bruder des preußischen Königs.
Mit einem von Goldsworthy Gurney entwickelten Dampfwagen wird zwischen Gloucester und Cheltenham der erste regelmäßige Automobildienst aufgenommen. Die Strecke beträgt etwa 60 Kilometer.
In New York baut John B. Jervis die erste Lokomotive mit vorlaufendem Drehgestell.
Museen
3. August: In Berlin wird das von Karl Friedrich Schinkel erbaute Alte Museum eröffnet.
13. Oktober: In München wird die von Leo von Klenze geplante Glyptothek eröffnet.
Technische Erfindungen
Das erste Profileisen (ein „L-Profil“) wird in einer britischen Eisenhütte gewalzt.
Giuseppe Belli erfindet die Influenzelektrisiermaschine.
Gegen Holzfäulnis und Insektenfraß entwickelt Jean Robert Bréant die pneumatische Druckimprägnierung.
Der Kasseler Oberbergrat Carl Anton Henschel erfindet das „Feuern mit beladenem Wind“, eine Methode zum Verbrennen von Kohlen- und Holzkohlenstaub im Luftstrom.
James Bowman Lindsay telegraphiert etwa 1.600 Meter weit über den Tay-Fluss. Dabei dient das Wasser als elektrischer Leiter.
In Nordamerika wird die Dreschmaschine erfunden.
Ein Uhrmacher namens Winerl konstruiert das erste Chronoskop.
Kultur
Bildende Kunst
24. Oktober: In der Casa del Fauno (Haus des Fauns) wird in Pompeji das Mosaik zur „Alexanderschlacht“ im Fußboden gefunden.
Literatur
Nathaniel Hawthorne veröffentlicht die Erzählung The Wives of the Dead.
Honoré de Balzac veröffentlicht die Novelle L’Auberge rouge (Die rote Herberge).
Musik und Theater
6. März: Am Teatro Carcano in Mailand erfolgt die Uraufführung der Oper La sonnambula (Die Schlafwandlerin) von Vincenzo Bellini. Das Libretto stammt von Felice Romani nach einer Ballett-Pantomime von Eugène Scribe und Jean-Pierre Aumer. Die Sopranistin Giuditta Pasta singt die Titelrolle. Die Oper wird einer der größten Erfolge Bellinis und wird schon bald in ganz Europa aufgeführt.
3. April: Das Trauerspiel Des Meeres und der Liebe Wellen von Franz Grillparzer hat seine Uraufführung am Wiener Burgtheater.
20. April: Die Opera buffa Le convenienze ed inconvenienze teatrali von Gaetano Donizetti wird am Teatro della Canobbiana in Mailand uraufgeführt.
3. Mai: Zur Wiedereröffnung der Opéra-Comique in Paris wird die Oper Zampa von Ferdinand Hérold auf ein Libretto von Mélesville uraufgeführt. Die Aufführung ist ein sensationeller Erfolg.
30. Mai: Die Opera semiseria Francesca di Foix von Gaetano Donizetti auf ein Libretto von Domenico Gilardoni hat am Teatro San Carlo von Neapel mit mäßigem Erfolg ihre Uraufführung. Donizetti verwendet Material aus Francesca di Foix später unter anderem in seinen erfolgreicheren Opern L’elisir d’amore und Lucrezia Borgia.
18. Juni: Die Opera buffa La romanzesca e l’uomo nero von Gaetano Donizetti auf ein Libretto von Domenico Gilardoni wird am Teatro del Fondo in Neapel uraufgeführt. Die Hauptrollen singen unter anderen Luigia Boccabadati und Antonio Tamburini. Das Werk ist eine „Oper der neuen Kürze“ und enthält konzentriert die klassischen Formen des Belcanto mit Cavatina und Cabaletta. Ursprünglich sind die Musiknummern durch Prosadialoge verbunden, die jedoch mittlerweile verloren gingen. Die Premiere erregt wenig Aufsehen und nach nur einer weiteren Aufführung wird das Stück wieder abgesetzt.
21. November: Die Oper Robert le diable (Robert der Teufel) von Giacomo Meyerbeer wird an der Pariser Opéra uraufgeführt. Die Oper mit dem Libretto von Eugène Scribe und Germain Delavigne begründet den Ruhm des Komponisten in Frankreich. Schon im Jahr der Uraufführung werden erste Parodien auf den Pariser Bühnen aufgeführt.
26. Dezember: Die Uraufführung der Oper Norma von Vincenzo Bellini am Teatro alla Scala di Milano in Mailand endet trotz der hervorragenden Besetzung mit Giuditta Pasta, Giulia Grisi, Domenico Donzelli und Vincenzo Negrini mit einem Fiasko.
Gesellschaft
19. März: In New York City ereignet sich einer der ersten Bankraube in der US-Geschichte mit 254.000 Dollar als Beute.
In London wird der Garrick Club gegründet.
Religion
2. Februar: Kardinal Bartolomeo Alberto Cappellari wird nach einem Konklave von 54 Tagen Dauer zum Papst gewählt und nimmt den Namen Gregor XVI. an. Er ist der bislang letzte Papst, der zum Zeitpunkt seiner Wahl zwar Kardinal, aber kein Bischof war. Zudem ist er bis heute der letzte Mönch, der zum Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt wurde. Nach seiner Bischofsweihe vom 3. Februar in St. Peter wird er am 6. Februar gekrönt.
Katastrophen
Von Indien über Russland kommend breitet sich eine heftige Cholera-Epidemie im nördlichen Mitteleuropa aus.
Natur und Umwelt
Im Juli entsteht südlich von Sizilien durch vulkanische Aktivität für kurze Zeit die Insel Ferdinandea, die jedoch schon im Dezember wieder unter der Meeresoberfläche versinkt.
Geboren
Januar/Februar
1. Januar: Eduard Wölfflin, Schweizer Altphilologe († 1908)
2. Januar: Augustus Matthiessen, britischer Chemiker und Physiker († 1870)
3. Januar: Adolf Mützelburg, deutscher Schriftsteller († 1882)
4. Januar: Bainbridge Wadleigh, US-amerikanischer Politiker († 1891)
7. Januar: Heinrich von Stephan, Generalpostdirektor des Deutschen Reichs († 1897)
8. Januar: Victor Lécot, Erzbischof von Bordeaux und Kardinal († 1908)
14. Januar: Alfred von Lewinski, preußischer General der Infanterie († 1906)
14. Januar: William D. Washburn, US-amerikanischer Politiker († 1912)
18. Januar: Johann Jakob Bernoulli, Schweizer Archäologe († 1913)
19. Januar: Gibson Atherton, US-amerikanischer Politiker († 1887)
23. Januar: August Zillmer, deutscher Versicherungsmathematiker († 1893)
24. Januar: Fritz Eunike, Ehrenbürger Wittenbergs († 1892)
26. Januar: Anton de Bary, deutscher Naturwissenschaftler, Mediziner und Botaniker († 1888)
1. Februar: Franz Rudolph Wurlitzer, US-amerikanischer Musikinstrumentenhersteller († 1914)
4. Februar: Oliver Ames, US-amerikanischer Politiker († 1895)
5. Februar: Eugène Bersier, französischer evangelischer Geistlicher († 1889)
7. Februar: Edmond Cherouvrier, französischer Komponist († 1905)
15. Februar: Adolf Deucher, Schweizer Politiker († 1912)
16. Februar: Benjamin Dwight Allen, US-amerikanischer Organist und Komponist († 1914)
16. Februar: Nikolai Semjonowitsch Leskow, russischer Schriftsteller († 1895)
21. Februar: Henri Meilhac, französischer Bühnenautor († 1897)
21. Februar: Ernst Stückelberg, Schweizer Künstler und Physiker († 1903)
24. Februar: Albert Schäffle, deutscher Volkswirtschaftler, Soziologe und Publizist († 1903)
24. Februar: Leo von Caprivi, deutscher Militär und Staatsmann († 1899)
26. Februar: Josef Werndl, österreichischer Waffenproduzent († 1889)
27. Februar: Nikolai Nikolajewitsch Ge, russischer Maler († 1894)
März/April
2. März: Gilles van Overbeek de Meijer, niederländischer Mediziner († 1918)
6. März: Friedrich von Bodelschwingh der Ältere, deutscher Pastor und Theologe, Pfarrer († 1910)
6. März: Philip Sheridan, US-amerikanischer General († 1888)
10. März: Robert Lowry (Politiker, 1831), US-amerikanischer Politiker († 1910)
11. März: John Arnot junior, US-amerikanischer Politiker († 1886)
11. März: Ernst Wichert, deutscher Schriftsteller und Jurist († 1902)
15. März: Harald Asplund, schwedischer Ingenieur († 1904)
15. März: Daniele Comboni, heiliggesprochener Priester († 1881)
15. März: Edward A. Perry, US-amerikanischer Politiker und der 14. Gouverneur des Staates Florida († 1889)
19. März: Franz Senn, Begründer des Fremdenverkehrs in Tirol, Gründer des deutschen Alpenvereines († 1884)
20. März: Theodor Aman, rumänischer Maler († 1891)
20. März: Isabel Burton, britische Reiseschriftstellerin († 1896)
20. März: Moritz Julius von Dobschütz, deutscher Kaufmann und Unternehmer in den USA († 1913)
22. März: Adolf von Auer, deutscher Rechtsanwalt († 1916)
23. März: Wilhelm Sauer, deutscher Orgelbauer aus der Zeit der Romantik und Spätromantik († 1916)
25. März: Robert Stockton Green, US-amerikanischer Politiker († 1895)
26. März: Sophus Ruge, deutscher Geograph († 1903)
26. März: Albert Schultz-Lupitz, deutscher Gutsbesitzer und Agrarwissenschaftler († 1899)
28. März: Ewald Oskar Aders, deutscher Landgerichtsdirektor und Mäzen († 1889)
1. April: Albert Anker, Schweizer Maler († 1910)
3. April: Adelheid von Löwenstein-Wertheim-Rosenberg, deutsche Prinzessin, Ehefrau von König Michael I. von Portugal († 1909)
4. April: Edward Cary Walthall, US-amerikanischer Politiker († 1898)
5. April: Bernhard Danckelmann, deutscher Forstbeamter und Forstwissenschaftler († 1901)
7. April: Karl Friederichs, deutscher Archäologe († 1871)
12. April: George Burgwyn Anderson, US-amerikanischer General († 1862)
12. April: Constantin Meunier, belgischer Bildhauer und Maler († 1905)
14. April: Gerhard Rohlfs, deutscher Afrikareisender und Schriftsteller († 1896)
21. April: Ernest Henri Besnier, französischer Dermatologe († 1909)
21. April: Karl Dernfeld, Architekt, Bezirksbaumeister in Baden-Baden († 1879)
24. April: Friedrich Wilhelm Barkhausen, deutscher Jurist und Theologe († 1903)
24. April: George Nares, britischer Admiral und Polarforscher († 1915)
28. April: Peter Guthrie Tait, schottischer Physiker († 1901)
29. April: Friedrich I., anhaltischer Herzog († 1904)
30. April: Romolo Gessi, italienischer Afrikareisender († 1881)
Mai/Juni
7. Mai: Richard Norman Shaw, britischer Architekt († 1912)
9. Mai: Karl Hill, deutscher Opernsänger († 1893)
16. Mai: David Edward Hughes, britisch-US-amerikanischer Konstrukteur und Erfinder († 1900)
16. Mai: Daniel Manning, US-amerikanischer Politiker († 1887)
16. Mai: Justus Scheibert, preußischer Ingenieuroffizier und Kriegsberichterstatter († 1903)
1. Juni: John Bell Hood, US-amerikanischer General im Bürgerkrieg († 1879)
1. Juni: Redfield Proctor, US-amerikanischer Politiker († 1908)
2. Juni: Max Abraham, deutscher Musikverleger († 1900)
2. Juni: Gustave Lefèvre, französischer Komponist und Musikpädagoge († 1910)
7. Juni: Amelia Edwards, britische Schriftstellerin und Ägyptologin († 1892)
7. Juni: Eugène Lacheurié, französischer Komponist († unbekannt)
11. Juni: Carl Friedrich Heinrich von Arnim, deutscher Jurist und Verwaltungsbeamter († 1905)
12. Juni: Hermann Schubert, deutscher Bildhauer († 1917)
13. Juni: James Clerk Maxwell, schottischer Physiker und Chemiker († 1879)
18. Juni: Peter Nicolai Arbo, norwegischer Maler († 1892)
18. Juni: Edwin Oppler, deutscher Architekt († 1880)
19. Juni: Carl Schwatlo, deutscher Architekt († 1884)
21. Juni: Lucien Lester Ainsworth, US-amerikanischer Politiker († 1902)
26. Juni: Julius Rodenberg, deutscher Journalist und Schriftsteller († 1914)
28. Juni: Joseph Joachim, ungarischer Violinist, Dirigent und Komponist († 1907)
Juli/August
2. Juli: Werner Hagedorn, deutscher Chirurg († 1894)
6. Juli: Sylvester Pennoyer, US-amerikanischer Politiker († 1902)
8. Juli: John Pemberton, US-amerikanischer Drogist und der Erfinder von Coca-Cola († 1888)
9. Juli: Wilhelm His, Schweizer Anatom († 1904)
11. Juli: Kamilo Mašek, tschechischer Komponist († 1859)
12. Juli: Gerhard Amyntor, preußischer Generalstabsoffizier († 1910)
15. Juli: Reinhold Begas, deutscher Bildhauer und Maler († 1911)
16. Juli: Nāser ad-Din Schāh, Schah von Persien († 1896)
17. Juli: Jean-Philippe Dardier, französisch-schweizerischer Evangelist († 1923)
17. Juli: Therese Tietjens, deutsche Opernsängerin (Sopran) und Gesangspädagogin († 1877)
17. Juli: Xianfeng, chinesischer Kaiser von China († 1861)
18. Juli: Johann Martin Schleyer, katholischer Priester, Lyriker und Philanthrop († 1912)
22. Juli: Komei, 121. Kaiser von Japan († 1867)
27. Juli: Helen Taylor, englische Frauenrechtlerin († 1907)
31. Juli: Botho Wendt zu Eulenburg, preußischer Ministerpräsident und Innenminister († 1912)
1. August: Antonio Cotogni, italienischer Opernsänger († 1918)
2. August: Wilhelm von Christ, deutscher Altphilologe († 1906)
7. August: Otto Stromer von Reichenbach, Bürgermeister der Stadt Nürnberg († 1891)
10. August: Richard Felix von Arnim, preußischer Offizier († 1901)
12. August: Friedrich Klopfleisch, deutscher Prähistoriker und Kunsthistoriker († 1898)
12. August: Helena Petrovna Blavatsky, russische Spiritistin und Schriftstellerin († 1891)
13. August: Salomon Jadassohn, deutscher Komponist, Pianist, Musiktheoretiker und -pädagoge († 1902)
15. August: Gustav Ipavec, slowenischer Komponist († 1908)
20. August: Eduard Suess, österreichischer Geologe und Politiker († 1914)
22. August: Arwed Emminghaus, deutscher Nationalökonom († 1916)
22. August: Marie Louise Dustmann-Meyer, deutsche Opernsängerin († 1899)
28. August: Ludvig Norman, schwedischer Dirigent und Komponist († 1885)
September/Oktober
5. September: Victorien Sardou, französischer Dramatiker († 1908)
7. September: Alexandre Falguière, französischer Maler und Bildhauer († 1900)
8. September: Philipp Jacob Auer, deutscher Politiker († 1912)
8. September: Wilhelm Raabe, deutscher Erzähler († 1910)
9. September: Hermann Christian Arndts, preußischer Beamter, Syndikus, Verwalter und Landtagsabgeordneter († 1888)
10. September: William A. Peffer, US-amerikanischer Politiker († 1912)
14. September: Marie François Joseph de Miribel, französischer General († 1893)
18. September: Siegfried Marcus, deutscher Techniker und Erfinder († 1898)
19. September: Elias Schrenk, schwäbischer Erweckungsprediger des Pietismus († 1913)
20. September: Hedwig Dohm, deutsche Schriftstellerin und Frauenrechtlerin († 1919)
23. September: Martin Garlieb Amsinck, deutscher Schiffbauer und Reeder († 1905)
24. September: Emilio Teza, italienischer Romanist, Indogermanist, Orientalist, Philologe, Linguist, Literaturwissenschaftler und Übersetzer († 1912)
25. September: Luzius Raschein, Schweizer Landwirt, Jurist und Politiker († 1899)
28. September: Fran Levstik, slowenischer Dichter († 1887)
6. Oktober: Richard Dedekind, deutscher Mathematiker († 1916)
8. Oktober: Paul von Hatzfeld zu Trachenberg, deutscher Beamter im auswärtigen Dienst († 1901)
15. Oktober: Horace Austin, US-amerikanischer Politiker († 1905)
15. Oktober: Isabella Bishop, britische Reiseschriftstellerin († 1904)
16. Oktober: Karl Blasel, österreichischer Schauspieler und Theaterdirektor († 1922)
18. Oktober: Friedrich III., preußischer König und Deutscher Kaiser († 1888)
18. Oktober: Helen Hunt Jackson, US-amerikanische Autorin († 1885)
21. Oktober: Hermann Hellriegel, deutscher Agrikulturchemiker († 1895)
23. Oktober: Edward Young, englischer Afrikaforscher († 1896)
25. Oktober: Heinrich Brück, Bischof von Mainz († 1903)
26. Oktober: John Willock Noble, US-amerikanischer Jurist und Politiker († 1912)
28. Oktober: Claus Koepcke, deutscher Ingenieur und Professor († 1911)
28. Oktober: Meinardus Siderius Pols, niederländischer Rechtswissenschaftler († 1897)
29. Oktober: Giulio Cottrau, italienischer Komponist († 1916)
29. Oktober: Leopold Sonnemann, Journalist († 1909)
29. Oktober: Othniel Charles Marsh, US-amerikanischer Paläontologe († 1899)
31. Oktober: Romualdo Pacheco, 12. Gouverneur von Kalifornien († 1899)
31. Oktober: Carl von Voit, deutscher Physiologe († 1908)
November/Dezember
1. November: Harry Atkinson, Premierminister von Neuseeland († 1892)
2. November: August Essenwein, Architektur- und Kunsthistoriker († 1892)
2. November: Julius Stettenheim, deutscher Schriftsteller († 1916)
3. November: Ignatius Donnelly, US-amerikanischer Jurist und Kongressabgeordneter († 1901)
5. November: Christian Schneller, österreichischer Philologe, Lyriker, Epiker und Volkskundler († 1908)
6. November: Anna Leonowens, britische Lehrerin, Reisende und Schriftstellerin († 1915)
7. November: Matthäus Risch, Schweizer Landwirt und Politiker († 1908)
9. November: Henry du Pré Labouchère, britischer Politiker († 1912)
12. November: Anton Kerner von Marilaun, österreichischer Botaniker und Professor († 1898)
14. November: Franz von Jauner, österreichischer Schauspieler und Theaterdirektor († 1900)
18. November: Johannes Bosscha, niederländischer Physiker († 1911)
18. November: Karl Rudolf Seyerlen, deutscher evangelischer Theologe († 1906)
19. November: James A. Garfield, US-amerikanischer Politiker und 20. Präsident der USA († 1881)
26. November: Emil Schreiner, norwegischer Altphilologe († 1910)
27. November: Gustav Radde, deutscher Geograph und Naturforscher († 1903)
29. November: Frederick Townsend Ward, Offizier der amerikanischen Handelsmarine († 1862)
30. November: Ippolito Nievo, italienischer Autor († 1861)
2. Dezember: Paul du Bois-Reymond, deutscher Mathematiker († 1889)
3. Dezember: Léon Prévost, französischer Komponist († 1877)
5. Dezember: Hans Heinrich Landolt, Schweizer Chemiker († 1910)
8. Dezember: Anton Spitalsky, österreichischer Industrieller († 1909)
9. Dezember: Maurice de Hirsch, deutscher Unternehmer und Philanthrop († 1896)
9. Dezember: Friedrich Wilhelm Alexander von Mechow, deutscher Offizier und Afrikaforscher († um 1890)
10. Dezember: Alexander Conze, deutscher Archäologe und Hochschullehrer († 1914)
14. Dezember: Arsenio Martínez-Campos, spanischer General († 1900)
15. Dezember: Carl Immanuel Baumann, württembergischer Zeichner, Fotograf und Lithograph († 1886)
22. Dezember: Viktor Kaifer, deutscher Beamter und Politiker († 1913)
25. Dezember: Johann von Herbeck, österreichischer Dirigent und Komponist († 1877)
27. Dezember: Karl von Brandenstein, preußischer General († 1886)
27. Dezember: Lucius Fairchild, US-amerikanischer Politiker († 1896)
Genaues Geburtsdatum unbekannt
Subh-i-Azal, persischer Führer der Babisten und Azali († 1912)
Louis Lebel, französischer Organist und Musikpädagoge († 1889)
Juan Mochi, italienischer Maler († 1892)
Amelia Patti, italienische Opernsängerin († 1915)
Geboren um 1831
Sitting Bull, Stammeshäuptling und Medizinmann der Hunkpapa-Lakota-Sioux († 1890)
Gestorben
Erstes Quartal
2. Januar: Barthold Georg Niebuhr, deutscher Historiker (* 1776)
3. Januar: Franz Riepenhausen, deutscher Maler und Kupferstecher (* 1786)
6. Januar: Rodolphe Kreutzer, französischer Violinist, Lehrer, Dirigent und Komponist (* 1766)
8. Januar: Franz Krommer, tschechischer Komponist (* 1759)
11. Januar: Johann Friedrich Christian Düffer, Professor der Pharmakologie und Pharmazie (* 1775)
12. Januar: Jean Thérèse de Beaumont d’Autichamp, französischer General (* 1738)
12. Januar: Louise von Dänemark und Norwegen, Landgräfin von Hessen-Kassel (* 1750)
14. Januar: Henry Mackenzie, schottischer Schriftsteller (* 1745)
15. Januar: Franciscus-Antonius de Méan, letzter Fürstbischof von Lüttich (* 1756)
20. Januar: Justinian Freiherr von Adlerflycht, deutscher Jurist (* 1761)
21. Januar: Achim von Arnim, deutscher Dichter (* 1781)
22. Januar: John Blenkinsop, englischer Grubenbetriebsleiter und Ingenieur (* 1783)
25. Januar: Ernst August Friedrich Klingemann, deutscher Schriftsteller der Romantik (* 1777)
3. Februar: Xaver Bernauer, deutscher Orgelbauer (* 1768)
5. Februar: Henry Foster, britischer Marineoffizier, Geowissenschaftler und Leiter von Arktis- und Antarktis-Expeditionen (* 1796)
9. Februar: Ernst Heinrich von Schimmelmann, deutscher Minister (Dänemark) (* 1747)
11. Februar: Niklaus Franz von Bachmann, Schweizer Militärführer (* 1740)
14. Februar: Joseph von Weber, deutscher Naturwissenschaftler und katholischer Geistlicher (* 1753)
26. Februar: James Noble, US-amerikanischer Politiker (* 1785)
1. März: Franz Bogislaus Westermeier, deutscher evangelischer Theologe (* 1773)
3. März: Johann Friedrich Wilhelm Koch, deutscher evangelischer Geistlicher und Botaniker (* 1759)
4. März: Georg Michael Telemann, deutscher Kirchenmusiker und Komponist (* 1748)
7. März: Johannes Lämmerer, deutscher Volksdichter (* 1763)
9. März: Friedrich Maximilian Klinger, deutscher Dichter, russischer General (* 1752)
11. März: Józef Kozłowski, polnischer Komponist (* 1757)
12. März: Wladimir Grigorjewitsch Orlow, russischer Wissenschaftsmanager, Bruder von Grigori Orlow (* 1743)
12. März: Friedrich von Matthisson, deutscher Lyriker und Prosaschriftsteller (* 1761)
21. März: José Tomás Ovalle, Präsident von Chile (* 1788)
28. März: Michał Hieronim Radziwiłł, litauisch-polnischer Magnat (* 1744)
Zweites Quartal
5. April: James Lloyd, US-amerikanischer Politiker (* 1769)
9. April: Paul Usteri, Schweizer Publizist und Politiker (* 1768)
13. April: Ferdinand Kauer, österreichischer Komponist und Dirigent (* 1751)
13. April: Traugott August Seyffarth, deutscher lutherischer Theologe (* 1762)
19. April: Johann Gottlieb Friedrich von Bohnenberger, deutscher Astronom und Mathematiker (* 1765)
20. April: August Lafontaine, deutscher Schriftsteller (* 1758)
21. April: Gesche Gottfried, deutsche Serienmörderin (* 1785)
22. April: Jean-Joseph Girard, Schweizer römisch-katholischer Geistlicher (* 1766)
24. April: Catherine Pakenham, Ehefrau von Arthur Wellesley, dem 1. Herzog von Wellington (* 1773)
26. April: Johann Philipp Becher, deutscher Berg- und Hüttentechniker sowie Mineraloge (* 1752)
27. April: Carlo Felice I., König von Sardinien-Piemont und Herzog von Savoyen (* 1765)
28. April: John Abernethy, englischer Chirurg und Anatom (* 1764)
28. April: Samuel Gottlieb Bürde, deutscher Dichter (* 1753)
4. Mai: Friedrich Philipp Wilmsen, deutscher reformierter Theologe und Pädagoge (* 1770)
13. Mai: Christian Gottfried Körner, deutscher Herausgeber, Freund Schillers (* 1756)
15. Mai: Wilhelm Johann Ludwig von Bachmann, preußischer Jurist (* 1765)
17. Mai: Georg Scholl, deutsch-österreichischer Gärtner (* 1751)
19. Mai: Johann Friedrich Eschscholtz, deutscher Naturforscher und Forschungsreisender (* 1793)
24. Mai: Benjamin Carr, englisch-amerikanischer Komponist, Organist, Sänger und Musikverleger (* 1768)
26. Mai: Georg Hermes, deutscher Theologe und Philosoph (* 1775)
27. Mai: Jedediah Smith, US-amerikanischer Trapper, Pelzhändler und Entdecker (* 1798)
27. Mai: Joseph von Zerboni di Sposetti, preußischer Beamter, Publizist, Dichter und Freimaurer (* 1766)
29. Mai: Gottfried Fähse, deutscher klassischer Philologe und Pädagoge (* 1764)
30. Mai: Daniel Jelensperger, französischer Musikwissenschaftler (* 1799)
5. Juni: Immanuel Christian Leberecht von Ampach, deutscher Numismatiker, Kunstsammler und Mäzen (* 1772)
8. Juni: Sarah Siddons, englische Schauspielerin (* 1755)
10. Juni: Hans Karl von Diebitsch-Sabalkanski, kaiserlich russischer Feldmarschall (* 1785)
10. Juni: Nathaniel Pryor, US-amerikanischer Entdecker (* 1772)
16. Juni: Joseph Ignaz Schnabel, deutscher Komponist und Domkapellmeister (* 1767)
21. Juni: Wilhelm Amsinck, deutscher Kaufmann, Ratsherr und Bürgermeister (* 1752)
26. Juni: August Wellauer, deutscher Altphilologe und Pädagoge (* 1798)
27. Juni: Sophie Germain, französische Mathematikerin (* 1776)
27. Juni: Christian Haldenwang, Kupferstecher (* 1770)
27. Juni: Konstantin Romanow, russischer Großfürst (* 1779)
29. Juni: Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein, preußischer Politiker (* 1757)
30. Juni: William Roscoe, englischer Jurist, Biologe und Historiker (* 1753)
Drittes Quartal
4. Juli: Caspar Josef Carl von Mylius, deutscher Soldat in österreichischen Diensten mit hohem Rang (* 1749)
4. Juli: James Monroe, US-amerikanischer Präsident (* 1758)
8. Juli: Daniel Martin, US-amerikanischer Politiker (* 1780)
11. Juli: Wassili Golownin, russischer Marineoffizier und Wissenschaftler (* 1776)
13. Juli: Friedrich Julius Heinrich von Soden, Schriftsteller (* 1754)
16. Juli: Alexandre Andrault de Langeron, russischer General, Gouverneur der Krim und Generalgouverneur von Neurussland (* 1763)
19. Juli: Christian Karl André, deutscher Pädagoge und Landwirt (* 1763)
20. Juli: Caroline de la Motte Fouqué, deutsche Schriftstellerin (* 1773)
24. Juli: Rudolf von Österreich-Toskana, römisch-katholischer Bischof und Kardinal (* 1788)
26. Juli: Maximilian Thomas von Aicher, bayerischer Offizier (* 1753)
4. August: Heinrich Martius, deutscher Arzt, Naturwissenschaftler, Schriftsteller, Chronist (* 1781)
11. August: Gawriil Sarytschew, russischer Marineoffizier und Hydrograph (* 1763)
23. August: August Neidhardt von Gneisenau, preußischer Generalfeldmarschall (* 1760)
27. August: Johann August Heine, deutscher Architekt (* 1769)
1. September: Balthasar Alexis Henri Antoine von Schauenburg, französischer General (* 1748)
1. September: José de la Torre Ugarte, peruanischer Jurist und Lyriker (* 1786)
6. September: William Jones, US-amerikanischer Politiker (* 1760)
9. September: Leopold Ackermann, österreichischer Theologe (* 1771)
12. September: Jippensha Ikku, japanischer Schriftsteller (* 1765)
15. September: Alexander Bran, deutscher Journalist, Schriftsteller und Verleger (* 1767)
17. September: Joseph Kyselak, Alpinist und Hofkammerbeamter (* 1798)
17. September: Joseph Lange, deutscher Schauspieler, Maler, Komponist und Schriftsteller (* 1751)
17. September: Johann Wilhelm Tolberg, Mediziner (* 1762)
19. September: Anton Hye, österreichischer römisch-katholischer Geistlicher, Pädagoge und Autor (* 1761)
Viertes Quartal
9. Oktober: Ioannis Kapodistrias, griechischer Politiker (* 1776)
14. Oktober: Jean-Louis Pons, französischer Astronom (* 1761)
16. Oktober: Angelo Agnoletto, italienischer Theologe (* 1743)
17. Oktober: Anton Aloys Meinrad Franz, Fürst von Hohenzollern-Sigmaringen (* 1762)
24. Oktober: Maria Neide, deutsche Krankenschwester (* 1780)
1. November: Jonathan Mason, US-amerikanischer Politiker (* 1756)
1. November: Erhard Adolf Matthiessen, deutscher Jurist, Kaufmann und Ratsherr (* 1763)
5. November: Christian Gotthold Eschenbach, deutscher Mediziner, Chemiker und Hochschullehrer (* 1753)
11. November: Pietro Colletta, neapolitanischer Kriegsminister (* 1775)
11. November: Ignác Gyulay, Feldmarschall, Präsident des österreichischen Hofkriegsrates und Feldzeugmeister (* 1763)
11. November: Nat Turner, US-amerikanischer schwarzer Sklave (* 1800)
12. November: Leopold Maximilian von Firmian, Fürsterzbischof der Erzdiözese Wien (* 1766)
14. November: Georg Wilhelm Friedrich Hegel, deutscher Philosoph (* 1770)
14. November: Ignaz Josef Pleyel, österreichischer Komponist (* 1757)
15. November: Vincenc Mašek, böhmischer Komponist (* 1755)
16. November: Carl von Clausewitz, preußischer General und „Kriegsphilosoph“ (* 1780)
16. November: Auguste Reuß zu Ebersdorf, Herzogin von Sachsen-Coburg-Saalfeld (* 1757)
2. Dezember: Traugott Maximilian Eberwein, deutscher Komponist und Dirigent (* 1775)
5. Dezember: Karl Ludwig Nitzsch, deutscher Theologe (* 1751)
10. Dezember: Thomas Johann Seebeck, Physiker (* 1770)
11. Dezember: George Schetky, US-amerikanischer Komponist, Cellist und Musikverleger (* 1776)
23. Dezember: Petrus von Gruben, deutscher Geistlicher (* 1766)
26. Dezember: Johann Maria Philipp Frimont von Palota, österreichischer Kavalleriegeneral (* 1759)
26. Dezember: Wilhelm Ludwig Steinbrenner, deutscher evangelischer Theologe (* 1759)
30. Dezember: Johann August Heinrich Tittmann, deutscher Theologe und Philosoph (* 1773)
Weblinks
Digitalisierte Zeitungen des Jahres 1831 im Zeitungsinformationssystem (ZEFYS) der Staatsbibliothek zu Berlin
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Q7579
| 563.436563 |
3964471
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https://de.wikipedia.org/wiki/Royaltys
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Royaltys
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Royaltys (Singular Royalty) sind im Urheberrecht der Anglizismus für sämtliche Gebühreneinnahmen des geistigen Eigentümers aus der Verwertung seines Werks oder Rechts im Rahmen von Konzessionen, Lizenzen, Patenten, Warenzeichen oder Urheberrechten.
Etymologie
Im Englischen lautet die orthographisch korrekte Form des Plurals royalties. Der Duden geht davon aus, dass es sich um ein Lehnwort handelt, und bildet daher den eingedeutschten Plural Royaltys.
Der Begriff stammt aus dem mittelalterlichen England, als an die englische Krone (eben die ) Gebühren für Nutzung (Landwirtschaft) oder Abbau (Bergbau) ihres (Land-)Eigentums (Regalien) in Form von Pachtzinsen durch die Pächter zu entrichten waren. Das Wort kommt etymologisch von dem altfranzösischen Wort für königliche Herrschaft (, daher auch das moderne französische Wort ). Auch heute bezeichnet das englische Wort royalty weiterhin viel häufiger die Mitglieder königlicher und fürstlicher Familien und deren Status als die daraus hergeleiteten Bedeutungen Tantieme, Gewinnanteil, Lizenz(gebühr) bzw. Patentgebühr.
Allgemeines
Der im Deutschen häufiger benutzte Begriff Tantiemen ist spezifischer, weil er vom Ergebnis, zum Beispiel vom Umsatzerlös abhängige Zahlungen bezeichnet, während Royalty auch andere Arten von Zahlungen (Einmalzahlungen, wiederkehrende Festbeträge wie Jahresgebühren u. Ä.) umfasst.
Insbesondere in der internationalen Musikindustrie wird der Fachausdruck „Royalties“ häufig verwendet.
Musikindustrie
Am Beispiel der Urheberrechte für Musik soll dies stellvertretend für die anderen Arten geistigen Eigentums erklärt werden. Der Komponist und Liedtexter kann sein Werk über einen Musikverlag bei einer hierfür vorgesehenen Verwertungsgesellschaft (zum Beispiel in Deutschland die GEMA) anmelden und schließt mit dieser einen Berechtigungsvertrag ab. Die GEMA registriert das Werk und verlangt auf gesetzlicher und satzungsmäßiger Grundlage von den späteren Nutzern des Werks (Tonträgerunternehmen, Rundfunk und Fernsehen, Kino, Veranstalter öffentlicher Aufführungen usw.) ein Nutzungsentgelt, das anhand eines komplexen Verteilerschlüssels über den zuständigen Musikverlag an den Komponisten abgeführt wird.
Diese Nutzungsentgelte werden als Tantiemen (oder ungenauer als Royaltys) bezeichnet. Wenn sie aus Sicht des Komponisten eine dauerhafte Einnahmequelle darstellen, werden sie als „Running Royaltys“ bezeichnet. Die von den Verwertungsgesellschaften erhobenen Gebühren werden „mechanische Rechte“ (oder ) genannt. Insbesondere in der massenweise verbreiteten Pop-Musik können die Gebühren, etwa bei Millionensellern, eine beachtliche Größenordnung erreichen. Die Art und Weise, wie Royaltys erhoben werden, wird häufig durch individuelle Verträge geregelt. Lediglich bei künstlerischen Werken gibt es durch die Verwertungsgesellschaften und Verlage eine gewisse Einheitlichkeit.
In der Musikindustrie sind „Royalties“ der Sammelbegriff für eine Vielzahl von Tantiemen:
Royalties im engeren Sinne sind die „mechanischen Royalties“.
Weblinks
(englisch)
Royalty Logic (englisch)
Einzelnachweise
Immaterialgüterrecht
Einkommen
Urheberrecht
Urheberrecht (Deutschland)
Urheberrecht (Österreich)
Urheberrecht (Schweiz)
Englische Phrase
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Q728265
| 113.710954 |
81902
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https://de.wikipedia.org/wiki/Pocketfilm
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Pocketfilm
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Pocket-Kassettenfilm (Typ 110), kurz Pocketfilm, ist ein fotografischer Film, der 1972 von Kodak vorgestellt wurde und in Pocketkameras verwendet wird. Der Film wurde ungefähr bis 2009 hergestellt und war dann einige Jahre nicht verfügbar. Seit 2012 wird er wieder angeboten.
Vorgeschichte
1963 stellte Kodak mit dem System Instamatic eine Filmkassette vor, die sich leicht einlegen ließ und dadurch auch technisch ungeschickte Interessenten ansprach. Das gleiche Konzept übernahm man neun Jahre später für den 16-mm-Film, hier bestand sogar noch ein größerer Bedarf, da dieser Film bislang nur auf offenen Spulen aufgerollt zu bekommen war.
Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg hatte Minox ein winziges Kassettenformat für die 8x11-Kameras entwickelt.
Kassette
Die Pocketkassette entspricht in ihrem Konzept exakt der großen Instamatic-Kassette, Kodak hat den Begriff „Instamatic“ auch im Zusammenhang mit den Pocketkameras verwendet. So geschieht der Filmtransport über ein von der Kamera eingreifendes Zahnrad, es gibt ein Zählwerkfenster und man kann durch ein Plexiglas in der Kamerawand auch den eingelegten Filmtyp erkennen. Auch existiert nur eine Perforation von einem Loch pro Bild, was als einfache Transportsteuerung dient. Eine kameraseitige Filmandruckplatte gibt es nicht, allerdings bereitet die Planlage bei einem derart kleinen Format kaum Probleme, zumal die zugehörigen Objektive eine geringe Brennweite und somit eine große Schärfentiefe aufweisen.
Bildformat
Das Negativformat beträgt etwa 13 mm × 17 mm (wurde aber nicht von allen Kameraherstellern ausgenutzt), was eine Fläche von 220 mm² ergibt, etwa ein Viertel jener des 35-mm-Kleinbildfilms. Damit lassen sich problemlos Vergrößerungen von 13 cm × 18 cm anfertigen. Auch weit darüber hinausgehende Vergrößerungen sind je nach Qualität des verwendeten Films möglich. Der Minox-Kleinstbildfilm ist mit 40 Prozent der Fläche des Pocketfilms nochmals kleiner.
Filmempfindlichkeit
Wie beim großen Instamatic ist die Filmempfindlichkeit des Pocketfilms kodiert, hier allerdings nur in zwei Stufen: Die Kassette besitzt an der Seite eine Leiste, die bei hochempfindlichen Filmen etwa 7 mm, bei niedrig- bis mittelempfindlichen Filmen nur etwa 2,5 mm gekürzt ist. Höherwertige Pocketkameras, beispielsweise die Rollei A 110, können so die Belichtung automatisch an die Filmempfindlichkeit anpassen, alle anderen können keinen hochempfindlichen Film korrekt belichten. Niedrig- bis mittelempfindlich bedeutet dabei 64 bis 200 ASA, hochempfindlich 320 bis 400 ASA, wobei der exakte, von der Kamera verwendete Wert von ihrer Justage im Werk abhängt.
Problematisch war weiterhin, dass Kodak für seinen 400 ASA-Film eine Kassette verwendete, die für niedrig- bis normalempfindlichen Film kodiert war (Stichwort: film speed setting). Dieses führte bei präziser Blendenzahl und Verschlusszeit zur Überbelichtung des Films. Durch das Entfernen von etwas Material an der Leiste konnte die Kassette aber relativ leicht so modifiziert werden, dass sie als hochempfindlicher Pocketfilm erkannt wurde.
Der 200-ASA-Film von Ferrania war ebenfalls als niedrig- bis normalempfindlicher Film kodiert und wurde bei manchen Kameras deshalb ein wenig überbelichtet. Negativfilme besitzen aber einen guten Belichtungsspielraum, so dass dies kaum auffiel. Abhilfe über die Manipulation der Filmkodierung ist hier nicht möglich.
Verbreitung
Der Pocket-Film war bis in die 90er Jahre auch als Dia- und Schwarzweißfilm erhältlich, diese Spezialsorten kaufte aber kaum jemand. Als Farbnegativfilm hingegen wurde er überall dort, wo es Filme zu kaufen gab, selbstverständlich bereitgehalten. Im Herbst 2007 war er schwer zu beschaffen und nur noch als Farbnegativfilm erhältlich. Hersteller waren Ferrania in Italien (200 ASA-Film), Fuji in Japan (200 ASA-Film) und Kodak in den USA (400 ASA-Film). Im Zeitraum 2008–2009 stellten diese drei Firmen die Produktion von 110er-Filmen ein. Im Herbst 2011 erwog Adox (Deutschland), neue 110er-Filme herzustellen. Im Mai 2012 erweckte die Lomographic Society International den 110er Film vorläufig als Schwarzweißfilm (Lomography Orca 110 B&W Film) wieder zum Leben. Dieser besaß zunächst laut Lomography kein Schutzpapier, was bedeutet, dass jedes geschossene Foto mitgezählt werden muss, da das Rad in der Filmkassette nicht stoppt, wenn der Film zu Ende ist. Außerdem kann es bei den letzten vier Frames zu sogenannten Lichtlecks kommen. Inzwischen sind diese Probleme behoben. Im Juli 2012 wurde mit dem Lomography Color Tiger 110 auch ein Farbfilm vorgestellt. Weitere Filme (Diafilm, Redscalefilm) folgten.
Nutzung in Fun-Kameras
Bessere Kameras mit Pocketfilm waren, da klein und leicht, lange Zeit für Handtaschen, aber auch als Urlaubs- und „Immer dabei“-Kameras gedacht. Zusammen mit Block und Bleistift und neuem Film, in kompakter Verpackung zusammengefasst, wurden sie zudem zeitweise für die Mitführung im Auto als Unfallkamera verkauft.
Wegen seiner geringen Größe fand man den Pocketfilm recht häufig bei Kameras mit unsachlich-humorvollem Äußerem, wie Werbegeschenken. Die dann eher einfachen Kameras waren hierbei in einem Gehäuse in beliebiger Fußball-, Getränkedosen- oder Spielzeugform eingebaut.
Von der Lomographischen AG wurde die „Smiley Cam“ vermarktet. Basierend auf dem Prinzip der Camera obscura war dem Pocketfilm ein Klebestreifen mit einem Loch als Fixobjektiv angeklebt.
Minimalkameras anderer Hersteller umfassten kaum mehr als eine Linse, die an einen handelsüblichen Pocketfilm geklammert wurde. Ein einfacher Verschluss, eine Möglichkeit zum Filmtransport und ein Kimme-Korn-Rahmen-Aufklappvisier ergänzten die Plastikkamera, die kleiner ist als die Filmpatrone.
Spiegelreflexkameras
Neben den einfachen Kameras gab es aber auch anspruchsvollere Modelle. Minolta produzierte zwei Spiegelreflexkameras mit fest eingebauten Zoomobjektiven, nämlich die Minolta 110 Zoom SLR und die Minolta 110 Zoom SLR Mark II. Asahi Pentax stellte die Pentax Auto 110 sowie die Pentax Auto 110 Super mit sechs dazugehörigen Wechselobjektiven, Windern, Blitzgeräten und diversen Filtern und Nahlinsen her. Diese Kameras besaßen scharfe Objektive und ermöglichten eine präzise Scharfstellung. Sie konnten qualitativ zwar nicht mit den Kleinbildkameras mithalten, waren in ihrer Zeit aber begehrte Lifestyleobjekte, nicht nur zum Gebrauch, sondern auch für die Vitrinen der Sammler rarer Kameras.
Weblinks
110 Pocketfilm
Einzelnachweise
Filmtyp
Filmformat
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Q1148317
| 223.678512 |
8345334
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https://de.wikipedia.org/wiki/Diaphoretickes
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Diaphoretickes
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Diaphoretickes ist ein Taxon, das zu den Eukaryoten (Lebewesen mit Zellkern) gestellt wird. Es umfasst die zwei super-groups Sar und Archaeplastida. Neben Großgruppen einzelliger Lebewesen wie den Rhizaria und Alveolata enthält diese Kronengruppe damit auch das gesamte Pflanzenreich.
Definition
Das Taxon wurde 2012 rein phylogenetisch definiert. Diaphoretickes wird abgegrenzt als die größte gemeinsame Klade um die rezenten Arten Bigelowiella natans Moestrup & Sengco 2001 als Vertreter der Rhizaria, Tetrahymena thermophila Nanney & McCoy 1976 für die Alveolata, Thalassiosira pseudonana Cleve 1873 für die Stramenopilen und Arabidopsis thaliana (Linnaeus) für die Archaeplastida.
Es enthält damit weder die Kladen um den Menschen (Homo sapiens Linnaeus 1758) als Repräsentanten der Opisthokonta, noch die um Dictyostelium discoideum Raper 1935 für die Amoebozoa und auch nicht die um Euglena gracilis Klebs 1883 für die Excavata.
Taxonomie
Das Taxon zeichnete sich erstmals deutlich in phylogenetischen Untersuchungen des Jahres 2008 einer Gruppe um Fabien Burki ab. In einem Artikel von Sina Adl und Kollegen wurde die Gruppe dann 2012 unter dem Namen Diaphoretickes beschrieben. Der Name bezieht sich auf das griechische Wort und spielt auf die Vielfalt der morphologischen und grundlegenden zellularen Eigenschaften der Vertreter der Gruppe an.
Diaphoretickes enthält folgende Gruppen:
Sar
Archaeplastida (u. a. Pflanzen)
Einzelnachweise
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Q4589415
| 126.443464 |
1829
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https://de.wikipedia.org/wiki/Greenpeace
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Greenpeace
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Greenpeace [] (deutsch: „grüner Frieden“) ist eine 1971 gegründete, transnationale politische Non-Profit-Organisation, welche sich für Umwelt-, Natur- und Klimaschutz sowie Frieden einsetzt und nach eigenen Aussagen „mit direkten gewaltfreien Aktionen für den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen von Mensch und Natur und Gerechtigkeit für alle Lebewesen kämpft“.
Die Organisation wurde von Friedensaktivisten in Vancouver, Kanada gegründet und durch Kampagnen gegen Kernwaffentests und Aktionen gegen den Walfang bekannt. Später konzentrierte sich die Organisation darüber hinaus auf weitere Themen wie Überfischung, die globale Erwärmung, die Zerstörung von Urwäldern, Atomenergie und Gentechnik. Zudem weist Greenpeace auch auf Alternativen durch technische Innovationen hin.
Greenpeace hatte nach eigenen Angaben 2021 weltweit rund dreieinhalb Millionen Fördermitglieder und beschäftigte rund 3.300 Mitarbeiter. Greenpeace Deutschland hat rund 632.000 Fördermitglieder. Es gibt in über 55 Staaten weltweit Greenpeace-Büros und 26 regionale Büros.
Geschichte
Die Organisation entstand Anfang der 1970er-Jahre im kanadischen Vancouver aus der Formation Don’t Make a Wave Committee, die von US-amerikanischen und kanadischen Atomkraftgegnern und Pazifisten gegründet worden war. Dieses Komitee kam in der Absicht zusammen, eine Serie von Atombombentests zu verhindern.
Benefizkonzert 1970
Am 16. Oktober 1970 fand ein Benefizkonzert von Joni Mitchell, James Taylor und Phil Ochs im Pacific Coliseum in Vancouver statt, dessen Erlöse (Eintritt: 3 Dollar pro Person) einer kleinen Gruppe friedensbewegter Menschen zugutekam, die den Plan hatten, mit einem Schiff vor der Küste Alaskas gegen den anstehenden Atomtest auf Amchitka zu protestieren. Der Name der geplanten Aktion lautete Greenpeace.
Irving Stowe organisierte das Konzert und wurde von Joan Baez unterstützt; Baez konnte damals nicht am Konzert teilnehmen, stellte aber die Verbindung zwischen Stowe und Mitchell her und Mitchell lud ihren damaligen Freund James Taylor zum Konzert ein.
Das Konzert wurde 1970 auf Band aufgezeichnet und die Bänder von Familie Stowe verwahrt. Die Stowes hatten nie das Geld, aber immer die Hoffnung gehabt, das Konzert irgendwann veröffentlichen zu können. Somit konnte die Familie die erforderlichen Restaurierungen nicht selbst durchführen und wusste auch nicht, wie man sich die Rechte am Mitschnitt sichern könnte.
Das änderte sich 2006, als John Timmins, Bruder eines Cowboy-Junkies-Mitgliedes, als „Foundation Officer“ zu Greenpeace kam. Als Timmins von den Bändern erfuhr, besuchte er Barbara Stowe, Irvings Tochter, die ihm diese Geschichte erzählte. Timmins gelang es danach, Joni Mitchell und James Taylors Vertreter zu kontaktieren, die erforderliche Erlaubnis zur Restaurierung der Bänder zu erhalten und die Rechte zur Veröffentlichung der Aufnahmen zu sichern. Das Benefizkonzert wurde dann im November 2009 durch Greenpeace als CD und Download-Album mit dem Namen Amchitka, the 1970 concert that launched Greenpeace veröffentlicht und wird seither über eine eigene Website vertrieben.
Aktion Greenpeace 1971
Die Aktivisten des Don’t Make a Wave Committee charterten am 15. September 1971 den von John Cormack befehligten Fischkutter „Phyllis Cormack“ mit der Absicht, den angesetzten zweiten Atomtest zu stören und die Zündung der Bomben zu verhindern. Das Schiff wurde in Greenpeace umbenannt und setzte die Segel in Richtung des Testgeländes nach Amchitka. Doch die US Coast Guard fing die Phyllis Cormack mit ihrem Küstenwachschiff Confidence ab und zwang sie, zum Hafen zurückzukehren.
Auf ihrer Rückkehr nach Alaska erfuhr die Mannschaft, dass in allen größeren Städten Kanadas Proteste stattgefunden und die USA den zweiten unterirdischen Test auf den November verschoben hatten. Die Versuche, mit einem zweiten gecharterten Schiff in die Testzone zu fahren, schlugen zwar fehl, dennoch fanden bei Amchitka keine weiteren Atomtests mehr statt.
Später änderte auch die Organisation ihren Namen in „Greenpeace“.
Mururoa-Atoll und das Rammen der Vega 1972/73
Im Mai 1972 veröffentlichte die neu gegründete Greenpeace-Stiftung einen Appell an verständnisvolle Kapitäne, um ihnen beim Protest gegen die Atomtests der französischen Regierung im Pazifik-Atoll Mururoa zu helfen. Eine Antwort kam hierbei von David McTaggart, einem Kanadier und früheren Unternehmer, der zu diesem Zeitpunkt in Neuseeland lebte.
McTaggart verkaufte seine Geschäftsinteressen und zog in den Südpazifik. Sein Handeln war eine Reaktion auf eine Gasexplosion, die einen Angestellten in einer seiner Skihütten ernsthaft verletzt hatte. Entrüstet darüber, dass jede Regierung ihn von jedem Teil des Pazifiks ausschließen könnte, stellte er aus dem Grund seine Jacht, die Vega, zur Verfügung und machte sich daran, eine Mannschaft zusammenzustellen.
1973 fuhr McTaggart die Vega in die Ausschlusszone um Mururoa, damit sein Schiff von der französischen Marine gerammt wurde. Als er den Protest im Folgejahr wiederholte, bestiegen französische Seeleute die Vega und schlugen ihn zusammen.
Später veröffentlichte die Marine organisierte Fotos, wie sich McTaggart mit oberen Marineoffizieren eine Schlägerei liefert, und verlangte von den beiden gegnerischen Parteien mehr Zurückhaltung. In einem anderen Licht erschien der Sachverhalt, als in den Medien Fotos erschienen, die McTaggart während der Schlägerei zeigen, die das Mannschaftsmitglied Anne-Marie Horne aufnahm und aus der Jacht schmuggelte.
Die Kampagne zeigte Wirkung, als die französische Regierung eine Unterbrechung der oberirdischen Tests bekannt gab, wenngleich sie diese fortan unterirdisch durchführte. Auch in der Folgezeit veranstaltete Greenpeace Kampagnen gegen die Tests im Pazifik, bis die Franzosen ihr Testprogramm 1995 zu Ende brachten.
Greenpeace International 1979
1975 gab es 15–20 verschiedene Gruppen mit dem Namen Greenpeace, erst später wurden sie in einer Organisation zusammengefasst, die am 14. Oktober 1979 unter dem Namen Greenpeace International gegründet wurde. Prominente Gründungsmitglieder waren unter anderem David McTaggart, Robert Hunter und Patrick Moore.
Auf Initiative McTaggarts wurde das Hauptquartier nach Europa verlegt, wo es gut organisierte Ableger gab, welche finanziell besser aufgestellt waren als die kanadische Organisation.
Die Versenkung der Rainbow Warrior 1985
1985 sollte die Rainbow Warrior zum Mururoa-Atoll in Französisch-Polynesien fahren, um gegen die dort stattfindenden französischen Atomtests zu protestieren.
Im neuseeländischen Hafen von Auckland vor Anker liegend wurde sie am 10. Juli 1985 durch Agenten des französischen Auslands-Nachrichtendienstes (DGSE) versenkt. Dabei ertrank der Greenpeace-Fotograf Fernando Pereira.
Aktivitäten
Ein zentrales Element der Greenpeace-Arbeit ist die Aktion. Hierbei begeben sich Aktivisten an einen Ort, der ihrer Auffassung nach symbolisch für Umweltzerstörung steht und protestieren dort meistens mit Transparenten. Mittels oft spektakulärer Auftritte direkt am Ort des Geschehens versucht die Organisation, die Öffentlichkeit aufmerksam zu machen, um meist große Industriekonzerne oder Regierungen durch öffentlichen Druck zum Einlenken zu bewegen. Diese Art des Auftretens machte die Organisation in den 1980er-Jahren bekannt.
Neben eher konventionellen Methoden von Umweltorganisationen wie Beeinflussung von Politikern und Anwesenheit bei internationalen Organisationen verfolgt Greenpeace noch die ausdrückliche Methodik direkter Aktionen ohne Gewaltanwendung.
Die Methode, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zu lenken, wurde vom „Bearing Witness“ (Zeugnis ablegen) der Quäker abgeleitet. Dabei geht es Greenpeace nach eigenen Angaben darum, „Zeugnis abzulegen“ über Unrecht, das der Meinung der Organisation nach geschieht. So positionieren sich beispielsweise Mitglieder öffentlichkeitswirksam zwischen der Harpune der Walfänger und deren Beute oder dringen in Atomkraftwerke ein. Um ihre Standpunkte wissenschaftlich belegen beziehungsweise neue Standpunkte entwickeln zu können, beauftragt Greenpeace wie andere Umweltschutzorganisationen Wissenschaftler mit dem Anfertigen von Studien. Außerdem ist Greenpeace in vielen internationalen Gremien beratend tätig.
Von anderen Umweltschutzorganisationen grenzt sich Greenpeace unter anderem durch die Beschränkung auf bestimmte, meist weltweit verfolgte, öffentlichkeitswirksame Themengebiete ab wie zum Beispiel Atomkraft, Globale Erwärmung, Biodiversität und Artenschutz, Grüne Gentechnik, Biopatente und Chemie. Bereits seit längerem plädiert die Umweltschutzorganisation gegen den Import von Atomstrom. Eine weitere Kampagne der Organisation richtet sich beispielsweise gegen H&M. Der Modehersteller verwende zu viele chemische Zusätze in Kleidungsstücken. Nach langem Hin und Her beugte sich H&M und sicherte Greenpeace die Verringerung der chemischen Zusätze zu. Themen wie Verkehr oder Hausmüll spielen höchstens eine untergeordnete Rolle in einigen Greenpeace-Länderbüros. Auch ist Greenpeace entgegen weitläufigen Annahmen keine Tierschutzorganisation.
Seit 1998 richtet der Schweizer Ableger Solarcamps zur Beschleunigung der Energiewende und MINT-Bildung aus.
Bekannte Kampagnen
Die Umwandlung von Greenpeace von einem losen Netzwerk hin zu einer weltweiten Organisation geht hauptsächlich auf Ideen von McTaggart zurück. Dieser fasste seine Vorstöße in einer Mitteilung von 1994 folgendermaßen zusammen:
Die Brent-Spar-Kampagne
1995 erreichte Greenpeace durch die Besetzung des schwimmenden Öltanks Brent Spar, dass die Betreiberfirmen Shell und Exxon von der geplanten Versenkung im Nordatlantik Abstand nahmen und die Anlage stattdessen an Land entsorgen ließen. Die Kampagne führte zu einem Verbot der Versenkung von Ölplattformen im Nordatlantik. Im Zuge der Kampagne hatte Greenpeace grob falsche Schätzungen zur Menge der Ölrückstände auf der Plattform veröffentlicht. Die Organisation hat sich für die falschen Zahlen bei Shell und der Öffentlichkeit entschuldigt. Für Organismen auf dem Meeresboden wäre die Versenkung der Brent Spar sogar vorteilhaft gewesen.
Kampagnen gegen Mahagoni-Holz
2001 organisierte Greenpeace eine Aktion gegen die US-Importe von brasilianischem Mahagoni-Holz im Wert von zehn Millionen US-Dollar, nachdem die brasilianische Regierung eine Wartefrist für Exporte von Mahagoni-Holz verhängt hatte. Am 12. April 2002 enterten zwei Vertreter von Greenpeace das Schiff und trugen das Mahagoni-Holz, um ein Transparent mit der Aufschrift „Präsident Bush, stoppen Sie die illegale Abholzung“ aufzuhängen. Die beiden Vertreter wurden zusammen mit vier anderen, die ihnen halfen, verhaftet. Nachdem sie sich schuldig bekannt und ein Ordnungsgeld gezahlt hatten, wurden sie zu einem Wochenende Gefängnis verurteilt.
Am 18. Juli 2003 verwendete das Justizministerium der USA den Vorfall dazu, die gesamte Organisation Greenpeace an sich unter das 1872 verabschiedete und relativ unbekannte „Sailormongering-Gesetz“ zu stellen, das 1890 zuletzt angewendet worden war. Die Berufung auf dieses Gesetz, was den Zweck hatte, gewaltlose Demonstranten kriminell einstufen und strafrechtlich verfolgen zu können, löste auf der ganzen Welt Proteste aus. Zu den Kritikern dieser strafrechtlichen Verfolgung gehörten Al Gore, Patrick Leahy, die National Association for the Advancement of Colored People, die ACLU of Florida und die People For the American Way. Das Ministerium stellte dies später beim Bundesgericht in Miami am 14. November 2003 auf eine überarbeitete Anklageschrift um, indem es die Aussage, dass Greenpeace fälschlicherweise behauptet hätte, dass das Mahagoni-Holz auf dem betroffenen Schiff Schmuggelware sei, fallen ließ.
Am 16. Mai 2004 entschied der zuständige Richter Adalberto Jordan zugunsten von Greenpeace und kam zu dem Ergebnis, dass „die Anklage eine seltene – und wohl auch beispiellose – strafrechtliche Verfolgung einer rechtlich legalen Gruppe“ darstellt, deren Verhalten zur freien Meinungsäußerung gehöre.
Kampagnen gegen IT-Hersteller
In den letzten Jahren haben es sich Greenpeace-Aktivisten zur Aufgabe gemacht, Hersteller der IT-Industrie durch Kampagnen zu umweltbewussterem Handeln im Sinne von Green IT zu bewegen.
Zum Beispiel blockierten 2004 niederländische Greenpeace-Aktivisten in diesem Zusammenhang das Utrechter Büro der Firma Hewlett-Packard und im Mai 2005 wurde vor der Genfer Zentrale eine LKW-Ladung Elektronikschrott abgeworfen. Im Dezember 2005 demonstrierten erneut Aktivisten vor dem Hauptquartier in Palo Alto, weil die Firma als führendes Unternehmen der Branche weitaus mehr gefährliche Stoffe bei der Produktion verwendet als die Konkurrenzunternehmen.
2006 rief Greenpeace im Internet im Rahmen einer Mitmachkampagne die Apple-Nutzer zur kreativen Beteiligung auf, um den Hersteller dazu zu bewegen, weniger giftige Chemikalien bei der Herstellung seiner Geräte zu verwenden. Ferner wurde hierbei das eingeschränkte Rücknahme- und Recyclingprogramm für Altgeräte von Apple kritisiert. Für diese Aktion wurde Greenpeace 2007 von der International Academy of Digital Arts and Sciences bei der 11. Verleihung des Webby Awards mit einem Preis in der Sparte „Aktivismus“ ausgezeichnet.
Kampagnen gegen gefährliche Textilchemikalien
Im Juli 2011 begann Greenpeace mit der Kampagne Detox, die sich gegen den Einsatz gefährlicher Chemikalien in der Textilindustrie richtet. Textilchemikalien verschmutzen das Trinkwasser in China und zahlreichen Entwicklungsstaaten. Vielerorts gelangt dieses verschmutzte Wasser in das Trinkwasser der Anwohner dieser Gewässer. Viele der Chemikalien sind langlebig.
Kampagnen gegen Kohlepolitik
Zuletzt im Herbst 2014 machte Greenpeace durch eine Aktion mit einem Schaufelrad auf der SPD-Zentrale in Berlin auf die Kohlepolitik der Bundesregierung aufmerksam, verbunden mit der Botschaft an den Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel „Kohle zerstört das Klima!“.
TTIPleaks
Anfang Mai 2016 gelangte Greenpeace in Besitz einer großen Menge Abschriften von geheimen Verhandlungsdokumenten zum geplanten Freihandelsabkommen zwischen den USA und der Europäischen Union. Die Dokumente wurden vom NDR und der Süddeutschen Zeitung verifiziert und veröffentlicht. Greenpeace stellte in den Folgetagen vor dem Brandenburger Tor in unmittelbarer Nähe zum Reichstagsgebäude in Berlin einen auf einen LKW aufgebockten gläsernen Lesesaal auf, in dem die Dokumente frei einsehbar waren. Nach einer repräsentativen Umfrage von „gut eintausend“ Bürgern durch ARD-Deutschlandtrend kurz nach den Veröffentlichungen äußerten 79 % der Befragten Zweifel am Erhalt des Verbraucherschutzes und an der Geheimniskrämerei der Verhandlungen. Kurz nach der Veröffentlichung äußerte der französische Präsident François Hollande, er werde ein Freihandelsabkommen „im derzeitigen Zustand“ ablehnen. Alle 28 EU-Mitgliedstaaten und das Europäische Parlament müssen dem Abkommen zustimmen.
Bisherige Erfolge
Zu den Erfolgen der Organisation zählen unter anderem das Ende des kommerziellen Walfangs seit 2002, die Einrichtung eines Schutzgebietes in der Antarktis und der vorzeitige Stopp vieler Atombombentestreihen.
Zu den bedeutendsten Erfolgen, die die Organisation ihrem Einfluss zuschreibt, gehören unter anderem die Einstellung von Atomtests auf Amchitka in Alaska (1972) und die Verlängerung des Antarktisvertrages (1991), der die Besitznahme der Antarktis durch andere Staaten oder aus kommerziellen Interessen verbietet.
Um letzteres zu sichern, wurde in der Antarktis die World Park Base errichtet, die von 1987 bis 1991 in Betrieb war. Bereits 1983 war ein Weltpark Antarktis gefordert worden.
Nach sechs Jahren Verhandlungen unterzeichnete Japan als letzter von 26 Vertragsstaaten das Protokoll des Umweltschutzabkommens, welches somit ab 14. Januar 1998 in Kraft trat.
In einem Patentstreit mit dem Neurobiologen Oliver Brüstle erwirkte Greenpeace 2011 durch den Europäischen Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg ein Urteil, das das Patentieren menschlicher embryonaler Stammzellen verbietet. Der Bonner Forscher hatte 1997 ein Patent für nervliche Vorläuferzellen angemeldet, die er aus menschlichen embryonalen Stammzellen herstellte. Greenpeace machte ethische Bedenken gegen die Patente des Wissenschaftlers geltend. Das Bundespatentamt erklärte das Patent daraufhin für nichtig und verwies auf den Schutz der Menschenwürde und des menschlichen Lebens. Als nächste Instanz war der Bundesgerichtshof mit der Sache befasst. Dieser verwies die Frage an den EuGH.
Organisation
Greenpeace Deutschland
Die Handlungsfähigkeit der Organisation beruht im Wesentlichen auf den rund 632.000 Fördermitgliedern (Stand: 2021; nach 608.000 im Jahr 2019), die Greenpeace zu einer der größten deutschen Umweltschutzorganisationen machen. Als finanzstärkstes Länderbüro schultert Greenpeace Deutschland schon seit Jahren den Großteil der Ausgaben für internationale Greenpeace-Kampagnen. Ende Oktober 2013 bezog das Länderbüro Deutschland seinen neuen Sitz in der Hamburger HafenCity.
Organisation
Greenpeace Deutschland ist ein als gemeinnützig anerkannter, eingetragener Verein. Die Mitgliederversammlung, das oberste Beschlussgremium, besteht laut Satzung aus 40 stimmberechtigten Mitgliedern – zusammengesetzt aus 10 Mitarbeitern von Greenpeace Deutschland, 10 Mitarbeitern von ausländischen Greenpeace-Büros, 10 Personen aus dem öffentlichen Leben sowie 10 ehrenamtlichen Mitgliedern. Diese Begrenzung auf 40 Mitglieder hat Greenpeace den Vorwurf eingebracht, eine undemokratische Organisationsstruktur zu haben. Die Organisation verweist hingegen auf die höhere Effizienz, Schnelligkeit und Unabhängigkeit dieser Organisationsform. Bei basisdemokratischen Mitgliederversammlungen sei meistens nur ein Bruchteil der Wahlberechtigten anwesend, was es Splittergruppen oder Industrielobbyisten leicht machen würde, ihre Stimmmacht zu missbrauchen.
Zu den Geschäftsführern von Greenpeace Deutschland zählten Gerd Leipold (1981 bis 1987) Thilo Bode (1989 bis 1995), Birgit Radow (1995 bis 1998), Brigitte Behrens (1999 bis 2016), Sweelin Heuss (2016 bis 2019), Martin Kaiser (seit 2016) und Roland Hipp (seit 2016) sowie Sophie Lampl (seit 2022), Nina Treu und Nina Schoenian (seit 2023).
Finanzierung
2021 erhielt Greenpeace Deutschland Spenden in der Höhe von ca. 80,6 Mio. €. Im Vergleich zu den Vorjahren wurden ca. 71,0 Mio. € (2019), 55,5 Mio. € (2015) bzw. 47,7 Mio. € (2010) eingenommen.
Für Kampagnen wurden 2021 mit 51,7 Mio. € lediglich 64 % des Budgets ausgegeben. Der Rest wurde in mittelbare und unmittelbare Spendenwerbung sowie die Verwaltung investiert, wobei alleine die unmittelbare Spendenwerbung (Werbekosten, Betreuung der Fördernden) ca. 9,5 % der Einnahmen kostete.
Der damalige deutsche Kommunikationsdirektor der Umweltschutzorganisation Michael Pauli bestätigte 2014, dass die Organisation insgesamt rund 90 Millionen Euro für Fundraising ausgebe – „um 300 Millionen Euro Einnahmen weltweit zu erhalten. Wir sehen das positiv.“
Geschichte
Die erste Aktion von Greenpeace in Deutschland fand am 13. Oktober 1980 statt, als ein Schiff der Firma Kronos Titan an der Verklappung von Dünnsäure in die Nordsee gehindert wurde. Greenpeace Deutschland wurde als Verein am 17. November 1980 in Bielefeld von William Parkinson, Gerhard Dunkel, Dirk Rehrmann u. a. gegründet. Ende Januar 1981 entschied eine Gruppe um David McTaggart, das deutsche Büro nach Hamburg zu verlegen, ohne Rücksprache mit den Bielefelder Aktiven und Vorstandsmitgliedern zu halten.
Die Organisation erlangte in Deutschland eine große Bekanntheit mit ihren Protesten gegen die Dünnsäureverklappung und gegen die Luftverschmutzung mit Dioxinen durch den Chemiekonzern Boehringer. Greenpeace erreichte, dass Boehringer sein Werk 1984 in Hamburg schließen musste. Ebenso gaben die Hersteller von Titandioxid ihr Einverständnis, die Dünnsäureverklappung zu beenden.
1983 starte Greenpeace Deutschland unter der Führung von Gerd Leipold medienwirksam eine Heißluftballonfahrt über die Mauer der damaligen Zonengrenze in DDR nach Ost-Berlin, wobei in einer Höhe von maximal 70 Metern vom Ballon gut lesbar in mehreren Sprachen auf einem Banner stand: "Frieden" und "Atomteststopp".
1995 konnte Greenpeace den Konzern Shell dazu bewegen, auf die Versenkung des schwimmenden Öltanks Brent Spar im Atlantik zu verzichten und dass im Jahr darauf international ein Versenkungsverbot für Ölplattformen im Nordatlantik festgeschrieben wurde.
Greenpeace hat im Laufe dieser Kampagne eine stark überhöhte Angabe zur Ölmenge an Bord des Tanks gemacht und dies später der Öffentlichkeit gegenüber auf einen Messfehler zurückgeführt.
Greenpeace-Jugend
Seit 1997 gibt es Jugendaktionsgruppen (JAG) der Greenpeace-Jugend (Alter 14 bis 19 Jahre). In rund 40 Städten sind über 700 Jugendliche auf diese Art und Weise aktiv und richten sich mit ihren Aktionen auch an die Öffentlichkeit und die Politik. Themenschwerpunkte sind dieselben wie die der Greenpeace-Mutterorganisation.
Für Kinder zwischen 10 und 14 Jahren gibt es bei Greenpeace die Möglichkeit so genannte Greenteams zu gründen. Hier können sich die Kinder – mit ein wenig Hilfe von Erwachsenen – auch schon für den Umweltschutz engagieren und eigene Aktionen gestalten.
Ozeaneum Stralsund
Greenpeace arbeitet mit der Stralsunder Stiftung Deutsches Meeresmuseum zusammen. Die Organisation gestaltet eine Ausstellung im Ozeaneum Stralsund mit, in der unter dem Titel 1:1 Riesen der Meere in einer 18 Meter hohen Halle lebensgroße Modelle verschiedener Walarten präsentiert werden.
Weitere Projekte
Ein weiteres wichtiges Standbein sind die über 100 Ortsgruppen mit ihren rund 10.000 Ehrenamtlichen.
Neben dem Verein gibt es noch andere Organisationen mit dem Namen Greenpeace in Deutschland:
Die Greenpeace Stiftung ist verbunden mit dem Bergwaldprojekt, das 1987 durch Greenpeace Schweiz gegründet wurde.
Außerdem gibt es das Greenpeace-Magazin, das von der Greenpeace Media GmbH herausgegeben wird und neben Umweltschutz ebenso soziale und wirtschaftliche Themen behandelt. Die Redaktion ist unabhängig vom Verein Greenpeace.
Im Laufe der Jahre versuchte die Organisation verstärkt, Alternativen aufzuzeigen und Antworten auf Umweltfragen vorzustellen:
Entgegen allen Bedenken von Papierherstellern und Zeitschriftenverlagen gelang es Greenpeace, die Entwicklung von chlorfrei gebleichtem Papier voranzutreiben. Am 1. März 1991 zeigten Aktivisten vor dem Spiegel-Verlagsgebäude anhand eines „Das Plagiat“ getauften Nachdrucks, dass man sehr wohl chlorfrei gebleichtes Papier herstellen kann, das hochwertig genug ist, um im Tiefdruckverfahren bedruckt zu werden.
1993 brachte Greenpeace in Zusammenarbeit mit dem Hersteller Foron und dem von Harry Rosin geleiteten Dortmunder Hygieneinstitut mit dem Greenfreeze den weltweit ersten Kühlschrank auf den Markt, der ohne Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) oder Fluorkohlenwasserstoffe (FKW) als Kühlmittel auskam. Vorher war behauptet worden, ein Ersatz dieser Stoffe zu günstigen Preisen sei nicht möglich.
Greenpeace stellte 1996 einen Pkw vor, den Twingo Smile, der bei 90 km/h weniger als drei Liter Benzin auf 100 Kilometer verbraucht. Mit einem Kredit von Greenpeace baute dafür die Schweizer Firma Wenko einen serienmäßigen Renault Twingo mit Benzinmotor so um, dass der Kraftstoffverbrauch halbiert wurde. Die Konzeptstudie traf bei den Fahrzeugherstellern und Verbrauchern aber auf geringes Interesse.
Auf Initiative des Greenpeace e. V. wurde 1999 die Genossenschaft Greenpeace Energy (heute Green Planet Energy) als finanziell und organisatorisch von Greenpeace e. V. unabhängiges Energieversorgungsunternehmen gegründet. Green Planet Energy umfasst etwa 28.000 Mitglieder und verkauft Strom aus regenerativen Stromquellen an etwa 202.000 Kunden (Stand: Juni 2021).
Gemeinnützigkeit
Einige Kritiker stellen deren steuerliche Begünstigung in Frage, in den USA etwa die von ExxonMobil finanzierte und ausschließlich zur Beobachtung von Greenpeace gegründete Public Interest Watch (PIW). Im März 2006 bestätigte die Steuerbehörde IRS, dass Greenpeace USA zu Recht die Steuervorteile einer Non-Profit-Organisation besitzt.
In Deutschland gab es mehrere Versuche, die Gemeinnützigkeit abzuerkennen, die jedoch bislang nicht erfolgreich waren. Im Dezember 2004 untersuchte das Finanzamt Hamburg, ob Greenpeace gegen Gesetze verstoßen hatte und dem Verein deshalb der Status der Gemeinnützigkeit für 2003 aberkannt werden sollte. 2004 und 2005 forderten Unternehmer und Politiker aus Sachsen-Anhalt und Bayern den Entzug der Steuerprivilegien und die Aberkennung der Gemeinnützigkeit. Der damalige Finanzminister Sachsen-Anhalts Karl-Heinz Paqué begründete seine Forderung damit, dass Greenpeace Gesetzesverstöße wie Feldzerstörungen oder Castor-Blockaden begangen habe bzw. solche rechtswidrigen Aktionen billige.
1989 wurde in Kanada das Steuerrecht für gemeinnützige Organisationen geändert. Greenpeace und andere Organisationen verloren dadurch den Status der Gemeinnützigkeit.
Am 6. Mai 2011 wurde die Berufung im Zuge eines abgewiesenen Antrags von Greenpeace of New Zealand Inc. auf Gemeinnützigkeit durch den High Court of New Zealand abgelehnt, da die Organisation durch ihr Lobbying zu politisch orientiert sei. In diesem Zusammenhang wurden auch potentiell illegale Aktivitäten durch Greenpeace als Begründung genannt.
Greenpeace weltweit
Greenpeace arbeitet mit 27 nationalen und 15 regionalen Büros. Die Arbeiten der einzelnen Greenpeace-Sektionen sind untereinander koordiniert, die internationalen Kampagnen und Arbeitsgebiete werden unter Federführung von Greenpeace International entwickelt und für alle Länderbüros vorgeschlagen. Vom 1. August 2019 bis zum 28. Februar 2022 war Jennifer Morgan Geschäftsführerin von Greenpeace International. Chair of the Board von Greenpeace International ist seit April 2017 Ayesha Imam.
Die internationale Greenpeace-Organisation ist die Stiftung Greenpeace Council, eine Stiftung nach niederländischem Recht mit Sitz in Amsterdam. Sie ist unter der Nummer 41200415 der Handelskammer Amsterdam registriert. Die Greenpeace-Organisationen sind in den verschiedenen Staaten in unterschiedlichen Rechtsformen organisiert: In Deutschland als eingetragener Verein, in der Schweiz als eine Stiftung. Der Schweizer Ableger von Greenpeace wurde im November 1984 in Zürich gegründet. 2019 erhielt Greenpeace Schweiz Spenden in der Höhe von rund CHF 24,2 Mio. In Österreich hatten Umweltschützer 1982 die Vereinigung „Freunde von Greenpeace“ gegründet.
Greenpeace-Schiffe
Seit Greenpeace gegründet wurde, spielen Hochseeschiffe in den jeweiligen Kampagnen eine sehr große Rolle.
1978 stellte Greenpeace die Rainbow Warrior in Dienst, einen 40 Meter langen früheren Fisch-Trawler. Einer der ersten Einsätze der Rainbow Warrior wandte sich gegen isländischen Walfang. Zwischen 1978 und 1985 engagierten sich Mitglieder der Mannschaft direkt bei friedlichen Aktionen gegen das Abladen von giftigem und radioaktivem Müll in Ozeanen, gegen die Jagd auf die Kegelrobbe auf den Orkney-Inseln und gegen Atomtests im Pazifik.
1985 sollte Rainbow Warrior in den Gewässern um das Mururoa-Atoll demonstrieren, wo Frankreich gerade Atomtests durchführte. Bei der Versenkung des Schiffes (siehe Versenkung der Rainbow Warrior) mit zwei Bomben durch den französischen Geheimdienst kam auch der Fotograf Fernando Pereira ums Leben.
1989 gab Greenpeace den Auftrag, ein Ersatzschiff zu beschaffen, das Rainbow Warrior genannt wurde. Es war das Flaggschiff der Greenpeace-Flotte, bis es am 16. August 2011 in Singapur der NGO Friendship übergeben wurde.
Am 4. Juli 2011 setzte sich durch den Stapellauf der Rainbow Warrior die Namenstradition fort. Das neue Schiff hat Platz für 32 Besatzungsmitglieder und einen Helipad. Vornehmlich als Segler konzipiert, hat es dennoch einen effizienten Dieselmotor mit Katalysator, was bei Schiffsmotoren unüblich ist. Der Preis für das werftneue Schiff betrug 23 Millionen Euro.
Weitere Schiffe, die sich im Besitz von Greenpeace befinden, sind die Sirius (seit 1981), die Arctic Sunrise (seit 1996), die Esperanza (seit 2002) und die Beluga II (seit 2004).
1995 erregte das gecharterte Greenpeace-Schiff Altair erhebliches Aufsehen in den Medien, erst als es am 30. April die Tank- und Verladeplattform Brent Spar in der Nordsee besetzte, um deren Versenkung im Atlantik zu verhindern, und dann ein zweites Mal, als es am 25. Oktober im italienischen Brindisi von der Besatzung einer französischen Fregatte geentert und beschädigt wurde.
Am 19. September 2013 wurde die Arctic Sunrise von Beamten des russischen Grenzschutzes gestürmt. Greenpeace-Aktivisten hatten am Vortag versucht, die Ölplattform Priraslomnaja des russischen Staatskonzerns Gazprom in der Petschorasee zu besetzen.
Rezeption
Lob
Greenpeace wurde bei den Save The World Awards 2009, die in Zwentendorf/NÖ überreicht wurden, ein Preis für sein weltweites Engagement zum Schutz des Weltklimas verliehen.
Frank Zelko sieht vor dem Hintergrund eines auf Eigeninteressen ausgerichteten Wirtschaftssystems die globale Bürgerpolitik von Greenpeace, das heißt die Erzeugung ökologischer Sensibilität durch gewaltfreie direkte Aktion als das bedeutendste Vermächtnis der Organisation.
Harald Lesch sieht die Arbeit von Greenpeace gerade auch im Hinblick auf die Folgen der Klimaerwärmung als wichtiges Korrektiv zur Haltung von Politik und Industrie, die oftmals von Blockade und Profitinteressen geprägt ist. Die Aktionen von Greenpeace können Menschen ermutigen, sich für Umwelt- und Klimabelange auch auf politischer Ebene einzusetzen. Die spektakulären Aktionen, mit denen Umweltverbrechen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, haben gemäß Lesch zu nationalen und internationalen Umweltschutzbestimmungen geführt. Als Beispiel führt er das Versenkungsverbot für Ölplattformen im Nordostatlantik 1998 oder das 2001 erlassene Verbot des Schiffsanstrichs TBT an. Er hebt den lösungsorientierten Ansatz der Organisation hervor, indem er auf das von Greenpeace entwickelte Energiekonzept Plan oder den klimafreundlichen Kühlschrank Greenfreeze verweist.
Klaus Moegling stellt zusammenfassend fest, dass Greenpeace bei aller Kritik "ein wichtiger Faktor im Kampf gegen Umweltverbrechen von Konzernen und Staaten" war. Es ist der Organisation zu verdanken, dass der kommerzielle Walfang weitgehend zum Stillstand gekommen ist, Atomwaffentests deutlich reduziert wurden wie auch die Öffentlichmachung der Praxis, Textilchemikalien in Gewässer ärmerer Staaten einzuleiten. Weiter geht er davon aus, dass die "direkte und wirksame Aktivitätskultur" von Greenpeace Aktionsformen von Bewegungen wie Extinction Rebellion oder Foodwatch beeinflusst haben.
Angela Merkel
Am 30. August 2021 hielt Angela Merkel in Stralsund die zentrale Rede auf der Feier zum 50. Jubiläum von Greenpeace International.
Kritik
Undemokratische Strukturen
Undemokratische Strukturen werden der Organisation immer wieder vorgeworfen. Im Gegensatz zu den meisten anderen großen Umweltorganisationen haben die Basis-Aktivisten und Förderer bei Greenpeace nur wenige bzw. keine Mitwirkungsrechte, so spricht der Spiegel von einem „nicht eben demokratische[n] Verbandsaufbau“. Bereits in den 1980er-Jahren spaltete sich die Organisation Robin Wood „unter anderem aus Protest gegen den als undemokratisch empfundenen ‚Öko-Multi‘ Greenpeace“ ab. Greenpeace argumentiert, dass eine international handlungsfähige Organisation nicht jede einzelne Entscheidung basisdemokratisch treffen könne, und verweist auf die höhere Effizienz, Schnelligkeit und Unabhängigkeit seiner Organisationsform.
Unwissenschaftlichkeit
Patrick Moore, ehemaliger Präsident und Mitgründer von Greenpeace International, hat sich inzwischen von der Organisation abgewandt. Er wirft der Organisation ideologische Verblendung vor, die in einer rigorosen Protesthaltung gipfelte und bei der sich die Organisation weigere, Konsens in Bezug auf Ökologie zu schaffen. So sagte der heute für die Forstwirtschaft arbeitende Moore in einem Interview:
Zelko kommt zum Ergebnis, dass Greenpeace allenfalls vorgeworfen werden kann, sich auf wissenschaftliche Studien zu beziehen, die den eigenen Interessen am besten dienen. Dies gelte gleichermaßen für den Kritiker Patrick Moore.
Ein konkretes Beispiel für den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit ist die Ablehnung des Goldenen Reises. Moore warf der Organisation im Zusammenhang mit deren Lobby-Tätigkeit gegen die Zulassung von Goldenem Reis eine Mitschuld am Tod von Kindern in Entwicklungsstaaten und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor.
Laut Ingo Potrykus, dem Mitbegründer des Projekts Goldener Reis hätte Greenpeace Probleme, wenn die Menschen erkennen würden, dass die Angst vor dem genetisch veränderten Reis unbegründet sei und dass die Technologie zur Rettung von Menschenleben eingesetzt werden könnte.
Paul Watson war 1972 eines der ersten Mitglieder von Greenpeace und hatte die Organisation schon vor deren offizieller Gründung unterstützt. 1977 verließ Watson Greenpeace im Streit und gründete die Sea Shepherd Conservation Society. Ihm war die Organisation Greenpeace zu passiv und zu ineffizient.
Nach seinen Worten hat sich Greenpeace zur größten „Wohlfühlorganisation“ der Welt entwickelt. Er sagt, dass Menschen Greenpeace beitreten, um sich gut zu fühlen. Sie wollen sich als Teil der Lösung fühlen und nicht als Teil des Problems. Nach der Meinung von Paul Watson ist Greenpeace ein Geschäft. Dieses Geschäft verkaufe den Menschen ein gutes Gewissen.
Im Januar 2016 kritisierte Watson den Arktis-Experten Jon Burgwald und forderte dessen Rücktritt, nachdem dieser in einem Interview die indigene Robbenjagd als „ethisch“ und „nachhaltig“ bezeichnete.
Finanzen
Im Juni 2014 wurde bekannt, dass durch Devisentermingeschäfte eines Mitarbeiters der Greenpeace-Zentrale in Amsterdam zur Absicherung von Währungsschwankungen Verluste in Höhe von insgesamt 3,8 Millionen Euro entstanden. Das Geld sei ursprünglich für den Aufbau neuer Staatenorganisationen gedacht gewesen, der Verlust sei laut einem Greenpeace-Sprecher „gravierend, aber nicht existenzbedrohend“, aktuelle Kampagnen seien nicht gefährdet. Greenpeace International hat nach eigenen Angaben allein 2012 rund 270 Millionen Euro eingenommen, die Gelder stammten auch hier größtenteils aus Spenden.
Vorsatz und persönliche Motive konnten laut Greenpeace ausgeschlossen werden. Der mittlerweile entlassene Finanzmitarbeiter für den internationalen Bereich hatte offenbar eine Firma damit betraut, Organisations-Gelder anzulegen. Dass Makler auf dem Finanzspekulationsmarkt, mit fortwährenden globalen Schäden, mit Greenpeace-Geldern „zocken“, wird kritisiert und stattdessen mehr Geldanlage in ökologische Unternehmen gefordert. Nach dem Bekanntwerden der Millionenverluste hat Greenpeace in Österreich rund 200 und in Deutschland rund 700 Förderer verloren. Ein Sprecher von Greenpeace Österreich sagte, es habe gerade in dieser schwierigen Situation auch viele zusätzliche Spenden gegeben – aus Solidarität.
Kurz nach den Devisenverlusten wurde bekannt, dass Programmdirektor Pascal Husting seit 2011 bis zum Bekanntwerden des Skandals jede Woche von Luxemburg nach Amsterdam geflogen ist. Greenpeace International hat sich entschuldigt, und Pascal Husting pendelte seitdem mit dem Zug.
Für Kampagnen wurden 2019 mit 46,5 Mio. € nur 68 % der Spendeneinnahmen ausgegeben.
Aufruf der Nobelpreisträger 2016
Ende Juni 2016 unterzeichneten mehr als ein Drittel der weltweit lebenden Nobelpreisträger eine gemeinsame Erklärung, in der Greenpeace in scharfen Worten dazu aufgerufen wird, die Ablehnung der grünen Gentechnik zu überdenken.
Abwrackung der Rainbow Warrior II
Die Rainbow Warrior II wurde nach ihrem Verbleiben als Versorgungsschiff trotz Vetorechts, von welchem Greenpeace keinen Gebrauch machen wollte, in Bangladesh abgewrackt, unter sowohl für die Angestellten wie auch für die Umwelt bedenklichen Bedingungen.
"Unerwünschte Organisation" in Russland
Im Mai 2023 erklärte Russland Greenpeace zur "unerwünschten Organisation".
Gesetzesverstöße und Folgen
Sachbeschädigung und Nötigung
Im Februar 1998 wurden zwei Mitglieder von Greenpeace wegen versuchter Nötigung in Tateinheit mit Sachbeschädigung und wegen Beihilfe zur versuchten Nötigung in Tateinheit mit Sachbeschädigung verurteilt, nachdem sie im April 1996 an einer Gleisblockade teilgenommen hatten.
Protest gegen das US-Raketen-Abwehr-Programm in Los Angeles
Am 14. Juli 2001 drangen 15 Greenpeace Mitglieder, darunter 2 Deutsche, friedlich von der Meeresseite aus schwimmend in die Sicherheitszone des kalifornischen Raketentestgeländes auf der Vandenberg Air Force Base in Los Angeles ein und verzögerten einen Raketenstart um etwa 40 Minuten. Greenpeace protestierte mit dieser Aktion gegen das auch "Star Wars" genannte Projekt der USA. Zum damaligen Zeitpunkt verstießen die US-Pläne gegen den ABM-(Anti Ballistic Missile)-Vertrag von 1972 zwischen Russland und USA, der eine gegenseitige Begrenzung der Zahl und Art von Abfangsystemen festschrieb.
Die Beteiligten wurden festgesetzt und später wegen unbefugtem Eindringen in die Sicherheitszone eines Raketentest- bzw. Militärgeländes, Verschwörung und Nichtbefolgen von Anweisungen der Küstenwache angeklagt. Während des Prozesses wurden die Anklagepunkte beibehalten, aber von der Staatsanwaltschaft auf ein minderschweres Vergehen reduziert.
Aktion UN-Klimagipfel 2009 in Kopenhagen
Im Dezember 2009 gelang es elf Greenpeace-Aktivisten, sich kurz vor Ende des UN-Klimagipfels in Kopenhagen in ein Gala-Essen von Staatsoberhäuptern aus aller Welt einzuschleusen und ein Transparent mit der Beschriftung 'Die Politiker reden – die Führer handeln' zu entrollen. Ein Greenpeace-Aktivist blieb als «Staatsoberhaupt im Smoking» gemeinsam mit einer Frau, die ein rotes Abendkleid trug, von diversen Sicherheitskontrollen im Kopenhagener Schloss Christiansborg unentdeckt. Die Aktivisten wurden in Dänemark wegen Hausfriedensbruch, Amtsanmaßung und Fälschung öffentlicher Urkunden angeklagt. (vgl. Gamillscheg 2011).
Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung KKW Neckarwestheim
2012 wurden 59 Mitglieder von Greenpeace wegen Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung verurteilt, nachdem sie 2011 in das Gelände der beiden Kernkraftwerke in Neckarwestheim eingedrungen waren.
Beschädigung von UNESCO-Weltkulturerbe
Im Dezember 2014 platzierten Greenpeace-Aktivisten während der Weltklimakonferenz in Lima Stofftücher in unmittelbarer Nähe der Kolibri-Figur der Nazca-Linien, welche den Schriftzug „Time for change! The future is renewable!“ sowie das Greenpeace-Logo darstellten. Die peruanische Regierung verurteilte die Aktion an der empfindlichen archäologischen Stätte und ersuchte um die Festnahme der 20 Beteiligten, was jedoch von einem lokalen Gericht zurückgewiesen wurde. Nach Ana María Cogorno, der Vorsitzenden der Nazcalinien-Schutzorganisation Asociación María Reiche, sind die durch Greenpeace am UNESCO-Weltkulturerbe verursachten Schäden irreparabel.
Britische Unterhauswahl 2015
Im April 2017 wurde in Großbritannien ein Bußgeld von 30.000 britischen Pfund (ca. 36.000 €) gegen Greenpeace verhängt, weil die Organisation sich vor der Unterhauswahl 2015 bewusst nicht als „drittbeteiligte Kampagnenorganisation“ registriert hatte. Damit ist Greenpeace die erste Organisation, die nach dem 2014 in Kraft getretenen britischen Lobbygesetz (Transparency of Lobbying, Non-Party Campaigning and Trade Union Administration Act) sanktioniert wurde, welches die Einflussnahme von Dritten auf den Wahlausgang beschränken soll.
Gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr
Im Juni 2018 hatten Greenpeace-Aktivisten 3500 Liter gelbe Farbe im Kreisverkehr um die Siegessäule in Berlin verteilt, um von oben betrachtet eine Sonne als „strahlendes Symbol für die Energiewende“ entstehen zu lassen. Die Aktion zog den Sturz eines Motorradfahrers und einer Radfahrerin nach sich, zudem sei es zu Auffahrunfällen mit Sachschaden gekommen. Durchsuchungen des Hauptsitzes, eines Aktionsmittellagers in Berlin, der Greenpeace Media GmbH in Hamburg sowie der Wohnungen mehrerer Aktivisten wie in Halle und Bamberg sollen gefolgt sein. Eine fünfstellige Rechnung der Berliner Stadtreinigung wurde erhoben. Für die Reinigung der Fahrbahn wurden 135.000 Liter Wasser aufgebraucht, welches anschließend von einer Spezialfirma entsorgt werden musste. Greenpeace-Sprecher Martin Bussau bezeichnete die Vorwürfe als „nahezu absurd“ und vermutete, dass versucht werde, die Organisation einzuschüchtern.
Sprühaktion am Flughafen Charles de Gaulle
Im März 2021 drangen neun Aktivisten von Greenpeace in das Gelände des Pariser Flughafens Charles de Gaulle ein und haben dort eine Boeing 777-200 der Air France mit grüner Farbe besprüht, um „so Greenwashing in der Branche an[zu]prangern.“ Der französische Transportminister sprach von einem gravierenden Sicherheitsvorfall. Im Juni 2021 wurden die Beteiligten wegen Sachbeschädigung und Störung von Flughafeneinrichtungen angeklagt.
Diebstahl von VW-Autoschlüsseln
Auf dem Gelände des Seehafens Emden entwendeten Greenpeace-Aktivisten im Mai 2021 die Autoschlüssel von über 1.000 zu verladenden Neuwagen der Volkswagen AG, um gegen deren Unternehmenspolitik zu demonstrieren. Die Polizei stellte die Schlüssel auf der Zugspitze sicher. Verfolgt wird der „strafrechtliche Vorwurf des Hausfriedensbruchs und des besonders schweren Falls des Diebstahls“.
Körperverletzungen bei Fußball-EM-Spiel 2021
Kurz vor Anpfiff des Fußball-Europameisterschaft-Spiels Frankreich gegen Deutschland in München am 15. Juni 2021 wollte ein Aktivist trotz Flugverbots über der Allianz Arena einen großen, gelben Ball mit einer Protestaufschrift über dem Stadion abwerfen. Doch der Gleitschirmflieger stürzte mit seinem elektrisch angetriebenen Motorschirm ab und musste auf dem Spielfeld notlanden. Dabei traf er verschiedene technische Einrichtungen und verletzte zwei Personen, die beide mit Kopfverletzungen in Münchner Krankenhäuser gebracht wurden. Der Pilot, ein in Rosenheim arbeitender Chirurg aus Pforzheim, wurde vorläufig festgenommen. Die Polizei prüft mehrere strafrechtlich relevante Delikte wie gefährliche Körperverletzung, Hausfriedensbruch sowie Delikte nach dem Luftverkehrsgesetz. Die UEFA sprach von einer rücksichtslosen und gefährlichen Aktion, der DFB verurteilte die Aktion als nicht hinnehmbar. Der Grünen-Fraktionsvize Konstantin von Notz bezeichnete dies als „wichtiges Thema, aber krass idiotische und unverantwortliche Aktion“. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann nannte den Piloten einen unverantwortlichen Abenteurer, „der seine Flugkünste selbst maßlos überschätzt hat und dadurch Leib und Leben von Zuschauern im Stadion ernsthaft gefährdet hat“. Der Journalist Friedrich Küppersbusch kommentierte, die Aktion sei „der dümmste Absprung über einem Stadion seit Jürgen W. Möllemann und das schlimmste EM-Eigentor von allen“ gewesen. Laut Greenpeace hatte die Aktion nie die Absicht, das Spiel zu stören oder Menschen zu verletzen.
Newsletter und Zeitschrift
Der Verein versendet Newsletter zu aktuellen Kampagnen und Aktionen und viermal pro Jahr kostenfrei die Zeitschrift Greenpeace Nachrichten () an seine Förderer.
Literatur
Ivar A. Aune, Nikolaus Graf Praschma: Greenpeace: Umweltschutz ohne Gewähr (Neumann-Neudamm, Melsungen 1996), ISBN 3-7888-0696-6.
Michael Brown, John May: The Greenpeace Story (1989; London and New York: Dorling Kindersley, Inc., 1991), ISBN 1-879431-02-5.
Robert Hunter, Rex Weyler: Rettet die Wale. Die Fahrten von Greenpeace. 1. Auflage. Kübler Verlag, Lampertheim 1979, ISBN 3-921265-20-7.
Robert Hunter: Warriors of the Rainbow: A Chronicle of the Greenpeace Movement (New York: Holt, Rinehart and Winston, 1979), ISBN 0-03-043736-9.
Michael King: Death of the Rainbow Warrior (Penguin Books, 1986), ISBN 0-14-009738-4.
David McTaggart, Robert Hunter: Greenpeace III: Journey into the Bomb (London: William Collins Sons & Co., 1978), ISBN 0-688-03385-7.
David Robie: Eyes of Fire: The Last Voyage of the Rainbow Warrior (Philadelphia: New Society Press, 1987), ISBN 0-86571-114-3.
Frank Zelko: Greenpeace. Von der Hippiebewegung zum Ökokonzern. Aus dem Englischen von Birgit Brandau, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2014, 358 S., ISBN 978-3-525-31712-9.
Frank Zelko: Scaling Greenpeace: From Local Activism to Global Governance, in: Historical Social Research 42 (2017) 2: 318–342. DOI 10.12759/hsr.42.2017.2.318-342.
Dokumentarfilme
Jagdzeit – Den Walfängern auf der Spur (2009)
Greenpeace: From hippies to lobbyists. Al Jazeera World, Juni 2012 (Video, englisch, 47 Min.)
Die Greenpeace-Story (Video, deutsch, 40 Minuten)
How to change the world (2015)
Weblinks
Greenpeace International (englisch)
Greenpeace Deutschland
Greenpeace Österreich
Greenpeace Schweiz
Thomas Deichmann: Gemeinnützig oder gemeingefährlich? Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 20, Mittwoch, 24. Januar 2007
Einzelnachweise
Umweltstiftung
Organisation (Klimapolitik)
Internationale Organisation (Amsterdam)
Organisation mit Österreichischem Spendengütesiegel
Konrad-Lorenz-Preisträger
Non-Profit-Organisation
Gegründet 1971
Organisation (Vancouver)
Eingetragen im Lobbyregister des Deutschen Bundestags
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Q81307
| 127.84197 |
11909
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https://de.wikipedia.org/wiki/Saxophon
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Saxophon
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Das Saxophon oder Saxofon ist ein Musikinstrument aus der Gruppe der Einfachrohrblattinstrumente. Der Korpus dieses Blasinstruments ist ein relativ weites (weitmensuriertes), stark konisches (sich zum Ende hin deutlich weitendes) Schallrohr von 64 bis 293 cm Länge. Damit unterscheiden sich alle Bauweisen des Saxophons etwa von der zylindrischen Klarinette. Das Klappensystem entspricht dem der Oboe. Das Saxophon gehört der Definition nach, anders als sein metallischer Korpus (meist aus versilbertem, vergoldetem oder lackiertem Messing) vermuten lässt, zur Familie der Holzblasinstrumente, da sein Ton mit Hilfe eines aufschlagenden Rohrblatts am Mundstück erzeugt wird.
Geschichte und Allgemeines
Das Instrument wurde als „Saxophon“ von dem Belgier Adolphe Sax (eigentlich Antoine Joseph Sax) im Jahr 1840 erfunden und am 21. März 1846 unter der Nummer 3226 in Frankreich patentiert. Im Patentantrag begründet Sax seine Erfindung mit dem Fehlen gut klingender Holzblasinstrumente der tiefen Lage und wollte mit der Erfindung des Saxophons ein Holzblasinstrument kreieren, das klanglich zwischen dem „wärmend-biegsamen“ Klang der Klarinette und dem eher durchdringenden, näselnden Sound der Oboe liegt.
Das erste von Adolphe Sax gebaute Saxophon war ein Bassinstrument in C. Er konzipierte das neue Instrument jedoch von vornherein für die Stimmlagen von Sopran bis Subkontrabass, abwechselnd im Quart-/Quintabstand. Dabei sah er die C/F-Stimmung für den Gebrauch im Sinfonieorchester vor, während die B/Es-Stimmung für die Militärmusik gedacht war. Die C- und F-Instrumente werden heute kaum noch hergestellt und hatten nie die Bedeutung, die sie nach ihrem Erfinder hätten haben sollen. Einzig das C-Melody-Saxophon wurde bis in die 1950er-Jahre gebaut und im Jazz, vor allem im Swing, viel verwendet.
1929 übernahm Henri Selmer die Pariser Werkstatt von Adolphe Sax und wurde zum offiziellen Inhaber von dessen Patentrechten. 2010 feierte Henri Selmer Paris das 125-jährige Firmenjubiläum. Saxophone von Henri Selmer Paris, besonders das Mark VI, haben mittlerweile Kultstatus und gehören zu den handwerklich herausragenden Produkten.
Erst längere Zeit nach seiner Erfindung begann schließlich mit dem Aufkommen des Jazz in New Orleans der eigentliche Siegeszug dieses Instruments, mit seinem sehr variablen Klang und großen dynamischen Umfang. Alfred Baresel nannte es 1929 „das wichtigste Melodie-Instrument des Jazz“.
Seiner Historie folgend ist das Saxophon also nicht mit dem Jazz entstanden bzw. wurde gar nicht hierfür entworfen, sondern war eigentlich für die klassische „ernsthafte“ Konzertmusik vorgesehen, in der es sich allerdings bis heute nie (zumindest nicht ansatzweise wie im Jazz) behaupten konnte.
Entgegen der landläufigen Meinung ist das Saxophon dennoch bei weitem kein Instrument, das nur im Jazz zu Gebrauch kommt. Tatsächlich werden Saxophone seit dem 20. Jahrhundert in unzähligen Musikgenres verwendet, einschließlich Pop, Rock ’n’ Roll, elektronischer Musik, aber auch in serieller Musik sowie zahlreichen weiteren Genres. Auch bei Konzert- und Tanzmusik ist es eines der beliebtesten Soloinstrumente, und viele bekannte Saxophon-Solisten haben ihre eigenen Bands oder Combos gegründet.
Im Deutschen Reich wurde das Saxophon zur Zeit des Nationalsozialismus und teils bereits zuvor als Instrument der Entarteten Musik bzw. Negermusik bekämpft. So forderte die Deutsche Tonkünstler-Zeitung bereits 1929 ein Verbot des Instruments, das mit dem sukzessiven Verbot der Jazzmusik, dem Haupteinsatzgebiet des Saxophons, ab 1933 großteils entstand. Jedoch wandten sich dadurch in der Existenz bedrohte Hersteller an das Reichswirtschaftsministerium, das auf Anfrage vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda die Auskunft erhielt, dass „das Saxofon an der Negermusik völlig unschuldig sei“, da die „Erfindung des Adolf Sax […] hauptsächlich in der Militärmusik gebraucht [werde]. Wie mit allen anderen Instrumenten könne man auch mit dem Saxofon gute Musik machen.“ Die Deutsche Kultur-Wacht schrieb 1933: „Wenn es richtig gespielt wird, ohne die bisher üblichen Mätzchen (Glissando usw.), erweist es sich als ein wertvolles Hilfsmittel der Tanzmusik.“ So kam das Saxophon sowohl in der Tanz-, als auch in der Militärmusik weiter zum Einsatz. Die Musikkorps der Deutschen Luftwaffe enthielten ab 1940 einen fünf Instrumente umfassenden Saxophon-Satz. Hans Hinkel erneuerte die Meinung des Propagandaministeriums 1942 erneut, indem er feststellte, dass das Saxophon nur „fälschlich als Negerinstrument“ bezeichnet wird. Zur selben Zeit lobte auch der Referent für Musik im Reichsluftfahrtministerium die Bereicherung des Orchesters „um eine typische Klangfarbe“ und die „[beträchtlichen] klanglichen Ausdrucksmöglichkeiten“.
Viele NS-Ideologen (z. B. Herbert Gerigk, Alfred Rosenberg) sahen das Saxophon wegen seines Klangs und seiner Verwendung in der Negermusik dennoch weiterhin nicht als zur „guten Musik“ fähig.
Aufbau und Bauformen
Der Ton entsteht beim Saxophon durch ein einzelnes schwingendes Rohrblatt (wie z. B. auch bei der Klarinette). Deswegen zählt das Saxophon zu den Holzblasinstrumenten und nicht, wie sich aufgrund des Korpusmaterials vermuten ließe, zu den Blechblasinstrumenten.
Das Saxophon ist in drei Einzelteile zerlegbar:
Mundstück mit Rohrblatt und Blattschraube (Ligatur)
S-Bogen
Korpus
Das Sopranino- und Soprillo- sowie manche Sopransaxophone bestehen nur noch aus Korpus und Mundstück.
Beim Spielen wird das Instrument meist an einem Tragriemen befestigt, den sich der Spieler um den Hals hängt. Für größere Instrumente (ab Baritonsaxophon und größer) sowie für kleinere Saxophonisten gibt es auch Rücken- oder Schultergurte. Diese setzen sich wegen des höheren Tragekomforts in jüngerer Zeit auch vermehrt bei Tenorsaxophonisten durch, schränken aber deren Beweglichkeit und Spieldynamik stark ein. Sopransaxophon und Sopraninosaxophon spielt man oft ohne Trageriemen. Basssaxophone und größere werden meistens im Ständer und sitzend gespielt, da sie für einen bloßen Gurt zu schwer sind.
Anders als die Klarinette überbläst das Saxophon nicht in die Duodezime, sondern (wie die Querflöte und Oboe) in die Oktave. Dies wird durch den konischen Verlauf der Schallröhre (eng am Mundstück und sehr weit am Schallbecher) verursacht. Zum Überblasen befindet sich auf der Rückseite eine Oktav- oder Überblasklappe (betätigt mit dem Daumen), die bei heute üblichen Bauformen automatisch in Abhängigkeit vom gespielten Ton eines von zwei kleinen Tonlöchern öffnet. Grifftechnisch ist das Instrument weitgehend mit der B-Klarinette und teilweise auch mit der modernen Querflöte verwandt.
Am häufigsten in Gebrauch sind Altsaxophon und Tenorsaxophon, gefolgt von Sopransaxophonen und Baritonsaxophonen und anschließend dem Basssaxophon, während die Varianten in den extremen Lagen seltener – solistisch oder zur Bereicherung der Klangfarben in größeren Ensembles – eingesetzt werden. Das Altsaxophon ist nicht zuletzt deshalb am beliebtesten, weil es von Größe, Preis und Gewicht her auch als Anfängerinstrument für Kinder und Jugendliche geeignet ist. Hinzu kommt, dass die hohen Töne keinen allzu starken Ansatz und die tiefen nicht zu viel Luft erfordern.
Weitere Bauformen
Seit Anfang dieses Jahrtausends gibt es ein noch kleineres Saxophon als das Sopranino: Das Soprillo in B-Stimmung in gerader Bauform mit Applikatur bis zum hohen e, bei normalem Fingersatz. Eine Besonderheit ist die obere Oktavklappe, die im Mundstück eingebaut ist. Die Schallröhre des Soprillos hat eine Länge von 30 cm.
Etwa seit der gleichen Zeit gibt es auch sehr gut spielbare Kontrabass- und Subkontrabass-Saxophone. Ihre Bauform weicht etwas von der klassischen Form ab: Das Hauptrohr ist nochmals gebogen. Dadurch werden diese Instrumente kompakter. In modernisierter Bauform, Tubax genannt, werden Kontrabass- und Subkontrabasssaxophon in Deutschland von Benedikt Eppelsheim hergestellt. Beide haben kleinere Mundstücke (Bariton- bzw. Basssaxophonmundstück), was die Ansprache verbessert, und eine engere Mensur, wodurch weniger Luft verbraucht wird und längere Töne gespielt werden können.
Die Beweglichkeit und Vielseitigkeit des Saxophons führte zu zahlreichen Experimenten. Das Conn-O-Sax (um 1928) wurde in einer geraden Form mit einem bauchigen Schallstück gebaut. Die gerade Form des Saxophons verleiht dem Instrument einen oboenartigen Klang. Beim Conn-O-Sax wird durch das kugelartige Schallstück der nasale Klang eines Doppelrohrblattinstruments (Oboe, Englischhorn oder Fagott) erreicht. Die F-Stimmung dieses Instruments gleicht der des Englischhorns, liegt also einen Ganzton höher als die des Altsaxophons in Es und entspricht damit der ursprünglichen Intention von Sax, ein sinfonieorchestertaugliches Instrument zu bauen. Obwohl seine Vorteile gegenüber dem Englischhorn überwiegen, hat sich das Instrument nicht durchgesetzt.
Das Saxello ist ein Bb-Sopransaxophon mit zurückgebogenem Kopfende und nach vorne gebogener Spitze. Es wurde ab etwa 1924 von der King H. N. White Company gefertigt (King Saxello), seine Produktion wurde aber in den 1930er Jahren während der Großen Depression eingestellt. Heute jedoch werden Saxellos wieder produziert. Bekannt wurden sie u. a. durch den Jazzmusiker Rahsaan Roland Kirk, der auch auf dem ähnlichen Manzello spielte. Er spielte auch ein Stritch genanntes umgebautes Altsaxophon von Buescher.
Eine andere Entwicklung ging dahin, Saxophone aus Holz zu bauen, um einen weicheren Klang zu erzielen. Diese Formen sind allerdings instrumentenbaulich schwer herzustellen und weisen starke Intonationsprobleme auf. Das Holzsaxophon ist der Klarinette und dem ungarischen Tárogató sehr ähnlich.
In den 1950er Jahren baute die Firma Grafton eine kleine Serie von Saxophonen aus Kunststoff, die durch Ornette Coleman und Charlie Parker bekannt wurden. Das Konzept des Kunststoff-Saxophons wurde mit Erscheinen des ersten Vibratosax der thailändischen Firma Vibrato seit 2010 wiederbelebt.
Auch in Bezug auf die Technik zur Abdeckung der Tonlöcher wurden verschiedentlich neue Ansätze verfolgt. Der Regelfall ist auch heute noch die Verwendung hohler Metallklappen, die innen mit einem mit Leder überzogenen Filzpolster ausgefüllt sind. Das Material dieser Polster wurde im Zuge der technischen Entwicklung auch durch moderne Kunststoffmaterialien (Codera, TopTone oder Jim Schmidt (USA)) ersetzt, die gepolsterte Klappe ist jedoch bis heute Standard. Zur Verbesserung des Resonanzverhaltens werden bei den größeren Klappen verschiedene Auflagen aus Metall oder Kunststoff (sogenannte Resonatoren) verwendet, die auf das Polster aufgenietet, im Fall der Buescher-Snap-In-Polster auch eingeschraubt sein können. Heute wie damals werden in 99 % aller Saxophone lederbezogene Polster verbaut.
Eine Ausnahme stellte ein in der Zeit von 1938 bis 1941 vorübergehend von Selmer USA produziertes Saxophon dar: In Zusammenarbeit mit dem damals renommierten US-amerikanischen Hersteller Buescher wurde ein Saxophon ohne Klappenpolster („a padless saxophone“) entwickelt, bei dem die Dichtung der Tonlöcher durch einen Lederring am Tonloch selbst und die Verwendung absolut plangeschliffener Messingklappen erzielt wurde. Obwohl Resonanzverhalten und Ansprache des Modells als sehr gut beschrieben wurden, waren die dünnen Dichtungsringe auf die Dauer zu anfällig, sodass das System bald wieder vom Markt verschwand.
Eine besondere Form der Klappenpolster findet sich beim zuvor erwähnten Vibratosax Kunststoff-Saxophon: die Polster bestehen gänzlich aus flexiblem Silikon und sind direkt am Hebel, an einem, verhältnismäßig kleinen, im Durchmesser nur wenige Millimeter messenden Punkt, rundum beweglich aufgehängt. Die Klappen sind hierdurch vollständig selbstnivellierend, was dafür sorgt, dass die Tonlöcher stets bestmöglich geschlossen werden, und den Wartungsaufwand, verglichen mit traditionellen Tonlochabdeckungen, entsprechend merklich reduziert.
Das Taschensaxophon kann wegen seines Namens und seines Klangs als Form des Saxophons angesehen werden, nicht aber von den charakteristischen Instrumenten-Eigenschaften her. Es stellt eher ein Mittelding zwischen Klarinette und Flöte dar.
Spieltechnik
Das Mundstück wird so in den Mund genommen, dass die oberen Schneidezähne vorn auf der schrägen Fläche liegen. Beim klassischen (geschlossenen) Ansatz wird, wie bei der Klarinette, die Unterlippe leicht über die unteren Zähne nach innen gezogen und gegen das Blatt gedrückt. Im Gegensatz dazu wird beim modernen (offenen) Ansatz die Unterlippe nach außen gewölbt. Dabei dürfen die Zähne das Blatt nicht berühren. Mit diesem Ansatz wird eine härtere Klangfarbe erzielt. Damit das Blatt leichter anspricht, wird es vor dem Spielen von beiden Seiten befeuchtet.
Die linke Hand bedient vor allem die oberen Klappen des Saxophons. Der Daumen dieser Hand ruht auf der dafür vorgesehenen Daumenplatte und hält so den oberen Teil des Korpus. Bei Bedarf drückt er, um das Überblasen zu erleichtern, die direkt darüber befindliche Oktavklappe. Die rechte Hand bedient vor allem die unteren Klappen. Mit dem rechten Daumen hält der Spieler das Instrument in der Mitte, indem er es am Daumengriff leicht von sich drückt. Für Zeige-, Mittel- und Ringfinger der rechten und linken Hand hat er je eine Klappe. Der Zeigefinger der oberen Hand bedient außerdem die kleine B-Klappe und die Flageolet-Klappe. Die kleinen Finger der rechten und linken Hand bedienen zwei bzw. vier Klappen, die zur Erleichterung des Klappenwechsels mit Rollen verbunden sind.
Fingersatztabellen existieren sowohl für den normalen Ton- als auch für den Altissimo-Bereich.
Saxophonmusik
Die ersten Saxophonsätze der frühen Swingorchester Ende der 1920er Jahre bestanden aus zwei Altsaxophonen und einem Tenorsaxophon (z. B. Fletcher Henderson). Mit der Größe der Orchester nahmen auch die Saxophonsätze zu, zunächst auf vier Musiker (zwei Altsaxophone, zwei Tenorsaxophone) und dann auf fünf als Standardbesetzung der Bigbands der 1940er Jahre mit zwei Altsaxophonen, zwei Tenorsaxophonen und einem Baritonsaxophon. Diese Formation gilt seitdem als übliche Bigband-Besetzung, obwohl es immer auch abweichende Zusammensetzungen mit einem besonderen Sound gegeben hat. Beispiele dafür sind die „Four-Brothers-Besetzung“ von Woody Herman mit drei Tenor- und einem Baritonsaxophon oder der von einer Klarinette angeführte Saxophonsatz von Glenn Miller. In den 1950er-Jahren wurde der Saxophonsound von Billy Vaughn populär, bei dem die (zweistimmige) Melodieführung durch zwei Altsaxophone in der hohen Lage erfolgte. Üblicherweise sind die Saxophone in einem Saxophonsatz parallel mehrstimmig gesetzt, wobei dem ersten Altsaxophon die Melodieführung obliegt, während das Baritonsaxophon die Basslinien ausfüllt. Selten taucht auch einmal ein Bass-Saxophon in einer Orchesterbesetzung auf, allerdings in der Regel nicht als Mitglied des Saxophonsatzes, sondern als Ersatz für die Tuba oder den Kontrabass.
Sofern Saxophone in Musik-Combos eingesetzt werden, handelt es sich häufig um ein Tenorsaxophon (typisch für die Besetzung einer Rock-’n’-Roll-Combo) oder auch um ein Altsaxophon (hin und wieder in der Rockmusik). Sofern ein dreistimmiger Bläsersatz in einer Pop- oder Rockmusik-Combo Verwendung findet, besteht dieser meistens aus einem Saxophon (Alt oder Tenor) zusammen mit einer Trompete und einer Posaune. In größeren (Blas-)Musikkapellen der eher volkstümlichen Art kommen Saxophone (Alt und Tenor) oft in den Nebenstimmen (zusammen mit Tenorhörnern) vor.
Blasorchester
Die längste Tradition hat das Saxophon in den Blasorchestern. Dort hat das Saxophon eine wichtige klangliche Bedeutung. Es verbindet das Holz-Register Holzblasinstrumente mit dem Blech-Register Blechblasinstrumente. Einerseits hat das Saxophon die Beweglichkeit eines Holzblasinstrumentes, andererseits steht es der Lautstärke eines Blechblasinstrumentes kaum nach. 1844 prophezeite Berlioz dem Saxophon durch seine Eigenschaften eine große Zukunft.
Klassische Musik
In der klassischen Musik wird das Saxophon vor allem als Soloinstrument, in Saxophonformationen (vor allem dem Saxophonquartett) und in Kammermusikbesetzungen verwendet. Im Sinfonieorchester findet man es seltener. Obwohl erste Bauarten des Saxophons bereits im 19. Jahrhundert entstanden, wurde es in der klassischen Kunstmusik erst ab Beginn des 20. Jahrhunderts vermehrt eingesetzt. Als eines der wohl bekanntesten, seltenen Beispiele aus dem (späteren) 19. Jahrhundert gilt Georges Bizets L'Arlésienne. Bekannte Beispiele aus dem 20. Jahrhundert sind u. a. George Gershwins Rhapsody in Blue und ein Amerikaner in Paris, Maurice Ravels Boléro, Alban Bergs Violinkonzert und Lulu oder die Sinfonia domestica von Richard Strauss. Das Instrument wird hierbei aber in der Regel von einem der Klarinettisten als Nebeninstrument verlangt. Eines der frühesten Saxophonkonzerte ist Alexander Konstantinowitsch Glasunows Altsaxophonkonzert in Es-Dur Opus 109 (Erstaufführung 1934). Bereits früher entstanden, aber erst postum uraufgeführt ist die Rhapsodie für Altsaxophon und Orchester von Claude Debussy. Des Weiteren hatte u. a. der DDR-Sinfoniker Max Butting eine Vorliebe für den Klang des Instrumentes und verwendete es in den meisten seiner Orchesterwerke. In jüngerer Zeit setzten u. a. Luciano Berio, Pierre Boulez oder Péter Eötvös das Saxophon im Orchester ein; mittlerweile ist es in der zeitgenössischen Orchesterliteratur durchaus kein seltener Gast mehr.
Saxophon solo
Besonders in der Neuen Musik wird das Saxophon als Soloinstrument verwendet. Die Komponisten betonen in ihren Kompositionen dabei besonders die avantgardistischen Klangmöglichkeiten und die technischen Aspekte des Saxophons: Multiphonics, Flageoletttechniken, Klappengeräusche, Glissando, Tremolo und viele weitere.
Einige der Komponisten, die Werke für Saxophon solo geschrieben haben, sind: Eckart Beinke, Paul Bonneau, Pierre-Max Dubois, Anders Eliasson, Jean Françaix, Alexander Konstantinowitsch Glasunow (der allerdings ins 19. Jahrhundert gehört), Jacques Ibert, Paul Hindemith, Nicolaus A.Huber, Christian Lauba, Fabien Lévy, Jean-Marie Londeix, Ryō Noda, Martin Christoph Redel, Guido Rennert, Bertold Hummel, Fuminori Tanada, Pierre-Max Dubois, Jean Rivier, Sigfrid Karg-Elert oder Patrice Sciortino.
Dem US-amerikanischen Altsaxophonisten John-Edward Kelly ist eine Reihe von Werken für sein Instrument und Orchester gewidmet. So schrieben Anders Eliasson seine fünfsätzige Sinfonia concertante: Symphonie Nr. 3 für Alt-Saxophon und Orchester (1989; 2010 entstand eine Fassung für Sopransaxophon), Pehr Henrik Nordgren Phantasme (1992) und Jan Sandström My Assam Dragon (1996) für Kelly. Ebenfalls für Kelly entstanden das Konzert für Streicher und Altsaxophon (2003, Fassung für Sopransaxophon 2009) von Anders Eliasson und die Kammersinfonie Nr. 3 für 20 Streicher und Altsaxophon (1996/97) von Kalevi Aho, der für das Raschèr Saxophone Quartet ein Konzert für Saxophon-Quartett, Glocken und Streicher (mit dem Titel Kellot / Glocken) schrieb.
Auf Wunsch des schwedischen Saxophonisten Anders Paulsson schrieb Anders Eliasson 2009 und 2010 Fassungen seiner Sinfonia concertante: 3. Symphonie für Alt-Saxophon und Orchester und des Konzerts für Streicher und Altsaxophon für das Sopransaxophon. Ebenfalls für das Sopransaxophon schrieb Friedrich Cerha. Sein Konzert für Sopransaxophon und Orchester wurde 2004 uraufgeführt.
Seit neuestem gibt es sogar ein Konzert für Baritonsaxophon und Orchester von Georg Friedrich Haas, das am 3. Mai 2008 vom WDR-Sinfonieorchester Köln unter Leitung von Emilio Pomarico uraufgeführt wurde (Livesendung im Radio). Solist war Marcus Weiss.
Für den Saxophonisten Dieter Kraus schrieb Timo Jouko Herrmann 2009 ein auf das Gedicht Morphine von Heinrich Heine anspielendes Konzertstück mit großem Orchester, in dem der Solist beständig zwischen Sopran- und Altsaxophon wechselt.
Saxophon in Kammermusikbesetzung
In der Kammermusikbesetzung wird das Saxophon in Kombination mit anderen Soloinstrumenten verwendet. Einige der Kombinationen, die in Kompositionen Verwendung finden, kombinieren das Saxophon unter anderem mit Gesang, Geige, Flöte, Klarinette, Oboe, Fagott, Trompete, Posaune oder auch Schlagzeug. Besonders häufig wird das Saxophon als Hauptinstrument mit Begleitung verwendet. Verbreitet sind hier insbesondere die Kombination von Saxophon und Klavier, aber es existieren auch Stücke in Begleitung von Orgel, Akkordeon, Harfe, Kontrabass und Gitarre.
Saxophonformationen
Die Formationen, in denen das Saxophon in der klassischen Musik verwendet wird, sind an die Formationen der Streichinstrumente angelehnt. Insbesondere wird das Saxophon im Saxophonquartett und in größeren Saxophonensembles gespielt. Die Standardbesetzung des Saxophonquartetts ist Sopran, Alt, Tenor und Bariton. Wichtige klassische Saxophonquartette sind u. a. das Raschèr Saxophone Quartet, das Aurelia Saxophone Quartet, das Sonic.art Saxophonquartett oder das Pindakaas Saxophon Quartett. Beim Saxophonquintett findet man am häufigsten die Besetzung Sopran, Alt 1, Alt 2, Tenor und Bariton. Die Besetzung der größeren Saxophonensembles variiert je nach Ensembleleiter und Komposition. Die Standardzusammensetzung des Saxophonensembles, die Jean-Marie Londeix eingeführt hat, besteht aus einem Sopranino-, zwei Sopran-, drei Alt-, drei Tenor-, zwei Bariton- und einem Bass-Saxophon. Neben der kammermusikalischen Londeix-Besetzung mit zwölf selbständig geführten Stimmen trifft man auf Saxophonorchester-Formationen, welche (ähnlich wie beim Streichorchester oder Posaunenchor) die Stimmen mehrfach besetzen (saxophone choir), dafür aber von weniger Stimmen ausgehen, z. B. einem fünfstimmigen Satz S A A T B. Andere, insbesondere kleinere Saxophonensembles, wie zum Beispiel das Rova Saxophone Quartet, verändern je nach Komposition die Zusammenstellung der Instrumente. Auch hier werden die sechs gängigen Saxophonarten verwendet.
Jazz
Seit der Swing-Ära ist der Jazz „saxophonisiert“. Es gab und gibt kaum ein Jazzensemble, in dem das Saxophon nicht zumindest eine wichtige Solistenrolle ausfüllen würde. Am häufigsten findet man Quartettbesetzungen, also Rhythmusgruppe plus Saxophon. Davon abgeleitet muss man die Triobesetzungen sehen, bei denen das Harmonieinstrument, also Gitarre oder Piano, weggelassen wird.
Reine Saxophonbesetzungen sind seltener, nehmen aber nicht nur in Grenzgebieten des Jazz aufgrund der fast unbegrenzten Klangmöglichkeiten eine interessante Rolle ein, wie etwa das World Saxophone Quartet oder die Kölner Saxophon Mafia als zwei sehr langlebige Ensembles belegen. Wichtig sind Saxophone auch in einer Big Band, hier sind sie meist wie folgt besetzt: erstes und zweites Altsaxophon, erstes und zweites Tenorsaxophon sowie ein Baritonsaxophon.
Um im Jazz eine individuelle Klangfarbe erzielen zu können, ist neben dem eigentlichen Instrument die Wahl des Equipments, also der Zubehörausstattung, entscheidend. Nicht nur das Material des Mundstückes (meist Metall oder Ebonit) und dessen Form, sondern auch die Bauart der Ligatur beeinflussen die Klangfarbe. Hierbei ist es nicht selten, dass Mundstücke nachträglich in der Form angepasst („refaced“) werden.
Popularmusik
Ein „röhrendes“ Saxophon spielte eine tragende Rolle im klassischen Rock ’n’ Roll, namentlich im Twist. Besonderer Beliebtheit erfreute es sich in der schwarzen amerikanischen Musik, dem Soul und dem Blues. Auch im jamaikanischen Ska, ähnlich wie im Soul und der Dancehall-Musik der späten fünfziger und frühen sechziger Jahre, durfte es in den Bläsersektionen nicht fehlen. Seltener wurde es hier auch als Soloinstrument verwendet. In der Rockmusik, insbesondere im New Wave und im wiederbelebten Two-Tone-Ska der 1980er Jahre, war das Saxophon als Soloinstrument sowie als Sektions-Instrument ebenfalls besonders populär und ein regelrechtes Modeinstrument.
In Afrika verbreitete sich das Saxophon zunächst in fünf populären Regionalstilen: ab den 1920er Jahren im Highlife in Westafrika, vor allem in Ghana und Nigeria sowie im Marabi in Südafrika; ab den 1930er Jahren im Soukous am Kongo; ab den 1950er Jahren im Makossa in Kamerun und im Bulawayo jazz in Rhodesien (heute Zimbabwe).
Siehe auch
Liste von Saxophonisten, :Kategorie:Saxophonist
Literatur
Eugen Brixel: Die Klarinette und das Saxophon (= Schriftenreihe für Jungmusiker. Heft 1). Musikverlag Stefan Reischel, Oberneunkirchen, Österreich, 1983.
Bernhard Habla: Solo-Saxophon und Blasorchester. Verzeichnis von über 350 Solowerken für ein oder mehrere Saxophone und Blasorchester (= Werke für Soloinstrument mit Blasorchester. Band 5). Wien 1996.
Matthias Hochheim: Saxwelt, das deutsche Saxophonbuch. Books on Demand, 2004, ISBN 3-8334-2187-8 (Ausführliche Seriennummernlisten, Das C-Melody, Die Geschichte des Saxophons und dessen Hersteller).
Jaap Kool: Das Saxophon. J.J. Weber, Leipzig 1931. Neuausgabe: Bochinsky, Frankfurt am Main 1989, ISBN 3-923639-81-3.
Uwe Ladwig: Saxofone. buchwerft-verlag.de, Kiel 2011, ISBN 978-3-86342-280-6.
Jean-Marie Londeix: 150 ans de musique pour saxophone. Roncorp Publications, USA 1995. (Dieses dicke, teure Buch listet die weltweite Gesamtheit an Kompositionen auf, die jemals für mindestens ein Saxofon im Zeitraum von 1844 bis 1994 komponiert wurden einschließlich pädagogischer Lektüre, Kammermusik, Ensemble und Konzerten, gleichen sowie gemischten Besetzungen.)
Patrick Murphy: Extended Techniques for Saxophone. An Approach Through Musical Examples. (Dissertation) Arizona State University, 2013.
Peter Ninaus: Voraussetzungen für den Bläserunterricht am Beispiel der Klarinette. Eine Betrachtung unter den Aspekten der Musikpädagogik, Psychologie, Physiologie und des Instrumentenbaus. Bakkalaureatsarbeit an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Graz, 2004.
Karl Ventzke, Claus Raumberger, Dietrich Hilkenbach: Die Saxophone. Beiträge zu ihrer Bau-Charakteristik, Funktion und Geschichte. 4. Auflage. Erwin Bochinsky, Frankfurt 2001, ISBN 3-923639-45-7.
Weblinks
Herstellung eines Saxophons
Akustik des Saxophons (englisch)
Hans-Jürgen Schaal: Wie das klagende Heulen des Windes – Über das Saxophon in der klassischen Musik. In: hjs-jazz.de, 1997.
Einzelnachweise
Einfachrohrblattinstrument
Holzblasinstrument
1840
|
Q9798
| 289.652356 |
20225
|
https://de.wikipedia.org/wiki/Mikrotubulus
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Mikrotubulus
|
Mikrotubuli sind röhrenförmige Proteinkomplexe, die zusammen mit den Mikrofilamenten und den Intermediärfilamenten das Cytoskelett eukaryotischer Zellen bilden. Sie sind mitverantwortlich einerseits für die mechanische Stabilisierung der Zelle und ihrer Form, andererseits im Zusammenspiel mit anderen Proteinen für Bewegungen und Transporte innerhalb der Zelle sowie für aktive Bewegungen der ganzen Zelle.
Aufbau
Mikrotubuli sind gerichtete Strukturen, deren Enden wegen ihrer Polymerisationsrichtung mit plus und minus bezeichnet werden. Sie bestehen aus Einheiten, die sich ihrerseits als Heterodimere ohne kovalente Bindung aus je einem Molekül α-Tubulin (negativ) und β-Tubulin (positiv) zusammensetzen. Die Einheiten bilden durch längsgerichtete Verknüpfung Subfilamente (sogenannte Protofilamente), von denen meist 13 in seitlicher Verknüpfung die Wand der Mikrotubuli bilden. In der Zelle sind Mikrotubuli typischerweise mit ihrem minus-Ende (über das α-Tubulin) an ein Mikrotubulus-Organisationszentrum (MTOC) gebunden, welches γ-Tubulin enthält. Die Tubuline verschiedener Organismen sind nicht identisch. Dadurch variieren die Durchmesser der Mikrotubuli zwischen 20 und 30 Nanometer.
Die Reihenfolge und genaue Zusammensetzung von Molekülen während der Bildung von Mikrotubuli kann demnach folgendermaßen zusammengefasst werden: Ein β-Tubulin verbindet sich im Rahmen einer nicht vorhandenen kovalenten Bindung mit einem α-Tubulin, welche in verbundener Form ein Heterodimer sind, da sie aus zwei verschiedenen Polypeptiden bestehen (aus dem β-Tubulin und α-Tubulin). Nachdem also die Heterodimere geformt sind, verbinden sie sich zu langen Ketten, die bildhaft in eine Richtung (z. B. nach oben) aufsteigen. Diese Heterodimere, welche in einer bestimmten Richtung verbunden sind, formen Protofilamente. Diese langen Ketten (Protofilamente), lagern sich nun nach und nach nebeneinander an, sodass eine rohrartige Struktur entsteht, welche rohrtypisch ein Lumen besitzt. Demnach formen meist 13 Protofilamente die Außenwand der Mikrotubuli. Wichtig ist außerdem, dass die Heterodimere aus einem positiven und negativen Ende bestehen, wobei das Alpha-Tubulin das negative Ende und das Beta-Tubulin das positive Ende formen. Aufgrund der Tatsache, dass die Heterodimere aufeinandergestapelt werden, ergibt sich immer ein negatives und positives Ende. Mikrotubuli wachsen durch eine Addition von Heterodimeren am Plus-Ende.
Mikrotubuli sind relativ vergängliche Strukturen mit einer mittleren Lebensdauer in der Größenordnung von 10 Minuten, sofern sie nicht durch Einbau in größere Strukturen stabilisiert sind. Im Cytoplasma der Zellen liegt in der Regel ein Gleichgewicht zwischen polymerisiertem und depolymerisiertem Tubulin vor. Die Tubulin-Einheiten werden ständig sowohl am plus- als auch am minus-Ende des Mikrotubulus angebaut und auch wieder depolymerisiert, so dass ein Gleichgewicht entsteht, wobei beide Prozesse am plus-Ende schneller verlaufen. Dabei wächst das Tubusende kontinuierlich und zerfällt immer wieder plötzlich über eine längere Strecke (siehe Dynamische Instabilität der Mikrotubuli). Kippt das Gleichgewicht, kann es zur völligen Auflösung der Mikrotubuli kommen. Auch das Gegenteil, die Erschöpfung des Vorrats an Tubulineinheiten, ist möglich. Niedrige Temperatur und ein Überschuss an Calcium-Ionen fördern die Depolymerisation der Mikrotubuli. Das dynamische Netzwerk von Mikrotubuli-Filamenten in der Zelle entspringt am microtubule organizing center (MTOC). Der Auf- und Abbau von Mikrotubuli kann durch Zytoskelett-Inhibitoren gehemmt werden.
Organisation
Mit den Mikrotubuli sind zahlreiche Proteine assoziiert, sogenannte MAPs (microtubule associated proteins). Die bekanntesten sind Motorproteine wie Dynein und Kinesin. Einige MAPs können anscheinend Mikrotubuli stabilisieren. MAPs können Mikrotubuli zu größeren Strukturen verbinden. Zu nennen sind hier insbesondere die Axoneme, Achsfäden beweglicher Zellanhänge: der motilen Zilien und der eukariotischen Flagellen (Geißeln). Ein Axonem ist ein Bündel, in dem neun Doppeltubuli zwei einzelne im Zentrum umgeben; man spricht von einer (9×2 + 2)-Struktur (siehe Abbildung). Die Doppeltubuli haben einen asymmetrischen Querschnitt, in dem ein vollständiger „A-Tubus“ mit einem unvollständigen „B-Tubus“ verschmilzt.
Eine andere Organisationseinheit bilden Zentriolen; das sind Röhrchen nach dem (9×3 + 0)-Muster. Einzeln fungieren sie als Basalkörper von Zilien und Geißeln. In tierischen Zellen bildet ein rechtwinklig verbundenes Paar von Zentriolen mit einer umgebenden Matrix, die γ-Tubulin enthält, das Zentralkörperchen, Zentrosom, MTOC, das sich meist nahe dem Zentrum der Zelle findet und von dem einige hundert Mikrotubuli in alle Richtungen sternförmig auswachsen. Erreichen sie die Rindenschicht der Zelle, den sogenannten Zellkortex, so können sie, indem sie dort mit anderen Elementen des Zytoskeletts Kontakt aufnehmen, helfen, die Gestalt der Zelle zu stabilisieren. Das Zentrosom wird vor der Zellteilung verdoppelt, und die zwei Zentrosomen bilden jetzt die Pole des Spindelapparats, der wiederum aus Mikrotubuli besteht und dessen Aufgabe es ist, die Chromosomen auf die Tochterzellen zu verteilen.
Funktion
Abgesehen vom ständigen Auf- und Abbau an den Enden sind Mikrotubuli steif und unveränderlich. Dennoch haben sie nicht nur Stützfunktionen in der Zelle. Motorproteine, die sich (vorstellbar etwa wie Spannerraupen) an den Mikrotubuli unter ATP-Verbrauch entlanghangeln, tragen Vesikel und Granulae durch die Zelle. Kinesine transportieren meist in Richtung Plus-Ende, Dyneine in Richtung Minus-Ende.
Vor der Zellteilung bilden Mikrotubuli den Spindelapparat, über welchen die Chromatiden zu den Polen der Zelle (Minus-Enden der Mikrotubuli) gezogen werden. In Nervenzellen wandern mit Neurotransmittern gefüllte Vesikel vom Zellkörper zu den Synapsen in Plusrichtung, siehe axonaler Transport.
Eine andere Art von Bewegung erzeugen Zilien und Geißeln. Die oben beschriebenen Axoneme enthalten unter anderem Dynein. Indem das Dynein die Mikrotubuli gegeneinander verspannt, krümmt es das Axonem (Auch hierfür wird ATP verbraucht). Zilien können durch in Phase und Richtung koordinierten Flimmerschlag Strömung erzeugen, siehe Wimpertierchen, oder Material in einem Lumen transportieren, siehe Flimmerepithel. Geißeln bewegen einzelne Zellen fort (z. B. Spermien), indem sie hin und her schlagen. Den (9×2 + 2)-Bauplan der Axoneme hat die Evolution vom primitiven Einzeller bis zum Menschen beibehalten. Auch der (9×2 + 0)-Bauplan tritt häufig auf. Zilien dieses Typs sind meist unbeweglich. Sie bilden spezialisierte Zellkompartimente – z. B. das Außensegment bei ziliären Photorezeptorzellen, die Chemorezeptoren der Riechzellen oder Strömungsdetektoren in Flüssigkeiten.
Bedeutung in der Krebsbekämpfung
Starke Bedeutung kommt den Mikrotubuli bei der Bekämpfung von Krebs zu. Substanzen, die das dynamische Gleichgewicht des Auf- und Abbaus der Mikrotubuli stören, behindern insbesondere die korrekte Ausbildung und Funktion des Spindelapparats und wirken dadurch als Mitosegifte, d. h., sie verhindern die korrekte Zellteilung und damit das Wachstum von Tumoren und Metastasen. Einige werden als Zytostatika im Rahmen der Chemotherapie genutzt. Alkaloide aus der Rosafarbenen Catharanthe (Catharanthus roseus, früher Vinca roseus), das Vincristin und das Vinblastin, fällen Tubulin aus. Paclitaxel (Taxol), ein Alkaloid aus der Pazifischen Eibe (Taxus brevifolia), und das Epothilon aus dem Myxobakterium Sorangium cellulosum stabilisieren Mikrotubuli und hindern sie am Depolymerisieren.
Die Zytostatika wirken allerdings auch in anderen Geweben bzw. Organen, in denen sich Zellen teilen. Das sind z. B. Oberhaut, Haarfollikel, das Knochenmark als Bildungsstätte von Immun- und Blutzellen, die Leber und die Keimdrüsen. Dementsprechend haben Zytostatika viele erhebliche Nebenwirkungen wie Haarausfall, Darmbluten oder erhöhte Infektionsanfälligkeit.
Bedeutung für die Pflanzenzüchtung
Colchicin, ein Alkaloid aus der Herbstzeitlose (Colchicum autumnale), hemmt die Polymerisation der Mikrotubuli, indem es die Tubulineinheiten bindet und dem Kreislauf entzieht. Durch gezielte Behinderung der Meiose ließ es sich erfolgreich zur Züchtung polyploider Pflanzen einsetzen. Bei tierischen Organismen gilt Colchicin als keimgutschädigend.
Quantenphysik und Bewusstsein
Stuart Hameroff und Roger Penrose haben gemeinsam die Hypothese aufgestellt, dass bewusstseinsbildende Gehirnfunktionen auf makroskopischen Quanteneffekten beruhen, die sich in den Mikrotubuli des Zellskeletts abspielen. Bei höheren Evolutionsstufen seien es die Mikrotubuli der Hirnneuronen, aber im Prinzip gelte dieser fast panpsychische Mechanismus sogar für Einzeller mit Zytoskelett.
Weblinks
Wissenschaftliche Illustration - Mikrotubuli
Literatur
Klaus Werner Wolf, Konrad Joachim Böhm: Organisation von Mikrotubuli in der Zelle. In: Biologie in unserer Zeit. 27, 2, 1997, , S. 87–95.
James R Davenport, Bradley K Yoder: An incredible decade for the primary cilium: a look at a once-forgotten organelle. In: Am J Physiol Renal Physiol. 289, Nr. 6, 2005, S. F1159-1169. . PMID 16275743.
Referenzen, Anmerkungen
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Q189933
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94960
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https://de.wikipedia.org/wiki/Gebiet
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Gebiet
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Mit dem geographischen Begriff Gebiet (Abk.: Gbt., Geb.) bezeichnet man eine räumlich (meist) zusammenhängende Fläche oder ein Areal auf der Erdoberfläche, das sich auch in die dritte Dimension erstrecken kann.
Wortherkunft und Geschichte
Die heutige Bedeutung des Begriffes Gebiet leitet sich vom Zeitwort „gebieten“ ab, auf althochdeutsch gibiotan (biotan „bieten“). Ein Gebiet war demnach der Bereich, über den sich die Befehlsgewalt, die erlassenen Gebote oder die Gerichtsbarkeit erstreckte (vgl. Gebieter), entspricht also dem ursprünglichen Begriff Land, lat. Territorium.
Daneben findet sich die kürzere Variante Biet (ausgehend von bieten oder aber mit an /b/ assimiliertem Ge-) auch in Territorialbezeichnungen wie beispielsweise Baselbiet (hier: Herrschaftsgebiet der Stadt Basel) oder das Biet um Neuhausen (das hier einen wenige Dörfer umfassenden, bis 1803 bestehenden Herrschaftsbereich eines reichsritterlichen Territoriums meint).
Heutige Verwendung
Man verwendet den Ausdruck im regionalgeographischen Sinne heute etwa:
synonym für Region oder Landschaft
synonym für Zone (etwa: Einzugsgebiet eines Gewässers)
den Wirkungsbereich einer Gebietskörperschaft: Ein Staatsgebiet, einen Gliedstaat oder eine Gemeinde
eine regionale Begrenzung bei wirtschaftsgeographisch-logistischen Aspekten wie Vertrieb oder Kundendienst (Gebietsrepräsentanz).
Dass der Begriff nicht in die Ebene beschränkt ist, zeigt z. B. Tiefdruckgebiet, die Zone tiefen Luftdrucks erstreckt sich in die 3. Dimension.
Daneben ist „Gebiet“ auch die Übersetzung von Oblast, einer Verwaltungseinheit in Russland und der Ukraine, sowie von Oblys, einer Oblast-ähnlichen Verwaltungseinheit in Kasachstan.
Siehe auch
Bezirk
Sperrgebiet
Zonenrandgebiet
Weblinks
Einzelnachweise
!Gebiet
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Q4835091
| 218.205584 |
51318
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https://de.wikipedia.org/wiki/Festung
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Festung
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Eine Festung ist im Allgemeinen ein durch Wehranlagen stark befestigter Ort. Im engeren Sinne bezeichnet Festung in der Neuzeit eine eigenständige, meist stark gegliederte Wehranlage aus starkem Mauerwerk, später auch aus Beton, die dem Schutz gegen feindliche Feuerwaffen (insbesondere Artillerie) bei gleichzeitigem defensivem Feuerwaffeneinsatz durch die Verteidiger dient. Festungen dieser Art wurden ab dem 15. Jahrhundert als Reaktion auf den Einsatz schwerer Pulvergeschütze erbaut und waren bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts üblich. Sie konnten der Grenz- oder Küstensicherung dienen, den Ausgangspunkt einer Offensive bilden und sich zurückziehende Heere aufnehmen. Darüber hinaus wurden manche Festungen als Verwaltungssitz, Gefängnis oder Aufbewahrungsort staatlicher Reserven an Geld oder Edelmetallen genutzt.
Der Ursprung der Begriffe Festung, Befestigung und Feste findet sich im mittelhochdeutschen Adjektiv veste im Sinne von „beständig“, „hart“, „stark“, das sich zu dem neuhochdeutschen fest entwickelte. Eine vergleichbare Wortherkunft ist bei der Fortifikation und dem Fort gegeben, die auf das lateinische für „fest“, „kräftig“, „stark“ zurückgehen.
Die Eigenschaft einer Burg oder Festung, gegen ein gewaltsames Eindringen mittels Leiterangriffen gesichert zu sein, wurde früher als Sturmfreiheit bezeichnet (der Begriff wandelte sich später in die Bezeichnung für die Höhe des Walles einer Festung über ihrem Fundament).
Grundlagen
Grundriss und Profil einer Festung richteten sich nach den Schusslinien der zur Verteidigung verwendeten Feuerwaffen, wodurch die weitgehende Vermeidung toter Winkel erreicht wurde. Sie setzte sich aus unterschiedlichen Werken zusammen, worunter einzelne Befestigungsanlagen wie Bastionen oder Wälle zu verstehen sind. Hinzu kamen Kasernen, Munitionslager, Zeughäuser und weitere Garnisonsgebäude. Eine Festung konnte zudem einen zivilen Bereich umfassen.
Festungen wurden nach individuellen Befestigungssystemen erbaut, die als Manieren bezeichnet werden. Dabei handelte es sich in den meisten Fällen um spezifische Verwirklichungen des Bastionär-, Tenaillen- oder Polygonalsystems. Die sechs wichtigsten Manieren, anhand derer sich die fortifikatorischen Epochen des 16. bis 19. Jahrhunderts voneinander abgrenzen lassen, sind
die alt- und neuitalienische,
die alt- und neuniederländische und
die alt- und neupreußische bzw. neudeutsche oder neuösterreichische.
Viele erhaltene Festungsanlagen weisen Elemente verschiedener Manieren auf, da waffentechnische Fortschritte wiederholt zu baulichen Anpassungen zwangen.
Das einzige bedeutende Definitionskriterium einer Festung ist die systematisch durchgeführte Ausrichtung auf die Kampfführung mit und gegen Artillerie. Neben Städten konnten auch Burgen, Schlösser und Klöster zu Festungen ausgebaut werden. Da hierbei die Berücksichtigung der vorhandenen Bausubstanz und der topographischen Gegebenheiten erforderlich war, bot üblicherweise nur die Neuerrichtung einer Festung in ebenem Gelände die Möglichkeit zur idealtypischen Umsetzung einer Manier.
Geschichte der neuzeitlichen Festung
Erste Artilleriebefestigungen
Bis in das Spätmittelalter hinein hing das Defensivpotenzial von Burgen und befestigten Städten zum Großteil von der Höhe ihrer Mauern und Türme ab. Bereits im späten 14. Jahrhundert wurde dieses wehrbauliche Grundprinzip in Frage gestellt, da zu dieser Zeit schwere Bombarden aufkamen, die große Steinkugeln verschossen. Die Reichweite von Bombarden war zunächst sehr gering und ihr Transport äußerst aufwändig, doch konnten die in Relation zu ihrer Stärke sehr hohen Burg- und Stadtmauern mit diesen primitiven Kanonen leicht zerstört werden. Im Verlauf des 15. Jahrhunderts erhöhten sich Reichweite und Feuerkraft der Bombarden deutlich. So konnten französische Truppen unter Karl VII. vom Mai 1449 bis zum August 1450 mit Hilfe von Bombarden über siebzig englische Stützpunkte in der Normandie erobern, da allein das Aufstellen der Geschütze Drohung genug war. Die Städte ergaben sich reihenweise, ohne dass ein Schuss abgefeuert werden musste.
Die europäischen Baumeister reagierten auf diese Entwicklung zunächst nur mit einer Modifikation der mittelalterlichen Wehranlagen. Die Mauern wurden niedriger und durch einen breiten Wall verstärkt, der als Geschützplattform diente. Erde gewann als Baustoff an Bedeutung, da sie den Impuls der Geschosse abdämpft (siehe Plastischer Stoß). Hölzerne Aufbauten wurden von Mauern und Türmen entfernt, da sie ein leichtes Ziel waren. Der mittelalterliche Burgturm wandelte sich zu einem kegelstumpfförmigen, massiven Geschützturm, dem Rondell. Rondelle verfügten über Räume mit großen Schießscharten, durch die Geschütze feuern konnten. Auch auf der Spitze des Rondells wurden schwere Feuerwaffen platziert. Diese Veränderungen in der Errichtung von Befestigungen waren jedoch nicht ausreichend, da sie lediglich eine Erweiterung früherer Bauprinzipien darstellten. Burg Querfurt steht beispielhaft als vollständig erhaltene rondellierte Burg der frühen Neuzeit mit insgesamt vier Rondellen.
Die verstärkten Befestigungsanlagen, die gegen Ende des Spätmittelalters errichtet wurden, erhöhten in erster Linie die passive Verteidigung und zögerten den Fall einer Stadt oder Burg nur hinaus. In den Rondellen konnten nur wenige Kanonen platziert werden, da sich der Pulverdampf in den Kasematten relativ lange hielt und Sicht und Atmung erschwerte. Im Bereich vor einem Rondell befand sich ein toter Winkel, der nicht von den Verteidigern beschossen werden konnte und somit ein bevorzugter Ausgangspunkt feindlicher Unterminierungsversuche war. Hierzu kamen ingenieurtechnische Truppen wie die Mineure zum Einsatz. Rondelle bildeten eigenständige Befestigungswerke und waren nicht dafür konzipiert, sich gegenseitig zu flankieren. Es wurde eine Befestigung notwendig, die eine stabile Plattform für zahlreiche Geschütze bot, über keinen dem Feuer entzogenen Raum verfügte und deren Werke sich Flankenschutz bieten konnten.
Spätgotik und Frührenaissance
Etwa zwischen 1450 und 1550 wurden in Deutschland sehr häufig an Burganlagen oder größere Schlossanlagen des Hochadels Rondelle und Artilleriewälle angebaut/vorgelagert. Ebenso waren diese damals an den Befestigungsanlagen größerer Städte (Festungsstadt) unverzichtbarer Bestandteil, wie zum Beispiel im Falle der Wasserfestung Ziegenhain. Oft waren Wassergräben und Artilleriewälle vorgelagert.
Selbst Gipfelburgen erhielten manchmal einen Artilleriewall zusätzlich zu ihren Rondellen oder Geschütztürmen an den Ecken. Beispiele für Artilleriewälle an Gipfelburgen sind die böhmischen Burgen Hartenstein und Landeswarte bei Brüx. Ein Musterbeispiel für eine Anlage mit Rondellen ist die Wasserburg Heldrungen, die in zwei Phasen, von 1512 bis 1519 durch zwölf Rondelle und von 1664 bis 1668 nach dem Vaubanschen System, zu einer Festung ausgebaut wurde.
Festungsartige Anlagen entstanden im deutschsprachigen Raum seit etwa 1500 auch durch Errichtung oder Umbau von Burgen mit Geschütztürmen, die meist als Batterietürme bezeichnet werden. Musterbeispiel hierfür ist die Moritzburg in Halle/Saale. Sie ist ein Neubau der Spätgotik und hat vier Ecktürme, die Geschütztürme sind. Gleiches gilt für die Wasserburg Friedewald, einen Umbau der frühen Renaissance, der ebenfalls Ecktürme für den Einsatz von Feuerwaffen besitzt. In ihrem großen Geschützturm befindet sich bereits ein zentraler Rauchabzug, wie er bei Turmforts des 19. Jahrhunderts wieder üblich war. Solche Anlagen haben einen festungsartigen Charakter, und manche werden als Burgschloss eingestuft, wenn es eher sich um ein Wohnschloss handelt, das aber verteidigbar ist.
An einigen deutschen Burgen und frühneuzeitlichen Festungen finden sich Bollwerke, die der Aufnahme von Kanonen dienten und gefährdete Angriffsseiten schützen sollten, so bei Burg Querfurt und der Burg Wertheim in Franken.
Das bastionierte Schloss der Renaissance
Hauptartikel: Palazzo in fortezza ()
Zwischen 1550 und 1600 setzte sich in Nordeuropa die Anwendung von Bastionen als Ersatz der früheren Rondelle durch. Burgen und Schlösser wurden durch das Vorlegen von meist vier eckigen Bastionen zum bastionierten Schloss oder zur bastionierten Burg. Durch das weitere Vorbauen zusätzlicher Befestigungsanlagen wie Ravelins etc. entstanden so aus bastionierten Schlössern oder Burgen frühneuzeitliche Festungen. Oft handelte es sich zuvor um Wasserburgen, Wasserschlösser oder Gipfelburgen die zur Festung ausgebaut wurden. Beispiele hierfür sind die Zitadelle Spandau, die Festung Peitz, die Burg Stolpen und die Festung Königstein.
Während man zunächst vier Bastionen scheinbar bevorzugte, kamen später fünf Bastionen in Mode, wie zum Beispiel bei den Schlössern/Festungen von Poel (abgegangen), Rietberg (abgegangen) und Ebreichsdorf. Schloss Philippseck ist hingegen ein Beispiel für die seltener angewendeten drei Bastionen.
Bergschlösser wurden oft nur teilweise bastioniert, nämlich an den gefährdeten Hauptangriffsseiten. Ein Beispiel dafür ist das Schloss Moritzburg in Zeitz.
Ursprünge des Bastionärsystems nach „italienischer Manier“
In Italien wurde eine Lösung für die Beseitigung der wehrbaulichen Probleme (u. a. "toter Winkel" aus Kapitel "Erste Artilleriebefestigungen") gefunden. Bereits 1452 schlug Leon Battista Alberti in seinem Architekturlehrbuch De Re Aedificatoria (Buch IV, Kapitel 4) vor, dem Verlauf von Stadtmauern einen sägezahnartigen Grundriss zu verleihen. Ebenso plädierte er für erhöhte Außenränder eines Stadtgrabens bei gleichzeitig verringerter Mauerhöhe, damit Geschosse die Mauern nicht direkt treffen können. Im weiteren Verlauf des 15. Jahrhunderts entwickelten andere italienische Architekturtheoretiker ähnliche Konzepte, daher auch die Bezeichnung der neuen Festungsbauart als trace italienne, doch fanden sie damit zunächst wenig Beachtung. Eine entscheidende Entwicklung begann 1487, als der Architekt Giuliano da Sangallo mit der Befestigung von Poggio Imperiale beauftragt wurde. Dabei plante er den Bau von zehn winkligen Bastionen, die weit aus den Festungsmauern herausragten. Die beiden vorderen Seiten einer Bastion, Facen genannt, liefen im Bastionswinkel zusammen, dem Saillant. Die beiden als Flanken bezeichneten, kürzeren hinteren Seiten bildeten mit dem Festungswall einen rechten Winkel. Bei einer Anordnung in regelmäßigen Abständen konnten sich Bastionen gegenseitig den bestmöglichen Feuerschutz bieten, wobei wegen ihres spitz zulaufenden Grundrisses kein toter Winkel vorhanden war. Deshalb setzten sich regelmäßige Vielecke als Idealform von Festungen durch.
Der Beginn der Italienkriege im Jahre 1494 beschleunigte die Entwicklung der bastionierten Befestigungsweise. Das in Norditalien eingefallene, französische Heer unter König Karl VIII. führte aus Bronze gegossene Kanonen mit sich, mit denen Eisenkugeln verschossen wurden. In Bezug auf Mobilität, Feuerkraft und Schussrate waren sie Bombarden überlegen. Ungehindert konnten die französischen Truppen nach Süditalien vordringen, wobei sie zahlreiche Städte und Burgen nach einem kurzen Bombardement einnahmen, sofern sich deren Garnisonen nicht kampflos ergaben. Antonio da Sangallo, der jüngere Bruder von Giuliano, wurde noch im selben Jahr von Papst Alexander VI. mit der Erneuerung des Forts von Civita Castellana beauftragt. Antonio da Sangallo ließ das Fort mit einem Rondell und vier Bastionen versehen.
Von 1501 bis 1503 wurde in der päpstlichen Hafenstadt Nettuno ein bastioniertes Fort nach Plänen von Giuliano da Sangallo erbaut. Die Bastionen an den Ecken des quadratischen Forts wiesen eine wesentliche Neuerung auf. Der hintere Teil der Bastionsflanken wurde zurückgezogen und der vordere Teil abgerundet, wodurch das so genannte Orillon entstand. Das Orillon deckte die zurückgezogene Flanke, die für Belagerer nur schwer einzusehen war. Die zurückgezogenen Flanken verfügten über geschützbestückte Kasematten, sodass sich feindliche Truppen bei einem Sturmangriff auf den Wallabschnitt zwischen zwei Bastionen, der Kurtine, einem schweren Kreuzfeuer ausgesetzt sahen. Im Gegensatz zu seinem Bruder Giuliano ließ Antonio da Sangallo bei späteren Bauten Bastionen mit winkligen Orillons errichten.
Weitere Entwicklungen gehen auf den Veroneser Architekten Michele Sanmicheli zurück, der die altitalienische Manier des Festungsbaus prägte. Sanmicheli stand zeitweilig in päpstlichen Diensten und machte dabei Bekanntschaft mit den Sangallos, deren Ansätze zu einem Bastionärsystem er übernahm. Nach dem Sacco di Roma von 1527 kehrte er in die Republik Venedig zurück, wo er 1530 den Auftrag erhielt, seine Heimatstadt Verona zu befestigen. Sanmicheli ließ Wälle und Bastionen von geringer Höhe und zugleich großer Tiefe erbauen. Lediglich die äußere Seite der Festungsanlagen bestand aus Mauerwerk, das durch Stützpfeiler verstärkt und mit Erde aufgefüllt wurde. Um eine Erstürmung der relativ niedrigen Festungswerke zu erschweren, wurden diese mit einem breiten Graben umgeben. In den zurückgezogenen Flanken befanden sich zwei Geschützplattformen auf verschiedenen Ebenen, wodurch sich die seitwärts ausgerichtete Feuerkraft der Bastionen erhöhte.
Entwicklung der neuitalienischen Manier
Bis zum späten 16. Jahrhundert wurden Bastionsbefestigungen um weitere, grundlegende Elemente ergänzt, was zur Entstehung der neuitalienischen Manier führte. Im Jahre 1556 schlug Nicolo Tartaglia in seinen Quesiti et Inventioni diverse vor, am äußeren Rand des Festungsgrabens einen breiten Weg auszuheben, in dem sich Infanteristen postieren können. Eine feindwärts abfallende Erdaufschüttung, das Glacis, deckte den Weg und zugleich die niedrigen Wälle und Bastionen. Pietro Cataneo steigerte den Nutzen des gedeckten Weges durch Waffenplätze, die als Sammelpunkte für eine größere Anzahl von Soldaten dienten. Diese konnten besonders starke Widerstandsnester bilden oder einen Ausfall durchführen.
Die Bastionen wurden deutlich vergrößert und in Abständen angeordnet, die der Reichweite der damaligen Geschütze entsprachen. Kavaliere genannte Werke aus Erde bildeten auf den Bastionen eine erhöhte Geschützplattform. Zudem wurden in den Gräben vor sämtlichen Kurtinen Ravelins errichtet, die aus zwei zusammenlaufenden Facen bestanden. An ihrer Rückseite, der Kehle, waren sie breit genug, um den gesamten Grabenabschnitt zwischen den Bastionen unter Feuer nehmen zu können. Die Wälle, die Ravelins und der gedeckte Weg bildeten drei Verteidigungslinien, welche die für eine effektive Artilleriebefestigung notwendige Tiefe des Kampfraumes gewährleisteten.
Mit der Entstehung des Bastionärsystems ging im Italien des 16. Jahrhunderts eine rege Bautätigkeit einher. Zahlreiche Städte erhielten eine komplette Umwallung aus bastionierten Befestigungsanlagen, doch ließ sich ein regelmäßiger, polygonaler Grundriss meist nur bei neu errichteten Idealstädten verwirklichen. In Städten wie Ancona, Florenz und Turin wurden zudem Zitadellen erbaut, die nicht nur den stärksten Teil einer Festungsstadt bildeten, sondern auch als Symbol fürstlicher Autorität verstanden werden sollten. Nach dem Vorbild der Bauten von Francesco Paciotto setzte sich das Fünfeck als Grundform der Zitadelle durch. Ein weiteres wehrbauliches Konzept war der Palazzo in fortezza, der befestigte Palast. Ein derartiges Bauwerk, der Palazzo Farnese, entstand von 1559 bis 1573 in Caprarola.
Der Bau von Artilleriebefestigungen war mit enormen Kosten und einem hohen Zeitaufwand verbunden. So sollte die Umwallung der Vatikanstadt nach Plänen aus dem Jahre 1537 achtzehn große Bastionen umfassen, doch musste diese Zahl bereits 1542 aus Kostengründen deutlich verringert werden. Erst im 17. Jahrhundert wurden die Arbeiten abgeschlossen. Verheerende Folgen hatte der Festungsbau für die Republik Siena, die 1553 mit der Bastionierung von siebzehn Städten begann und dafür einen Großteil ihres Haushalts aufwandte. Als 1554 ein spanisches Invasionsheer nach Siena vordrang, befanden sich die meisten Festungswerke noch im Bau, zudem fehlten den Sienesern nun die finanziellen Mittel zur Aufstellung eines schlagkräftigen Heeres. Die Republik wurde bis 1555 vollständig erobert.
Festungsbau in den Niederlanden
1568 erhoben sich die Niederländer gegen die Herrschaft der spanischen Habsburger, wodurch der Achtzigjährige Krieg ausgelöst wurde. Die Aufständischen sahen sich zur schnellen Befestigung ihrer Stützpunkte gezwungen, was unter der Anpassung an die topographischen Gegebenheiten zur Herausbildung der altniederländischen Manier führte. Zunächst errichteten die Niederländer hinter den mittelalterlichen Mauern ihrer Städte Wälle und hoben Gräben aus, wie etwa 1572 bei der Belagerung von Haarlem. Bald darauf gingen sie dazu über, nach italienischem Vorbild geformte Bastionen und Ravelins aus Erde vor den Stadtmauern anzulegen. Seit dem Ende des 16. Jahrhunderts wurden die niederländischen Festungswerke vollständig aus Erde erbaut, mit Grassoden bedeckt und von Wassergräben umgeben. Diese letzte Entwicklungsstufe hatte sich bereits 1533 bei der Befestigung von Breda durch Heinrich III. von Nassau im Voraus angedeutet. Ein theoretisches Fundament erhielt der vollständig auf Mauerwerk verzichtende, niederländische Festungsbau durch Autoren wie Simon Stevin, den Moritz von Oranien zum Generalquartiermeister ernannte.
Neben der Verwendung von Erde als einzigem Baustoff für Befestigungsanlagen traten weitere Besonderheiten. Um gegnerischen Truppen den Einsatz von Sturmleitern unmöglich zu machen, wurden spitze Holzpfähle in die Festungswerke gerammt, die so genannten Sturmpfosten. Zur besseren Beherrschung des Grabens wurden die Wälle und Bastionen von einem Weg und einem zusätzlichen, niedrigeren Schutzwall umgeben, der Fausse-Braie. Die niederländischen Ingenieure berücksichtigten stets die Reichweite von Musketen, sodass sie Bastionen in geringeren Abständen anordneten, als es nach der neuitalienischen Manier üblich war. Die Bastionen waren in der Regel weder kasemattiert noch mit zurückgezogenen Flanken versehen. Ein anderes, grundlegendes Charakteristikum des niederländischen Festungsbaus war die Anlage von zahlreichen Außenwerken, darunter Hornwerke und Kronwerke. Hinzu kamen die Demi-lunes, die im Graben vor den Bastionen errichtet wurden. Ein zweiter, schmalerer Wassergraben, die Avant-Fosse, umgab das Glacis.
Moritz von Oranien ließ Städte wie Coevorden zu Idealfestungen der altniederländischen Manier umwandeln. Darüber hinaus erbauten die Niederländer 1599 entlang der Waal und der Maas einen Kordon aus Schanzen, der Schutz vor den von ’s-Hertogenbosch ausgehenden Angriffen der Spanier bieten sollte. Im Winter 1605 wurde der Kordon auf die IJssel ausgeweitet. Bei den Schanzen handelte es sich um kleine Befestigungsanlagen aus Erde, die durch Wälle miteinander verbunden wurden. Bei drohender Gefahr warnten ihre Besatzungen die Stützpunkte im Hinterland durch Schüsse oder Signalfeuer.
Die Instandhaltung der ohne Mauerwerk errichteten Festungsanlagen war äußerst aufwändig. Sie waren nur bedingt für die permanente Nutzung geeignet, sodass sie sich eher als weit entwickelte Feldbefestigungen einstufen lassen. Andererseits konnten sie innerhalb kurzer Zeit bei einem vergleichsweise geringen finanziellen Aufwand erbaut werden. Zudem boten die Festungswerke aus Erde mit ihren breiten Wassergräben ein hohes Defensivpotenzial. Aufgrund dieser Vorzüge fand die altniederländische Manier im Laufe des 17. Jahrhunderts vor allem im nordeuropäischen Raum rege Verbreitung, wo Ziegel und Steine kostspielige Baustoffe waren. 1630 erschien die bedeutendste der in deutscher Sprache verfassten Abhandlungen über das Festungswesen in den Niederlanden, die Architectura Militaris Nova et Aucta von Adam Freitag.
Verbreitung der bastionierten Befestigungsweise
Frankreich
Während der Regentschaft von Franz I. fand das Bastionärsystem auch in Frankreich Verbreitung. 1534 engagierte Franz den italienischen Ingenieur Girolamo Marini, der zuvor für Papst Clemens VII. tätig gewesen war. Innerhalb weniger Jahre erhöhte sich die Zahl der italienischen Baumeister in französischen Diensten auf über Hundert. Unter der Leitung von Marini bastionierten sie mehrere Festungen in Nordfrankreich, darunter Maubert-Fontaine, Mézières und Mouzon. Nachdem französische Truppen 1543 Luxemburg eingenommen hatten, ließ Marini die Stadt mit Artilleriebefestigungen versehen, doch konnte Kaiser Karl V. sie bereits im darauf folgenden Jahr zurückerobern. Die von Karls Truppen auf diesem Feldzug zerstörte Ortschaft Vitry-en-Perthois wurde an einer anderen Stelle als Festungsstadt wieder aufgebaut und zu Ehren von Franz I. in Vitry-le-François umbenannt. Bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts hatten sich auch französische Ingenieure mit der bastionierten Befestigungsweise vertraut gemacht. So beauftragte Generalmajor François de Scépeaux im Jahre 1552 den Sieur de Saint-Rémy mit der Befestigung von Verdun.
Während der von 1562 bis 1598 tobenden Hugenottenkriege wurden in Frankreich zahlreiche provisorische Festungsanlagen errichtet. Die Hugenotten schütteten vor den Mauern der von ihnen kontrollierten Städte Bastionen und Ravelins aus Erde auf. Diese Befestigungsweise wurde unter anderem von den aufständischen Niederländern aufgegriffen und war als „à la Huguenote“ bekannt. Mit Hilfe des Venezianers Scipione Vergano bauten die Hugenotten ihren wichtigsten Stützpunkt, die Hafenstadt La Rochelle, im Jahre 1569 zu einer der stärksten Festungen auf französischem Boden aus. Der 1573 von Karl IX. unternommene Versuch, La Rochelle einzunehmen, scheiterte unter enormen Verlusten.
Heinrich IV. führte das Ende der Glaubenskämpfe herbei und konnte sich vor diesem Hintergrund auf die Sicherung der französischen Grenzen konzentrieren. Heinrich ließ ein umfangreiches Festungsbauprogramm durchführen, für das zwischen 1595 und 1610 knapp 7,8 Millionen Livres aufgewandt wurden. Grenoble, Toulon und fast dreißig weitere Städte wurden bastioniert und Grenzfestungen wie Boulogne, Calais und Montreuil verstärkt. Die meisten dieser wehrbaulichen Projekte wurden von Jean Errard de Bar-le-Duc geplant und geleitet, der 1594 mit La Fortification Démonstrée et Réduicte en Art eines der ersten französischen Werke über das Bastionärsystem veröffentlicht hatte. Die darin beschriebenen Fortifikationskonzepte wiesen gewisse Mängel auf, da Errard weitgehend auf Außenwerke verzichtete. Die Facen der von ihm entworfenen Bastionen bildeten mit den Flanken einen rechten Winkel, wodurch der gegenseitige Feuerschutz erschwert wurde. Dennoch gilt Jean Errard allein aufgrund der Vielzahl der von ihm geplanten Festungen als erster bedeutender französischer Ingenieur.
Britische Inseln
Im Februar 1539 ordnete Heinrich VIII. die Durchführung eines umfangreichen Festungsbauprogramms zur Sicherung der englischen Süd- und Ostküste an. Im Jahr zuvor hatten der französische König Franz I. und der römisch-deutsche Kaiser Karl V. ihre Differenzen vorläufig beigelegt, was in Heinrich die Befürchtung einer Invasion weckte. Der englische Monarch ließ 28 Küstenfestungen erbauen, wobei die dafür nötigen, finanziellen Mittel aus dem Verkauf der von ihm eingezogenen Kirchengüter stammten. Diese auch als Device Forts bekannten Festungen waren noch vor ihrer Fertigstellung wehrtechnisch überholt, da es sich bei ihnen um rondellierte Zirkularbauten handelte.
Erste Erfahrungen mit dem Bastionärsystem sammelten die Engländer 1545 bei der Belagerung von Boulogne, als sie unter der Anleitung des italienischen Baumeisters Girolamo Pennacchi bastionierte Feldbefestigungen anlegten. Wenige Jahre später entstanden auch in England Bastionsbefestigungen. Auf Weisung von Königin Maria I. arbeitete Sir Richard Lee 1558 einen Plan zur Fortifizierung von Berwick-upon-Tweed aus, dessen bauliche Umsetzung von mangelnden Fachkenntnissen zeugte. In den darauf folgenden Jahrzehnten sank der Stellenwert des Festungsbaus in England deutlich, was sich unter Elisabeth I. aufgrund der Gefahr einer spanischen Invasion änderte. Zwischen 1586 und 1588 ließ Elisabeth Dover und Great Yarmouth durch neue Festungswerke verstärken, doch hätten sich diese kurzfristigen Maßnahmen wahrscheinlich als nicht ausreichend erwiesen, wenn der spanischen Armada die Landung auf englischem Boden geglückt wäre.
Als 1642 der Bürgerkrieg ausbrach, verfügten nur wenige englische Städte über zeitgemäße Befestigungsanlagen. Bei der Sicherung ihrer Stützpunkte richteten sich sowohl Parlamentarier als auch Royalisten nach der niederländischen Befestigungsweise, mit der sich diverse Befehlshaber auf beiden Seiten als Freiwillige im Achtzigjährigen Krieg vertraut gemacht hatten. In Städten wie King’s Lynn wurden die mittelalterlichen Mauern durch Bastionen aus Erde ergänzt, während in Newark und Oxford mit der Aufschüttung einer vollständigen Umwallung begonnen wurde. Zur frühzeitigen Bindung feindlicher Kräfte wurden im Umland von zahlreichen Ortschaften bastionierte Forts errichtet, die so genannten Sconces. Wie bei allen bekannten Wehrbauten des Englischen Bürgerkriegs wurde Erde als primärer Baustoff für Sconces verwendet, doch erhielten manche eine Revetierung aus Holz. Eine Besonderheit stellten die Fortifikationen von Bristol, Chester, London und Plymouth dar, die aus einem Ring von Schützengräben, Schanzen, Forts und Hornwerken bestanden. Vorbild hierfür waren wahrscheinlich die Circumvallationslinien, mit denen Städte auf dem europäischen Festland bei einer Belagerung üblicherweise eingeschlossen wurden.
Preußische Manier
Zur Zeit von Friedrich dem Großen kam es zur Einführung der altpreußischen Manier. Hierbei richtete sich die äußere Form wieder mehr nach dem Platzbedarf der Festungsstädte und nicht mehr nach geometrischen Grundsätzen (Polygonalsystem). Die Bastionen wurden stark verkleinert, und in einiger Entfernung wurde ein zweiter, äußerer Wall angelegt. An dessen Ecken wurden kleine Forts errichtet, die nach dem Tenaillensystem in günstigen Positionen (Hügel) gebaut wurden und die auch hinten einen „Abschlusswall“ besaßen, sodass sich jedes alleine verteidigen konnte. Beim Tenaillensystem handelte es sich um eine Art Sternform, sodass ein optimales Flankenfeuer noch besser gewährleistet wurde. Ein Baumeister namens Landsberg hatte diese Methode propagiert, doch wurde nur einmal eine ganze Festung (Neubefestigung von Magdeburg 1730) so errichtet, da sie sehr platzaufwendig waren und sehr verwundbar gegenüber Rikoschettschüssen (Kanonenschüsse mit vorausberechneten Abprallern), für die Forts war sie aber gut geeignet. Da die Abstände zwischen diesen Forts sehr groß waren, wurde dazwischen, in der Mitte jedes Wallstücks, eine Art Bastion errichtet, die ebenfalls einen Abschlusswall besaß und damit ein eigenes „Miniaturfort“ bildete. Bei längeren Abschnitten beider Wälle wurden häufig kleinere „Ausstülpungen“ eingeschoben. Durch vorher angelegte Minengänge konnte ein in Feindeshand geratener Teil der Festung jederzeit gesprengt werden.
Durch den Wiener Kongress 1814/15 konnte Preußen mit der Rheinprovinz sein Staatsgebiet erheblich vergrößern. König Friedrich Wilhelm III. erließ sofort Order, in der Rheinprovinz die großen Städte neu zu befestigen. In den folgenden Jahren entstanden z. B. die Festung Koblenz, die Festung Minden oder der Festungsring Köln. Andere preußische Festungen entstanden in Cosel, Königsberg, Magdeburg, Posen, Thorn, Wittenberg und einigen anderen Städten oder an Flussläufen wie die Festung Küstrin.
Die preußischen Festungen wurden nach modernsten Erkenntnissen, der neupreußischen oder neudeutschen Befestigungsmanier erbaut. Diese behielt die Grundsätze der altpreußischen bei und koppelte sie mit den Ideen vom Marquis de Montalembert und von Lazare Carnot. Anstatt Bastionen anzulegen, wurden im Festungsgraben große, zweistöckige hufeisenförmige Bauwerke (Kaponniere) errichtet, die durch ein vorgeschobenes Deckwerk aus Erde geschützt wurden (der Graben musste eine dreieckige Ausbuchtung erhalten, um alles zu umgeben). Dieses war gleich hoch wie die Kaponniere, während auf dem Dach derselben sich eine Brustwehr aus Erde befand. Die Kanonen der Kaponniere selbst konnten den Feind erst angreifen, wenn dieser am angrenzenden Graben stand – im Gegensatz zu Haubitzen und Mörsern. Deshalb wurden in der Spitze des Deckwerks weitere Bauwerke errichtet, die solche Wurfgeschütze enthielten. Zusätzlich wurden in den Ecken des gedeckten Wegs (zwischen Glacis und Graben) und unten im Graben kleine „Blockhäuser“ aufgestellt. Außerdem wurden die traditionellen Mauern an der Grabeninnenseite (Escarpe) jetzt auf die Höhe des Glacis erhöht, und zwischen dieser Mauer und dem Wall wurde ein kleiner Zwischenraum freigelassen, sodass man Schießscharten hinein machen konnte. Außerdem rutschte der Wall jetzt nicht mehr in den Graben, wenn diese Mauer eingeschossen wurde. In der Nähe der Kaponniere wurden außerdem häufig besonders breite Rampen angelegt, die in den Graben und hinaus auf den gedeckten Weg führten und so schnelle, großangelegte Ausfälle nicht mehr nur vom Tor aus ermöglichten. Zur weiteren Verbesserung des Flankenfeuers wurde die Innenwand des Glacis im leichten Zickzack angelegt. Indem man auch in der Mitte der einzelnen Wallabschnitte Deckwerke mit Kaponniere baute, konnte man diese länger machen.
Der – maximal ein Kilometer – vorgeschobene Fortgürtel besaß jetzt keine Verbindungswälle mehr, die Forts waren also voneinander abgeschnitten. Jedes Fort war in etwa bastionsförmig oder fast dreieckig und hatte im Inneren ein zweistöckiges Bauwerk mit Brustwehr auf dem Dach – es war also eigentlich ein abgeschnittenes Deckwerk mit Miniatur-Kaponniere. Die Forts hatten jetzt auch keinen hinteren Wall mehr, sondern nur mehr einen hinteren Abschluss mit einer Kehlkaserne und einem Kehlgraben – so ließen sie sich besser vom Hauptwall aus kontrollieren. Alle Abstände bei einer Festung konnten später, nach der Einführung der gezogenen Geschütze verlängert werden.
Außer in Frankreich löste die neue Methode allgemein das Bastionärsystem rasch ab. Allerdings wurde dieses Neudeutsche System nur bei strategisch wichtigen Festungen eingesetzt, um Geld zu sparen, die anderen ließ man oft schon jetzt langsam verfallen oder man zerstörte sie. Die Franzosen beharrten als Einzige länger auf der fortlaufenden Instandsetzung des alten Festungsgürtels von Vauban. Nach dem verlorenen Krieg 1870/71 und dem Verlust von Elsaß-Lothringen bauten sie die Barrière de fer.
Nachdem Koblenz preußisch geworden war, begann man unverzüglich mit der Neubefestigung in neupreußischer Manier. Die Stadt Koblenz erhielt eine neue Stadtumwallung und auf den Höhenzügen um die Stadt wurden massive Festungen gebaut. Es entstand das größte militärische Bollwerk am Rhein, eine der stärksten Bastionen. Die Militäringenieure Gustav von Rauch und Ernst Ludwig von Aster errichteten mit ihr eine weitläufige Zitadelle, die bis heute das Stadtbild von Koblenz prägt. Die Stadtbefestigung wurde 1890 wegen der fortschreitenden Kriegstechnik (Brisanzgranate, Eisenbahngeschütze) aufgegeben und vollständig abgerissen. Die Festungen in Koblenz verloren an militärischer Bedeutung, blieben aber bis zum Ersten Weltkrieg in Funktion. Danach wurden sie zum Teil geschleift oder verwahrlosten.
Von wenigen Ausnahmen abgesehen, neben Koblenz vor allem Metz, Straßburg, Mainz, Köln, Thorn und Posen, rückte der Unterhalt und die Anpassung von Festungen an die Entwicklung der Militärtechnik nach 1871 in den Hintergrund. Der strategische Schwerpunkt lag auf möglichst mobilen Heereseinheiten. Zudem verschlang das Deutsch-Britische Flottenwettrüsten Summen, die unter anderem bei den Festungen eingespart wurden. Vor allem im Landesinneren wurden zahlreiche Festungen ganz aufgegeben und die Festungsringe, wenn auch zum Teil zögerlich, für Stadterweiterungen und Straßenbau freigegeben. Andere Städte blieben formal Festungen, die Verteidigungsanlagen wurden aber nicht mehr modernisiert.
In den verbliebenen Festungsstädten verfügten die Festungsgouverneure und -kommandeure insbesondere im Fall einer militärischen Bedrohung über erhebliche Machtmittel gegenüber der städtischen Bevölkerung sowie der zivilen Verwaltung und Politik. Dazu zählte unter anderem die mögliche Ausweisung von Teilen der Bevölkerung, insbesondere wegen politischer Unzuverlässigkeit und wegen drohender Versorgungsschwierigkeiten. Zudem galten für Bewohner von Festungsstädte besondere Vorschriften, vor allem zur Bereithaltung von Vorräten, um die eigene Versorgung im Fall einer Einschließung durch gegnerische Kräfte sicherstellen zu können. Allerdings hätte die Militärverwaltung die in der Stadt verbleibenden Armen aus ihren eigenen Vorräten verpflegen müssen. Die Detailregelungen für den Fall der drohenden Einschließung verblieben lange auf dem Stand von kurz nach der Mitte des 19. Jahrhunderts. Erst 1913 versuchte die deutsche Reichsregierung angesichts der allgemeinen Kriegserwartung die Verteidigungsfähigkeit der Festungen zu überprüfen und zu erhöhen. Je nach erwarteter Bedrohung sollten die Festungen zwischen drei und sieben Monaten zur autarken Versorgung, insbesondere mit Lebensmitteln, Medikamenten und Verbandsmaterial, in der Lage sein. Auf die Regierungsinitiative hin bildeten sich lokale Verpflegungsausschüsse, die den Stand der Vorbereitungen erfassen sollten. Die Erhebungen ergaben weitgehend das Bild unzureichender Überlebensfähigkeit. So wären in Köln die Kranken- und Waisenhäuser für rund zwei Monate und damit nahezu dem Mindestmaß entsprechend ausgestattet gewesen, die allgemeine Bevölkerung hätte aber allenfalls zwei Wochen lang ernährt werden können. Es folgten Beratungen und Erörterungen, bei denen es vor allem um die Kostenaufteilung der nötigen Verproviantierung zwischen den Kommunen und dem Reich ging. Diese waren erheblich. So wurden die Kosten für eine ausreichende Verproviantierung der Stadt Posen auf zehn Millionen Mark geschätzt, zu denen nach Kriegsbeginn noch einmal acht Millionen hinzugekommen wären. Umgesetzt wurde bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs jedoch kaum etwas. Aber auch die mögliche Ausweisung Arbeitsunfähiger wurde näher erörtert. So wurden 1914 für Köln rund 100.000 Abzuschiebende, rund 16 Prozent der Stadtbevölkerung, angenommen. Diese Menschen hätten im Umland in Notunterkünften untergebracht werden sollen.
Tatsächlich umgesetzt wurden Ausweisungen zunächst vor allem an und in der Nordsee. So musste fast die gesamte Helgoländer Bevölkerung bereits im August 1914 überstürzt die Insel verlassen und wurden anschließend zum Teil durch die Militärbehörden durch Geldzahlungen versorgt. Von Borkum gingen 575 Personen, teils freiwillig, teils auf Anweisung der Militärbehörden, aufs Festland. Der Großteil kehrte allerdings Mitte Oktober 1914 wieder zurück. Rund 50 Einwohner mussten die stark befestigte Insel Wangerooge verlassen. Auf den Nordfriesischen Inseln wurden bis zu 70 Personen in Schutzhaft genommen, die aber nach der Neutralitätserklärung Dänemarks wieder freikamen. Diese Anordnungen dienten vor allem auf Helgoland und Wangerooge dem Schutz der Bevölkerung vor Folgen eventueller Kampfhandlungen, sollten aber vor allem die Unterstützung möglicher britischer Landungsoperationen vereiteln. In kleinem Umfang kam es auch in den östlichen Festungsstädten zur Evakuierung eines Teils der Bevölkerung. So wurden in Königsberg im August 1914 Familienangehörige von Militärpersonal sowie Rekruten nach Westen ins Landesinnere gebracht. In Breslau wurden die Insassen von Strafanstalten und Irrenhäusern abgeschoben. Darüber hinaus verfügten Festungskommandanten auch über Befugnisse zur Pressezensur, zur Einschränkung kultureller Aktivitäten sowie zur Überwachung und vorübergehenden Verhaftung oder Abschiebung ins Reichsinnere einzelner Personen. Diese wurden insbesondere gegen nationale Minderheiten in Nordschleswig (Dänen), Preußen (Polen) und Lothringen (Franzosen) genutzt.
Weitere Festungen
Außerhalb Preußens entstanden etwa die deutsche Bundesfestung Ulm, die bayerisch-pfälzischen Festungen (Landesfestung Ingolstadt, Festung Rothenberg, Festung Germersheim), in Kursachsen die Dresdner Befestigungsanlagen, die Festung Torgau und die Festung Königstein, im Fürstbistum Bamberg die Festungen Rosenberg und Forchheim, die Würzburger Festung Marienberg, die badische Festung Rastatt. Die fünf Forts des zweiten Verteidigungsrings der kurerzbischöflichen Festung Mainz, die bereits zwischen 1710 und 1735 gebaut wurden, wurden modernisiert, weitere 18 Forts entstanden in einem dritten Verteidigungsring.
In der Schweiz entstand ab 1659 die Festung Aarburg, in Italien wurde die alte Festung Civitella del Tronto neu befestigt, Oslo wurde mit der Festung Akershus befestigt, im 19. Jahrhundert entstand die Festung Antwerpen.
Feste
Als Feste (auch Gruppenbefestigung oder französisch groupe fortifié) bezeichnet man einen in Deutschland am Ende des 19. Jahrhunderts entwickelten Festungstyp. Die immer stärker gewordene Angriffsartillerie erforderte es, die Geschütze einer Festung, die den Fernkampf zu führen hatten, unter Panzerschutz zu stellen. Gleichzeitig musste der Infanterie durch betonierte Kasernen ein entsprechender Schutz geboten werden. Das entscheidende Merkmal der Feste war, die Lage vor allem dieser beiden wichtigsten Elemente einer modernen Festung – Panzerbatterie und Infanteriewerk – ausschließlich an die Lokalität anzupassen. Die einzelnen Anlagen wurden über das Gelände verstreut (sogenannte aufgelöste Bauweise), um aus der gegebenen Landschaft einen möglichst großen taktischen Vorteil zu gewinnen. Damit endete die Zeit der Einheitsforts im Festungsbau. Das neue Konzept wurde in Deutschland mit AKO (Allerhöchster Kabinetts-Ordre) vom 30. Juni 1897 beschlossen. Als erste Befestigung dieses neuen Typs wurde die Feste Haeseler südlich von Metz ab 1899 errichtet. Insgesamt wurden erbaut:
In den dreißig Jahren vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs wurden rund 500 Millionen Reichsmark investiert, um die Landesverteidigung zu stärken.
Festungen des Ersten Weltkrieges
Österreich-Ungarn
An der Straße von Bovec in Slowenien zum Predilpass (slow. Predel) befinden sich zwei k. u. k. Festungswerke des Ersten Weltkrieges: die 1881/82 erbaute sog. Flitscher Klause (slow.: Trdnjava Kluže) und die Ruine des Forts Hermann.
Beide Festungen sollten den strategisch wichtigen Predelpass ins Kanaltal abriegeln und waren somit ein Teil der Isonzofront.
Vom Fort Hermann steht nur noch eine Ruine. Dessen Betonpanzer konnte den neuartigen Granaten nicht standhalten.
„Festung“ im Zweiten Weltkrieg (1944/45)
Während des Zweiten Weltkrieges (1939–1945) prägte Adolf Hitler den Begriff um: als Bezeichnung von Orten, die aufgrund ihrer operativen Bedeutung als Verkehrsknotenpunkte besonders hartnäckig verteidigt werden sollten, auch wenn das ihre Einschließung bedeutete. Im März 1944 erklärte er per Führerbefehl zahlreiche Orte zu Festungen.
Das Konzept bewährte sich nicht und führte zu größeren Verlusten der Wehrmacht.
Hitler ernannte im Januar 1944 alle wichtigen Hafenstädte im Westen zu „Festungen“. Beispiele:
Am 27. Mai 1944 griffen amerikanische Bomber die deutschen Militäranlagen in Marseille an. Am 28. August kapitulierten nach einwöchigem Kampf die deutschen Besatzer gegenüber den Truppen des Freien Frankreich.
Die Verteidiger kämpften nicht so fanatisch wie zum Beispiel in OKW-Befehlen von Februar 1944 zur Verteidigung von Festungen gefordert. Darin war befohlen, „bis zum letzten Mann“ zu kämpfen und keinesfalls zu kapitulieren.
Nach der Landung in der Normandie griffen alliierte Truppen Caen an. Es kam zur verlustreichen Schlacht um Caen, da die Alliierten aus ihrem Brückenkopf ausbrechen und die Deutschen dies verhindern wollten. Caen war der einzige große Seehafen in diesem Brückenkopf und für die Anlandung des alliierten Nachschubs sehr wichtig.
Paris wurde 1944 zur Festung erklärt, obwohl die Deutschen kaum Ressourcen hatten, um die Stadt zu verteidigen. Hitler gab den Trümmerfeldbefehl, der Stadtkommandant Dietrich von Choltitz ignorierte diesen und kapitulierte im August 1944.
Hitler erklärte Anfang Dezember 1944 Budapest zur Festung.
Ehemalige Festungen und der Denkmalschutz
Nach der Aufgabe einer Festung wurden im Normalfall sämtliche Festungswerke geschleift, das heißt beseitigt und einer zivilen Nutzung zugeführt. Auf diese Art und Weise sind die meisten Festungen in Deutschland und in den europäischen Nachbarstaaten dem Erdboden gleichgemacht worden. Dies geschah vor allem im Zusammenhang mit der Entfestigung der großen Städte und nur in eher seltenen Fällen konnte eine städtische Festung der Nachwelt erhalten bleiben.
Noch heute finden sich in den meisten europäischen Städten topografische Spuren der ehemaligen Befestigungen, da der mit dem Schleifen gewonnene ebene Baugrund zumeist zum Anlegen breiter Prachtstraßen verwendet wurde. Diese wurden entweder auf dem kompletten Festungsring oder doch auf Teilen davon errichtet. Die wohl bekanntesten Beispiele sind neben Paris (das schon unter Ludwig XIV. entfestet wurde), Mannheim, Dresden, München und Wien.
Die Befestigungen Wiens samt Glacis wurde aufgrund der in der k.u.k. Generalität noch immer präsenten Angst vor der Türkengefahr erst in den 1850er Jahren geschleift. Auf den freigewordenen Flächen wurden die Ringstraße und zum Teil sehr vornehme Stadtviertel errichtet, die nun Wien und die Wiener Vorstädte zu einer einheitlichen Stadt verbanden. Auch die im Französischen gebräuchliche Bezeichnung Boulevard weist auf die ehemaligen Befestigungen hin, denn das französische Wort leitet sich von „Bollwerk“ ab und bezeichnet die an Stelle der ehemaligen Bollwerke angelegten Straßen. In manchen Städten hat sich sogar noch das Bastionärsystem im zick-zack-förmigen Straßenverlauf der Ringstraße niedergeschlagen. Auch in Berlin finden sich in den Straßennamen Reminiszenzen an die ehemaligen Befestigungen: Oberwall-, Niederwall- und die Wallstraße erinnern an den ursprünglichen Verlauf der Anlage. Weiterhin zeichnet die Berliner Stadtbahn mit ihrem gebogenen Verlauf zwischen den Bahnhöfen Jannowitzbrücke und Hackescher Markt den Verlauf des alten Festungsgrabens nach.
In Dresden wurden Teile der Festungsanlagen umfunktioniert und haben heute herausragenden Stellenwert als Kultureinrichtungen und Ensembles von Bauwerken. So wurde eine Bastion zum Zwinger umgebaut. Auf der Seite des Kronentors wurde vor dem Zweiten Weltkrieg der schon verlandete Wassergraben der Festung freigelegt. Auch die Brühlsche Terrasse geht auf die Festungsanlage zurück und besitzt bis in die Gegenwart Kasematten der Festung.
Eine Besonderheit des Festungsbaus stellt in Deutschland die Festung Minden mit ihrem befestigten Bahnhof dar. Die Anlage ist wegen ihrer frühen Aufhebung und der anschließend unterlassenen Schleifung in weiten Teilen erhalten geblieben. Sie gibt den Stand des Festungsbaues des 19. Jahrhunderts wieder und stellt weiterhin anschaulich den Zusammenhang von Festung und Eisenbahn her.
Die Festung Plassenburg in Kulmbach präsentiert sich heute trotz der Teilzerstörung von 1806/07 als gewaltige Verteidigungsanlage, in deren Kern sich ein vierflügeliger Renaissancepalast befindet. In der Plassenburg zeigen sich nebeneinander mittelalterlicher Burgenbau, frühneuzeitliche Verteidigungsbauweise mit Rondellen und Basteien in Ausmaßen wie sie Albrecht Dürer in seiner Befestigungslehre von 1527 forderte, Bastionen in unterschiedlichen Bauweisen des 16. und 17. Jahrhunderts, sowie Kasernenbauten des 17. und 18. Jahrhunderts. Mit der Hohen Bastei verfügte die Plassenburg über eines der größten Bollwerke dieser Art. Nach umfangreichen Umbauten der Nationalsozialisten durch Fritz Todt und Siegfried Schmelcher zwischen 1937 und 1942 erhält und restauriert seit den 1950er Jahren die Bayerische Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen die Festung.
Von der Bundesfestung Ulm (1842–1859, mit nachträglichen Erweiterungen) ist trotz umfangreicher Abbruchmaßnahmen im frühen 20. Jahrhundert und in den 1960ern das meiste erhalten geblieben – so stehen heute noch die komplette Nordumwallung samt der Wilhelmsfeste, ein großer Teil der westlichen Neu-Ulmer Stadtumwallung, Reste der Stadtfronten westlich und östlich der Ulmer Altstadt sowie 12 der 14 Außenforts. Aus der Zeit der Reichsfestung Ulm stehen heute noch einige kleine, zum Teil nach dem Zweiten Weltkrieg gesprengte Betonwerke der Hauptkampfstellung 1914. Um den Erhalt der gesamten Anlage kümmert sich heute der Förderkreis Bundesfestung Ulm.
Von der 1937 offiziell aufgelassenen Bayerischen Landesfestung Ingolstadt sind noch zahlreiche Bauwerke aus verschiedenen Epochen erhalten, vor allem von den klassizistischen Befestigungen im stadtnahen Bereich. Von den Kavalieren wurde lediglich der Kavalier Spreti 1963 abgerissen. Die meisten Werke des vorgeschobenen Fortgürtels wurden allerdings nach dem Zweiten Weltkrieg auf Befehl der amerikanischen Besatzungsmacht gesprengt; hier existiert lediglich noch das Fort Prinz Karl.
Vor allem an der Nordostgrenze Frankreichs blieben indes viele Festungsanlagen nahezu komplett erhalten (Belfort, Neuf-Brisach). Auch dies ist, parallel zu Wien, auf die Angst der zuständigen Generalität zurückzuführen, die in ständiger Sorge um eine Wiederholung des verheerenden Einmarsches der Deutschen im Jahre 1870 den bestehenden Festungsgürtel aufrechterhielten und ausbauten. Dies schien angesichts des siegreichen Ausganges des Ersten Weltkrieges eine erfolgversprechende Strategie zu sein, an deren Ende der Bau der Maginot-Linie stand. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erfolgte, nicht zuletzt forciert durch Charles de Gaulle, ein allmähliches Umdenken der französischen Verteidigungspolitik.
Mit der Erforschung historischer Festungen und ihrer Umgebung (Städte, Regionen) befassen sich verschiedene Vereinigungen in Europa. In Deutschland ist es die Deutsche Gesellschaft für Festungsforschung e. V. (DGF), die regelmäßig wissenschaftlich publiziert, jährlich Tagungen und Exkursionen organisiert und im Jahr 2021 auf ihr vierzigjähriges Bestehen zurückblickt. Sie hat von Anfang an mit gleichartigen europäischen Initiativen und Einrichtungen eng zusammengearbeitet, so mit der Österreichischen Gesellschaft für Festungsforschung, der FORT.CH (Schweiz), der Stichting Menno van Coehoorn (Niederlande), der Fortress Study Group (Großbritannien), der Association Vauban (Frankreich) und den „Frënn vun der Festungsgeschicht Lëtzebuerg“ (Luxemburg). Auch das östliche Europa ist beteiligt; bereits auf der ersten Internationalen Tagung der DGF – 1981 in Wesel – waren zwei Wissenschaftler aus Polen, von der Politechnika Gdanska, als Referenten tätig.
Es ist heute Aufgabe des Denkmalschutzes, die ehemaligen Festungsanlagen oder deren Reste zu erhalten, damit sich die Menschen auch in späteren Zeiten noch eine Vorstellung über diese vergangene Epoche und den Folgen für ihr eigenes Leben machen können.
Zitate
Siehe auch
Liste von Festungen
Fachbegriffe Festungsbau
Schlüsselgelände
Literatur
Zeitgenössische Quellen
Honorat de Meynier: Fortification-Baw. Hoffmann, Frankfurt am Main 1642 .
Festungsbau aus „Das kleine Buch vom Deutschen Heere“, Lipsius und Tischer, Kiel und Leipzig 1901
Praxis Artis Muniendi Modernae, das ist: Ausführliche Anweisung des Fortification-Baues. [S.l.] 1689, Online-Ausgabe der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden.
Theoria Artis Muniendi Modernae, das ist Kunstmässige Hand-Grieffe, und Anweisung der vierfachen Fortification, nach welcher heutiges Tages in Europa die Vestungen pflegen erbauet, und mit Aussenwercken verwahret zu werden. Franckfurt 1689, Online-Ausgabe der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden.
Speculum Artis Muniendi Lucidissimum, das ist: Hell-Leüchtender Fortifications-Spiegel. Leipzig 1694, Online-Ausgabe der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden.
Übersichts- und Forschungsliteratur
Karl Bauer: Fort Max Emanuel und Fort Prinz Karl der Festung Ingolstadt. 2. und 3. Auflage. Polygon, Eichstätt 2010, ISBN 978-3-928671-38-5 und -56-9.
Tobias Büchi: Fortifikationsliteratur des 16. und 17. Jahrhunderts: Traktate deutscher Sprache im internationalen Kontext. Basel: Schwabe 2015
Tobias Büchi: Die Festung Basel, Daniel Specklin und der Dreissigjährige Krieg. Basel: Colmena, 2021
Christopher Duffy: Fire & Stone. The Science of Fortress Warfare. 1660–1860. 2. Auflage. Greenhill Books, London 1996, ISBN 1-85367-247-5.
Christopher Duffy: Siege Warfare. The Fortress in the Early Modern World. 1494–1660. 2. Auflage. Routledge, London 1996, ISBN 0-415-14649-6.
Christopher Duffy: Siege Warfare Volume II. The Fortress in the Age of Vauban and Frederick the Great. 1680–1789. Routledge, London 1985, ISBN 0-7100-9648-8.
Henning Eichberg: Militär und Technik. Schwedenfestungen des 17. Jahrhunderts in den Herzogtümern Bremen und Verden. Schwann, Düsseldorf 1976, ISBN 3-590-18107-9.
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Frank Gosch: Festungsbau an Nordsee und Ostsee. Die Geschichte der deutschen Küstenbefestigungen bis 1918. Mittler, Hamburg u. a. 2003, ISBN 3-8132-0743-9.
Michael Losse: Festung, Festungsbau. In: Horst Wolfgang Böhme, Reinhard Friedrich, Barbara Schock-Werner (Hrsg.): Wörterbuch der Burgen, Schlösser und Festungen. Reclam, Stuttgart 2004, ISBN 3-15-010547-1, S. 123–126, doi:10.11588/arthistoricum.535.
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Werner Oechslin, Tobias Büchi, Martin Pozsgai: Architekturtheorie im deutschsprachigen Kulturraum: 1486–1648. Basel: Colmena, 2018
Geoffrey Parker: The Military Revolution. Military Innovation and the Rise of the West, 1500–1800. 2. Auflage. Cambridge University Press, Cambridge 1996, ISBN 0-521-47958-4.
Rudi Rolf: Die Deutsche Panzerfortifikation. Osnabrück 1991, ISBN 3-7648-1784-4.
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Ulrich Schütte: Das Schloss als Wehranlage. Befestigte Schlossbauten der frühen Neuzeit. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1994, ISBN 3-534-11692-5 (zur Anwendung von Bollwerken/Kanonenbatterien, Rondellen und Bastionen an Burgen und Schlössern des 15. bis 18. Jh.)
Ernst Seidl (Hrsg.): Lexikon der Bautypen. Funktionen und Formen der Architektur. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 3-15-010572-2.
Julia Seelig: Das UNESCO-Weltkulturerbe „Stelling van Amsterdam“. Historische Bedeutung und heutige besucherorientierte Nutzung einer niederländischen Großfestung, Beiträge zur angewandten Festungsforschung, Bd. 2, hrsg. von Ingo Eberle und Anja Reichert, zuerst als Diplomarbeit im Fachbereich Geographie und Geowissenschaften der Universität Trier, Norderstedt: BoD, 2007, ISBN 978-3-8334-8558-9.
Zeitschriften und Schriftenreihen
Beiträge zur internationalen Festungsforschung. (Schriftenreihe). Roderer, Regensburg 2001–.
Schriftenreihe Festungsforschung. Deutsche Gesellschaft für Festungsforschung (DGF), Frankfurt am Main u. a. 1981–, .
Festungsjournal. Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Festungsforschung (DGF). Dortmund u. a. 1982-, .
Zeitschrift für Festungsforschung. Wissenschaftliches Organ der Deutschen Gesellschaft für Festungsforschung e. V., Schriftleitung: Volker Schmidtchen (verantwortlich), Klaus Martin Hofmann, Burkhard Pape. Redaktion: Thomas Biller u. a. 1982–1988. .
Weblinks
Deutsche Gesellschaft für Festungsforschung
Studienkreis für internationales Festungs- Militär und Schutzbauwesen
Schweizer Festungen des 20. Jahrhunderts
Kölner Festungsmuseum
Französische Literatur über Festungen
The Fortress Study Group
Einzelnachweise
Befestigungstyp
Befestigungswesen (Frühe Neuzeit)
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Q57831
| 189.816958 |
3533542
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https://de.wikipedia.org/wiki/Filehosting
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Filehosting
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File Hosting ist eine Online-Dateiablage, die es Nutzern erlaubt, Dateien über das Internet oder ein Unternehmensnetzwerk auf einem zentralen Datenspeicher abzulegen und über einen Client oder via Webbrowser darauf zuzugreifen.
Lassen sich die Dateien auch mit anderen Personen teilen, so spricht man auch von Sharehostern bzw. Filesharing. In den meisten Fällen bieten File-Hoster auch File-Sharing-Funktionalität und die beiden Begriffe sind daher nicht klar voneinander abgegrenzt. Es gibt kommerzielle Anbieter für Privatpersonen und Unternehmen ebenso wie Softwarelösungen für den Betrieb eines privaten Servers.
Aus wirtschaftlichen, technischen oder politischen Gründen kann die Verfügbarkeit der Dateien eingeschränkt oder durch Abschaltung der Dateispeicher sogar unmöglich werden.
Funktionen
Je nach Anbieter und Server-Software werden unterschiedliche Funktionen bereitgestellt. Meistens sind das:
Versionierung von Dateien, so dass von einer Datei (mit gleichem Namen) unterschiedliche Versionsstände gespeichert werden
Wiederherstellung alter Dateiversionen
Papierkorbfunktion (d. h. die Wiederherstellung gelöschter Dateien)
Dateiup- und download via Smartphone-App auf Android-Geräten und iPhone/iPad
Synchronisation von online und offline Datenbestand (d. h. zwischen Daten auf dem Server und dem/den Client/s)
Online Bearbeitung von Office Dokumenten via Webinterface direkt auf dem Server (z. B. text- oder tabellenbasierte Dateien)
Automatische E-Mail-Benachrichtigung für die Empfänger, wenn Dateien für sie eingestellt worden sind.
Benachrichtigung, wenn bestimmte Dateien automatisch gelöscht worden sind. Z. B. wenn der Absender wünscht, dass die hochgeladenen Dateien nach einem bestimmten Zeitraum von dem Dateiaustauschdienst automatisch gelöscht werden.
Automatische Konvertierung von bestimmten Dateiformaten (z. B. wurde eine Bilddatei vom Sender als JPG hochgeladen und kann vom Empfänger im GIF-Format heruntergeladen werden.).
Vergabe von Zugriffsrechten auf einzelne Verzeichnisse, Verzeichnisbäume, einzelne Dateien und Dateigruppen. Dadurch wird dem Anwender nur das gezeigt, auf das er Zugriff hat.
Freigeben von Dateien für andere Personen, etwa durch einen Freigabe-Link
Interne (relative) HTML-Links zu benachbarten Dateien.
File Hosting-Anbieter
Zu den bekannten File Hosting-Anbietern gehören:
Dropbox
Google Drive
iCloud
Microsoft OneDrive
SpiderOak
WeTransfer
Software
File Hosting Serversoftware
ownCloud – Open Source.
Nextcloud – Open Source. Fork des Gründers von ownCloud, Frank Karlitschek.
Seafile – Community Edition Open Source
TeamDrive
Kommandozeilenprogramme zum Abgleichen von Dateien
rsync
Unison (Software)
Mögliche Kritik
Cloud-Anbieter sind nicht immer vertrauenswürdig.
Manche Anbieter sind teuer.
Man braucht eine Internetverbindung.
Wartezeiten beim Hoch- oder Herunterladen von Dateien
Man ist abhängig vom Anbieter.
Die Dateien bleiben nicht immer privat.
Hacking ist möglich.
Siehe auch
Enterprise File Sync & Share
Online-Dienst
Filesharing
Webhosting
Liste von Datensicherungsprogrammen
Einzelnachweise
Cloud Computing
|
Q1343205
| 85.277832 |
710525
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https://de.wikipedia.org/wiki/Rotbannerorden
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Rotbannerorden
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Die Regierung Sowjetrusslands stiftete den Rotbannerkampforden, besser bekannt als Rotbannerorden (), am 16. September 1918 während des Russischen Bürgerkrieges. Er bestand später als Auszeichnung der Regierung der UdSSR weiter, die ihn am 1. August 1924 stiftete. Der Orden wurde bis 1991 verliehen.
Geschichte
Mit dem Rotbannerorden wurden militärische Heldentaten anerkannt. Vor der Stiftung des Leninordens am 6. April 1930 fungierte der Rotbannerorden als höchster (und praktisch einziger) militärischer Orden der UdSSR. Fast alle bekannten sowjetischen Kommandeure waren (zum Teil mehrfache) Träger des Rotbannerordens.
Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Rotbannerorden als besondere Tapferkeitsauszeichnung für heroische Einzeltaten oder aber für militärische Verdienste im Kampf über einen längeren Zeitraum hinweg verliehen. Er war somit das sowjetische Äquivalent zum deutschen Eisernen Kreuz 1. Klasse. Erst ab Mitte 1944 wurde der Rotbannerorden auch für lange Dienstzeit in den sowjetischen Streitkräften verliehen (20 Jahre) und somit in seinem Ansehen deutlich abgewertet. Mehrfachverleihungen waren möglich; die Orden der Mehrfachverleihungen erhielten im unteren Drittel einen mitgeprägten, weiß emaillierten Wappenschild mit goldener Mehrfachverleihungsnummer. Die höchste hergestellte Mehrfachverleihungsnummer ist die ‚8‘, die höchste bekannte Anzahl der Mehrfachverleihungen ist ‚7‘.
Im Zweiten Weltkrieg wurde der Orden auch an ganze militärische Einheiten/Verbände, an Städte, Schiffe, politische und gesellschaftliche Organisationen, Staatsunternehmen, Kolchosen usw. verliehen, wenn sie sich um die Verteidigung des Vaterlandes verdient gemacht hatten.
Obwohl offiziell zunächst vorgesehen war, dass nur der Orden mit der höchsten Mehrfachverleihungsnummer an der Uniform getragen werden sollte, trugen die meisten Beliehenen zusätzlich auch alle bereits zuvor verliehenen Rotbannerorden.
Der Orden bestand aus einem rot und weiß emaillierten Abzeichen, auf dem das goldene Hammer-und-Sichel-Emblem, umgeben von zwei goldenen Weizenähren, auf einem Roten Stern, dahinter gekreuzt Hammer, Pflug, Fackel und eine Rote Fahne mit dem Motto Пролетарии всех стран, соединяйтесь! (Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!) abgebildet waren; unten waren zunächst die kyrillischen Buchstaben РСФСР (transkribiert RSFSR) für ‚Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik‘ und später die kyrillischen Buchstaben СССР (transkribiert SSSR) für ‚Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken‘ auf dem Roten Band zu sehen.
Der Orden wurde ursprünglich als Orden an Schraube mit Schraubscheibe verliehen, der auf der linken Brustseite getragen wurde. Eine Ordensspange mit aufgelegtem Band wurde 1943 im Rahmen einer Vorschriftenänderung hinzugefügt. Das Band bestand aus rotem Seidenmoiré mit einem breiten weißen Mittelstreifen und einem dünnen weißen Streifen an den Rändern.
Träger des Rotbannerordens (Auswahl)
Iwan Nikitowitsch Koschedub (siebenfach)
Michail Michailowitsch Gromow (vierfach)
Josef Stalin (dreifach)
Marschall Wassili Konstantinowitsch Blücher, erster Träger des Ordens
Marschall Georgi Konstantinowitsch Schukow (dreifach)
Anton Semjonowitsch Makarenko
Nikolai Erastowitsch Bersarin
Bessarion Lominadse
Clara Zetkin
Harro Schulze-Boysen (postum 1969)
Arvid Harnack (postum 1969)
Adam Kuckhoff (postum 1969)
Hansheinrich Kummerow (postum 1969)
Ilse Stöbe (postum 1969)
Kurt Fischer (postum 1969)
Max Hoelz (in Abwesenheit 1927)
Kaspische Flottille
Rosalija Samoilowna Salkind, die erste Frau mit dieser Auszeichnung
Ruth Werner (zweifach)
Markus Wolf
Baltische Flotte (Baltische Rotbannerflotte)
Gesangs- und Tanzensemble der russischen Armee, A. W. Alexandrow (zweifach)
Nina Onilowa
Andere Orden
Während des Russischen Bürgerkrieges existierten noch andere ähnlich benannte Orden, die von anderen konstituierten und nicht konstituierten Sowjetrepubliken gestiftet worden waren.
Am 28. Dezember 1920 stiftete Sowjetrussland den Orden des Roten Banners der Arbeit für Arbeits- und Zivilleistungen. Das allsowjetische Äquivalent datiert vom 7. September 1928.
Siehe auch
Leninorden
Orden der Oktoberrevolution
Weblinks
Beschreibung (englisch)
Dekret vom 16. September 1918 (russisch)
Einzelnachweise
Orden und Ehrenzeichen (Sowjetunion)
Träger des Rotbannerordens
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Q337463
| 135.997666 |
5986575
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https://de.wikipedia.org/wiki/Raumflugmechanik
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Raumflugmechanik
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Die Raumflugmechanik ist ein Fachgebiet der Luft- und Raumfahrttechnik und befasst sich mit den Bewegungsgesetzen natürlicher und künstlicher Himmelskörper unter dem Einfluss der Gravitation anderer Körper und gegebenenfalls ihres eigenen Antriebes. Sie erweitert das Gebiet der Himmelsmechanik, mit der sie den geschichtlichen Hintergrund wie auch die grundlegenden physikalischen Gesetze gemeinsam hat.
Geschichte
Die Bewegungen der Planeten – einschließlich der Erde – um die Sonne wurden bereits in der Antike vermutet und von Nikolaus Kopernikus in der Neuzeit (1543) erneut postuliert. Gestützt auf Beobachtungen insbesondere seines Lehrmeisters Tycho Brahe konnte Johannes Kepler 1608/09 die nach ihm benannten Gesetze der Planetenbewegungen aufstellen. Die Erklärung des mathematischen Hintergrundes und der die Anziehung vermittelnden Gravitationskraft gelang erst Isaac Newton 1687. Die Abspaltung von der konventionellen Himmelsmechanik lässt sich 1903 mit der Entdeckung der Raketengrundgleichung, die den prinzipiellen Antriebsbedarf der Raumfahrt aufzeigt, durch Konstantin Ziolkowski festlegen. Weitere wesentliche Grundlagen der Raumflugmechanik trugen Walter Hohmann und Hermann Oberth zusammen.
Keplersche Gesetze
1. Kepler-Gesetz
Die Planeten bewegen sich auf elliptischen Bahnen, in deren einem Brennpunkt die Sonne steht.
2. Kepler-Gesetz
Ein von der Sonne zum Planeten gezogener „Fahrstrahl“ überstreicht in gleichen Zeiten gleich große Flächen.
3. Kepler-Gesetz
Die Quadrate der Umlaufzeiten zweier Planeten verhalten sich wie die dritten Potenzen (Kuben) der großen Bahnhalbachsen.
Kepler beschrieb in dieser ursprünglichen Fassung die Gesetze für die ihm bekannten Planeten, sie gelten aber universell und sind nicht auf Ellipsenbahnen beschränkt. Vielmehr lässt sich aus den Bewegungsgleichungen des idealisierten Zweikörpersystems in der Potentialtheorie (s. u.) herleiten, dass sich Körper um die Zentralmasse auf Kegelschnittbahnen wie folgt bewegen:
bei geringer Energie ist die Umlaufbahn elliptisch (mit dem Kreis als Spezialfall);
ein Körper mit Fluchtgeschwindigkeit entfernt sich auf einer parabolischen Bahn und kommt im Unendlichen zur Ruhe;
ein Körper mit noch höherer Energie entfernt sich auf einer hyperbolischen Bahn und hat im Unendlichen eine Restgeschwindigkeit, die hyperbolische Exzess- oder Überschussgeschwindigkeit.
Dabei ist es wichtig, auf das Bezugssystem zu achten (Erde, Sonne oder Planet); wechselt man das Bezugssystem, so müssen Geschwindigkeit und Bewegungsenergie umgerechnet werden, da sich die Systeme relativ zueinander bewegen.
Aus den o. g. Bewegungsgleichungen lassen sich die für die Raumfahrt wesentlichen Geschwindigkeiten berechnen. Die wichtigsten sind:
7,9 km/s: Geschwindigkeit eines Körpers in einer niedrigen Umlaufbahn um die Erde (erste kosmische Geschwindigkeit)
11,2 km/s: Geschwindigkeit eines Körpers, um das Schwerefeld der Erde zu verlassen (Fluchtgeschwindigkeit oder zweite kosmische Geschwindigkeit)
29,8 km/s: Geschwindigkeit der Erde auf ihrer Bahn um die Sonne (heliozentrisch, also auf die Sonne bezogen)
Gravitationsgesetz
Die von Newton 1687 als fundamentale physikalische Kraft erkannte und beschriebene Gravitationswirkung zweier Körper der Massen und erlaubt die Bestimmung der gegenseitigen Anziehungskraft:
.
steht hier für die Gravitationskonstante und für den Abstand der beiden Massen bzw. ihrer Schwerpunkte. Dabei ist angenommen, dass größer ist als die Ausdehnung der Massen selbst. Gravitation wirkt immer anziehend; Newton konnte zeigen, dass die Wirkung einer solchen Kraft, die umgekehrt zum Quadrat des Abstandes ist, alle von Kepler beschriebenen Effekte hervorruft. Das Gravitationsgesetz bildet daher, obwohl später entdeckt, die Grundlage für die Keplerschen Gesetze.
Das Allgemeine Zweikörperproblem
Die allgemeine Fassung obiger beider Gesetze führt auf das Allgemeine Zweikörperproblem, bei dem sich zwei Massen m1 und m2 in einem Inertialsystem bewegen. Man formuliert dabei die durch die Anziehungskraft verursachte Beschleunigung einer jeden Masse
Dabei ist die Beschleunigung einer jeden Masse gleich der zweiten Ableitung des Ortsvektors
Man erhält
Man kann den Schwerpunkt beider Massen und ihren Verbindungsvektor r=r2-r1 einführen und erhält dann aus den beiden Bewegungsgleichungen
und daraus
Aus dieser Gleichung lassen sich unmittelbar die Erhaltungssätze ableiten. Aus dem Kreuzprodukt mit r erhält man nach Integration
Dies entspricht der Erhaltung des Drehimpulses und ist äquivalent zum 2. Keplerschen Gesetz. Multipliziert man hingegen skalar mit , so ergibt sich unter Benutzung der Produktregel der Differenzialrechnung
C hat die Dimension einer spezifischen Energie (Energie pro Masse) und beschreibt die zeitlich invariable Energie der relativen Bewegung der beiden Massen.
Weiter kann man die Bahnkurve der Bewegung bestimmen (Hamiltonsches Integral), indem man das Kreuzprodukt der Zweikörpergleichung mit dem Drehimpulsvektor h bildet. Man erhält dann die geometrische Beschreibung der Bahn in der Form
Dabei beschreibt die sich aus einer Integrationskonstanten ableitende Größe die Form der Bahn. Es ergeben sich
für Ellipsen (mit dem Grenzfall einer Kreisbahn im Fall );
für eine Parabel, mithin keine geschlossene Bahn mehr; dies entspricht dem Erreichen der Fluchtgeschwindigkeit;
für Hyperbeln zunehmender Energie.
Diese Beschreibung ist rein geometrisch und liefert noch keine Berechnung des zeitlichen Bahnverlaufs. Für diesen benötigt man die Kepler-Gleichung (s. u.)
Typische Probleme der Raumflugmechanik
Kennzeichnend für die nachfolgend aufgestellten Probleme ist, ein vorgegebenes Missionsziel mit einem Minimum an Energie zu erreichen. Abseits dieses Energieminimums würde man ein unrealistisch großes Startgerät benötigen oder aber nur eine unsinnig kleine Nutzlast mitführen können. Zumeist muss man dabei eine Verlängerung der Reisezeit oder auch weitere Voraussetzungen (Stellung anderer Planeten im Falle eines Swing-bys usw.) akzeptieren. In jedem Fall benötigt man einen auch im Vakuum funktionierenden Antrieb, um die benötigten Geschwindigkeiten zu erreichen. An die praktische Realisierung konnte man daher erst nach der Entwicklung entsprechender Raketen denken.
Erreichen einer Umlaufbahn
Das Erreichen einer Umlaufbahn erfordert, den Satelliten auf die Orbitalgeschwindigkeit zu beschleunigen, die im Falle der Erde auf einer niedrigen Bahn 7,9 km/s beträgt. Zusätzlich ist erforderlich, den Satelliten auf einer geeigneten Flugbahn aus der Atmosphäre in eine Höhe von mindestens etwa 200 km zu bringen. Dies erfordert ein entsprechendes Steuerungssystem und gelang erst 1957 mit Sputnik. Die Erdrotation lässt sich bei geeigneter Wahl des Startplatzes – möglichst äquatornah – und Abflug nach Osten ausnutzen und verringert dann den Antriebsbedarf leicht, im Idealfall um etwa 400 m/s. In der Praxis muss man daneben Verluste wie das Durchdringen der Atmosphäre (Luftreibung), Hubarbeit gegen das Gravitationsfeld, Umlenkung und Energieaufwand für Korrekturmanöver berücksichtigen und daher einen Geschwindigkeitsbedarf von etwa 9 km/s ansetzen. Der Energiebedarf ist für höhere Umlaufbahnen entsprechend höher und kann den Energieaufwand für die Fluchtgeschwindigkeit übersteigen.
Körper auf höheren Bahnen laufen langsamer um als solche auf niedrigeren; daher gibt es eine ausgezeichnete Bahnhöhe, bei der die Umlaufgeschwindigkeit des Satelliten genau der Rotationsgeschwindigkeit der Erde entspricht. Satelliten in dieser Bahn scheinen von der Erdoberfläche aus gesehen stillzustehen, man bezeichnet sie daher als geostationär, was insbesondere für die Kommunikation und Wetterbeobachtung von hohem Interesse ist.
Die Wahl der Umlaufbahn hängt entscheidend vom Zweck des Satelliten ab. Für Erdbeobachtung sind i. d. R. Bahnen mit hoher Bahnneigung (Inklination) oder polare Bahnen von Interesse, um die beobachtbaren Gebiete nicht auf ein Band um den Äquator zu beschränken. Für die Telekommunikation sowie die Wetterbeobachtung eignet sich die geostationäre Bahn. Im Falle der Kommunikation mit Orten hoher geographischer Breite wählt man mit Vorteil (stark elliptische) Molnija-Orbits. Navigationssysteme verwenden mittelhohe Bahnen als Kompromiss zwischen niedrigen Orbits (extrem viele Satelliten für die vollständige Abdeckung erforderlich) und geostationären Orbits (schlechte Genauigkeit und örtliche Konflikte mit anderen Systemen).
Störende Effekte
Aufgrund der abgeplatteten und unregelmäßigen Form der Erde und weiterer Inhomogenitäten des Gravitationsfeldes (Geoid), ihrer Atmosphäre wie auch durch andere Körper (insbesondere Sonne und Mond) erfahren Satelliten im Erdorbit Bahnstörungen, die i. A. kompensiert werden müssen, umgekehrt aber auch für spezielle Bahnen, insbesondere sonnensynchrone Satelliten, gezielt genutzt werden können. Sinngemäß das Gleiche gilt für Satelliten um andere Himmelskörper und auch für Raumflugkörper allgemein.
Im Falle der Erde sind die wichtigsten Störungen
die durch die Abplattung der Erde verursachte Präzession der Bahnebene, die von Bahnhöhe und -neigung abhängt;
die durch die Atmosphäre der Erde verursachte Abbremsung, die stark von der Bahnhöhe und von der „Dichte“ des Satelliten abhängt. Diese Störung ist nichtkonservativ, d. h. der Satellit verliert Energie an die Erde. Satelliten in niedrigen Orbits haben daher eine beschränkte Lebensdauer.
Rendezvous
Als Rendezvous bezeichnet man ein Manöver, einen schon auf einer bekannten Bahn befindlichen anderen Satelliten zu erreichen, um mit ihm zu koppeln oder ähnliche Operationen durchzuführen. Im weiteren Sinn kann man auch Flüge zu anderen Himmelskörpern in diese Kategorie fassen, da sich die gleichen Probleme stellen. Die Bahnen müssen für dieses Manöver übereinstimmen, was i. d. R. nur durch mehrere Korrekturen erreicht wird; zusätzlich ist ein genaues Timing erforderlich, um den Zielkörper nicht zu verfehlen. Als Startfenster bezeichnet man in diesem Zusammenhang den Zeitraum, in dem ein Start zu einem solchen Manöver erfolgen muss.
Transferorbits
Ein Transferorbit dient zum Wechsel von einer Umlaufbahn in eine andere. Dies erfolgt durch Änderung der Geschwindigkeit, entweder impulsartig (im Falle konventioneller chemischer Antriebe) oder über einen längerer Zeitraum (mit elektrischen Triebwerken.) Dabei sind die folgenden Manöver von praktischem Nutzen:
ein Beschleunigungs- oder Bremsmanöver am Perizentrum (dem dem Zentralkörper nächsten Punkt der Bahn) erhöht oder verringert das Apozentrum auf der gegenüberliegenden Seite und umgekehrt. Dabei lassen sich mit verhältnismäßig kleinen Geschwindigkeitsänderungen erhebliche Änderungen der Bahnhöhe erzielen; die Hohmannbahn ist eine Anwendung dieses Manövers;
ein Beschleunigungsmanöver in einem Winkel zur Bahn in der Knotenlinie (der gedachten Schnittlinie von alter und neuer Bahnebene) verändert die Bahnneigung (Inklination.) Dieses Manöver ist sehr energieintensiv, da der gesamte Geschwindigkeitsvektor geändert werden muss, und wird daher in der Praxis nur für sehr kleine Inklinationsänderungen (und dann bei möglichst geringer Geschwindigkeit) durchgeführt.
Fluchtgeschwindigkeit
Die Fluchtgeschwindigkeit ergibt sich aus der Energieerhaltung, indem man potenzielle Energie und Bewegungsenergie gleichsetzt. Für die Erde erhält man den genannten Wert von 11,2 km/s. Damit ist aber noch keine Aussage über andere Körper getroffen. Insbesondere ist diese Geschwindigkeit, aufgrund der Anziehungskraft der Sonne selbst, nicht ausreichend um das Sonnensystem zu verlassen.
Translunarkurs
Für einen Flug zum Mond ist weniger als die Fluchtgeschwindigkeit erforderlich, da sich der Mond relativ nah an der Erde befindet und eine nicht zu vernachlässigende eigene Gravitationswirkung ausübt. Daher ist eine Geschwindigkeit von etwa 10,8…10,9 km/s (abhängig von der Position des Mondes) ausreichend, man erhält dann eine Transferbahn in Form einer 8, wie im Apollo-Programm durchgeführt. Der Geschwindigkeitsvektor muss sehr genau ausgerichtet sein, um den sich bewegenden Mond nicht zu verfehlen; in der Praxis arbeitet man mit mehreren Korrekturmanövern während des fast drei Tage dauernden Transfers.
Flug zu inneren Planeten
Bei einem Flug zu den inneren Planeten Venus und Merkur muss Antriebsleistung gegen die Orbitalgeschwindigkeit des Satelliten um die Sonne, die dieser von der Erde übernimmt, aufgebracht werden. Für solche Flüge wird die Fluchtgeschwindigkeit von der Erde daher so gerichtet, dass sie der Kreisbahnbewegung entgegenwirkt. Der Energieaufwand ist dennoch erheblich und erlaubt nur kleine Raumsonden in das Innere des Sonnensystems zu bringen. Die Anforderungen an die Steuerung und Navigation sind nochmals erheblich höher als die für einen Mondflug. Ein Energieminimum wird nur einmal pro synodischer Periode erreicht.
Flug zu äußeren Planeten
Will man die äußeren Planeten Mars, Jupiter, Saturn, Uranus oder Neptun erreichen, wird die Sonde nach dem Verlassen der Erde gegen das Schwerefeld der Sonne weiter beschleunigt. Für diese zweite Beschleunigung profitiert man von der Bewegung der Erde um die Sonne, vorausgesetzt wiederum, die Geschwindigkeitsvektoren sind korrekt ausgerichtet. Wie beim Flug in das innere Sonnensystem ist auch hier der Geschwindigkeitsbedarf groß, weshalb die Sonden meistens leicht sind, ansonsten sind Swing-bys zur weiteren Beschleunigung der Sonden erforderlich. Aufgrund der großen Distanzen ins äußere Sonnensystem können diese Flüge viele Jahre dauern.
Flüge auf Bahnen mit konstantem Schub
Elektrische Triebwerke (z. B. der Ionenantrieb) wie auch der mögliche Antrieb eines Raumfahrzeugs durch Sonnensegel ermöglichen, einen wenn auch kleinen Schub über sehr lange Zeit aufrechtzuerhalten, und stellen daher für langdauernde Missionen eine Alternative zu konventionellen chemischen Antrieben dar. Dabei muss die Lage des Raumfahrzeugs permanent so kontrolliert werden, dass der Schub in die gewünschte Richtung geht. Rechnerisch sind diese Flugbahnen, die sich spiralförmig in vielen Windungen nach innen oder außen verlagern, nicht mehr einfach zu erfassen, da die Bahnenergie nicht konstant bleibt.
Vorbeiflugmanöver (Gravity Assist, Swing-by)
Ein Vorbeiflugmanöver an einer sich im Bezugssystem bewegenden Masse führt zum Energieaustausch zwischen den beiden Körpern und erlaubt daher, einen Satelliten zu beschleunigen (bei einer Passage „hinter“ dem Körper) oder abzubremsen. Damit verbunden ist eine Umlenkung der Flugbahn, deren Größe mit dem Grad der Abbremsung bzw. Beschleunigung zusammenhängt. Für diese Manöver sind die großen Planeten Jupiter und Saturn sowie die sich schnell bewegende Venus, wie auch die Erde selbst interessant. Der Vorbeiflug erfolgt auf einer planetozentrisch hyperbolischen Bahn, der Energiegewinn im heliozentrischen System erfolgt durch die unterschiedliche Rücktransformation der Geschwindigkeit auf dem abfliegenden Ast. Solche Manöver lassen sich für Flüge ins innere wie auch äußere Sonnensystem nutzen, u. U. auch mit mehreren Vorbeiflügen an einem oder mehreren Planeten; das Verlassen der Ekliptikebene, wie bei der Sonnensonde Ulysses, ist ebenfalls möglich. Nachteilig ist die Verlängerung der Flugzeit, die erhöhten Anforderungen an Steuerung und Navigation wie auch die Notwendigkeit, auf die Position eines weiteren Körpers achten zu müssen, was i. d. R. zu deutlichen Einschränkungen des Startfensters führt.
Anwendungen
Die eigentliche Anwendung ist die Missionsplanung, die zur Aufgabe hat, für ein vorgegebenes Ziel – zum Beispiel einen Planeten von wissenschaftlichem Interesse – eine geeignete Mission, d. h. insbesondere eine geeignete Flugbahn zu finden.
Dafür sind umfangreiche numerische Simulationen erforderlich. In den Anfängen beschränkten sich diese Simulationen darauf, eine im Wesentlichen vorgegebene Flugbahn (in der Regel einen Hohmann-ähnlichen Übergang) zu optimieren und geeignete Abflugdaten zu finden. Die Energiereserve des Trägersystems bestimmt in solchen Fällen die Länge des Startfensters. Aus dieser Zeit stammen die Höhenkurven ähnlichen Plots der benötigten Energie als Funktion von Abreise- und Ankunftsdatum. Seither wurden die numerischen Möglichkeiten erheblich erweitert und erlauben auch, die für hohe Anforderungen – wie den Besuch eines Kometen – erforderlichen phantasiereichen Bahnen zu bestimmen.
Mathematische Methoden
Vis-Viva-Gleichung
Die aus der Energieerhaltung folgende Vis-Viva-Gleichung (lateinisch für „lebendige Kraft“) setzt für eine stabile Zweikörperbahn die Geschwindigkeit in Beziehung zum momentanen Bahnradius und der charakteristischen Größe der Bahn, der großen Halbachse des Kegelschnittumlaufs . Sie lautet:
.
Dabei ist für einen Kreis, für eine Ellipse, für eine Parabel und für eine Hyperbel. ist der Standardgravitationsparameter, wobei wieder die Gravitationskonstante und die Masse des Zentralkörpers ist:
Keplersche Gleichung
Die nach ihrem Entdecker Johannes Kepler benannte Gleichung setzt die mittlere Anomalie , die exzentrische Anomalie und die Exzentrizität einer elliptischen Bahn wie folgt in Beziehung:
Mit dieser kann die Position eines auf einer bekannten Bahn befindlichen Körpers in Abhängigkeit von der Zeit berechnet werden. Dies erfordert allerdings iterative oder numerische Verfahren, da die Gleichung transzendent in ist. Für fast kreisförmige ( nahe 0) wie auch hochelliptische ( nahe 1) Bahnen können sich numerische Schwierigkeiten ergeben, wenn die beiden rechten Terme von sehr unterschiedlicher Größenordnung bzw. fast gleich werden.
Einflusssphären 'Patched Conics'
Das Konzept der Einflusssphären geht davon aus, dass die Bahn eines Himmelskörpers zu einem gegebenen Zeitpunkt im Wesentlichen nur von einem anderen Körper beeinflusst wird; Störungen durch andere Körper werden vernachlässigt. Nähert man sich einem anderen Körper, gibt es einen Punkt des virtuellen Gleichgewichts, an dem die beiden dynamischen Anziehungskräfte (d. h. die Störung und die Beschleunigung der ungestörten Zweikörperbahn) gleich groß sind. Für den im Sonnensystem häufigen Fall, dass die Masse des schwereren Körpers (z. B. der Sonne, Index S) erheblich größer ist als die des anderen (hier des Zielplaneten, Index P), ergibt sich dieser Punkt zu
wobei für die fragliche Annäherungsdistanz und für die Distanz zwischen Planet und Sonne steht. In diesem Punkt ändert man die Betrachtungsweise (z. B. von einer Erd- auf eine Sonnenumlaufbahn) und führt eine Transformation durch, so dass die Bahnen stetig ineinander übergehen (daher die Bezeichnung aneinandergefügte Kegelschnitte). Dieses Konzept ist sehr einfach und lässt sich in einigen Fällen sogar von Hand durchführen, nimmt dafür aber einen u. U. erheblichen Korrekturbedarf in Kauf.
Siehe auch
Rendezvous
Swing-by
Hohmannbahn
Hillsche Gleichungen
Geostationäre Transferbahn
Literatur
W. Steiner, M. Schagerl: Raumflugmechanik. Springer, Berlin 2009, ISBN 978-3-540-20761-0.
E. Messerschmidt, S. Fasoulas: Raumfahrtsysteme. Springer, Berlin 2010, ISBN 978-3-642-12816-5.
W. Ley, K. Wittmann, W. Hallmann (Hrsg.): Handbuch der Raumfahrttechnik. Hanser, 2011, ISBN 978-3-446-42406-7.
Pini Gurfil: Modern Astrodynamics. Butterworth-Heinemann, Oxford 2006, ISBN 978-0-12-373562-1.
Himmelsmechanik
Physikalisches Fachgebiet
|
Q842433
| 92.866786 |
107927
|
https://de.wikipedia.org/wiki/Neonazismus
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Neonazismus
|
Neonazismus (altgriechisch néos ‚neu‘, ‚jung‘ und Nazismus) steht im engeren Sinne für die Wiederaufnahme und Verbreitung nationalsozialistischen Gedankenguts im deutschsprachigen Raum nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Ende der NS-Diktatur. Auch in anderen Ländern, namentlich in den USA wurden nach 1945 nationalsozialistische Ideen aufgegriffen und das NS-Regime verherrlicht. Vertreter des Neonazismus werden Neonazis genannt; der Begriff steht im Gegensatz zu „Altnazis“ (auch Alt-PG, „Parteigenosse“), also den Trägern der nationalsozialistischen Ideologie, die diese bereits während der nationalsozialistischen Herrschaft vertreten hatten, den umgangssprachlich „Ewiggestrigen“.
Geschichte
Deutschland
Bis in die 1970er Jahre war die in Parteien wie der SRP oder der NPD organisierte rechtsextreme Szene in der Bundesrepublik Deutschland im Wesentlichen von sogenannten Altnazis bestimmt, die schon während der Zeit des Nationalsozialismus Anhänger desselben gewesen waren. Seit Ende der 1970er Jahre wird das Bild dieser Szene jedoch überwiegend von Nachgeborenen bestimmt, die keine eigenen Erfahrungen mehr mit der NS-Diktatur und dem Zweiten Weltkrieg gemacht, sondern sich die Ansichten der Altnazis meist kritiklos angeeignet haben. Sie unterscheiden sich von diesen in der Regel auch durch eine erheblich höhere Gewaltbereitschaft.
Die Neonazis (in ihren Grundüberzeugungen sind sie den Altnazis gleichzusetzen) zeichnen sich im Allgemeinen durch ihre extreme Fremdenfeindlichkeit aus. Juden und Ausländer – insbesondere Asylbewerber und türkischstämmige Einwanderer, aber auch Deutsche mit Migrationshintergrund – dienen neben politisch Linken aller Art als Feindbild. Die Neonazis beabsichtigen gemäß der Ideologie des völkischen Nationalismus die Schaffung eines ethnisch homogenen Nationalstaats, in dem weder die deutschen Juden, noch von Ausländern abstammende oder eingebürgerte Deutsche Platz hätten. Die Ablehnung von Minderheiten wird sozialdarwinistisch begründet und drückt sich im Hass auf gesellschaftliche Randgruppen wie Behinderte, Homosexuelle und sozial Schwache – z. B. Obdachlose – aus. Ein großer Teil der Neonazis leugnet oder relativiert die Verbrechen des Nationalsozialismus, speziell den Holocaust.
Das Bundesamt für Verfassungsschutz registrierte Ende 2017 mit rund 6000 Neonazis ca. 1000 mehr als noch im Jahr 2009. Die Zahl der gewaltorientierten Rechtsextremisten wurde auf 12700 (Zunahme gegenüber Vorjahr: 5 %) geschätzt. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung kommt im Januar 2021 zu dem Ergebnis, dass knapp acht Prozent aller Wahlberechtigten in Deutschland manifest rechtsextreme Einstellungen vertreten. Bei populistisch eingestellten Wählern ist der Anteil jedoch mehr als doppelt so hoch und bei den Anhängern der AfD sogar fast viermal so hoch. Mehr als die Hälfte der AfD-Wählerschaft ist latent oder manifest rechtsextrem eingestellt.
Viele Neonazis vertreten ihre Ansichten aktiv und gewalttätig. Seit Anfang der 1990er-Jahre kommt es in Deutschland vermehrt zu Anschlägen auf Asylbewerberwohnheime und Politiker, zu Übergriffen auf Ausländer und zu Demonstrationen, bei denen gewaltsame Auseinandersetzungen mit Gegendemonstranten und der Polizei zur Tagesordnung gehören.
Zwischen 2000 und 2007 verübte die neonazistische Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund neun Morde an Migranten, den Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter und mehrere Bombenanschläge, darunter den Nagelbombenanschlag in Köln.
Nationalrevolutionäre Strömung
Neben den Neonazis formieren sich zusehends „nationalrevolutionäre“ Kräfte im Umfeld des rechtsextremen Spektrums. Diese fallen durch eine stärkere theoretische Ausrichtung auf und orientieren sich teilweise an den Vorbildern Ernst Niekisch und Karl Otto Paetel und insgesamt an einem „Sozialrevolutionären Nationalismus“. Bekannt wurden diese Gruppierungen und Zirkel durch Zeitschriften wie „Junges Forum“ (etwa Anfang der 1970er-Jahre) und „Wir selbst“. Aus diesen Zirkeln gingen Gruppen wie die „Nationalrevolutionäre Koordination“ hervor. Man ist insgesamt bemüht, sich offiziell vom „Dritten Reich“ abzugrenzen, und formuliert eigene Theorien. Im Mittelpunkt stehen hierbei der Ethnopluralismus und ein Antikapitalismus mit teilweise stark antimodernen Ideologiemomenten. Laut Verfassungsschutzberichten verzeichnen derartige Projekte zurzeit einen starken Zulauf, stellen aber immer noch eine verschwindende Minderheit innerhalb der rechtsextremen Szene dar. Zu den wichtigsten Publikationen zählt unter anderem der „Fahnenträger“, eine nach ihrem Selbstverständnis sozialrevolutionäre und nationalistische Zeitschrift. Hinzu zählt man auch die Internetseiten „Die Kommenden“ und „Dritte Front“. Diese seien angeblich Vorreiter einer sich neu abzeichnenden „Nationalrevolutionären Bewegung“.
Frauen im Rechtsextremismus
Traditionell vertreten Neonazismus und Rechtsextremisten ein sehr chauvinistisches und sexistisches Geschlechterrollenbild: Während die Frau für die Kindererziehung und das Haus zuständig ist, ist der Mann der Ernährer der Familie und derjenige, der für die Existenz kämpft. Dieses Bild modernisierte sich in den letzten 20 Jahren und Frauen kommt inzwischen eine strategische Schlüsselrolle innerhalb der rechten bzw. neonazistischen Szene zu. Einerseits unterwandern sie gezielt die demokratische Alltagskultur, vor allem in sozialen Berufen, wie dem Kindergarten oder als hilfsbereite Elternvertreterinnen und Kommunalpolitikerinnen, um unauffällig gesellschaftliche Akzeptanz zu bekommen. Andererseits werden sie, trotz ihrer ideologischen Festigung und aktionistischen Ausrichtung, noch immer als Anhängsel ihrer männlichen Pendants angesehen, was ihrer Rolle und ihrer Einstellung nicht gerecht wird.
USA
In den USA gibt es eine weitverzweigte Szene von Neonazis im Rahmen der White-Supremacy-Bewegung. 1959 gründete George Lincoln Rockwell (1918–1967) die World Union of Free Enterprise National Socialists, die kurz darauf in American Nazi Party (ANP) umbenannt wurde. Sie vertritt rassistische, antisemitische und antikommunistische Positionen. 1983 wurde die Partei in New Order umbenannt. Die ANP verbreitete die Verschwörungstheorie, jüdische Kommunisten würden Afroamerikaner dazu verlocken, weiße Frauen zu vergewaltigen und Rassenunruhen zu beginnen. Mitglieder der Partei griffen in den 1960er Jahren Demonstranten an, die gegen den Vietnam-Krieg protestierten, und agitierten gegen die Bürgerrechtsbewegung. Bei Aktionen gegen die Wohnungsbau-Kampagne Martin Luther Kings 1966 prägten sie den das Schlagwort „White Power“. Zu den Mitgliedern der ANP gehörte auch David Duke (* 1950), der Anführer einer Organisation des Ku-Klux-Klans. Das FBI bekämpfte diese Partei erfolgreich mit COINTELPRO-Methoden.
Nach dem Tod des Gründers 1967 radikalisierte sich die ANP weiter und rief zu einer Revolution auf. In ihrem Umkreis entstand in den 1970er Jahren die militante National Socialist Liberation Front, in der die bekannten Rechtsextremisten James Mason (* 1952) und William Luther Pierce (1933–2002) aktiv waren. Mason gilt als Vordenker der rechtsterroristischen Atomwaffen Division. Pierce veröffentlichte 1978 den Roman The Turner Diaries, der einen blutigen Bürgerkrieg in den USA schildert. Das Buch war Inspiration für die Rechtsterroristen Timothy McVeigh und The Order, eine neonazistische Gruppierung, die die Bundesregierung der Vereinigten Staaten als „Zionist Occupied Government“, das heißt eine von Juden kontrollierte Marionettenregierung, delegitimiert.
1972 gründete der deutschstämmige Teenager Gary Lauck (* 1953) in Lincoln (Nebraska) die NSDAP-Aufbauorganisation, mit der er die Neugründung einer nationalsozialistischen Partei in Deutschland vorbereiten will. Lauck verbreitet in Printmedien und im Internet neonazistische Propaganda und Holocaustleugnung und vertreibt per Versandhandel NS-Devotionalien. Im amerikanischen Recht wird der Meinungsfreiheit, die im 1. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten festgeschrieben ist, ein hoher Stellenwert beigemessen, was Neonazis vergleichsweise weiten Spielraum verschafft. Ein Beispiel dafür ist der Erfolg der National Socialist Party of America, einer Abspaltung der ANP, vor dem Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten 1977: Der Partei war von den Behörden des Staates Illinois verboten worden, einen Marsch durch die Kleinstadt Skokie zu veranstalten, wo zahlreiche Holocaustüberlebende wohnten. Dagegen klagte sie mit Unterstützung der American Civil Liberties Union und bekam schließlich recht.
Die meisten amerikanischen Neonazis sind indes nicht in einer Partei organisiert, sondern nach dem Prinzip des führerlosen Widerstands. Dies wurde von Louis Beam (* 1946) entwickelt, der sich im Umfeld des Ku-Klux-Klans bewegt. Zum führerlosen Widerstand rechnen militante Neonazi-Gruppierungen wie White Aryan Resistance, die Hammerskins oder die Aryan Nations, die der Christian-Identity-Bewegung nahestehen. Beam war der erste amerikanische Neonazi, der elektronische Medien zur Verbreitung seiner Hasspropaganda nutzte.
Nachdem neonazistische Hassgruppen seit der Ära Reagan an Publizität verloren hatten, änderte sich das mit der Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten 2008, die erstmals einen Afroamerikaner zum Präsidenten machte. Neonazis wurden nun Teil einer rechten Sammlungsbewegung, die von den Republikanern bis nach Rechtsaußen reicht. Sie wird zusammengehalten durch populistische Ablehnung der so genannten Eliten, Abstiegsängste und Verschwörungstheorien wie die der Birther, die nicht glauben, dass Barack Obama ein Natural born citizen ist, und deshalb die Rechtmäßigkeit seiner Wahl bestreiten. Das Internet begünstigt diese Entwicklung, wo die so genannte Alt-Right sich in Websites wie Stormfront, Netzwerken wie Gab, diversen Reddits und Sub-Reddits austauscht.
Die ganze Breite dieser Koalition zeigten die Demonstrationen in Charlottesville 2017, bei denen eine Gegendemonstrantin über den Haufen gefahren und getötet wurde. Präsident Donald Trump bescheinigte den Teilnehmern dennoch, es seien „some very fine people“ unter ihnen gewesen. Laut Andrew Anglin, dem Redakteur der rechtsextremen Website The Daily Stormer, engagierten sich viele Neonazis im Wahlkampf zu den Präsidentschaftswahlen 2020 für Trump. Am Sturm auf das Kapitol in Washington 2021, bei dem rechte und rechtsextreme Gruppen versuchten, die förmliche Bestätigung des Sieges von Joe Biden durch den Kongress zu verhindern, nahmen auch Neonazis teil.
In weiteren Staaten
In fast allen europäischen Ländern gibt es Gruppierungen, die dem Neo-Nationalsozialismus zuzuordnen sind. Die fremdenfeindlichen, antisemitischen und sozialdarwinistischen Ansichten dieser Neonazis entsprechen in jeweils abgewandelter Form denen der deutschen Gruppierungen. So sind US-amerikanische Neonazis in der Regel durch Hass auf Schwarze, Latinos, Asiaten und Juden gekennzeichnet und vertreten die Ansicht, die „weiße Rasse“ der „Arier“ müsse „rein“ erhalten werden.
Kultur
Erkennungsmerkmale und Zeichen
Neonazis ließen sich zwischen 1980 und 1993 immer häufiger an ihrem Erscheinungsbild erkennen. Dieses bestand aus dem Tragen von Bomberjacken (olivgrün oder schwarz), vor allem Jeans oder Flecktarnhosen und so genannten Springerstiefeln oder ähnlich aussehenden Stahlkappenschuhen mit weißen Schnürsenkeln. Zudem rasierten sie sich den Kopf, was ihnen die Bezeichnung Skinhead einbrachte, obgleich es sich bei den Skinheads eigentlich um eine ältere, nicht rechtsextreme Bewegung aus Großbritannien handelt. Diese Erkennungsmerkmale kommen fast alle aus der Skinhead-Subkultur und hatten ursprünglich keine politische Bedeutung. Weiße Schnürsenkel etwa standen für die Vereinigung von weißen und schwarzen Jugendlichen in England oder wurden einfach nur der Optik wegen verwendet, ganz ohne rassistische Botschaft.
Seit den Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen im Jahr 1992 hat sich in der deutschen Bevölkerung die Toleranz gegenüber Rechtsradikalen erheblich verringert, so dass viele Neonazis dazu übergingen, sich nicht mehr deutlich sichtbar als solche zu erkennen zu geben. Sie ließen ihre Haare wieder wachsen und verzichteten auf ihre Bomberjacken- und Springerstiefel-Aufmachung. Stattdessen wechselten sie zu versteckten Erkennungsmerkmalen, die Szenefremden oft unbekannt sind. So verweisen Zahlen auf Buchstaben im Alphabet. Die „88“ steht z. B. für „HH“ und ist die kryptische Abkürzung für „Heil Hitler“. Die Zahl „18“ steht für „AH“ – „Adolf Hitler“. Zudem gibt es Hersteller von Markenbekleidung, wie z. B. Consdaple und Thor Steinar, deren Produkte bevorzugt von der Neonazi-Szene getragen werden.
Es gibt auch in einigen anderen Jugendkulturen viele Neonazis, so zum Beispiel „National Socialist Black Metal“ (NSBM), deren Anhänger äußerlich meist kaum von anderen Anhängern von Black Metal zu unterscheiden sind (schwarze Kleidung, lange Haare, heidnische Symbole) und sich meist sehr stark über das Heidentum definieren. Auch in der Gabberszene gab es in den letzten Jahren immer mehr Neonazis.
Die politischen Drahtzieher pflegen oft einen anderen Kleidungsstil. Sie unterscheiden sich kaum von in gewöhnlichem Habit erscheinenden Personen (Bsp. Christian Worch, Siegfried Borchardt). Ferner gibt es Aktivisten wie Axel Reitz (mittlerweile ausgestiegen) oder Philipp Hasselbach, die in SA-ähnlichen Uniformen oder langen, schwarzen „Gestapo-Ledermänteln“ auftreten.
Seit etwa dem Jahr 2000 übernehmen Neonazis zunehmend ursprünglich linke oder linksradikale Symbolik und Outfits wie die der Autonomen-Bewegung und des „Schwarzen Blocks“ (Autonome Nationalisten). Sie kleiden sich teilweise ganz in Schwarz mit Kapuzenpulli, Basecap etc. Immer häufiger tragen deutsche Neonazis eine Kufiya („Palituch“) als Bekenntnis gegen Israel und Juden allgemein (siehe z. B. die Kader der Freien Kameradschaften wie Thomas Gerlach).
Rechtsrock
Der erste Kontakt zur Szene geschieht meist über die Musik der Neonazis. Diese kann teils sehr balladenhaft sein (Frank Rennicke), meist wirkt sie jedoch aggressiv. Ursprünglich kommt der Rechtsrock (auch RAC genannt) aus England (Skrewdriver, No Remorse, Skullhead), seit den 1980er-Jahren steigt die Zahl der Neonazi-Bands auch in Deutschland stetig an. Seit Mitte/Ende der 1990er-Jahre erkennt die Szene das Rekrutierungspotential, das in der Musik liegt. Bekannte Bands nennen sich Sturmwehr, Störkraft, Kraftschlag, Landser, Zillertaler Türkenjäger, Endstufe, Stahlgewitter, Oidoxie oder Noie Werte.
Es gibt jährlich Hunderte illegaler Konzerte. Per Mobiltelefon geben die Veranstalter die Orte der Konzerte erst in letzter Minute an die Besucher weiter. Diese stehen untereinander in Kontakt und werden dann dorthin gelotst. Vorab ist nur der ungefähre Standort bekannt, so dass sich alle in unmittelbarer Nähe befinden.
Kampfsport
An Bedeutung innerhalb der neonazistischen Szene gewinnt der Bereich des Kampfsports, vor allem Mixed Martial Arts sowie Kickboxen. Rechte Kampfsportlabels treten als Sponsoren und Veranstalter von extrem rechten Kampfsportturnieren auf. In der Szene namhafte Events sind beispielsweise das Turnier Kampf der Nibelungen (KdN) (von 2013 bis 2018 jährlich stattfindend) oder das 2018 wie auch 2019 durchgeführte „Tiwaz – Kampf der freien Männer“. Auch bei Musik- und Rednerveranstaltungen wie den beiden „Schild & Schwert“-Festivals 2018 im sächsischen Ostritz (organisiert von dem stellvertretenden NPD-Bundesvorsitzenden Thorsten Heise) gab es Kampfsportdarbietungen. Solche Veranstaltungen dienen auch der Vernetzung innerhalb der Szene, der Rekrutierung neuer Kräfte, beispielsweise aus dem Hooligan-Milieu, sowie dem Verkauf indizierter Musik. Das Bundesinnenministerium geht davon aus, dass viele dieser Kampfsport-Besucher als Mobilisierungspotential für rechtsextremistische Demos zur Verfügung stehen; es sei auch zu befürchten, dass die Professionalisierung im Kampfsport ideologisch im Sinne einer Wehrhaftigkeit gegen „das System“ aufgeladen bzw. für Auseinandersetzungen auf der Straße mit dem politischen Gegner genutzt werde. Kampfsportgruppierungen mit politischer Ausrichtung wie die Labels „KdN“, „Wardon“, „Black Legion“ oder das Label „White Rex“ des russischstämmigen Hooligans Denis Nikitin (eigentlicher Name Denis Kapustin) stellen ihre eigenen Kampfsportler als Vorbilder in Sachen „Wille“, „Fleiß“ und „Disziplin“ dar und verstehen sie als Gegensatz zum „faulenden politischen System“ der „Versager“, „Heuchler“ und „Schwächlinge“.
Ausstieg aus der Szene
Wer der Neonaziszene angehört, sich jedoch nicht mehr mit deren Zielen identifiziert und aussteigen will, steht oft vor erheblichen Problemen. Die meisten Neonazis haben außerhalb der Szene kaum noch soziale Kontakte, hinzu kommen eventuell Vorstrafen. Fehlende berufliche Kenntnisse erschweren oft eine Reintegration in die Mehrheitsgesellschaft. Manche Aussteiger fürchten auch Racheakte der alten Gesinnungsgenossen. Daher gibt es seit einigen Jahren Projekte, die Ausstiegswilligen Unterstützung anbieten, unter anderem die Initiative Exit Deutschland.
Bekannte Aussteiger
Matthias Adrian
Bela Ewald Althans
Sebastian Angermüller
Stefan Michael Bar
Lukas Bals
Manuel Bauer
Felix Benneckenstein
Heidi Benneckenstein
Gerd-Roger Bornemann von Neonazis ermordet
Kay Diesner
Jörg Fischer-Aharon
Ingo Hasselbach
Christine Hewicker
Maximilian Kelm
Johannes Kneifel (Konvertit zum Christentum)
Ingmar Knop
Gabriel Landgraf
Torsten Lemmer (Konvertit zum Islam)
Andreas Molau
Annett Müller
Kevin Müller
Wolfgang Niederreiter
Axel Reitz
Stefan Rochow (Konvertit zum Christentum)
Philip Schlaffer
Achim Schmid
Christian Ernst Weißgerber
Siehe auch
Anti-Antifa
Rechtsextremismus im Internet, Rechtsextreme Netzwerke
Todesopfer rechtsextremer Gewalt in der Bundesrepublik Deutschland
Literatur
Michael Schmidt: Heute gehört uns die Straße. Der Inside Report aus der Neonazi-Szene. Econ Verlag. Düsseldorf/Wien/New York 1993, ISBN 3-612-26165-7.
Reinhard Opitz: Faschismus und Neofaschismus. Pahl-Rugenstein, Bonn 1996, ISBN 3-89144-209-2.
Patrick Gensing: Terror von rechts. Die Nazi-Morde und das Versagen der Politik. Rotbuch-Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-86789-163-9.
Maik Baumgärtner, Marcus Böttcher: Das Zwickauer Terror-Trio. Ereignisse, Szene, Hintergründe. Das Neue Berlin, Berlin 2012, ISBN 978-3-360-02149-6.
Christian Fuchs, John Goetz: Die Zelle. Rechter Terror in Deutschland. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2012, ISBN 978-3-498-02005-7.
Weblinks
„Rechtsextreme heute: Neonazis“ (Wikibooks)
Bundeszentrale für politische Bildung, bpb.de: Dossier
dokumentarfilm24.de: Wahrheit macht Frei Dokumentation über Neonazis in Deutschland
kas.de: Neonazis in der DDR
marek-peters.com: Fotoalben zu Rechtsextremismus und Neonazis
„Netz gegen Nazis“, netz-gegen-nazis.de: Mit Rat und Tat gegen Rechtsextremismus
projekt-entgrenzt.de: TRANSEUROPÄISCHE PERSPEKTIVEN AUF DIE EXTREME RECHTE
theguardian.com, 31. Oktober 2018, „Anonymous“ (a student and antifascist activist in Saxony, „ein Student und antifaschistischer Aktivist in Sachsen“): I live among the neo-Nazis in eastern Germany. And it’s terrifying (Englisch: „Ich lebe unter den Neonazis in Ostdeutschland. Und es ist furchterregend“)
Einzelnachweise
Nationalsozialismus
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Q151250
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103643
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https://de.wikipedia.org/wiki/Fluginsekten
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Fluginsekten
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Als Fluginsekten (Pterygota) werden alle Insekten (Insecta) zusammengefasst, welche mit Flügeln ausgestattet sind. Dies schließt die Arten ein, die das Flugvermögen im Laufe der Evolution wieder verloren haben. Beispiele dafür sind die Flöhe oder die Tierläuse. Der bei weitem größte Teil der Insekten gehört zu den Fluginsekten. Ausnahmen sind lediglich die nicht flugfähigen Urinsekten mit den Ordnungen der Felsenspringer (Archaeognatha) und der Fischchen (Zygentoma).
Mit der Entwicklung funktionstüchtiger Flügel hängen eine Reihe morphologischer und physiologischer Veränderungen zusammen. Aus diesem Grund kann ohne Zweifel angenommen werden, dass diese Entwicklung nur einmal im Laufe der Insektenevolution stattgefunden hat und alle Fluginsekten auf eine gemeinsame Stammart zurückzuführen sind.
Aufbau und Entwicklung der Flügel
Die Flügel stellen eine dünne Chitinplatte dar, welche mit Tracheen durchzogen ist. Zu ihrer Entstehung konkurrieren zwei Theorien miteinander. Entweder haben sie sich aus einer Abflachung der Seitenplatten (Paranota) an allen drei Brustsegmenten (Thorax) entwickelt, oder sie stammen von Auswüchsen der seitlich zwischen den dorsalen Nota und den ventralen Sterna gelegenen Pleuren, unter Einschluss der Beinanlagen, ab. Jüngere Theorien kombinieren beide Hypothesen, demnach stammen verschiedene Teile der Flügel von jeweils der einen oder der anderen Struktur. Argumente dafür liefern Funde von paläozoischen Insektenlarven, die vermutlich gelenkig mit dem Rumpf verbundene und bewegliche Flügelscheiden besaßen. Heute lebende Fluginsekten besitzen allerdings nur noch zwei Paar Flügel, jeweils am zweiten und am dritten Thoraxsegment. Ein drittes Flügelpaar konnte fossil bei den Palaeodictyoptera und den (libellenähnlichen) Geroptera nachgewiesen werden, die auch am ersten Thoraxsegment kleine, möglicherweise nicht voll bewegliche Flügelchen oder flügelähnliche Strukturen aufwiesen.
Die Tracheen zur Versorgung der Flügel zweigen von den Beintracheen ab. Da die Flügel als Duplikatur (also Verdopplung) der Körperwand ausgebildet sind, liegen die Tracheen als Adernetz ebenfalls in diesen zwei Schichten. Mit dem Thorax sind die Flügel durch ein komplexes Gelenk verbunden, an dem bei den Libellen auch direkt die Muskeln ansetzen (direkte Flugmuskulatur). Bei der weitaus häufigeren Variante wird der Flügelschlag durch eine Aufwölbung und ein Zurückziehen des Brustsegments erreicht (Indirekte Flugmuskulatur). Ebenfalls notwendig ist die Ausbildung von Muskelansatzstellen in den Brustsegmenten durch Chitinleisten.
Ontogenese der Fluginsekten
Alle Fluginsekten sind durch eine Metamorphose gekennzeichnet, da die Larven oder Nymphen nie Flügel besitzen. Diese kann schrittweise mit den Häutungen erfolgen (unvollständige Metamorphose bei den hemimetabolen Insekten) oder durch einen kompletten Umbau des Insekts in einer Puppenruhe (vollständige Metamorphose bei den holometabolen Insekten).
Systematik und Taxonomie
Die Systematik und Taxonomie ist in der Systematik der Insekten beschrieben.
Literatur
Bernhard Klausnitzer: Pterygota, Fluginsekten. In: Wilfried Westheide, Reinhard Rieger (Hrsg.): Spezielle Zoologie. Teil 1: Einzeller und Wirbellose Tiere. Gustav Fischer, Stuttgart u. a. 1996, ISBN 3-437-20515-3, S. 627 ff.
Weblinks
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Q22708
| 554.458681 |
2421
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https://de.wikipedia.org/wiki/Irak
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Irak
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Die Republik Irak (amtlich: , ), kurz (der) Irak oder (international) auch Iraq, ist ein Staat in Vorderasien. Der Irak grenzt an Kuwait, Saudi-Arabien, Jordanien, Syrien, die Türkei, Iran und den Persischen Golf und umfasst den größten Teil des zwischen Euphrat und Tigris gelegenen „Zweistromlandes“ Mesopotamien, in dem die frühesten Hochkulturen Vorderasiens entstanden sind, sowie Teile der angrenzenden Wüsten- und Bergregionen. Er wird zu den Maschrek-Staaten gezählt. Den Norden des Landes bildet die autonome Region Kurdistan, die ein eigenes Parlament und eigene Streitkräfte (Peschmerga) führt.
Mit etwa 43 Millionen Einwohnern (Stand 2023) gehört der Irak zu den fünf größten Ländern der arabischen Welt. Seine Hauptstadt und größte Stadt ist die Metropole Bagdad, weitere Millionenstädte sind auch Basra, Mossul, Erbil, Sulaimaniya, Nadschaf, Kirkuk und Kerbela. Durch die Flüchtlingsbewegungen im 20. und 21. Jahrhundert vollzog sich im Land eine rasche Urbanisierung. Der Irak steht auf der Weltrangliste der Länder mit den meisten Bodenschätzen auf Platz 4, seine Wirtschaft basiert vor allem auf dem Export von Erdöl und zu geringem Teil auf der Landwirtschaft.
Der heutige Irak entstand 1920 aus den drei osmanischen Provinzen Bagdad, Mossul und Basra. Von 1921 bis 1958 bestand das Königreich Irak, 1958 wurde der König durch einen Militärputsch gestürzt und die Republik ausgerufen. Von 1979 bis 2003 wurde das Land von Saddam Hussein diktatorisch regiert, das Land führte Kriege gegen die Nachbarstaaten Iran und Kuwait. Eine multinationale Invasionstruppe („Koalition der Willigen“) unter Führung der Vereinigten Staaten stürzte 2003 das Regime Saddam Husseins, ohne stabile Strukturen für die Nachkriegsära aufzubauen.
Nach dem erklärten Kriegsende kam es während der Besetzung des Iraks 2003–2011 zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen, tausenden Terroranschlägen, Kriegshandlungen und Gewaltkriminalität, sowohl verschiedener irakischer Gruppen gegeneinander als auch gegen die westlichen Besatzungstruppen. Sie forderten vor allem unter den irakischen Zivilisten eine unbekannte Anzahl an Todesopfern und Verletzten. Ab Dezember 2013 kam es zu einem Krieg zwischen dem Irak und Islamisten des ISIS, die Teile des Staatsgebietes eroberten. Im Dezember 2017 verkündete die irakische Regierung, dass die irakischen Streitkräfte die vollständige Kontrolle über die syrisch-irakische Grenze übernommen hätten und der Krieg gegen den IS beendet sei.
Geographie
Der Irak gehört zum Orient. Zum Kulturraum des Orients werden gewöhnlich Länder Nordafrikas und Südwestasiens gezählt. Sie liegen überwiegend im Bereich des subtropischen Trockengürtels der „Alten Welt“.
Im Nordosten befindet sich eine etwa 3000 m hohe Bergkette aus den Ausläufern des Taurusgebirges und des Zagros’. Diese Kette gehört zum Alpidischen Gebirgssystem, das sich vom Balkangebirge ostwärts in die Türkei, den nördlichen Irak und Iran und dann weiter nach Afghanistan erstreckt. Der höchste Berg im Irak ist der Cheekha Dar mit 3611 m Höhe.
Landesgrenzen
Der Irak grenzt an den Iran (1458 km gemeinsame Grenze), Kuwait (240 km), Saudi-Arabien (814 km), Jordanien (181 km), Syrien (605 km) und die Türkei (352 km). Mit Ausnahme der Grenze zum Iran, die bis 1918 die Ostgrenze des Osmanischen Reiches bildete, wurde der Grenzverlauf des Iraks von den Kolonialmächten bestimmt. Die Neutrale Zone zwischen Saudi-Arabien und dem Irak wurde 1975–1983 zwischen beiden Ländern aufgeteilt. Zudem besitzt der Irak einen 58,3 km langen Küstenstreifen. Den Norden des Landes bildet die Autonome Region Kurdistan, die eine De-facto-Grenze innerhalb des Landes errichtet hat.
Klima
Der Norden des Iraks, bis etwa auf die geographische Breite von Bagdad, liegt im Winter im Bereich der sog. Westwindzone der gemäßigten Breiten und im Sommer unter Hochdruckeinfluss bei Temperaturen zwischen −6 °C im Winter und 51 °C im Hochsommer (Jahresmittel 22 °C). Der Raum südlich Bagdads dagegen gehört ganzjährig zum subtropischen Hochdruckgürtel. Die Sommer sind im gesamten Land niederschlagslos und mit Ausnahme der Gebirgsregionen recht warm bei Durchschnittstemperaturen um 33 bis 34 °C. Mitunter starke, ganzjährige Winde aus nordwestlicher Richtung führen dazu, dass beispielsweise die Städte Bagdad und Basra an ungefähr 20 respektive 15 Tagen im Jahr von Staubstürmen heimgesucht werden.
Die Temperaturen schwanken zwischen 50 °C im Sommer und etwa dem Nullpunkt im Januar. Frost ist möglich, insbesondere im Bergland. Regen fällt etwa 10 bis 18 cm im Jahr, Hauptregenmonate sind Dezember bis April. Die an den Golf angrenzenden Gebiete sind etwas feuchter.
Flüsse und Seen
Der Irak wird von zwei wichtigen Flüssen durchzogen, dem Euphrat und dem Tigris. Dies schlug sich in der geographischen Bezeichnung Mesopotamien nieder, was übersetzt das „(Land) zwischen den zwei Flüssen“ bedeutet. Euphrat und Tigris kommen von Nordwesten aus Syrien bzw. der Türkei und durchqueren das Land bis in den Südosten. Bei al-Qurna im Süden des Iraks fließen Tigris und Euphrat zusammen. Sie bilden dort den 193 Kilometer langen Schatt al-Arab/Arvandrud, dieser mündet in den Persischen Golf. Euphrat und Tigris waren und sind die Lebensadern des Landes, da sie die Wasserversorgung eines Großteils der irakischen Landwirtschaft und der Bevölkerung sicherstellen. Im Südosten des Landes ragt die Halbinsel Faw zwischen dem Iran und Kuwait in den Persischen Golf und stellt damit den einzigen Zugang des Iraks zum Meer dar.
Westlich von Bagdad gibt es drei Senken, in die bei Hochwasser Wasser aus Euphrat und Tigris geleitet werden können: Tharthar-See, al-Habbaniyya-See und Razzaza-See.
Die Sumpfgebiete im südlichen Irak, die sog. Ahwar, wurden im Ersten Golfkrieg in den 1980er Jahren systematisch trockengelegt. Mit internationaler Hilfe versucht die irakische Regierung seit 2003, diese Gebiete wieder zu bewässern.
Flora und Fauna
Da im Irak unterschiedliche Niederschlagsverhältnisse herrschen, gibt es ebenfalls unterschiedliche Vegetationsarten. Im Nordirak gibt es Strauchvegetation und vereinzelte Waldbestände. An den Uferbereichen von Euphrat und Tigris gibt es Dattelpalmen und Schilfgürtel. Der Süden hingegen ist nur spärlich bewachsen. Projekte der Regierung, aus den Wüstengegenden fruchtbare Böden zu machen, wurden in den 1980er Jahren aufgegeben.
Diverse Vogelarten wie Geier, Bussarde, Raben und Eulen sind im Irak beheimatet, ebenso leben Säugetiere wie Karakale, Hyänen, Schakale, Gazellen und Antilopen im Irak. An Tigris, Euphrat und Schatt al-Arab herrscht außerdem ein großer Fischreichtum. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts gab es im Irak Löwen und Strauße.
Städte
Die Hauptstadt Bagdad ist sowohl geographisches als auch politisches und kulturelles Zentrum des Landes und mit 5,7 Millionen Einwohnern die mit Abstand größte städtische Agglomeration. Bagdad (persisch=Gottgegeben-im Sinne von: Gottesgeschenk-) wurde im Jahr 762 von dem abbasidischen Kalifen al-Mansur als neue Hauptstadt des islamischen Reichs gegründet und 1920 zur Hauptstadt des neu gegründeten Staates Irak erklärt. Besonders während des Wirtschaftsbooms der 1970er Jahre wurde die Stadt ausgebaut. Im Ersten Golfkrieg war die Stadt kaum betroffen, im zweiten und Dritten Golfkrieg wurde Bagdad allerdings mehrmals Ziel von Luftangriffen. In Bagdad befinden sich 3 der 6 Universitäten des Landes und der größte internationale Flughafen des Iraks.
Das im Norden gelegene Mossul steht mit etwa 2,9 Millionen Einwohnern an zweiter Stelle. Es ist Zentrum der ostchristlichen und assyrischen Kultur im Irak. Mossul war seit dem 8. Jahrhundert ein wichtiges Wirtschaftszentrum, die gesamte Provinz Nineve wurde erst 1926 völkerrechtlich an den Irak angegliedert.
Die Hafenstadt Basra am persischen Golf ist mit ihren rund 2 Mio. Einwohnern die drittgrößte Stadt des Landes und Zentrum des schiitischen Südens. Basra wurde 636 von Kalif Umar ibn al-Chattab als arabischer Militärstützpunkt und Handelsplatz gegründet und im 16. Jahrhundert von den Osmanen erobert. 1914 marschierten britische Truppen in die Stadt ein. Während des Ersten Golfkrieges wurde die Stadt aufgrund ihrer exponierten Lage und wirtschaftlichen Bedeutung stark in Mitleidenschaft gezogen. Basra besitzt den größten Umschlaghafen des Landes, über den große Teile des geförderten Erdöls exportiert werden, sowie die 1964 gegründete Universität und einen internationalen Flughafen.
Erbil (kurdisch: Hewlêr) ist die Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan und mit geschätzten 7000 Jahren eine der ältesten noch besiedelten Städte der Welt. Sie ist mit etwa 1,8 Millionen Einwohner die größte Stadt der Kurden im Nordirak und die viertgrößte Stadt des Landes. Die Stadt wurde in den ersten beiden Golfkriegen nur leicht beschädigt. Erbil besitzt einen internationalen Flughafen.
Sulaimaniya (kurdisch: Silêmanî) mit 1,6 Millionen Einwohnern fünftgrößte Stadt des Landes. Die Stadt besitzt einen internationalen Flughafen, eine Universität und gilt als Kultur- und Bildungszentrum Kurdistans.
Bevölkerung
Irak hatte 2020 40,2 Millionen Einwohner. Das jährliche Bevölkerungswachstum betrug + 2,3 %. Zum Bevölkerungswachstum trug ein Geburtenüberschuss (Geburtenziffer: 27,7 pro 1000 Einwohner vs. Sterbeziffer: 5,2 pro 1000 Einwohner) bei. Die Anzahl der Geburten pro Frau lag 2020 statistisch bei 3,6, die der Region Naher Osten und Nordafrika betrug 2,7. Die Lebenserwartung der Einwohner Iraks ab der Geburt lag 2020 bei 69,1 Jahren (Frauen: 71,2, Männer: 67). Der Median des Alters der Bevölkerung lag im Jahr 2020 bei 21 Jahren. Im Jahr 2020 waren 38,5 Prozent der Bevölkerung unter 15 Jahre alt, während der Anteil der über 64-Jährigen 3,4 Prozent der Bevölkerung betrug.
Die Bevölkerung des Landes hat sich in den letzten 50 Jahren vervierfacht. Der Irak hat eine der jüngsten und am schnellsten wachsenden Bevölkerungen der Welt. Bis Mitte des Jahrhunderts wird eine Einwohnerzahl von über 80 Millionen prognostiziert.
Die Bevölkerungsdichte beträgt 93 Einwohnern/km². Im Jahr 2020 lebten 71 Prozent der Einwohner Iraks in Städten, wovon allein 6,2 Millionen Menschen auf die Agglomeration Bagdad entfielen. Die Hauptstadtregion hat eine Bevölkerungsdichte von 25.751 Einwohnern/km². Die Stadt und das gesamte Governorat Bagdad zusammen haben 7,1 Millionen Menschen. Weitere bevölkerungsreiche Governorate sind Niniveh (2,8 Millionen), Erbil, (2,1 Millionen), al-Suleymaniah (2,02 Millionen), Basra (1,9 Millionen) und Babil (1,8 Millionen). Weite Teile des Landes sind dagegen sehr dünn besiedelt, vor allem im trockenen Süden.
Bevölkerungsstruktur
Etwa 75–80 % der heute im Irak lebenden Bevölkerung sind Araber. 15–20 % sind Kurden und 5 % sind Turkomanen, rund 600.000 Assyrer/Aramäer (um 2003 noch rund 1,4 Millionen), etwa 10.000 Armenier (vor den Kämpfen 35.000) oder Angehörige anderer ethnischer Gruppen. Weiterhin sollen im Südosten 20.000 bis 50.000 Marsch-Araber leben. Von turkomanischen Quellen wird der Anteil der eigenen ethnischen Gruppe auf etwa 10 % geschätzt.
Religion
Etwa 97 % der Bevölkerung sind muslimisch. Über 60 % sind Schiiten und zwischen 32 und 37 % Sunniten; die große Mehrheit der muslimischen Kurden ist sunnitisch. Christen, Jesiden und andere Religionen bilden mit ca. 3 % eine Minderheit. Vor etwa 100 Jahren machten sie noch rund 25 % aus. In den letzten Jahren sind fast 2 Millionen Christen geflohen. Die Christen zählen überwiegend zu den orientalisch-christlichen Gemeinschaften: Chaldäisch-katholische Kirche, Assyrische Kirche des Ostens, Alte Kirche des Ostens, Armenische Apostolische Kirche, Römisch-katholische Kirche, Syrisch-katholische Kirche, Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien, Assyrisch-evangelische Kirche und andere.
Bis 1948 lebten noch 150.000 Juden im Irak. Aufgrund von Flucht und Vertreibung in den 1940er Jahren infolge der Staatsgründung Israels verringerte sich die Zahl der im Irak lebenden Juden sehr stark und wird gegenwärtig auf unter 10 Personen geschätzt. Des Weiteren gibt es noch Jesiden, Schabak und einige Tausend Mandäer. Neuerdings gibt es im kurdischen Teil Iraks, besonders in Sulaimaniya, wachsende zoroastrische Gemeinden.
Unter dem Regime von Saddam Hussein hatte die Toleranz gegenüber anderen Religionen einen verhältnismäßig hohen Stand; der Regierung des Diktators gehörten z. B. als Minister der christliche Chaldäer Tariq Aziz oder auch für kurze Zeit der kurdische General Mustafa Aziz Mahmoud an. Seit dem Beginn des Krieges im März 2003 hat allerdings schätzungsweise die Hälfte der irakischen Christen das Land verlassen.
Flüchtlinge und Vertriebene
Bereits zur Zeit Saddam Husseins verließen viele Iraker das Land, Ende 2002 waren bereits ca. 400.000 Flüchtlinge weltweit registriert. Aufgrund der instabilen Lage im Land haben seit 2003 weitere 1,8 Millionen Menschen den Irak verlassen. Auf dem Höhepunkt der Gewalt in den Jahren 2006 und 2007 überquerten täglich bis zu 3000 Menschen die Grenzen zu Syrien, dem Iran und Jordanien. Dazu gibt es über 1,6 Millionen Binnenflüchtlinge. Die Bundesregierung Deutschlands ist wegen eines Beschlusses der EU-Innenminister im November 2008 dazu verpflichtet, 2500 irakische Flüchtlinge aus Syrien und Jordanien aufzunehmen.
Bildung
Der Alphabetisierungsgrad der Bevölkerung liegt mit insgesamt 79,7 % weit unter dem Weltdurchschnitt. 85,7 % aller Männer können lesen und schreiben, bei den Frauen sind es nur 73,7 %. Die Situation hat sich in den letzten 30 Jahren stark verschlechtert – Ende der 1980er-Jahre betrug der Anteil der Analphabeten nur 10 bis 12 %.
Die Vorschule (im Irak meist staatlich, in den letzten Jahren wurden aber immer mehr kostenpflichtige Privatvorschulen gegründet) kann in der Altersklasse zwischen vier und fünf Jahren besucht werden.
Seit 1970 gilt im Irak eine allgemeine neunjährige Schulpflicht, die Schul- und auch Hochschulausbildung werden vom Staat übernommen. Staatlich anerkannte Privatschulen wurden erst Anfang der 1990er Jahre zugelassen.
Die Grundschulausbildung dauert sechs Jahre, wobei die ersten vier Klassen als Unterstufe und die Klassen 5 und 6 als Mittelstufe gelten. Ab der 5. Klasse wird Englisch unterrichtet. Dem Besuch der Grundschule folgt ein Besuch der Sekundarschule für weitere drei Jahre. Die Sekundarschule wird nach einer einheitlichen Abschlussprüfung und dem Erwerb der Mittleren Reife abgeschlossen. Zur Erlangung des Abiturs ist ein Besuch der Mittelschule notwendig; diese erneut dreijährige Schulform schließt mit einer zentralen Abitur-Prüfung in sechs Schulfächern (Arabisch, Englisch, Mathematik, Physik, Chemie und Biologie) ab und berechtigt zu einem Studium.
Die drei größten Universitäten des Landes (Universität Bagdad, al-Mustansiriyya-Universität und die Technische Universität Bagdad, auch al-Hikma genannt) sind in der Hauptstadt Bagdad vertreten. Weitere Universitäten befinden sich in Basra (Universität Basra), Mossul (Universität Mossul), Erbil (Salahaddin-Universität, University of Kurdistan Hewlêr), Sulaimaniya (University of Sulaimani) und Dohuk (University of Duhok).
Gesundheit
Die Gesundheitsausgaben des Landes betrugen im Jahr 2019 4,5 % des Bruttoinlandsprodukts. Im Jahr 2020 praktizierten in Irak 9,7 Ärztinnen und Ärzte je 10.000 Einwohner. Die Sterblichkeit bei unter 5-jährigen betrug 2021 24,5 pro 1000 Lebendgeburten.
Geschichte
Antike bis Neuzeit: Von Mesopotamien zum Osmanischen Reich
Der Irak liegt auf dem Gebiet des alten Mesopotamien (DMG Bayn an-Nahrayn = arab. „zwischen den beiden Flüssen“); hier sind ab dem 4. Jahrtausend v. Chr. einige der frühesten Hochkulturen der Menschheit entstanden (Sumer, Akkad, Assyrien, Babylonien, Mittani, Medien), weshalb die Region heute von vielen als Wiege der Zivilisation gesehen wird.
Nach der Schlacht von Kadesia 636 bemächtigten sich die arabischen Muslime des Gebietes. Der Irak wurde zu einem wichtigen kulturellen Zentrum des sich ausbreitenden Islams. 762 wurde Bagdad von al-Mansur als Hauptstadt des Abbasidenkalifats gegründet und entwickelte sich bald zur bedeutendsten Stadt der islamischen Welt. Die folgende Periode wird auch als Blütezeit des Islams bezeichnet, in der besonders Wissenschaft und Künste ein deutlich höheres Niveau entwickelten als etwa in Europa.
1401 wurde Bagdad durch Timur verwüstet, 1534 fiel das Land an das Osmanische Reich. Der Irak blieb lange ein unbedeutender Nebenschauplatz; seine geostrategische Position an den Schnittrouten zwischen Europa, Britisch-Indien, Zentralasien, dem Kaukasus und Südarabien machten ihn aber vom Ersten Weltkrieg an zum Gegenstand weltpolitischer Interessen. Während des Ersten Weltkrieges (am 6. November 1914, einen Tag nach der Kriegserklärung an das Osmanische Reich) marschierten britische Truppen und arabische Aufständische gemeinsam ein und besetzten 1917 Bagdad.
Moderner Irak ab 1920
1920 löste Großbritannien aus dem ehemaligen Osmanischen Reich die Vilâyets Bagdad, Mossul und Basra heraus und verschmolz sie zum heutigen Irak. Der Irakische Aufstand von 1920 wurde blutig niedergeschlagen. Der Völkerbund übertrug 1922 Großbritannien rückwirkend das Mandat über den Irak. So wurde das Britische Mandat Mesopotamien eingerichtet. Am 23. August 1921 wurde Faisal, Sohn des Scherifen Hussein von Mekka, zum König proklamiert. Die Aufnahme des Königreichs Irak in den Völkerbund erfolgte am 3. Oktober 1932.
Die wesentlichen Ölaktivitäten im Land waren in der 1929 aus der Turkish Petroleum Company hervorgegangenen Iraq Petroleum Company zusammengefasst, die nur geringe Konzessionsgebühren zahlte und vollständig ausländischen Unternehmen gehörte.
Zweiter Weltkrieg und vereitelter Putsch
Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs brach die irakische Regierung unter Nuri as-Said die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland ab und nahm in der Außenpolitik eine probritische Haltung ein, die in Armeekreisen und breiten Bevölkerungsschichten keinen Rückhalt hatte. Am 1. April 1941 putschte die Armee und brachte den antibritischen Politiker Raschid Ali al-Gailani an die Regierungsspitze, der die Neutralität des Irak verkündete und den Abzug aller britischen Soldaten forderte. Am 2. Mai 1941 begannen militärische Auseinandersetzungen zwischen britischen und irakischen Truppen, die einen Monat andauerten und mit der irakischen Niederlage endeten.
Mit britischer Unterstützung übernahm im Oktober 1941 wieder Nuri as-Said die Regierung. Am 16. Januar 1943 erklärte der Irak den faschistischen Achsenmächten den Krieg. Gemeinsam mit syrischen, jordanischen, libanesischen und ägyptischen Truppen wandte sich das Königreich Irak 1948 im Krieg um Israels Unabhängigkeit, die am 14. Mai 1948 erklärt worden war, gegen die Gründung des Staates Israel und griffen es gemeinsam an. Sie wurden jedoch 1949 besiegt. Die vertraglich abgesicherte politische, ökonomische und militärische Einflussnahme Großbritanniens als ehemalige Mandatsmacht im Irak war auf Dauer bis hin zum Bagdadpakt Mitte der 1950er Jahre wiederhergestellt.
Unabhängigkeit 1958
Als Reaktion auf die Gründung der Vereinigten Arabischen Republik erklärten am 14. Februar 1958 die beiden haschemitischen Königreiche Irak und Jordanien ihre Vereinigung zu einer von Großbritannien unterstützten Arabischen Föderation. Unter General Abdel Karim Qasim schlossen sich die so genannten „Freien Offiziere“ zusammen, um die britische Kontrolle abzuschütteln. Sie stürzten und ermordeten am 14. Juli 1958 den pro-britischen Monarchen (Faisal II. 1935–1958). Am 15. Juli wurde die Föderation mit Jordanien aufgelöst und die Republik Irak proklamiert. Es strömten hunderttausende Iraker auf die Straßen, um ath-Thawra (die Revolution) zu feiern.
Mit Ausrufung der Republik wurden neue politische Verhältnisse geschaffen. Die Monarchie wurde abgeschafft und der Irak trat aus dem mit der Türkei, Pakistan und dem Iran geschlossenen CENTO (Bagdad)-Pakt aus. Das aktive und passive Frauenwahlrecht war in der Verfassungsänderung vom 26. März 1958 vorgesehen, die vom Parlament des Königreichs Irak verabschiedet wurde. Das Regime, das damals an der Macht war, wurde jedoch im Sommer 1958 gestürzt, bevor Wahlen mit weiblicher Beteiligung hatten stattfinden können. Ein Frauenwahlrecht, das zu einer tatsächlichen Stimmabgabe führte, wurde erst im Februar 1980 eingeführt. Die letzten britischen Soldaten verließen das Land am 24. März 1959.
Putsch der Baath-Partei 1963
Die kleine irakische Baath-Partei putschte mit Hilfe von Verschwörern in der irakischen Armee am 8. Februar 1963 gegen Qasim. Durch interne Flügelkämpfe geschwächt, wurde die Baath-Partei wenige Monate später mit dem Militärputsch vom 18. November 1963 durch den Präsidenten Abd as-Sallam Arif gestürzt. Unter seinem Bruder Abd ar-Rahman brach der Irak 1967 die diplomatischen Beziehungen zu den USA ab. Nach einem zweiten Putsch am 17. Juli 1968 eroberte die Baath-Partei wieder die Macht, Ahmad Hasan al-Bakr wurde Staatspräsident und Vorsitzender des Revolutionären Kommandorates (RKR), Saddam Hussein Vizepräsident und stellvertretender Vorsitzender des RKR.
Im Frühjahr 1969 brachen erneut Kämpfe zwischen den Regierungstruppen und den seit 1961 gegen die Zentralregierung kämpfenden Kurden aus. Zwar unterzeichneten Saddam Hussein und der Kurdenführer Mustafa Barzani im März 1970 einen Friedensvertrag, der den Kurden politische Autonomie gewährleistete. Die Kämpfe dauerten allerdings bis April 1975 an, als der Irak mit dem Nachbarland Iran das Abkommen von Algier über die Neuregelung der Grenze am Schatt al-Arab unterzeichnete. Der Iran beendete daraufhin seine Hilfe für die Kurden, was zu deren Kapitulation führte.
Zeit seit dem zweiten Putsch der Baath-Partei; Machtübernahme Husseins 1979; Kriege 1980–1991
Als die Baath-Partei an der Macht war, folgten Massenhinrichtungen und willkürliche Verhaftungen, vor allem von kommunistischen und anderen linksgerichteten Intellektuellen. Besonders nachdem Saddam Hussein nach dem Rücktritt al-Bakrs am 16. Juli 1979 an die Macht gelangt war, kam es zu massiven Menschenrechtsverletzungen, denen auch viele Baathisten zum Opfer fielen.
Nach monatelangen Auseinandersetzungen mit dem Iran befahl Hussein der irakischen Armee am 22. September 1980, das Nachbarland mit insgesamt neun von zwölf Divisionen anzugreifen. Nach anfänglichen Erfolgen musste sich die irakische Armee ab 1982 immer weiter zurückziehen und schließlich ab 1984 den Krieg im eigenen Land führen. Dieser Erste Golfkrieg dauerte bis 1988 an und kostete schätzungsweise 250.000 Irakern das Leben. In diesem Krieg setzte der Staat auch mehrmals chemische Kampfstoffe sowohl gegen die Iraner als auch gegen die eigene Bevölkerung ein.
Nach einem gescheiterten Attentat auf Saddam Hussein wurden am 17. Juli 1982 600 Einwohner der Kleinstadt Dudschail verhaftet und 148 von ihnen hingerichtet. 1988 startete das Regime die sogenannte Anfal-Operation, bei der nach Schätzungen bis zu 180.000 irakische Kurden ermordet wurden.
Am 2. August 1990 marschierte die irakische Armee in Kuwait ein und besetzte das Land. Erst durch die Intervention internationaler Truppen unter der Führung der Vereinigten Staaten wurde das Land im Februar 1991 im Zweiten Golfkrieg befreit. Die kuwaitische Führung nutzte zur Mobilisierung ihrer Politik, Partner und Bevölkerung die Brutkastenlüge. Als Folge der Besetzung verhängten die Vereinten Nationen Sanktionen über das Land, die zu internationaler Isolierung und durch die Misswirtschaft mit den erlaubten Handelsgütern zur Verarmung weiter Teile der Bevölkerung führten.
1991 kam es zur Niederschlagung eines Schiitenaufstandes mit einem Genozid mit geschätzt 60.000–100.000 Toten (laut anderen Schätzungen bis zu 300.000 Toten). Schiiten hatten erst im Südirak und dann auch in anderen Regionen eine Revolte gegen das Regime gewagt, nachdem eine internationale Koalition unter Führung der USA die irakischen Truppen aus Kuwait vertrieben hatte. Die Regierungstruppen beendeten den Aufstand nicht nur mit militärischen Mitteln. Sie verbreiteten auch Terror, indem sie in den Schiiten-Städten willkürlich Zivilisten zusammentrieben und hinrichteten. Die Massengräber aus dieser Zeit wurden erst nach dem Sturz des Regimes in der Folge des dritten Golfkriegs 2003 entdeckt.
Irakkrieg 2003, Absetzung Husseins und Besatzungszeit bis 2011
Am 20. März 2003 begann der Irakkrieg mit Luftangriffen auf die Hauptstadt Bagdad und führte bis Ende April zur Eroberung der Hauptstadt und zum Sturz des damaligen irakischen Diktators Saddam Hussein. Am 1. Mai erklärte US-Präsident Bush die größeren Kampfhandlungen für siegreich beendet und der Irak wurde mit Zustimmung des UN-Sicherheitsrates in Besatzungszonen aufgeteilt. Am 22. Mai 2003 verabschiedete der UN-Sicherheitsrat einstimmig dazu die Resolution 1483, in der die Rolle der UN und der Besatzungsmächte nach dem Krieg geregelt wurde.
Nach Bildung eines Übergangsrates Ende 2003 wurde der bis dahin von der Koalitions-Übergangsverwaltung ausgeübte Verwaltungsauftrag am 28. Juni 2004 einer repräsentativen irakischen Übergangsregierung übertragen. Der Irak befindet sich politisch seitdem in einem Übergangszustand: Nach diesem Dritten Golfkrieg sind die früheren Machtstrukturen, insbesondere der Revolutionäre Kommandorat, nicht mehr vorhanden, aber die neuen Verhältnisse, damals noch zwischen der westlichen Besatzung, der Zivilverwaltung und dem Irakischen Regierungsrat, waren nicht endgültig etabliert.
Am 15. Oktober 2006 rief al-Qaida im Irak einen islamischen Staat aus, der insgesamt sechs Provinzen umfassen sollte.
Al-Qaida im Irak verfolgte anscheinend die Strategie, einen Bürgerkrieg zwischen Schiiten und Sunniten zu provozieren, um so zu verhindern, dass der Irak eine staatliche Ordnung findet. Todesschwadronen griffen gezielt Schiiten im Irak an. Als wichtigster Kopf von al-Qaida im Irak wurde seit 2003 der Jordanier Abu Musab az-Zarqawi angesehen (von US-amerikanischen Einheiten getötet am 7. Juni 2006). Die USA warfen dem Iran und Syrien vor, nichts gegen das Eindringen ausländischer Kämpfer zu tun. Von Sunniten und Schiiten gegeneinander geführte Terrorangriffe forderten bis 2008 je nach Studie zwischen 100.000 und 1.000.000 Tote. Die meisten Todesfälle ereigneten sich als Folge sektiererischer Gewalt zwischen Sunniten und Schiiten.
Am 30. Juni 2009 verließen die amerikanischen Kampftruppen die Städte und übergaben ihre Stützpunkte und andere Einrichtungen an die irakischen Streitkräfte. Im August 2010 verließen die letzten US-Kampftruppen das Land, seitdem befanden sich noch 50.000 Ausbilder und Militärberater im Land. Deren Abzug wurde dann am 18. Dezember 2011 abgeschlossen.
Die zweiten Parlamentswahlen seit Inkrafttreten der neuen Verfassung fanden am 7. März 2010 statt. Stärkste Kraft wurde die von Iyad Allawi geführte Irakija mit 91 Sitzen vor der Rechtsstaat-Koalition des amtierenden Premierministers Nuri al-Maliki, die 89 Sitze gewann. Die Nationale Irakische Allianz wurde mit 70 Sitzen drittstärkste Kraft im Parlament.
Aufstand und Krieg gegen den IS 2011–2017
Auch nach dem Abzug der US-Truppen 2011 blieb die Lage im Land angespannt. Der Bürgerkrieg im Nachbarland Syrien wirkte sich auch im Irak aus. In den Jahren 2012 und 2013 kam es in den vornehmlich von der sunnitischen Minderheit bewohnten Provinzen zu Demonstrationen gegen die Regierung al-Maliki. Gleichzeitig nahmen Angriffe auf Zivilisten zu.
Ab 2014 wurden Teile des Iraks, wie die Stadt Mossul, von der Terrororganisation Islamischer Staat im Irak und der Levante besetzt. Seit der „Islamische Staat“ (IS) im August 2014 seinen Vormarsch im Nordwesten des Landes begann, wurden 3,2 Millionen Menschen vertrieben. Viele sind bei Gastfamilien untergekommen, andere leben in Camps oder in Kellern und Hinterhöfen. In dieser Zeit wurde auch das Massaker von Tikrit von dieser Terrorzelle ausgeführt.
Im darauffolgenden Krieg gegen den IS gelang es den irakischen Streitkräften und den Volksmobilmachungskräften (alHaschd asch-Schaʿbī), unterstützt von einer internationalen Allianz den sog. Islamischen Staat zurückzudrängen. Die Schlacht um Mossul endete im Juni 2017 mit der Rückeroberung der Stadt. Im Dezember 2017 verkündete der irakische Ministerpräsident Haidar al-Abadi den Sieg über den IS.
2014 gab es im Irak umfangreiche Missionen des Internationalen Komitee vom Blauen Schild (Association of the National Committees of the Blue Shield, ANCBS) mit Sitz in Den Haag zum Schutz der vom Krieg und Diebstahl bedrohten Kulturgüter (Museen, Archive, Ausgrabungsstätten, Denkmäler etc.). Dabei wurden auch Arbeiten zu „No-Strike-Listen“ erstellt, um Kulturgüter bei Luftschlägen zu schützen.
Aktuelle Lage seit 2018
Im August 2019 griffen israelische Streitkräfte offenbar mehrere Ziele im Irak an, die den schiitischen Milizen zugerechnet werden. US-Offizielle bestätigten, dass Israel für zumindest einen Drohnenangriff auf irakischem Gebiet verantwortlich war. Die USA wurden daraufhin von einer Fraktion im irakischen Parlament für Israels Aktionen mit verantwortlich gemacht und die im Land verbliebenen etwa 5000 US-Soldaten, die 2014 wie die schiitischen Milizen zum Kampf gegen den IS in den Irak gekommen waren, von dieser Fraktion zum sofortigen Abzug aufgefordert.
Im Januar 2020 stimmte das irakische Parlament für den vollständigen Abzug aller Truppen der USA aus dem eigenen Land. Hintergrund war die gezielte Tötung des iranischen Generals Qasem Soleimani in Bagdad. Am 7. März 2023 erklärte US-Verteidigungsminister Lloyd Austin im Rahmen eines unangekündigten Besuchs im Irak, die US-Truppen seien darauf vorbereitet, auf Einladung der irakischen Regierung im Land zu bleiben.
Am 31. Dezember 2021 endete der US-Kampfeinsatz. Militärberater verblieben allerdings im Irak. Bei der Parlamentswahl im Irak im Oktober 2021 gewann die Bewegung des radikalen irakischen Klerikers und Schiitenführers Muqtada as-Sadr. Die Wahlbeteiligung lag bei rund 41 Prozent. Al-Sadr hatte bei der Wahl selbst nicht kandidiert.
Im Jahr 2022 beschloss das irakische Parlament auf Betreiben Al-Sadrs ein Gesetz, das Menschen im Irak (auch Ausländern) verbietet, Kontakte zu Israelis zu halten. Bei Zuwiderhandlungen können in härtesten Fällen lebenslange Haftstrafen oder Todesstrafen verhängt werden.
Politik
Die irakische Politik wird seit der Staatsgründung 1921 und der Aufnahme in den Völkerbund (1932) von zwei Hauptfaktoren geprägt:
dem Reichtum an Erdöl und den daraus folgenden Interessen des Westens und Russlands,
den ethnisch-religiösen Unterschieden der drei Landesteile, die den ehemaligen osmanischen Provinzen Mossul, Bagdad und Basra entsprechen: Kurden und Turkmenen im Norden, sunnitische Araber in der Landesmitte und Schiiten im Süden.
Einigend wirkte unter anderem der langjährige Widerstand gegen den britischen Einfluss, der bis zum Sturz von König Faisal II. (1958) und der Verstaatlichung der Ölunternehmen bestand. Die Demokratie wurde jedoch durch heftige Machtkämpfe unterminiert, die bis heute unter Panarabisten, Schiiten und Kurden nachwirken und in denen sich 1968 die nationalistische Baath-Partei durchsetzte. Ihre Macht ging 1979 in die Alleinherrschaft von Saddam Hussein über, die durch zwei „Golfkriege“ gegen den Iran (1980–1988) und gegen Kuwait und dessen Verbündete (1990/91) noch gefestigt wurde.
Staatlichkeit
Seit der Gründung 1920 kam keine gemeinsame nationale Identifikation der drei Bevölkerungsgruppen, Schiiten, Sunniten und Kurden, zustande. Diese mangelnde nationale Einigkeit ließ Platz für radikalislamische Machtbestrebungen. Vor dem Sturz Saddams regierten die Sunniten, nach Abzug der Amerikaner die Schiiten, die das vormals herrschende Regierungsgefüge unter „fadenscheinigen“ Argumenten „sprengten“ (Baath-Partei). Die ethno-religiösen Auseinandersetzungen verstärkten sich weiter und stellen akut eine Bedrohung für die irakische Einheit dar.
Verfassung
Am 15. Oktober 2005 wurde die neue Verfassung zur Abstimmung freigegeben. Wenn in drei Provinzen zwei Drittel der Wähler mit Nein gestimmt hätten, wäre die Verfassung nicht angenommen worden. Laut Ergebnis lag die Wahlbeteiligung bei über 60 %. Die Verfassung wurde mit 78,59 % der Stimmen angenommen. Nur in den Provinzen al-Anbar und Salah ad-Din stimmten mehr als zwei Drittel der Wähler dagegen, in einer dritten Provinz (Ninawa) soll die Zweidrittelmehrheit an Gegenstimmen nur knapp verfehlt worden sein.
Übergangsverfassung (2004–2005)
In der Zwischenzeit geht die Diskussion um eine neue Verfassung weiter. Als erster Schritt wurde am 8. März 2004 von den 25 Mitgliedern des Regierungsrates eine Übergangsverfassung feierlich unterzeichnet. Nach anfänglichen Einwänden und einer Verschiebung des Termins wurde dann aber das Werk ohne Änderungen gegenüber dem ursprünglichen Entwurf verabschiedet.
Die Übergangsverfassung regelt die Geschicke des Staates seit der Machtübergabe am 28. Juni 2004. Der Irak ist laut Verfassungstext eine multi-ethnische und multi-religiöse parlamentarische Republik, die sich zur Demokratie, zum Pluralismus und zum Föderalismus bekennt. Im Text verankert sind die Menschen-, Freiheits- und Bürgerrechte, das Recht auf freie Meinungsäußerung und Versammlungsfreiheit sowie die Rechte ethnischer und religiöser Minderheiten.
Es besteht Religionsfreiheit, wobei der Islam als Staatsreligion festgeschrieben ist. Amtssprachen sind Arabisch und Kurdisch. In diesen Sprachen besteht ein Recht auf muttersprachlichen Unterricht. Syrisch-Aramäisch und Türkisch werden in der Verwaltung ebenfalls als Amtssprachen betrachtet.
Politische Macht geht im Rahmen von freien, gleichen und unmittelbaren Wahlen ausschließlich vom Volk aus. Der vom Volk alle vier Jahre gewählte Repräsentantenrat ist das höchste gesetzgebende Organ des Staates. Der vom Repräsentantenrat gewählte Präsident und Ministerpräsident nehmen gemeinsam die höchste Exekutivgewalt wahr. Die Gesetzgebung basiert auf den Regeln des Islams (Scharia) aber auch auf den Prinzipien der Demokratie bzw. der Verfassung. Alle Iraker sind vor dem Gesetz gleich. Die Judikative ist von den anderen Gewalten unabhängig und das höchste Rechtsorgan ist der Bundesgerichtshof, der eine noch nicht bestimmte Anzahl islamischer Rechtsgelehrte umfasst (Schariarichter). Er überwacht u. a. die Verfassungskonformität der Legislative.
Die zentralstaatlichen Kompetenzen sind die Außen-, Verteidigungs-, Handels-, Einwanderungspolitik, die Währung, das Zoll- und das Messwesen. Die Regionen und Provinzen genießen eine weitreichende Autonomie. So haben die Provinzen bei Angelegenheiten, über die mit dem Bund gemeinsam entschieden wird, das letzte Wort. Provinzen sind berechtigt, gemeinsame Verwaltungsbezirke mit weitreichenden Kompetenzen zu bilden, sofern dies im Rahmen eines Referendums durch das Volk bestätigt wurde. Auch sind die Provinzen berechtigt, eigene Sicherheitskräfte zu unterhalten.
Die Gleichberechtigung der Frau ist explizit in der Verfassung garantiert. So müssen mindestens 25 % der Abgeordneten des Repräsentantenrats weiblichen Geschlechts sein. Der umstrittene Artikel 39 sieht jedoch vor, dass irakische Bürger sich der Zivilgerichtsbarkeit ihrer eigenen Religionsgemeinschaft unterwerfen können, was gegebenenfalls zu einer entsprechenden Benachteiligung bei Erbschafts- und Scheidungsangelegenheiten führen kann.
Bodenschätze, wie beispielsweise Erdgas und Erdöl, sind als gemeinschaftliches Eigentum aller Iraker festgeschrieben. Ihre gemeinschaftliche Nutzung wird von der Zentralregierung und den Provinzen gemeinsam bestimmt.
Am 30. Januar 2005 fanden die Wahlen für ein Übergangsparlament (Nationalversammlung) statt, in dem die Vereinigte Irakische Allianz (United Iraqi Alliance [UIA]), die von Großajatollah Ali as-Sistani unterstützt wurde, mit 48,2 % der abgegebenen Stimmen fast die absolute Mehrheit der Sitze im Parlament erreichte. Eine von diesem Übergangsparlament ernannte 55-köpfige Kommission musste bis 15. August 2005 die endgültige Verfassung erarbeiten, über die per Volksentscheid abgestimmt wurde. 28 der Mitglieder der Kommission gehören der UIA an, die weiteren Sitze teilen größtenteils die Kurden und das Parteienbündnis des früheren Ministerpräsidenten Iyad Allawi, Irakische Liste, unter sich auf. Die Kommission wird von dem moderaten schiitischen Kleriker Hummam Hammudi geleitet, seine Stellvertreter sind der Sunnit Adnan al-Dschanabi und der Kurde Fu’ad Massum. Wegen der Unterrepräsentierung der Sunniten übte US-Außenministerin Condoleezza Rice Kritik an der Zusammensetzung der Kommission, worauf der irakische Ministerpräsident Ibrahim al-Dschafari versprach, die Sunniten mehr in den politischen Prozess mit einzubeziehen. Daraufhin wurde den Sunniten eine stärkere Beteiligung an der Ausarbeitung der Verfassung angeboten.
Staatsoberhaupt
Die Ernennung einer Regierung ist laut Verfassung nur im Einvernehmen zwischen dem kurdischen, dem schiitischen und dem sunnitischen Vertreter im Präsidialrat möglich.
Laut der aktuellen Verfassung von 2005 ist das Staatsoberhaupt der Präsident der Republik Irak.
Am 24. Juli 2014 wurde der Kurde Fuad Masum (PUK) vom irakischen Parlament mit 211 zu 17 Stimmen zum neuen Präsidenten gewählt.
Seine Stellvertreter sind der frühere Ministerpräsident Nuri al-Maliki, Iyad Allawi und Osama al-Nudschaifi.
Rund fünf Monate nach der Wahl 2018 im Irak ist der kurdische Politiker Barham Salih nach mehreren Anläufen zum neuen Staatschef des Landes gewählt worden. Die Abgeordneten im Parlament in Bagdad stimmten mit 219 von 329 Stimmen für ihn. Das Präsidentenamt im Irak steht traditionell einem Kurden zu. Anders als früher konnten sich die beiden großen kurdischen Kräfte, die Kurdische Demokratische Partei (KDP) und die Patriotische Union Kurdistans (PUK), zunächst nicht auf einen Kandidaten einigen. Dahinter steckt ein erbitterter Kampf um die Machtverteilung im Land.
Regierung
Nachdem Haider al-Abadi am 11. August 2014 von Staatspräsident Fuad Masum mit der Bildung einer neuen Regierung beauftragt worden war, trat der bisherige Ministerpräsident Nuri al-Maliki am 14. August zurück. Es dauerte noch bis zum 8. September bis al-Abadi und sein Kabinett die Zustimmung der Mehrheit des irakischen Parlaments erlangte und es vereidigt wurde.
Das anlässlich von Protesten gegen Missstände und Korruption in mehreren irakischen Provinzen im August 2015 angekündigte Reformprogramm von Premierminister Al-Abadi kommt nur schleppend voran. Maßnahmen wie die Abschaffung der Posten der stellvertretenden Staatspräsidenten oder die Neubesetzung von Ministerposten wurden durch das Oberste Bundesgericht bzw. das Parlament rückgängig gemacht bzw. verhindert. Der Finanz- und der Verteidigungsminister verloren durch Misstrauensvoten des Parlaments ihre Posten. Kernressorts der Regierung wie z. B. Inneres, Finanzen und Verteidigung sind momentan unbesetzt, andere Ressorts wie z. B. Finanzen, Handel und Industrie bleiben weiter vakant.
Wahlen
Laut Übergangsverfassung mussten auf jeder Wählerliste ein Drittel Frauen stehen. Ebenfalls stehen rund ein Viertel aller Sitze der neu gewählten Nationalversammlung Frauen zu.
Bei den Kommunalwahlen 2009 wurden in 14 der 18 Provinzen die Abgeordneten der Kommunalparlamente gewählt. In der Provinz Kirkuk wurde der Urnengang abgesagt, da die politischen Fraktionen sich nicht auf die Rahmenbedingungen einigen konnten. In den restlichen drei Provinzen, die autonom regierten kurdischen Nordprovinzen, wird die Wahl zu einem späteren Zeitpunkt durchgeführt. 15 Millionen von insgesamt 28 Millionen Wahlberechtigten haben sich zuvor für die Wahl registrieren lassen, um ihre Stimme abgeben zu können. Die Wahllokale wurden von tausenden irakischen Polizisten und Soldaten abgesichert, weitgehend ohne Beteiligung der US-Armee. Nach Berichten von Reuters verliefen die Wahlen im Gegensatz zu 2005 weitgehend friedlich.
Der schiitische Geistliche Muqtada al-Sadr gewann die Parlamentswahl 2018. Seine Liste Sairun („Wir marschieren“) werde 54 der 329 Sitze im Parlament erhalten, teilte die Wahlkommission mit. Auf Platz zwei folgt ein Bündnis des Politikers Hadi al-Amiri, das den schiitischen Milizen nahesteht und enge Beziehungen zum benachbarten Iran hat. Lediglich auf Platz drei kam der amtierende schiitische Regierungschef Haidar al-Abadi mit seiner Liste. Dieses Ergebnis war bereits Prognosen zufolge nach der Wahl vom 12. Mai erwartet worden.
Politische Indizes
Menschenrechte
Im Irak wird immer noch die Todesstrafe vollstreckt. Amnesty International dokumentierte zahlreiche Fälle von Folter und Misshandlungen in Gefängnissen. Darunter zählen unter anderem: das Aufhängen an Armen oder Beinen über längere Zeiträume, das Schlagen mit Kabeln und Schläuchen, Elektroschocks, das Brechen von Armen und Beinen, beinahe Erstickung durch Plastiktüten oder Vergewaltigung. Nonkonformisten und Homosexuelle werden eingeschüchtert. Die Behörden der Autonomen Region Kurdistan gingen gegen Personen vor, welche die Korruption der Regierung kritisierten. Auch dort wurden Fälle von Folter und Misshandlungen dokumentiert.
Frauenhandel
Im Irak „verheiraten“ schiitische Geistliche junge Mädchen und Frauen für „Vergnügungsehen auf Zeit“ (Mutʿa-Ehe), die nur eine Stunde dauern können – für sexuelle Zwecke. Unter dem Vorwand, die Scharia zu befolgen, werden die Mädchen gegen eine Gebühr getraut.
Außenpolitik
Die Beziehungen zwischen Irak und den USA unterliegen seit dem Abzug der letzten US-Truppen am 18. Dezember 2011 einem deutlichen Wandel. Bereits mit dem Abzug der letzten Kampfbrigade im August 2010 war die „Operation Iraqi Freedom“ beendet. Nichtsdestoweniger bleiben die USA nach dem Iran der wichtigste internationale Partner für Irak. Die USA sind insbesondere seit dem irakischen Regierungswechsel um die Unterstützung einer demokratisch legitimierten und inklusiven Regierung bemüht. Ferner unterstützen die USA im Rahmen der internationalen Anti-IS-Koalition die irakische Regierung im Kampf gegen den IS. Die Tötung von Qasem Soleimani auf irakischem Staatsgebiet führte 2020 zu einer Belastung der Beziehungen.
Das Verhältnis zu Syrien ist derzeit durch die gewalttätigen Auseinandersetzungen im Nachbarstaat schwer beeinträchtigt. Noch immer sind Teile der an der Grenze zu Syrien gelegenen irakischen Region unter der Kontrolle von IS. Darüber hinaus war der Irak von den Flüchtlingsströmen aus Syrien stark betroffen.
Unter seinen Nachbarstaaten unterhält Irak volle diplomatische Beziehungen derzeit u. a. zur Türkei, zu Jordanien, Iran, Syrien, Kuwait und Saudi-Arabien.
Am 13. Februar 2007 wurde die irakische Botschaft in Riad wiedereröffnet; Saudi-Arabien hat am 21. Februar 2012 die diplomatischen Beziehungen zu Irak wieder aufgenommen und Ende 2015 eine Botschaft in Bagdad sowie vor kurzem ein Generalkonsulat in Erbil eröffnet. Ende Februar 2017 reiste der saudische Außenminister, Adel al-Dschubeir, als erster saudischer Außenminister seit 1990 nach Bagdad. Saudi-Arabien hat ein Interesse an einem stabilen Irak unter einer inklusiven, die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen in politische Entscheidungen und Institutionen einschließenden Regierung.
Die über Jahrzehnte belasteten Beziehungen zu Kuwait haben sich verbessert. Bei Besuchen des kuwaitischen Premierministers in Bagdad und des irakischen Außenministers in Kuwait vereinbarten beide Seiten, die noch offenen Fragen hinsichtlich der Kompensationen an Kuwait mit Hilfe der Unterstützungsmission der Vereinten Nationen in Irak (UNAMI) lösen zu wollen. Dabei geht es in erster Linie um Wiedergutmachung, die Irak nach seinem Überfall auf Kuwait vom 2. August 1990 leisten muss.
Es existiert ein irakisch-kuwaitischer Ministerrat, von dem unter anderem ein Tourismus- und Investitionsabkommen vereinbart und eine Einigung zur Navigation im Khor Abdullah, dem Grenzgebiet im Persischen Golf erreicht wurde.
Das Verhältnis Iraks zu anderen arabischen Staaten verbessert sich ebenfalls, nachdem zahlreiche arabische Diplomaten nach 2003 Opfer von Gewalt in Bagdad geworden waren. So entsandte Ägypten im Juni 2009 wieder einen Botschafter nach Bagdad und im November 2010 einen Generalkonsul nach Erbil. Im September 2015 gab Katar die erste Entsendung eines Botschafters nach Bagdad seit 1990 bekannt.
Die Beziehungen zur Türkei haben sich zuletzt wieder verschlechtert. Im Vordergrund stehen derzeit Spannungen um eine türkische Militärpräsenz zu Ausbildungszwecken im Nordirak gegen den Willen der irakischen Regierung. Differenzen bestehen darüber hinaus im Hinblick auf den Konflikt in Syrien, die sich mit dem Umgang der Kurden ergebenden Probleme und den Konflikt um das Wasser aus dem Tigris. Im Dezember 2013 wurde die türkisch-kurdische Ölpipeline eröffnet. Der Aufkauf von Öl von der kurdischen Regionalregierung durch die Türkei, unter Übergehung der Bagdader Zentralregierung, hat bestehende Spannungen vertieft. Ergänzend zu den benannten Aktivitäten ist die Türkei seit Sommer 2015 punktuell und ohne eine dauerhafte militärische Präsenz zu entfalten im Nordirak im Rahmen ihrer Kampfhandlungen gegen die PKK militärisch aktiv.
Der Irak unterhält enge Beziehungen zu seinem Nachbarn Iran, die durch eine wechselhafte Geschichte gekennzeichnet sind. Trotz des verlustreichen Krieges zwischen den beiden Staaten in den 1980er Jahren sind die Beziehungen historisch sehr eng. Sowohl auf gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Ebene wie auch zwischen den Regierungen bestehen vielfältige, von sehr unterschiedlichen Interessen getragene und seit dem Antritt der jetzigen irakischen Regierung auch sich noch weiter intensivierende Verbindungen. Tausende iranischer Pilger reisen jedes Jahr zu den heiligen Orten der Schiiten in Irak, u. a. nach Kerbela und Nadschaf.
Verwaltungsgliederung
Mit der Verfassung von 2005 hat sich der Staat erstmals als föderal definiert:
Oberste Verwaltungseinheit ist die Region, die aber bisher erst in der Autonomen Region Kurdistan, bestehend aus inzwischen 4 Gouvernements, umgesetzt wurde.
Unterteilt ist das Land in 19 Gouvernements (muhafazat, Singular muhafaza):
Eine dritte Verwaltungsebene sind Lokalverwaltungen (local administrations) für Minderheitengebiete, die noch nicht umgesetzt wurden.
Militär
Am 23. Mai 2003 wurden die Streitkräfte des ehemaligen Regimes unter Saddam Hussein durch die Übergangsverwaltung aufgelöst. Eine große Anzahl der militärischen Hinterlassenschaften wurden zerstört. Die neuen irakischen Streitkräfte wurden mit Unterstützung der USA, Großbritanniens, Australiens und Jordaniens aufgestellt. Im Irak waren die „Koalitionsstreitkräfte“, weiterhin vorrangig die USA und Großbritannien, als Hauptteil der Multi-National Force Iraq bis 2009 für die innere und äußere Sicherheit im Land zuständig und arbeiteten eng mit der neuen irakischen Armee zusammen. Die United States Forces Iraq (USF-I) verließen den Irak 2011.
Oberbefehlshaber (Chief Joint Forces) der neuen irakischen Streitkräfte ist 2007: General Babakir Zebari. Das Land gab 2017 knapp 3,9 Prozent seiner Wirtschaftsleistung oder 7,4 Milliarden US-Dollar für seine Streitkräfte aus. Die relativ hohen Verteidigungsausgaben sind eine Belastung für den Staatshaushalt.
Private Sicherheitsunternehmen:
Zahlreiche Militärdienstleister und Private Sicherheits- und Militärunternehmen sind im Auftrag des US-Militärs tätig. Deren Anzahl wird auf rund 15.000 Mann geschätzt – offizielle Zahlen werden nicht bekannt gegeben. Die größten dieser Unternehmen sind:
The Hart Group: Schutz von Elektrounternehmen
ISI Group: Schutz der Koalitionsgebäude
Erinys International: Personenschutz
DynCorp: Personenschutz & Ausbildung der irakischen Polizei (Auftragswert: 40 Mio. US-Dollar)
Blackwater USA: Personenschutz
Armor Group/G4S: Personenschutz, Minenräumung & Flughafensicherung
Kroll Inc.: Personenschutz
Global Risk Personenschutz
Sabre International Flughafensicherung
Den privaten Militärdienstleistern kommt im Irak eine Sonderstellung zu, da nicht geklärt ist, an welches Recht diese Unternehmen gebunden sind, und diese auch keine Auskunft über Mitarbeiterzahlen oder Opferzahlen abgeben müssen.
Wirtschaft
Der Irak ist im Wesentlichen ein Agrarstaat, dessen Wirtschaft sich allerdings seit den ersten Ölfunden im Jahr 1927 fast ausschließlich auf den Export von Erdöl ausrichtet.
Nachdem 1972 alle ausländischen Erdölgesellschaften verstaatlicht wurden und die Ölkrise zu einem rasanten Anstieg der Erdölpreise geführt hatte, gab es ab Mitte der 1970er Jahre einen Wirtschaftsboom im Land, das Bruttoinlandsprodukt des Landes wuchs zwischen 1970 und 1980 um durchschnittlich 11,7 % Von dieser rasanten Entwicklung mochte auch ein Großteil der irakischen Bevölkerung profitieren. 1979 besaß der Irak Geldreserven im Wert von 35 Milliarden US-Dollar, 1980 betrugen die Erdöleinnahmen 26 Milliarden Dollar.
Der Erste Golfkrieg bremste allerdings diese Entwicklung, so schrumpfte das BIP des Landes zwischen 1980 und 1985 um 8,1 % und von 1985 bis 1989 erneut um 1,7 % Durch das UN-Embargo (1991–2003) wurde die Wirtschaft fast lahmgelegt. Mit 100 Milliarden US-Dollar Schulden zählt der Irak zu den am höchsten verschuldeten Ländern der Welt. Die Wirtschaft des Landes leidet immer noch an den Folgen der Golfkriege, des UN-Embargos und an der derzeitigen instabilen Lage.
Das Bruttoinlandsprodukt belief sich im Jahr 2013 auf ca. 229,3 Milliarden US-Dollar, die Wirtschaftswachstumsrate betrug 4,2 %. Die Inflationsrate beträgt 1,9 %, die Arbeitslosenquote wird mit ca. 13 % angegeben. 2012 exportierte der Irak Waren im Wert von 93,9 Mrd. Dollar. Hauptabnehmer waren die USA, Indien und Südkorea. Die Importe beliefen sich auf 56,9 Mrd. Dollar und stammen meist aus Syrien, Jordanien, der Türkei und den USA. Haupteinfuhrgüter waren Maschinen, verschiedene verarbeitete Erzeugnisse, chemische Erzeugnisse und Lebensmittel.
Die geringe Verflechtung des Landes mit der Weltwirtschaft und die damit verbundene relativ große Unabhängigkeit des Iraks von globalen Märkten verschonte das Land bisher von der aktuellen wirtschaftlichen Krise. Einzelne Bereiche profitieren sogar direkt von der globalen Rezession. Der Nationalen Investitionskommission des Iraks (INIC) zufolge ist seit dem Beginn der Weltwirtschaftskrise vor allem die Zahl der internationalen Bau- und Vertragsunternehmen im Irak sprunghaft angestiegen. Andere Investoren sollen folgen und weiteres Auslandskapital ins Land spülen. Der kurdische Investitionsminister Herish Muharam Muhamad ließ sich jüngst sogar zu dem Vergleich hinreißen, Investitionen im Irak seien „sicherer als die Wall Street“.
Laut einer staatlichen Studie leben ungefähr 23 % der Iraker unter der Armutsgrenze und damit von weniger als 2,50 Dollar am Tag. Ein weiteres Problem stellt die Korruption im Land dar.
Kennzahlen
Alle BIP-Werte sind in Internationalen Dollar (Kaufkraftparität) angegeben. In der folgenden Tabelle kennzeichnen die Farben:
Währung
Die Währung des Landes ist der 1932 eingeführte Irakische Dinar zu 1000 Fils. Zwischen 1991 und 2003 gab es im Irak zwei Währungen, den sog. Schweizer Dinar, der im kurdischen Norden verwendet wurde (Wert: 1 US-Dollar = 0,33 Dinar), und den Print-Dinar mit dem Bild Saddam Husseins, der nach 1991 den Schweizer Dinar ersetzte (Wert: 1 US-Dollar = etwa 3500 Dinar). Am 15. Oktober 2003 wurde der Neue Irakische Dinar eingeführt, der beide Währungen ersetzte (Wert: 1 US-Dollar = etwa 1150 Dinar).
Bodenschätze/Bergbau
Wichtigster Wirtschaftszweig des Landes ist die Erdölförderung.
Der Irak ist Gründungsmitglied der am 14. September 1960 gegründeten OPEC und hat nach Saudi-Arabien und Kanada (das größtenteils über sogenanntes unkonventionelles, teuer herzustellendes Erdöl, z. B. Teersande verfügt) die größten erkundeten Erdölvorräte (113 Milliarden Barrel). Man schätzt, dass sich die gesamten Vorräte auf bis zu 250 Milliarden Barrel Öl und Gas belaufen könnten. Bis zu 45 Milliarden Barrel davon liegen im Norden in der Autonomen Region Kurdistan, darunter ein großer Teil im Kirkuk-Feld. Der Irak ist eines der Länder, die in der so genannten strategischen Ellipse liegen.
1902 begann die Suche nach Öl mit der ersten Bohrung im Zagros Basin (Nordost-Irak). Der erste Ölfund kam aber erst 20 Jahre später zustande. 1927 wurde dann mit der Baba Gurgur 1 genannten Bohrung ein gigantisches Ölvorkommen entdeckt – das Kirkuk-Feld. Es flossen zunächst 1 Million Barrel Öl in die Umwelt, bevor man das ausströmende Öl unter Kontrolle bekam. Das Feld erstreckt sich über 150–200 km und hat eine 610 m dicke ölführende Schicht. Die ursprüngliche Menge Öl im Feld wird mit 17 Milliarden Barrel angegeben. Damit hatte es etwa 1/5 der Ölmenge des größten Ölfelds der Welt (Ghawar in Saudi-Arabien) und zählt zu den so genannten „Supergiganten“.
Bis 1972 wurde die gesamte irakische Ölindustrie unter dem Dach der Iraq National Oil Company (INOC) verstaatlicht.
Die Erdölförderung stieg seit 1969 kontinuierlich und erreichte 1979 ihren Höhepunkt mit 3,5 Millionen Barrel pro Tag (bopd). Der Krieg mit dem Iran und der Erste Golfkrieg führten dazu, dass die Ölproduktion zusammenbrach. 1981 wurden 900.000 bopd und 1991 dann nur noch 300.000 bopd gefördert.
Die Vereinten Nationen haben am 22. März 2003 die Sanktionen gegen den Irak aufgehoben. Die USA und Großbritannien behielten sich als Besatzungsmächte bis zur Einsetzung einer Regierung die finanzielle Verwaltung der irakischen Erdölförderung vor.
Bis 2003 wurden 75 große Öl- und Gasfelder entdeckt. Neun davon sind „Supergiganten“ (u. a. Kirkuk, Rumalia South, Rumalia North und Majnoon) und 22 „Giganten“.
Die enormen Ölvorkommen im kurdischen Teil des Iraks sind auch Grund für den jahrelangen Streit zwischen der kurdischen Regionalregierung und der Zentralregierung in Bagdad. Die kurdische Regierung hat seit 2003 mit etwa 30 westlichen Firmen Verträge zur Erforschung und Ausbeutung von Ölfeldern abgeschlossen.
Am 8. Mai 2009 erteilte die Regierung in Bagdad aber diese Genehmigung zum Export von kurdischen Öl. Ab dem 1. Juni 2009 flossen 60.000 bopd vom Tawke Feld über Pipelines zum am Mittelmeer gelegenen Ölverladehafen nach Ceyhan in der Türkei.
Ende Juni 2009 begann dann auch der Export vom Taq Taq Feld mit 40.000 bopd.
Im September 2009 stellte Kurdistan den Export jedoch wieder ein, da mit Bagdad keine Einigung über die Bezahlung der Exporte erzielt werden konnte. Weder Kurdistan noch die Ölproduzenten erhielten Geld.
Nach den irakischen Wahlen Anfang 2010 und der Regierungsbildung Ende 2010 wurden neue Verhandlungen zur Beilegung dieses Konflikts aufgenommen mit dem Ergebnis, dass am 3. Februar 2011 der Export mit 10.500 bopd aufgenommen wurde. Bereits drei Tage später sollten 50.000 bopd erreicht werden und eine weitere Erhöhung auf 100.000 bopd folgen.
Den Verkauf nimmt die staatseigene „State Oil Marketing Organization“ (SOMO) in Bagdad vor. Das Tawke Feld wird von der DNO entwickelt. Genel Enerji (Türkei) und Sinopec (China) betreiben das Taq Taq Feld.
Am 17. Mai 2009 erwarben die österreichische OMV und die ungarische MOL Anteile an den Gasfeldern Khor Mor und Chemchemal. Ab 2014–15 sollen aus diesen Feldern täglich eine Mrd. Kubikmeter Gas nach Europa strömen. OMV und MOL sind Anteilseigner an der in Planung und Bau befindlichen Nabucco-Gaspipeline.
Im Juni und Dezember 2010 wurden an den unten aufgeführten irakischen Feldern Beteiligungen an westliche Ölkonzerne vergeben. Die Beteiligungen sehen feste Zahlungen pro Barrel vor. Sollten die Planungen eingehalten werden, steigt die Förderung des Iraks von 2,5 Millionen bopd im Jahr 2009 auf 12 Millionen bopd im Jahr 2016. Damit wäre der Irak größter Ölproduzent der Welt. Dieser drastische Ausbau der Förderung wird hunderte Milliarden Dollar verschlingen. Hinzu kommt ein erheblicher Bedarf an Fachkräften, Ölbohrausrüstungen, Pipelines und allem was dazugehört. Experten bezweifeln daher, dass der Irak seine Ziele erreichen kann.
Rumaila-Feld (17,7 Milliarden Barrel): CNPC + BP, $2 pro Barrel, Fördermengenziel: 2,8 Millionen bopd, damit wäre es das zweitgrößte ölproduzierende Feld der Welt
Majnoon-Feld (13 Milliarden Barrel): Royal Dutch Shell + Malaysia’s Petronas; Beteiligung $1.39 pro Barrel, Fördermengenziel: 1,8 Millionen bopd
West Qurna-Feld Phase 2 (12 Milliarden Barrel): Lukoil + Statoil Hydro, $1,15 pro Barrel, Fördermengenziel: 1,8 Millionen bopd
Halfaya-Feld (4 Milliarden Barrel): CNPC + Total + Petronas, Fördermengenziel: 535.000 bopd
Badra-Feld (2 Milliarden Barrel): GazpromNeft + Kogas + Petronas + TPAO, Fördermengenziel 170,000 bopd, $5.50 pro Barrel
Garraf -Feld (860 Millionen Barrel): Petronas + Japex, $1.49 pro Barrel, Fördermengenziel: 230,000 bopd
Najmah-Feld: Sonangol
Qaiyarah-Feld: Sonangol
Middle Furat: bei Kerbela, kein Bieter
Der Irak verfügt neben dem Erdöl auch über Schwefel, Phosphat, Meersalz und Gips sowie über kleinere Mengen an Gold und Silber.
Landwirtschaft
Verglichen mit anderen Nahost-Staaten verfügt der Irak über reichlich Wasser; so ist auch die Landwirtschaft ein bedeutender Wirtschaftszweig, in dem rund 40 Prozent aller irakischen Arbeitnehmer beschäftigt sind. Im Norden gibt es dank Niederschlägen und mildem Wetter Regenfeldbau; im Süden gibt es überwiegend Bewässerungsfeldbau. Angebaut werden Weizen, Reis, Mais, Gerste sowie Obst und Gemüse (vorwiegend zur Selbstversorgung). Bis in die 1980er Jahre war das Land Selbstversorger bei den meisten Lebensmitteln, heutzutage muss der Irak das meiste an seinem Grundbedarf importieren.
Die wichtigsten Agrarerzeugnisse sind Datteln. In den 1970er Jahren stellte der Irak 75 % der Datteln auf dem Weltmarkt, aufgrund der Massenabholzungen und Trockenlegungen während des Ersten Golfkrieges und der Zweiten Anfal-Operation 1991 ging dieser Anteil stark zurück. Im Jahr 2008 wurde mit 281.000 Tonnen lediglich die Hälfte der Produktion der 1980er Jahre erreicht. Zudem ist der Bestand von über 30 Millionen Palmen auf unter neun Millionen gesunken.
Industrie
Industriell ist das Land kaum entwickelt. Vorrangige Industriezweige sind Lebensmittelverarbeitung, Textilindustrie, Herstellung von Baustoffen und die petrochemische Industrie. Die meisten Industriebetriebe sind in Bagdad und im Norden angesiedelt.
Staatshaushalt
Der Staatshaushalt umfasste 2016 Ausgaben von umgerechnet 77,8 Mrd. US-Dollar, dem standen Einnahmen von umgerechnet 52,4 Mrd. US-Dollar gegenüber. Daraus ergibt sich ein Haushaltsdefizit in Höhe von 15,2 % des BIP.
Die Staatsverschuldung betrug 2016 106,4 Mrd. US-Dollar oder 63,7 % des BIP.
2006 betrug der Anteil der Staatsausgaben (in % des BIP) folgender Bereiche:
Gesundheit: 3,5 %
Bildung: k. A.
Militär: 8,6 %
Infrastruktur
Verkehr
Straßenverkehr
Das irakische Straßennetz umfasst 45.550 km, von denen 38.400 asphaltiert sind. Teilabschnitte von Überlandstraßen und Straßen in Ballungszentren (in denen bis auf private Buslinien/Sammeltaxis kein öffentlicher Verkehr existiert) sind mehrspurig, sonst sind selbst bedeutende Überlandstraßen zweispurig. Ausnahmen bilden die gerade in Bau befindlichen und zum Teil fertiggestellten Autobahnen im kurdischen Norden sowie die Straße Basra-Bagdad-Jordanien, die auf weiten Strecken autobahnähnlich ausgebaut ist.
Momentan explodiert die Zahl der zugelassenen Autos, hauptsächlich wegen der sprunghaft angestiegenen Einkommen und der weggefallenen Einfuhrzölle, was vor allem in den arabischen Ballungszentren zu Problemen führt, da dort aufgrund der prekären Sicherheitslage nicht ausreichend in den Ausbau des Straßennetzes investiert werden kann. Im Straßenverkehr kommt es deshalb zu sehr vielen tödlichen Unfällen. 2013 kamen im Irak insgesamt 20,2 Verkehrstote auf 100.000 Einwohner. Zum Vergleich: In Deutschland waren es im selben Jahr 4,3 Tote. Insgesamt kamen damit 6.800 Personen im Straßenverkehr ums Leben.
Schienenverkehr
Das irakische Schienennetz bestand aus drei in Bagdad zusammenlaufenden Hauptstrecken und umfasste 2339 km. Ein Großteil ist nicht mehr befahrbar. In Betrieb befindet sich nur die Bahnstrecke Bagdad–Basra, die – seit 2015 – mit in China gebauten Zügen mehrmals in der Woche befahren wird.
Mitte Februar 2010 wurde die Strecke Mossul–Gaziantep (Türkei) eröffnet. Die 18-stündige Fahrt führte über Syrien und fand einmal wöchentlich statt. Der Betrieb wurde allerdings bereits nach kurzer Zeit wieder eingestellt.
Flughäfen
Im Irak gibt es über 100 Flughäfen und Landepisten, weiterhin verfügt das Land über sechs internationale Flughäfen (Bagdad, Erbil, Basra, Mossul, Nadschaf und Sulaimaniyya), zudem befindet sich der Flughafen Kerbela gerade in Bau. Ein weiterer Flughafen in Tikrit ist in Planung.
Die größte Luftfahrtsgesellschaft ist die staatliche Iraqi Airways.
Schifffahrt
Die einst bedeutende Binnenschifffahrt ist auf 1015 km Kanälen und Flüssen möglich, spielt heute jedoch nur noch eine untergeordnete Rolle.
Der Unterlauf des Stromes Schatt al-Arab verbindet die Hafenstadt Basra mit dem Persischen Golf und verschafft dem Irak eine schiffbare Verbindung zum Indischen Ozean sowie zur weltweiten Seefahrt.
Telekommunikation
Im ganzen Land wird die Anzahl der Festnetzanschlüsse auf ca. 1,2 Millionen geschätzt, davon sollen sich allein 40 % in der Hauptstadt Bagdad befinden. Durch die maroden Netzwerke und die schlechte Infrastruktur sind ein Drittel davon nicht funktionsfähig. Im Jahr 2018 nutzten 75 Prozent der Einwohner des Irak das Internet.
Die bis dahin verbotene Mobilfunknutzung stieg von 300.000 Teilnehmern im Jahr 2003 auf über 23 Millionen im Jahr 2011 an, somit war im März 2011 gut 78 % des Landes erfasst. Den Markt beherrschen die drei Unternehmen Zain Iraq, Asiacell und Korek. Ein UMTS-Netzwerk besteht allerdings noch nicht.
Zu Zeiten Saddam Husseins war das Internet nur den Zuverlässigen und Reichen zugänglich. Um einen Zugang zu erhalten, musste man einen Antrag ans Kommunikationsministerium stellen und eine Gebühr von ca. 4000 Dollar bezahlen. Seit dem Sturz des Regimes hat sich die Nutzung rasant erhöht, wenngleich lediglich 1,1 % der Bevölkerung über einen privaten Anschluss verfügt. Auch viele politische Parteien verfügen über eigene Websites. Momentan üben Internetveröffentlichungen aber noch keinen Einfluss auf die Masse aus, das Medium wird fast ausschließlich zur Kommunikation genutzt. Die Jugendlichen benutzen häufig die in den diversen Jugendzentren zur Verfügung gestellten PCs. In den Ballungszentren sind auch Breitbandanschlüsse sowie Drahtlosverbindungen verfügbar.
Elektrizität
Die Elektrizitätsproduktion des Landes konnte auch in den Jahren nach 2003 nicht mit der steigenden Nachfrage mithalten, weshalb es immer noch zu häufigen Stromausfällen kommt. Im Sommer 2012 konnte bei einem Verbrauch von 15.000 Megawatt lediglich 7200 Megawatt produziert werden. Die Versorgung lag deshalb bei durchschnittlich 8–9 Stunden. Die meisten Iraker sind deshalb weiterhin auf Notstromaggregate angewiesen.
Im Juni 2010 kam es aufgrund der schlechten Versorgungslage zu Protesten in Nassirija und Basra, bei denen ein Mensch getötet wurde. Der irakische Elektrizitätsminister trat daraufhin am 22. Juni 2010 von seinem Amt zurück.
Medien
Im Irak herrscht seit dem Sturz Saddam Husseins eine große Vielfalt an Medien. Die neue irakische Verfassung garantiert offiziell die Pressefreiheit. Die Nichtregierungsorganisation Reporter ohne Grenzen beurteilt die Lage der Pressefreiheit im Irak als „sehr ernst“. Die Nichtregierungsorganisation stellt fest, dass die Presse in einem stark politisierten Umfeld durch Milizen angegriffen, verhaftet oder eingeschüchtert wird. Es werde versucht die Recherche über Korruption und Unterschlagung mit schweren Drohungen zu unterbinden. Morde an Journalistinnen und Journalisten würden nicht aufgeklärt.
Im Jahr 2017 sind acht Journalisten im Irak getötet worden. Laut dem Bericht von Reporter ohne Grenzen steht der Tod der Opfer in direktem Zusammenhang mit deren journalistischer Tätigkeit.
Generell ist zu sagen, dass man im Irak zwischen zwei Arten von Medien unterscheiden muss: den parteienkontrollierten und den unabhängigen. Jede größere Partei im Irak hat ihr Zentralorgan, nicht wenige unterhalten auch Fernsehsender. Die kurdischen Parteien unterhalten Zentralorgane sowohl in kurdischer als auch in arabischer Sprache.
Zeitungen
Die ersten irakischen Zeitungen erschienen zur Zeit der osmanischen Besetzung des Irak. Am 15. Juni 1869 erschien mit al-Zawraa die erste Zeitung des Landes, sie sollte bis zum 11. März 1917 in Bagdad herausgegeben werden. Am 25. Juni 1889 erschien die erste Zeitung in Mossul, am 31. Dezember 1889 folgte die erste Zeitung in Basra.
Die erste irakische Verfassung von 1921 garantierte Pressefreiheit. Die irakische Presse galt bis 1958 als die freieste im ganzen Nahen Osten.
Nach dem Sturz der Monarchie wurden 1959 alle regierungskritischen Zeitungen geschlossen und die Vorzensur wurde eingeführt. 1969 wurden private Zeitungen verboten. Die irakischen Kommunisten durften von 1973 bis 1979 eine eigene Tageszeitung betreiben; diese wurde aber nach der Machtübernahme Saddam Husseins ebenfalls verboten. Zwischen 1979 und 2003 befand sich die Presse vollständig in der Hand der Husseins. Die 2003 herausgegebenen Tageszeitungen waren al-Dschumhuriya, al-Thawra, al-Qadissiya, al-Iraq, Babil sowie die Sportzeitung al-Baath al-Riyadi und der englischsprachige Baghdad Observer. Aufgrund des Papiermangels bedingt durch die Sanktionen mussten die Zeitungen die Anzahl ihrer Seiten kürzen und die Größe ihrer Ausgaben auf ein Viertel des Vorkriegsniveaus reduzieren, ab 1999 erschienen sie zweimal in der Woche in ihrer normalen Größe.
Heute sind die sieben wichtigsten Zeitungen:
al-Sabah – finanziert von Iraqi Media Network, gegründet von der Coalition Provisional Authority (CPA)
al-Zaman – Redaktionssitz ist London, Druckorte Bagdad und Basra
al-Mada – Bagdad
al-Maschriq – Bagdad
al-Dustur – Bagdad
Iraq Today – englischsprachige Wochenzeitung
al-Mudschahed, al Schahed, Thaura Islamiyya – Bagdad, islamistisch
Hörfunk
Im Irak gibt es eine unüberschaubare Vielzahl von Radiosendern, viele davon lokal. Praktisch jede politische Vereinigung unterhält zumindest einen Lokalradiosender. Die wichtigen Radiosender sind:
Republic of Iraq Radio – Nachfolger der Iraq Media Network-Radio Baghdad, gegründet von der CPA
Radio Nahrain – Basra, finanziert von den Briten
Voice of Iraq – Privatsender, Bagdad (Mittelwelle)
Hot FM – Privatsender, Bagdad (UKW Musiksender)
Radio Dijla – Privatsender, Bagdad (UKW Talk- und Musiksender)
Fernsehen
Das irakische Fernsehen nahm 1956 seinen Sendebetrieb auf und war somit eine der ältesten Fernsehanstalten im Nahen Osten. Neben dem regulären staatlichen Sender gründete Udai Hussein 1994 al-Shabab TV, der ausländische Filme und Sendungen ausstrahlte. In den späten 1990ern ging Iraq Satellite Channel auf Sendung. Während der Amtszeit Saddam Husseins war die Installation von Satellitenschüsseln strengstens verboten.
2003 wurde al-Iraqia Nachfolger von Iraq Television, daneben entstanden mehrere private Fernsehsender. Die wichtigsten sind al-Sharqiya, al-Baghdadiya, al-Fayhaa, al-Sumaria, al-Furat und der US-Koalitionssender al-Hurra. Im kurdischen Norden hatte bereits 1999 Kurdistan TV mit der Ausstrahlung begonnen. Auch ausländische Fernsehsender wie al-Dschasira und al-Arabiya werden gesehen.
Kultur
Der Irak kann in fünf geographische Kulturräume kategorisiert werden: die kurdische und turkmenische Kultur mit ihren Zentren in Erbil und Sulaimaniya, die sich in die sunnitische Kultur mit ihrem Zentrum um Bagdad und die schiitische Kultur mit ihrem Zentrum Basra aufteilende Kultur der sesshaften Araber, die assyrische Kultur, in mehreren Städten des Nordens präsent und die Kultur der nomadischen Marsch-Araber, die in den Sümpfen zwischen Bagdad und Basra leben.
Film
Filme wurden seit 1909 in Bagdad vorgeführt, diese waren meist für das britische Publikum bestimmt. Erst in den 1940er Jahren unter der Herrschaft König Faisals II. begann sich eine Filmindustrie zu entwickeln, als französische und britische Filmkonzerne sich in Bagdad niederließen. Im Jahre 1955 kam der Film Haidar Al-Omar’s Fitna wa Hassan, eine Verfilmung der Romeo-und-Julia-Geschichte, in die Kinos, der Film wurde auch im Ausland registriert. Nach dem Putsch von 1958 wurde die Cinema and Theater General Organization gegründet, sie koordinierte und plante zukünftige Filme im Staatsinteresse. So wurden hauptsächlich Dokumentationen gedreht. Nach 1979 geriet die irakische Filmindustrie in ihre größte Krise, aufgrund der Ressourcenknappheit ausgelöst durch den Irakisch-Iranischen Krieg. Trotzdem wurde im Jahre 1980 der 6 Stunden Epos über das Leben Saddam Husseins fertiggestellt. Einen weiteren Schlag erlitt die Filmindustrie nach dem Kuwaitkrieg, als ein Embargo gegen das Land verhängt wurde.
Seit der US-Invasion des Landes im Jahre 2003 versucht sich die Industrie langsam zu regenerieren und es gibt vereinzelte Filmprojekte wie zum Beispiel Kilomètre zéro. Daneben gibt es zahlreiche ausländische Filme, die den Irak als Thema haben, so zum Beispiel Retour à Babylone des irakischen Regisseurs Abbas Fahdel oder Tal der Wölfe – Irak.
Theater
Seit 1880 reisten Theatertruppen aus Europa in den Irak, um vor vornehmlich britischem Publikum in Schulen und Gemeindesälen zu spielen. Im 20. Jahrhundert begannen irakische Schriftsteller, Theaterstücke zu schreiben. Die großen Theaterhäuser sind das Rasheed, das Mansour und das Volkstheater. Aufgeführt werden Theaterstücke irakischer, indischer und türkischer Autoren ebenso wie die großen Dramen der Weltliteratur.
Musik
Die Oud (Kurzhalslaute) und die Rabāb (Streichinstrument) dominieren die irakische Musik. Bekannte Musiker auf diesen Instrumenten sind unter anderem Munir Baschir (1928–1997), Ahmed Mukhtar (* 1967) und Nasir Schamma (* 1963). Erfolgreichster Popsänger des Landes ist Kaẓim al-Saher (* 1961), der in seiner Karriere bisher mehr als 30 Millionen Tonträger verkauft hat. Weiterhin sind die Sängerinnen Shatha Hassoun – die in der vierten Staffel der bekanntesten arabischen Musik-Casting-Show „Star Academy“ teilgenommen und gewonnen hat – und Dalli Hadad sowie der Sänger Majid Al Muhandis bekannt.
Sport
Beliebteste Sportart des Landes ist Fußball. Die nationale Fußballliga erfreut sich großer Beliebtheit. Wichtige Fußballvereine sind al-Zawraa, al-Talaba, al-Shorta, al-Quwa al-Dschawiya (alle aus Bagdad), al-Minaa (Basra) und Erbil SC. Größtes Fußballstadion des Landes ist das 1966 erbaut al-Shaab-Stadion in Bagdad mit einem Fassungsvermögen von 66.000 Zuschauern. In Basra wurde 2013 ein Sportkomplex mit einem Hauptstadium für 65.000 Zuschauer und einem weiteren Stadium für 10.000 Zuschauer fertiggestellt.
Die irakische Nationalmannschaft konnte mehrere regionale Titel gewinnen. Ihre größten Erfolge waren die Qualifikation zur Fußball-Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko sowie der Titelgewinn bei der Fußball-Asienmeisterschaft 2007. Ein weiterer Erfolg war der vierte Platz bei den Olympischen Spielen 2004. Der irakische Fußballverband heißt al-Ittihad al-ʿiraqi li-kurat al-qadam, englisch Iraq Football Association, IFA.
Nebenbei sind auch andere Sportarten wie Gewichtheben, Kampfsport, Futsal, Basketball oder Schwimmen beliebt. Bei den Olympischen Sommerspielen 1960 in Rom holte der Gewichtheber Abdu l-Wahid Aziz im Leichtgewicht die Bronzemedaille, bis heute die einzige olympische Medaille des Landes.
Special Olympics Irak wurde 2000 gegründet und nahm mehrmals an Special Olympics Weltspielen teil. Der Verband hat seine Teilnahme an den Special Olympics World Summer Games 2023 in Berlin angekündigt. Die Delegation wird vor den Spielen im Rahmen des Host Town Programs von Herne betreut.
Küche
Literatur
Weblinks
Offizielle Website der irakischen Präsidentschaft (arabisch, englisch, kurdish)
Außenministerium des Irak (arabisch, englisch)
Offizielle Website der irakischen Regierung (auch englisch)
Offizielle Website des irakischen Parlaments (arabisch)
Offizielle Website der irakischen Botschaft in Berlin
Länderinformationen des Auswärtigen Amtes zum Irak
Die Sprachen des Iraks. (MS Word; 34 kB)
Chronologie des Irakkonfliktes vom ersten Tag des Krieges 1980 bis zur Niederlage des Islamischen Staates 2017. Vierteilige Dokumentarfilmreihe von ZDFinfo; frei verfügbar bis 14. Mai 2024
Einzelnachweise
Staat in Asien
Mitgliedstaat der Vereinten Nationen
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Q796
| 3,924.592132 |
967294
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https://de.wikipedia.org/wiki/Browserspiel
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Browserspiel
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Ein Browserspiel ist ein Computerspiel, welches einen Webbrowser als Benutzerschnittstelle benutzt. Die Berechnung des Spielgeschehens kann dabei sowohl auf dem Endgerät des Spielers als auch auf den Servern des Spielanbieters erfolgen. Dementsprechend differenziert man meist zwischen clientseitigen Browserspielen, bei denen Spielbestandteile auf das Endgerät heruntergeladen werden und das Spiel in der Browserumgebung abläuft, und serverseitigen Browserspielen mit serverseitig ablaufendem Programm.
Die zur Implementierung verwendete Plattform besteht bei einem Browserspiel meist vorwiegend aus gängigen Web-Technologien. Die meisten Browserspiele sind kostenlos. Einige Anbieter verlangen aber für erweiterte Spielmerkmale (zum Beispiel bessere Ausrüstung und Fähigkeiten des Spielers) sowie Support eine Gebühr; dieses Geschäftsmodell heißt Freemium.
Clientseitige Browserspiele
Clientseitige Browserspiele können ohne eine Verbindung mit einem Server beziehungsweise ohne eine Verbindung mit dem Internet ohne Einschränkung auf dem lokalen Endgerät per Browser und entsprechendem Plug-in ausgeführt werden. Lange Zeit bedurften sie zu ihrer Ausführung im Browser in der Regel Plug-ins wie Flash, Shockwave oder Java, weshalb oft von Flash-Spielen, Java-Spielen oder allgemein Plugin-Spielen die Rede ist. Mit der Einführung des Web-Standards HTML5 und dem Aufkommen HTML5-kompatibler Browser sind diesen Standard berücksichtigende Browserspiele von keinem Zusatzmodul mehr abhängig. Bis auf wenige Ausnahmen handelt es sich bei den meisten Browserspielen, welche die Plugins Shockwave oder Java benutzen, um clientseitige Browserspiele.
Varianten
Flash-Spiele
Flash-Spiele verfügten, da sie mit der Software Adobe Flash programmiert worden waren, meist über die Dateiendung .swf. Die ersten Flashspiele wurden im Jahr 1998 mit Veröffentlichung der Version 4 der eben genannten Software entwickelt. Die meisten Flashspiele wurden von Privatpersonen oder privaten Gruppen programmiert. Im Zuge der zunehmenden Popularität des Genres entwickelten aber auch Unternehmen zahlreiche Flash-Spiele. Aufgrund der hohen Anzahl von Spielen spezialisierten sich mehrere Webseiten auf das reine Anbieten von Sammlungen von Flashspielen. Adobe stellte den Vertrieb und Aktualisierung aufgrund von Alternativen und zunehmenden Sicherheitslücken am 31. Dezember 2020 ein. Mit dem Flash-Emulator Ruffle gibt es eine Möglichkeit, Flash-Spiele weiter zu nutzen.
HTML5-Spiele
Nachdem die Entwicklung des HTML5-Standards ein ausgereiftes Stadium erreicht hatte und die populäreren Webbrowser große Teile der Spezifikationen unterstützen, kamen langsam HTML5-Spiele auf. Dabei hat sich das Schlagwort HTML5-Spiele bereits weitgehend durchgesetzt, obwohl es im engeren Sinne nicht korrekt ist. Es ist lediglich einigen neuen Elementen der HTML5-Spezifikation zu verdanken, dass Spiele direkt im Browser gezeichnet werden können und kein Plugins wie Adobe Flash benötigt werden. Die wichtigste Neuerung stellt das Canvas-Element dar. Dieses Element ermöglicht das Zeichnen auf einer 2D-Leinwand direkt im Browser. In Kombination mit einer Sprache wie JavaScript lassen sich so Animation und Spiele erstellen. Weiterhin kommen bei der Gestaltung der Spiele auch Cascading Style Sheets zum Einsatz. Eine weitere Technik, die in HTML5-Spielen zum Einsatz kommt, ist WebGL, mit dessen Hilfe hardwarebeschleunigte 3D-Grafiken direkt im Browser dargestellt werden können. Dadurch ist es sogar möglich, vollwertige 3D-Ego-Shooter ohne Plugins zu realisieren. Somit werden unter dem Schlagwort HTML5-Spiele in Wirklichkeit mehrere Techniken vereint, um Spiele zu erstellen. Wie gut ein Browser für HTML5-Spiele geeignet ist, hängt also von mehreren Faktoren ab.
Der größte Vorteil der HTML5-Spiele im Gegensatz zu Spielen auf Flash-Basis ist, dass diese kein Plugin benötigen. Da Plugins nicht immer für alle Betriebssysteme zur Verfügung stehen und die Sicherheit eines ganzen Systems kompromittieren können, ist dies ein entscheidender Vorteil. Da HTML5-Spiele nicht auf ein Plugin, sondern nur auf die Unterstützung durch den Browser angewiesen sind, können diese Spiele auch auf Plattformen wie dem iPhone oder iPad gespielt werden, für die kein Flash-Plugin existiert. Als weiteres Argument wird auch häufig angeführt, dass HTML5-Spiele ressourcensparender sind als Flash-Spiele. Dies ist jedoch abhängig von der Implementierung des Plugins, der JavaScript-Engine und vielen weiteren Faktoren. Daher kann diese Aussage nicht als allgemeingültig angesehen werden.
Um die Entwicklung von HTML5-Spielen zu vereinfachen, existieren bereits einige Frameworks, die den Programmierer unterstützen. Einige erwähnenswerte Frameworks sind LimeJS, Processing.js, Akihabara und die Rocket Engine. Bei allen handelt es sich um JavaScript-Frameworks, die komplexere Funktionen für Animationen, die Behandlung von Benutzereingaben und anderes bereitstellen. Ob sich eines dieser Frameworks in seiner Verbreitung deutlich von anderen abheben wird, ist zurzeit noch nicht absehbar.
Die Art der HTML5-Spiele ist ähnlich breit gefächert wie bei Flash-Spielen. Nahezu jedes Genre ist vertreten.
Serverseitige Browserspiele
Ein wesentliches Merkmal von serverseitigen Browserspielen ist die große Anzahl von Spielern, die gleichzeitig an einem Spiel teilnehmen können. Ihre Anzahl kann von einigen hundert bis zu mehreren hunderttausend reichen (siehe Massively Multiplayer Online Game). Auf der Serverseite wird dabei zum Beispiel eine LAMP-Lösung verwendet. Anders als Plattformen wie DirectX oder die Entwicklungsumgebungen von Spielkonsolen sind diese Techniken für Anwendungen mit kontinuierlicher, schneller Benutzerinteraktion und Echtzeitgrafik eher ungeeignet. Daher sind die meisten serverseitigen Browserspiele überwiegend den Genres Strategie, Simulation oder Rollenspiel zuzuordnen, viele sind zudem rundenbasierend.
Mittlerweile gibt es eine fast unüberschaubare Anzahl von verschiedensten Browserspielen auf dem Markt, die sich bei ähnlicher Spielmechanik hauptsächlich in ihrer Thematik unterscheiden. Beispiele sind Sport-Simulatoren, Wirtschaftssimulation mit Schauplätzen im Weltraum oder Mittelalter und auch Brett- und Kartenspiele wurden bereits als Browserspiele umgesetzt.
Spezialvarianten
Forenspiele
Eine Unterart der Browserspiele sind die Forenspiele, die über den Browser mit Hilfe eines Internetforums im Threaded-Style gespielt werden. Populär sind vorrangig simple Varianten, wie etwa Bilderraten oder auch das geschickte Bilden von Wörterketten und einfaches Zählen. Forenspiele werden meist gestartet, um die Aktivität eines Internetforums zu fördern. Motivierend für die Benutzer ist meist die rasch ansteigende Beitragszahl, die eventuell mit einem besseren Forenrang gekoppelt ist. Populär sind auch eigens für Internetforen konzipierte Rollenspiele. Zu den erfolgreichsten und ältesten professionellen Vertretern dieses Genres zählt das zwischen 2004 und 2006 betriebene Strategiespiel Alternations.
Chatspiele
Chatspiele sind Echtzeitspiele, die über einen Chat laufen und oft auch im Webbrowser gespielt werden. Meistens werden nur die üblichen Chatfunktionen zum Spielen verwendet. Eine bekannte Variante ist das Suchen von einem oder mehreren „Mördern“ durch Fragen, die nur mit Ja oder Nein beantwortet werden dürfen. Des Weiteren existieren unter anderem Quiz-Veranstaltungen, die entweder von einem menschlichen Spielleiter oder einem Hilfsprogramm moderiert werden.
Aufbauspiele
Eine weitere Untergruppe der Browserspiele sind die Aufbauspiele. Aufgrund der hohen Userzahlen zählt man sie zumeist zu den MMOGs. Die Spielinhalte werden aus Datenbanken ausgelesen und mit PHP, JSP oder Perl als dynamische Webseite dargestellt. Hiermit können Angriffszeiten, Bauzeiten und Ähnliches wiedergegeben werden. Die Schauplätze dieser Spiele erstrecken sich vom Weltraum bis zum Mittelalter. Obwohl aufwändig animierte Spiele nicht dem ursprünglichen Sinn der Aufbauspiele entsprechen, werden mittlerweile auch Online-Multiplayer-Spiele mit teilweise sehr aufwändigen Animationen zu den Aufbauspielen gezählt.
Gemeinschaften
Um die meisten Browserspiele hat sich eine große Online-Community gebildet und viele Spieler organisieren sich in sogenannten Clans oder Allianzen. Einmal geschieht dies über die von den Browserspielen bereitgestellte Infrastruktur. Dies ist vor allem bei den Strategietiteln der Fall, wo solche Features bereits in die Spiele integriert wurden und man etwa diplomatische Beziehungen organisieren muss oder aber mit anderen Spielern chatten kann. Zunehmend organisieren sich die Spieler auch außerhalb des eigentlichen Browserspiels, so haben viele Clans oder Allianzen auch eine eigene Website im Netz, auf die die Spieler dann verweisen.
Die Kommunikation der Spieler untereinander findet meist in kostenlosen oder auf eigenen Servern erstellten Foren statt. Zusätzlich werden verschiedene Instant Messenger sowie Internet-Telefonie benutzt, um zeitnahe Aktionen zu planen und durchzuführen.
Geschichte und Entstehung
Das erste Spiel dieser Art war das in Hamburg entwickelte, deutsch- und englischsprachige SOL, das im Oktober 1995 startete. „Vater“ der modernen Browserspiele dürfte wohl das englischsprachige Planetarion von der Projektgruppe Fifth Season AS mit Sitz in Oslo sein, das 2000 startete und im Laufe der Zeit mehr als 175.000 Spieler in jeweils einer Runde erreichte.
Nachdem bei Planetarion kostenpflichtige Accounts eingeführt wurden, suchten viele Spieler eine neue Heimat und fanden sie in Galaxywars, das ebenfalls zu seiner besten Zeit über 100.000 Spieler auf sich vereinen konnte. Es fehlte jedoch an einem professionellen Management, weshalb viele ehemalige Spieler weiterhin Projekte vorantrieben: Um 2001 und 2002 herum entstanden weitere Weltraumspiele, wie OGame und X-Wars, aber auch Browserspiele mit einem neuen Spielkontext wie Comunio und Schwertkriege erschienen. Da in den Jahren danach die Kosten für den Betrieb der Spiele erheblich sanken und auch die zur Entwicklung von Browserspielen nötigen Werkzeuge und Anwendungen weiter verbessert wurden, erschienen ab ungefähr 2003 dutzende weitere Titel. Dies führte zu einer starken Diversifizierung im deutschen Browserspiel-Markt.
Siehe auch
Liste von Browserspielen
Weblinks
mit umfangreichen Spielelisten für diverse Genres (unter anderem Strategie-, Logik-, Simulations- und Rollenspiele)
Einzelnachweise
Computerspiel-Genre
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Q848991
| 95.764335 |
82695
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https://de.wikipedia.org/wiki/Rotfuchs
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Rotfuchs
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Der Rotfuchs (Vulpes vulpes) ist der einzige mitteleuropäische Vertreter der Füchse und wird daher meistens als „der Fuchs“ bezeichnet. Er ist in Europa der häufigste Wildhund.
Merkmale
Allgemeine Merkmale
Die Körpermaße des Rotfuchses sind geographisch und jahreszeitlich starken Schwankungen unterworfen. Das Körpergewicht liegt durchschnittlich für Männchen im Bereich 5 bis 8 kg, für Weibchen bei 5 bis 6,5 kg. Schwerere Tiere (bis 14,5 kg) sind selten. Die Körperlänge (ohne Schwanz) beträgt für Männchen 65 bis 75 cm, für Weibchen 62 bis 68 cm, die Schwanzlänge entsprechend 35 bis 45 cm oder 30 bis 42 cm (Durchschnittswerte für europäische Füchse).
Das Fell ist oberseits rötlich, unterseits weiß; der Farbton variiert je nach Verbreitungsgebiet oberseits zwischen rötlichgelb bis tiefrotbraun und unterseits zwischen reinweiß bis schiefergrau. Die unteren Teile der Beine sowie die Hinterseiten der Ohren sind schwarz gefärbt. Insgesamt variiert die Fellfärbung stark. Die häufigste Farbvariante ist der Birkfuchs mit gelb-roter Oberseite, weißer Kehle und weißer Schwanzspitze. Der seltenere Kohl- oder Brandfuchs ist insgesamt dunkel, überwiegend dunkelbraun-rot, Bauch und Kehle sind grauweiß, die weiße Schwanzspitze fehlt. Der Kreuzfuchs weist quer über den Schultern und längs des Rückens einen dunklen Streifen auf. Der Silberfuchs ist dunkelgrau bis schwarz (→ Silberfuchsfell).
Der Fuchs macht im Jahr zwei Fellwechsel durch. Im Frühjahr ab Anfang April verliert er das dichte Winterfell, gleichzeitig bildet sich das lichte Sommerfell. Dieses wird ab Ende April an den Unterschenkeln sichtbar und hat bis Ende Juni die Beine, den Bauch und die Flanken erfasst. Der Fellwechsel setzt sich fort über das Gesicht zum Rücken bis zur Schwanzspitze, die im späten August erreicht wird. Erst im September ist das Sommerfell vollständig. Bereits im Oktober bildet sich dann wieder von den Beinen über Schwanz, Rücken und Gesicht das Winterfell.
Spuren
Folgende Gangarten treten beim Rotfuchs auf:
Trab: Die Abdrücke der Hinterpfoten befinden sich schräg versetzt vor denen der etwa gleich großen Vorderpfoten, dabei ist die Körperhaltung leicht schräg zur Fortbewegungsrichtung.
Schneller Trab („Schnüren“): der Fuchs setzt die Pfoten so, dass die linke Hinterpfote in den Abdruck der rechten Vorderpfote tritt und umgekehrt. Damit ergibt sich eine Spur, bei der die Abdrücke wie an einer Schnur mit einem Abstand von etwa 30 cm angeordnet sind.
Flucht: mit verschiedenen Trittbildern und wechselnden Schrittlängen.
Der einzelne Abdruck mit Hauptballen, vier Zehenballen und Krallen ähnelt dem eines kleinen Hundes und unterscheidet sich in folgender Merkmalskombination:
der Abdruck vom Fuchs ist länglicher und ovaler, er kann im Winter durch stärkere Behaarung rundlich aussehen,
die Trittballen der beiden vorderen Zehen sind vorgeschoben, ihre Hinterränder liegen etwa auf einer Linie (oder etwas darüber) mit den Vorderrändern der Außenzehenballen (beim Hund schneidet die Linie meistens),
der Hauptballen (hinten) ist eher rund, beim Hund eher herzförmig,
der Zwischenraum zwischen Zehen- und Hauptballen ist relativ groß, da der Hauptballen weiter hinten liegt als beim Hund.
Der Abdruck einer (Haus-)Katze ist im Vergleich etwas kleiner, rundlicher und weist meist keine Krallenabdrücke auf.
Besetzte Fuchsbaue sind an herumliegenden Beuteresten zu erkennen, dem blanken Sandboden und den Fußspuren. Der typische Fuchsgeruch wird in der Literatur oft als „durchdringlicher Raubtiergeruch“ oder ähnlich beschrieben, das Empfinden von Gerüchen ist stark vom Beobachter abhängig. Der Geruch am Bau kann von Harnmarkierungen am Eingang verursacht sein und bedeutet daher nicht zwangsläufig, dass sich gerade ein Fuchs im Bau befindet.
Stimme
Füchse verfügen über eine Reihe unterschiedlicher Laute:
Drei- bis fünfsilbiges Bellen (heiserer als Hunde) „wow-wow-wow“ mit Betonung der letzten Silbe ist vor allem von Dezember bis Februar zu hören („Ranzbellen“) und dient vermutlich dem Kontakthalten über größere Distanzen;
langgezogenes, einsilbiges Schreien oder „Jammern“ („waaah“), oft in der Paarungszeit, kann von beiden Geschlechtern gebracht werden, vermutlich besonders von den Fähen zum Anlocken der Rüden;
trillerartiger Laut (ähnlich einem Hühnerglucken) oder Winseln (vor allem des untergeordneten Tiers), das sich bis zum Kreischen steigern kann, bei der Begrüßung von Alttieren untereinander;
Keckern (tonlos „k-k-k-k“) bei aggressiven Auseinandersetzungen, bei Welpen im Spiel und bei Fähen, die einem werbenden Rüden antworten;
leises, raues Geräusch ähnlich einem Pusten bei der Begrüßung von Jungtieren durch Alttiere;
Alarmbellen der Alttiere, um die Jungen zu warnen: im Nahbereich ein gedämpftes Husten, bei größerer Distanz Übergang zu scharfem Bellen.
Urin
Der Urin des Rotfuchses wird als Markierungsflüssigkeit zur territorialen Abgrenzung benutzt und enthält mit Methyl-(3-methylbut-3-enyl)-sulfid und 2-Phenylethylmethylsulfid organische Schwefelverbindungen.
Verbreitung und Lebensraum
Verbreitungsgebiet
Von allen wildlebenden Raubtieren haben Rotfüchse das größte geographische Verbreitungsgebiet: Sie können sowohl nördlich des Polarkreises als auch in fast tropischen Gebieten leben. In Nordamerika kommen sie von den Aleuten bis Neufundland vor – mit Ausnahme von Arizona, Süd-Florida und einem Streifen von Alberta bis Mexiko. Rotfüchse besiedeln Eurasien von Irland bis zum Beringmeer. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Rotfüchse aus England zur traditionellen Fuchsjagd in Australien eingeführt. Die dort heimischen langsamen Beuteltiere waren an die Neubesiedler nicht angepasst und wurden leichte Beute. Seither ist ganz Australien bis auf das Northern Territory und die nördlichen Teile von Queensland von Füchsen besiedelt. 1893 wurden die ersten Kopfgelder ausgesetzt. Neuseeland ist fuchsfrei. In Tasmanien laufen aus Artenschutzgründen Maßnahmen zur Ausrottung der Füchse.
Lebensraum, Streifgebietsgröße
Der Nahrungsopportunist Rotfuchs stellt an seinen Lebensraum keine besonderen Anforderungen. Wälder, Grasland, Äcker und in jüngerer Zeit zunehmend auch Siedlungsgebiete sind unterschiedlich geeignete Lebensräume für die Rotfüchse.
Die ersten Stadtfüchse wurden in den 1930er Jahren in Londoner Vororten bekannt. Als Ursache wird ein damals neuer Baustil vermutet, bei dem sich ländlich geprägte Gebiete zu locker bebautem Siedlungsraum mit hohem Grünflächenanteil verwandelten. In vielen nördlichen englischen Städten wurden Stadtfüchse bis in die 1980er Jahre nicht beobachtet. Ab den 1980er Jahren traten vermehrt Berichte von Fuchsbeobachtungen in Großstädten auf dem europäischen Festland auf (z. B. Berlin, Oslo, Paris, Zürich), die zunächst nur als Einzelfälle gewertet wurden. Seit etwa 1990 sind Stadtfuchspopulationen auch aus Australien, Japan und Nordamerika bekannt. Für den Großraum Berlin wurden anhand von 2010 bis 2015 erhobenen Daten zwei genetisch unterschiedliche Populationen nachgewiesen, die sich weitgehend mit den Gebieten des städtischen Ballungsraums und des angrenzenden ländlichen Raums deckten.
Die Stadt bietet für Füchse mehrere Angebote:
Bereiche ohne menschliche Störung (nachts: Friedhöfe, Parks)
Kleinräumige Strukturen
Reiches Nahrungsangebot: Komposthaufen, Essensreste, Früchte, Insekten, Mäuse, Ratten, Kaninchen
Sichere Rückzugsplätze (Schuppen, Holzstapel, Bewuchs entlang von Eisenbahntrassen)
Großflächige Fuchsjagd ist kaum durchführbar.
In Abhängigkeit von der Ressourcenausstattung der Lebensräume ergeben sich erhebliche Unterschiede in der Raumnutzung und damit auch der Streifgebietsgröße. Während in nahrungsarmen Gebieten Skandinaviens Streifgebiete von bis zu 3000 ha feststellbar waren, blieben Reviere in den Offenlandschaften Europas mit Größen zwischen 200 und 700 ha deutlich kleiner. In städtisch geprägten Habitaten wurden die kleinsten Streifgebiete nachgewiesen. In der Regel besitzen Füchse hier Streifgebiete von unter 50 ha, wobei auch Tiere bekannt wurden, die auf wenigen Hektar lebten. Typische Dichten für Stadtfüchse sind 2 bis 12 ausgewachsene Füchse pro 100 Hektar. In Bristol erreichte die Siedlungsdichte vor einem Räudeausbruch einen Spitzenwert von 37 Füchsen je Quadratkilometer. Aus englischen Städten liegen aktuell hohe Siedlungsdichteangaben vor (z. B. Bournemouth mit 23, London mit 18 und Brighton mit 16 Füchsen pro 100 Hektar). In ländlich geprägten Räumen ist die Siedlungsdichte mit nur 0,2 bis 2,7 Füchse pro 100 Hektar dagegen geringer. Weitere Beispiele für Aktionsraumgrößen und Siedlungsdichten:
Im Nationalpark Bayerischer Wald mit hohem Waldanteil wurden Streifgebietsgrößen von durchschnittlich 430 ha ermittelt, wobei die Rüden größere Streifgebiete hatten als die Fähen.
In einem landwirtschaftlich genutzten Untersuchungsgebiet nordöstlich von Berlin betrug die Streifgebietsgröße durchschnittlich 185 ha.
Eine Studie im Schweizer Jura ermittelte Streifgebietsgrößen von 116 bis 353 ha. In der Zürcher Stadtfuchspopulation wurden Streifgebiete von 29 bis 31 ha ermittelt, wobei die intensiv genutzten Bereiche oft nur wenige Hektar betrugen. Das kleinste Streifgebiet war acht Hektar groß.
Im Berliner Stadtteil Neukölln wurde die Fuchsdichte auf 1–2 Fuchsfamilien pro Quadratkilometer geschätzt (Bezugsdaten 2007 bis 2009). Als Grund für diese relativ niedrige Dichte wurden u. a. Parasiten wie Räude und Krankheiten wie Staupe angesehen.
Neben der Ressourcenausstattung spielt auch die Dichte eine große Rolle bei der Streifgebietsgröße, wie an der Stadtfuchspopulation in Bristol vor und nach dem Ausbruch der Räude nachgewiesen wurde. Vor Räudeausbruch im Jahr 1990 betrug die Streifgebietsgröße durchschnittlich 29 ha, nach dem Räudeausbruch im Jahr 1999 dagegen durchschnittlich 169 ha.
Untersuchungen englischer Forscher aus dem Jahr 2020 zeigen, dass Rotfüchse in und um London morphologische Veränderungen zeigen. Sie weisen Unterschiede in Schädelmerkmalen wie verkürzte Schnauzen auf. Solche Veränderungen im Rahmen der Domestizierung wurden mehrfach für verschiedene Arten beschrieben, etwa der Entwicklung der Haushunde – den ersten domestizierten Tieren.
Lebensweise
Fortpflanzung und Entwicklung
Der Rotfuchs wird mit etwa 10 Monaten geschlechtsreif. Füchse paaren sich einmal im Jahr in der Paarungszeit (Ranz). Der Rüde ist von Dezember bis März befruchtungsfähig, die Fähe nur für zwei bis drei Tage im Januar / Februar. In dieser Zeit folgt der dominante Rüde einer Gruppe (siehe Kapitel Sozialstruktur) über einen längeren Zeitraum einer auserwählten Fähe, um ihr Abwehrverhalten genau zu diesem Zeitpunkt überwinden zu können, allerdings unternehmen manche Rüden in dieser Zeit auch Wanderungen in benachbarte Territorien, um sich dort mit Fähen zu paaren.
Wie bei vielen Hundeartigen (z. B. auch beim Wolf) kann die Paarung durch das „Hängen“ abgeschlossen werden (dies ist nicht immer der Fall), wobei der angeschwollene Penis des Männchens noch bis zu einer Stunde in der Vagina des Weibchens gehalten wird. In dieser Zeit bleibt das Paar – in entgegengesetzte Richtungen blickend – fest verbunden. Die Funktion des Hängens wird im Sinne der Vaterschaftssicherung diskutiert.
Bei einer hohen, an der Grenze der Tragfähigkeit des Lebensraums liegenden Populationsdichte und stabilen äußeren Bedingungen (z. B. in Nationalparks) ist die Reproduktionsrate gering. Hohe Mortalität (z. B. durch Seuchenzüge oder Jagd) führt zu einem hohen Anteil von an der Fortpflanzung teilnehmenden Fähen und höherer Jungenzahl pro Wurf.
Füchse und Hunde lassen sich aufgrund verschiedener Chromosomenzahlen (Rotfuchs: 34 bis 38, Haushund: 78 Chromosomen) nicht kreuzen, obwohl beide zur Familie der Hundeartigen gehören.
Bauanlage
Erdbaue von Füchsen weisen neben der Hauptröhre und dem sog. „Kessel“, dem Hauptraum des Baus, mehrere Fluchtröhren auf. Die beim Graben anfallende Erde wird zwischen den Beinen nach hinten befördert, so dass sich am Eingang ein Erdhaufen bildet. Füchse können auch Baue von Dachsen übernehmen. Wenn der Bau groß genug ist, kommt es vor, dass neben dem Fuchs auch weitere Tierarten die Bauanlage gleichzeitig nutzen (siehe Kapitel Beziehungen zu anderen Arten).
Füchse nehmen auch einfache Behausungen unter Gartenhäusern, Baumstümpfen oder Felsspalten für die Jungenaufzucht an. Bei einer Untersuchung im Berliner Stadtteil Neukölln waren Erdbaue mit 32,1 % vertreten. Den größten Anteil nahmen Gebäude, Schuppen und Garagen mit 34,0 % ein, weitere Baustandorte waren z. B. Sandhaufen, Komposte und Holzstöße.
Jungenaufzucht
Nach einer Tragzeit von etwas über 50 Tagen gebiert die Fähe durchschnittlich vier bis sechs Junge. Die 80 bis 100 Gramm schweren, dunkel und kurz behaarten Fuchswelpen werden mit geschlossenen Augen geboren, die sie im Alter von ca. zwei Wochen öffnen. Mit drei Wochen bekommt der Pelz am Kopf einen braunen Schimmer und der übrige Körper eine fahle Farbe. Die Zähne, v. a. die Eckzähne, brechen durch. Die Jungen beginnen, die Röhren des Baues und schließlich auch den Bereich außerhalb des Baues zu erkunden. Mit Beginn der vierten Woche bringen die Eltern erste feste Nahrung. Für die Welpen beginnt damit die Zeit der Entwöhnung vom Gesäuge.
In den ersten Wochen nach der Geburt verlässt die Fähe selten den Bau. Insbesondere in dieser Zeit versorgt der Rüde die Fähe mit Nahrung. Zwar kann die Fähe die Welpen auch allein aufziehen, die Betreuung durch beide Elterntiere (oder weitere Gruppenmitglieder, siehe im Kapitel Sozialstruktur) erhöht jedoch Überlebenschancen der Welpen. Das teilweise beobachtete Vorherrschen der Aufzucht durch Fähen kann daran liegen, dass bei Treibjagden im Winter mehr Rüden geschossen werden als Fähen, sowie am Auftreten von Polygamie.
Lebenserwartung
Füchse können in Gefangenschaft bis zu 14 Jahre alt werden. Die meisten Füchse sterben, bevor sie ein Jahr alt werden; häufig sind 95 % der Tiere einer Population nicht älter als vier Jahre. Vor allem im Herbst und im Winter kann es aufgrund von Wanderung (erhöhte Zahl von Wildunfällen) und saisonal starker Bejagung zu einer erhöhten Mortalität bei Jungfüchsen kommen.
In Bristol betrug das Durchschnittsalter der Population vor einem großen Räude-Ausbruch 18 Monate, in London während einer Zeit starker Bejagung 14 Monate. In ländlichen Regionen Englands waren bis zu 80 % der getöteten Tiere jünger als ein Jahr. Von 1.169 in Berlin von 2007 bis 2009 tot aufgefundenen oder geschossenen Füchsen waren 51 % einjährig, das durchschnittliche Lebensalter betrug 18 Monate und der älteste Fuchs war elf Jahre alt. Die bisher jüngste Population wurde in Iowa dokumentiert, als sieben Jahre lang doppelte Prämien für Fuchsfelle gezahlt wurden: 84 Prozent der erlegten Füchse waren jünger als ein Jahr.
Soziale Stellung und Alter hängen zusammen: Dominante Stadtfüchse in Bristol waren mit durchschnittlich 4,5 Jahren älter als rangniedrige Tiere mit durchschnittlich 2,1 Jahren.
Sozialstruktur
Füchse galten bis in die 1970er Jahre als Einzelgänger, die in Territorien leben und diese gegen Artgenossen verteidigen. Ende der 1970er Jahre zeigten englische Studien bei Oxford, dass Füchse dort in Familiengruppen lebten und ein ausgeprägtes Sozialleben zeigten. Ähnliches ist inzwischen aus weiteren Gebieten bekannt geworden.
Füchse leben in Familiengruppen und führen ein komplexes Sozialleben, dessen Details bisher nicht vollständig geklärt sind. Grundlage jeder Gruppe ist ein Rüde und eine Fähe. Wo die Mortalität gering ist, kann das Paar lebenslang zusammenbleiben, wo die Mortalität hoch ist, findet häufigerer Wechsel statt. Neben dem reproduzierenden Paar können eine oder mehrere rangniedrige Individuen zur Gruppe gehören. In Jahren mit günstigem Nahrungsangebot können auch die rangniedrigen Fähen Junge bekommen. Rangniedrige Individuen sind oft Nachkommen des Paares aus dem Vorjahr, die nicht abgewandert sind, oder ehemalige ranghohe Individuen. Sie helfen der reproduzierenden Fähe bei der Jungenaufzucht.
Bei genetischen Untersuchungen an Stadtfüchsen in Bristol wurden pro Gruppe ein bis drei Würfe nachgewiesen. Rüden wie Fähen paarten sich innerhalb einer Gruppe auch mit mehr als einem Partner mit der Folge, dass ein Wurf verschiedene Väter haben konnte. Innerhalb einer Gruppe paarten sich dominante Fähen nicht mit rangniedrigen Rüden, während dominante Rüden sich mit rangniedrigen Fähen paarten. Dominante und rangniedrige Fähen trugen auch Welpen von dominanten und rangniedrigen Rüden von anderen Gruppen. Bei geringer Siedlungsdichte wurden keine Würfe mit mehreren Vätern nachgewiesen, und die Zahl der Würfe, deren Vater aus einer anderen Gruppe stammte, nahm ab.
Die Anzahl der rangniedrigen Gruppenmitglieder ist variabel (bis 10 Individuen bei Stadtfüchsen in Bristol), einige Gruppen bestehen nur aus dem reproduzierenden Paar. Gruppen, die neben dem Paar auch noch rangniedrige Mitglieder enthalten, bilden sich bei stabilen Umweltbedingungen (z. B. geringe Mortalität) und hohem Nahrungsangebot. Beides ist oft bei Stadtfüchsen der Fall. Das Geschlechterverhältnis war bei Stadtfuchsgruppen in Bristol bei hoher Siedlungsdichte ausgeglichen, bei geringer Siedlungsdichte zugunsten der Fähen verschoben.
Neben Familiengruppen können einzelne Rüden auch ohne festen Aktionsraum umherziehen und dabei weite Strecken zurücklegen oder Teile des Aktionsraumes einer Familiengruppe teilen, aber Kontakt mit den Gruppenmitgliedern vermeiden.
Die Fuchsgruppen nutzen einen gemeinsamen Raum, der meist als gegenüber fremden Gruppenmitgliedern verteidigtes Territorium interpretiert wird. Große Aktionsräume (siehe Kapitel Streifgebietsgröße) lassen sich jedoch nicht mit derselben Intensität gegen andere Füchse verteidigen wie kleine. Insgesamt nimmt mit zunehmendem Aktionsraum die Überlappung der Aktionsräume zu.
Neben Studien aus englischen Städten sind Familiengruppen auch aus ländlichen Gebieten wie dem Schweizer Jura beschrieben. Eine Untersuchung im Bereich des Feldberges in Baden-Württemberg ergab andererseits trotz stabiler äußerer Bedingungen keine Hinweise auf das Vorhandensein von sozialen Gruppen, von gegenseitigem Meideverhalten oder von Territorialität: Die sieben erwachsenen, gleichzeitig telemetrierten Füchse verhielten sich ortstreu, die Streifgebiete überlappten sich. Das Ausmaß der Überlappung variierte von geringfügigen Überschneidungen bis zu fast identischen Streifgebieten. Fälle von häufigeren Begegnungen konnten mit der gemeinsamen Nutzung bestimmter Bereiche erklärt werden. Die Interpretation der Raumnutzung bei anderen Untersuchungen als Territorialverhalten wird vor dem Hintergrund diskutiert, dass dort Territorialität angenommen wurde, wenn die Überlappung von Streifgebieten gering war (bzw. dass diejenigen Füchse, deren Streifgebiete weite Überlappungen aufweisen, als Gruppe ein Territorium besetzen). Dabei sei aber zu beachten, dass Füchse bei der Wahl ihrer Wohngebiete auch von der Verteilung wichtiger Ressourcen wie Nahrungsquellen beeinflusst werden. Die Verteilung der Streifgebiete spiegele dann die Gegebenheiten des Lebensraumes wider. Hieraus folge zwangsläufig weder, dass Tiere, deren Streifgebiete sich in bestimmten Bereichen eines Gebietes konzentrieren, ein gemeinsames Territorium verteidigen, noch dass sich diese Individuen zu sozialen Gruppen zusammenschließen. Teilweise beobachtete aggressive Verhaltensweisen zwischen Füchsen könnten auch auf deren unmittelbare Nähe und/oder auf Rangordnungsauseinandersetzungen zurückzuführen sein und müssten nicht notwendigerweise ein Zeichen von Territorialität sein.
Während der Nahrungssuche sind Füchse meist als Einzelgänger unterwegs. Untersuchungen bei Stadtfüchsen in Bristol ergaben innerhalb von Familiengruppen häufig kurze Kontakte, längere Kontakte wurden zum Spielen oder zur gegenseitigen Fellpflege genutzt. Ein Fuchs traf sich mit jedem anderen Familiengruppenmitglied durchschnittlich eineinhalb bis zwei Mal in 24 Stunden, im Winter erhöhte sich die Trefferrate auf bis zu drei Mal pro Nacht. Die meisten dieser Treffen verliefen freundschaftlich. Bei einer Untersuchung im Nationalpark Bayerischer Wald wurden dagegen nur wenige Kontakte festgestellt. Die beobachteten Füchse mieden auch auf den besten Nahrungsstandorten offensichtlich den Kontakt zueinander. Gleichzeitige Nutzung wurde selten und nur im Herbst bei Auftreten kurzzeitig geklumpter Nahrungsvorkommen wie Fallobst beobachtet.
Nach Untersuchungen an Stadtfüchsen in Bristol wandern mehr Rüden als Fähen vom elterlichen Territorium ab. Auch erwachsene Individuen können abwandern. Ob ein Individuum abwandert oder nicht, hängt von mehreren Faktoren ab. Je größer die Gruppe und je größer der Wurf, aus dem das Individuum stammt und je geringer der soziale Status (ausgedrückt z. B. über die Anzahl positiver Sozialkontakte wie gegenseitige Fellpflege), desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Individuum abwandert. Die Verwandtschaft zum dominanten Rüden hatte bei Bristoler Stadtfüchsen keinen Einfluss, wohl aber die zur dominanten Fähe: Rüden mit dominanten Müttern wanderten häufiger ab als Rüden mit rangniedrigen Müttern, während abwandernde Fähen häufiger rangniedrige Mütter hatten.
Nahrung
Der Rotfuchs ist ein anspruchsloser Allesfresser. Er stellt seine Ernährung bei Bestandsschwankungen der Beutetiere kurzfristig um und nimmt generell mit dem vorlieb, was leicht zu erbeuten ist und einen hohen Energiegehalt bietet (opportunistische Ernährung). Die Nahrungszusammensetzung ist somit lokal und saisonal unterschiedlich. Wichtige Beutetiere sind Feldmäuse und zumindest regional (etwa in der Camargue oder in einigen Regionen Englands) Kaninchen. Regenwürmer werden insbesondere auf frischen Grünlandböden erbeutet. Aufgrund ihres Fett- und Proteingehaltes stellen sie eine energiereiche Nahrung dar. Bei Feldhase und Reh ist der Fuchs im Regelfall nicht in der Lage, gesunde Alttiere zu ergreifen, kann aber Jungtiere oder geschwächte Alttiere erbeuten. Haushühner, Hausgänse und Hausenten werden vor allem in der Jungenaufzuchtszeit erbeutet, da die Fuchsfamilie in dieser Zeit einen hohen Nahrungsbedarf hat.
Früchte spielen im Sommer eine wichtige Rolle, wobei süße Sorten wie Kirschen, Zwetschgen und Mirabellen bevorzugt werden. An der Westküste Mittelitaliens bilden Wacholderbeeren das ganze Jahr über die Hauptnahrung der dort lebenden Füchse. Füchse können neben anderen Säugetieren für die Verbreitung von Pflanzenfrüchten von Bedeutung sein. In Spanien sind Füchse für die Verbreitung der Früchte des Ziziphus lotus, eines Kreuzdorngewächses maßgeblich.
Auch Aas kann eine wichtige Rolle in der Ernährung von Füchsen spielen.
Bei Stadtfüchsen machen natürliche Futterquellen wie Nager nur einen geringen Anteil aus, stattdessen dominieren kultivierte Früchte, Küchenabfälle (inklusive Kompost und Fleischresten) sowie für Katzen oder Vögel angebotenes Futter.
Füchse können auch Futter verstecken. Hierzu wird in lockerem Boden ein etwa 10 cm tiefes Loch gegraben, die Nahrung hineingelegt und anschließend das Loch mit Erde und Laub wieder der Umgebung angeglichen. Das Versteck wird später mit dem Geruchssinn wiedergefunden.
Beziehungen zu anderen Arten
Obwohl Wölfe selten Füchse fressen und meist auch nicht jagen, töten sie sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit. So meiden Füchse die Aufenthaltsbereiche von Wölfen in Italien. In Alaska sind auch friedlichere Beziehungen zum Wolf bekannt geworden: Dort gab es keine Anzeichen darauf, dass Wölfe Füchse behelligen. Die Füchse nutzten die von den Wölfen übriggelassenen Beutereste, während Wölfe Fuchsbaue für die Jungenaufzucht vergrößerten. Allerdings warnen Füchse, sobald sich Wölfe in der Nähe von Bauen mit Welpen zeigen.
Luchse können Füchse erbeuten. Untersuchungen aus Schweden und Spanien geben Hinweise, dass (zumindest hohe) Luchsbestände möglicherweise den Fuchsbestand limitieren können.
Rotfüchse sind in der Lage, ausgewachsene Rehe zu töten, wenn hohe Schneelagen Rehe in ihrer Fortbewegung behindern. Sie schlagen jedoch gewöhnlich nur Jungtiere, die nicht älter als zwei Monate sind. Untersuchungen in verschiedenen Ländern und zu verschiedenen Zeitpunkten haben den Einfluss des Rotfuchses auf die Rehpopulation belegt: Für das Berner Mittelland wird geschätzt, dass ein Fuchs in den Monaten von Mai bis Juli durchschnittlich elf Kitze schlägt. In Skandinavien, wo in den späten 1970er und den 1980er Jahren Räude zu einem drastischen Rückgang der Rotfuchspopulation führte, stieg die durchschnittliche Zahl der Kitze, die eine Ricke im Herbst führt, um 30 Prozent. Der durchschnittliche Rehbestand nahm um 64 Prozent zu. Auf der norwegischen Insel Jöa töteten Rotfüchse fast die Hälfte der Kitze in ihren ersten Monaten. Auf der unweit von Jöa liegenden Insel Storfosna, wo keine Füchse vorkommen, starben dagegen 18 Prozent der Neugeborenen. Auf Jöa fielen außerdem deutlich mehr Kitze, die in Wiesen Deckung suchten, dem Fuchs zum Opfer. Es wird für möglich gehalten, dass Rotfüchse aus dem Verhalten der Ricken schließen können, wo die Kitze Deckung gesucht haben.
Dachs und Fuchs können zusammen in einem Bau ihre Jungen erfolgreich aufziehen. Teilweise kann es aber auch dazu kommen, dass die Jungtiere der jeweils anderen Art getötet werden. Werden die Jungfüchse älter und lebhafter, fühlen sich die meisten Dachse offenbar gestört und verlassen den Bau. Dies hat nichts mit dem Eigengeruch der Füchse zu tun. Bei Untersuchungen an einer Futterstelle und an von Dachsen (aber nicht gleichzeitig von Füchsen) bewohnten Bauen waren die meisten Begegnungen zwischen Dachs und Fuchs nicht aggressiv. Bei aggressiven Begegnungen dominierte der Dachs mit kurzen Angriffen auf den Fuchs ohne Körperkontakt. Bei den Futterstellen vertrieben die Dachse die Füchse häufiger als an den Bauen. Ansonsten ignorierten sich beide Arten. Hinweise deuten darauf hin, dass Füchse manchmal die Gesellschaft von Dachsen suchen, was möglicherweise mit der Erwartung von Nahrung zusammenhängt.
Auch mit weiteren Arten wie Iltis, Wildkaninchen oder Brandgans ist eine gemeinsame Baunutzung möglich. Der Fuchs hält dann in der näheren Umgebung seines Baues einen „Burgfrieden“, d. h., er lässt potenzielle Beutetiere dort unbehelligt.
Baum- und Steinmarder meiden Rotfüchse. Füchse können beide Arten erbeuten. Baummarder können jedoch auch Jungfüchse erbeuten. Nach Ausbruch der Räude in den 1980er Jahren in Schweden sank der Fuchsbestand, während gleichzeitig der des Baummarders stieg. Es wird vermutet, dass der Fuchs über Prädation den Baummarderbestand beeinflussen kann. Ein negativer Einfluss auf Baummarder durch Prädation wird auch für Norwegen vermutet, umgekehrt gab es bei einer Untersuchung in Finnland keine Hinweise auf einen bestandsbeeinflussenden Effekt des Fuchses auf den Baummarder.
Bei Untersuchungen in Mecklenburg-Vorpommern konnten bei günstiger Ressourcenausstattung aufgrund unterschiedlicher Habitatnutzung keine negativen Einflüsse von Marderhund und Waschbär auf den Fuchsbestand festgestellt werden.
In der Stadt begegnen sich Füchse und Hauskatzen häufig, beachten sich in den meisten Fällen aber kaum. Bei Konflikten flieht meist der Fuchs. Nur in seltenen Fällen kommt es zum Kampf, und nur in außergewöhnlichen Situationen versuchen Füchse meist wenige Wochen alte Jungkatzen oder durch Krankheit oder Unfall geschwächte Katzen zu erbeuten. Beobachtet wurden auch gemeinsames Spielen und gemeinsames Zusammensitzen ebenso wie gegenseitige Vertreibungen. Das Jagdverhalten des Fuchses ist ähnlich dem einer Katze, was sich im langsamen Anschleichen und dem Mäusesprung zeigt. Außerdem klettern Füchse besser als andere Hundeartige. Füchse und Katzen gehören zoologisch zwar verschiedenen Familien an, haben aber aufgrund der gemeinsamen Spezialisierung auf kleine Nagetiere als Beutetiere im Laufe der Evolution eine konvergente Entwicklung durchlaufen.
Für Steinadler und Seeadler gehört der Rotfuchs nicht zu den Hauptbeutetieren, beide Arten können jedoch auch ausgewachsene Füchse schlagen. Uhus können Jungfüchse erbeuten, Altfüchse gehören dagegen nicht mehr zum Nahrungsspektrum.
Parasiten und Krankheiten
In europäischen Füchsen wurden 55 Wurmarten mit regional unterschiedlichen Schwerpunkten nachgewiesen. Weit verbreitet ist ein Befall mit Bandwürmern, insbesondere mit dem Fuchsbandwurm.
Daneben treten Fadenwürmer auf, insbesondere Trichinen, für die der Fuchs ein Reservoirwirt ist. Nach neueren Untersuchungen sind in Deutschland ca. 20 % der Füchse Träger von Trichinella spiralis, welche sie auf Wildschweine und seltener auch auf Hausschweine übertragen. Beim Verzehr gehen die Trichinen auf den Menschen über, wo sie die meldepflichtige Trichinellose hervorrufen. Obwohl aufgrund der gesetzlichen Trichinenuntersuchung in Deutschland die Anzahl der Trichinenerkrankungen bei Menschen (von 2016 bis 2019 nur 10 gemeldete Fälle) sowie die Trichinennachweise bei Schweinen stark zurückgegangenen sind (von 2000 bis 2009 nur 92 positiv getestete Wildschweine von 3,4 Millionen untersuchten und 4 Hausschweine von 453 Millionen) gilt die Trichinenbeschau aufgrund des Erregerreservoirs in der Fuchspopulation nach wie vor als unverzichtbar.
Des Weiteren treten Ektoparasiten auf, darunter Flöhe (vor allem der Hundefloh), Zecken (vor allem die Fuchszecke) und Milben. Letztere können die Räude hervorrufen. Zu den Virusinfektionen zählen die Fuchsencephalitis, Staupe und Tollwut, zu den bakteriellen Infektionen beispielsweise die Leptospirose.
In einer Berliner Population stellten neben dem Straßenverkehrstod die Staupe und die Räude (früher auch die Tollwut) wesentliche Verlustursachen dar und wirkten bestandslimitierend. In Bristol reduzierte ein Räudeausbruch die dortige Fuchspopulation um 95 % innerhalb von zwei Jahren.
Systematik
Die wissenschaftliche Erstbeschreibung des Rotfuchses stammt aus der zehnten Auflage der Systema Naturae von Carl von Linné aus dem Jahr 1758.
Der Rotfuchs gehört zur Gattung Vulpes. In einer aktuellen Systematik der Hunde, die auf molekulargenetischen Untersuchungen gründete, wurde die Gattung Vulpes als Schwestertaxon dem Marderhund (Nyctereutes procyonoides) gegenübergestellt. Verglichen wurden dabei 15 Kilobasen an Exon- und Intron-Sequenzen. Als Schwesterart dieser beiden Gattungen wurde der Löffelhund (Otocyon megalotis) identifiziert. Gemeinsam wurden diese drei Gattungen als Rotfuchs-Klade zusammengefasst. Diese entspricht Teilen der ursprünglich als Echte Füchse (Vulpini) zusammengefassten Gruppe, bei der jedoch der Marderhund nicht enthalten war und die zusätzlich die Graufüchse (Urocyon) enthielt, die nun als basale Schwestergruppe aller Hunde betrachtet werden.
Zur Gliederung der Gattung Vulpes siehe die Grafik rechts. Neben der Nominatform Vulpes vulpes vulpes werden zahlreiche weitere Unterarten unterschieden:
Vulpes vulpes vulpes, Nordeuropa (Skandinavien)
Vulpes vulpes abietorum, Südwest-Kanada (Alberta und British Columbia)
Vulpes vulpes alascensis, Ägypten, Israel, Libyen
Vulpes vulpes alpherakyi, Alaska und Nordwest-Kanada (Nordwest-Territorien und Yukon)
Vulpes vulpes alphaerakyi, Kasachstan
Vulpes vulpes anatolica, Türkei
Vulpes vulpes arabica, Arabische Halbinsel
Vulpes vulpes atlantica, Algerien (Atlasgebirge)
Vulpes vulpes bangsi, Nordost-Kanada (Labrador-Halbinsel)
Vulpes vulpes barbara, Nordwestafrika (Barbarenküste)
Vulpes vulpes beringiana, Nordost-Sibirien
Vulpes vulpes cascadensis, nordwestliche USA (Kaskadengebirge, Oregon und Washington)
Vulpes vulpes caucasica, Kaukasus
Vulpes vulpes crucigera, Europa bis Nord- und Zentralrussland
Vulpes vulpes daurica, Sibirien, Amurregion
Vulpes vulpes deletrix, Neufundland
Vulpes vulpes dolichocrania, Ussuriregion
Vulpes vulpes flavescens, nördlicher Iran
Vulpes vulpes fulvus, Osten der USA
Vulpes vulpes griffithi, Afghanistan und nördliches Pakistan
Vulpes vulpes harrimani, Alaska
Vulpes vulpes hoole, südliches China (Fujian und Sichuan)
Vulpes vulpes ichnusae, Korsika und Sardinien
Vulpes vulpes induta, Zypern
Vulpes vulpes jakutensis, Sibirien (südlich von Jakutsk)
Vulpes vulpes japonica, Japan
Vulpes vulpes karagan, Mongolei, Kasachstan und Kirgisistan
Vulpes vulpes kenaiensis, Kenai-Halbinsel
Vulpes vulpes kurdistanica, nordöstliche Türkei und Armenien
Vulpes vulpes macroura, USA (Mountain States)
Vulpes vulpes montana, Himalaya
Vulpes vulpes necator, Kalifornien und Nevada
Vulpes vulpes ochroxantha, Siebenstromland
Vulpes vulpes palaestina, Jordanien und Libanon
Vulpes vulpes peculiosa, Korea
Vulpes vulpes pusilla, Nordwestindien bis Irak
Vulpes vulpes regalis, nördliche Great Plains
Vulpes vulpes rubricosa, Osten Kanadas
Vulpes vulpes schrenckii, Hokkaido und Sachalin
Vulpes vulpes silacea, Iberische Halbinsel
Vulpes vulpes splendidissima, Kurilen
Vulpes vulpes stepensis, Steppen im Süden von Russland
Vulpes vulpes tobolica, Sibirien, unteres Einzugsgebiet des Ob.
Vulpes vulpes tschiliensis, Nordostchina
Nutzung, Bejagung, Artenschutz
Nutzung des Rotfuchses
Archäologen haben auf der Orkneyinsel vor der Nordküste Schottlands Hinweise auf die Zucht von Füchsen in der späten Eisenzeit entdeckt. Nach dem Überfall der Wikinger auf Schottland um 800 soll die Zucht eingestellt worden sein.
Rotfuchsfelle werden noch für Bekleidungszwecke genutzt, wobei die Nachfrage stark von der jeweiligen Mode und der Akzeptanz von Pelzen abhängt. In Pelztierfarmen werden vor allem seltene Farbschläge wie Silberfüchse und Kreuzfüchse gezüchtet.
Fuchsleber wurde in der Volksmedizin als Brechmittel eingesetzt. Bis in das Mittelalter wurde sie auch als Tuberkulosemittel verwendet.
Nach LMEV ist die Einfuhr von Fuchsfleisch aus Drittländern in die Bundesrepublik verboten.
Bejagung
Die Fuchsjagd wird in vielen Staaten legal betrieben.
In Deutschland werden pro Jahr einige Hunderttausend Rotfüchse erlegt. In der Schweiz werden jährlich einige Zehntausend Abschüsse von Rotfüchsen verzeichnet. Ihre Felle werden in beiden Ländern mehrheitlich nicht weiterverarbeitet und der Entsorgung zugeführt, wobei es einzelne Initiativen gibt, die das ändern wollen.
In der Bundesrepublik wurde Ende der 1960er Jahre zur Tollwut-Bekämpfung eine Baubegasung aller erreichbaren Fuchsbaue durchgeführt, bevor sie aus Tierschutzgründen eingestellt wurde. Die Füchse im Bau sollten dabei getötet werden, es fielen aber auch zahlreiche Dachse der Begasung zum Opfer. Seit der ab 1987 erfolgten Immunisierung der Füchse durch Impfbeköderung gingen die Tollwutfälle erheblich zurück. Seit 2008 gilt die terrestrische Tollwut in Deutschland als offiziell ausgerottet.
Umstritten ist die Fuchsjagd in Großbritannien, wo vor allem die Art ihrer Durchführung zu Auseinandersetzungen zwischen Tierschützern und Jägern führte. Seit Februar 2005 ist die Parforcejagd zu Pferde mit Hundemeuten in ganz Großbritannien offiziell verboten, was die Diskussion um die Fuchsjagd als solche jedoch nicht beendet hat.
In Luxemburg ist die Fuchsjagd seit 2015 verboten. Nach Aussage der dortigen Umweltministerin gab es keine Zunahme der Fuchspopulation, der Fuchsbandwurm sei auf 20 Prozent zurückgegangen und der Fuchs störe nachgewiesenermaßen auch nicht die Biodiversität des Landes Luxemburg. Das Jagdverbot ist 2020 verlängert worden.
Artenschutz
Der Rotfuchs wird in der Roten Liste gefährdeter Arten der International Union for Conservation of Nature and Natural Resources (IUCN) aufgrund des großen Verbreitungsgebietes und der hohen Bestände als nicht gefährdet gelistet (Least Concern).
Zur Verhinderung von Vogelschlag an Flughäfen gibt es Überlegungen, Füchse gezielt mit Kunstbauen zu fördern oder dort nicht zu bejagen.
Für die Bestandsabnahmen von Bodenbrütern wie Kiebitz, Uferschnepfe oder Auerhuhn wird seit einigen Jahren neben der Lebensraumverschlechterung als Hauptursache (vor allem durch intensive Landwirtschaft) auch die Prädation durch den Rotfuchs angegeben. Dies führte zur Forderung und Durchführung eines Prädatorenmanagements als Artenschutzstrategie, das bei ganzjähriger und intensiver Bejagung auch die gewünschten Erfolge zeigen kann. Als eine mögliche Ursache für die zeitweise hohe Nachstellung durch den Fuchs werden auch die Bestandszyklen von Wühlmausarten diskutiert.
Teilweise wurde jedoch auch kein stark negativer Einfluss des Fuchses auf Bodenbrüter gefunden. Die Durchführung eines Prädatorenmanagements muss nicht immer zu einer Erhöhung der Überlebensrate der Zielarten führen. Bei geringerer Fuchsdichte können Marderartige den Anteil des Fuchses an der hohen Prädationsrate ersetzen. Die Wirksamkeit vom aktiven (Tötung des Prädators) oder passiven (Veränderungen von Habitatstrukturen) Prädatorenmanagement als Naturschutzmaßnahme ist umstritten und erfordert eine intensive Vorbereitung und Einzelfallbeurteilung.
Vor allem im englischsprachigen Raum wird seit etwa 15 Jahren das Thema Tierethik auch bei Wildtieren verstärkt diskutiert, insbesondere im Themenbereich Bestandskontrolle von (hochentwickelten) Wirbeltieren, auch speziell bei Füchsen, und hat zu lokalen Initiativen für den Rotfuchs geführt.
Kulturelle Bedeutung
Religion
In der Bibel wird der Fuchs als Symbol für Wildnis oder auch für verwüstete, daher von ihm bewohnte Landschaften (, , ) genannt, als Schädling , aber auch als Symbol für List und Bosheit . Jesus gebraucht den Fuchs, der immerhin einen Bau hat, als Gegenbild zu seiner eigenen Heimatlosigkeit (, ). Eine Sonderstellung hat der Fuchs im Buch der Richter , wo erzählt wird, wie Simson Füchse zur Zerstörung gegnerischer Felder gebraucht.
In der christlichen Ikonografie dient der Fuchs zur Vermenschlichung und Personifikation der Sünde.
Literatur
Die Bezeichnung „Reineke“ basiert auf einem lateinischen Gedicht aus dem Jahr 1150 mit dem Titel Ysegrimus, in dem der Fuchs als „Reinardus“ auftritt. Im Jahr 1175 schrieb Pierre de Saint Cloud den Roman de Renard. Diese als eine Parodie auf den höfischen Lebensstil gedachte Geschichte stellt den Fuchs in einer Doppelrolle als Schurken und Helden dar (Details siehe Reineke Fuchs). Im weiteren Mittelalter breiteten sich Geschichten mit „Reineke“ rasch aus. Dabei wird der Fuchs als falsch, rachsüchtig, widerspenstig, schlau und einzelgängerisch dargestellt. Bekannt ist vor allem Goethes Version von Reineke Fuchs aus dem Jahr 1793. Der weibliche Fuchs trägt in der Fabel den Namen Ermelyn.
In einigen Regionen des deutschsprachigen Raumes kommt dem Rotfuchs als Osterfuchs eine positive Rolle zu: Dort übernimmt er im österlichen Brauchtum wie der Osterhase die Aufgabe des Eierbringens.
Auch in Japan spielt der Rotfuchs eine Rolle in Mythologie und Fabel (siehe Kitsune). In China galt er nicht nur als Symbol für Schlauheit und List, sondern auch für erotische Verführung und Dämonie. Zahlreich sind insbesondere die Erzählungen, in denen sich Männer mit einem Fuchsgeist in Gestalt einer schönen Frau einlassen und dabei ihr Verderben finden.
Bis ins 20. Jahrhundert dominiert eine negative Darstellung von Füchsen in Märchen und Kinderbüchern: z. B. in Grimms Märchen als listige Figur (KHM 57, 72, 74, 132, 191) oder als Überlisteter (KHM 8, 38, 45, 75, 86), in der Geschichte von Nils Holgersson oder im Kinderlied Fuchs, du hast die Gans gestohlen.
Kulturgeschichte
Fuchsknochen als Grabbeigaben aus der Zeit um 14.500 v. Chr. – also wohl etwa gleichzeitig mit der Domestizierung des Hundes in einigen Regionen der Welt und kurz vor dem Vorkommen von gemeinsamen Bestattungen von Mensch und Hund im Natufien des Nahen Ostens – finden sich in Grab 1 der Fundstelle von ʾUyyun al-Hamman (Wadi Ziqlab, Jordanien), die in den geometrischen Abschnitt des Kebarien datiert. Möglicherweise weist der Fund auf (wegen der Scheuheit des Tieres wohl vergebliche) Domestizierungsversuche des Fuchses hin. Das Grab enthielt zwei Bestattungen, die zu verschiedenen Zeiten beerdigt worden waren. Unter dem Brustkorb von Bestattung B, einem Erwachsenen, lag ein vollständiger Fuchsschädel und ein Oberarm (v. Vulpes vulpes). In Grab VIII lag dagegen ein fast vollständiges Fuchsskelett, dem Schädel und Humerus fehlten. Die Knochen gehören vermutlich zu demselben Tier. In der Natufien-Siedlung Kfar HaHoresh (Israel) lagen Teile von Fuchsskeletten in Kinderbestattungen. Füchse wurden zu dieser Zeit jedoch auch gegessen, wie Funde aus den Karmel-Höhlen beweisen.
Auf dem Pfeiler 2 der Anlage A von Göbekli Tepe (PPNA) ist unter anderem ein Fuchs dargestellt.
Literatur
Zoologie
Alexander Wandeler, Peter Lüps: Vulpes vulpes (Linnaeus, 1758) – Rotfuchs. In: Michael Stubbe, Franz Krapp (Hrsg.): Handbuch der Säugetiere Europas. Band 5: Raubsäuger – Carnivora (Fissipedia). Teil I: Canidae, Ursidae, Procyonidae, Mustelidae 1. Aula-Verlag, Wiesbaden 1993, S. 139–193.
Felix Labhardt: Der Rotfuchs. Naturgeschichte, Ökologie und Verhalten dieses erstaunlichen Jagdwildes. Paul Parey Verlag, Hamburg 1990, ISBN 3-490-33812-X.
David MacDonald: Unter Füchsen – Eine Verhaltensstudie. Knesebeck-Verlag, München 1993, ISBN 3-926901-63-2.
Maria Schnaitl, Sylvia Stürzer: Rotfuchs (Vulpes vulpes) und Dachs (Meles meles) im Nationalpark Bayerischer Wald. Raumnutzungsverhalten und Habitatwahl in einem geschlossenen Waldgebiet. (= Nationalpark Bayerischer Wald. Heft 18). 2009, ISBN 978-3-930977-32-1, S. 104–105.
Stadtfüchse
Sandra Gloor, Fabio Bontadina, Daniel Hegglin: Stadtfüchse – Ein Wildtier erobert den Siedlungsraum. Haupt-Verlag, Bern 2006, ISBN 978-3-258-07030-8.
Stephen Harris, Phil Baker: Urban Foxes. Whittet Books, Suffolk 2001.
Trevor Williams, Andrew Wilson: Unearthing the urban fox. The Fox Project, Tonbridge 2000.
Erzählkultur
Rudolf Schenda: Fuchs. In: Das ABC der Tiere. Märchen, Mythen und Geschichten. C. H. Beck Verlag, München 1995, S. 105–111.
Hans-Jörg Uther: Fuchs. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 5. Berlin 1987, S. 447–478.
Fabel vom Löwenanteil
Bildbände
Rebecca L. Grambo: The World of the Fox. Sierra Club Books, San Francisco 1995.
Günther Schumann: Wilde Füchse ganz vertraut. Neumann – Neudamm, Melsungen 2007.
Hartmann Jenal: Meine Füchse. Gollensteinverlag 2009.
Lutz Artmann: Der Fuchs in der Stadt. Oertel + Spörer Verlag, Reutlingen 2016, ISBN 978-3-88627-874-9.
Bilder- und Kinderbücher
Toshiko Kanzawa: Moschiri die Füchsin. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 1993.
Irina Korschunow: Der Findefuchs. Wie der kleine Fuchs eine Mutter bekam. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 2001. (Bilder von R. Michl)
Desirée Jenal: Fredy der kleine Fuchs und seine Freunde. Eigenverlag, Saarlouis 2009.
Cherie Mason: Wild Fox – A True Story. Down East Books, Maine 1993.
Claudia Schnieper; Felix Labhardt: Dem Fuchs auf der Spur. Kinderbuchverlag, Luzern 1988.
Weblinks
spurenjagd.de: Rotfuchs – Tierspuren-Enzyklopädie
Einzelnachweise
Hunde
Raubwild
Haarwild
Wikipedia:Artikel mit Video
Fuchs als Thema
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